Book: Die Tunis Aff



Die Tunis Aff

Die Tunis Aff


Charles Cumming



Die

Tunis Affäre


Thriller

Aus dem Englischen von

Walter Ahlers

Die Tunis Aff







Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»A Foreign Country«

bei HarperCollins, HarperCollinsPublishers, London


1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung April 2014

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Charles Cumming

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Allan Baxter / getty images; FinePic®, München

Redaktion: Martina Klüver

AB · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-11853-2

www.goldmann-verlag.de

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Die Tunis Aff
Die Tunis Aff
Die Tunis Aff
Die Tunis Aff
Die Tunis Aff


Das Buch



Seit Tagen fehlt von Amelia Levene jede Spur. Ihr Verschwinden löst hinter den Kulissen des britischen Auslandsgeheimdienstes die größte Krise der jüngsten Vergangenheit aus. Denn in wenigen Wochen sollte Amelia ihre Stelle als erste weibliche Chefin des MI6 antreten. Für Thomas Kell jedoch wird der Fall zur Chance. Der wegen Fehlverhaltens entlassene Agent wird von seinen einstigen Vorgesetzten mit der Suche nach Amelia beauftragt. Sie führt Kell von Paris nach Tunis, wo er einem Geheimnis aus Amelias Vergangenheit auf die Spur kommt, das Großbritanniens Sicherheit akut gefährdet und für ihn selbst zur tödlichen Bedrohung wird. Und nicht nur für ihn. Mit einer Handvoll »freischaffender« Experten versucht er, seine Gegner auszuschalten und Amelia vor einer Katastrophe zu bewahren …


Weitere Informationen zu Charles Cumming sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Der Autor


Die Tunis Aff


Charles Cumming wurde 1971 in Schottland geboren. Er studierte in Eton und an der University of Edinburgh und schloss sein Studium der Englischen Literatur mit »First Class Honours« ab. 1995 wurde Charles Cumming vom MI6, dem britischen Auslandsgeheimdienst, kontaktiert. Es kam zwar nicht zu einer Zusammenarbeit, doch seine Erfahrungen inspirierten ihn zu seinem Debüt »A Spy by Nature«. Es folgten weitere Romane, und schon bald wurde Cumming von Lesern wie Presse in einem Atemzug mit Ian Fleming und John le Carré genannt. »Die Tunis Affäre« wurde als bester Thriller des Jahres mit dem Steel Dagger ausgezeichnet und zum Scottish Crime Book of the Year gewählt.

Charles Cumming ist außerdem Gründer und Präsident der José Raúl Capablanca Memorial Chess Society.


Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter www.charlescumming.co.uk



Von Charles Cumming außerdem bei Goldmann lieferbar:

Die Trinity Verschwörung (

Die Tunis Aff
auch als E-Book erhältlich)



Die Tunis Aff








Für Carolyn Hanbury


»Es gibt nur eine Sache, die Sie wissen müssen, bevor Sie den Job übernehmen … Wenn Sie Ihre Sache gut machen, wird man es Ihnen nicht danken, und wenn Sie in Schwierigkeiten kommen, wird Ihnen niemand helfen.

Sind Sie damit einverstanden?«

»Absolut.«

»Dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag.«

W. Somerset Maugham, Ashenden

»Die Vergangenheit ist ein fremdes Land: Dort geht es völlig anders zu.«

L. P. Hartley, The Go-Between





TUNESIEN, 1978

1

Der Ruf des Muezzins und seine weinenden Kinder holten Jean-Marc Daumal aus dem Schlaf. Es war kurz nach sieben an einem schwülen tunesischen Morgen. Einen Moment lang, während sich seine Augen an das Sonnenlicht gewöhnten, war ihm das Elend seiner Lage noch nicht bewusst, dann traf ihn die Erinnerung wie plötzliche Atemnot. Er hätte beinahe aufgeschrien vor Verzweiflung, starrte hinauf an die rissige, weißgetünchte Decke – ein verheirateter Mann von einundvierzig Jahren, dem man das Herz gebrochen hatte.

Seit sechs Tagen war Amelia Weldon fort. Gegangen ohne Vorwarnung, ohne Not, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Sie hatte sich abends noch um seine Kinder gekümmert – ihnen das Essen gemacht, die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen – und sich danach in Luft aufgelöst. Am frühen Samstagmorgen hatte Jean-Marcs Frau Celine das Zimmer des Au-pair-Mädchens leer vorgefunden, Amelias Koffer standen nicht mehr im Schrank, ihre Fotos und Poster waren von den Wänden genommen worden. Der Familiensafe im Wirtschaftsraum war verschlossen, aber Amelias Reisepass und die Halskette, die sie dort verwahrt hatte, lagen nicht mehr drin. Am Port de la Goulette wusste niemand von einer zwanzigjährigen Britin, die an Bord einer Fähre nach Europa gegangen war, und der Name »Amelia Weldon« stand auch auf keiner der Passagierlisten der Flugzeuge, die von Tunis abgeflogen waren. In keinem Hotel, keiner Pension war ein Gast unter diesem Namen registriert, und von den jugendlich frischen Studenten und Ausländern, mit denen sie verkehrt hatte, wusste anscheinend auch keiner, wo sie sich aufhielt. Jean-Marc hatte sich in der britischen Botschaft als besorgter Arbeitgeber ausgegeben und nachgefragt, ein Telex an die Pariser Agentur geschickt, die ihm Amelia vermittelt hatte, und ihren Bruder in Oxford angerufen. Niemand, so schien es, konnte das Rätsel ihres Verschwindens lösen. Jean-Marc blieb als einziger Trost die Tatsache, dass in keinem Hinterhof in Tunis oder Karthago ihre Leiche gefunden worden war und sie nicht mit einer schweren Krankheit, die sie ihm womöglich für immer genommen hätte, in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. Was nichts daran änderte, dass er sich mutterseelenallein fühlte. Die Frau, die ihn in den Genuss der köstlichen Qualen der Liebe hatte kommen lassen, war so vollständig verschwunden wie ein Echo in der Nacht.

Die Kinder hörten nicht auf zu weinen. Jean-Marc schlug das weiße Laken zurück, setzte sich im Bett auf und massierte sich eine schmerzende Stelle im Kreuz. Er hörte Celines Stimme: »Zum letzten Mal, Thibaud, keine Comics, bevor du dein Frühstück aufgegessen hast«, und musste sich zusammennehmen, um nicht wütend aus dem Bett zu springen, in die Küche zu stürmen und seinem Sohn den Hintern unter dem dünnen Stoff seines Asterix-Pyjamas zu versohlen. Stattdessen trank Daumal einen Schluck aus dem halbleeren Wasserglas auf seinem Nachttisch, zog die Vorhänge zurück, trat hinaus auf den Balkon in der ersten Etage und blickte hinaus über die Dächer von La Marsa. Ein Tanker, zwei Tagesreisen vor Suez, fuhr von Westen nach Osten über den Horizont. Hatte Amelia das Land vielleicht auf einer Jacht verlassen? Draußen in Hammamet hatte Guttmann so ein Schiff liegen, ein reicher amerikanischer Jude mit Kontakten und Privilegien, dem Verbindungen zum Mossad nachgesagt wurden. Daumal war nicht entgangen, mit was für Blicken der Kerl Amelia angesehen hatte; ein Mann, der alles im Leben haben konnte, hatte ein Auge auf Amelia geworfen. Aber hatte Guttmann sie ihm weggenommen? Außer der Furcht, Hörner aufgesetzt zu bekommen, sprach nichts für solch einen Verdacht. Dumpf von viel zu wenig Schlaf ließ Daumal sich auf einem Plastikstuhl auf dem Balkon nieder. Aus dem Nachbargarten wehte der Duft nach frisch gebackenem Brot zu ihm herauf. Zwei Meter entfernt, nahe am Fenster, lag ein halbvolles Päckchen Mars Légère; er zündete sich mit ruhiger Hand eine an, der erste Lungenzug löste einen Hustenanfall aus.

Schritte im Schlafzimmer. Die Kinder hatten aufgehört zu weinen. Celine erschien an der Balkontür und sagte in einem Tonfall, der sein Herz noch fester vor ihr verschloss: »Du bist wach?« Seine Frau gab ihm die Schuld an dem, was geschehen war. Aber die Wahrheit kannte sie nicht, sonst hätte sie ihn womöglich noch getröstet. Schließlich war ihr eigener Vater während seiner Ehe mit Dutzenden von Frauen ins Bett gestiegen. Warum hatte Celine Amelia nicht einfach rausgeworfen? Das hätte ihm immerhin diesen Schmerz erspart. Als hätte sie Amelia nur im Haus behalten, um ihn zu quälen.

»Wie du siehst«, erwiderte er, doch Celine war längst weg, hatte sich ins Badezimmer eingeschlossen, schrubbte sich wie jeden Morgen unter der kalten Dusche ihren vom Gebären verformten Körper, den er inzwischen abstoßend fand. Jean-Marc drückte seine Zigarette aus, ging zurück ins Schlafzimmer, fand seinen Morgenmantel achtlos auf den Boden geworfen und ging nach unten in die Küche.

Fatima, eines der beiden Hausmädchen, dem Domizil der Daumals von ihren französischen Arbeitgebern als eine Art Auslandszulage zur Verfügung gestellt, zog gerade ihre Schürze an. Jean-Marc behandelte sie wie Luft. Er nahm die Espressokanne vom Herd, um sich einen Milchkaffee zu machen. Im Nebenzimmer gackerten Thibaud und Lola, doch er mochte sie jetzt nicht sehen. Stattdessen setzte er sich, nachdem er die Tür geschlossen hatte, in sein Arbeitszimmer, nippte am Kaffeebecher. Jedes Zimmer, jeder Geruch hier drinnen, jeder Winkel der Villa erinnerte ihn an Amelia. Im Arbeitszimmer hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Und unter den Oleandersträuchern am Ende des Gartens, die er jetzt durch das Fenster sehen konnte, hatten sie sich zum ersten Mal geliebt, mitten in der Nacht, während Celine ahnungslos in tiefem Schlaf lag. Später hatte Jean-Marc haarsträubende Risiken in Kauf genommen, sich nachts um zwei oder drei aus seinem Schlafzimmer geschlichen, um bei Amelia sein, sie in die Arme nehmen, sie verschlingen, berühren, ihren Körper streicheln zu können, von dem er so berauscht war, dass die Erinnerung daran ihn jetzt noch zum Lächeln brachte. Immer wenn er sich bei solchen Gedanken erwischte, wusste er, was für ein romantischer, wehleidiger Vollidiot er doch war. Wie oft war er kurz davor gewesen, Celine die Affäre in allen Einzelheiten zu beichten: ihr von den Hotelzimmern zu erzählen, die er und Amelia in Tunis gemietet hatten, den fünf gemeinsam verbrachten Apriltagen in Sfax, während seine Frau mit den Kindern in Beaune war. Jean-Marc wusste, hatte immer gewusst, dass es ihm Spaß machte, Celine zu betrügen; es war eine Art Rache für das lange Schweigen, die viele Langeweile in ihrer Ehe. Die Lügen hielten ihn wach. Amelia hatte das verstanden. Vielleicht hatte der ihnen gemeinsame Hang zur Täuschung sie zusammengehalten. Er war manches Mal verblüfft über ihre Fähigkeit gewesen, ihr Treiben zu vertuschen, ihre Spuren so geschickt zu verwischen, dass Celine nicht einmal ein Verdacht gekommen war. Und dann diese skrupellosen Lügen beim Frühstück – »Aber ja, danke, Madame, ich habe sehr gut geschlafen« –, gepaart mit einer ostentativen Gleichgültigkeit Jean-Marc gegenüber, wann immer Celine in der Nähe war. Es war Amelias Idee gewesen, die Hotelzimmer bar zu bezahlen, damit auf seinen Bankauszügen keine verdächtigen Transaktionen erschienen. Amelia hatte kein Parfüm mehr aufgelegt, damit er den Duft nach Hermès Calèche nicht mit ins Ehebett trug. Jean-Marc zweifelte nicht, dass diese Heimlichkeiten ihr einen Riesenspaß gemacht hatten.

Das Telefon klingelte. Das war ungewöhnlich für die frühe Stunde. Jean-Marc, überzeugt, dass Amelia ihn zu erreichen versuchte, meldete sich in verzweifelter Hoffnung: »Oui?«

Eine Frau antwortete mit amerikanischem Akzent: »John Mark?«

Guttmanns Frau. Ostküsten-Geldadel, der Vater Senator, ein Familienvermögen, dem noch der Geruch der Mayflower anhaftete.

»Joan?«

»Ja. Störe ich?«

Es war nicht der Augenblick, sich über ihre unbekümmerte Art zu ärgern, dass sämtliche Gespräche auf Englisch stattzufinden hatten. Weder Joan noch ihr Ehemann hatten sich je bemüßigt gefühlt, sich auch nur die Grundbegriffe des Französischen anzueignen.

»Nein, durchaus nicht. Ich wollte gerade zur Arbeit aufbrechen.« Er vermutete, dass Joan sich mit seiner Frau zu einem Tag am Strand mit den Kindern verabreden wollte. »Sie wollen Celine sprechen?«

Eine Pause. Etwas von der gewohnten Lebhaftigkeit war aus Joans Stimme gewichen. Ihr Ton war jetzt sachlich, beinahe ominös.

»Nein, Jean Mark, eigentlich wollte ich mit Ihnen sprechen.«

»Mit mir

»Wegen Amelia.«

Joan wusste Bescheid. Sie hatte Wind von der Affäre bekommen. Würde sie ihn verraten?

»Was ist mit ihr?« Sein Ton war jetzt feindselig.

»Sie hat mich gebeten, Ihnen etwas auszurichten.«

»Sie haben mit ihr gesprochen

Es war fast so, als hätte er von einem tot geglaubten Verwandten erfahren, dass er am Leben und wohlauf war. Jetzt wusste er, dass sie zu ihm zurückkommen würde.

»Ja«, antwortete Joan. »Sie macht sich Sorgen um Sie.«

Daumal wollte sich auf diese Worte stürzen wie ein Hund auf einen Rindsknochen, aber er durfte sich nicht verraten.

»Ja, sicher, Celine und die Kinder sind auch in großer Sorge. Eben war Amelia noch hier bei ihnen, und plötzlich nicht mehr …«

»Nein. Nicht Celine. Nicht die Kinder. Um Sie macht sie sich Sorgen.«

Plötzlich fühlte er sich jeglicher Hoffnung beraubt, als hätte ein Windstoß die Tür zugeschlagen.

»Um mich? Das verstehe ich nicht.«

Die nächste vorsichtige Pause. Joan und Amelia standen sich nahe. Während Guttmann sie mit Charme und Geld betört hatte, war Joan ihr eine ältere Schwester gewesen, ein Vorbild an Eleganz und Kultiviertheit, dem Amelia eines Tages vielleicht nacheifern würde.

»Doch, John Mark, Sie verstehen mich ganz genau.«

Das Spiel war aus. Die Affäre war aufgeflogen. Alle Welt wusste, dass Jean-Marc Daumal sich rettungslos in ein zwanzigjähriges Au-pair-Mädchen verliebt und zur Lachnummer gemacht hatte.

»Ich wollte Sie erwischen, bevor Sie zur Arbeit gehen. Um Ihnen zu versichern, dass niemand von der Sache weiß. Ich habe nicht mit Paul gesprochen, und ich werde auch Celine nichts davon sagen.«

»Ich danke Ihnen«, antwortete Jean-Marc mit leiser Stimme.

»Amelia hat Tunesien verlassen. Letzte Nacht, genau gesagt. Sie geht eine Zeitlang auf Reisen und hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, wie leid es ihr tut, dass alles so gekommen ist. Es war nie ihre Absicht, Ihnen oder Ihrer Familie wehzutun. Und dass sie Sie sehr, sehr gern hat, soll ich Ihnen auch noch sagen. Aber es ist ihr eben alles zu viel geworden, verstehen Sie? Ihre Gefühle waren sehr durcheinander. Verstehen Sie, was ich sagen will, John Mark?«

»Ja, das verstehe ich.«

»Sagen Sie Celine doch einfach, Amelia hätte Sie vom Flughafen aus angerufen. Und sagen Sie Ihren Kindern, dass sie nicht mehr wiederkommen wird.«

»Das werde ich tun.«

»Ich glaube, so ist es am besten, meinen Sie nicht auch? Sie sollten versuchen, Amelia zu vergessen.«





HEUTE

2

Philippe und Jeannine Malot, wohnhaft in Paris, Rue Pelleport 79, hatten ihren Traumurlaub in Ägypten über ein Jahr lang geplant. Philippe, kürzlich in den Ruhestand getreten, hatte eine Reisekasse von dreitausend Euro abgezweigt und eine Fluglinie gefunden, die sie – wenn auch am frühen Morgen um kurz nach sechs – für weniger Geld nach Kairo und zurück brachte, als ein Taxifahrer für die Hin-und Rückfahrt zum Flughafen Charles de Gaulle verlangte. Sie hatten sich aus dem Internet die günstigsten Hotels in Kairo und Luxor herausgesucht und sich obendrein noch einen Seniorenrabatt in einer Luxusherberge in Scharm El-Scheich sichern können, wo sie die letzten fünf Tage der Reise verbringen wollten.

An einem schwülen Sommernachmittag trafen die Malots in Kairo ein, und kaum hatten sie die Hotelzimmertür hinter sich zugezogen, schliefen sie miteinander. Erst dann machte Jeannine sich ans Auspacken, während Philippe im Bett blieb und Machfus’ Echnaton weiterlas, einen Roman, der ihn nicht einmal sonderlich berührte. Nach einem kurzen Spaziergang durch das Viertel aßen sie in einem der drei Restaurants des Hotels zu Abend und schliefen kurz vor Mitternacht beim gedämpften Kairoer Verkehrslärm ein.

Es folgten drei vergnügliche, wenngleich anstrengende Tage. Trotz ihrer leichten Magenbeschwerden schaffte es Jeannine, fünf Stunden lang mit offenen Augen durch das Ägyptische Museum zu gehen, und fühlte sich angesichts der Schätze des Tutanchamun »von Ehrfurcht ergriffen«. Am zweiten Tag ihrer Reise nahmen die Malots gleich nach dem Frühstück ein Taxi und wunderten sich – wie die meisten Besucher –, dass die Pyramiden gleich hinter der Stadtgrenze in die Höhe ragten, nur wenige hundert Meter entfernt von einer unscheinbaren Wohnsiedlung. Verfolgt von Souvenirverkäufern und unqualifizierten Touristenführern absolvierten sie die Runde durch das Areal in zwei Stunden und baten einen deutschen Touristen mit kahl rasiertem Schädel, sie vor der Sphinx zu fotografieren. Jeannine wollte unbedingt in die Cheops-Pyramide, aber sie musste allein hinein, weil Philippe unter leichter Klaustrophobie litt und von einem Kollegen gewarnt worden war, das Innere der Pyramide sei überfüllt und stickig heiß. In der Euphorie des Gefühls, endlich etwas gesehen zu haben, das sie seit der Kindheit faszinierte, zahlte Jeannine einem Ägypter den Gegenwert von fünfzehn Euro für einen kurzen Ritt auf einem Kamel, das die ganze Zeit über grunzte und stark nach Diesel roch. Beim Mittagessen am folgenden Tag löschte sie das Foto ihres Mannes auf dem Kamel versehentlich bei dem Versuch, die Aufnahmen auf der Digitalkamera zu ordnen.

Auf Empfehlung eines französischen Lifestyle-Magazins waren sie mit dem Nachtzug nach Luxor gefahren und hatten im Winter Palace ein Zimmer genommen, wenn auch im Pavillon, einem Vier-Sterne-Anbau an das originale Kolonialhotel. Ein rühriges Tourismusunternehmen bot Eselsritte zum Tal der Könige an, zu dem man um sechs Uhr morgens von Luxor aus aufbrach. Die Malots hatten sich rechtzeitig einen Platz gesichert und wurden kurz nach sechs Zeugen eines dramatischen Sonnenaufgangs über dem Tempel der Hatschepsut. Anschließend verbrachten sie nach übereinstimmender Einschätzung den schönsten Tag ihres Urlaubs mit Abstechern zu den Tempeln in Dendera und Abydos. An ihrem letzten Nachmittag in Luxor ließen sich Philippe und Jeannine mit dem Taxi zum Tempel von Karnak bringen und blieben bis zum Abend, um sich die berühmte Ton-und Lichtshow anzusehen, bei der Philippe schon nach zehn Minuten sanft entschlummerte.

Dienstag trafen sie in Scharm El-Scheich auf der Halbinsel Sinai ein. Ihr Hotel verfügte über drei Swimmingpools, einen Friseursalon, zwei Cocktailbars, neun Tennisplätze und ausreichend Sicherheitspersonal, um eine Armee islamistischer Fanatiker abzuschrecken. Am ersten Abend wollten die Malots einen kurzen Spaziergang am Strand machen. Obwohl ihr Hotel ausgebucht war, waren im Mondlicht keine anderen Touristen zu sehen, als sie von der betonierten Promenade, die um das Hotelgelände herumführte, auf den noch warmen Sand traten.

Später ermittelte man, dass sie von mindestens drei mit Metallstangen und Messern bewaffneten Männern angegriffen worden waren. Jeannines Halskette war abgerissen, die Perlen über den Sand verstreut worden, den goldenen Ehering hatten sie ihr von der Hand gezogen. Philippe hatte man eine Drahtschlinge um den Hals gelegt und ihn mit einem Ruck nach hinten gezogen, während ein zweiter Angreifer ihm die Kehle durchgeschnitten und mehrfach in Brust und Beine gestochen hatte. Er war innerhalb weniger Minuten verblutet. Jeannine war ein abgerissenes Stück Leintuch in den Mund gestopft worden, um ihre Schreie zu ersticken. Auch ihr war die Kehle durchgeschnitten worden, ihre Arme waren stark verschrammt, Unterleib und Hüften hatten die Täter mit Eisenstangen traktiert.

Ein junges kanadisches Ehepaar, das in einem benachbarten Hotel die Hochzeitsreise verlebte, hörte den Tumult und Madame Malots unterdrückte Schreie, aber was genau passierte, konnten sie im Licht des abnehmenden Mondes nicht erkennen. Als sie an den Tatort kamen, waren die Männer, die das ältere französische Ehepaar angegriffen und ermordet hatten, längst in der Nacht verschwunden und hatten ein Szenario des Schreckens zurückgelassen, das die ägyptischen Behörden umgehend als einen zufälligen, von Außenseitern begangenen Gewaltakt bezeichneten, der sich mit »hoher Wahrscheinlichkeit« nicht wiederholen würde.



3

Jemanden von der Straße zu holen sei nicht schwerer, als sich eine Zigarette anzuzünden, hatten sie ihm gesagt, und Akim Errachidi spürte, während er im Lieferwagen wartete, dass es ihm am nötigen Mut nicht fehlte.

Es war an einem Montagabend Ende Juli. Die Zielperson hatte einen Codenamen bekommen – HOLST –, und seit vierzehn Tagen wurde jeder seiner Schritte überwacht. Telefon, E-Mail, Schlafzimmer, Auto: Rund um die Uhr hatte das Überwachungsteam Informationen geliefert, die Akim an die verantwortlichen Leute weitergeben musste – sie arbeiteten gründlich und zielgerichtet, jede Einzelheit wurde ins Kalkül einbezogen. Er hatte es jetzt mit Profis zu tun, und den Unterschied konnte man merken.

Neben ihm auf dem Fahrersitz des Lieferwagens klopfte Slimane Nassah mit den Fingern den Takt eines R-&-B-Songs auf RFM und schilderte in plastischen Details, was er gerne mit Beyoncé Knowles anstellen würde.

»Was für ein Arsch, Mann. Herr, gib mir fünf Minuten mit diesem herrlichen Arsch.« Mit den Händen formte er die Konturen des ersehnten Körperteils und senkte es pantomimisch auf seinen Schoß herunter. Akim lachte.

»Stellt den Scheiß ab«, sagte der Chef, duckte sich hinter der Seitentür, bereit zum Sprung. Slimane schaltete das Radio aus. »HOLST in Sicht. Dreißig Sekunden.«

Alles lief wie vorhergesagt. Die dunkle Straße, eine beliebte Abkürzung, fast ganz Paris im Bett. Akim sah die Zielperson auf der anderen Straßenseite. Kurz vor einem Briefkasten schickte sie sich an, die Straße zu überqueren.

»Zehn Sekunden.« Der Chef in Höchstform. »Und nicht vergessen: Keinem wird ein Haar gekrümmt.«

Akim wusste, dass es darauf ankam, sich möglichst schnell, mit einem Minimum an Geräuschen zu bewegen. Im Kino sah man immer das Gegenteil: mit Adrenalin vollgepumpte Einsatzkommandos, die laut brüllend durch Wände brechen und Blendgranaten werfen, Sturmgewehre im Anschlag. Wir nicht, sagte der Chef. Wir machen es auf die leise, glatte Tour. Wir stoßen die Tür auf, überraschen HOLST von hinten, und niemand kriegt etwas mit.

»Fünf Sekunden.«

Über Funk hörte Akim die Stimme der Frau: »Luft ist rein.« In Sichtweite des Lieferwagens waren keine Passanten.

»Okay. Zugriff.«

Der Einsatz lief mit nahezu choreographischer Eleganz ab. Als HOLST an Akims Tür vorüberschlenderte, passierten drei Dinge gleichzeitig: Slimane startete den Motor, Akim glitt hinaus auf die Straße, der Chef zog die Seitentür des Lieferwagens auf. Nichts deutete darauf hin, dass die Zielperson wusste, was ihr geschah. Akim legte HOLST den linken Arm um den Hals, verschloss den offenen Mund mit der Hand und hob den Körper mit dem rechten Arm in den Lieferwagen. Der Chef besorgte den Rest, packte ihn an den Beinen und zog ihn hinein. Akim rutschte ihm nach, zog die Tür zu, wie sie es ein Dutzend Mal geprobt hatten. Sie stießen den Gefangenen auf den Boden. Der Chef sagte ruhig und gelassen wie ein Fahrkartenverkäufer hinter dem Schalter: »Abfahrt.« Slimane lenkte den Lieferwagen auf die Straße.

Die ganze Aktion hatte keine zwanzig Sekunden gedauert.

4

Thomas Kell erwachte in einem fremden Bett, in einem fremden Haus in einer Stadt, die ihm alles andere als fremd war. Es war kurz nach elf an einem Augustvormittag, dem achten Monat seit seinem erzwungenen Austritt aus dem MI6. Er war zweiundvierzig, lebte mit seiner ein Jahr älteren Frau in Scheidung und hatte einen Kater, der in Ausmaß und Intensität der Jackson-Pollock-Reproduktion an der Wand des Schlafzimmers, in dem er genächtigt hatte, durchaus vergleichbar war.

Aber wo zum Teufel war er? Kell hatte vage Erinnerungen an einen vierzigsten Geburtstag, ein überfülltes Taxi zu einer Bar in der Dean Street und an einen Nachtclub in Hackney – und danach war alles schwarz.

Er schlug die Daunendecke zur Seite. Er hatte in den Klamotten geschlafen. In einer Ecke des Zimmers stapelten sich Spielsachen und Magazine. Er kletterte aus dem Bett, hielt vergeblich Ausschau nach einem Glas Wasser und zog die Vorhänge auf. Sein Mund war ausgetrocknet, der Kopf gespannt wie eine Kompresse, als er versuchte, sich an das Tageslicht zu gewöhnen.

Der Morgen war grau, konturlos und feucht. Offenbar befand er sich im ersten Stock einer Doppelhaushälfte in einer ruhigen Wohnstraße in unbekannter Gegend. In der Auffahrt stand ein kleines rosa Fahrrad, das mit einem schwarzen Kabelschloss vom Durchmesser einer ausgewachsenen Python gesichert war. Ein Stück weiter oben in der Straße versuchte sich ein Führerscheinaspirant in einem Auto von »Jackie’s Fahrschule« an einem Wendemanöver. Kell schloss den Vorhang und lauschte auf Anzeichen von Leben im Haus. Langsam, wie bei einer halb erinnerten Anekdote, sammelten sich Bruchstücke des gestrigen Abends in seinem Bewusstsein. Er sah mit Absinth-und Tequilagläsern voll beladene Tabletts, Tänzer in einem niedrigen Kellerraum. Er hatte eine Gruppe tschechischer Auslandsstudenten kennengelernt und intensive Gespräche über Mad Men und Don Draper geführt. Kell meinte sich an einen Riesen namens Zoltan zu erinnern, mit dem er sich ein Taxi geteilt hatte. In seiner Jugend waren alkoholbedingte Blackouts keine Seltenheit gewesen, aber so etwas war ihm seit vielen Jahren nicht mehr passiert. Zwanzig Jahre in der Welt der Spione hatten ihn gelehrt, dass es von Vorteil sein kann, als Letzter auf den Beinen zu sein.

Kell sah sich nach seiner Hose um, als sein Handy klingelte. Eine unterdrückte Nummer.

»Tom?«

Durch den Nebel des Restalkohols klang die Stimme zuerst fremd. Dann erkannte er sie am Tonfall.

»Jimmy? Mann!«

Jimmy Marquand war ein früherer Kollege Kells, der es inzwischen zu einem der Hohepriester des MI6 gebracht hatte. Ihm hatte Kell bei seinem Abschied aus Vauxhall Cross an einem frischen Dezembermorgen vor acht Monaten als Letztem die Hand geschüttelt.

»Wir haben ein Problem.«

»Kein Smalltalk?«, fragte Kell. »Du willst gar nicht wissen, wie es mir so in meinem neuen Leben geht?«

»Etwas Ernstes, Tom. Ich bin fast einen Kilometer zu einer Telefonzelle in der Lambeth Road gelatscht, damit keiner mithören kann. Du musst mir helfen.«

»Persönlich oder beruflich?« Kell fand seine Hose unter einer Decke auf der Rückenlehne eines Sessels.

»Uns ist der Häuptling abhandengekommen.«

Das saß. Kell blieb stehen, stützte sich an der Wand ab, mit einem Schlag stocknüchtern und glasklar im Kopf.

»Was sagst du?«

»Verschwunden. Vor fünf Tagen. Niemand hat eine brauchbare Erklärung, wo sie steckt oder was ihr passiert sein könnte.«

»Sie?« Die Anti-Rimington-Fraktion innerhalb des MI6 wehrte sich seit Jahr und Tag mit Händen und Füßen gegen die leisesten Gedankenspiele über einen weiblichen Chef. Kaum vorstellbar, dass der Männerclub in Vauxhall Cross es zugelassen haben sollte, dass eine Frau den renommiertesten Posten im britischen Geheimdienst bekam. »Wie konnte das passieren?«

»Es gibt vieles, das du noch nicht weißt«, antwortete Marquand. »Vieles hat sich verändert. Hier am Telefon kann ich nicht darüber reden.«

Warum reden wir dann überhaupt, dachte Kell. Die wollen doch wohl nicht, dass ich zurückkomme, nach allem, was passiert ist? Sind Kabul und Yassin einfach unter den Teppich gekehrt worden? »Ich arbeite nicht unter George Truscott«, sagte er und ersparte es Marquand, ihm diese Frage zu stellen. »Solange Haynes das Ruder in der Hand hat, seht ihr mich nicht wieder.«

»Nur für diese Sache«, erwiderte Marquand.

»Für nichts in der Welt.«

Es war fast die Wahrheit. Dann hörte Kell sich sagen: »Ich finde langsam Gefallen am Däumchendrehen.« Eine glatte Lüge. Am anderen Ende der Leitung war ein Geräusch zu hören gewesen. Möglicherweise handelte es sich um das Verpuffen von Marquands Hoffnungen.

»Tom, es ist wichtig. Wir brauchen dich, jemanden, der alle Schliche kennt. Du bist der Einzige, zu dem wir Vertrauen haben können.«

Wen meinte er mit »wir«? Die Hohepriester? Die Männer, die ihn wegen Kabul rausgeworfen hatten? Die Männer, die ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, den öffentlichen Anklägern zum Fraß vorgeworfen hätten?

»Vertrauen?« erwiderte er, während er in den ersten Schuh schlüpfte.

»Vertrauen«, sagte Marquand. Es klang so, als meinte er es ernst.

Kell ging wieder zum Fenster, warf einen Blick auf das rosa Fahrrad und einen auf Jackies Fahrschüler, der sich durch die Gänge würgte. Was der Tag wohl noch so für ihn auf Lager hatte? Aspirin? Das Tagesprogramm in der Glotze? Bloody Marys im Greyhound Inn gegen den Nachdurst? Er drehte jetzt seit acht Monaten Däumchen, das war die Wahrheit seines neuen Lebens. Seit acht Monaten guckte er die Vormittagsfilme auf TCM und versoff seine Abfindung im Pub. Seit acht Monaten bemühte er sich, eine Ehe zu retten, die nicht mehr zu retten war.

»Es muss doch noch jemand anderen für den Job geben«, sagte er. Und hoffte dabei, dass es niemand anderen gab, dass sie ihn zurück ins Spiel holten.

»Der neue Chef ist nicht irgendwer«, sagte Marquand. »Amelia Levene hat das Rennen gemacht. In sechs Wochen soll sie den Laden übernehmen.« Marquand hatte sein Ass ausgespielt. Kell ließ sich auf das Bett sinken und kippte sacht nach vorne. Dass Amelia mit im Spiel war, änderte alles. »Darum kannst nur du es machen, Tom. Darum brauchen wir dich, um sie zu finden. Du weißt als Einziger, wie sie tickt.« Für den Fall, dass Kell doch noch schwankte, versüßte er die Pille: »Und mal ehrlich, genau darauf hast du doch gewartet, oder nicht? Auf die zweite Chance. Erledige die Sache, und die Akte Yassin wird geschlossen. Finde sie, und wir holen dich zurück aus der Kälte.«

5

Ein sudanesischer Taxifahrer ohne Lizenz brachte Kell in sein möbliertes Junggesellenzimmer. Auf dem Armaturenbrett seines schrottreifen Fiat Punto hatte er eine Packung Hustenpastillen und einen abgegriffenen Koran liegen. Als sie von dem Haus losfuhren – es gehörte tatsächlich einem geselligen, fitnesssüchtigen Polen namens Zoltan, mit dem sich Kell eine trunkene Taxifahrt von Hackney geteilt hatte –, erkannte er die heruntergekommenen Straßen wieder. Er war in Finsbury Park. Vor langer Zeit hatte er hier einmal gemeinsam mit den Leuten vom Inlandsgeheimdienst eine Operation durchgeführt. Er versuchte, sich Einzelheiten ins Gedächtnis zu holen: ein IRA-Mann, der Plan, ein Kaufhaus in die Luft zu jagen; der Verurteilte war später im Rahmen des Karfreitagsabkommens auf freien Fuß gekommen. Amelia Levene war damals Kells Vorgesetzte gewesen.

Ihr Verschwinden stellte zweifellos die größte Krise des MI6 seit dem Fiasko mit den Massenvernichtungswaffen dar. Führungsbeamte verschwanden nicht einfach so. Sie wurden nicht entführt, nicht ermordet, sie liefen nicht über. Und es fiel ihnen schon gar nicht ein, sechs Wochen vor der Übernahme des Direktorpostens von der Bildfläche zu verschwinden. Wenn die Medien Wind davon bekamen, dass Amelia nicht mehr da war – allein schon, wenn die Nachricht in Vauxhall Cross die Runde machte –, wäre die Sprengkraft unkalkulierbar.

Zu Hause stellte Kell sich unter die Dusche, würgte die Reste eines Take-away-Essens vom Libanesen hinunter und pflegte seinen Kater mit zwei Codeintabletten und einem halben Liter lauwarmer Coke. Eine Stunde später stand er zweihundert Meter vor der Serpentine Gallery unter einem Ahornbaum, und Jimmy Marquand kam energischen Schrittes auf ihn zu. Seinem Gesicht nach zu urteilen, war ihm gerade die Pension gestrichen worden. Er kam direkt aus Vauxhall Cross, in Anzug und Krawatte, es fehlte nur die Aktentasche, die er bei offiziellen Anlässen stets bei sich trug. Er war ein schlanker Mann, ein Wochenendradler mit langen Beinen, rund ums Jahr sonnengebräunt. Kell sagte sich, dass er jedes Recht hatte abzulehnen, was Marquand ihm anbot. Auch wenn er das nie tun würde. Wenn Amelia abhandengekommen war, dann konnte nur er sie wiederfinden.

Sie gaben sich kurz die Hand und gingen weiter in Richtung Kensington Palace.

»Und, wie lebt es sich als Privatmann?«, fragte Marquand. Mit Humor tat er sich schwer, erst recht in Krisenzeiten. »Bewegt? Gesittet?«

Kell fragte sich, warum er sich überhaupt die Mühe machte. »Von allem etwas.«

»Liest du die vielen Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert, die du dir vorgenommen hast?« Marquands Sätze klangen, als hätte sie ein Ghostwriter für ihn formuliert. »Arbeitest du im Garten? Schreibst du deine Memoiren?«

»Damit bin ich gerade fertig«, sagte Kell. »Du kommst nicht besonders gut weg.«

»Hab’s nicht besser verdient.« Anscheinend gingen Marquand die Sätze aus. Kell wusste, dass der joviale Ton nur eine Maske war, um das Entsetzen und die Panik beim MI6 über Amelias Verschwinden zu verbergen. Er half ihm aus der Klemme.

»Wie konnte das passieren, Jimmy?«

Marquand versuchte, die Frage zu umschiffen.

»Die Nachricht kam kurz nach deinem Ausscheiden«, sagte er. »Sie wollten einen Arabisten, sie wollten eine Frau. Sie hatte den Premierminister im Joint Intelligence Committee überzeugt. Wenn er dahinterkommt, dass sie uns verloren gegangen ist, haben wir ein Problem.«

»Das war nicht meine Frage.«

»Ich weiß.« Marquands Antwort war knapp, und er wich Kells Blick aus, als wäre es ihm peinlich, dass sich das Desaster unter seiner Ägide ereignet hatte. »Vor zwei Wochen hatte sie ein Briefing bei Haynes, das traditionelle Vieraugengespräch, bei dem der Staffelstab vom einen Chef an den nächsten übergeben wird, Geheimnisse ausgetauscht, Gerüchte weitergegeben werden, all die Dinge, von denen du und ich und die braven Menschen in unserem Land nichts wissen dürfen.«

»Zum Beispiel?«

»Keine Ahnung?«

»Nun sag schon. Wer JR erschossen hat? Ein fünftes Flugzeug bei 9/11? Spuck’s aus, Jimmy. Was hat er ihr erzählt? Hören wir auf mit den Spielchen.«

»Schon gut, schon gut.« Offenbar hatte Marquand tatsächlich keine Ahnung. »Montagmorgen teilte sie uns mit, dass sie zu einer Beerdigung nach Paris fliegen muss. Hat sich ein paar Tage frei genommen. Am Mittwoch bekamen wir noch eine Nachricht. Per E-Mail. Das Begräbnis sei strapaziös gewesen, sie brauche Urlaub. Südfrankreich. Knall auf Fall, Abgeltung der Überstunden, bevor der Job ihre ganze Zeit frisst. Ein Malkurs in Nizza, etwas, das sie ›schon immer mal machen‹ wollte.« Kell meinte, eine leichte Alkoholfahne bei Marquand zu riechen, aber vielleicht war es seine eigene. »In zwei Wochen wollte sie wieder da sein, hat sie uns mitgeteilt, im Notfall sei sie unter der und der Nummer in dem und dem Hotel zu erreichen.«

»Und dann?«

Im böigen Londoner Wind musste Marquand sich die Frisur festhalten. Er blieb stehen. Eine blaue Plastiktüte wirbelte über ein ungemähtes Rasenstück, blieb in einem Strauch hängen. Er senkte die Stimme, als sei ihm peinlich, was er jetzt sagen musste.

»George hat ihr jemand an die Fersen geheftet. Unter der Hand.«

»Warum das denn?«

»Es hat ihn misstrauisch gemacht, dass sie so kurz nach dem Gespräch mit Haynes Urlaub nahm. Das war ungewöhnlich.«

Kell wusste, dass George Truscott – Assistent des Chefs – für die Nachfolge Simon Haynes’ vorgesehen war; nach Meinung der meisten Beobachter war es für ihn nur noch darum gegangen, vom Premierminister durchgewunken zu werden. Truscott dürfte den Anzug schon gebügelt, das Mobiliar ausgesucht, die farbigen Einladungskarten bereitgelegt haben. Und jetzt hatte Amelia Levene ihm den Posten weggeschnappt. Eine Frau! Unter dem Firmament des MI6 war das ein Staatsbürger zweiter Klasse. George dürfte Gift und Galle gespuckt haben.

»Was ist ungewöhnlich daran, wenn jemand um diese Jahreszeit Urlaub nimmt?«

Kell ahnte, dass er die Antwort auf seine Frage schon wusste. Die Geschichte passte nicht zu Amelia. Wozu hätte sie einen Malkurs machen sollen; eine Frau wie sie brauchte kein Hobby. In all den Jahren, die er Amelia kannte, hatte sie ihre Urlaube zur Regeneration genutzt. Heilbäder, Entgiftungstherapien, Fünf-Sterne-Unterkünfte mit Salatbars und hauseigenen Masseuren. Von einem Drang zur aktiven Malerei war nie die Rede gewesen. Während Marquand über eine Antwort nachdachte, überquerte Kell die ungemähte Wiese, zog die Plastiktüte aus dem Strauch und stopfte sie in die Gesäßtasche seiner Jeans.

»Du bist ein Musterbürger, Tom, ein wahrer Musterbürger.« Marquand betrachtete seine Schuhe und stieß einen tiefen Seufzer aus, als hätte er die Nase voll davon, sich für die Fehler anderer Menschen zu entschuldigen. »Natürlich ist nichts Ungewöhnliches daran, wenn jemand um diese Jahreszeit Urlaub macht. Aber normalerweise erfahren wir rechtzeitig davon. Normalerweise steht es Monate vorher im Planer. Diesmal sah es nach einer spontanen Entscheidung aus, nach einer Reaktion auf etwas, das Haynes zu ihr gesagt hatte.«

»Und was sagt Haynes dazu?«

»Er ist Truscotts Meinung. Deshalb haben die beiden ein paar Freunde in Nizza gebeten, sie im Auge zu behalten.«

Wieder enthielt sich Kell eines Kommentars. Gegen Ende seiner Karriere war er selber immer mehr zum Opfer von George Truscotts paranoiden, beinahe wahnhaften Winkelzügen geworden, aber dass zwei der wichtigsten Figuren im Dienst grünes Licht für eine Überwachungsaktion gegen eine der ihren gegeben hatten, verwunderte ihn dann doch.

»Was sind das für Freunde in Nizza? Kontaktleute?«

»Himmel, nein. Doch keine Franzmänner. Welche von uns. Bill Knight und seine Frau Barbara. Haben sich ’98 nach Menton zurückgezogen. In unserem Auftrag haben sie sich für den Malkurs eingeschrieben und Amelia am Mittwochnachmittag eintreffen sehen, sich nett mit ihr unterhalten. Später hat Bill sie dann als vermisst gemeldet, nachdem sie drei Tage in Folge nicht erschienen war.«

»Was ist so ungewöhnlich daran?«

Marquand runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«

»Na ja, Amelia kann sich doch einfach ein paar Tage frei genommen haben. Vielleicht ist sie krank geworden.«

»Das ist es ja. Sie hat sich nicht gemeldet. Barbara hat im Hotel angerufen, keine Spur von ihr. Wir haben Amelias Ehemann angerufen.«

»Giles«, sagte Kell.

»Giles, ja, aber er hat seit ihrer Abreise aus Wiltshire nichts mehr von ihr gehört. Handy abgeschaltet, keine Antwort auf E-Mails, keinerlei Bewegung auf dem Kreditkartenkonto. Totaler Blackout.«

»Und die Polizei?«

Marquand ließ seine Raupenaugenbrauen hüpfen und sagte in spaßigem französischem Akzent: »Bof. Nirgends wurde eine Engländerin vom Asphalt gekratzt, und auch das Mittelmeer hat ihre Leiche nicht angespült, falls du das meinst.« Kells Reaktion veranlasste ihn zu einer Entschuldigung: »Sorry, das war geschmacklos. Hab’s nicht so gemeint. Die Angelegenheit ist ein großes beschissenes Rätsel.«

Kell ging die Liste möglicher Erklärungen durch, die so beliebig wie zahlreich waren: russische oder iranische Einmischung in die persönlichen Angelegenheiten Amelias, eine heimliche Absprache mit den Amerikanern im Zusammenhang mit Libyen und dem Arabischen Frühling, eine plötzliche Glaubenskrise, ausgelöst durch irgendeine Bemerkung, die bei ihrem Treffen mit Haynes gefallen war. Vor Kells Ausscheiden aus dem Geheimdienst hatte Amelia im frankophonen Westafrika etliche Operationen am Laufen gehabt, was das Interesse der Franzosen oder der Chinesen geweckt haben könnte. Und die Islamisten waren ein Dauerproblem.

»Wie sieht es mit Decknamen aus?« Seine Kehle war trocken. Er spürte wieder die Dumpfheit nach nur drei Stunden Schlaf. »Könnte es nicht sein, dass sie etwas plant, von dem ihr keine Ahnung habt?«

Marquand zog die Möglichkeit in Betracht, aber was konnte so geheim sein, dass es Amelia Levene dazu bewogen hätte, ohne technisches Backup durch den GCHQ abzutauchen.

»Hör mal«, sagte er, »die einzigen Personen, die Bescheid wissen, sind Haynes, Truscott und die Knights. Der Pariser Stützpunkt hat noch keinen Schimmer, und das soll so bleiben. Wenn die Sache publik wird, ist der Service die Lachnummer. Weiß Gott, wo das dann noch endet. In zwei Wochen hat sie ein offizielles Treffen mit dem Premierminister. Whitehall steht kopf, wenn wir das absagen. Und wenn Washington erfährt, dass uns der ranghöchste Spion abhandengekommen ist, rasten die aus. Haynes will sie in ein paar Tagen gefunden haben und so tun, als wäre nichts gewesen. Montagmorgen in einer Woche muss sie an ihrem Schreibtisch sitzen.« Marquands Blick zuckte nach rechts, als hätte er auf ein plötzliches Geräusch reagiert. »Also, vielleicht taucht sie ja ganz von selbst wieder auf. Wahrscheinlich dreht es sich eh bloß um irgendeinen Pariser Lackaffen, ein Jean-Pierre oder Xavier mit ’nem langen Schwanz und einem Ferienhaus in Aix-en-Provence. Du kennst Amelias Hang zu hübschen Knaben. Da könnte Madonna sich noch was abgucken.«

Kell musste sich wundern, wie unbekümmert Marquand über Amelias Ruf parlierte. Anmache gehörte wie das Saufen beinahe zu den Voraussetzungen für die Arbeit im Dienst, aber sie galt als reiner Männersport, nur so zum Zeitvertreib und außerdienstlich. In all den Jahren, die Kell sie kannte, hatte Amelia nicht mehr als drei Liebhaber gehabt. Trotzdem redete man über sie, als hätte sie mit der halben Belegschaft gepennt.

»Warum Paris?«

Marquand schaute hoch. »Sie hat dort Station gemacht auf dem Weg nach Nizza.«

»Trotzdem: Warum Paris?«

»Dienstag war sie dort auf einem Begräbnis.«

»Wessen Begräbnis?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.« Für einen beinharten Karrieristen gestand Marquand seine Wissenslücken recht freimütig ein. »Das ging alles wahnsinnig schnell, Tom. Wir hatten keine Zeit, Namen zu ermitteln. Giles glaubt, dass sie zu einem Krematorium im 14. Arrondissement gefahren ist. Montparnasse. Ein alter Freund aus Studentenzeiten.«

»Er ist nicht mitgeflogen?«

»Er war nicht eingeladen.«

»Und Giles tut das, was man Giles sagt.« Kell kannte die Mechanismen der Ehe der Levenes nur zu gut; er hatte sie immer als warnendes Beispiel genommen. Marquand schien laut auflachen zu wollen, überlegte es sich jedoch anders.

»Richtig. Das Denis-Thatcher-Syndrom. Ehemänner dürfen in Erscheinung treten, aber nicht das Maul aufmachen.«

»Klingt beinahe so, als müsstet ihr herausfinden, wer dieser Freund war.« Kell sagte, was offensichtlich war, aber Marquand schien die Luft ausgegangen zu sein.

»Darf ich das als Hinweis darauf nehmen, dass du mir hilfst?«

Kell hob den Blick. Die Zweige des Baums verdeckten einen pechschwarzen Himmel. Bald würde es zu regnen anfangen. Er dachte an Afghanistan, an das Buch, das er schreiben wollte, und die langweiligen Augustabende in seinem möblierten Junggesellenzimmer in Kensal Rise, die ihn erwarteten. Er dachte an seine Frau, und er dachte an Amelia. Er wusste, dass sie am Leben war, doch er wusste auch, dass Marquand ihm etwas verschwieg. Wie viele alte Haudegen hatten sie noch auf sie angesetzt?

»Was bietet mir Ihre Majestät?«

»Was brauchst du?« Weil es nicht sein Geld war, konnte Marquand leichten Herzens damit um sich werfen. Kell ging es nicht ums Geld, überhaupt nicht, aber gar nicht danach zu fragen, hätte einen nachlässigen Eindruck gemacht. Also pflückte er eine Zahl vom wasserträchtigen Nachmittagshimmel. »Tausend am Tag. Plus Spesen. Außerdem brauche ich ein verschlüsseltes Notebook und meine Stephen-Uniacke-Identität. Am Flughafen in Nizza wartet ein brauchbares Auto auf mich. Sollte es sich um einen zweitürigen Peugeot mit Kassettendeck handeln, komme ich nach Hause.«

»Gebongt.«

»Und George Truscott zahlt die Strafzettel für zu schnelles Fahren. Alle.«

»Abgemacht.«

6

Kell erwischte die Acht-Uhr-Maschine von Heathrow. Er wollte gerade auf »Flugmodus« umschalten, als eine Textnachricht sein Handy erreichte:

Unsere Verabredung nicht vergessen! 14 Uhr Finchley.

Wir treffen uns an der U-Bahn-Station.

Finchley. Der Todesengel seiner Ehe. Die Verabredung mit einer Eheberaterin, die Plattitüden verteilte wie andere Leute Werbegeschenke. Als Kell auf seinem Platz am Mittelgang den Sicherheitsgurt einrasten ließ, wurde ihm klar, dass er London erst zum zweiten Mal seit seinem Abschied vom MI6 verließ. Mitte März hatte Claire ein »romantisches Wochenende« in Brighton vorgeschlagen, um mit ihm zusammen herauszufinden, »ob wir mehr sein können als Schiffe, die in der Nacht vorüberziehen«, aber in dem Hotel war eine große Hochzeit gefeiert worden, sie hatten nur drei Stunden geschlafen und sich am Sonntag in einem verheerenden Sturm aus Schuldzuweisungen und Streitereien wiedergefunden.

Den Platz neben ihm besetzte eine junge Mutter, die ihr kleines Kind auf dem Fensterplatz festgeschnallt hatte. Sie war gut ausgerüstet für den bevorstehenden Kampf, brachte eine mit Bilderbüchern und Stickern vollgestopfte Tüte, zuckerfreie Kekse und eine Flasche Wasser zum Vorschein. Immer, wenn der Junge mal wieder zu wild herumzappelte oder zu laut schrie, setzte die Mutter ein verständnisinniges Lächeln auf, das wohl gleichzeitig als Entschuldigung diente. Kell versuchte ihr klarzumachen, dass er sich ganz und gar nicht gestört fühlte; es seien ja nur anderthalb Stunden bis Nizza, und er möge Kinder.

»Haben Sie selbst welche?«, stellte sie eine Frage, die man nie stellen sollte.

»Nein«, antwortete Kell und hob ein kleines grünes Plastikmännchen auf, das auf den Boden gefallen war. »Leider nicht.«

Die Mutter war den ganzen Flug über beschäftigt, und Kell konnte die Auszüge aus Amelias geheimer Personalakte lesen, ohne sich um verirrte Blicke sorgen zu müssen: Der Mann in dem Sitz auf der anderen Seite des Gangs war vertieft in seine Kalkulationstabellen, die Frau links hinter ihm hatte das schlafende Haupt auf ein aufblasbares Nackenstützkissen gebettet. Den Großteil von Amelias Geschichte kannte er ohnehin; in der etwas sonderbaren Intimität einer jahrzehntelangen Freundschaft hatten sie viele Geheimnisse getauscht. Beide hatten sie ihre Reise durch die Welt der Agenten schon in sehr jungen Jahren angetreten. Während ihrer Zeit als Au-pair in Tunis war Amelia Ende der 1970er-Jahre von Joan Guttmann, einer Undercoveragentin der CIA, entdeckt worden. Guttmann hatte den britischen Auslandsgeheimdienst auf Amelia aufmerksam gemacht, der sie während ihrer Zeit in Oxford im Auge behielt und kurz nach ihrem exzellenten Examen in Arabistik und Französisch im Sommer 1983 an sie herantrat. Nach einem Jahr beim MECAS, der sogenannten »Schule für Spione« im Libanon, war sie 1985 nach Ägypten und 1989 in den Irak abkommandiert worden. Als sie 1993 nach London zurückgekehrt war, hatte sie Giles Levene kennengelernt – einen 52-jährigen Börsenmakler mit dreißig Millionen auf der Bank, dessen Temperament von einem früheren Kollegen Kells mal als »aggressiv einschläfernd« charakterisiert worden war – und sich schnell mit ihm verlobt. Die Akte vermerkte mit einem latenten Antisemitismus, den Kell innerhalb des MI6 eigentlich für ausgerottet hielt, Levene gelte als »ambivalent« Israel gegenüber, aber die »Einstellungen seiner Frau in dieser Frage« seien trotzdem auf eine mögliche Beeinflussung hin zu überprüfen.

Vor diesem Hintergrund gab Amelias Aufstieg zur Macht eine faszinierende Lektüre ab. Sie hatte es mit einem erstaunlichen Maß an Sexismus zu tun gehabt, besonders am Anfang ihrer Karriere. So war ihr in Ägypten eine Beförderung verweigert worden, weil nicht damit zu rechnen sei, dass sie »über die Zeit des Kinderkriegens hinaus« beim Dienst bleiben würde. Stattdessen ging der Posten an einen berüchtigten Kairoer Alkoholiker, der zwei gescheiterte Ehen hinter sich hatte und seine Berichte gelegentlich aus der Al-Ahram abzuschreiben pflegte. Im Irak, wo sie unter Pseudonym als Analystin für ein französisches Konsortium arbeitete, begann Amelias Glück sich zu wenden. Ein irischer Pass hatte »Ann Wilkes« für die gesamte Dauer des ersten Golfkriegs in Bagdad gehalten und ihr die Bekanntschaft von Mitgliedern der Ba’ath-Partei sowie prominenter Figuren der militärischen Führung des Irak verschafft, wofür sie sowohl in London als auch in den Vereinigten Staaten viel Anerkennung erhalten hatte. Von da an ging es mit ihrer Karriere steil bergauf: Es folgten Abkommandierungen nach Washington, später nach Kabul, wo ihr nach dem Sturz der Taliban für mehr als zwei Jahre die operationale Leitung des MI6 für ganz Afghanistan übertragen wurde. Ihr Ehrgeiz ließ sich daran ablesen, dass sie sich für eine Ausweitung der Geheimdienstaktivitäten in Afrika starkmachte, ein Standpunkt, den Downing Street am Vorabend des Arabischen Frühlings als äußerst voraussehend eingeschätzt hatte, der sie aber in Konflikt mit George Truscott brachte, einem Bürokraten mit der Mentalität des kalten Kriegers, der von der großen Mehrheit der Kollegen verachtet wurde.

Kell klappte die Akte zu. Er warf einen Blick auf das Kind neben ihm, das jetzt in den Armen der Mutter schlief, und versuchte der Tatsache, dass er wieder im Spiel war, etwas Positives abzugewinnen. Aber er konnte keine Freude empfinden. Acht Monate lang hatte er nichts getan und sich und Claire vorzumachen versucht, er würde Haltung und Prinzipienfestigkeit gegen die Doppeldeutigkeiten und das Intrigantentum des MI6 stellen. Was natürlich kompletter Unsinn war, schließlich war er unehrenhaft entlassen worden. Und nun war Marquand gekommen, Truscotts und Haynes’ Götterbote, und Kell war wieder an Bord gesprungen wie ein kleiner Junge auf dem Jahrmarkt, der sich über eine Freifahrt freute. Ihm wurde klar, dass alle Entschiedenheit, auf seine Unschuld zu bestehen, ihnen ihr Unrecht nachzuweisen oder auch nur ein anderes Leben zu beginnen, auf Sand gebaut war. Er hatte nichts anderes als seine Vergangenheit, seine Fähigkeiten als Geheimagent, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.



Irgendwo über den Südalpen verdunkelte sich das Licht in der Kabine wie bei einem Sehtest. Der Flug war pünktlich. Kells Blick ging zum Steuerbordfenster hinaus, auf der Suche nach Nizzas Lichtermeer. Eine Stewardess schnallte sich vorne vor dem Cockpit fest, überprüfte ihr Gesicht in einem Taschenspiegel und beglückte ihn mit einem klimagekühlten Lächeln. Kell antwortete mit einem Kopfnicken, spülte mit dem restlichen Mineralwasser zwei Aspirin hinunter und lehnte sich zurück, während das Flugzeug über dem Mittelmeer landeinwärts schwenkte. Für die Landung erntete der Captain grölenden Applaus von drei angeheiterten Männern aus Yorkshire, die ein paar Reihen hinter Kell saßen. Weil er kein Handgepäck hatte, war er um Viertel nach elf gegen Vorlage seines echten Reisepasses abgefertigt.

Die Knights warteten in der Ankunftshalle. Jimmy Marquand hatte ihm gesagt, er solle nach einem »britischen Ehepaar in den Sechzigern« Ausschau halten, der Mann »Stammgast im Solarium mit gefärbtem Schnauzbart«, die Frau ein »kleines, ziemlich sympathisches Vögelchen, flink auf den Beinchen, aber meist vom Ehemann überschattet«.

Die Beschreibung hätte treffender nicht sein können. Als er durch die automatischen Türen der Abfertigungshalle trat, stand Kell einem gelangweilten, tief sonnengebräunten Engländer in gebügelten Chinos und cremefarbenem Button-down-Hemd gegenüber. Einen pistaziengrünen Kaschmirpullover hatte er sich auf mediterrane Art über die Schultern geworfen und vor der Brust verschlungen. Der Schnauzbart war nicht mehr gefärbt, aber insgesamt machte Bill Knight den Eindruck eines Mannes, der mindestens fünfzehn Minuten der allabendlichen Toilette darauf verwandte, jede Strähne seines längst schon schütteren weißen Haars einzeln zu kämmen – ein Mann, dem es nicht gegeben schien, mit Gelassenheit alt zu werden.

»Tom, vermute ich«, sagte er mit zu lauter Stimme, zu festem Handschlag; unter dem Schnauzbart wölbten sich volle Lippen, als sei das Leben eine Weinprobe. Kell spielte mit dem Gedanken, ihm zu antworten: »Ich würde es vorziehen, von Ihnen mit Mister Kell angeredet zu werden«, aber für solch einen Affront fehlte es ihm an Energie.

»Und Sie müssen Barbara sein.« Dicht hinter Knight – Claire nannte es die »Rain-Man-Stellung« – lauerte eine kleine Dame mit Halbbrille und schlechter Haltung. Ihr zurückhaltender, leicht gesenkter Blick wirkte wie eine Entschuldigung für das groteske Auftreten ihres Mannes und gab der Atmosphäre zugleich einen etwas professionelleren Touch, für den Kell dankbar war. Er wusste, dass Knight die meiste Zeit reden würde, aber die brauchbareren Informationen erwartete er von seiner Frau. »Wir haben Ihr Auto mitgebracht«, sagte sie, während Knight ihm anbot, seine Tasche zu tragen. Kell winkte ab. Mit leichtem Unbehagen machte er sich klar, dass seine eigene Mutter, hätte sie noch gelebt, ungefähr so alt wäre wie diese zierliche kleine Frau mit ihrem ungekämmten grauen Haar, den zerknitterten Kleidern und den sanften, unkomplizierten Gesten.

»Ein Luxusschlitten«, bemerkte Knight, als missbilligte er die Kosten. Seine Stimme hatte einen selbstgefälligen, näselnden Klang, der Kell schon jetzt auf die Nerven ging. »Da können Sie sich nicht beklagen.«

Sie näherten sich dem Ausgang. Kell erblickte ihr kollektives Spiegelbild in der Glastür und kam sich vor wie der ungeratene Sohn, der seine Eltern an der Costa del Sol besuchte. Er wunderte sich darüber, dass der MI6 lediglich einen verkaterten ausgemusterten Spion einsetzte und zwei alte Mitarbeiter aus der Versenkung holte, die an der Schwelle zum Greisenalter standen und seit dem Fall der Berliner Mauer nur noch Schäfchen gezählt hatten. Vielleicht war es Teil von Marquands Plan, Kell scheitern zu lassen. Arbeiteten die Knights nach einer geheimen Agenda? Hatten sie die Anordnung, Kell Knüppel zwischen die Beine zu werfen, bevor er überhaupt begonnen hatte?

»Hier geht’s lang«, sagte Knight. Eine junge Frau, unterernährt wie ein Model auf dem Catwalk, stürmte an ihnen vorbei durch die automatischen Türen und warf sich einem sonnengegerbten Don Juan in die Arme, der kaum jünger als Knight war. »Mon Chéri!«, hörte Kell sie mit russischem Akzent sagen, und ihm fiel auf, dass sie beim Küssen die Augen offen behielt.

Sie gingen hinaus in den schwülwarmen französischen Abend, überquerten einen breiten betonierten Vorplatz, der das Terminalgebäude mit einem dreistöckigen Parkhaus etwa hundert Meter weiter östlich verband. Auf dem Flughafen war zu dieser späten Stunde nicht mehr viel los. Autobusse hatten sich in einer unbeleuchteten Unterführung hintereinander aufgereiht, einer der Fahrer war hinter seinem Lenkrad eingeschlafen. Ein paar Spätankömmlinge hatten sich für den Bus nach Monaco angestellt, alle deutlich eleganter gekleidet und zurückhaltender als die bierseligen Horden, die Kell in Heathrow über den Weg gelaufen waren. Knight bezahlte die Parkgarage, faltete den Beleg für die Spesenabrechnung ordentlich in sein Portemonnaie und führte Kell zu einem schwarzen Citroën C6 auf der obersten Etage.

»Die gewünschten Dokumente sind vor einer Stunde eingetroffen und stecken in dem Umschlag auf dem Beifahrersitz«, sagte er. Kell vermutete, dass er von dem Pass und den Kreditkarten auf den Decknamen Stephen Uniacke sprach, die Marquand per Kurier vorausgeschickt hatte. »Seien Sie gewarnt«, fuhr Knight fort und tippte mit den Fingern auf das Heckfenster, als sei dahinter jemand versteckt. »Das ist ein Diesel. Sie glauben ja nicht, wie viele Ihrer Kollegen hierherkommen, sich bei Hertz oder Avis einen Wagen mieten und sich ihren Frankreicheinsatz damit versauen, dass sie unverbleites Benzin in den Tank …«

Barbara machte dem ein Ende.

»Bill, ich bin überzeugt, dass Mr Kell in der Lage ist, ein Auto sachgemäß zu betanken.« In dem gelbsüchtigen Licht war schwer zu erkennen, ob ihr Gatte errötete. Kell erinnerte sich an eine Zeile aus Knights Personalakte, die er auf dem Weg zum Flughafen überflogen hatte. »Erträgt kein Gesprächsvakuum. Redet auch, wenn es klüger wäre, seine Meinung für sich zu behalten.«

»Lassen Sie nur«, sagte Kell. »So etwas ist schnell mal passiert.«

Das Fahrzeug der Knights, das neben dem C6 parkte, war ein rechtsgesteuerter Mercedes mit zwanzig Jahre altem britischem Kennzeichen und einem eingebeulten Kotflügel vorne rechts.

»Unser alter, leicht demolierter Daimler«, erklärte Knight überflüssigerweise, als wäre er daran gewöhnt, dass sein Automobil befremdete Blicke erntete. »Aber er leistet uns treue Dienste. Einmal im Jahr müssen Barbara und ich mit ihm zur Hauptuntersuchung und Erneuerung der Versicherungspapiere über den Kanal reisen, aber das ist es uns wert …«

Kell hatte genug gehört. Er warf seine Tasche auf den Rücksitz des Citroëns und kam zur Sache.

»Sprechen wir über Amelia Levene«, sagte er. Die Parkgarage war menschenleer, der Lärm später Flugzeuge und des Straßenverkehrs dämpfte ihre Unterhaltung. Knight, der mitten im Satz unterbrochen worden war, schaute entsprechend aufmerksam. »London sagt, dass Mrs Levene seit mehreren Tagen vermisst wird. Und dass sie davor an dem Malkurs teilgenommen hat. Haben Sie mit ihr persönlich gesprochen?«

»Sicher«, sagte Knight, als hätte Kell ihre Integrität bezweifeln wollen. »Was denken Sie denn?«

»Was können Sie mir zu Amelias Gemütslage, ihrem Benehmen sagen?«

Barbara wollte antworten, aber ihr Gemahl fiel ihr ins Wort.

»Absolut normal. Sehr freundlich, geradezu euphorisch. Hat sich als pensionierte Lehrerin vorgestellt, verwitwet. Da gibt es wenig zu berichten.«

Kell fiel noch ein Absatz aus Knights Personalakte ein: »Ist nicht immer bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Unter seinen Kollegen entstand im Lauf der Jahre der Eindruck, dass Knight ein ruhiges Leben der Drecksarbeit vorzieht.«

Barbara füllte pflichtschuldig die Leerstellen aus.

»Na ja«, sagte sie, weil sie spürte, dass Kell mit der Antwort ihres Mannes nicht zufrieden war. »Bill und ich sind da verschiedener Meinung. Ich fand schon, dass sie ein bisschen abgespannt aussah. Den Pinsel hat sie nicht oft in der Hand gehabt, was zumindest verwunderlich ist; schließlich ist sie gekommen, um etwas zu lernen. Außerdem hat sie ihr Handy ständig nach neuen Textnachrichten überprüft.« Sie schaute hoch zu Kell und brachte ein kleines, zufriedenes Lächeln zustande, wie jemand, der gerade eine besonders knifflige Frage in einem Kreuzworträtsel gelöst hat. »Das ist mir besonders aufgefallen. Frauen ihres Jahrgangs kleben normalerweise nicht so an ihren Handys wie die Jüngeren. Meinen Sie nicht auch, Mr Kell?«

»Sagen Sie ruhig Tom«, wandte sich Kell wieder an ihren Mann. »Was ist mit Freunden, Angehörigen? Haben Sie sie mit jemandem gesehen? Sie haben von London den Auftrag, Mrs Levene im Auge zu behalten. Sind Sie ihr mal nach Nizza gefolgt? Ist sie abends ausgegangen?«

»Das sind viele Fragen auf einmal«, gab Knight zu bedenken und schien sehr zufrieden mit sich.

»Dann beantworten Sie einfach eine nach der anderen«, erwiderte Kell und spürte, dass sein Adrenalinspiegel langsam auf MI6-Betriebsniveau kam. Ein plötzlicher Windstoß zwang Knight zu kompensatorischen Maßnahmen an seiner Frisur.

»Zumindest ist Barbara und mir nicht aufgefallen, dass Mrs Levene irgendwo Besonderes hingegangen wäre. Am Donnerstagabend hat sie allein in einem Restaurant in der Rue Masséna zu Abend gegessen. Ich bin ihr zum Hotel gefolgt, bis Mitternacht im Mercedes sitzen geblieben, aber sie hat sich nicht wieder blicken lassen.«

Kell hielt Knights Blick fest. »Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, ein Zimmer in dem Hotel zu nehmen?«

Eine Pause, ein betretener Blickwechsel zwischen den Eheleuten.

»Vielleicht denken Sie mal darüber nach, Tom, dass wir nicht viel Zeit hatten, auf das alles zu reagieren.« Knight war, vielleicht unbewusst, einen Schritt zurückgetreten. »London hat uns gebeten, uns in den Kurs einzuschreiben, Mrs Levene im Auge zu behalten und alles Auffällige zu melden. Mehr nicht.«

Offenbar aus Besorgnis, sie könnten Kell ein zu armseliges Bild ihrer Fähigkeiten liefern, übernahm Barbara die Regie.

»Es klang nicht so, als würde London damit rechnen, dass etwas Unerwartetes passiert«, erklärte sie. »Es klang eher so, als sollten wir auf sie aufpassen. Und es ist erst – wie lange? – zwei oder drei Tage her, dass wir Mrs Levene als vermisst gemeldet haben.«

»Und Sie sind überzeugt, dass sie nicht in Nizza ist, vielleicht bei einem Freund?«

»Oh, überzeugt sind wir von gar nichts«, formulierte Knight das Überzeugendste, was Kell bisher von ihm gehört hatte. »Wir haben getan, was man von uns verlangt hat. Mrs Levene ist nicht zum Kurs erschienen, wir haben es gemeldet. Und weil Mr Marquand wohl das Gefühl hatte, dass etwas faul sein könnte, hat er Verstärkung geschickt.«

Verstärkung. Kell machte sich klar, dass er vor genau vierundzwanzig Stunden in einer überfüllten Bar in der Dean Street gestanden und für einen vierzigjährigen Studienfreund, den er fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, »Happy Birthday« gegrölt hatte.

»London macht sich Sorgen, weil sich auf Amelias Kreditkartenkonto nichts getan hat«, sagte er, »und sie sich nicht am Telefon meldet.«

»Halten Sie es für möglich, dass sie … übergelaufen sein könnte?«, fragte Knight, und Kell musste ein Lächeln unterdrücken. Wohin? Moskau? Peking? Eher noch würde Amelia sich in Albanien niederlassen.

»Unwahrscheinlich«, sagte er. »Führungskräfte in den Geheimdiensten stehen zu sehr in der Öffentlichkeit. Die politischen Auswirkungen wären verheerend. Aber man sollte niemals nie sagen.«

»Sag niemals nie«, murmelte Barbara.

»Und ihr Zimmer? Haben Sie sich dort umgesehen?«

Knight betrachtete seine Schuhspitzen, Barbara rückte sich die Halbbrille zurecht. Und Kell hatte endgültig begriffen, warum die beiden über die Rolle von Operationsassistenten in Nairobi nicht hinausgekommen waren.

»Es war nicht unser Auftrag, auf eigene Faust Recherchen anzustellen«, antwortete Knight.

»Und die Leute, die den Malkurs veranstalten? Mit denen haben Sie auch nicht gesprochen?«

Knight schüttelte den Kopf, seine Schuhspitzen im Blick behaltend wie ein gescholtener Schuljunge. Kell erlöste sie aus ihrer Not.

»Okay«, sagte er, »wie weit ist es zum Hotel?«

Barbara blickte beunruhigt. »Es liegt am Boulevard Dubouchage. Etwa zwanzig Minuten von hier.«

»Da fahre ich jetzt hin. Sie haben für mich ein Zimmer auf den Namen ›Stephen Uniacke‹ gebucht, richtig?«

Knight lebte auf. »Richtig. Aber wollen Sie nicht zuerst etwas essen? Barbara und ich haben uns gedacht, dass wir mit Ihnen nach Nizza reinfahren, in ein nettes kleines Lokal in der Nähe des Hafens. Es hat bis nach Mitternacht …«

»Später«, erwiderte Kell. In Heathrow hatte er einen Kebab mit einer Dose Coke runtergespült. Damit hielt er bis morgen früh durch. »Aber Sie müssten etwas anderes für mich tun.«

»Jederzeit«, antwortete Barbara.

Kell sah ihr an, dass sie ihre Rückkehr ins Rampenlicht verlängern wollte, und wusste, dass sie ihm noch nützlich sein konnte.

»Rufen Sie das Hotel an, in dem Amelia abgestiegen ist. Das Gillespie. Erzählen Sie denen, Sie seien gerade gelandet und bräuchten ein Zimmer. Dann fahren Sie hin. Mit dem Einchecken warten Sie bitte, bis Sie mit mir gesprochen haben.«

Knight schaute überrascht.

»Ist das in Ordnung?« Kell wandte sich bewusst an ihn. Wenn sie ihm tausend am Tag zahlten, bekamen die Knights mindestens fünfhundert. Letzten Endes mussten sie tun, was er von ihnen verlangte. »Ich muss an den Computer des Hotels herankommen. Ich brauche alle Einzelheiten zu Amelias Zimmer, wann sie angekommen, wann sie abgefahren ist, ob sie das Internet benutzt hat. Dazu muss ich den Nachtportier ablenken, ihn für fünf oder zehn Minuten vom Schalter wegbringen. Dabei könnten Sie mir eine große Hilfe sein – Sie könnten den Zimmerservice rufen, sich über einen kaputten Wasserhahn beschweren, den Notschalter im Badezimmer drücken. Verstehen Sie?«

»Ich verstehe«, erwiderte Knight.

»Haben Sie einen Koffer oder etwas, das als Reisetasche durchgeht?«

Barbara überlegte einen Moment, dann sagte sie: »Ich denke, ja.«

»Geben Sie mir eine halbe Stunde zum Einchecken, dann fahren Sie zum Hotel.« Er musste sich wundern, wie rasch er die Einfälle aus dem Ärmel schüttelte, ihm ein alter Trick nach dem anderen einfiel, als hätte sein Gehirn nicht acht Monate lang in Aspik gelegen. »Ich muss wohl nicht betonen, dass wir uns nicht kennen, sollten wir uns in der Lobby über den Weg laufen.«

Knight lachte polternd auf. »Aber woher, Tom.«

»Und lassen Sie das Handy eingeschaltet.« Kell kletterte in den Citroën. »Richten Sie sich darauf ein, im Lauf der nächsten Stunde von mir zu hören.«

7

Das Navigationsgerät des Citroën kannte sich mit Nizzas Einbahnstraßensystem aus und lotste Kell in zwanzig Minuten zum Boulevard Dubouchage. Das Gillespie war ein Hotel nach Amelias Geschmack: nicht zu groß, aber mit Stil; komfortabel, ohne pompös zu sein. George Truscott hätte sich auf Kosten des britischen Steuerzahlers in einer Suite im Negresco eingemietet.

Drei Straßen weiter war eine Tiefgarage. Kell suchte nach einem sicheren Ort, wo er seinen Pass und den Inhalt seiner Brieftasche verstecken konnte, und entdeckte einen schmalen Hohlraum hinter einem gesprungenen Porenbetonstein in ungefähr zwei Metern Höhe. Knight hatte das komplette Ausweis-Set Stephen Uniackes auf den Beifahrersitz gelegt – Kreditkarten, Reisepass, Führerschein, nebst einer Mitgliedskarte für Kew Gardens und der Pannenschutzkarte des RAC; alles, was ein Engländer normalerweise mit sich führte. Nicht einmal die ausgebleichten Fotografien von Uniackes Phantomehefrau und Phantomkindern fehlten. Den Umschlag warf Kell weg und fuhr mit dem Lift zur Straße hinauf. Uniacke – Vertriebsberater mit Büro in Reading – war einer von drei Decknamen, deren Kell sich während seiner 22-jährigen Karriere beim britischen Geheimdienst regelmäßig bedient hatte. Zurück in diese Identität zu schlüpfen fiel ihm überhaupt nicht schwer und war in mancherlei Hinsicht sogar tröstlich wie das Überziehen eines alten Mantels.

Das Gillespie lag etwas zurückversetzt hinter einer kurzen, halbkreisförmigen Zufahrt, auf der die Fahrzeuge bis vor den Eingang fahren und Passagiere und Gepäck ausladen konnten. Kell trat durch die automatische Tür und stieg ein paar Stufen hinauf in eine intime mitternächtliche Lobby, deren Wände mit Schwarzweißfotografien von Duke Ellington, Dizzy Gillespie und anderen Jazzlegenden aus vergangenen Zeiten behängt waren. Er hegte eine tiefe, unheilbare Abneigung gegen Jazz und eine Vorliebe für ruhige, sanft ausgeleuchtete Lobbys mit Teppichen, Holzfußböden, gediegenen Ölgemälden und einer Bar, aus der das Klingeln der Eiswürfel und das Gemurmel der Gespräche klang. Ein junger Mann in dunkler Jacke mit Akne und kurzgeschnittenem Haar rückte auf dem Empfangstresen eine Schale mit Trockenblumen zurecht. Der Nachtportier. Er begrüßte Kell mit bemühtem Lächeln; Kell sah ihm seine Müdigkeit an.

»Kann ich etwas für Sie tun, Sir?«

Kell stellte seine Reisetasche ab und erklärte ihm auf Französisch, unter dem Namen »Uniacke« sei ein Zimmer für ihn reserviert. Der Mann bat ihn um Ausweis und Kreditkarte und ließ ihn ein kurzes Anmeldeformular ausfüllen. Der Nachtportier holte die Einzelheiten zu Uniackes Reservierung auf ein Computerdisplay. Die Tastatur lag verdeckt unterhalb des Empfangstresens, die Anschläge für ein eventuelles Passwort blieben Kells Blicken also verborgen.

»Ich bin schon mal hier gewesen«, sagte er und warf einen Blick in das kleine Büro hinter dem Empfang, in dem noch ein Computerdisplay zu sehen war. Daneben stand eine Dose Coke, ein voluminöses Taschenbuch lag aufgeschlagen auf dem Schreibtisch. Kell hatte sich bereits nach einem Videoüberwachungssystem umgeschaut, aber nirgends eine Kamera entdecken können. »Könnte es sein, dass Sie die Daten noch auf dem Computer gespeichert haben?«

Es war eine kalkulierte Frage, auf die er die Antwort bereits kannte. Aber sollte der Portier darauf eingehen, gab ihm das die Möglichkeit, sich über den Tresen zu beugen und in gespieltem Erstaunen einen direkten Blick auf das Reservierungssystem zu werfen.

»Lassen Sie mich nachsehen, Sir«, antwortete der Portier wie erhofft. Flaumiger Bewuchs bedeckte sein bleiches, müdes Gesicht, einer der Pickel auf seinem Kinn drohte zu platzen. »Nein, wie’s aussieht, gibt es hier keine Daten zu dem Vorgang …«

»Nein?« Kell gab sich verwundert und drehte den Monitor zu sich her, um zu sehen, welche Buchungssoftware das Hotel benutzte. Es war »Opera«, womit Kell einigermaßen vertraut war. Uniackes Daten standen oben auf dem Formular, darunter war eine Reihe von Kästchen mit Kostenpunkten wie »Zimmer«, »Roomservice«, »Minibar« und »Telefon«. Solange der Portier eingeloggt blieb, wäre der Zugang zu Amelias Daten ein Kinderspiel. Kell wusste, dass sie in Zimmer 218 gewohnt hatte und dass ihn zwei, drei Mausklicks zu ihren persönlichen Daten bringen würden.

»Vielleicht unter dem Namen meiner Frau«, sagte er und bewegte die Hand zurück hinter den Tresen. Ein Gast kam aus der Bar, nickte dem Portier zu und ging quer durch die Lobby zu den Aufzügen. Kell trat ein, zwei Schritte zurück, um einen Blick in die Bar werfen zu können, wo in der hinteren Ecke ein junges Paar saß, Cognacgläser vor sich auf dem Tisch. Sie schienen die einzigen Gäste zu sein. »Ist ja auch egal«, sagte er und trat zurück an den Tresen. »Können Sie veranlassen, dass ich morgen früh geweckt werde? Um sieben?«

Es war nur eine Kleinigkeit, aber es konnte nützlich sein, dem Portier den Eindruck zu vermitteln, Monsieur Uniacke würde sich aufs Ohr hauen, sobald er in seinem Zimmer war.

»Selbstverständlich, Sir.«

Kell bekam ein Zimmer im dritten Stock und nahm die Treppe, um sich mit dem Grundriss des Hotels vertraut zu machen. Auf dem Absatz im ersten Stock sah er etwas, das ihn auf eine Idee brachte: ein Wandschrank, die Tür angelehnt, in dem die Hausmädchen den Staubsauger und verschiedene Reinigungsgeräte deponierten. Er ging weiter, einen kurzen Durchgang entlang, betrat mit Hilfe der Schlüsselkarte sein Zimmer und packte seine Tasche aus. Auf dem Weg nach Heathrow hatte Marquand ihm das Notebook gegeben. Kell steckte ein verschlüsseltes 3G-Modem in einen USB-Port und bahnte sich durch drei passwortgeschützte Firewalls einen Zugang zum MI6-Server. In der Minibar fand er zwei Miniaturflaschen Johnny Walker, mischte ihren Inhalt mit der gleichen Menge Evian und trank sie, während er seine E-Mails checkte. Marquand hatte ihm eine Nachricht mit Neuigkeiten zu Amelias Verschwinden geschickt:

Hoffe, du bist sicher gelandet. Noch keine Spur von unserer Freundin. Peripherie noch immer inaktiv.

Mit »Peripherie« waren Amelias Kreditkarten und Mobiltelefon gemeint.

Bestattungen in Krematorien im 14. Arrondissement an den jeweiligen Tagen. Schau nach folgenden Nachnamen: Chamson, Lilar, de Vilmorin, Tardieu, Radiguet, Malot, Bourget. Wir recherchieren weiter. Näheres innerhalb 24 Std.

Kell sprühte sich etwas Aftershave unters Hemd, tauschte die SIM-Karte in seinem Handy aus, um nach privaten Textnachrichten aus London zu sehen, und würgte den Inhalt einer kleinen Tüte Kartoffelchips aus der Minibar hinunter. Anschließend setzte er Uniackes SIM-Karte ein und wählte Knights Handynummer. Barbara meldete sich. Es klang, als säße ihr Mann am Steuer.

»Mr Kell?«

»Wo sind Sie, Barbara?«

»Wir parken gerade ums Eck von Ihrem Hotel ein. Der Verkehr hat uns aufgehalten.«

»Haben Sie ein Zimmer bekommen?«

»Ja. Wir haben vom Flughafen aus angerufen.«

»Wer hat angerufen?«

»Ich.«

»Und Sie haben für zwei Personen bestellt?«

Barbara zögerte vor der Antwort, als befürchte sie, dass Kell ihr eine Falle stellte. »Nicht ausdrücklich, aber wahrscheinlich vermutet er, dass es für mich und meinen Mann ist.«

Kell ging das Risiko ein. »Ändern Sie den Plan«, sagte er. »Ich möchte, dass Sie allein einchecken. Ich brauche Bill vor dem Haus.«

»Ich verstehe.« Barbara musste die Anweisung erst einmal schlucken.

»Gegen zwei inszeniere ich einen Zwischenfall, damit der Nachtportier nach oben gehen und den Hoover holen muss.«

Die Verbindung blieb kurz stumm, dann sagte Barbara: »Den was?«

»Hoover. Das sind Staubsauger. Jetzt passen Sie gut auf. Es ist wichtig. Der Hoover steht in einem Wandschrank auf dem ersten Treppenabsatz. Dort warten Sie um Punkt zwei. Wenn der Portier heraufkommt, sagen Sie, Sie hätten sich verlaufen und könnten Ihr Zimmer nicht wiederfinden. Er soll Sie hinbringen. Halten Sie ihn so lange wie möglich davon ab, zum Empfang zurückzukommen. Simulieren Sie einen Schwächeanfall, fangen Sie an zu weinen, was immer Ihnen einfällt. Vor Ihrer Zimmertür bitten Sie ihn, mit reinzugehen und Ihnen den Fernseher zu erklären. Es kommt darauf an, dass Sie ihn oben festhalten. Sollte er sich ausgeloggt haben, brauche ich vielleicht zehn Minuten. Stellen Sie ihm Fragen. Spielen Sie ihm eine einsame alte Schachtel vor, die unter Jetlag leidet. Kriegen Sie das hin?«

»Sollte mir nicht schwerfallen«, erwiderte Barbara, und Kell meinte ihrer Antwort eine gewisse Gereiztheit anzuhören. Es war ihm klar, dass er sie etwas grob anfasste, und vielleicht war es der Sache nicht dienlich, sie eine »alte Schachtel« genannt zu haben.

»Geben Sie sich beim Einchecken einfach ein bisschen exaltiert«, fuhr er in dem Versuch fort, etwas von dem Schaden wiedergutzumachen. »Bringen Sie Ihre Papiere durcheinander, sagen Sie, dass Sie mit der Schlüsselkarte nicht zurechtkommen, flirten Sie mit ihm. Der Nachtportier ist ein junger Bursche, ich nehme an, er spricht Englisch. Probieren Sie es aus, bevor Sie ihn auf Französisch ansprechen. Okay?«

Er hatte den Eindruck, dass Barbara sich Einzelheiten notierte. »Natürlich, Tom.«

Kell erklärte ihr, dass er um Viertel vor zwei noch einmal anrufen würde, um den Plan zu bestätigen. In der Zwischenzeit sollte sie sich im Hotel nach Sicherheitsleuten, Zimmermädchen oder Küchenpersonal umsehen, die womöglich noch im Haus waren, und ihm sofort Bescheid sagen, wenn ihr jemand auffiel.

»Welches Zimmer haben Sie?«, wollte Barbara wissen.

»Drei, zwei, zwei. Und Bill soll den Eingang im Auge behalten. Wenn zwischen fünf vor zwei und Viertel nach zwei Leute kommen, muss er sie aufhalten.«

»Ich sage es ihm.«

»Machen Sie ihm klar, wie wichtig es ist. Wenn ich eins nicht gebrauchen kann, sind das Gäste, die durch die Eingangshalle spazieren, während ich im Büro am Computer sitze.«

8

»Ich verstehe es einfach nicht. Ich versteh nicht, warum er mich nicht dabeihaben will.«

Bill Knight beugte sich über das Lenkrad seines Mercedes, starrte auf seine beigefarbenen Lacklederschuhe und schüttelte den Kopf, während er nach Gründen für diesen jüngsten und vermutlich endgültigen Affront des MI6 gegen seine Fähigkeiten als Spion suchte. Ein zufällig vorbeikommender Passant hätte meinen können, dass er weinte.

»Darling, er will dich dabeihaben. Du sollst draußen Posten beziehen. Er will, dass du den Eingang im Auge behältst.«

»Um zwei Uhr früh? Wer kommt schon um zwei Uhr früh ins Hotel zurück? Er vertraut mir nicht. Er glaubt, ich bin der Sache nicht gewachsen. Weil man ihm gesagt hat, dass du der Star bist. So ist es doch immer schon gewesen.«

Seit beinahe vierzig Jahren, während der zahllosen beruflichen Demütigungen, finanziellen Dauerkrisen, sogar während der unglückseligen Phasen seiner ehelichen Untreue, hatte Barbara Knight versucht, das schwache Selbstwertgefühl ihres Mannes zu stärken und ihn zu beschwichtigen. Im Bemühen, auch diese jüngste Krise zu entschärfen, drückte sie ihm jetzt die Hand, die den Griff der Handbremse umklammert hielt.

»Viele Menschen kehren erst um zwei Uhr morgens in ihr Hotel zurück, Bill. Das vergisst man in unserem Alter leicht.« Es war sicher nicht klug, ihn an sein Alter zu erinnern, also wählte sie eine andere Strategie. »Kell muss sich Einblick in das Reservierungssystem verschaffen. Und jetzt stell dir vor, er sitzt gerade hinter dem Tresen und jemand kommt zur Tür herein.«

»Ach, Unsinn!«, sagte Knight. »In kein seriöses Hotel der Welt kommt man um diese nachtschlafende Zeit, ohne vorher eine Nachtglocke zu läuten und zu warten, bis einem aufgemacht wird. Kell will mich vertrösten. Hier draußen verschwende ich meine Zeit.«

Wie bestellt, von einem boshaften Gott herbeigerufen, um Knights Argument zu illustrieren, erschienen in diesem Moment zwei Gäste vor dem Eingang des Gillespie, drückten auf die Klingel und warteten, dass der Nachportier zu ihnen herunterkam. Nach einem Blick auf ihre Ausweispapiere gewährte er ihnen Zutritt zur Lobby. Bill und Barbara Knight, die fünfzig Meter entfernt geparkt hatten, beobachteten die ganze Szene durch die Windschutzscheibe ihres alten Mercedes.

»Da siehst du’s«, sagte er mit müdem Triumph.

Barbara fehlten einen Moment lang die Worte.

»Trotzdem sollte lieber niemand klingeln, während Kell da sitzt. Warum ziehst du dir nicht ein Päckchen Zigaretten und vertrittst dir ein bisschen die Beine? Du kannst da draußen von großem Nutzen sein, Darling.«

Knight fühlte sich zum Idioten gemacht. »Ich bin Nichtraucher«, sagte er, und Barbara machte einen letzten Versuch.

»Sieh mal, es ist doch völlig klar, dass man dich im Hotel nicht gebrauchen kann. Ich soll für Kell Miss Marple spielen und mich zum Ärgernis machen. Wenn wir da als Mann und Frau reingehen, erscheine ich automatisch weniger schutzlos. Verstehst du?«

Knight reagierte nicht, und Barbara verlor endgültig die Geduld.

»Gut«, sagte sie. »Vielleicht solltest du einfach nach Hause fahren.«

»Nach Hause?« Knight schnellte vom Lenkrad hoch und funkelte sie wütend an; ein Blick wie nach beinahe jedem Gespräch mit ihrem missratenen 36-jährigen Sohn. »Glaubst du, ich lass dich allein mit dem Schwachkopf, damit er dich die ganze Nacht nach seiner Pfeife tanzen lässt …«

»Darling, woher willst du wissen, dass er …«

»Sein Aussehen gefällt mir nicht. Und seine Art noch viel weniger.«

»Es könnte sein, dass diese Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen.«

Der nächste Fehler. Knight schnaubte wütend, drehte sich um und schaute zum Fenster hinaus. Augenblicke später hatte er den Motor angelassen und forderte Barbara wortlos auf, das Auto zu verlassen.

»Jetzt krieg dich ein«, sagte sie, die eine Hand am Türgriff, die andere noch auf der Handbremse. Sie wollte so schnell wie möglich rüber ins Hotel, einchecken, ihren Job erledigen. Diese ständige Bedürftigkeit ihres Ehemanns war sinnlos und destruktiv. »Du weißt, dass es nicht persönlich gemeint ist.« Ein übergewichtiger Mann in einem Trainingsanzug und strahlend weißen Turnschuhen ging am Gillespie vorüber, bog nach links in die Rue Alberti ab und verschwand. »Ich komme wunderbar zurecht. In weniger als einer Stunde hörst du von mir. Setz dich in ein Café und warte auf mich, wenn du dir Sorgen machst. Tom schickt mich sicher in zwei, drei Stunden nach Hause.«

»In was für ein Café? Mit zweiundsechzig setzt man sich nicht mitten in der Nacht in ein Café.« Knight starrte weiter aus dem Fenster. Er sah aus wie ein sitzengelassener Liebhaber. »Und überhaupt ist das ein absurder Vorschlag. Ich darf meinen Posten nicht einfach verlassen. Er will, dass ich diesen Scheißeingang im Auge behalte.«

Es fing an zu regnen. Barbara schüttelte den Kopf und langte nach dem Türgriff. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn ihr Mann Kraftausdrücke benutzte. Auf der Rückbank des Mercedes lag ein Reisesack, in dem die Knights normalerweise leere Flaschen und Dosen zu einem Recyclinghof in Menton brachten. Sie hatte eine zerknitterte Ausgabe der Nice-Matin, einen alten Hut und ein Paar Gummistiefel hineingestopft. Rasch nahm sie den Beutel vom Rücksitz. »Und vergiss nicht, dass wir eine Menge Spaß hatten in letzter Zeit«, sagte sie. »Und dass die uns sehr gut bezahlen.« Ihre Worte blieben ohne sichtbare Wirkung. »Ich ruf dich an, sobald ich in meinem Zimmer bin, Bill.« Ein sanfter Kuss auf die Wange. »Versprochen.«

9

Kell schüttete den Rest Johnny Walker hinunter und nahm den Hörer vom Telefonapparat auf dem Nachttisch. Er wählte die »0« für die Rezeption. Der Nachtportier nahm nach dem zweiten Rufton ab.

»Oui, bonsoir, Monsieur Uniacke.«

Jetzt ging es darum, seine Geschichte an den Mann zu bringen. Er bekomme mit dem WLAN in seinem Zimmer keine Verbindung, sagte Kell. Ob man bitte an der Rezeption überprüfen könne, ob das Internet gehe. Der Portier entschuldigte sich für die Unannehmlichkeit, diktierte ihm einen alternativen Netzwerkschlüssel und gab der Hoffnung Ausdruck, Monsieur Uniacke möge beim zweiten Versuch mehr Glück haben.

Vergeblich. Zehn Minuten später nahm Kell den Laptop vom Tisch und fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss. Die Lobby war menschenleer. Die beiden späten Gäste hatten ihre Cognacs ausgetrunken, waren zu Bett gegangen, ihr Tisch war aufgeräumt. Gedämpftes Licht, von der Bardame nichts zu sehen.

Kell ging zum Empfangstresen. Er stand schon ein paar Sekunden dort, als der im hinteren Büro in ein Lehrbuch vertiefte Nachtportier aufschaute, von seinem Stuhl aufsprang und sich dafür entschuldigte, ihn nicht gleich gesehen zu haben.

»Pas de problème«, sagte Kell. Meistens zahlte es sich aus, Franzosen in ihrer Muttersprache anzusprechen; man gewann wesentlich schneller ihr Vertrauen und ihre Aufmerksamkeit. Kell klappte das Notebook auf, deutete auf das Display und erklärte, dass er noch keine Verbindung bekommen hatte. »Gibt es jemanden im Hotel, der mir helfen könnte?«

»Ich fürchte nein, Sir. Bis fünf bin ich allein hier. Aber hier unten in der Lobby ist das Signal deutlich stärker. Ich schlage Ihnen vor, Sie setzen sich in die Bar und machen von dort noch einen Versuch.«

Kell schaute hinüber in den abgedunkelten Salon. Der Portier schien seine Gedanken zu lesen.

»Das Licht kann man heller schalten. Vielleicht möchten Sie noch etwas aus der Bar?«

»Das wäre furchtbar nett.«

Kurz darauf war der Portier hinter der Bar verschwunden. Kell nahm das Notebook zur Hand und schob noch schnell die Schale mit den Trockenblumen auf dem Tresen dreißig Zentimeter weiter nach links, bevor er dem Portier folgte.

»Was lesen Sie da?« rief er zu ihm hinüber, während er sich einen Tisch aussuchte, von dem aus man einen Teil der Lobby überblicken konnte. Der Portier legte ein paar Lichtschalter neben einem Schild mit der Aufschrift »Notausgang« um. Kell hatte noch immer keinerlei Hinweis auf ein Videoüberwachungssystem entdecken können.

»Für die Uni«, antwortete er mit lauterer Stimme, um verstanden zu werden. »Ich habe ein Seminar über die Quantentheorie belegt.«

Nicht gerade Kells Spezialthema: ein paar vage Erinnerungen an Buchbesprechungen, die eine oder andere Talkrunde auf Start the Week. Immerhin reichte es für ein kurzes Gespräch über schwarze Löcher und Stephen Hawking, während der Portier – der sich ihm als Pierre vorstellte – ihm ein Glas Mineralwasser brachte. Nach wenigen Minuten herrschte zwischen beiden Männern diese ganz besondere Eintracht, zu der zwei Fremde in tiefer Nacht finden können, während die Welt um sie herum im Schlaf liegt. Kell spürte, dass Pierre in ihm einen lockeren, wenig bedrohlichen Zeitgenossen sah. Wahrscheinlich war er ganz froh über einen Gast, mit dem er sich unterhalten konnte, weil die Zeit so schneller verging.

»Hier scheint die Verbindung zu klappen«, verkündete Kell. Pierre, der sich gerade das Hemd ordentlich in die Hose stopfte, lächelte erleichtert. Kell loggte sich in einen stillgelegten E-Mail-Account und tat so, als würde er die neuen Nachrichten lesen. »Ich bin so bald wie möglich wieder weg«, sagte er.

»Kein Grund zur Eile, Monsieur Uniacke, lassen Sie sich Zeit. Melden Sie sich, wenn Sie etwas brauchen.«

Sekunden später klingelte es am Eingang. Pierre ging quer durch die Lobby, sprang die Stufen hinunter und verschwand für einen Moment aus dem Blickfeld. Kell hörte eine Frau in erregtem Englisch auf das »verfluchte Mistwetter« schimpfen und sich für »die späte Störung« entschuldigen.

Barbara.

»Bitte hier entlang, Madame.«

Pierre schulterte den Reisesack, führte den späten Gast mit routiniertem Charme in die Lobby und glitt hinter seinen Tresen, um ihre Personalien aufzunehmen.

Sie checkte ein wie ein Profi.

»Oh, der Flug war ein Alptraum. Ich weiß nicht, ob der Pilot noch Herr der Lage war. Eben sind wir noch in der Luft, schon rumpeln wir auf den Asphalt wie eine wild gewordene Planierraupe. Tut mir leid, dass ich nicht Französisch spreche. Als junge Frau habe ich mal an der Loire gelebt und bin ganz gut zurechtgekommen, aber in meinem Alter scheinen sich die Dinge eins nach dem anderen aus dem Hirn zu verabschieden.«

»Steigen Sie allein bei uns ab, Madame?«

»Ja, ich allein. Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, der Arme. Der Krebs war stärker.« Kell hätte beinahe sein Badoit ausgeprustet. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir so kurzfristig ein Zimmer geben. Ich mache Ihnen Ungelegenheiten, stimmt’s? Am Flughafen wussten einige noch nicht, wo sie die Nacht verbringen. Ich hätte mich mit anderen in ein Taxi setzen sollen, aber da war so ein Durcheinander. Dieses Hotel macht einen ganz reizenden Eindruck. Mein Reisepass? Natürlich. Und ich nehme an, Sie brauchen auch meine Kreditkarte? Heutzutage ist das ja so. Die vielen PIN-Nummern. Wie soll ein Mensch die bloß alle im Kopf behalten?«

Kell grinste in sich hinein, während er in Abständen beliebige Buchstaben in die Tastatur tippte, als wäre er ernsthaft beschäftigt. Bald darauf händigte Pierre Barbara die Schlüsselkarte für Zimmer 232 aus, teilte ihr die Frühstückszeiten mit und entließ sie nach oben.

»Drücken Sie den Knopf für die zweite Etage, Madame«, rief er ihr nach, als sie auf die Lifts zuging. »Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe.«

Kell sah auf seine Uhr. 1 Uhr 35. Er gab Barbara zehn Minuten, um sich mit dem Hotel und dem Zimmer vertraut zu machen, dann leitete er mit einer Textnachricht die letzte Phase des Plans ein.

Uhrenvergleich. 1.45. In der Lobby alles im grünen Bereich. Bei Ihnen auch?

Barbara antwortete umgehend.

Ja. Bin ab 2 in Stellung. Viel Glück.

Kell steckte das Handy zurück in die Tasche, als Pierre um die Ecke bog, um Monsieur Uniacke zu fragen, ob er noch etwas aus der Bar benötigte.

»Danke«, antwortete Kell. »Bin versorgt.«

»Und das WLAN? Funktioniert?«

»Absolut.«

Er wartete, bis Pierre wieder in seinem Büro war, dann schickte er Bill Knight eine Nachricht.

Ist die Luft rein?

Keine Antwort. Die Uhr auf dem Laptop sprang auf 1.57.

Draußen alles okay?

Wieder keine Antwort. Ihm blieb nichts anderes übrig, als fortzufahren wie geplant und zu hoffen, dass Knight die Situation im Blick hatte. Kell zog das Ladegerät aus der Steckdose, klemmte sich das Notebook unter den Arm, trug das leere Glas zum Rezeptionsschalter, wo er es am rechten Ende des Tresens neben einem Plastikständer mit Touristenbroschüren abstellte. Pierre saß hinten in seinem Büro, hielt sich mit Coca-Cola wach und widmete sich der Astrophysik.

»Darf ich Sie kurz etwas fragen?«, meinte Kell.

»Selbstverständlich, Sir.«

»Was muss ich für mein Zimmer zahlen? Der Preis in der Bestätigungsmail meiner Firma erscheint mir niedriger, als ich in Erinnerung habe?«

Pierre runzelte die Stirn, loggte sich bei Opera ein und sah im Uniacke-Account nach. Während er das tat, stellte Kell das Notebook ungefähr dreißig Zentimeter neben der Schale mit Trockenblumen auf den Tresen.

»Moment«, murmelte Pierre und spähte auf den Monitor. »Wir haben Sie auf …«

Kell stützte den Ellenbogen neben dem Notebook auf den Tresen, ließ ihn seitlich abrutschen und stieß die Schale mit den Trockenblumen auf den Fußboden.

»Fuck!« rief er auf Englisch, als sie in einer Wolke aus Blütenblättern und Scherben zerschellte. Pierre sprang vom Schreibtisch auf, das kongeniale »Merde!« auf den Lippen, während Kell schon das glorreiche Chaos seiner Kreation betrachtete.

»Tut mir wahnsinnig leid«, sagte er zuerst auf Englisch und wiederholte die Entschuldigung auf Französisch.

»Kein Problem, Sir, wirklich kein Problem. Kann passieren. Das haben wir gleich wieder aufgewischt.«

Kell bückte sich, sammelte die größeren Scherben zusammen, während er nach dem französischen Ausdruck für »Handfeger und Schaufel« suchte. »Haben Sie vielleicht einen Staubsauger?«, fragte er schließlich.

Pierre war inzwischen hinter seinem Tresen hervorgekommen und beugte sich über ihn, die Hände auf den Hüften, und dachte über die beste Vorgehensweise nach.

»Ja, das ist keine schlechte Idee. Oben ist einer. Wir saugen das Zeug einfach auf. Überhaupt kein Problem, Monsieur Uniacke.«

»Aber Sie müssen mir erlauben, Ihnen zu helfen.«

Pierre kniete sich neben ihn auf den Boden, legte ihm zu seiner Überraschung sogar eine Hand auf die Schulter. »Nein, nein, ich bitte Sie, Sie sind unser Gast. Lassen Sie nur, ich kümmere mich darum.«

»Ich glaube, ich habe auf dem Weg in mein Zimmer einen auf der Treppe stehen sehen. Wenn Sie wollen, hole ich ihn. Bitte, ich möchte Ihnen gerne helfen…«

Es war das einzige Risiko bei seiner Strategie; womöglich war der Nachtportier so besorgt um die Sicherheit an seinem Schalter, dass er es einem Gast erlaubte, ihm zu helfen. Aber Kell hatte den Mann richtig eingeschätzt.

»Kommt gar nicht in Frage«, sagte er. »Das mache ich. Ich kenne den Schrank. Bin sofort wieder da. Warten Sie hier …«

Pierre war gerade losgelaufen, als in Kells Hosentasche das Telefon vibrierte. Knight hatte sich doch noch zu einer Antwort herabgelassen.

Hier draußen alles roger, Commander. Ende.

»Idiot«, murmelte Kell und stahl sich hinter den Empfangstresen, als er sicher sein konnte, dass Pierre nach oben gegangen war.

10

Barbara Knight hatte ihre Zimmertür geschlossen, den Reisesack vor dem Badezimmer auf den Boden gelegt, sich einen Cognac aus der Minibar in ein Glas geschenkt und ihren Mann angerufen.

Das Gespräch war besser verlaufen, als sie erwartet hatte. Sie erfuhr, dass ihr Mann von einem Passanten eine Zigarette geschnorrt, sich an einer Bushaltestelle zehn Meter vor der Auffahrt zum Hotel einen Sitzplatz gesucht und sich die Zeit damit vertrieben hatte, über die Liebesaffäre zwischen dem französischen Konsul in Lagos und der Tochter eines angolanischen Ölspekulanten nachzudenken, die während ihres dreijährigen Aufenthalts in Nigeria vor zwanzig Jahren Tagesgespräch gewesen war.

»Am Ende haben sie ihm doch eine Hand abgehackt, oder?«, fragte Knight.

»Darling, dafür hab ich jetzt keine Zeit.« Barbara zog die Vorhänge zu und knipste eine der Nachttischlampen an. »Ich meine, es war nur ein Finger, und es war ein Unfall, soviel ich weiß. Hör zu, ich ruf dich später wieder an.«

Danach hatte sie auf eine Textnachricht von Kell geantwortet – Ja. Bin ab 2 in Stellung. Viel Glück –, ihre Bluse ausgezogen und war nur in Strumpfhose und weißem Hotelbademantel auf den Korridor hinausgetreten.

Keine Minute später stand Barbara Knight auf halber Treppe zwischen erstem und zweitem Stock, die Schuhe in der Hand, und lauschte auf die Schritte des blonden Nachtportiers mit der schrecklichen Akne, der sie kurz zuvor eingecheckt hatte.

Pierre erschien brav um 2.04 Uhr und bekam einen Heidenschrecken vor dem weißen Gespenst mit der wirren Mähne, das ihm entgegenkam, ein Paar Schuhe in der Hand.

»Madame? Alles in Ordnung?«

»Oh, bin ich froh, dass Sie da sind.« Zur Illustration ihrer Verzweiflung fing Barbara an zu zittern und musste sich zwingen, es nicht zu übertreiben. »Ich fürchte, ich hab mich verlaufen. Ich war auf dem Weg nach unten zu Ihnen. Ich hab mich ausgesperrt, als ich die Schuhe zum Putzen vor die Tür stellen wollte …«

»Keine Sorge, Madame, wir können …«

Sie fiel ihm ins Wort.

»Und jetzt kann ich mich partout nicht erinnern, auf welcher Etage ich bin. Ich glaube, Sie waren so nett, mich in 232 unterzubringen, aber ich kann es beim besten Willen nicht …«

Pierre führte Madame Knight auf den sicheren Absatz im ersten Stock. Dem MI6 kam der unvorhersehbare Umstand zugute, dass sich die Großmutter des Nachtportiers in einem frühen Stadium der Altersdemenz befand. Pierre erkannte eine verwandte Seele, legte Barbara ganz sanft eine Hand auf den Rücken und versicherte ihr, dass es ihm eine große Freude sei, Madame Knight zurück in ihr Zimmer zu bringen.

»Ach, Sie sind so ein freundlicher junger Mann«, sagte Barbara, zog die Schlüsselkarte aus dem Morgenmantel und hielt sie in die Höhe. »Hier ist das Mistding, sehen Sie? Aber die verfluchte Zimmernummer steht natürlich nicht drauf.«

Kell hatte schnell gearbeitet; Pierre war noch eingeloggt gewesen. Während der Nachtportier sich um Barbaras Bedürfnisse kümmerte, klickte er auf »Belegung«, und es öffnete sich ein Raster, das ihm Zugang zu Informationen über jeden Gast des Hotels verschaffte. Die Zimmernummern erschienen in einer senkrechten Spalte auf der linken Seite des Rasters, die Daten der Belegung auf der obersten waagrechten Zeile. Er suchte die Daten für Amelias Aufenthalt heraus, und als er auf »218« klickte, öffneten sich die Details zu ihrem Zimmer.

Es sprach für Kells Routine und sein Vertrauen in Barbara, dass er das Risiko einging, eine dreiseitige Zusammenfassung über Amelias Aufenthalt auszudrucken, einschließlich der Bestellungen beim Zimmerservice, der Wäscherechnungen sowie sämtlicher Telefongespräche, die sie vom Festnetzapparat in ihrem Zimmer aus geführt hatte. Dann kehrte er zurück auf die Startseite, zog die Ausdrucke aus dem Drucker im Büro, faltete sie zusammen, schob sie sich in die Gesäßtasche und ging wieder hinaus zum Empfangstresen. Neben der Tastatur entdeckte er einen Magnetstreifenkodierer. Kell schaltete ihn ein, folgte der Sichtanzeige zum »Check-in«, gab »218« ein, setzte ein Ablaufdatum von sechs Tagen fest und drückte auf »Erstellen«. Er nahm das oberste von einem kleinen Stapel Plastikkärtchen neben dem Gerät, schob es in den dafür vorgesehenen Schlitz, hörte, wie die Informationen in den Streifen geschrieben wurden, zog das Kärtchen wieder heraus und steckte es zu Amelias Rechnung in die Gesäßtasche.

Als Pierre fünf Minuten später wieder auftauchte, hatte Thomas Kell fast alle Scherben vom Boden der Lobby zusammengesucht und pickte Blütenblätter aus dem Teppich.

»Das wäre nicht nötig gewesen, Monsieur Uniacke.«

»Ich wollte wenigstens ein bisschen behilflich sein«, erwiderte Kell. »Es tut mir so leid, was mir da passiert ist.«

11

Der Flur im zweiten Stock war menschenleer. Auf seinem Weg zu Zimmer 218 wurde Thomas Kell nur vom Surren der Klimaanlage begleitet. Beinahe überfallartig überkam ihn eine große Müdigkeit; der Adrenalinstoß des Täuschungsmanövers war verpufft, die Nachwirkungen der langen Nacht in Hackney waren geblieben.

Er steckte die Schlüsselkarte in den Schlitz, sah das grüne Lämpchen über dem Türgriff aufleuchten, schlüpfte in Amelias Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu. Dabei blitzte in seinem Kopf ein Bild auf: Ihr nackter Körper ausgestreckt auf dem Bett, ein Alptraum aus Gewalt und Blut. Es war schnell wieder verflogen – eine kurze, absurde Halluzination.

Das Bett war gemacht, Amelias Kleider und persönliche Dinge hatte ein Zimmermädchen ordentlich zurechtgelegt. Das Zimmer war identisch mit seinem; eine Schiebetür vor einem kleinen Balkon gab den Blick frei auf den Boulevard Dubouchage. Kell ging ins Bad und machte eine exakte Inventur der Dinge, die dort herumlagen. Keine Zahnbürste, keine Zahnpasta, aber eine Plastikdose für Kontaktlinsen und eine Flasche ReNu-Reinigungsflüssigkeit. Keine Haarbürste, keine Brille, keine Spur von Amelias Lieblingsparfüm Hermès Calèche. Offenbar hatte sie ihr Reiseziel gekannt und entsprechend gepackt.

Er warf einen Blick in den Kleiderschrank. Ein kleiner Stahlsafe auf einem der Regale war verschlossen. Normalerweise würde eine erfahrene Agentin wie Amelia Levene niemals das Risiko eingehen, wichtige Dinge hinter einem Schloss aufzubewahren, das jeder Hausmeister in weniger als dreißig Sekunden öffnen konnte, andrerseits dürfte sie nicht mit Gefahr aus London gerechnet haben. Kell zog den Safe von der Wand und drehte ihn um hundertachtzig Grad. Auf der Rückseite waren unter einer Staubschicht Herstellername und Seriennummer in eine Metallplatte graviert. Kell wischte den Staub weg und rief den Technischen Dienst an. Er benutzte den von Marquand erhaltenen Code, um sich als Mitarbeiter des MI6 auszuweisen, und forderte eine vierstellige Zahlenkombination für den Sentinel—II-Safe an, nachdem er einem verschlafenen Techniker irgendwo tief im Innersten von Vauxhall Cross die Seriennummer diktiert hatte.

»Reicht eine SMS als Antwort?«, lautete die Rückfrage.

»Absolut«, antwortete Kell.

Unter dem Regalbrett lag ein großer Koffer, aber von der ledernen Reisetasche, die Amelia auf kürzere Flugreisen mitnahm, war nichts zu sehen. Im Nachbarschrank hing eine Kostümjacke samt dazugehörigem Rock. Welche Frau reiste mit weniger als drei Garnituren zum Wechseln nach Südfrankreich? Amelia musste außer der, die sie am Leib trug, noch mindestens eine zweite eingepackt haben. Er zog den Koffer heraus auf den Teppichboden und klappte ihn auf. Es lagen ein paar verknitterte Blusen, Unterwäsche und eine Strumpfhose darin. Sie hatte ihn vorübergehend zum Wäschesack umfunktioniert. Der Kofferdeckel hatte eine mit Reißverschluss gesicherte Innentasche, in der Amelia zwei, drei Taschenbücher, ein Headset, ein ungeöffnetes Päckchen Zigaretten und eine Ausgabe des Prospect-Magazins untergebracht hatte. Kell tastete die Ränder des Koffers ab, aber unter dem Futter schien sich nichts zu verbergen. Er schob den Koffer zurück in den Schrank und setzte sich aufs Bett.

Es war 2.47 Uhr. Irgendwo unten auf der Straße fauchte eine Katze. Kell dachte an die Knights: Barbara in ihrem Zimmer, nur ein paar Türen weiter auf demselben Flur, Bill auf dem Weg zurück nach Menton. Sie hatten sich in der Altstadt von Nizza zum Mittagessen verabredet, eine Verabredung, die Kell wahrscheinlich absagen würde. Seine Zusammenarbeit mit den beiden war beendet. Der Drang, sich auf dem Bett auszustrecken und ein paar Stunden zu schlafen, wurde beinahe übermächtig, aber dazu war noch keine Zeit. Er durchsuchte die Schubladen der beiden Nachttische, fand nur die unvermeidliche Bibel und ein paar Stückchen in Stanniol verpackte Kopfkissenschokolade. Er suchte unter dem Bett nach einem Notebook, einer Aktenmappe, einem Mobiltelefon, hob die Matratze aus dem Bettgestell und wirbelte nur Flusen und Staub auf. Die Schubladen des Schreibtischs enthielten etwas Briefpapier, einen Führer für »Nice et Les Alpes-Maritimes« und eine Informationsbroschüre über das Hotel. Abgesehen vom Safe konnte Kell sich keinen Ort mehr vorstellen, an dem Amelia etwas versteckt haben könnte, das Auskunft über ihren Verbleib gab. Die einzige frische Spur war die Nummer eines französischen Mobiltelefons auf dem Ausdruck aus der Registratur. Fünf Minuten nachdem er Pierre am Empfang eine gute Nacht gewünscht hatte, rief er Marquands Kontaktmann beim GCHQ an und bat um Überprüfung.

»Kann ein paar Stunden dauern«, teilte ihm eine muntere Stimme aus Cheltenham mit. »Um diese Nachtzeit ist viel Betrieb, weil in Afghanistan und Pakistan der Tag beginnt.«

Kell fragte sich, wer das Rennen machen würde, Vauxhall Cross oder Cheltenham? Es erschien ihm wie ein Wettbewerb um das größere Desinteresse an seiner Lage. Er ging zurück ins Badezimmer, tastete den Spülkasten ab, durchsuchte die Taschen zweier Bademäntel, die hinter der Tür hingen. Der Gedanke, Amelia könnte einen Reisepass oder eine SIM-Karte versteckt haben, veranlasste ihn, die Badezimmerwände nach losen Fliesen und den Teppichboden nach eventuellen Taschen abzutasten. Nichts. Er schüttelte die Vorhänge, versuchte, einen Blick hinter den Fernseher zu werfen. Schließlich ließ er es gut sein.

Warum hatte sich London noch nicht gemeldet? Lag es an dem Code, den Marquand ihm gegeben hatte? Oder hatten die Techniker ihn am frühen Morgen aus dem Bett geklingelt und waren von ihm so zusammengefaltet worden, dass sie jetzt keinen Mucks mehr machten.

Kell hatte sich gerade auf Amelias Bett gelegt, um sich doch noch ein, zwei Stunden Ruhe zu gönnen, als die SMS eintraf. Er erhob sich, tippte die vierstellige Zahlenkombination in den Safe, hörte das beruhigende Knacken des sich öffnenden Schlosses und zog die Tür an ihrem beschwerten Scharnier auf.

Der Preis des Fassadenkletterers war ein einziger Gegenstand, der genau in der Mitte des Safes lag: ein Autoschlüssel. Avis-Logo auf dem Anhänger aus Plastik, zwei Fernbedienungstasten für die Zentralverriegelung, Bart aus Metall, der beim Druck auf einen kleinen silbernen Knopf ausschwenkte.

Kell verschloss den Safe wieder, ließ den Schlüssel in die Hosentasche fallen und verließ das Zimmer.

12

»Sie können nicht schlafen, Monsieur Uniacke?«

Kell war dankbar für die vorformulierte Lüge. Er stützte sich auf den Empfangstresen, setzte ein bekümmertes Lächeln auf und erklärte, seit Jahren von Schlaflosigkeit geplagt zu sein, gegen die nur ein strammer Spaziergang um den Block half.

»Natürlich. Ich mache Ihnen die Tür auf.«

Sein Blick fiel auf den von sämtlichen Glassplittern und Blütenblättern gereinigten Teppichboden, und er dankte Pierre noch einmal für das Saubermachen, als er ihm die kurze Treppe hinunter zum Hoteleingang folgte. Fünf Minuten später stand er vor dem codegesicherten Tor seiner Tiefgarage an der Place Marshall, weil es ihm durchaus möglich erschien, dass auch Amelia ihren Wagen hiergelassen hatte.

Das war ein Irrtum. Bei seinem Abstieg durch die vier unterirdischen Etagen des gelblich ausgeleuchteten Korkenziehers aus Stille und muffiger Luft drückte Kell pausenlos auf den Auslöser des ferngesteuerten Türöffners, ohne irgendwo die Rücklichter von Amelias Leihwagen aufleuchten zu sehen. Auch beim Aufstieg vom untersten Parkdeck zurück zur Straße drückte er ein ums andere Mal ohne Erfolg auf das Schlüsselgehäuse. Ein Nachtwächter döste in einem Häuschen hinter einer Schranke, Füße auf dem Tisch, Arme über einer Nummer der Paris Match verschränkt. Kell klopfte ans Fenster.

»Excusez-moi?«

Kein Körperteil des Nachtwächters regte sich, nur die Augen klappten auf wie bei einer Babypuppe.

»Oui?«

»Ich war der Meinung, heute Morgen hier geparkt zu haben, aber ich kann mein Auto nirgends finden. Gibt es noch eine Garage in der Nähe?«

»Etoile«, antwortete der Nachtwächter. Die Augen klappten wieder zu.

»Wie bitte?«

»Nice Etoile. Rue Lamartine. Fünf Minuten zu Fuß.«

Die zweite Tiefgarage lag etwa gleich weit vom Gillespie entfernt. Kell ging durch die Stille der Nacht, ein Fremder auf verlassenen französischen Straßen. Er machte es wieder so, ging von Etage zu Etage, drückte den Knopf der Infrarotbedienung, hielt Ausschau nach Amelias Auto.

Im zweiten Untergeschoss wurde er fündig. Bei einer Drehung um 360 Grad sah er in einer entfernten Ecke der Garage zwei gelbe Lichter aufblinken. Ein dunkelblauer Renault Clio, eingezwängt zwischen einem verbeulten weißen Van und einem schwarzen Seat Altea mit Marseiller Kennzeichen. Auf der Windschutzscheibe eine dünne Staubschicht. Kell ging zum Kofferraum, in dem er einen Regenschirm und ein Paar Wanderstiefel fand. Er nahm die Sachen heraus, legte sie auf den Boden und hob die Klappe, um an das Reserverad zu kommen. Es war verschraubt, mit einer Plastikklemme an einem Drahtseil befestigt, das durch die Mitte des Rads führte.

Kell schraubte die Klemme auf, zog das Rad heraus, ließ es auf den Boden poltern und entdeckte das in dem Hohlraum versteckte Stoffbündel. Eingewickelt in einen Kissenbezug des Hotels Gillespie fand er Amelia Levenes Reisepass, ihren Führerschein, die Kreditkarten und den Hausschlüssel, eine SIM-Karte in einer Plastikhülle, dreihundert mit einem Gummiband gebündelte englische Pfund und in einem wattierten braunen Umschlag ihr Blackberry, an dem sie normalerweise hing wie an der Infusionsnadel.

Kell verstaute SIM-Karte und Blackberry in seiner Jackentasche, bevor er den Rest des Autos durchsuchte. Sie war kaum damit gefahren. Ein fast blütenreiner Bogen Papier mit dem Avis-Logo schützte noch den Boden vor dem Fahrersitz. Ein paar Spuren auf der Oberfläche stammten von Amelias Schuhen. Kell schraubte das Ersatzrad wieder an seinen Platz, legte Kissenbezug, Regenschirm und Wanderschuhe zurück in den Kofferraum und verriegelte das Auto, bevor er zur Straße hinaufstieg, dreihundert Meter den Boulevard Dubouchage entlangging und auf die Nachtglocke des Gillespie drückte.

»Nun, haben Sie sich müde genug gelaufen?«, fragte Pierre und sah zur Uhr wie ein schlechter Schauspieler.

»Ich will’s hoffen«, antwortete Kell. Ein demonstratives Gähnen konnte er sich eben noch verkneifen. »Tun Sie mir noch einen Gefallen?«

»Jeden, Monsieur Uniacke.«

»Streichen Sie den Weckruf. Drei Stunden Schlaf werden mir kaum reichen.«

13

Aber er sollte keinen Schlaf bekommen.

Thomas Kell duschte, legte sich ins Bett, schloss die Augen und bemühte sich, die Ereignisse des Tages auszublenden, die ihm immer wieder durch den Kopf gingen. Er hatte Marquand angerufen und ihn um ein Update für das französische Mobiltelefon und um technische Unterstützung für die SIM-Karte des Blackberry gebeten. Es war schon nach vier. Er wusste, das Marquand vor sieben zurückrufen würde, und Cheltenham würde die Daten des französischen Mobiltelefons in weniger als zwei Stunden bereithaben. Da lohnte es sich ja nicht einmal die Augen zuzuklappen.

Das Zimmer wurde ihm unheimlich, die Stille, das Halbdunkel. Kell spürte die Einsamkeit so intensiv wie während der ganzen Zeit seit seinem Abschied von Vauxhall Cross nicht. Wie so oft in tiefer Nacht hatte er das Gefühl, keine andere Existenz, keine andere Laufbahn zu kennen als die, die ihn von allen anderen trennte. Manchmal schien es ihm, als hätte sich seine ganze Persönlichkeit aus diesem Hang zur Heimlichkeit heraus entwickelt; er konnte sich nicht mehr erinnern, wer er als zwanzigjähriger junger Mann gewesen war, bevor ihm jemand auf die Schulter getippt hatte.

Was war aus dem Leben geworden, von dem er geträumt hatte, dem Leben am anderen Ufer des Flusses, das er sich versprochen hatte? Er werde ein Buch schreiben, hatte er jedem erzählt, der es hören wollte. Er war fest entschlossen gewesen, zu studieren, Architekt zu werden, eine Vorstellung, die ihm auf einmal so absurd vorkam, dass er in der Stille des Zimmers laut auflachte. Tag für Tag hatte er während der grauen Wintermonate des neuen Jahres versucht, sich wie ein normaler Bürger zu benehmen, ein ganz normaler Mann zu sein, der Gesellschaft suchte, sich Fußballspiele anschaute, sich im Pub mit wildfremden Leuten unterhielt. Er war entschlossen gewesen, anders zu werden, sich Filme und HBO-Serien anzusehen, die Romane und Autobiographien zu lesen, die er versäumt hatte, aber alles, was er fühlte, war der Ruf der geheimen Welt. Er hatte sogar – gegen alle Vernunft – daran geglaubt, vielleicht doch noch Vater werden zu können. Aber dieser ganz eigene Traum schien ihm jetzt so weit weg, so unerreichbar wie der Aufenthaltsort Amelia Levenes.

George Truscott fiel ihm ein, der Mann, dem ein dauerhaftes Verschwinden Amelia Levenes den größten Nutzen brachte. In der Unruhe seiner Schlaflosigkeit fragte sich Kell, ob nicht Truscott höchstpersönlich für ihr Verschwinden gesorgt haben könnte. Warum ließ man in Nizza nach ihr suchen? Warum setzte man ausgerechnet Thomas Kell auf ihre Fährte? Als er in dem dunklen Zimmer die Augen aufschlug, sah er nur den schwachen gelblichen Schein einer Straßenlaterne durch das Fenster schimmern. Er verachtete Truscott nicht für seinen Ehrgeiz, auch nicht für seine Cleverness und Hinterlist, sondern weil er für all das stand, was Kell an der zunehmend pragmatischen Atmosphäre innerhalb des MI6 zuwider war; Truscotts primäres Anliegen war nicht der Dienst, die Verteidigung seines Landes, sondern seine persönliche Befriedigung. Mit einem geringeren IQ und einem etwas bescheideneren Ego hätte Truscott wohl eine Karriere als Verkehrspolizist oder Stadtinspektor eingeschlagen und nachts davon geträumt, wie er tagsüber Strafzettel verteilte oder Direktiven gegen Lärmbelästigung herausgab. Kell hätte bei dem Gedanken loslachen können, wäre es nicht so eine deprimierende Aussicht gewesen, dass Truscott zum Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes aufsteigen, noch mehr Apparatschiks, noch mehr glatte Juristen mitbringen und gleichzeitig die talentiertesten Agenten auf dem Altar seiner Eitelkeit opfern könnte. Amelia Levene war mit ziemlicher Sicherheit der letzte Schutzwall, der den MI6 davor bewahrte, zu einer Filiale des Gewerbeaufsichtsamts zu verkommen.

Der erste Anruf kam vom Hotel. Pierre hatte vergessen, den Weckruf zu streichen. Punkt sieben warf das Telefon Kell aus dem Bett. Er konnte kaum länger als eine halbe Stunde geschlafen haben. Zehn Minuten später, wieder unter der Dusche, hörte er den vertrauten Klingelton seines Handys. Kell, den Kopf eingeschäumt, stieß einen leisen Fluch aus, drehte das Wasser ab und stieg aus der Duschkabine.

Marquand. Offenbar bester Laune.

»Bonjour, Thomas. Comment allez-vous?«

Die erste Regel beim MIG lautete: Niemals jammern, keine Schwäche zeigen. Also gab Kell in Marquands hochnäsigen Ton zurück: »Je suis très bien, monsieur«, als hätte er es mit seinem Französischlehrer in der Grundschule zu tun.

»Du hast ihr Blackberry gefunden?«

»Im Kofferraum ihres Mietwagens. Einen halben Kilometer vom Hotel entfernt in einer Parkgarage.«

»Wie bist du an die Schlüssel gekommen?«

»Die hat sie im Safe in ihrem Hotelzimmer zurückgelassen.«

Marquand witterte Ungemach.

»Wieso das denn?«, fragte er.

»Was weiß ich? Vielleicht hat sie nicht damit gerechnet, dass Truscott ihr ein Team auf den Hals hetzt.« Er ließ das einsickern und stellte sich Marquand vor, wie er sich nervös die Frisur zurechttupfte. »Zeit zum Packen hatte sie genug. Sie war nicht in Eile. Im Badezimmer hab ich weder Zahnbürste noch Parfüm gefunden. Auch der Großteil ihrer Kleidung ist weg. Sie reist unter einem Decknamen, vermutlich trägt sie eine Sonnenbrille und hat eine lederne Reisetasche bei sich. Vielleicht sollte ich die Schlüssel finden, aber das ist sehr spekulativ. Ihr Reisepass und die Kreditkarten waren zusammen mit dem Blackberry, Hausschlüsseln, SIM-Karte versteckt. Hinten im Mietwagen. Sie hat wohl nicht befürchtet, dass er entdeckt werden könnte.«

Kell äußerte die Bitte, das Blackberry samt SIM-Karte von jemandem analysieren zu lassen, der ihre MI6-Verschlüsselung aufbrechen konnte. Trotz der frühen Stunde hatte Marquand bereits mit einer IT-Expertin in Genua Kontakt aufgenommen und teilte Kell mit, dass die Frau gegen Mittag in Nizza eintreffen würde.

»Elsa Cassani. Hat in Rom für uns gearbeitet. Inzwischen freiberuflich tätig, weil sie so wesentlich mehr verdienen kann. Versteht sich auf Tech-ops, ist eine begnadete Hackerin, hat Kontakte zu mehr Geheimdiensten, als ich mir vorstellen möchte. Resolut, klug, hocheffizient. Sie wird dir gefallen. Kommt mit den höchsten Empfehlungen.«

»Sie soll mich anrufen, wenn sie in Nizza ist.« Kell hoffte auf ein paar Stunden Schlaf, sofern Elsa ihn bis zwölf Uhr mittags in Ruhe ließ. »Was hast du sonst noch für mich?«

»Cheltenham hat sich gemeldet. Sie haben die Telefonnummern überprüft, die du geschickt hast. Eine gehört zu Amelias Haus in Wiltshire. Sie hat in zwei Tagen dreimal dort angerufen und wohl jedes Mal mit Giles gesprochen, der letzte Woche dort war. Soviel wir wissen, hatte er seit ihrem Verschwinden nichts mehr von ihr gehört. Kein Gespräch dauerte länger als fünf Minuten.« Und dann fiel ihm noch etwas ein: »Ich vermute, Giles hat sie dermaßen gelangweilt, dass sie in ein vegetatives Dauerkoma verfallen ist.« Kell hängte das »Bitte-nicht-stören-Schild« an den Türgriff, aber für eine Replik auf den Witz war er zu müde. »Das französische Handy kommt uns zum ersten Mal unter. Neue Nummer, vor vier Monaten in Paris gekauft. Registriert auf den Namen François Malot. Wahrscheinlich hat Amelia nur eine Nachricht hinterlassen, denn der Anruf hat keine dreißig Sekunden gedauert.«

Kell stellte die Verbindung her: »Malot. Eine der Bestattungen im 14. Arrondissement.« Er legte die Sicherheitskette vor die Tür und dachte, dass Marquand immer schon einen Schritt hinter der Musik hergehinkt war.

»Richtig, ja. Ausgezeichnet, Tom. Ich wusste, wir haben den richtigen Mann angeheuert. Ich seh mir das noch genauer an. Du hörst von mir.«

14

Elsa Cassani hatte den müden Teint einer jungen Frau, die einen großen Teil ihrer siebenundzwanzig Lebensjahre in abgedunkelten Räumen vor Computermonitoren verbracht hatte. Eine vollschlanke, lebhafte Italienerin mit Ohrsteckern und energischem Lächeln. Kurz nach zwölf hatte sie Kell auf dem Handy angerufen und sich mit ihm in einem Café in der Rue de l’Hôtel des Postes verabredet, um SIM-Karte und Blackberry abzuholen.

Die Übergabe verlief problemlos. Wie verabredet trug Elsa einen Hut, hatte sich einen Tisch gesucht und einen Campari Soda bestellt. (»Aha«, hatte sie sich über die Absprache lustig gemacht, »weil er rot ist.«) Ein paar Minuten später war Kell hereingeschlendert gekommen, hatte den Hut und den Drink gesehen und ihr die Hardware mit der Bitte übergeben, ihm die Ergebnisse »bis Sonnenuntergang« zu liefern. Dann hatte er Elsa allein an ihrem Tisch zurückgelassen und war in Richtung Mittelmeer davongegangen. Keiner der beiden hatte mit der Wimper gezuckt. Es bestand keine Notwendigkeit, sich an die Vorsichtsmaßnahmen bei einer Zufallsbegegnung zu halten. Oder gar an die strengen »Moskauer Regeln« beim Erstkontakt.

Seine tiefe Abneigung gegen Nizza hatte Kell vergessen gehabt. Nichts von dem, was für ihn den Charakter Frankreichs ausmachte, vermochte er hier zu finden: Nizza vermittelte einem das Gefühl einer geschichtslosen Stadt, die nie gelitten hatte. Die zu sauberen Straßen, die kitschigen Palmen, die Flaneure auf den Promenaden, die Mädchen, die nicht richtig schön waren: Nizza war eine antiseptische Spielwiese betuchter Ausländer, denen es an Fantasie mangelte, sich sinnvollere Verwendungen für ihr Geld auszudenken. »An solch einem Ort legt die Sonnenbräune sich zum Sterben nieder«, murmelte er in Anlehnung an einen alten Witz vor sich hin. Kell erinnerte sich an seinen letzten Besuch in der Stadt, eine Übernachtung im Jahr 1997. Er hatte einen IRA-Kommandanten verfolgt, der mit einem unappetitlichen tschetschenischen Geldwäscher Freundschaft geschlossen hatte. Der Tschetschene hatte eine Villa in Villefranche, und so war Kell an einem feuchten Maimorgen in Nizza gelandet, einer geisterhaften, sterilen Stadt. Die Cafés in den Arkaden um den alten Hafen waren verlassen, das Café de Turin servierte einem halben Dutzend Gästen Austern. Diesmal jedoch war alles anders, in der Stadt wimmelte es von Touristen, die jeden Quadratzentimeter Strand, jede Umkleidekabine in den noblen Boutiquen in der Rue Paradis und der Rue Alphonse Kerr mit Beschlag belegten. Kell bedauerte schon, nicht einfach im Hotelzimmer geblieben zu sein, sich vom Zimmerservice ernähren zu lassen und sich auf BBC World einen kostenpflichtigen Film nach dem anderen reinzuziehen. Stattdessen suchte er sich zwei Häuserblocks stadteinwärts vom Meer eine Kneipe, bestellte sich bei einer hübschen, trinkgeldgeilen Kellnerin ein ungenießbares Steak mit Pommes und begab sich auf die Lesereise durch Seamus Heaneys Wasserwaage; den Gedichtband hatte er in London im letzten Moment noch in die Reisetasche geworfen. Hinter der Bar vertrieb sich ein auf Johnny Hallyday stilisierter Mittfünfziger die Zeit mit seinem iPhone und dem Versuch, sein Antlitz in einem Spiegel zu fotografieren. Niemand musste Kell mehr davon überzeugen, dass so ziemlich jedes Restaurant in Südfrankreich von einem Mittfünfziger mit der 34. Ehefrau, Bierbauch, Lederhaut und platinblonder Bettgenossin als Bedienung betrieben wurde. Dieses Exemplar kratzte sich in einem fort die Arschspalte wie Raphael Nadal vor dem Aufschlag. Als es Zeit wurde zu bezahlen, beschloss Kell, sich einen Spaß mit ihm zu machen.

»Das Steak war zäh«, sagte er auf Englisch.

»Comment?«

Der Wirt blickte über die Schulter, als wäre es unter seiner Würde, direkten Blickkontakt mit dem Briten aufzunehmen. »Das Steak war zäh, habe ich gesagt.« Kell zeigte in Richtung Küche. »Das Essen in diesem Laden ist nur um Nuancen besser als der Fraß, der den Sträflingen in Papillon vorgesetzt wurde.«

»Wie bitte?«

»Halten Sie es für gerechtfertigt, Ihren Gästen achtzehn Euro für einen halb durchgegarten Batzen Kaugummi zu berechnen?«

»Il y a un problème, monsieur?«

Kell drehte sich um. »Scheiß der Hund drauf«, sagte er und gab sich damit zufrieden, Halliday aus seiner Selbstgefälligkeit aufgestört zu haben. Die Bedienung, die den Wortwechsel mit angehört hatte, schenkte Kell dafür ein laszives Lächeln. Er ließ fünfzig Euro von Truscotts Geld auf dem Tisch liegen und trat hinaus in die Nachmittagssonne.

Ein weiser Mann hat einmal gesagt, spionieren heißt warten. Warten auf einen Boten. Warten auf eine Chance. Kell vertrieb sich die Zeit mit einem Spaziergang durch das alte Nizza und die Yves-Klein-Galerie im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Auf einer gusseisernen Bank im Zwischengeschoss checkte er sein Londoner Handy. Claire hatte aus dem Wartezimmer ihrer Eheberaterin eine Serie immer zorniger klingender Textnachrichten abgefeuert. Er hatte den Termin total vergessen.

Danke. Danke für die Scheissverschwendung meiner Scheisszeit.

Er hatte keine Lust, sich zu erklären, zu beichten, dass Marquand ihn aus der Kälte geholt hatte. Stattdessen schrieb er rasch zurück:

Sorry. Hab’s total verschwitzt. Verrückter Tag. Bin in Nizza.

Als er Claire dann doch noch anrufen wollte, um ihr die Sachlage mündlich zu erklären, landete er auf ihrer Mailbox.

Tut mir leid, aber ich musste kurzfristig nach Nizza. Geschäftlich. Habe unsere Verabredung komplett vergessen. Bitte entschuldige mich bei …

Kell war der Name der Eheberaterin entfallen, nur an ihre Frisur, einen Bubikopf, ihre Kekse und die tickende Uhr auf dem Kaminsims erinnerte er sich noch. Er schummelte ein bisschen:

der netten Frau Doktor. Sag ihr, ich hätte zu viel zu tun. Ruf mich zurück, wenn du kannst. Ich habe hier eine Verabredung.

Er wusste, dass Claire eins und eins zusammenzählen würde. Sie kannte sich genug mit den Euphemismen der Agentenwelt aus, um zwischen den Zeilen lesen zu können: »ganz kurzfristig«, »eine Verabredung«, »musste nach Nizza«. Thomas Kell war ein in Ungnade gefallener Spion, für ihn gab es nichts Geschäftliches mehr in Frankreich zu erledigen, er musste auf keine Verabredung mehr warten. Was hätte es für einen Grund geben sollen, so kurzfristig nach Nizza zu fliegen, wenn nicht ein Auftrag des MI6? Zu seinem Job hatte es gehört, Claire über die wahre Natur seiner Arbeit die Unwahrheit zu sagen. Kell hatte die kurze Erholung von derlei Notwendigkeiten in den letzten Monaten genossen, doch jetzt steckte er wieder mitten drin in dem Kreislauf der Verschleierung, in dem er zwanzig Jahre lang gefangen gewesen war. Er hielt sich wieder jeden vom Leib, der ihm zu nahe zu kommen drohte – eine Gewohnheit, die ihm irgendwann zur zweiten Natur geworden war. In diesem Zusammenhang hatte es ihn gewundert, dass Claire so versessen darauf gewesen war, einen Psychiater zu konsultieren. Es gab keinen »strukturellen Defekt« in ihrer Ehe – ein Ausdruck, den die Beraterin immer wieder und mit wachsender Selbstzufriedenheit gebraucht hatte. Es gab auch keine »fest verankerte Feindseligkeit« zwischen ihnen. Und wenn Mr und Mrs Kell nach den wenigen Gesprächen über ihre Zukunft, zu denen sie sich getroffen hatten, regelmäßig zusammen im Bett gelandet waren, hatten sie sich am nächsten Morgen gefragt, warum in aller Welt sie eigentlich getrennt lebten. Dabei lag der Grund dafür auf der Hand. Und er war unzweideutig. Ohne Kinder war ihre Ehe am Ende.

Elsa rief kurz vor fünf an, und sie verabredeten sich vor dem Negresco.

Es war, als würde er einen neuen Menschen kennenlernen. In den fünf Stunden, in denen sie die Hardware analysiert hatte, musste mit Elsa eine vollständige Verwandlung vor sich gegangen sein. Auf einmal war ihre Haut von gesunder Röte wie nach einem morgendlichen Strandlauf, und die im Café noch so müden Augen funkelten im grellen Sommerlicht. Vorhin war sie ihm fahrig und zugeknöpft vorgekommen, jetzt war sie voller Leben und Wärme. Sie kamen so leicht miteinander zurecht, dass Kell schon argwöhnte, Marquand könnte sie engagiert haben, damit sie sich in sein Vertrauen einschlich.

»Wie war Ihr Nachmittag?«, fragte sie, während sie der Abendsonne entgegengingen.

»Schön«, log Kell, weil er nach den langen öden Stunden froh über ihre Gesellschaft war und nicht negativ erscheinen wollte. »Ich habe gegessen, bin in einem Museum gewesen, habe etwas gelesen …«

»Ehrlich gesagt kann ich Nizza nicht ausstehen«, erklärte Elsa. Ihr Englisch klang melodisch.

»Geht mir genauso.« Sie sah ihn an, als müsse sie über plötzliche Risse in Kells Fassade lächeln. »Es ist unerklärlich. Ich liebe alles an Frankreich. Die Städte – Paris, Marseille –, das Essen, den Wein, das Kino …«

»Blabla …«, sagte Elsa.

»… aber Nizza ist wie ein Vergnügungspark.«

»Es hat keine Seele«, bot sie ihm rasch an.

Kell dachte kurz darüber nach und pflichtete ihr bei: »Ja, das stimmt. Keine Seele.«

Dichter Berufsverkehr staute sich vor einer roten Ampel, als sie die Promenade des Anglais überquerten – eng aneinandergedrängt, weil zwei Jungs von der anderen Seite auf sie zugerannt kamen. Eine Prostituierte in Stöckelschuhen und schwarzem Lederrock kletterte aus einem Auto auf den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen.

»Auf der SIM-Karte hab ich keine Auffälligkeiten finden können«, sagte Elsa, während sie sich einen Weg durch einen Trupp Mopedfahrer bahnten. »Ich habe sie mit Cheltenham gegengecheckt.«

»Und das Blackberry?«

»Ist über Skype benutzt worden.«

Klar. In Ermangelung einer sicheren Verbindung war Skype die ideale Zuflucht für einen Spion: so gut wie unanzapfbar, schwierig zu orten. Und ein Blackberry reichte dafür völlig aus: mehr als ein billiges Headset aus Plastik hatte Amelia nicht benötigt. Vermutlich hatte sie sich an der Rezeption eins ausgeborgt.

»Haben Sie herausbekommen, wen sie angerufen hat?«

»Ja. Immer derselbe Account, immer dieselbe Nummer. Drei Gespräche. Der Skype-Account hat eine französische E-Mail-Adresse.«

»Gibt es dazu auch einen Namen?«

»Er gehört derselben Person. François Malot.«

»Wer ist der Kerl?«, fragte Kell laut und blieb stehen. Für ihn eine rhetorische Frage, nicht so für Elsa.

»Ich glaube, ich weiß die Antwort«, sagte sie und sah ihn an wie eine Studentin, die ein besonders kniffliges Problem gelöst hatte. Eine Hand verschwand in ihrer Handtasche und wühlte dort nach etwas. »Ich nehme an, Sie sind des Französischen mächtig«, sagte sie und reichte Kell den Ausdruck eines Zeitungsartikels.

»Bin ich«, antwortete er.

Sie lehnten sich auf die Brüstung mit Blick auf den Strand, in der Dämmerung rauschten Inlineskater vorüber. Der Le Monde-Artikel schilderte die grausigen Einzelheiten eines Überfalls in Scharm El-Scheich. Ein gutbürgerliches französisches Ehepaar, seit fünfunddreißig Jahren verheiratet, war während eines Traumurlaubs in Ägypten an einem Strand am Roten Meer mit Messern und Eisenstangen brutal hingemetzelt worden.

»Keine sehr erfreuliche Art, ums Leben zu kommen«, sagte sie mit krassem Understatement. Sie zog eine Zigarette heraus und wandte dem Wind den Rücken zu, um sie sich anzuzünden.

»Kann ich auch eine haben?«, fragte Kell. Sie berührte seine Hand und fing im Schein des Feuerzeugs seinen Blick auf. Plötzlich spürten sie die Nähe zweier Fremder, die in einer fremden Stadt an einem gemeinsamen Job dran waren und dieselben Geheimnisse teilen. Kell erkannte die Anzeichen. Er erlebte es nicht zum ersten Mal.

»François Malot ist ihr Sohn«, sagte sie. »Er lebt in Paris. Er hat keine Brüder und keine Schwestern, keine Frau und keine Freundin.«

»Haben Sie das in Cheltenham erfahren?«

Elsa reagierte geringschätzig. »Das kann ich auch allein«, sagte sie und blies eine Rauchfahne in die Abendluft. »Dazu brauche ich Cheltenham nicht.«

Das plötzliche Aufflackern von Gereiztheit überraschte ihn. Vermutlich wollte sie ihn beeindrucken. Eine positive Rückmeldung nach London war für eine Freie ganz sicher kein Schaden.

»Und woher haben Sie die Information? Facebook? Myspace?«

Elsa drehte sich um und schaute hinunter auf den Strand. Ein Mann in einem weißen Hemd stapfte wackeren Schrittes in gerader Linie in Richtung Meer, als wolle er erst wieder stehen bleiben, wenn er Algerien erreicht hatte. »Aus Quellen in Frankreich. Myspace ist nicht mehr angesagt«, sagte sie, als sei Kell der letzte Mensch in Europa, der das noch nicht wusste. »In Frankreich sind alle auf Facebook oder Twitter. Soweit ich das beurteilen kann, hat François in keinem der sozialen Netzwerke einen Account. Entweder denkt er, dass er dann zu viel von sich preisgibt, oder er ist zu …« Weil ihr das englische Wort »cool« nicht einfiel, behalf sie sich mit dem italienischen »figo«.

Aus östlicher Richtung näherte sich ein Krankenwagen, gelbes Licht blitzte tonlos durch die Palmwedel. Kell, der seit frühester Kindheit eine fast abergläubische Verzweiflung beim Anblick von Krankenwagen empfand, sah ihn mit einem mulmigen Gefühl im Bauch vorbeirasen.

»Gibt es sonst noch was?«, fragte er. »Irgendetwas Ungewöhnliches auf dem Blackberry?«

»Sicher.« Elsas Tonfall gab eine Ahnung von den unerschöpflichen Ressourcen geheimdienstlicher Arbeit. »Der Benutzer hat die Websites von zwei Fluglinien besucht. Air France und Tunisair.«

Kell erinnerte sich an Amelias Akte, ohne eine sinnvolle Verbindung zwischen dem Jahr als Au-pair-Mädchen damals in Tunis und ihrem plötzlichen Verschwinden dreißig Jahre später herstellen zu können. Arbeitete der MI6 an einer geheimen Einflussnahme-Operation, womöglich zusammen mit den Amis? Das Tunesien nach Ben Ali wäre reif dafür. »Hat sie einen Flug gebucht?«

»Schwer zu sagen.« Elsa runzelte die Stirn und trat die Zigarette aus, als sei die Malboro dafür verantwortlich zu machen. »Es ist unklar, aber irgendeine Kreditkartentransaktion mit Tunisair ist gelaufen.«

»Auf welchen Namen lautete die Kreditkarte?«

»Keine Ahnung. Auch den Betrag der Transaktion kenne ich nicht. Die Verschlüsselungen durch die Banken machen das alles sehr viel schwieriger. Aber ich habe alle Einzelheiten an meine Kontaktpersonen weitergegeben. Die werden den Namen schon herausbekommen.«

Kell versuchte, die verbliebenen Stücke des Puzzles einzupassen. Die Tatsache, dass Amelia ihren Mietwagen in Nizza gelassen hatte, war ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie übers Meer geflogen war. Und die Spuren auf dem Blackberry deuteten auf einen Flug nach Tunesien hin. Aber zu welchem Zweck? Und wohin? Vor langer Zeit hatte der britische Auslandsgeheimdienst einen kleinen Stützpunkt in Monastir unterhalten. Oder war sie in Tunis? Elsa hatte die Antwort für ihn.

»Es gibt noch etwas sehr Wichtiges«, sagte sie.

»Ja?«

»François Malots Mobiltelefon. Meine Kontaktleute haben es geortet. Er hat Paris offenbar verlassen. Es sieht so aus, als würde er Ferien in Tunesien machen. Das Signal wurde in Karthago geortet.«

15

Kell trug Amelias Blackberry samt SIM-Karte zurück in die Tiefgarage, verstaute es wieder an seinem Platz im Kofferraum des Mietwagens und kehrte zurück ins Hotel Gillespie. Er legte den Autoschlüssel in den Safe zurück, vergewisserte sich, dass das Zimmer so aussah, wie er es verlassen hatte, und buchte mit dem Notebook einen Flug nach Tunis. Um sieben Uhr am nächsten Morgen war er unterwegs zum Flughafen Nizza. Den Citroën ließ er bei Hertz.

Um elf Uhr sollte ein Streik der Gepäckarbeiter beginnen, aber Kells Flug ging kurz nach zehn, und er landete keine Stunde später in der weißen Hitze von Tunis-Karthago. GCHQ versicherte ihm, dass François Malot sich in Gammarth aufhielt, einem exklusiven Vorort am Meer, gleichermaßen beliebt bei Pauschaltouristen wie bei Finanzleuten und Diplomaten, die etwas Erholung von der Betriebsamkeit in der Innenstadt von Tunis benötigten. Das Signal von Malots Mobiltelefon konnte entlang eines kurzen Streifens an der Mittelmeerküste geortet werden, einem Areal, das an einen Golfplatz mit neun Löchern grenzte, und auf dessen beschränkter Fläche zwei miteinander konkurrierende Fünf-Sterne-Hotels lagen. Malot konnte eigentlich nur in einem der Hotels abgestiegen sein. Im Gästeregister des Valencia Carthage war kein Gast dieses Namens verzeichnet, während die Rezeption des Ramada, die Kell aus einer Telefonzelle am Flughafen Nizza angerufen hatte, ihn ohne Umstände mit Monsieur Malots Zimmer verband. Kell erfuhr die Zimmernummer – 1214 – und legte auf, bevor das Gespräch durchgestellt war. Drei Minuten später rief er ein zweites Mal im selben Hotel an, bekam jemand anderen an den Apparat und versuchte, dort ein Zimmer für sich zu buchen.

Das erwies sich als schwierig. Es war Hochsommer, und das Ramada war ausgebucht. Über die Touristeninformation am Flughafen Tunis machte Kell einen zweiten Versuch, aber während er in der Luft war, hatte niemand eine Buchung storniert. Die Frau an der Anmeldung war unerbittlich; frühestens in vier Tagen wäre wieder ein Zimmer frei. Sie empfahl ihm das Valencia Carthage am selben Strand. Kell dankte für den Tipp, rief im Valencia an und buchte auf Mr Uniackes Kreditkarte sechs Nächte mit Vollpension.

Eigentlich lag das Valencia nur eine halbe Autostunde vom Flughafen entfernt, doch Kells Taxi geriet in den dichten Verkehr Richtung Küste. Die Fahrzeuge auf der zweispurigen Fahrbahn wichen auf den holprigen Seitenstreifen, manche gar auf den Mittelstreifen aus und scheuten nicht einmal vor der Benutzung der Gegenfahrbahn zurück, um schneller voranzukommen. Afrika, dachte Kell, lehnte sich zurück und genoss das Spektakel. Sein Fahrer, ein älterer Mann, der eine Schwäche für den George Michael der mittleren Periode und einen Sprung in der Windschutzscheibe hatte, überholte und drängelte aus Leibeskräften. Zu beiden Seiten der Straße war der Blick durch die rohen Ytong-Gerippe halbvergessener Bauvorhaben begrenzt. Junge, ältere und alte Männer marschierten ohne ersichtliches Ziel die Schnellstraße entlang; weit weniger rätselhaft war dagegen das pausenlose Gehupe und Getöse überdrehter Motoren.

Schließlich hatten sie den schlimmsten Stau hinter sich und erreichten die Randbezirke von La Marsa. Kells Taxi rollte auf einer von Diplomatenvillen gesäumten Küstenstraße entlang. Die Zufahrten zum Ramada Plaza und dem Valencia Carthage waren hinter einem Kreisverkehr auf der Küstenstraße durch einen gemeinsamen Kontrollpunkt blockiert. Drei Soldaten in Khakiuniformen, jeder mit einem Schnellfeuergewehr ausgerüstet, kontrollierten jedes Fahrzeug, das zu den Hotels und Nightclubs entlang des Strands unterwegs war; das Letzte, was Tunesien im Zeitalter des Massentourismus gebrauchen konnte, war ein islamistischer Fanatiker, der sich in der Lobby eines der Strandhotels in die Luft sprengte. Der jüngste der drei Soldaten schaute zum Rückfenster hinein und suchte Blickkontakt mit Kell. Kell nickte ihm zu, brachte ein schmales Lächeln zustande, und das Taxi wurde durchgewinkt.

Das Valencia stand auf einem Grundstück von vierzig Morgen, das direkt an das Areal des Ramada grenzte. Auf dem Parkplatz wartete ein Renault Mégane auf Kell, dafür hatte Marquand gesorgt. Kell kannte Farbe und Kennzeichen, und das Auto war schnell gefunden; die Schlüssel lagen, wie mit London abgesprochen, im Auspuffrohr für ihn bereit. Ein Gepäckträger mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar, der dunkle Hosen und eine burgunderfarbene Weste trug, sah Kell auf das Hotel zukommen und begrüßte ihn wie einen lange vermissten Bruder. Gegen Kells Protest wurde sein Gepäck für den kurzen Weg zur Lobby auf einen Kofferkuli geladen. In der gesegneten Kühle der Klimaanlage gab er dem Träger ein Trinkgeld, ließ seine Tasche auf dem Kuli und machte vor dem Einchecken einen kurzen Rundgang durch die Halle.

Eine gewaltige Eingangshalle: drei Etagen hoch und ganz in Senfgelb gehalten. Für Kell sah sie aus wie ein mexikanisches Restaurant in einem zur Größe eines Flugzeughangars aufgeblasenen Einkaufszentrum am Rande einer x-beliebigen Stadt. Es gab zwei Speisebereiche im Erdgeschoss, eine jazzig gestaltete Pianobar und ein kleines Café im maurischen Stil. Kell warf einen Blick hinein. Ein paar von Baseballmützen beschirmte Touristen tranken Pfefferminztee aus Gläsern, rauchten Fruchttabak in der Wasserpfeife und gaben sich offensichtlich der Illusion hin, in einem authentischen tunesischen Suk gelandet zu sein. Gleich daneben entdeckte Kell einen Souvenirladen, in dem Kamele an Schlüsselringen und überteuerte Sonnencremes verkauft wurden. Er kaufte sich eine Herald Tribune und reihte sich in die Schlange der ein-und auscheckenden Gäste ein. Rechts vom Empfangstresen, erreichbar über eine zweite, innere Lobby, gab es einen ausgedehnten Wellnessbereich, in dem Hammams, Massageräume und ein Salzwasser-Whirlpool geboten waren. Andere Gäste, die meisten in den weißen Hotelbademänteln, waren dorthin unterwegs. Eine Frau hatte ein Pflaster quer über die Nase geklebt, genau wie die Italienerin mittleren Alters, die vor Kell in der Check-in-Schlange stand. Die Säcke unter ihren Augen waren dunkel und geschwollen, als hätte sie bei eifersüchtigen Handgreiflichkeiten Prügel bezogen. Am Tresen erkundigte sich Kell nach dem Grund.

»Warum laufen hier so viele Damen mit Gesichtsverletzungen herum?«

»Bitte, Sir?«

»Die Pflaster«, sagte er und deutete auf sein Gesicht. »Lauter Gäste mit gebrochenen Nasen. Wie Jack Nicholson in Chinatown. Was steckt dahinter?«

Die Empfangsdame, eine junge Tunesierin mit blauem Kopftuch, sprach sehr gut Englisch und antwortete mit einem Lächeln.

»Unser Haus unterhält geschäftliche Beziehungen zu einer Klinik für plastische Chirurgie in Italien, Mr Uniacke. Die schicken viele ihrer Patienten zu uns, damit sie sich hier von den Operationen erholen können.«

Kell nickte und hielt es – nachdem er sich die Architektur von Amelia Levenes Nase ins Gedächtnis gerufen hatte – für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die designierte Chefin des britischen Geheimdienstes nach einer Nasen—OP in Nordafrika untergetaucht sein könnte.

Sein Zimmer lag am Ende eines dreihundert Meter langen Korridors im Westflügel des Hotels und bot einen Ausblick auf einen Freiluft-Swimmingpool mit Bar, Restaurant und mindestens siebzig Sonnenliegen. Kell ließ sich vom Zimmerservice ein Sandwich bringen und rief Jimmy Marquand an, der ihn über die letzten Neuigkeiten der Fahndung ins Bild setzte. Ein Datenfischzug beim MI6 hatte ein einziges Foto von François Malot zutage gebracht. Marquand hatte es Kell als JPEG geschickt.

»Gut aussehender Bursche«, sagte Kell nach einem Klick auf den Anhang. Das Foto zeigte Malot zusammen mit vier anderen Männern, alle in Business-Anzügen; die Bildunterschrift bezeichnete sie als IT-Berater. Malot war Anfang dreißig, hatte volles, dunkles, auf einer Seite gescheiteltes Haar, den energischen Unterkiefer überschattete ein Dreitagebart; der Anflug eines selbstgewissen Lächelns spielte ihm um den Mund. Genau Amelias Typ, dachte Kell, und Marquand schien den Gedanken gelesen zu haben.

»Du vermutest eine Affäre?«

»Ich vermute gar nichts.« Kell zupfte an einem losen Faden im Polster des Sessels neben dem Schreibtisch. »Vielleicht ist sie gar nicht hier. Vielleicht ist dieser Malot nur ein Schuss in den Ofen.«

»Und die Ermordung seiner Eltern? Siehst du da keine Verbindung?«

»Ich bin hier, um das herauszufinden, oder?«

Das Sandwich kam, und Kell beendete das Gespräch. Warum war London so überzeugt von einem erotischen Motiv für Amelias Verschwinden? Soviel Kell wusste, hatte Amelia während ihrer langen Karriere nur zwei ernsthafte Affären gehabt: die eine mit einem amerikanischen Geschäftsmann, der sich vor Kurzem in Oregon niedergelassen hatte, und die andere mit einem verheirateten Kollegen, Paul Wallinger, inzwischen Stützpunktchef in Ankara. Aber das hatte ausgereicht, ihr bei der fast ausschließlich männlichen Belegschaft der Irrenanstalt MI6 den Ruf einer schamlosen Verführerin einzutragen. Und ganz nebenbei – wie hätte sie bei ihrem Terminplan Zeit finden sollen, eine Affäre mit einem zwanzig Jahre jüngeren Franzosen anzufangen?

Es gab natürlich andere Möglichkeiten: Malot konnte ein Kollege des französischen Geheimdienstes sein – entweder DGSE oder DCRI –, mit dem sie eine geheime Operation durchführte. Das wäre eine Erklärung dafür, dass die MI6-Datenbank so wenig Information über Malot ausgespuckt hatte. Aber warum hatte sie ihn nach dem Mord an seinen Eltern trösten müssen? Irgendeine emotionale Bindung musste es zwischen ihnen geben, etwas, das über das rein Berufliche hinausging.

Nachdem die Tasche ausgepackt und das Sandwich zur Hälfte verzehrt war, beschloss Kell, den Nachmittag für einen Spaziergang durch das Hotel zu nutzen, um sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen, bevor er sich im Ramada Plaza auf die Suche nach Malot begab. Beschirmt von einem Sonnenhut, den er im Souvenirladen erstanden hatte, ging er den Weg vom Swimmingpool zum Strand hinunter, wo den Gästen, die es sich auf den in Reih und Glied in den Sand gestellten Sonnenliegen bequem gemacht hatten, Drinks serviert wurden. Esel und abgemagerte Kamele standen zur Vermietung bereit. Ein Fotomodell im knappen Bikini mit langen schwarzen Haaren, die Lippen knallrot geschminkt, wurde im flachen Wasser fotografiert; sie hatte keinen Blick für die Kitesurfer, die beifallheischend auf den Kämmen sich brechender Wellen vorüberritten. Kell zog die Schuhe aus und spazierte durch den heißen Sand, ein warmer Westwind wehte ihm in den Rücken. Nach zweihundert Metern betrat er eine ähnliche Szenerie, diesmal am Eingang zum Strand des Ramada: auch hier Reihen schläfriger Sonnenbadender und Personal, das in einer Holzhütte auf Stelzen Drinks und Snacks bereitstellte, auch hier Esel und Kamele, die auf Arbeit warteten. Er musste an Philippe und Jeannine Malot denken, die auf einem ähnlichen Stück Strand, nur einen Steinwurf entfernt von ihrem rettenden Fünf-Sterne-Hotel, für ein paar lumpige Silberlinge erschlagen und ausgeraubt worden waren.

Das Ramada sah man vom Strand aus als weißen Klotz hinter einer Reihe von Palmen aufragen. Kell befand sich auf einem schmalen von Dünengras und Bambus gesäumten Weg. Eine ältere Dame mit weißem Kopftuch kam ihm entgegen und grüßte ihn mit einem munteren »hello«, als wären sie an Englands Südküste. Von links hörte Kell das langsame, immer wieder unterbrochene Prallen schlecht gespielter Tennisbälle; mit ziemlicher Sicherheit waren da zwei wackere Greise mit hochroten Köpfen am Werk. Der Weg führte schließlich zum Rand eines stark frequentierten, wie eine Acht geformten Swimmingpools, der wesentlich größer war als der, auf den er von seinem Zimmerfenster im Valencia blickte. Es standen mehr Plastikliegen und Tische um ihn herum, und auf drei Seiten war er von den Flügeln des Hotels eingeschlossen. Als einzelner Mann, der weder für den Strand noch den Swimmingpool angezogen war, musste Kell irgendwann auffallen, erst recht in diesem offenen Gelände. Er ging zu einer kleinen Hütte am Rand des Swimmingpoolbereichs und setzte sich an die Bar. Es war brütend heiß. Eine Kaffeemaschine italienischer Bauart und ein paar Flaschen mit alkoholfreien Getränken standen neben einem kleinen Spülbecken. Er nahm alle Badegäste, die er von seinem Platz aus sehen konnte, in Augenschein, hielt Ausschau nach Amelia oder einem Mann, der wie Malot aussah. Aber einzelne Gesichter waren kaum auszumachen. Die meisten Gäste bräunten sich den Rücken oder schliefen auf der Seite, und vom Rest schützten viele ihre Gesichter mit einem Taschenbuch oder einer Zeitung gegen die Sonne. Kell blieb lieber in Bewegung, rutschte von seinem Barhocker und betrat durch einen Seiteneingang das Hotel.

Die Eingangshalle war insgesamt nüchterner als die des Valencia, glich eher der eines Businesshotels in einer Großstadt. Im Bereich der Rezeption stritt sich ein Ehepaar auf Russisch. Die Frau, wasserstoffblond, in weißes Leder gekleidet, war deutlich jünger als ihr Partner und zog das säuerliche Gesicht einer Geliebten, die ihrer Rolle gründlich überdrüssig war. Die übrige Kundschaft schien überwiegend aus britischen Rentnerehepaaren zu bestehen, von denen fünf auf einem L-förmigen Sofa in der Mitte der Eingangshalle hockten, umstanden von Rollkoffern und mit Schnaps und tunesischem Nippes vollgestopften Plastiktüten. Kell ging an ihnen vorüber, verließ das Hotel durch die automatischen Türen des Haupteingangs und fand sich auf einem Parkplatz wieder, von dem aus man auf die Südfassade des Valencia Carthage blickte. Er ging auf die Straße zu, die die beiden Hotelgelände trennte, vorbei an einem einsamen Bediensteten in einem weißgetünchten Schilderhäuschen, dessen einzige Aufgabe es war, die Schranke zu öffnen und zu schließen. Und dann sah Kell, wonach er gesucht hatte. In der Straße hinter der Schranke standen sieben gelbe Taxis und warteten auf Fahrgäste aus dem einen oder dem anderen Hotel. Kell mischte sich unter die Fahrer und bat den, der ihm am nächsten stand, auf Französisch um die simple Auskunft, wie lange eine Fahrt ins Stadtzentrum von Tunis dauere.

»Sie brauchen ein Taxi, Sir?«

Der Fahrer war Ende zwanzig, trug ein Trikot des FC Barcelona, weiße Adidas-Turnschuhe und verwaschene Jeans, wahrscheinlich ein Veteran der Jasminrevolution und zweifellos zu jung und erregbar für den Job, den Kell ihm zudachte.

»Später. Mich interessiert nur, wie lange man braucht.«

Sein Auftauchen hatte die Aufmerksamkeit eines älteren, kahlköpfigen und untersetzten Mannes erregt, der ein Oberhemd und gebügelte Hosen trug. Kell nickte ihn zu sich her. Flinke, kluge Augen, ein gelassenes Lächeln und ein kaum verborgener Schmerbauch bescheinigten die Persönlichkeit, nach der Kell suchte. Er brauchte jemanden mit Lebenserfahrung, jemanden, der nicht gleich jedem Kollegen von dem vielen Geld vorschwärmte, das er verdienen würde.

»Bonjour.«

»Bonjour«, erwiderte der Mann.

In der späten Nachmittagssonne, dem violetten Licht einer Bougainvillea in voller Blüte, führten die drei Männer ein kurzes Gespräch über die touristischen Attraktionen von Tunis. Bald wurde der jüngere der beiden Fahrer an sein Handy gerufen, und Kell blieb mit dem älteren allein zurück.

»Bedienen Sie regelmäßig beide Hotels?«, fragte er. Sie unterhielten sich jetzt auf Arabisch.

»Ja, Monsieur.«

»Von wann bis wann?«

Der Fahrer zuckte die Achseln, Acht-Stunden-Tage schienen ihm fremd zu sein.

»Können Sie mich nach La Marsa fahren?«

Es war natürlich ein Risiko, aber Kell brauchte einen Fahrer auf Abruf, jemanden, der Malot im Auge behielt. Normalerweise hätte er vom MI6 einen Überwachungsagenten zur Verfügung gestellt bekommen, doch bei einer inoffiziellen Operation musste er improvisieren. Es ging jetzt darum, ob man diesem Mann als zusätzliches Augenpaar vertrauen durfte oder nicht. Kell kletterte auf den Beifahrersitz eines gut erhaltenen Peugeot 206 und gab dem Mann den Auftrag, Richtung Meer zu fahren. Er stellte sich ihm als »Stephen« vor, und sie reichten sich über den Schaltknüppel hinweg die Hände.

»Sami.«

Ungefähr anderthalb Kilometer vom Hotel entfernt, kurz hinter der Schranke, bat Kell den Fahrer, an den Rand zu fahren. Wegen der Klimaanlage ließ Sami den Motor laufen, und Kell drehte sich so in seinem Sitz, dass er ihm gegenübersaß.

»Ich möchte Ihnen einen geschäftlichen Vorschlag machen.«

»Okay.«

Kell gefiel die Reaktion: ein leichtes Kopfnicken, ein kurzer Seitenblick auf die Zeituhr.

»Was haben Sie vor in den nächsten Tagen?«

»Arbeiten.«

»Wie wäre es, wenn Sie für mich arbeiten?«

»Okay.«

Wieder so eine unbekümmerte Reaktion. In einiger Entfernung hörte Kell Traktorengeräusche.

»Ich bin dienstlich hier. Und ich brauche vor dem Hotel einen Chauffeur, den ich früh am Morgen und spät am Abend abrufen kann. Wäre Ihnen das möglich?«

Sami überlegte einen Augenblick, dann sagte er: »Okay.«

»Ich zahle Ihnen fünfhundert Dinar am Tag, die erste Rate im Voraus.«

Das war der Gegenwert von ungefähr zweihundert Pfund, eine große Summe für einen Tunesier, der nicht damit rechnen durfte, monatlich mehr als tausend Dinare zu verdienen. Kell gab ihm das Geld, ohne dass Sami seine undurchschaubare Gelassenheit verlor.

»Die folgenden Raten zahle ich Ihnen jeweils am Ende jedes zweiten Tages. Ich möchte nicht, dass Sie mit jemandem über unser Arrangement reden, und es könnte passieren, dass ich Sie bitte, ein paar Leuten zu folgen, wenn diese das Hotel verlassen. Wäre das ein Problem?«

»Das wäre kein Problem.«

»Gut. Wenn ich mit Ihrer Arbeit zufrieden bin, zahle ich ihnen einen Extrabonus von tausend Dinar.«

»Verstehe.« Sami nickte ernst mit dem Kopf; er hatte kapiert, dass er über das Arrangement schweigen musste. Die beiden Männer gaben sich ein zweites Mal die Hand, und jetzt brachte Sami sogar ein Lächeln zustande. Auf dem Armaturenbrett stand ein Foto von zwei kleinen Mädchen, die für irgendeinen Anlass in rosa Kleidchen gesteckt worden waren. Kell nickte in Richtung des Fotos.

»Ihre Kinder?«, fragte er.

»Meine Enkeltöchter«, antwortete Sami, und es schien, als hätte die Aufmerksamkeit für seine Blutsverwandten ihren Bund besiegelt. »Ich habe einen Sohn. In Marseille. Im November fahre ich ihn besuchen.«

Kell zog sein Handy aus der Tasche und scrollte sich durch die Fotos. Er zeigte Sami das Foto von Malot.

»Das ist der Mann, an dem ich interessiert bin. Haben Sie den schon mal gesehen?«

Sami musste eine Lesebrille aufsetzen, um das Foto richtig erkennen zu können. Er schüttelte den Kopf.

»Er wohnt im Ramada«, erklärte Kell. »Vielleicht zusammen mit dieser Frau. Sie ist Britin, er Franzose.« Er zeigte Sami das JPEG-Bild von Amelia. Es war die Vergrößerung eines Passfotos, die Qualität war sehr schlecht. »Wenn einer von beiden aus dem Hotel kommt und ein Taxi braucht, versuchen Sie, den Job zu bekommen. Wenn nötig, treffen Sie ein Abkommen mit anderen Fahrern, damit Sie sich um die beiden kümmern können. Ich muss wissen, wo sie hinfahren und mit wem sie sich treffen. Wenn Sie ihnen folgen müssen, tun Sie das bitte so unauffällig wie möglich, und rufen Sie mich an, bevor Sie losfahren. Wenn ich rechtzeitig unten bin, fahre ich mit Ihnen, wenn nicht, folge ich Ihnen in einem anderen Wagen.«

»Haben Sie einen Mietwagen?«

Kell schüttelte den Kopf. Er wollte keine unnötige Verwirrung schaffen. »In einem anderen Taxi.«

Sie tauschten ihre Handynummern aus, und Kell nannte dem Tunesier einen generellen Zeitrahmen – von sieben bis Mitternacht. Dann stieg er aus dem Wagen in die stechende Sonne. Er hatte einen Weg zurück zum Strand entdeckt und beschlossen, zu Fuß zu gehen.

»Sie fahren zurück zum Hotel«, sagte er. »Stellen Sie sich in die Schlange der Taxis. Sobald Sie jemanden sehen, rufen Sie mich an.«

»Gut«, sagte Sami. Die Unbekümmertheit war bereits sein Markenzeichen. Man hätte meinen können, es sei sein tägliches Brot, geheime Aufträge auszuführen.

Eine halbe Stunde später war Kell wieder in seinem Hotelzimmer. Das angebissene Sandwich lag noch auf dem Nachttisch, die knusprige Rinde aufgeweicht von Salat und geronnener Mayonnaise. Er öffnete die Tür, stellte das Tablett auf den Flur, duschte kalt und trat hinaus auf seinen Balkon.

Am Swimmingpool des Valencia herrschte noch Betrieb. Mindestens zwanzig Personen waren im Wasser, kleine Kinder platschten und spritzten und kreischten mit ihren Eltern im Planschbecken. Direkt unterhalb von Kells Fenster saß eine Frau mit Kopftuch und langem schwarzem Kleid in einem der Kunststoffsessel und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Kell nahm die Gäste rechts und links von ihr in Augenschein. Die untergehende Sonne warf bereits lange Schatten auf den Pool.

Und dann sah er sie.

Sie lag rücklings auf einer Sonnenliege, trug einen einteiligen Badeanzug und einen Hut mit breiter Krempe. Eine schöne Frau Anfang fünfzig, die an einem Becher Kaffee nippend ein Taschenbuch las.

Amelia Levene.

16

Zwei Wochen zuvor hatte Amelia Levene an einem eher ruhigen Freitagnachmittag kurz nach fünf in Vauxhall Cross Feierabend machen können und sich durch den Wochenendverkehr zu ihrem Haus im Chalke Valley gekämpft. Gerade erst war sie zur neuen Chefin des MI6 ernannt worden, und ihr war nur allzu bewusst, dass es auf Monate hinaus ihr letztes Wochenende in Wiltshire sein konnte. Die Anforderungen der neuen Position würden sehr bald ihre mehr oder weniger ständige Anwesenheit in London verlangen; sie würde sich in Giles’ Haus in Chelsea einrichten müssen, mit Straßenbauarbeiten als ständigem Soundtrack und einem Sicherheitsbeamten vor der Wohnungstür. Der Preis für den Erfolg.

Amelias Haus, das sie Mitte der neunziger Jahre von ihrem verstorbenen Bruder geerbt hatte, lag an einer schmalen Straße am westlichen Ende eines kleinen Dorfes, ungefähr zwölf Kilometer südwestlich von Salisbury. Es war schon dunkel, als sie vor dem Haus hielt. Sie ließ den Schlüssel im Zündschloss, um auf Radio 3 eine Klaviersonate zu Ende zu hören. Danach schaltete sie ihr Mobiltelefon aus, mit dem sie hier draußen ohnehin keinen Empfang hatte, nahm die lederne Reisetasche vom Beifahrersitz, stieg aus dem Wagen und verriegelte die Türen.

Stille. In der Dunkelheit stand Amelia vor dem Gartentor und lauschte auf die Geräusche des Abends. Von einer Weide am anderen Ende des Tals herüber mähten neugeborene Lämmer. Der Bach, dessen Rauschen sie jetzt hörte, schwoll im Frühling manchmal so stark an, dass man in ihm schwimmen, sich von seiner eisigen Strömung an den Feldern vorübertragen lassen konnte. Sie sah die Lichter im zweiten der drei Häuser, die sich diese abgelegene Ecke des Dorfes teilten. Das erste, etwa hundert Meter entfernt, gehörte einer zweimal geschiedenen Literaturagentin, die wie Amelia – sooft es ihre Zeit erlaubte – zwischen Wiltshire und London pendelte. Gelegentlich luden die beiden Frauen sich gegenseitig auf ein Glas Wein oder einen Whisky ein, aber Amelia war hinsichtlich ihres Jobs äußerst zurückhaltend und gab lediglich preis, dass sie ein bisschen mehr als eine »schlichte Staatsdienerin« war. Das zweite Haus, versteckt hinter einem schroffen Erdbuckel, gehörte Paul und Susan Hamilton, einem älteren Ehepaar, deren Familien seit vier Generationen in dem Tal lebten. In den siebzehn Jahren, die Amelia nun schon am Wochenende nach Chalke Bisset kam, hatte sie mit keinem der beiden mehr als ein paar Sätze gewechselt.

Draußen auf der Straße war es kühl, Amelia zog die Hausschlüssel aus der Manteltasche. Kaum hatte sie das Haus betreten, schaltete sie die Alarmanlage aus. Ihre Wochenenden liefen in der Regel nach einem strengen Zeitplan ab. Sie stellte die Nachrichten im Channel Four an, mixte sich einen großen Gin Tonic mit einer Gurkenscheibe und suchte sich die Zutaten für ein schnelles Abendessen zusammen, danach ließ sie sich Badewasser einlaufen und veredelte es mit einem Schuss Öl aus einer von ungefähr drei Dutzend Flaschen, die auf einem Regal in ihrem Badezimmer aufgereiht standen, die meisten davon Geburtstags-oder Weihnachtsgeschenke von MI6-Leuten, die gewohnheitsmäßig Bücher an männliche Kollegen und kostspielige Kosmetikartikel an die weiblichen Mitarbeiter verschenkten.

Sie fand ausreichend Eis im Kühlschrank, Zitronen standen in einer Schale auf dem Küchenschrank. Amelia mixte den Drink, schnitt eine Gurkenscheibe hinein und brachte einen stillen Toast auf die Abwesenheit ihres Mannes aus: Giles war auf ein langes Wochenende nach Schottland gefahren, um dort allen Ernstes einem verwitterten Ast des atemberaubend langweiligen Stammbaums seiner Familie nachzustöbern. Alleinsein war für sie ein fast schon verlorenes Gefühl, und sie versuchte es so gut es ging zu genießen. London war ein ständig sich drehendes Karussell mit Sitzungen, Mittagessen, Cocktailpartys, Networking: Nie war Amelia auch nur zehn Minuten am Stück mit sich allein. Die meiste Zeit genoss sie diese Art zu leben, die Nähe zur Macht, den Nervenkitzel des eigenen Einflusses, aber es ging ihr zunehmend auf den Geist, dass die Bürokratie in den letzten Monaten so viel von ihrer Zeit beansprucht hatte. Sie war beim MI6 geblieben, weil sie mit Leib und Seele Spionin war, nicht um über die Kürzung des Budgets für Cocktailhappen zu diskutieren.

Sie machte Feuer, ging nach oben, um sich ein Bad einlaufen zu lassen, nahm eine Schale selbstgemachten Pestos aus der Tiefkühltruhe und stellte sie zum Auftauen in die Mikrowelle. Neben dem Herd lag ein Stapel Post, den sie mit einem Auge auf die Fernsehnachrichten durchblätterte. Zwischen Rechnungen und Postkarten fand sie die neueste Ausgabe des Chalke Bisset Magazine und drei steife Einladungen zu zwanglosen Cocktailabenden im Landkreis, die sie gleich zum Anschüren des Kaminfeuers verwandte. Gegen acht war Amelia in den Hausmantel geschlüpft, hatte ihre E-Mails gelesen, sich ein zweites Glas Gin Tonic eingeschenkt und eine Packung Spaghetti aus der Speisekammer genommen.

In dem Moment klingelte das Telefon.


17



Der Umschlag trug einen Pariser Poststempel und war an »Mrs Joan Guttmann, c/o The Century Club, 7 West 43rd St., New York, New York« adressiert.

Der Club leitete den Brief an die Adresse von Guttmanns Wohnung auf der Upper West Side weiter, und Vito, der Portier, dem Joan von der Wettervorhersage bis zur Lebensmittellieferung alles anvertraute, brachte ihn ihr in den vierzehnten Stock herauf.

Es war ein Brief in englischer Sprache.


Agence Pères Blancs

147 Rue la Quintinie

Paris 75015

France


Sehr geehrte Mrs Guttmann,

mit tiefstem Bedauern muss ich Sie über den Tod der Eheleute Philippe und Jeannine Malot in Kenntnis setzen, die auf einer Ferienreise in Ägypten ums Leben gekommen sind.

Der nächste Verwandte hat sich auf Grund einer Klausel im Testament seines verstorbenen Vaters an uns gewandt. Weisungsgemäß nehmen wir hiermit Kontakt mit Ihnen auf.

Sollten Sie diese Angelegenheit weiterverfolgen wollen, schlage ich Ihnen vor, mir entweder an unsere Pariser Adresse zu schreiben oder mich zu einer Ihnen genehmen Zeit anzurufen. Lassen Sie mich hinzufügen, dass Sie nach französischem Recht keinesfalls dazu verpflichtet sind.

Mit sehr herzlichen Grüßen

Pierre Barenton (Sekretär)

Joan Guttmann wählte die Pariser Telefonnummer.

18

Der vorsintflutliche Anrufbeantworter nahm das Gespräch entgegen. Amelia hörte zuerst ihre eigene, durch zahllose Wiederholungen inzwischen leise und etwas mürbe klingende Stimme. Die Anruferin hatte nicht wieder aufgelegt, sondern war in der Leitung geblieben, und Amelia hörte mit großer Verwunderung Joan Guttmanns Stimme, die – die Frau musste inzwischen Anfang achtzig sein – ihre Nachricht mit der schnarrenden Heiserkeit der lebenslangen Kettenraucherin hinterließ:

Amelia, Liebes, hier spricht deine alte Freundin aus New York. Ich habe Neuigkeiten. Magst du mich vielleicht zurückrufen? Ich würde mich freuen, deine Stimme zu hören.

Ihr erster Gedanke war, nach dem Hörer zu greifen, aber sie wusste, dass bei einem Anruf Joan Guttmanns »Moskauer Regeln« galten: keine Namen auf einer offenen Leitung, kein Wort über die Vergangenheit. Deshalb hatte Joan sich nicht vorgestellt. Falls jemand mithörte. Falls sich jemand für Tunis interessierte.

In zwei Minuten hatte Amelia sich des Hausmantels entledigt und war in Jeans und einen Pullover geschlüpft. Sie nahm eine Barbour-Jacke aus dem Wirtschaftsraum, stieg in ein Paar Gummistiefel, verschloss die Haustür und kletterte wieder in ihren Wagen. Sie wendete, fuhr zurück ins Dorf und parkte hundert Meter vor dem Pub in der Salisbury Road. An der Ecke stand eine Telefonzelle, zum Glück noch nicht verwüstet und mit einem guten alten Münzfernsprecher. Amelia schaltete ihr Mobiltelefon ein und suchte Joans in der Kontaktliste vergrabene Nummer heraus. Sie hörte den langgezogenen Klingelton amerikanischer Telefone und das Klicken, als jemand abnahm.

»Joan?«

Die beiden Frauen hatten seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Ihre letzte persönliche Begegnung war kurz und leidvoll gewesen: das Begräbnis von David Guttmann, Joans Ehemann, der in seinem Büro in Manhattan bei der Arbeit einen Herzinfarkt erlitten hatte. Amelia war über den Atlantik geflogen, hatte bei der Trauerfeier in der Madison Avenue allzu hastig ihr Mitgefühl ausgedrückt und war nur drei Stunden später mit einer Nachtmaschine von Newark aus nach England zurückgekehrt. Seitdem hatte es zwischen ihnen, abgesehen von gelegentlichen E-Mails oder eilig hingeschriebenen Weihnachtskarten, keinen Kontakt mehr gegeben.

»Amelia, wie geht es dir? Gut, dass du so schnell zurückrufst.«

»Es klang dringend.«

So dringend hatte es gar nicht geklungen. Die Nachricht hätte sich kaum gewöhnlicher anhören können, aber »Neuigkeiten« von Joan Guttmann konnten nur bedeuten, dass sie etwas mit François zu tun haben mussten.

»Es ist dringend, Liebes, sehr dringend sogar. Kannst du reden?«

»Wenn du reden kannst.«

Joan räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Es war schwer zu sagen, ob das, was sie sagen musste, ihr zu schaffen machte, oder ob sie nur nach den richtigen Worten suchte. »Hast du dieser Tage mal eine französische Zeitung zu sehen bekommen?«

Amelia wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte. Sie hielt sich auf dem Laufenden über das, was in Frankreich geschah, aber in den vergangenen Tagen hatte nichts ihre besondere Aufmerksamkeit erregt. Gerade setzte sie zu einer Antwort an, als Joan sagte:

»Es ist etwas ganz Entsetzliches passiert. Es betrifft Philippe und Jeannine. Sie haben Urlaub in Ägypten gemacht und sind an einem Strand Opfer eines Überfalls geworden. Sie sind beide tot.« Amelia sank gegen die Milchglasscheibe der Telefonzelle. Das war wie ein Schlag in die Magengrube. »Seltsam ist, dass dein Junge sich bei mir gemeldet hat. Er muss mich wohl über die Adoptionsagentur ausfindig gemacht haben. Ich habe sofort einen Kontaktmann in Langley darauf angesetzt. Offenbar handelt es sich tatsächlich um François. Er scheint Hilfe zu brauchen. Er hat seine Eltern verloren und leidet. Ich konnte dir das nicht ersparen, Liebes. Es tut mir so leid, aber du musst mir jetzt sagen, was ich tun soll.«

19

Von seinem Balkon aus beobachtete Kell, dass Amelia Levene nicht allein war.

Wenige Meter vor ihr entstieg ein sportlich aussehender Mann Anfang dreißig in marineblauen Badeshorts und gelb getönter Schwimmbrille dem Pool. Er bewegte seinen schlanken, austrainierten Körper mit langsamem, selbstbewusstem Schwung wie ein Mann, der die Blicke von Frauen gewohnt war. Als er sich die Schwimmbrille auf den Hals herunterzog, erkannte Kell das Gesicht auf der Fotografie. Dieselbe kräftige Kieferpartie, die lässige Attraktivität, das unrasierte Kinn. Amelia spürte sein Näherkommen, hob den Blick von ihrem Buch und langte nach einem Handtuch auf der Nachbarliege. Dann erhob sie sich und reichte Malot das Handtuch mit dem ausgestreckten Arm, um selber nicht nass zu werden. Malot schien ihr zu danken, rieb sich das Wasser aus dem Gesicht. Nachdem er sich Rücken und Brust abgetrocknet hatte, legte er sich das Handtuch wie einen Sarong um die Hüften und setzte sich auf die Kante der Sonnenliege, den Blick zurück zum Pool gerichtet. Amelia sah ihn an, als überlege sie, ob sie etwas zu ihm sagen sollte, dann wandte sie sich wieder ihrer Lektüre zu.

Kell holte seine Kamera aus dem Zimmer, schoss mit dem Teleobjektiv ein paar schnelle Nahaufnahmen von der Szene. Er hatte eine ganze Weile lang Gelegenheit, Amelia und Malot zu beobachten, und schloss die Möglichkeit aus, dass die beiden beruflich miteinander zu tun haben könnten; nie und nimmer würde Amelia ihr Visier so weit hochklappen und mit einem männlichen Kollegen schwimmen gehen. Ihre Körpersprache war entspannt und vertraut, ohne übermäßig intim zu sein: wie ein frisch verliebtes Paar wirkten die beiden nicht. Amelia benahm sich Malot gegenüber aufmerksam und ungewohnt respektvoll, schenkte ihm ein Glas Wasser aus der Flasche auf dem Tisch ein, bot ihm sogar eine Zigarette an, als er zurück zum Rand des Beckens ging. So kannte Kell sie gar nicht.

François begann ein Gespräch auf seinem Mobiltelefon. Das Licht der untergehenden Sonne formte seine Rückenmuskulatur zu einem harten Relief. Er rauchte die Zigarette mit einstudierter Lässigkeit, den Kopf etwas schräg geneigt, ein ironisches Lächeln um die Lippen. Von Zeit zu Zeit fiel die Hand mit der Zigarette an der Seite herab, der Daumen strich über die dunkle Bauchbehaarung, Rauch schmiegte sich ihm an die Haut. Amelia war am Ende eines Kapitels angekommen. Sie klappte das Buch zu und schob es zwischen das Päckchen Zigaretten und die Literflasche mit Mineralwasser auf dem flachen Tischchen. Kell fing die Titelseite mit dem Teleobjektiv ein: Solar von Ian McEwan. Sie zeichnete die Rechnung ab, zog einen Hotelbademantel über und band ihn mit der Kordel zusammen. Kell konnte den Blick nicht von ihr wenden. Ihre Schönheit hatte lange Zeit eine große Faszination auf ihn ausgeübt. Amelia schlüpfte in ein Paar weiße Hotelschlappen und ging auf Malot zu, machte ihm ein Handzeichen, dass sie hineingehen würde. Der Franzose unterbrach sein Gespräch, gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange und tippte auf seine Armbanduhr, als wolle er sie an eine Verabredung zum Abendessen erinnern. Dann drehte Amelia sich um und ging in Richtung Hotel, betrat es keine dreißig Meter von Kells Balkon entfernt durch einen Seiteneingang. Sie wohnten offenbar nicht im selben Hotel. Die erfahrene Spionin tat, was nötig war, um ihre Spuren zu verwischen. Keine Minute später schlenderte Malot zurück zu seiner Sonnenliege, beendete das Telefongespräch und drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus. Er öffnete das Handtuch, ließ es auf den Boden fallen und zog ein schneeweißes Hemd über, das er aus einer Tasche gezogen hatte. Einen Moment lang hatte Kell den Eindruck, als würde Malot mit einer attraktiven Frau auf der anderen Seite des Pools flirten. Die Frau schien zu ihm herüberzulächeln, bis sie von ihrer kleinen Tochter abgelenkt wurde.

Der Franzose sammelte seine Sachen ein. Die Tasche, ein Buch, eine Sonnenbrille, die Zigaretten und eine Flasche Sonnencreme. In der tief stehenden Sonne setzte er die Sonnenbrille auf wie ein Filmstar, der hinter jeder Ecke mit einer Meute Paparazzi rechnete, und schlüpfte in ein Paar Segelschuhe. Dann steuerte er auf den Weg zu, auf dem Kell vorhin zum Strand gegangen war.

Kell ließ die Kamera sinken, ging zurück in sein Zimmer, warf sie aufs Bett, nahm seine Schlüssel zur Hand und zog die Tür hinter sich zu.

In fünfzehn Sekunden war er unten, schlenderte hinüber zum Pool, blieb neben Amelias Sonnenliege stehen, beugte den Oberkörper nach unten, als wolle er einen verspannten Rückenmuskel strecken, und nahm die Rechnung von dem niedrigen Plastiktisch. Beim Aufrichten ließ er den Zettel in der Gesäßtasche verschwinden und setzte seinen Weg in Richtung Eingangshalle fort.

20

Oben auf der Rechnung stand der Name A. M. Farrell. Die Zimmernummer war 1208.

Kell ging zurück in sein Zimmer und rief Marquand in London an.

»Ich habe das vermisste Mädchen gefunden.«

»Tom! Ich wusste, du schaffst das. Erzähl.«

»Sie wohnt hier in meinem Hotel. Dem Valencia Carthage. Malot wohnt gleich gegenüber.«

»Aha. Sie bumsen und wohnen separat, damit ihnen keiner auf die Schliche kommt?«

Kell ging nicht auf die Unterstellung ein. Er hatte gelernt, sich auf die Tatsachen zu konzentrieren. »Sie benutzt ein Pseudonym, das uns noch nie untergekommen ist. Farrell. Initialen A. M. Kannst du einen Kreditkartencheck machen? In Paris, Nizza und Tunis sollte ’ne Menge drüber gelaufen sein.«

»Sicher. Hast du mit ihr gesprochen, Tom?«

»Nein, warum denn das?«

»Na ja, Gott sei Dank ist sie gesund.« Es entstand eine Pause, während der Marquand nach einer originelleren Replik suchte. »Verfluchte Franzmänner«, bot er schließlich an. »Klauen uns immer die besten Frauen.« Mit Sicherheit würden Truscott und Haynes von ihm zu hören bekommen, dass Amelia sich lediglich auf ein verludertes Wochenende nach Tunesien verlaufen hatte. »Kann dieser Malot seinen nicht zu Hause wegstecken? Paris soll doch von schönen Frauen nur so wimmeln.«

»Was weiß ich«, antwortete Kell.

»Und was läuft da?«, fragte Marquand. »Ist Malot vielleicht auch verheiratet? Wie’s aussieht, haben wir nichts über ihn.«

»Schwer zu sagen. Ich hab sie nur aus der Ferne gesehen, beim Sonnenbaden am Pool …«

»Beim Sonnenbaden am Pool!« Marquands Ärger klang hochexplosiv. »Das darf nicht wahr sein!«

»Scheint mir ’n ziemlicher Fatzke zu sein«, sagte Kell im Bemühen, das Gespräch im Lot zu halten. »Stolziert wie ein arroganter Schönling durch die Gegend. Jedenfalls nicht wie ein trauernder Sohn.«

»Er gibt wohl den Gockel für Amelia. Reifere Frau mit jungem Liebhaber, was?«

Marquand musste über sich selbst lachen. Vielleicht die Erleichterung über die vermiedene Krise.

»Hör zu, Jimmy«, sagte Kell. »Ich habe zu tun. Muss mir Malot aus der Nähe ansehen. Immerhin möglich, dass er zum DGSE gehört. Vielleicht führt Amelia in Tunis eine gemeinschaftliche Operation durch.«

»Und springt mal eben mit dem Kollegen ins Bett?«

Kell schüttelte ungläubig den Kopf. »Schenk dir einen Drink ein, Jimmy«, sagte er. »Hast ihn dir verdient.«

Er unterbrach die Verbindung, legte das Telefon zurück auf den Tisch, nahm die Kamera vom Bett, hängte sie sich über die Schulter und verließ das Zimmer. An der Straße zwischen den beiden Hotels fand er Sami hinter dem Lenkrad seines Taxis, lustlos in einer Zeitung blätternd. Er klopfte ans Seitenfenster.

»Ich muss Ihnen etwas zeigen.« Kell stieg ein, reichte Sami die Kamera und zeigte ihm, wie er sich durch die Aufnahmen von Amelia und Malot klicken konnte. Das Wageninnere war erfüllt von den menschlichen Ausdünstungen eines langen Arbeitstags. »Das sind die Leute, an denen ich interessiert bin«, sagte er. »Die Frau wohnt im Valencia, der Mann im Ramada. Kennen Sie die Gesichter?«

Sami schüttelte den Kopf. Die anderen beiden Fahrer, die unter der Bougainvillea standen, starrten beinahe eifersüchtig in den Wagen, wie zwei Mädchen, die keiner zum Tanzen auffordert.

»Möglich, dass die beiden heute Abend zusammen essen gehen«, sagte Kell. »Vor zwanzig Minuten haben sie den Swimmingpool verlassen. Wenn Sie sie sehen, rufen Sie mich bitte sofort an. Und wenn ich mich nicht melde, rufen Sie im Hotel an. Meine Zimmernummer ist 1313. Sollten die beiden ein anderes Taxi nehmen, fahren Sie ihnen nach. Sollten sie mit Ihnen fahren, dürfen Sie auf keinen Fall in ihrer Gegenwart mit mir telefonieren. Die Frau spricht Englisch, Französisch und Arabisch, alles fließend. Schicken Sie mir eine SMS mit dem Fahrtziel.«

»Klar.«

Kell deutete mit dem Kopf auf Samis Kollegen. »Und wenn die beiden Fragen stellen, bin ich ein eifersüchtiger Ehemann.«

21

Amelia hatte von Joan Guttmann die Telefonnummer der Adoptionsagentur in Paris bekommen. Da Frankreich eine Stunde voraus war, hatte Amelia mit dem Anruf bis halb neun am Samstagmorgen gewartet und erfahren, dass die Agentur bereits für das Wochenende geschlossen war. Auf der Website fand sie eine zweite Nummer und geriet an eine übermäßig melodramatische Dame, die sich »der tragischen Tatsache« nur zu bewusst war, »dass Monsieur Malots Eltern in Ägypten einem sinnlosen Mord zum Opfer« gefallen seien, und die außerdem »über Madame Weldon und die ganze Angelegenheit voll und ganz im Bilde« sei. Sie kamen überein, dass Amelia besser nicht am Telefon mit François sprach, sondern selber nach Frankreich reiste. Am Montagnachmittag konnte sie ihn in Paris treffen und – so er damit einverstanden war – an der privaten Trauerfeier für Philippe und Jeannine Malot teilnehmen, die am Dienstagmorgen im Quartier Montparnasse stattfinden würde.

Amelia hatte sich vierundzwanzig Stunden Zeit genommen, um die Umstände des Mordes an den Malots und François’ Identität mit Hilfe eines MI6-Maulwurfs beim französischen Inlandsgeheimdienst DCRI zu überprüfen. Erst als sie sicher sein konnte, dass es sich um ihren Sohn handelte, dachte sie gründlicher über ihre eigene Strategie nach. Wenn sie ihn zurück in ihr Leben holen wollte, musste sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er ihre Karriere ruinierte, was der Regentschaft von George Truscott Vorschub leistete. Wenn sie nach Paris reiste, um François zu trösten, musste sie außerdem mit einer ganzen Reihe von Reaktionen rechnen: Zorn, Verachtung, Mitleid. Sie wusste nichts über ihren Sohn, aber in der Stunde der Not hatte er die Hand nach ihr ausgestreckt. Ihr Wunsch, ihm zu helfen, ihrem verlorenen Kind leibhaftig gegenüberzustehen, war so übermächtig, dass Amelia alle praktischen und professionellen Bedenken beiseiteschob. Sie hatte das Gefühl, keine Wahl zu haben; wollte sie ihrem Leben noch irgendeinen Sinn geben, noch irgendein echtes und dauerhaftes Glück finden, musste sie ihren Frieden mit der Vergangenheit machen.

Am frühen Sonntagmorgen schloss sie das Haus in Chalke Bissett ab, setzte sich ins Auto und fuhr direkt zu Giles’ Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea. Das Farrell-Pseudonym – ein Reisepass, mehrere Kredit-und SIM-Karten – hatte sie hinter einem Paneel in der Rückwand des Kleiderschranks ihres Mannes in einer kleinen Plastikschachtel versteckt. Um an sie heranzukommen, musste sie mehrere in Zellophan gehüllte Hemden und chemisch gereinigte Anzüge beiseiteräumen und auf das Bett legen. In dem vollgepackten Kleiderschrank herrschte der abstoßende Nachkriegsgeruch nach Mottenkugeln und Schuhcreme. Neben Golfschlägern und Büchern stapelten sich auf dem Boden Dutzende alter Zeitungen, von Giles dort als ewige Andenken an bewegende Augenblicke seines Lebens aufbewahrt: die Ermordung Ytzhak Rabins, der Fall der Berliner Mauer, Dianas Tod in einem Pariser Straßentunnel, der 11. September. Die Seiten waren vergilbt und knisterten unter Amelias Händen, als sie die Stapel verrückte. Nachdem sie die Schachtel gefunden hatte, rief sie die Santander Bank an, aktivierte die beiden Konten für Aufenthalte auf dem Kontinent und lud – während sie zwei Reisetaschen für Frankreich packte – den Akku des Farrell-Handys auf. Sie rief Giles in Schottland an und teilte ihm mit, dass sie »geschäftlich« nach Paris müsse.

»Wie schön für dich«, sagte er, die Nachricht mit der für ihn typischen Teilnahmslosigkeit zur Kenntnis nehmend. Amelia hatte den deutlichen Eindruck, dass ihr Gemahl in einer entlegenen Ecke von Fife gerade in den Seiten eines uralten Dokuments blätterte, während er mit ihr sprach. Vermutlich ging es darum, einem neuen Ast des Stammbaums der Familie seinen Platz zuzuordnen. »Pass auf dich auf, Liebling. Und lass uns reden, wenn du wieder da bist.«

Sie buchte für den Abend einen Platz im Eurostar und sagte alle Termine für Montag, Dienstag und Mittwoch ab. Dann schickte sie ihren vorgesetzten Kollegen E-Mails, in denen sie ihnen mitteilte, dass sie zum Begräbnis eines guten Freundes reisen müsse und am Donnerstag wieder im Büro sei. Als Einziger antwortete Jimmy Marquand auf ihre Nachricht, um ihr sein »Beileid für den Verlust Ihres Freundes« zu bekunden.

Schließlich, gegen fünfzehn Uhr, ging Amelia die Kings Road hinauf, um sich bei Peter Jones für zwei Gelegenheiten neu einzukleiden – die Begegnung mit François und das Begräbnis. Zurück in Giles’ Wohnung packte sie die Sachen in einen großen Koffer, warf zwei Paperbacks von Ian McEwan und die neueste Ausgabe des Prospect-Magazins dazu, verließ die Wohnung und winkte ein Taxi herbei.

Spärlicher Sonntagabendverkehr bei leichtem Nieselregen. Keine zwanzig Minuten später stand Amelia Levene unter der hohen Gewölbedecke des Bahnhofs St. Pancras, ein Businessticket Erster Klasse nach Paris in der Hand. Die Atmosphäre im Bahnhof rührte sie an wie eine romantische Szene aus einem Schwarzweißfilm: Ehepaare stahlen sich letzte Wochenendküsse, livrierte Kontrolleure geleiteten Passagiere den Bahnsteig entlang. Dann eine Schlange, das Brimborium der Sicherheit. Eine Beamtin, die in Amelia eine elegante, gutbürgerliche, zwischen zwei Hauptstädten pendelnde Ehefrau zu erkennen meinte, winkte sie durch. Amelia fand ihren Platz im Wagen – einen Fensterplatz in Fahrtrichtung an einem Vierertisch – und vermied es, mit ihren Mitreisenden Blickkontakt aufzunehmen. Je weniger Menschen auf sie aufmerksam wurden, desto besser. Unter keinen Umständen wollte sie sich von Fremden in Gespräche verwickeln lassen. Sie wollte mit ihren Gedanken allein sein.

In St. Pancras hatte sie die Sunday Times gekauft und schlug sie auf, als der Zug sich in Bewegung setzte. Unten auf der Titelseite fand sie einen Artikel über die angebliche Beteiligung britischer Geheimdienstler an Folterungen und dachte gleich an Thomas Kell, musste aber sehr schnell feststellen, dass ihre Konzentration nicht über den ersten Absatz hinausreichte. In die Hintergründe des Falls war sie eingeweiht, sie hatte auch gewusst, dass die Story vor der Veröffentlichung stand, und eigentlich hätte es sie schon interessiert, wie die Fakten aufbereitet wurden. Aber François hatte offenbar alle dienstlichen Antennen abgeschaltet; nichts von alldem schien von Belang.

Amelia sah zum Fenster hinaus und fühlte sich wie eine Neunzehnjährige, so groß war ihre Vorfreude auf die Reise nach Paris. Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hatte sie auf den Trümmern ihrer Teenagerexistenz eine neue Persönlichkeit aufgebaut. Sie erblickte ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe und fragte sich, wo Amelia Weldon geblieben war. Gab es sie überhaupt noch? Die nächsten vierundzwanzig Stunden würden sie einer Antwort näher bringen. Sie war auf einer Reise in ihre Zukunft. Und in ihre Vergangenheit.

22

Kell stand vor seinem Badezimmerspiegel und rasierte sich, als Sami vom Taxistand aus anrief.

»Der Franzose hat eben Ihr Hotel betreten. Ich hab ihn gefragt, ob er ein Taxi braucht, wenn er wieder rauskommt. Er hat ›Ja‹ gesagt.«

»Großartig, Sami. Vielen Dank. Sie machen Ihre Sache ausgezeichnet.« Das Verteilen kleiner Komplimente bei der Führung von Agenten war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. »Bleiben Sie am Ball, okay? Ich vermute, er holt Amelia ab. Lassen Sie mich wissen, wo Sie die beiden hinfahren sollen.«

»Klar.«

Das Gespräch hatte einen Klecks Rasierschaum auf seinem Handy hinterlassen. Kell wischte ihn ab, bevor er sein Kinn mit einem halben Dutzend Streichen seines Rasierhobels von den restlichen Stoppeln befreite. Er trocknete sich das Gesicht ab, sprühte Aftershave auf und warf einen Blick auf sein Spiegelbild. Ein kurzes Innehalten, bevor es weiterging. Er fand ein sauberes Hemd auf einem Bügel, verschloss seinen Pass im Safe und nahm die Schlüsselkarte für den Renault zur Hand. Sobald Sami ihm Bescheid gesagt hätte, dass Amelia und Malot unterwegs waren, würde er ihnen nachfahren. Wenn sie sich mit anderen Leuten trafen, musste Kell die Gesichter dieser Leute sehen. Es gehörte zu den elementaren Regeln operativer Arbeit, alle Eventualitäten ins Kalkül zu ziehen.

Kell saß auf dem Bett und wartete. Sein Herz klopfte laut, und er fragte sich, wann er zuletzt einen solchen Ansturm des Adrenalins erlebt hatte. Seit Monaten nicht. Er nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und biss den Kronkorken mit den Zähnen ab, ein Partytrick, den er auch privat praktizierte. Du ruinierst dir deine Scheißbackenzähne, hatte Claire immer gesagt.

Die Textnachricht kam um Viertel nach acht. Sami hatte sie auf Englisch verfasst.

Beide. Mann und Frau. La Goulette.

Kell tippte »La Goulette« in die Suchmaschine seines Handys und erfuhr, dass es sich um einen Küstenvorort zwischen Gammarth und dem Stadtzentrum von Tunis handelte, mit Restaurants und Bars, die sich besonders abends großer Beliebtheit erfreuten. Amelia und Malot waren zweifellos zu einem gemeinsamen Abendessen unterwegs.

Er schnappte sich die Kamera und ging mit eiligen Schritten zum Hoteleingang. Der Page, der Kell schon ins Hotel begleitet hatte, war noch im Dienst, diesmal trug er sachlich und ohne höfliches Willkommenslächeln ein Tablett mit Pfefferminztee und Keksen vorbei. Kell, dankbar für die Anonymität, ging hinaus in den Brutofen der Parkgarage, entriegelte den Renault auf zwanzig Meter Entfernung, steckte die Schlüsselkarte in die Zündung und warf die Kamera auf den Beifahrersitz.

Der Wagen wollte nicht anspringen. Kell machte noch einen Versuch, rammte den Fuß auf das Kupplungspedal und drückte den Startknopf. Vergeblich. Einen Moment lang zog er die Möglichkeit in Betracht, dass Amelia ihn entdeckt und das Auto außer Betrieb gesetzt haben könnte, aber das war wohl doch zu weit hergeholt. Er hatte es sicher nur mit einem elektronischen Defekt zu tun. Kell machte einen dritten Versuch, zog die Karte heraus, schob sie zurück in den Schlitz, trat die Kupplung durch und drückte wieder auf den Startknopf. Nichts.

»Warum geben diese Idioten einem keinen simplen Zündschlüssel?«, murmelte er und beschloss, mit dem Taxi nach La Goulette zu fahren.

Kein einziges Taxi wartete am Stand. Und schlimmer noch – neben der Schranke vor der Zufahrt zum Ramada standen acht allem Anschein nach auf ein Taxi wartende ältere Herren. Und ein Stück entfernt noch vier Gäste aus dem Valencia. Einer von ihnen – ein Mann ungefähr in Kells Alter in Chinos und grell-gelbem Hawaiihemd – hatte sich bereits in Richtung Kreuzung auf den Weg gemacht, um ein eventuell vorbeifahrendes Taxi heranzuwinken.

»Wo sind die ganzen Autos?«, fragte Kell auf Französisch und wiederholte die Frage gleich noch mal auf Englisch, als er von den Pensionären nur verständnislose Blicke erntete.

»In La Marsa geht’s heute Abend hoch her«, antwortete einer von ihnen, ein freundlicher, weißhaariger Mann mit Gehstock und Schweißflecken unter den Armen. »Ein Festival oder so etwas.«

Kell ging zurück zu seinem Renault und machte noch einen Versuch mit der Schlüsselkarte. Ohne Erfolg. Er fluchte die Windschutzscheibe an und gab sein Vorhaben auf, nach La Goulette zu fahren. Sami würde die beiden im Auge behalten. Bis jetzt hatte er sich als nervenstark und absolut brauchbar erwiesen; es gab keinen Anlass zu der Befürchtung, er könnte den Job auf einmal sausen lassen oder gar zu Amelia und Malot gehen und ihnen verraten, dass man ihm ein Vermögen dafür zahlte, dass er ihnen folgte. Außerdem hatte Malots Abwesenheit vom Hotel ihn auf einen Gedanken gebracht.

Er ging zurück in sein Zimmer, um sich die Herald Tribune zu holen. Dann überquerte er die Straße, betrat die Empfangshalle des Ramada und machte es sich auf einem Sofa mit freiem Blick auf die Rezeption bequem. Sein Plan war einfach. Er musste gesehen werden. Das Personal sollte ihn ganz automatisch für einen Hotelgast halten, vielleicht einen Ehemann, der darauf wartete, dass seine Frau endlich zum Abendessen herunterkam. Kell blätterte sich durch die Seiten der Zeitung, las einen Artikel über das Ägypten nach Mubarak, einen anderen über die bevorstehenden Wahlen in Frankreich. Hinter ihm, auf dem Hocker vor einem Flügel in der Mitte der Eingangshalle, saß eine ältere Britin, rosarot wie ein Luftballon, und klimperte mit der uninspirierten Akkuratesse einer pensionierten Musiklehrerin Cole-Porter-Melodien herunter. Die Dame schien zur Einrichtung zu gehören, von allen Seiten erntete sie die lächelnden Blicke vorübergehender Hotelangestellter. Neben ihr hing an einem Anschlagbrett die Ankündigung: »Montag Kinonacht: Billy Eliot.« Langsam fühlte sich Kell, als hätte er eine Woche in einem Spießer-Ferienclub für Groß & Klein gebucht. Um Punkt neun versammelte sich eine kleine Gruppe um den Flügel, und man forderte die rosarote Dame auf, ihr Meisterstück zum Besten zu geben: Rod Stewarts »Sailing«. Kell suchte rechtzeitig das Weite, steckte sich die Zeitung unter den Arm, vergewisserte sich, dass keine Gäste vor dem Empfangstresen warteten, und ging direkt auf die dahinter beschäftigten Angestellten zu.

Sie waren zu zweit, eine Frau und ein Mann. Der Ahnung gehorchend, dass die Frau den kooperativeren Eindruck machte, stellte er sich vor sie hin und klopfte mit den Fingern auf den Tresen.

»Bonsoir.« Blickkontakt, ein leises Lächeln. Kell sprach Französisch. »Ich bin heute Morgen angekommen. Könnten Sie mir sagen, wie lange es im Restaurant was zu essen gibt?«

Die Frau hätte nicht beflissener sein können. Sie nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade, auf dem Essenszeiten und Einrichtungen des Restaurants ausführlich zusammengefasst waren, machte dem »Sir« den Vorschlag, vor dem Essen noch einen Drink zu sich zu nehmen, und wies darauf hin, dass das Frühstück in der Regel über die angegebenen Schlusszeiten hinaus serviert wurde. Außerdem bekam Kell noch einen Lageplan. Er hörte aufmerksam zu, bedankte sich herzlich, kehrte zu seinem Sofa zurück und vertrieb sich noch eine Viertelstunde mit Zeitungslektüre.

Um zwanzig nach neun setzte er Teil zwei seines Plans in Szene. Auch diesmal ging er nach einer einfachen Strategie vor: Er erweckte den Anschein, ein Hotelgast zu sein, der noch mal schnell auf sein Zimmer musste, ging zu der Reihe von Aufzügen auf der Nordseite der Empfangshalle, wartete so lange, bis er sicher sein konnte, dass er vom Empfang aus gesehen worden war, bevor er hinauf in den zweiten Stock fuhr, wo er noch etwas Zeit mit einem Anruf bei Sami totschlug.

Die Kakophonie tunesischer Musik, die ihn statt eines Klingeltons begrüßte, kannte er ja schon. Erst nach sekundenlangem Gekreische undefinierbarer Saiteninstrumente meldete sich Samis Stimme. Er erfuhr, dass Amelia und Malot um halb neun in La Goulette eingetroffen waren. Sami berichtete ihm, dass sie – nachdem sie ihn gebeten hatten, bis zur Rückfahrt ins Hotel auf sie zu warten – zuerst auf einen Drink in eine der Strandbars gegangen waren.

»Perfekt«, sagte Kell. »Ist noch jemand bei ihnen?«

»Nein, Sir.«

»Und Ihnen geht es gut? Haben Sie gegessen?«

»Mir geht es gut, danke.« Samis Stimme klang vorsichtig und etwas angespannt, als mache er eine kleine Gewissenskrise durch. »Wir hatten ein langes Gespräch, während sie bei mir im Wagen saßen.«

»Darüber wüsste ich gerne Bescheid.« Kell spähte über die Brüstung und sah, dass niemand am Empfang stand. »Wir können uns in meinem Zimmer treffen, wenn Sie zurück sind.« Ein junges Mädchen kam aus einem der Aufzüge und ging gesenkten Blicks an ihm vorüber. »Versuchen Sie, sich jede Einzelheit zu merken, über die sie auf der Heimfahrt reden. Es könnte wichtig sein.«

»Sicher, Sir.«

Höchste Zeit zu gehen. Kell fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss, passte den richtigen Augenblick für seinen Gang an den Tresen ab, wo er ein müdes, schuldbewusstes Lächeln aufsetzte.

»Ich habe ein Problem«, sagte er.

»Ja, Sir?«

»Ich kann den Zimmerschlüssel nicht finden. Ich habe heute Nachmittag am Strand einen Esel gemietet. Vielleicht ist mir der Schlüssel in den Sand gefallen. Wäre es möglich, einen Ersatz zu bekommen?«

»Kein Problem, Sir. Sagen Sie mir Ihre Zimmernummer?«

»Zwölf vierzehn.«

Die Empfangsdame tippte die Nummer in den Computer.

»Und der Name, Sir?«

»Malot. François Malot.«

23

Er wurde gezeugt in einem Akt der Liebe, ihn zu zerstören wäre ein Akt des Hasses.

Amelia erinnerte sich beinahe an jedes Wort der lange zurückliegenden Gespräche mit Joan, an das Für und Wider der Argumente, ihre eigene, feste Überzeugung, nicht das Recht zu haben, Jean-Marcs Kind ohne sein Wissen abzutreiben. Joan hatte anfangs dafür plädiert, die Schwangerschaft abzubrechen, zurück nach London zu fliegen und die Erfahrung unter der Rubrik jugendliche Grausamkeiten abzuhaken. Erst nachdem Amelia sie von ihrer festen Entschlossenheit, das Kind behalten zu wollen, überzeugt hatte, war die Amerikanerin ihr eine wertvolle und unerschütterliche Freundin geworden. Joan hatte Amelia in einem Apartment nur zwei Blocks von der Villa der Guttmanns entfernt untergebracht, ein Arrangement, das so geheim gehandhabt worden war, dass lediglich Joans Ehemann David davon gewusst hatte. Und dann hatte Joan ihrem Schützling, damit sie während der sieben Monate ihrer Schwangerschaft beschäftigt war, einen Job in einer amerikanischen Beraterfirma verschafft. Ein paar Wochen nach Amelias Einzug in das Apartment waren die Guttmanns mit ihr für zwei Wochen nach Spanien gereist und hatten sie behandelt wie die Tochter, die ihnen nicht vergönnt war, ihr den Prado und die Herrlichkeiten Cordobas gezeigt, sie sogar zu einem Stierkampf in Las Ventas mitgenommen, bei dem David seine Hand vorsichtig auf Amelias Bauch gelegt und gefragt hatte: »Bist du sicher, dass ein Mädchen in deinem Zustand sich so etwas anschauen sollte?« Und dann, als sie wieder in Tunis waren, hatte Joan den Gedanken einer Adoption durch die Pères Blancs in den Raum gestellt, für den Amelia vielleicht deshalb so aufgeschlossen gewesen war, weil sie zu der Zeit so viele Pläne im Kopf hatte, hungrig auf das Leben war und befürchtete, ein Baby könnte sie ihrer Zukunft berauben.

Paris schien sie erwartet zu haben. In der schwülen Sommerluft wimmelten die Straßen von Touristen, in den Straßencafés herrschte vielstimmiger Hochbetrieb. Wenn Amelia in eine neue Stadt kam, meinte sie manchmal eine unmittelbare, tiefer liegende Bedrohung zu spüren, als sei sie in einer außerirdischen Umgebung, an einem Hort des Unglücks ausgesetzt worden. Sie war sich durchaus im Klaren darüber, dass es nicht mehr als eine Art Aberglaube war, etwas, über das ihre Kollegen nur gelacht hätten, wenn sie sich ihnen anvertraut hätte. Aber so etwas wie ein sechster Sinn – man konnte es auch Intuition nennen – hatte sie während ihrer ganzen Karriere begleitet und manches Mal beschützt. Als MI6-Agentin unter diplomatischer Tarnung in Kairo oder während der Jahre in Bagdad, hatte Amelia ausgerechnet, dass sie fünfzig Prozent mehr Cleverness und Beharrlichkeit als ihre männlichen Kollegen aufbringen musste, um in einer solch feindseligen Umgebung auch nur die nackte Haut zu retten. Doch Frankreich hatte sie immer mit offenen Armen empfangen. In Paris war sie ihrem alten Selbst, dem aus der Zeit vor Tunis, der zwanzigjährigen Amelia Weldon, die das Leben vor sich hatte, immer besonders nah. Kaum war François ihr genommen worden – sofort nach der Geburt, sie hatte ihn nie im Arm gehalten, nicht einmal zu sehen bekommen –, hatte sie begonnen, sich eine neue, unverletzliche Persönlichkeit zuzulegen. Sie hatte Liebhaber betrogen, Kollegen fallen gelassen, Freunde vergessen oder ignoriert. Das Doppelleben der Agentin hatte Amelia, so sah sie es im Rückblick, ein nahezu perfektes Laboratorium zur Verfügung gestellt, um sich neu zu erfinden. Sie wollte eine Frau sein, die nie mehr scheiterte.

Doch jetzt versagte sie schon wieder. Es gelang ihr nicht, ruhig zu bleiben, sich die Gelassenheit zu bewahren, mit der sie über den Kanal gekommen war. Sie wollte den dahinschleichenden Stunden Beine machen, endlich mit ihrem Jungen zusammen sein, sie beide allein, aber sie fürchtete sich vor dem, was sie erwartete: ein unbekannter Mensch, ein junger Mann, mit dem sie nichts verband als die Verachtung für eine Mutter, die ihn nach der Geburt verlassen hatte.

Im Hotel wartete ein Brief der Adoptionsagentur auf sie. Adressiert an »Madame Weldon«. Der Concierge hatte ihn ihr nicht aushändigen wollen, weil Amelia das Zimmer unter dem Namen »Levene« gebucht hatte, als sie ihm jedoch erklärte, dass »Weldon« ihr Mädchenname war, ließ er mit sich reden. François hatte Kontakt mit der Agentur aufgenommen und ausrichten lassen, dass er Amelia am Montagnachmittag um vier in seiner Wohnung erwarte. Er wollte vor ihrer ersten Begegnung nicht mit ihr telefonieren oder auf irgendeine andere Art in Verbindung treten. Ohne nachzudenken und weil sie ohnehin mit allen Bedingungen einverstanden war, rief Amelia die Agentur an und sagte zu. Insgeheim befürchtete sie jedoch, ein solches Arrangement könnte ein Indiz für François’ Zorn sein. Wenn er ihr nun direkt ins Gesicht sagte, dass sie nie ein Ersatz für die Mutter sein könne, die ermordet worden war? Wenn er sie nach Paris gelockt hatte, um ihr wehzutun? Ihr Leben lang war Amelia mit der Gabe gesegnet gewesen, Menschen einschätzen und ihre Lebensumstände schnell und intuitiv erfassen zu können. Sie spürte es, wenn sie angelogen wurde, niemand konnte sie zu etwas benutzen, ohne dass sie es merkte. Ein Teil dieser Fähigkeiten war antrainiert, notwendiges Handwerk in einem Beruf, in dessen Zentrum zwischenmenschliche Beziehungen standen. Das meiste aber war angeboren; sie war damit auf die Welt gekommen wie andere mit dem Talent, virtuos mit einer Lederkugel umgehen zu können oder das Spiel des Lichts auf eine Leinwand zu bannen. Doch ausgerechnet jetzt, als es um die vielleicht wichtigste Beziehung ihres Lebens ging, fühlte Amelia sich geradezu hilflos.

Sie musste noch eine Menge Zeit totschlagen. Das Warten fiel ihr schwerer, die Vorahnungen waren bedrängender als bei jeder geheimdienstlichen Operation, an die sie sich erinnerte. Wie oft hatte sie im Lauf ihrer Karriere in Hotelzimmern, sicheren Häusern oder in Büros gesessen, die wie Uhren tickten, und auf die Nachricht irgendeines Fremden gewartet. Aber diesmal war es anders. Es gab kein Team, keine Befehlskette, keine Technologie. Sie war eine Privatperson, Touristin in Paris, eine von zehntausend Frauen mit einem Geheimnis. In Minutenschnelle waren Koffer und Reisetasche ausgepackt, das schwarze Kostüm von Peter Jones in einen Schrank, das fürs Wiedersehen ausgesuchte Kleid über einen Sessel in der Ecke des Zimmers gehängt, wo sie es in Ruhe betrachten und entscheiden konnte, ob es für eine solche Gelegenheit die richtige Wahl war. Als ob François sich um ihre Garderobe scherte! Ins Gesicht wollte er ihr sehen, in die Augen wollte er ihr seine Fragen schütten. Eine Stunde lang versuchte Amelia, einen der Romane zu lesen, die sie mitgenommen hatte, sich auf CNN die Nachrichten anzusehen, aber es gelang ihr nicht, sich länger als ein paar Minuten zu konzentrieren. Wie die Erinnerung an ihr früheres Ich meldete sich der Wunsch, noch einmal mit Joan zu sprechen, ihr zu erzählen, was gleich passieren würde, doch der Verbindung über das Hotel war nicht zu trauen. Ausgerechnet Thomas Kell fiel ihr ein, ihr einziger Vertrauter in Kinder-und Eheangelegenheiten, der einzige Kollege, dem sie sich vielleicht anvertraut hätte. Kell indes war schon lange nicht mehr da – in Ungnade gefallen, in den Ruhestand verbannt von denselben starrköpfigen Männern, denen sie den Chefposten weggeschnappt hatte. Ob Tom überhaupt von ihrem Triumph erfahren hatte? Sie bezweifelte es.

Endlich war es so weit, die letzte Stunde vor dem Treffen in seiner Wohnung war so unbemerkt vorbeigegangen wie Gesichter auf der Straße. Ein Vandale hatte eine tiefe Kerbe in die Haustür gekratzt, im Treppenhaus kam ihr händchenhaltend und lächelnd ein chinesisches Pärchen entgegen. Auf einmal fürchtete sie, sich übergeben zu müssen. Als wäre die Wunde, die drei Jahrzehnte lang in ihrem Inneren verborgen gewesen war, mit einem Mal aufgebrochen. Sie musste sich gegen die Tür lehnen.

»Würde ein Mann sich jemals so aufführen?« Sie stellte sich die Frage, die ihr während der gesamten Berufslaufbahn als Gradmesser gedient hatte. Aber woher hätte ein Mann wissen sollen, wie man sich in solch einer Situation fühlt?

François wohnte im dritten Stock. Amelia ließ den Lift links liegen, nahm die Treppe und hatte das Gefühl, zum ersten Rendezvous ihres Lebens unterwegs zu sein, zum ersten Mal im Leben eine Treppe hinaufzusteigen und plötzlich verlernt zu haben, wie man atmet. Als sie den Treppenabsatz erreichte, hatte sie das Gefühl, einen großen Fehler zu machen, und wäre es nicht längst zu spät gewesen, hätte sie sich umgedreht und wäre gegangen.

Sie klopfte an die Tür.

24

Kell klopfte leise an die Tür von Zimmer 1214, und als er nichts hörte, steckte er die Schlüsselkarte in den Schlitz und betrat François Malots Zimmer.

Ein Duft nach Duschgel und heißer Seeluft; die Tür zum Balkon mit Blick auf das Mittelmeer stand offen. Kell bewegte sich schnell in der Hitze, sah den offenen Safe, die Kleinbildkamera auf dem Beistelltisch, eine aufgerissene Stange Silver Lucky Strike, ein goldenes Feuerzeug mit den eingravierten Initialen »P.M.«, wahrscheinlich für »Philippe Malot«. Auf einem Nachttisch auf der rechten Seite des Betts stand ein gerahmtes Foto von Malots Eltern. Sie lächelten in die Kamera, als könne nichts auf der Welt ihre Zuversicht trüben.

Ein Reisepass lag auf der Tagesdecke. Französisch, abgegriffen, biometrisch. Kell klappte ihn auf. In den unteren Rand jeder Seite war die neunstellige Kennzahl eingelocht. Kell kritzelte sie auf einen Zettel, den er sich in die Gesäßtasche steckte. Dann klappte er die Seite mit den Personaldaten auf, fand Malots zweiten Vornamen – Michel –, Geburtsdatum, Körpergröße, Augenfarbe, Pariser Adresse und das Datum der Ausgabe des Reisepasses. Auf den folgenden Seiten dokumentierten Stempel die Einreise am JFK, nach Kapstadt und Scharm El-Scheich, letzterer erst drei Wochen alt. Kell fotografierte jede Seite zweimal, achtete darauf, dass der Blitz nicht von der Kunststoffversiegelung reflektiert wurde. Dann klappte er den Pass zu und legte ihn wieder auf die Tagesdecke.

Neben der gerahmten Fotografie lag ein roman policier – die französische Übersetzung von Michael Dibdins Entführung auf Italienisch – sowie eine Armbanduhr und ein Moleskine-Kalender. Kell fotografierte jede Seite vom 1. Januar bis Ende September und überzeugte sich auf dem Display, dass die Abbildungen leserlich waren. Obwohl er Malot kilometerweit weg in La Goulette wusste, beschleunigte die Arbeit seinen Puls, weil sie zu viel Zeit in Anspruch nahm. Er wollte so schnell wie möglich wieder raus aus dem Zimmer. Immerhin war es nicht unmöglich, dass eins der Zimmermädchen hereinschaute, um die Tagesdecke zurückzuschlagen, oder dass außer Malot noch jemand Zugang hatte.

Als Nächstes ging er ins Badezimmer. Rasiersachen, Zahnseide, Zahnpasta. In einer Waschtasche fand er mehrere lose Streifen Tabletten: Aspirin, Chlorophenamin – von dem er wusste, dass es ein häufig als Einschlafhilfe verwendetes Histamin war –, Johanniskraut, ein kleines Fläschchen Valium, Mückenöl, ein Kamm. Keine Kondome.

Danach durchsuchte er die Taschen von Malots Jeans, achtete darauf, sie wieder exakt an ihren alten Platz zurückzulegen. In einer schwarzen Lederjacke fand er Kleingeld, ein Carnet der Pariser Metro und ein Päckchen Lucky Strike. Einer ähnlichen Prozedur hatte er Amelias Zimmer in Nizza unterzogen, aber das Gefühl der Fremdheit war hier stärker, weil er – abgesehen vom jüngst erlittenen Schicksalsschlag und der Eitelkeit, die Malot am Swimmingpool an den Tag gelegt hatte – keinerlei Vorstellung von seiner Person hatte. Unter dem Bett entdeckte Kell eine Gideonbibel, aufgeschlagen im fünften Buch Mose, und eine kleine Schachtel Streichhölzer. Verdeckt unter dem Kriminalroman fand Kell einen Brief, den Malots Vater am 4. Februar 1999 an seinen Sohn geschrieben hatte. Philippes Handschrift war ein unleserliches Gekritzel, aber Kell fotografierte beide Seiten und steckte den Brief sorgfältig zurück in den Umschlag.

Als er sicher sein konnte, den Raum gründlich genug durchsucht zu haben, verließ er ihn wieder, fand ein seitliches Treppenhaus, das zu einem Ausgang beim Swimmingpool führte, und ging über den Strand zurück zum Valencia Carthage. Er suchte auf dem Marquand-Handy nach Elsa Cassanis Nummer und rief sie an.

Zu seinem Erstaunen war Elsa noch in Nizza, wo sie sich gerade »mit dem Geld, das ich von Ihnen bekommen habe« in einer der Altstadtbars betrank. Im Hintergrund hämmerte Rockmusik, und zu seiner Verwunderung verspürte Kell einen Stich der Eifersucht auf die Männer, die das Glück hatten, in ihrer Nähe zu sein. Er vermutete, dass sie aus einer der ruhigen, kopfsteingepflasterten Straßen südlich des Boulevard Jean Jaurès mit ihm sprach.

»Ich fürchte, Sie müssen mit dem Trinken aufhören«, sagte er. »Es gibt Arbeit.«

»Okay«, antwortete sie. Wenn sie enttäuscht war, ließ sie es sich nicht anmerken. »Was soll ich tun?«

»Haben Sie etwas zum Schreiben?«

Er hörte sie in ihrer Handtasche nach Stift und Zettel kramen, dann erklärte sie: »Ich habe eine hübsche Treppenstufe zur Entgegennahme Ihres Diktats gefunden, Tom.« Kell scrollte sich durch die Fotografien auf seiner Kamera.

»Ich brauche gründlichere Auskünfte über François Malot. Die Recherche muss unter der Hand laufen, über Ihre berühmten Kontakte, nicht über Cheltenham.« Es war ein ungewöhnliches Ansinnen, aber Kell wollte vermeiden, dass bei Marquand die Alarmglocken schrillten. »Sie haben doch Möglichkeiten, sich bei Leuten in Frankreich zu erkundigen, oder?«

Eine beredte Pause. »Sicher.«

»Gut. Ich brauche das volle Spektrum an Informationen: Bankkonten, Telefondaten, Steuerzahlungen, Ausbildung und Abschlusszeugnisse, Krankheiten, was immer Sie finden können.«

»Ist das alles?«

Kell konnte nicht einschätzen, ob hinter Elsas Frage Sarkasmus oder Selbstüberschätzung steckte. Er fand die entsprechende Aufnahme aus dem Reisepass und diktierte ihr Malots vollen Namen, Geburtsdatum und seine Pariser Adresse. Dann gab er ihr Malots Passnummer durch und ließ sie sich zur Sicherheit noch einmal vorlesen. »Letztes Jahr im Januar ist er in New York gewesen, ein halbes Jahr später in Kapstadt, im Juli in Scharm El-Scheich. Ich maile Ihnen ein paar Seiten aus seinem Kalender, die ich abfotografiert habe. Ich lese sie selber auch noch gründlich durch, aber vielleicht finden Sie ja etwas, das Ihnen weiterhilft. Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Verabredungen …«

»Gut.«

»Und noch etwas. Er scheint IT-Berater zu sein. Versuchen Sie herauszufinden, wo er arbeitet. Ich habe ein JPEG aus London, von einer Weihnachtsfeier oder so etwas. Das schicke ich Ihnen auch.«

»Bis wann brauchen Sie das alles?«, wollte Elsa wissen. Es klang, als bemühte sie sich, nicht überrumpelt zu klingen.

»So bald wie möglich«, antwortete Kell. »Kriegen Sie das hin?«

»Das ist mein Job.«

25

Zuallererst war François überwältigt von Amelias Schönheit. Damit hatte er nicht gerechnet. Und es überraschte ihn umso mehr, als er sich ihr Foto vorher ganz bewusst nicht angesehen hatte. Ihr Gesicht drückte Würde und Charakterstärke aus. Sie war elegant gekleidet. Der Schnitt der Kostümjacke betonte ihre Brüste und ließ ihre Taille schlank erscheinen, als hätte sie nie ein Kind zur Welt gebracht. Sie trug nur sparsam Make-up: blassrosa Lippenstift, leichtes Rouge, ein Hauch von Eyeliner.

Zuerst einmal – so hatte er es sich im Vorfeld überlegt – würde er hinter ihr die Tür schließen, bevor er ihr die Hand entgegenstreckte. Aber gleich darauf zog er Amelia zu sich her, um sie in die Arme nehmen zu können. Zuerst wehrte sie sich, aus ihrem Blick sprach die Angst, er könnte ihr wieder entgleiten. Das rührte ihn. Als sie seine Umarmung erwiderte, tat sie das sanft und zögerlich, erst als Reaktion auf die Kraft seiner Arme fasste sie fester zu. Sie zitterte nicht, aber er spürte, wie ergriffen sie war, und ließ es deshalb zu, dass sie den Kopf kurz an seine Schulter legte. Dass er selber schnell und unkontrolliert atmete, schob François auf seine Nervosität.

»Macht es dir was aus, Französisch mit mir zu reden?«, fragte er, ein Satz, den er vorher viele Male geprobt hatte.

»Nein, natürlich nicht!«, antwortete Amelia, und er hörte, wie präzise und akzentfrei ihr Französisch war.

»Ich hab nämlich nie richtig Englisch gelernt. Und von der Agentur weiß ich, dass du fließend Französisch sprichst.«

»Na, das ist geschmeichelt. Ich komme ja nie dazu.«

Auch den nächsten Teil hatte er geprobt. Meine Mutter ist Britin, und Briten trinken Tee. Also bietest du ihr eine Tasse an. Es bricht das Eis, und du hast in den ersten heiklen Minuten etwas zu tun. Zu seiner Erleichterung nahm Amelia das Angebot an, und er führte sie durch das kleine Wohnzimmer in die Küche, die zur Straße hinaus lag. Zwei Tassen und ein Topf mit braunem Zucker standen schon bereit. Er spürte ihren aufmerksamen Blick, als er Wasser in den Kessel laufen ließ und einen Tetrapak Milch aus dem Kühlschrank nahm.

»Möchtest du Kekse?«

»Danke, nein«, erwiderte sie mit hübschem, offenem Lächeln. Was für eine Frau; sophistiquée hätte sein Großvater gesagt. Die Freude leuchtete ihr aus den Augen, sosehr sie versuchte, sie zu verbergen. Er spürte, dass sie ihn wieder in die Arme nehmen, ihn um Verzeihung bitten wollte für das, was sie ihm angetan hatte. Nur unzulänglich verbarg ihr britischer Schutzschirm aus Kopfnicken und affirmativem Lächeln die Frau, die überwältigt war von dem Glück, ihn endlich kennenzulernen.

Die nächsten vier Stunden vergingen mit intensiven Gesprächen. Zu seinem Erstaunen verriet ihm Amelia sehr bald, dass sie für den Geheimdienst arbeitete.

»Ich ertrage es nicht, eine Lüge zwischen uns stehen zu lassen«, erklärte sie ihm. »Auch wenn ich natürlich nicht mehr darüber sagen kann.«

»Natürlich nicht.« Er war so erstaunt über ihre Offenheit, dass er einen Witz darüber machte. »Ganz schön cool, einen Jason Bourne zur Mutter zu haben.«

Sie lachte, und ihm wurde klar, dass er ihre Rolle als seine leibliche Mutter eher als geplant akzeptierte. Das war sicher kein Fehler, aber der Nachmittag sollte eigentlich nicht so weitergehen. Er vermutete, dass sie ihm ihr Geheimnis anvertraut hatte, um das Band zwischen ihnen fester zu schmieden; schließlich hatten nicht einmal François’ Adoptiveltern davon gewusst. Und es funktionierte. Plötzlich redete es sich leichter zwischen ihnen. Es entstanden keine verlegenen Pausen, keine Augenblicke, in denen er sich wünschte, sie würde gehen, damit er seine Wohnung wieder für sich hätte. Sie redeten über seinen Job als IT-Berater und über den entsetzlichen Mord an seinen Adoptiveltern. Amelia schien sich gut in seinen Verlust einfühlen zu können, ohne sentimental zu werden. Das gefiel ihm. Es zeugte von Charakter.

Zu gegebener Zeit fragte er nach Jean-Marc Daumal, aber es stellte sich heraus, dass Amelia wenig über ihn wusste. Ich hab ihn in der Nacht, in der ich das Haus verließ, zum letzten Mal gesehen, sagte sie und gestand, dass sie trotz ständiger Versuchung, besonders zu Anfang ihrer Karriere, keine einzige Recherche zu seiner Person in die Wege geleitet oder einen französischen Kollegen gebeten hatte, einen Blick in seine Steuerakten zu werfen.

»So was würden die machen?«, fragte er.

»So was würden die machen«, antwortete sie.

Nur ein Mal, als sie den Vorschlag machte, François könnte ihr Wiedersehen doch zum Anlass nehmen, nun auch nach seinem leiblichen Vater zu suchen, hatte er das Gefühl, dass sie über das Ziel hinausgeschossen war.

»Mehr als alles andere wünsche ich mir, dass du weißt, dass es in deinem Leben Menschen gibt, denen du sehr viel bedeutest, trotz allem, was geschehen ist.«

Das fand er unpassend und aufdringlich, aber er ließ es sich nicht anmerken.

»Danke«, sagte er, und weil sie gerade standen, durfte sie ihn noch einmal in die Arme nehmen. Ihr Parfüm vermochte er nicht einzuordnen; er hatte nur die vage Erinnerung, dem Duft bei einem Mädchen aus seiner Gymnasialklasse schon mal begegnet zu sein, als sie sich auf einer Party geküsst hatten.

»Ich hätte dich gern morgen beim Begräbnis dabei«, sagte er.

»Das ehrt mich«, antwortete Amelia.

Später, nachdem sie gegangen war, fühlte er sich trotz des überwältigenden Erfolgs ihrer ersten Begegnung vor allem erschöpft. Aber das war kein Wunder, standen sie doch am Anfang von etwas, das sich – so hoffte er – zu einer intensiven und lohnenden Beziehung entwickeln würde. Und um dorthin zu gelangen, würde er alle seine Reserven an Kraft und mentaler Stärke abrufen müssen, auch welche, deren er sich in diesem Stadium vielleicht noch gar nicht bewusst war. Das war Teil der Abmachung, die er mit sich getroffen hatte. Sie würden sich kennenlernen.

26

Es war schon halb zwölf, als Sami anrief. Kell hatte in seinem Zimmer noch ein Sandwich gegessen und einen Zentimeter von Pakenhams Kampf um Afrika gelesen. Als Ouvertüre das inzwischen sattsam bekannte Getöse arabischer Musik, ein Saal ausgelassener Bauchtänzerinnen. Dann sagte Sami:

»Ich habe sie gerade abgesetzt.« Er klang noch immer angespannt, als wäre er an die Grenzen seines Anstands gestoßen. Ein typisches Phänomen bei Hilfsspionen: schlechtes Gewissen und Adrenalin kämpften miteinander wie Gift und Gegengift. »François hat sie ins Valencia begleitet. Er will in Ihrer Hotelbar noch einen Cognac trinken. Vielleicht können wir uns treffen, dann erzähle ich Ihnen, was zwischen den beiden passiert ist. Eine interessante Frau, seine Mutter.«

Kell wollte Sami schon bitten, den letzten Satz zu wiederholen, aber plötzlich erschien er ihm so folgerichtig wie der Lauf der untergehenden Sonne: Malot war Amelias Sohn, zur Welt gekommen vor über dreißig Jahren in Tunis. War das möglich? Kell rief sich Amelias Akte ins Gedächtnis. Die Daten passten haargenau. Malot war 1979 geboren, nur Monate nachdem Amelia ihre Arbeit als Au-pair-Mädchen in Tunis beendet hatte. Wieso war ihm diese Übereinstimmung nicht schon längst aufgefallen? Philippe und Jeannine Malot mussten ihn gleich nach der Geburt adoptiert haben, ohne dass Amelia Weldons Name in den Adoptionspapieren oder der Geburtsurkunde aufgetaucht wäre. Unglaublich, dass es ihr gelungen war, das Kind geheim zu halten; der MI6 war bekannt für umfassende und gründliche Personalüberprüfungen, doch François musste ihnen durchs Netz gegangen sein. Und wer war der Vater? Jemand aus der Ausländergemeinde in Tunis? In ihrer Rekrutierungsakte stand nichts von einem Liebhaber in dieser Lebensphase. War Amelia Opfer einer Vergewaltigung geworden?

Kell ließ den Blick hinauf zu den nackten, weißgetünchten Wänden seines Zimmers wandern, dann hinunter auf den beigefarbenen Teppichboden. Er rieb sich die Augen. »Kommen Sie zu mir herauf«, sagte er. »Hier können wir reden.«

Groll war ein Gefühl, mit dem er nicht gerechnet hatte, aber für einen Moment fühlte er sich verraten von Amelia. Ihre Kinderlosigkeit hatte sie verbunden, ein Manko, das sie beide still betrauert hatten. Dabei hatte die Meisterspionin dieses Märchen aus ihrer Jugend einfach vor ihm verborgen. Doch sein Zorn auf die Freundin verwandelte sich rasch in tiefes Mitgefühl. Was für ein unvorstellbarer Schmerz musste das gewesen sein – neun Monate lang ein Kind im eigenen Körper heranwachsen zu spüren, ein Wesen, das aus dem Mutterleib zu ihr gesprochen hatte, um es dann von sich fortreißen zu lassen in ein Leben, über das sie so gut wie nichts gewusst haben dürfte. Kell verspürte den Wunsch, zu Amelia zu laufen und ihr zu sagen, dass er immer für sie da sei, wenn sie jemanden zum Reden brauche.

»Du wirst sentimental«, ermahnte er sich und sprang auf, als ließe sich damit Professionalität zurückgewinnen. Er knipste das Deckenlicht an und schenkte sich den letzten Rest des klebrigen Rotweins ein, den der Zimmerservice ihm gebracht hatte. »Hannibal« nannte sich das einheimische Gift. Er nahm die Kamera vom Bett und scrollte sich durch die Überwachungsfotos vom Pool, insgesamt etwa fünfzig Aufnahmen von Amelia und Malot. Inzwischen meinte Kell, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden feststellen zu können, und bekam immer stärker das Gefühl, sich in Amelias Privatangelegenheiten einzuschleichen. Die Zeit hier in Tunis dürfte eine von sehr wenigen Gelegenheiten sein, privat Zeit mit François zu verbringen. Woher nahm Kell das Recht, hinter ihnen herzuschnüffeln? Während seiner langen Karriere war seine eigene Privatsphäre ihm immer heilig gewesen, und er wusste, dass es Amelia nicht anders ging. Als Geheimagent hatte man wenig Raum, sich frei von neugierigen Blicken zu bewegen; da lernte man die Augenblicke unbewachter Abgeschiedenheit zu schätzen. Für Amelia war das Haus in Wiltshire der Hafen, in dem sie so oft es ging Zuflucht vor den Belastungen der Agentenwelt suchte. Ein vergleichbarer Schlupfwinkel fehlte Kell. Sein Leben war ein ständiges Pendeln zwischen Claire und Vauxhall Cross gewesen, bis privates und berufliches Selbst sich irgendwann zu einem unauflösbaren Knoten verschlungen hatten. Auf der einen Seite ein Dienst, der wegen der Geschichte in Afghanistan seinen Kopf auf dem Silberteller serviert haben wollte, auf der anderen eine Frau, die ihn nicht aus dem Käfig ihrer Verbitterung und Enttäuschung herauslassen wollte.

»Auf dich«, sagte Kell laut und erhob das Glas auf Amelia. Und dann etwas leiser: »Und auf die Mutterschaft.« Dann trank er.

27

Es waren nur zwölf Trauergäste im Krematorium; eine große Trauerfeier war für den Herbst geplant. François hatte darauf bestanden, dass Amelia sich neben ihn setzte, an ihrer anderen Seite saß die Schwester seiner Adoptivmutter. Später, in der Wohnung seines Onkels, hatte François sie seinen Verwandten und Freunden als »eine alte Freundin der Familie aus England« vorgestellt und sich hinterher bei Amelia dafür entschuldigt, dass er »noch nicht den Mut« gefunden hatte, den anderen zu erzählen, wer sie wirklich war. Die Entscheidung, nach Tunis zu fliegen, war noch am selben Abend gefallen. François hatte davon gesprochen, unbedingt mal rauszumüssen aus Paris, und Amelia ertrug den Gedanken nicht, nach so kurzer Zeit schon wieder von ihm getrennt zu sein; es konnte dauern, bis sich die nächste Gelegenheit ergab. Also hatte sie Kontakt zu ihrem Assistenten in Vauxhall Cross aufgenommen und ihm mitgeteilt, dass sie nach dem Begräbnis noch etwas Zeit brauche und die restlichen zwei Wochen ihres Urlaubsanspruchs in Südfrankreich zu verbringen gedachte. Als Tarnung für die Tunesienreise buchte sie sich in einem Hotel in Nizza ein und behauptete, an einem Malkurs teilnehmen zu wollen. Sie erhielt einen Rückruf von Simon Haynes, der ihr zugestand, »längst mal eine Pause verdient« zu haben, und eine gereizte E-Mail von George Truscott, in der er auf die »nicht unerheblichen Probleme« hinwies, die es mit sich brachte, wenn sich jemand so kurzfristig vom Dienst abmeldete. Weitere Stellungnahmen schien ihre Abwesenheit nicht generiert zu haben.

Am Freitag traf Amelia Levene in Gammarth ein, wo sie unter dem Pseudonym Farrell im Urlauberhotel Ramada abstieg, das direkt neben François’ Hotel lag; eine zweite Nebelkerze, die es wohl nicht gebraucht hätte. François hatte nichts dagegen gehabt, schien sogar Vergnügen an dem Versteckspiel zu finden und vermutete zum Spaß, dass so etwas wohl »angeboren« sein müsse.

Die Rückkehr nach Tunis nach über dreißig Jahren war für Amelia zuerst traurig und etwas verstörend, aber im Lauf der Tage, mit dem Besuch vieler ihrer alten Lieblingsplätze, entwickelte sich die Reise emotional befriedigender als erwartet. An der Oberfläche hatte sich wenig verändert: Sie erinnerte sich an das Pfeifen der Mauersegler am Abendhimmel, die heftige trockene Hitze und das unablässige Geplapper der Männer. Sie erinnerte sich an den Garten in La Marsa, die langen Nächte in den Armen ihres Geliebten – so rücksichtslos gegenüber Jean-Marcs Frau und den Kindern, so grausam in ihrem Verlangen, ihn zu besitzen. Sie nahm François mit ins Le Golfe, ein Restaurant, in das sein Vater sich nicht mit ihr getraut hatte, weil er fürchtete, dort von Freunden und Kollegen gesehen zu werden. Amelia hatte in Tunis schon vor ihrer Schwangerschaft angefangen, Arabisch zu lernen, war auf dem Weg zum Sprachkurs mit Kopftuch und Rock durch die Straßen der Medina gegangen, und die tunesischen Jungen hatten mit der Zunge geschnalzt und ihr mit großen Augen nachgeblickt. Sie hatte mit all der unerschütterlichen Überzeugung junger Menschen daran geglaubt, dass Amelia Weldon anders war als die Studenten und Rucksacktouristen, die durch Tunis kamen, Muttersöhnchen, auf großer Reise mit Daddys Kreditkarte. Jetzt, über drei Jahrzehnte später, spürte sie eine große Sehnsucht nach der Vergangenheit, nicht zuletzt deshalb, weil sie inzwischen so weit davon entfernt war, eins der aufregendsten Mädchen der Stadt zu sein. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war Amelia Levene nur eine von Tausenden englischer Touristinnen in mittleren Jahren, beliebtes Opfer für Standbesitzer, die Teppiche oder gefälschte Polohemden an die Frau bringen wollten. Es kam ihr vor, als wären es noch dieselben Männer wie 1978, die in denselben Cafés saßen und denselben Tee tranken; dieselben Frauen, die in denselben Seitengassen und gefliesten Hauseingängen der Medina kauerten und Gemüse schrubbten. Die Hochzeitskörbe, rosa und cremefarben, die Stapel von Tee und Gewürzen lagen noch immer unverkauft auf den Marktständen. Nichts hatte sich geändert. Und doch war alles anders. Die jungen Frauen trugen Make-up und Jeans von Dolce & Gabbana. In den Ohren ihrer Freunde steckten die Headsets ihrer Mobiltelefone, an den Wänden der Cafés hingen Poster von Fußballern des FC Chelsea. Die Kinder, die im Staub und Dieseldunst von 1978 herumgetobt waren, chauffierten jetzt Amelias Taxi zum Nationalmuseum von Bardo oder stellten François eine Serviette neben den Teller, als er sich in Dar el-Jeld zum Mittagessen setzte.

»Hier war ich glücklich«, sagte sie zu ihm in einem unbeobachteten sentimentalen Moment und bedauerte es augenblicklich, denn wie hätte sie, die im Begriff war, ihren Sohn aufzugeben, glücklich sein können? »Bevor das alles geschah«, fügte sie schnell hinzu und stolperte beinahe über den französischen Satz. »Ich liebte mein freies Leben. Ich liebte das Gefühl, weit weg von England zu sein.«

»Und heute arbeitest du für England«, erwiderte François.

»Wie sich das anhört«, antwortete sie, hob ihm ihr Glas entgegen und sah, wie das Licht sich im Kristall brach. »Ja, aber es ist wohl so.«

28

Draußen auf dem Korridor klopfte jemand leise gegen die Tür. Kell klinkte die Sicherheitskette aus und bat Sami herein. Ein seltsames mitternächtliches Stelldichein. Kell öffnete die Balkontür, ließ die frische Nachtluft hereinwehen. Auf dem Fußboden neben seinem Bett stand eine Flasche Macallan Single Malt, zollfrei über Nizza eingeführt, und er schenkte je zwei Fingerbreit in die Gläser, die er aus dem Bad geholt hatte. Während er das tat, entschuldigte er sich noch einmal für die »Heimlichtuerei«, ein Ausdruck, der sich gar nicht leicht ins Arabische übersetzen ließ.

»Kein Problem«, antwortete Sami. »Ich verstehe das.«

Ein langer Tag hinter dem Lenkrad, aber so müde und gebeugt der Mann auch durch den Raum schlurfte und sich auf einem niedrigen Sofa niederließ, das erregte Glitzern in seinen Augen konnte er doch nicht ganz vor Kell verbergen.

»Die beiden haben sich also gut amüsiert?«, begann er, eine Frage, die es Sami erlaubte, einfach loszulegen.

»Ja. Eine unglaubliche Geschichte.« Sami beugte sich auf seinem Sitz vor, kahlköpfig, untersetzt und randvoll mit Neuigkeiten. »Sie wissen über die beiden Bescheid?«

»Erzählen Sie«, forderte Kell ihn auf. »Ich habe vieles vergessen.«

Also erzählte Sami. Vor dreißig Jahren hatte »Amy« – unter dem Namen lief Amelia in der Geschichte – in Tunis gearbeitet und war schwanger geworden, ohne verheiratet zu sein. Weil sie noch ein Teenager war, und die Tochter streng katholischer Eltern, wurde das Kind zur Adoption freigegeben. Dieses Baby war François, er kam nach Frankreich und wurde in Paris von Philippe und Jeannine Malot aufgezogen. Tragischerweise wurden seine Adoptiveltern vor ein paar Wochen während einer Ferienreise durch Ägypten ermordet. Erst durch das Testament seines Vaters erfuhr François von den Umständen seiner Geburt. Ohne zu zögern hatte er die Agentur angerufen, von der seine Adoption organisiert worden war.

Kell lauschte der Erzählung mit weniger Verwunderung, als es zu erwarten gewesen wäre; eine ähnliche Geschichte hatte er sich vorgestellt. An allen entscheidenden Stellen fügte sie sich zusammen. Einzig die Tatsache, dass Amelia ihren Sohn vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen hatte, überraschte ihn. Aus irgendeinem Grund hatte Kell vermutet, die Beziehung hätte sich im Verlauf mehrerer Jahre langsam entwickelt, und wusste selbst nicht recht, wie er zu dieser grundlosen Einschätzung gekommen war.

»Wer hat Ihnen das alles erzählt?«, fragte er. »Und wie sind Sie überhaupt auf das Thema gekommen?«

»François. Ich wollte von ihm wissen, was sie in Tunesien machen, so kurz nach der Revolution, und da hat er mir die Geschichte erzählt.«

»Und Amy hat nichts dazu gesagt? Sie hat ihm das Reden überlassen?«

Kell wollte wissen, warum Amelia ihrem Sohn diese Indiskretionen gestattet hatte; vielleicht war sie unvorsichtig geworden und hatte keinen Grund gesehen, Sami zu misstrauen.

Der Fahrer nickte. »Die Lady ist viel schweigsamer. Meistens redet er.«

»Aber sie hat einen glücklichen Eindruck gemacht? Es ging ihnen gut zusammen?«

»Oh ja«, antwortete Sami. Sein Whiskyglas war leer, und er schob es fürs Nachfüllen in Position. »Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?«

Kell nahm die Flasche vom Boden und bediente ihn. »Bitte.«

»Warum soll ich den beiden folgen?«

Sami war offensichtlich ein ehrlicher Mann, freundlich und loyal, aber weil er einen Schuss Romantik im Wesen nicht verleugnen konnte, ließ das Pathos von François’ Geschichte ihn nicht ganz kalt.

»Jemand zahlt mir Geld dafür«, antwortete Kell. Im Nebenzimmer hustete ein Mann. Er versuchte, das Thema schnell wieder zu wechseln »Sie müssen müde sein.«

Sami zuckte die Achseln. In der Vergangenheit, aber auch in Nizza mit Elsa, hatte Kell bei seinen Operationen oft versucht, sich die privaten Lebensumstände seiner Kontaktpersonen vorzustellen. Das gehörte zu den wenigen Zerstreuungen in dem Beruf, die langen Wartezeiten ließen sich damit etwas verkürzen. Bei Elsa stellte er sich vor, dass sie auf Rockmusik stand und dankbare, langhaarige, üppig tätowierte Männer mit ins Bett nahm. Aber Sami? Was war Sami für einer? Ein ergebener Muslim? Sicher nicht, seinem Whiskydurst nach zu urteilen. Ein Sportfan? Ein Liebhaber von Frauen und gutem Essen? Zweifellos sprachen seine Leibesfülle und Jovialität, das Tempo, in dem er seinen Drink in sich hineingeschüttet hatte, von einem Mann mit großem Appetit.

Kell konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung.

»Hat François erwähnt, warum sie in verschiedenen Hotels wohnen?«

»Ja.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen und klang beinahe verwundert, also mutmaßte Sami, Kell könnte seine Gedanken gelesen haben. »Das Ramada war ausgebucht, deshalb hat sie hier ein Zimmer genommen«, sagte er und nickte Richtung Tür. »Sie checkt morgen aus, ich bringe sie zum Flughafen.«

»Und das alles haben sie Ihnen auf einer Taxifahrt erzählt?«

Ob Amelia mit ihm spielte? Ob sie wusste, dass Kell in Tunis war, und sich Samis Dienste gesichert hatte?

»Zwei«, antwortete er und machte mit seinen kurzen dicken Fingern das Churchill’sche »V« für Victory. »Alle Menschen erzählen mir von sich. Weil ich gerne Frage stelle. Touristen kommen nach Tunesien und erzählen mir ihre Geheimnisse, weil sie wissen, dass sie mich nie wiedersehen.«

Kell verbarg seinen Zweifel hinter einem Lächeln. »Und jetzt bringen Sie Amy also zum Flughafen?«

Plötzlich wirkte Sami verlegen, als hätte er sich selbst bei einer unpassenden Bemerkung erwischt.

»Ist das okay, Stephen?«

»Natürlich. Nichts dagegen.« Er wischte Samis Bedenken mit einer Handbewegung fort und dachte an Marquand. Was sollte er morgen früh den Londonern sagen? Wie ließ sich Amelias Geheimnis am besten vor ihnen verheimlichen? »Sie müssen nur darauf achten, unser Geheimnis nicht zu verraten. Wir sind uns nie begegnet, okay? Sie haben mich nicht gesehen, nicht mit mir gesprochen und kein Geld von mir bekommen. Die Leute, die meine Rechnungen bezahlen, machen mir die Hölle heiß, wenn Amy dahinterkommt, dass ich ihr nachspioniere.«

»Natürlich.« Sami stellte sein leeres Glas auf den Tisch neben dem Sofa und sah etwas beleidigt aus, weil er für einen Fauxpas gescholten wurde, den er noch nicht begangen hatte. »Vielleicht sollte ich jetzt nach Hause fahren und etwas schlafen.«

»Vielleicht.«

Kell brachte den Tunesier an die Zimmertür und riet ihm, sich gründlich auszuruhen, bis er Amy zum Flughafen brachte. Er blickte ihm nach, wie er den Korridor entlangschlurfte, und fragte sich, was er wohl zu François sagte, sollten sie sich in der Lobby über den Weg laufen, und ob das überhaupt noch eine Rolle spielte. Schließlich war das Geheimnis gelüftet. Kell hatte seinen Job erledigt.

Er schaltete das Deckenlicht aus, legte sich aufs Bett und lauschte dem kratzenden Husten des Nachbarn im Nebenzimmer und dem bruchstückhaften, nicht zu verstehenden Gespräch eines Mannes und einer Frau unter seinem Fenster. Es war kurz vor eins. Weil er nicht einschlafen konnte, zog er sein Jackett über und ging hinunter in die Empfangshalle. Vielleicht saß Amelia ja noch in der Bar. Aber außer dem Mann an der Rezeption war es dort unten menschenleer; die Bar war schon geschlossen. Aus einer Laune heraus ging Kell zum Taxistand. Einer der Fahrer fragte ihn, ob er ihn nach La Marsa bringen sollte, und Kell überraschte sich selbst damit, dass er das Angebot annahm. Er musste raus aus dem Hotel, aus der klaustrophobischen Atmosphäre von Tarnung und Strategie. Und es gab ja auch etwas zu feiern. Der Fahrer, der während der zehnminütigen Fahrt entlang der Küste kein Wort sprach, ließ ihn vor der Plaza Corniche raus, einer eleganten Bar im Zentrum La Marsas, deren Kellner wie Flugkapitäne gekleidet waren, und in der karamellbraune Italiener Stielaugen nach den hübschen tunesischen Mädchen machten. Kell hatte ganz vergessen, wie ungern er allein ausging: für Nachtclubs war er zu alt, fürs Bett war er zu aufgedreht. Eine halbe Stunde später, nach nur einer Flasche deutschen Biers, ging er wieder hinüber zu seinem Taxifahrer, der auf der anderen Straßenseite auf ihn wartete. Sie waren gerade losgefahren, als Sami anrief. Kreischende Bauchtanzmusik, dann:

»Mr. Stephen?«

»Sami?« Kell sah auf die Uhr. »Was ist los?«

»Tut mir leid, dass ich so spät anrufe. Es ist nur – ich habe etwas Wichtiges vergessen.«

»Ja?«

»Morgen. Das Schiff. François ist auf die Fähre von La Goulette gebucht. Er verlässt das Land mit dem Nachtschiff nach Marseille.«

29

Am nächsten Tag ging nur eine Passagierfähre nach Marseille. Kell kam zurück ins Valencia, reservierte über die Website der SNCM eine Unterdeckkabine, stornierte seinen Rückflug nach Nizza und schlief ein paar Stunden, bevor er sich das Frühstück aufs Zimmer kommen ließ. Sami rief um acht an und berichtete, dass er zum Ramada unterwegs sei, um Amelia und François abzuholen.

»Ich bringe Mrs Farrell zum Flughafen, dann fährt François mit mir weiter zum Anleger. Die sind ganz nah beieinander.«

»Haben Sie eine Ahnung, warum François nicht mit ihr zusammen fliegt?«

»Er hat gesagt, wenn er die Wahl hat, nimmt er lieber das Schiff. Amy fliegt nach Nizza.«

Zurück zu ihrem Malkurs, dachte Kell und fragte sich, ob die Knights wohl immer noch brav den Kurs besuchten, Tag für Tag, in der vergeblichen Hoffnung, ihrer Zielperson zu begegnen. Wahrscheinlicher war, dass Amelia ihr Zimmer im Gillespie räumte und Sonntagabend in London landete.

»Rufen Sie mich an, wenn Sie François an der Fähre abgesetzt haben«, sagte er. »Ich hinterlege Ihr restliches Geld in einem Umschlag an der Rezeption. Fünfhundert Dinare. Ist das okay?«

»Das ist sehr großzügig, Stephen.«

»Nicht der Rede wert.«

Der Hafen, das waren tausend Hektar Beton, Kräne, Lastwagen, sich im Wind räkelnde Möwen und Rampen, um die Mäuler der Fähren mit Autos füttern zu können. Kell nahm ein Taxi zum SNCM-Anleger und reihte sich auf einem erhöhten Gehweg im gleißenden Sonnenlicht hinter einer tunesischen Familie ein, die den Eindruck machte, direkt aus der Wüste hierhergestapft zu sein. Ein gebückter, uralter Mann musterte Kell mit langem, herablassendem Blick, bevor er einem Jungen – vielleicht seinem Urenkel – befahl, einen blauen, mit Kleidern und Schuhen vollgestopften Plastiksack, der von ihrem ratternden Eisenkarren zu rutschen drohte, wieder unter die Vertäuung zu schieben. Der alte Mann hatte lange dunkle, von Jahrzehnten körperlicher Arbeit gezeichnete, grobknochige Hände. Kell versuchte, sich die Lebensumstände der Familie vorzustellen; wollten sie nach Frankreich auswandern? Es sah aus, als hätten sie ihre gesamte Habe in drei uralte Koffer und die schlaffen Kartons gestopft, die wie Mägen aus Pappe aus dem verschnürten Eisenkarren quollen.

Es ging schnell voran. Bald schon befand sich Kell in einer überdachten Wartehalle, einem überdimensionalen Schuhkarton mit hoher Decke, auf drei Seiten gesäumt von Fahrkartenschaltern, Souvenirständen und einem Café, das Pizzas und Crêpes verkaufte. Sein Ticket bekam er von einem SNCM-Angestellten in Samis Alter, der nicht weniger elegant und städtisch als ein Londoner Meisterspion aussah. Aber Kell hätte um nichts in der Welt mit ihm getauscht: die Beengtheit in einem Raum, die tagtägliche Wiederholung der immer gleichen banalen Handgriffe. Er bestellte sich einen Kaffee, setzte sich an einen Fenstertisch mit Blick auf den Hafen; alles hier fühlte sich irgendwie feucht an, als wäre frühmorgens das Meer in einer reinigenden Flutwelle durch die Halle geströmt.

Nach fünf Minuten sah er François inmitten der in der Halle versammelten Passagiere vor einer Sicherheitsschleuse stehen, nicht einmal zehn Meter entfernt. Er zeigte dem Beamten gerade seine Fahrkarte. Um den Hals hatte er Kopfhörer hängen und hielt eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, wie modebewusste südeuropäische Männer sie gerne trugen. Der Passkontrolleur deutete auf die teure Designersonnenbrille, die seine Augen verdeckten, und Kell konnte sehen, wie François sie sich mit einem Ausdruck beinahe arroganter Geringschätzung auf die Stirn schob; vielleicht hatte eine Woche in der Gesellschaft der designierten Chefin des MI6 sein Selbstbewusstsein gegenüber minderen Autoritäten gestärkt. Dann wandte er sich nach links, war nicht mehr zu sehen, und Kell trank ohne die geringste Eile seinen Kaffee aus. Vor ihm lagen zweiundzwanzig Stunden auf dem Schiff – mehr als genug Zeit, um Monsieur François Malot kennenzulernen.

Das Schiff glich den vielen Fährschiffen, mit denen Kell als Kind über den Ärmelkanal in die Familienferien an der normannischen Küste gefahren war; ein RoRo-Schiff mit Decks in mehreren Etagen, offenen Durchgängen back-und steuerbords und einem Sonnendeck unterhalb des Schornsteins. Er fand seine Kajüte im Schiffsinneren, ein winziges Kabuff, eingezwängt zwischen hundert anderen in einem Labyrinth aus Korridoren, in dem man sofort jegliche Orientierung verlor. Als er das Bett aus der Kabinenwand klappte und die verfügbare Bodenfläche damit um etwa fünfzig Prozent verkleinerte, hörte er die Stimme seines Vaters: »Hier kann sich ja kein Wiesel umdrehen.« Er schob die Reisetasche unter die Pritsche. Neben dem Kopfkissen, unter einem verkratzten Spiegel, war ein kleines Regal aus Plastikspritzguss; das Bad rechts von der Tür war kaum größer als eine Telefonzelle. Kell setzte sich auf das Bett, stellte die halbleere Flasche zollfreien Macallans auf das Regal, zog die Speicherkarte aus seiner Kamera, holte den Kampf um Afrika aus der Tasche und machte sich auf den Weg nach oben, um sich ein bisschen umzusehen.

Keine Spur von François. Er ging von Deck zu Deck, von Salon zu Salon, sondierte das Terrain. Zwei verschleierte Frauen, die sich im Rezeptionsbereich auf Ebene 6 häuslich eingerichtet hatten, lagen bereits in tiefem Schlaf auf ihren Schaumstoffmatten. Eine Tür verband die Lobby mit einem großen Sitzbereich, wo es sich grob geschätzt fünfzig Nordafrikaner auf Ledersesseln in einem sonnenhellen Salon bequem gemacht hatten. Es war Mittagszeit, und sie aßen gekochte Eier, Salat und Brot. Ein Mann schnitt mit einem Taschenmesser eine Tomate in Scheiben und bestrich ein Baguette mit einer Paste, die wie selbstgemachtes Harissa aussah. Die Eier wurden geschält, und Kell sah, wie der Mann die Eierschalen ordentlich in einem Plastikeimer auf dem Boden entsorgte. Ein leises Hungergefühl veranlasste ihn, sich auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen. Ein Restaurant zwei Decks höher war geschlossen, aber ein freundlicher französischer Kellner versprach ihm, dass Mahlzeiten serviert würden, sobald das Schiff den Hafen verlassen hatte. Also ging Kell hinaus auf das Backborddeck, hielt sich mit beiden Händen an einer Reling fest, von der die Farbe abblätterte, und sah, wie die letzten Autos über die Heckklappe der Fähre in den Bauch des Schiffes rollten. Es war ein strahlender Sommertag, sonnig und klar, das salzige Licht brannte in den Augen. Kell sog die Seeluft tief in seine Lunge, um sie von gefühlten fünf Tagen Zimmerluft zu säubern. Neben ihm machte ein Algerier mit Schnauzbart Schnappschüsse vom Hafen, ein anderer winkte seiner auf einem Parkplatz versammelten Kleinfamilie zu. Er schien den Tränen nahe.

30

Das Schicksal war, wie es so schön heißt, gnädig zu Jean-Marc Daumal gewesen. Anfang der 1980er-Jahre war er von Tunis nach Buenos Aires versetzt worden, hatte den argentinischen Überfall auf die Falklandinseln von einem Logenplatz aus betrachten dürfen und sich auf eine recht stürmische Affäre mit einer der jungen Sekretärinnen in seinem Büro in der Avenida San Juan eingelassen. Und so war seine Liebe zu Amelia Weldon wenn nicht vergessen, so doch bald schon durch Gefühle ersetzt worden, die besser mit den Worten Scham und Verbitterung beschrieben waren. Es gefiel Daumal nicht, dass eine junge Frau so viel Macht über seine Gefühle hatte bekommen können, und er fragte sich, ob er sie vielleicht in einem Augenblick besonderer Verletzlichkeit kennengelernt hatte? Keine der anderen Frauen, mit denen Daumal sich während der verbleibenden zwei Jahrzehnte seiner Berufstätigkeit einließ, war mehr als eine kurze, vergnügliche Ablenkung für ihn gewesen.

Für Daumal hatte sich das Rätsel von Amelias plötzlichem Verschwinden erst sechzehn Jahre nach seinem Abschied aus Tunesien gelöst. Auf einem Hochzeitsempfang für einen reichen Kunden in Atlanta, Georgia, erspähte er in dem schneeweißen Festzelt niemand anderen als Joan und David Guttmann, die angelsächsische Protestantin und den amerikanischen Juden, die seine Geliebte in der Nacht ihrer Flucht aus La Marsa bei sich aufgenommen hatten. Von dem Gedanken, Guttmann könnte ihm Amelia ausgespannt haben, hatte Jean-Marc sich gleich nach den ersten grausamen Tagen im Jahr 1978 verabschieden müssen. Guttmann war zu der Zeit sechs Wochen in Israel gewesen. Joan hatte später alles aufgeklärt, als sie bei einem Abendessen drei Tage nach Amelias Verschwinden gegenüber Celine erwähnte, Amelia sei von einem der jungen Briten, mit denen sie in der Stadt oft zusammengesteckt hatte, geschwängert worden und habe daraufhin den schweren Entschluss gefasst, nach Hause zu fliegen und das Kind abtreiben zu lassen. Joan hatte der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Daumals einen Weg fänden, ihrem Au-pair-Mädchen ihr leichtsinniges und moralisch verwerfliches Verhalten nachzusehen.

Natürlich wusste Jean-Marc, dass es sein Baby war, und er konnte trotz seiner großen Liebe zu Amelia ein Gefühl der Erleichterung über ihre Entscheidung nicht ganz verhehlen. Ein uneheliches Kind hätte seine Frau auf schnellstem Weg zum Scheidungsanwalt getrieben, keine Frage; der Skandal hätte alle seine Hoffnungen auf eine Beförderung in das argentinische Büro zerstört und außerdem einen schädlichen Langzeiteffekt auf seine eigenen Kinder gehabt. Bei gründlicher Erwägung aller Umstände durfte er froh sein, dass Amelia so viel Reife und Verstand an den Tag gelegt hatte.

Aber an diesem strahlenden Sommernachmittag bekam die Geschichte eine ganz andere Wendung. David Guttmann, der zu viel getrunken und die sorgfältig komponierten Lügen von 1978 vergessen hatte, war der Überzeugung gewesen, Jean-Marc wüsste Bescheid über die langen Monate, die Amelia in Erwartung des Babys in der Wohnung in der Nähe ihres Hauses in Tunis verbracht hatte. Und so bekam Jean-Marc, ohne sich etwas anmerken zu lassen, zu hören, dass Amelia sein Kind nicht abgetrieben, sondern einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Als der angeheiterte Guttmann das Ausmaß seiner Indiskretion erkannte, versuchte er, den Schaden zu begrenzen, und griff sich flugs eine Lüge aus der klaren Sommerluft Georgias:

»Da war es natürlich eine große Tragödie, dass das Kind nur ein paar Wochen später gestorben ist.«

»Ist das wahr?«

»Ja, ja. Eine herzzerreißende Geschichte. Eine Art Blutvergiftung. Letzte Klarheit haben wir darüber nie bekommen. Wahrscheinlich erinnert Joan sich besser als ich, aber heute Abend sollten wir das Thema lieber auf sich beruhen lassen, oder? Wenn ich mich nicht täusche, stand es mit der Hygiene in dem Krankenhaus nicht zum Besten. Eine spontane Sepsis oder so etwas.«

1996 zog Jean-Marc wieder nach Paris. Er hatte sich mit dem festen Vorsatz auf den Rückflug gemacht, in Erfahrung zu bringen, was mit seinem Kind passiert war. Er konnte in Großbritannien keine Spur von Amelia Weldon finden, obwohl er – eine horrende Investition – einen Privatdetektiv in Mayfair mit der Suche beauftragte. Auch mehrere Nachfragen bei tunesischen Adoptionsagenturen führten zu keinem Ergebnis. Erst zehn Jahre später, er war längst pensioniert und lebte in seinem Elternhaus in Burgund, erfuhr Daumal endlich, was aus Amelia geworden war. Sein Sohn Thibaud, inzwischen Journalist in Paris, hatte eine Freundin, die im Innenministerium arbeitete, mit nach Hause gebracht. Um dem Mann zu imponieren, von dem sie hoffte, dass er ihr Schwiegervater werden würde, hatte Marion – so hieß die Freundin – ihm versprochen, ihre Verbindungen spielen zu lassen, um etwas über Mademoiselle Amelia Weldon herauszufinden. Ihre Nachfragen bei einem Agenten des britischen MI6 erregten die Aufmerksamkeit des französischen Auslandsgeheimdienstes, der Marion prompt zu einem Verhör bat, um den Grund ihres Interesses zu erfahren. Bei diesem Verhör machte sie den DGSE auf Jean-Marc Daumal aufmerksam, und der willigte ein, sich mit einem Agenten, der sich ihm unter dem Namen »Benedict Voltaire« vorstellte, zu einem Mittagessen in Beaune zu treffen.

»Monsieur«, fragte Benedict, als der Kellner zu Beginn des denkwürdigen Essens zwei Speisekarten vor ihnen aufklappte. »Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit in Tunis? Gibt es da irgendetwas, das Sie uns über eine junge Frau namens Amelia Weldon erzählen könnten?«

31

Spionieren heißt warten.

Kell ging zurück in seine Kabine, um sich sein Buch zu holen, verlief sich im Labyrinth der Korridore, fand schließlich doch den Weg zu dem Restaurant und aß ordentlich zu Mittag. Die Fähre, die inzwischen auf das offene Meer hinauspflügte, schien nur halb ausgebucht zu sein; vor dem Restaurant wartete keine Schlange, für die vorwiegend französischen Passagiere, die in Gruppen von den Parkdecks heraufgestiegen kamen, standen reichlich freie Tische zur Verfügung. Afrikaner waren keine zu sehen; die Preise der französischen Gerichte waren in Euro ausgezeichnet, die Kundschaft war ausnahmslos weiß. Kell saß bei einer Tasse Kaffee über sein Buch gebeugt und wartete darauf, dass François sich blicken ließ. Als er um halb drei noch nicht aufgetaucht war, gab er auf. Anscheinend hatte der Franzose sich etwas zu essen geholt. Er zahlte seine Rechnung, ging hinauf; die niedrigen, weißgetünchten Häuser Karthagos waren noch als weißer Kreidestrich am Horizont zu sehen, als er durch den Sitzbereich der Cafeteria streifte. Sie war menschenleer bis auf ein junges britisches Ehepaar im Schadensbegrenzungseinsatz gegen zwei brüllende Kleinkinder und ein neugeborenes Baby. Die Mutter löffelte dem Baby pürierte Nahrung in den Mund, während die lieben Kleinen das Linoleum mit Plastikspielzeug bombardierten. Ein Teil des Fußbodens war von Meerwasser überschwemmt. Alle sahen erschöpft aus.

Schließlich, als wäre er ohne Stadtplan in die richtige Straße gestolpert, erblickte Kell den Franzosen an der Heckreling des Sonnendecks, von wo aus er in das schäumende Kielwasser schaute. Die tunesische Küste war inzwischen hinter einem fernen Nebelschleier verschwunden. An François’ Seite stand ein größerer, bärtiger Mann, gekleidet in ein hellblaues Button-down-Hemd und Leinenhosen. Der Mann, der volles schwarzes, mit ziemlicher Sicherheit gefärbtes Haar hatte, war ungefähr Mitte fünfzig, rauchte eine filterlose Zigarette, bis er die Kippe über die Reling schnippte; der Wind bekam sie nicht zu fassen, und sie landete ein Deck tiefer. Die beiden schienen ein unemotionales sachliches Gespräch zu führen, aber etwas an ihrer körperlichen Nähe ließ auf eine gewisse Vertrautheit schließen. Vielleicht unterhielten sie sich schon seit geraumer Zeit, oder es war nicht ihre erste Begegnung. Kell, der sich ein paar Meter weit weg an die Reling gestellt hatte, schnappte den Namen des Mannes auf – Luc – und hörte hinein in einen Dialog, bei dem es um Marseiller Hotels zu gehen schien, aber das tiefe Dröhnen aus dem Schiffsschornstein erdrückte alle Hoffnungen, mehr von dem Gespräch mitzubekommen.

Er zündete sich selber eine Zigarette an. Für Situationen, die es erforderlich machen konnten, mit einem Agenten oder einer anderen Person Kontakt aufzunehmen, hielt er stets ein Päckchen griffbereit. Ein Feuerzeug konnte eine Unterhaltung in Gang bringen, mit einer Zigarette ließen sich nervöse Hände beschäftigen. Kell drehte sich um und ließ den Blick über die Plastikliegen schweifen, auf denen verstreute Passagiere unter der gnadenlosen Mittelmeersonne Siesta hielten. Sie überbrückten die Zeit des Wartens während der Überfahrt, jenes Niemandslands zwischen zwei Orten, in der es nichts zu tun gab, als zu lesen, zu schlafen oder zu essen. Der Wind schlug nach Kells Gesicht und ließ die französische Fahne am Heck des Schiffes knattern. Die beiden Männer unterhielten sich noch immer, mit leisen Stimmen, das Gespräch ein französisches Gemurmel, von keinerlei Lachen durchbrochen. Schließlich stieg Kell über eine vom Meer geölte Treppe ein Deck tiefer, um in der Hoffnung, der Wind könnte ihm ein paar Worte mehr zutragen, direkt unter ihnen Posten zu beziehen. Aber es half nichts, die Schiffsmaschine überdröhnte alle anderen Geräusche. Aus Langeweile schaltete er sein Londoner Handy ein, um gerade noch sehen zu können, wie der letzte Balken der Signalanzeige kurz flackerte und erlosch, während das Schiff unaufhaltsam Richtung Norden stampfte.

Den bärtigen Luc sah er erst beim Abendessen wieder. François’ Gefährte aß allein an einem Tisch in der Ecke, keine anderthalb Meter von Kells Platz entfernt. Er saß mit dem Rücken zum Saal, über ein längliches Papier gebeugt, in dem er zwischen sporadischen Gabelladungen Hühnchenrisotto nach Jägerart mit äußerster Konzentration las. Kell war in das Time Magazine vertieft und begann sich zu fragen, warum er François eigentlich nach Marseille folgte. Es wäre sicher besser gewesen, Amelia nach Nizza nachzureisen, mit den Knights Verbindung aufzunehmen, einen ausführlichen Bericht nach London zu schicken und seine Bemühungen Truscott in Rechnung zu stellen.

Er war beim Dessert, als Luc sich erhob und zu einer Salatbar nahe beim Eingang hinüberging. Er schien die Auswahl in Augenschein zu nehmen: Gurken in Joghurt, Berge geraspelter Karotten, Zuckermais aus Dosen. Luc nahm sich gerade eine Schmelzkäseecke, als François ins Restaurant spaziert kam. Kell sah, dass die Blicke der beiden Männer sich begegneten; zweifellos hatte einer die Anwesenheit des anderen zur Kenntnis genommen, ohne dass sie sich um einander kümmerten. Luc sah auf seinen Teller, François nahm einen der Kellner ins Visier und ließ sich von ihm an einen Tisch auf der Steuerbordseite des Schiffs führen. Kell versuchte, aus der eben gesehenen Szene seine Schlüsse zu ziehen. Ignorierten sie sich? War es der typische Fall des Übersehens eines Mitreisenden, mit dem man nicht an einem Tisch sitzen wollte? Oder steckte mehr dahinter?

François setzte sich. Er legte sich eine Serviette auf den Schoß und nahm die Speisekarte vom Tisch. Er blickte jetzt direkt in Kells Richtung, ohne Notiz von ihm oder irgendeinem der anderen Gäste in dem Restaurant zu nehmen. Das Licht des Sonnenuntergangs ergoss sich durch die Fenster und tauchte die Wände des Salons in ein tiefes Orangerot. Es war seltsam, François so ganz allein zu sehen. Seine arrogante Attitüde war ein Stück weit verschwunden; irgendwie war er weniger bemerkenswert, wirkte weniger selbstbewusst als der Mann, den Kell am Hotelpool fotografiert hatte. Vielleicht war er von seiner Trauer eingeholt worden. Kell wusste aus eigener Erfahrung, dass einen der Verlust eines Elternteils noch Monate oder sogar Jahre später einholen konnte. Seine Mutter war ein gutes Jahr, nachdem er beim MI6 angefangen hatte, an Brustkrebs gestorben, und es war noch gar nicht lange her, dass er gelernt hatte, mit diesem Verlust zurechtzukommen. François hatte weder ein Buch noch eine Zeitung mitgebracht, offenbar genügte es ihm, seinen Teller leerzuessen, ab und zu einen Schluck Wein zu trinken und seinen Blicken und Gedanken das Umherschweifen zu gestatten. Als er Kells Blick begegnete, hielt er ihn fest und nickte auf eine Weise, die Kell so sehr an Amelia erinnerte, dass er am liebsten aufgesprungen wäre, sich als alter Freund der Familie vorgestellt und ihm Anekdoten aus dem Leben und der Karriere seiner Mutter erzählt hätte. Luc hatte seine Mahlzeit inzwischen beendet und winkte ungeduldig einen Kellner herbei, um zu bezahlen. Auch Kell ließ sich die Rechnung bringen, belastete Uniackes Kreditkarte mit den Spesen für Essen und Wein und folgte Luc aus dem Restaurant.

Es war nicht leicht, ihm auf den Fersen zu bleiben. Eine neugierige Drehung des Kopfes, und Luc hätte ihn gesehen. Die Treppen waren kurz und schmal, die Korridore auf den unteren Decks menschenleer. Kell musste Abstand halten und trotzdem nah genug dranbleiben, um einen plötzlichen Richtungswechsel oder einen Wechsel auf ein anderes Deck nicht zu verpassen. Sehr bald wurde klar, dass Luc zu den Schlafkabinen unterwegs war, vier Etagen abwärts zu dem Deck hinunterstieg, das direkt unter Kells lag. Schnell befand er sich wieder in dem Labyrinth von Gängen ohne Richtung und Ziel. In einem der schmalen, gelb beleuchteten Gänge blieb Luc auf halbem Weg vor seiner Kabinentür stehen. Aus einer Entfernung von vielleicht fünfzig Metern sah Kell ihn den vierstelligen Code in das Schloss eingeben. Der Franzose trat ein, hängte ein »Bitte nicht stören«-Schild an den Türgriff und schloss die Tür wieder. Kell wartete ein paar Sekunden, bevor er an der Kabine vorbeiging und sich die Nummer notierte: 4571. Dann ging er zurück in seine Kabine und las noch einmal das Gedicht von Heaney, das ihm in Tunis so gut gefallen hatte, um François Zeit zu geben, seine Mahlzeit zu beenden. Es hieß »Postskriptum«, und Kell notierte sich auf dem Schlussblatt zwei Zeilen aus dem Gedicht, die er wunderschön fand – Die Schieferfläche eines Sees erhellt wird / Vom Blitz, geerdet, einer Schar von Schwänen. Er legte das Buch aufgeschlagen aufs Bett und ging ohne einen konkreteren Plan, als sich im Salon unter die Passagiere zu mischen und zu hoffen, dass François auf einen Drink dort reinschaute, wieder nach oben. Wenn er Glück hatte, konnte er ihn heute Abend noch in ein Gespräch verwickeln, sonst würde er es am nächsten Morgen nachholen, vielleicht an Deck, wenn das Schiff in Marseille einlief. Was sollte es für einen Sinn haben, François vom Restaurant aus zu folgen, um die Geheimzahl für seine Kabinentür ausfindig zu machen? Er brauchte eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, um seinen Charakter ein bisschen besser einschätzen zu können. Ob Amelia ihm alles über ihre Arbeit für den MI6 erzählt hatte? Auch wenn es weit über den von Marquand erhaltenen Auftrag hinausging, wollte Kell sicher sein, dass François ihre Tarnung nicht auffliegen ließ, indem er mit Zufallsbekanntschaften auf dem Schiff oder später auf dem französischen Festland darüber plauderte. Er gedachte die beiden erst in Frieden zu lassen, wenn er davon überzeugt sein konnte, dass ihr Sohn ein Geheimnis für sich behielt.

32

François Malot hatte seine Mahlzeit beendet, bezahlte die Rechnung in bar und machte sich auf den Weg zum Salon auf dem Oberdeck des Schiffs. Er hatte Lust auf Sex und hatte auf nichts weniger Lust. Eine sonderbare Spaltung des Gemüts, eine Verwirrung der Gefühle. Gerne wäre er aus sich herausgekommen, hätte sich um jemanden bemüht, gleichzeitig graute es ihm vor dem langweiligen, umständlichen Ritual der Verführung. Und was für Frauen konnte man auf solch einem Schiff schon kennenlernen? Eine Fähre auf hoher See war kein Nachtclub in Paris oder Reims. Vielleicht war es besser, bis Marseille zu warten und sich dort ein Mädchen zu kaufen, wo es ungefährlich war. In Tunesien hätte er nicht riskiert, eine Prostituierte aufzusuchen, nicht bei den strengen Gesetzen dort, aber im Ramada war er sexuell so ausgehungert gewesen, dass er im Therapiezentrum eine Massage gebucht hatte, nur um Frauenhände auf seiner Haut zu spüren. Als Amelia ihm am Pool Sonnencreme auf den Rücken gerieben hatte, war das etwas ganz anderes gewesen. Danach war ihm nicht zumute gewesen, es hatte ihn eher verwirrt.

Er saß seit zehn Minuten an der Bar, als ihm der Mann auffiel, der neben ihm stand und versuchte, das Barmädchen auf sich aufmerksam zu machen. François erkannte in ihm den Passagier, der im Restaurant gesessen und das Time Magazine gelesen hatte. Sie hatten sich kurz zugenickt, und François hatte beim Verzehren seiner Pasta ein-, zweimal seinen Blick auf sich gespürt. Am blassen Teint und der etwas ungepflegten Erscheinung des Mannes meinte er den Briten zu erkennen. Sein Hemdkragen hatte die Appretur verloren, die Bartstoppeln waren mindestens einen Tag alt, seine braunen Halbschuhe hatten Schrammen. Ehe er sich’s versah, begegnete er wieder dem Blick des Mannes, und ein Gespräch bahnte sich an.

»Unmöglich, hier an einen Drink zu kommen.«

François zuckte die Achseln. Er verstand Englisch, aber ihm stand absolut nicht der Sinn danach, durch eine Unterhaltung mit einem Fremden zu holpern. Hinzu kam, dass ihm die Selbstverständlichkeit auf den Geist ging, mit der die Briten davon ausgingen, dass alle Welt Englisch sprach. Der Fremde schien seinen Unwillen zu spüren und sagte: »Sie sind Franzose?«

»Oui«, antwortete François. »Sie sprechen unsere Sprache?«

Es stellte sich heraus, dass der Mann Stephen Uniacke hieß und sogar ausgezeichnet Französisch sprach. Zuerst war François in leichter Sorge, es mit einem Schwulen zu tun zu haben, aber sehr bald versicherte ihm Stephen, dass er »glücklich verheiratet« und nach einer Woche in einem Hotel in Hammamet auf der Rückreise sei.

»Wie hat es Ihnen da unten gefallen?«

»Der Pauschaltourismus, auf sein Wesen destilliert«, erwiderte Stephen. »Kinder, die auf aufblasbaren Knackwürsten reiten, Fish-and-Chips-Stände, sonnenverbrannte Angelsachsen, so weit das Auge reicht. Da hätte ich auch in Reading bleiben können.«

Endlich hatte das Barmädchen Zeit für sie. François war am Bodensatz seines Gin Tonics angekommen. Es überraschte ihn nicht, dass Stephen ihn zu einem frischen einlud, und er fand nicht den Mut, ihm einen Korb zu geben.

»Vielen Dank. Das ist sehr freundlich.«

»Gerne. Reisen Sie allein?«

Etwa doch ein Schwuler? Vielleicht machte Stephen Uniacke in Hammamet Urlaub, um am Strand kleine Jungen aufzureißen.

»Ja«, sagte François und befürchtete, schon wieder Amelias Geschichte erzählen zu müssen. Allein der Gedanke ödete ihn an.

»Und Sie wohnen in Marseille?«

»Paris.«

Die demonstrative Knappheit der Antwort schien den Engländer davon zu überzeugen, dass er besser das Thema wechselte. Er hatte inzwischen einen der Hocker erklommen und ließ jetzt – auf der Suche nach einem neuen Gesprächsthema – den Blick schweifen.

»Der Laden hier sieht aus, als wäre er von einer verkaterten Grace Jones eingerichtet worden.«

Keine schlechte Beschreibung. François musste lachen und schaute sich um. Ein etwa fünfzigjähriger Mann auf dem DJ-Hocker hatte sich ein Paar Kopfhörer auf die Ohren geklemmt. Gerade war er dabei, ein Häuflein aufgekratzter französischer Hausfrauen auf die Tanzfläche zu locken, aber außer einem zehnjährigen Jungen schien niemand Lust zu verspüren. Eine der Hausfrauen hatte schon ein-, zweimal zu François hinübergeschaut, aber für beleibte Kleinbürgerinnen ihres Typs hatte er keinen Blick. Das Lichtdesign in dem Raum tendierte zu nostalgischem Lila, eine Discokugel schleuderte verschwommene Sternchen in die Runde. Als der DJ »Let Me Entertain You« spielte, hüstelte Stephen gekünstelt in seinen Drink.

»Du lieber Gott.«

»Was denn?«

»Ich möchte mich im Namen meiner Landsleute für Robbie Williams entschuldigen.«

Wieder lachte François. Es tat gut, mit jemandem ein normales Gespräch zu führen, der amüsant und klug zu sein schien. Natürlich konnte man das auch über Amelia sagen, aber seine Zeit mit ihr war etwas ganz Anderes gewesen, mehr eine Abfolge von Interviews, geschäftsmäßigen Unterredungen, in denen sie sich gegenseitig abgeklopft hatten. An einem Abend, als Amelia schon zu Bett gegangen war, hatte er sich ein Taxi genommen und sich zu einem Nachtclub in La Marsa bringen lassen. Doch das dortige Nachtleben war nicht sein Fall gewesen. François hatte allein an der Tanzfläche gesessen und Tunis’ blasierten jungen Reichen bei ihren müßigen Bemühungen zugesehen, muslimische Mädchen zu verführen, die sie ohnehin nicht ins Bett kriegen konnten, weil der Islam junge Frauen verdammt, die ihre Unschuld nicht mit in die Ehe bringen. Die Jungen trugen dicke Armbanduhren und schmierten sich eimerweise Gel ins Haar. Eins der Mädchen – ihr Lidstrich eine Idee zu kräftig – hatte mit François geflirtet, und er hatte mit dem Gedanken gespielt, sie zum Tanzen aufzufordern. Aber man wusste nicht, wer einen beobachtete, was man riskieren durfte. Tunesische Männer hatten in der Regel Übergewicht und trugen die sonderbarsten Schnauzbärte, und jeder hätte ihr Verlobter oder Bruder sein können. Aus Mitgefühl mit dem Mädchen verzichtete er auf den Tanz.

»Wie hat Ihnen das tunesische Essen geschmeckt?«, wollte Stephen wissen.

Der Engländer war in seinen Bemühungen um Konversation auf ein Thema gestoßen, für das François sich begeisterte. Den Abend in einem Fischrestaurant in La Goulette hätten er und seine Mutter sehr genossen, antwortete er. Enttäuschter seien sie vom Couscous in einem unverdientermaßen berühmten tunesischen Restaurant in Sidi Bou-Said gewesen.

»Meine gastronomischen Erfahrungen waren ein Desaster«, verriet ihm Stephen. »In einem Laden habe ich merguez bestellt, weil ich es für Fisch hielt, und saß dann vor einem Teller Würste. Beim nächsten Mal wollte ich auf Nummer sicher gehen und habe mir tajine bestellt, aber ich bekam eine Art Omelette. So geht’s einem, der sein Leben fern von Marokko verbracht hat. Ihre Mutter lebt in Tunis, sagten Sie?«

François saß in der Falle. Er musste ein paar Worte über Amelia sagen, wenn er nicht unhöflich sein wollte.

»Das ist eine lange Geschichte.«

Stephen schaute auf seinen Drink, auf die Discokugel, dann wieder auf François. »Ich habe den ganzen Abend Zeit.«

Also erzählte er sie. Die ganze Geschichte. Vom Doppelmord in Ägypten. Dem Versuch, Amelia über die Adoptionsagentur ausfindig zu machen. Ihrer ersten Begegnung in Paris. Dann beschrieb er die Woche, die sie gemeinsam in Gammarth verbracht hatten. Es war, als würde er seine Lieblingsanekdote erzählen; er polierte einige Elemente auf und ließ andere, die ihn nicht mehr interessierten, dafür unter den Tisch fallen, versuchte Amelia in ein möglichst günstiges Licht zu stellen. Wie zu erwarten war Stephen entsetzt über die Tragödie von Scharm El-Scheich und begeistert über die Wendung, die Mutter und Sohn so bald danach vereinigt hatte. Aber langsam wurde François der Fragen und des Mitgefühls überdrüssig. Gegen elf war er am Boden seines zweiten Drinks angekommen, den er Stephen als Revanche für den ersten hatte spendieren müssen, und wollte sich nur noch aus der Gesellschaft des Engländers befreien, um in seine Kabine gehen zu können. Jetzt galt es, den richtigen Abgang zu finden. Da traf es sich gut, dass eine Frau auf der anderen Seite der Bar schon seit geraumer Zeit zu ihnen herüberstarrte. Zuerst hätte François nicht sagen können, mit wem sie flirten wollte. Es handelte sich um eine attraktive, vielleicht etwas zu ernste Frau Ende dreißig; sie war ihm schon am Nachmittag aufgefallen, als sie in der Lobby Zeitung gelesen hatte. Normalerweise wäre er davon ausgegangen, dass jede verfügbare Frau an Bord seine Gesellschaft der des Engländers vorgezogen hätte, aber bei ihr gewann er immer mehr den Eindruck, dass sie es auf Stephen abgesehen hatte.

»Da scheint jemand Gefallen an Ihnen gefunden zu haben«, sagte er, den Blick zum anderen Ende der Bar gerichtet.

»Wer?« Offenbar war Stephen die Frau noch nicht aufgefallen.

»Da drüben. Die Dame mit dem gefärbten blonden Haar. Möchten Sie sie nicht herüberbitten?«

Stephen schaute hinüber, verwirrt. François bemerkte das leichte Erröten seiner Wangen, als er ihrem Blick begegnete. Sie wandte den Blick ab.

»Ich müsste mich sehr wundern, wenn die Dame nicht Sie meint«, erwiderte Stephen.

Sicherlich eine schmeichelhafte Bemerkung, aber sie bot François die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Sein Glas war leer. Ein langer Tag lag vor ihm. Er hatte allen Grund, sich zurückzuziehen.

»Nein«, sagte er und rutschte von seinem Hocker. »Ich überlasse sie Ihnen.« Er gab dem Engländer die Hand. »Es war sehr interessant, Sie kennenzulernen. Ich habe mich gerne mit Ihnen unterhalten. Vielleicht sehen wir uns morgen früh.«

»Das will ich hoffen«, antwortete Stephen, und die beiden Männer trennten sich.

33

Es war lange her, dass eine Frau ein Auge auf Thomas Kell geworfen hatte, und er war sofort von Misstrauen erfüllt. Warum ausgerechnet hier, auf diesem Schiff? Kaum war Malot gegangen, zog die Frau bei ihrem Discoflirt alle Register: ein strahlendes Lächeln, Wimperngeklimper, sie ließ es nicht einmal am glucksenden Schulmädchenlachen fehlen, als der nicht mehr junge DJ in seinem glitzernden Kabuff »Billie Jean« auf volle Lautstärke drehte. Sie stellte sich so ungeschickt an, dass Kell überzeugt war, es mit einer stinknormalen Zivilistin zu tun zu haben: keine Geheimagentin – ob staatlich oder privat finanziert – würde sich zu solch einer plumpen, ungeschminkten Anmache versteigen.

François hatte den Raum noch nicht verlassen, als sie von ihrem Hocker glitt und um die Bar herumging. Kell schaute in die andere Richtung zu den Backbordfenstern, aber bald schon schob sich Blondgefärbtes, dann ein Rocksaum mit einem Stück Oberschenkel in sein peripheres Sehen. Als er den Kopf wandte, stand sie neben ihm: Ende dreißig, schlank, kein Ehering. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte verständnisinnig.

»Sie erinnern sich nicht an mich, oder?«

Nicht die Spur. Ihr Englisch war ein seltsamer Mischmasch; sie hatte einen französischen Akzent und offensichtlich auch längere Zeit in Nordamerika verbracht. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wann und wo er ihr schon begegnet sein sollte. Kannte sie ihn als Thomas Kell oder unter einem der vielen Decknamen, die er im Lauf der Jahre benutzt hatte? War er für diese Frau ein Spion oder ein Berater? Ein Anwalt oder Hochbauingenieur? War er ihr begegnet, als er in London »dem Verteidigungsministerium zugewiesen« war, oder hatte sie in grauer Vorzeit mit ihm zusammen in Exeter studiert? Er hatte keinerlei Erinnerung an sie, obwohl er Experte auf dem Gebiet war. Vielleicht lief die Verbindung über Claire: für die Kolleginnen, Cousinen, Freundinnen seiner Frau hatte er nie viel Aufmerksamkeit gehabt.

»Ich fürchte, ich kann …«

»Ich bin Madeleine. Erinnern Sie sich nicht? D.C.?«

Kell blieb äußerlich gelassen, während in seinem Kopf eine Demokassette der Highlights seiner zahlreichen Aufenthalte in der amerikanischen Hauptstadt ablief: endlose Sitzungen im Pentagon, ein regnerischer Nachmittag am Lincoln Memorial, Führungen durchs Nationalmuseum für amerikanische Geschichte, der Schießstand in Langley, wo ein übereifriger Ausbilder versucht hatte, einen Schießwettbewerb zwischen MI6 und CIA anzuzetteln. Aber er konnte sich partout nicht erinnern, dass bei irgendeinem dieser Ereignisse eine schlanke, wasserstoffblonde Französin mit verquirltem Akzent eine Rolle gespielt hätte.

»D.C.?«, wiederholte er, um Zeit zu gewinnen.

Hatte er sie bei einem Essen kennengelernt, in einer Bar, einem Nachtclub? Kell konnte sich genau an die Namen und die Gesichter der elf Frauen erinnern, mit denen er im Lauf seines Lebens ins Bett gestiegen war, und Madeleine zählte nicht zu ihnen.

»Sie heißen Michael, oder?«, sagte sie.

Jetzt wusste er, dass sie ihn verwechselte. Niemals hatte er den Namen »Michael« als Pseudonym benutzt. Stephen, ja. Tim, Patrick, Paul. Aber nicht Michael.

»Sie müssen mich mit jemandem verwechseln«, sagte er. »Ich heiße Stephen. Stephen Uniacke. Engländer. Freut mich trotzdem, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Kell streckte ihr seine Hand entgegen, um sie nicht in noch größere Verlegenheit zu bringen. Vielleicht hatte sie sich die Phantomstory nur ausgedacht, um das Eis zu brechen.

»Sehr seltsam«, erwiderte sie. »Sind Sie ganz sicher?« Sie bekam einen roten Hals und stand auf einmal ziemlich allein im Wummern von »Rolling in the Deep« in der Bar. »Ich hätte schwören können, dass Sie es sind. Es tut mir schrecklich …«

Sie wandte sich von ihm ab, um wieder an ihren Platz zu gehen wie ein Mädchen, das von ihrem Schwarm einen Korb bekommen hatte. Das Barmädchen, dem ihre Verlegenheit nicht entgangen war, starrte sie an, wohl um die Begebenheit abzuspeichern und später ihre Kolleginnen damit zu unterhalten. Kell wusste nur zu gut, dass noch alle Möglichkeiten offen waren: »Madeleine« konnte durchaus zu einem Überwachungsteam gehören, das François beobachtete. Sollte der französische Geheimdienst Wind von Malots Beziehung zu Amelia bekommen haben, hatten sie ihm garantiert jemanden an die Fersen geheftet. In dem Fall konnte auch Kells langes Gespräch mit François in der Bar nicht unbemerkt geblieben sein, und Madeleine – auf Posten in der Unterhaltungslounge – musste mehr über ihn herausfinden. Deshalb ihre hanebüchene Washington-Geschichte: Es hatte ihr an Zeit, vielleicht auch an Talent gefehlt, sich etwas Besseres einfallen zu lassen.

»Ich möchte Sie zu einem Drink einladen«, sagte er. Jetzt musste er wissen, wer sie war. Er konnte sich nicht erinnern, Madeleine in einem der Hotels in Tunesien gesehen zu haben, aber das spielte auch keine große Rolle. Jedes halbwegs seriöse DGSE-Team hätte dort unbemerkt bleiben können.

»Ich möchte Ihnen nicht lästig fallen«, sagte sie, und ihr sehnlicher Blick verriet genau das Gegenteil. »Sind Sie sicher?«

Die Frau hinter der Bar tat so, als würde sie sich an einer Reihe von Gläsern zu schaffen machen, und hielt dabei die Ohren sperrangelweit offen. Die zwei Gläser Rotwein bestellte Kell in schroffem Ton und hoffte, daraufhin in Ruhe gelassen zu werden. Er bot Madeleine den Hocker an, den Malot eben erst verlassen hatte. Wenn sie eine Spionin war, konnte er jetzt mit mehreren Dingen rechnen. Kriminaltechnische Erkundigung seines Hintergrunds. Wer sind Sie, Stephen? Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt? Dann vielleicht eine Smalltalkphase, um Kell Zeit zu geben, sich zu entspannen, noch etwas Wein zu trinken, bevor die Nachfragen wieder gezielter, seine Angaben vorsichtig auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft wurden. Zum Beispiel: Wenn er Madeleine erzählt hatte, Stephen Uniacke sei Vertriebsberater, durfte er mit Fragen nach den Einzelheiten seines Jobs rechnen. Wenn er Reading als Wohnort angegeben hatte, würde eine erfahrene Agentin mit ziemlicher Sicherheit behaupten, schon mal dort gewesen zu sein und nach markanten Orientierungspunkten fragen. Zögerte Kell bei einer Antwort oder wusste eine Einzelheit überhaupt nicht zu beantworten, war seine Tarnung aufgeflogen.

Genauso funktionierte es auch andersherum. Auch Kell konnte durch das Frage-und-Antwort-Spiel zu einer zutreffenderen Einschätzung Madeleines kommen. Was haben Sie in Tunis alles unternommen? Warum machen Sie die Rückreise mit dem Schiff? Wenn der Alkoholgeruch ihres Atems irgendetwas aussagte, könnte sie leicht zu knacken sein. Es kam nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen.

Und so begann es. Das Spiel. Der Tanz. Allerdings verwandte Madeleine Brive den größten Teil einer Dreiviertelstunde darauf, Stephen Uniacke in unverhohlener Offenheit ihre Lust auf Sex unter die Nase zu reiben. Sie war geschieden. Sie hatte einen »öden« Urlaub in La Marsa hinter sich, gemeinsam mit einer »versoffenen« Freundin, die von ihrem Mann wegen einer jüngeren Frau verlassen worden war. Sie war Teilhaberin eines Bekleidungsgeschäfts in Tours, das Designermode an reiche Hausfrauen verkaufte, und machte sich Sorgen um ihren Sohn, der schon mit vierzehn »fuderweise Gras wegqualmte«. Kell war fasziniert von einer Person, die beinahe ausschließlich sich und ihre Lebensumstände im Kopf zu haben schien, ohne ihrem Gegenüber auch nur eine Frage zu stellen. Er bot Madeleine reichlich Gelegenheiten an, Stephen Uniacke auf Einzelheiten seines Berufs, seines Familienstands, seiner Heimatstadt abzuklopfen, aber sie ergriff nicht eine davon. Stattdessen ließ sie, während ein Glas Wein nach dem anderen sich leerte und die Zeiger der Uhr Mitternacht schon hinter sich gelassen hatten, keinen Zweifel daran, dass sie mit ihm ins Bett gehen wollte. Das ging sogar so weit, dass sie ihre Hand auf seinem Knie ablegte wie ein Talkmaster, der sich bei seinem Gast beliebt machen will.

»Ich habe eine Kabine«, sagte sie und unterlegte den Versuch mit leisem Kichern und einem leichten Schluckauf. »Eine ganz große.«

»Eine Kabine habe ich selber«, antwortete Kell, der die Anmache im Keim ersticken wollte. »Aber meine ist ganz klein.«

Es war deprimierend und kränkte seine Mannesehre, aber er hatte keine Lust darauf, diese Frau auf einem Bett zu bumsen, das kaum größer als eine Jogamatte war. Hier kann sich ja kein Wiesel umdrehen. Madeleine Brive war eine attraktive Frau, sie war einsam, und ihr Parfüm weckte Erinnerungen an andere Frauen. Wenn sie ihn anlächelte, verspürte er den Rausch ihrer Schmeichelei, die Erleichterung, noch als ein normaler, in das uralte Spannungsfeld von Sex und Verlangen integrierter Mann wahrgenommen zu werden. Aber sein Herz war nicht mit von der Partie. Sein Herz gehörte noch immer Claire. Er war ein noch verheirateter Mann auf einem Schiff auf hoher See, und er war zum Respekt gegenüber seiner von ihm entfremdeten Frau verpflichtet.

»Hören Sie«, sagte er, »ich hab in den letzten Tagen sehr wenig geschlafen. Sind Sie mir sehr böse, wenn ich mich jetzt zurückziehe?« Was für eine lächerliche Ausrede, allerdings passte sie ganz gut zu Stephen Uniacke. »Es war sehr interessant, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wie wär’s, wenn wir morgen in Marseille zu Mittag essen?«

Zu seinem Erstaunen wirkte Madeleine beinahe erleichtert.

»Das wäre wunderbar. Ich liebe Marseille. Bleiben Sie über Nacht dort?«

»Das weiß ich noch nicht.« Wenigstens das war die Wahrheit.

Sie tauschten ihre Handynummern – Servietten und Stift stellte stirnrunzelnd das Mädchen hinter der Bar zur Verfügung – und trafen eine provisorische Verabredung für ein Frühstück in der Cafeteria. Madeleine kannte das feinste Bouillabaisse-Restaurant von ganz Marseille und versprach, ihn dorthin mitzunehmen.

Sie verließ die Disco vor ihm. Die Barfrau sah ihr nach, bevor sie Kell einen finsteren Blick zuwarf. Von dir lass ich mich nicht für dumm verkaufen. Glaubst wohl, ich wüsste nicht, wie der Hase läuft. Sie hat dir ihre Kabinennummer aufgeschrieben. Und in fünf Minuten, sobald sie in ihr Negligé geschlüpft ist, gehst du ihr nach. Kell schoss einen Blick auf sie ab, und sie ging wieder Gläser spülen.

Fünf Minuten später war er im Bauch des Schiffs unterwegs, gar nicht weit von Madeleine Brives lockender Kabinentür entfernt. Vor seiner eigenen Tür tippte er schließlich den vierstelligen Code ein.

Sofort beunruhigte ihn etwas, als hätte ihn jemand ausgetrickst oder gedemütigt. Etwas war nicht in Ordnung. Kells Gedanken gingen zurück zum Mittagessen, der seltsamen Begegnung zwischen Malot und Luc. Warum hatten die beiden Männer sich ignoriert, als François in das Restaurant gekommen war? Weil sie nicht gemeinsam essen oder nicht zusammen gesehen werden wollten? François hatte sich als ein realitätsferner und heikler Mensch erwiesen, sensibel und eitel, aber von schneller Auffassungsgabe, hinter der sich eine Melancholie versteckte, die Kell seiner Trauer zurechnete. Hatte dieser Luc sich am Nachmittag an ihn herangemacht? War das, was Kell beobachtet hatte, ein Anwerbeversuch des DGSE gewesen? Eine sechsstellige Summe, und sie erzählen uns alles, was Sie über Amelia Levene wissen. Es war schon Ungewöhnlicheres passiert. Ebenso gut war es möglich, dass auf dem Schiff keinerlei Bedrohung existierte, dass Madeleine genau das war, was zu sein sie behauptete: eine Ladenbesitzerin aus Tours, die sich nach einer schnellen Nummer auf hoher See umgesehen hatte. Und Luc? Wer wollte behaupten, dass er und François nicht einfach nur eine belanglose Unterhaltung geführt hatten, um dann wieder ihrer Wege zu gehen? Aber als Kell die Tür zu seiner Kabine öffnete, war etwas anders als vorher. Er konnte es noch nicht benennen, doch etwas stimmte nicht in seiner Kabine.

Er betrat die winzige Duschzelle, musste unter der Tür den Kopf einziehen. Er putzte sich die Zähne, zog sein Hemd aus, nahm die Kamera aus dem Koffer, zog die Speicherkarte aus der Hosentasche und setzte sie ein. Dann schenkte er sich aus der Flasche Macallan einen halben Zahnputzbecher voll, um besser einschlafen zu können.

Der Gedichtband von Seamus Heaney lag noch aufgeschlagen auf dem Bett, mit dem Rücken nach oben. Kell nahm das Buch vom Bett, um »Postskriptum« noch einmal zu lesen, die vielen Fragen aus dem Kopf zu bekommen, die Operation ein paar wohlverdiente Stunden lang ruhen zu lassen.

Die Schieferfläche eines Sees erhellt wird

Vom Blitz, geerdet, einer Schar von Schwänen.

Das Buch war auf der falschen Seite aufgeschlagen. »Postskriptum« war das letzte Gedicht der Sammlung, aber jetzt fiel sein Blick auf »Am Brunnen«, das sechs Seiten davor abgedruckt war. Jemand hatte das Buch zur Hand genommen und ohne die nötige Sorgfalt wieder hingelegt. Jemand hatte sich in seinem Zimmer umgesehen.

34

Sollte Kell noch Zweifel gehegt haben, dass Madeleine Brive Stephen Uniacke ablenken sollte, während jemand anderer seine Kabine durchsuchte, wurden diese schnell zerstreut. Kaum hatte er den Deckel des Marquand-Notebooks aufgeklappt, leuchtete ihm die vom MI6 installierte Zugangssperre entgegen: der kleine blaue Kasten in der Mitte des Bildschirms wartete auf sein Passwort. Ein Zimmermädchen, eine Reinigungskraft – falls solches Personal auf einer Nachtfähre überhaupt zum Einsatz kam – hätte so etwas nicht getan. Wer immer in seiner Kabine gewesen war, hatte versucht, den Computer hochzufahren, um dann auf die Passwortsperre zu treffen. Weil sie sich nicht ausschalten ließ, hatte er den Deckel wieder zugeklappt und das Notebook zurück auf den Boden gestellt.

Kell lag auf dem schmalen Bett und wog seine Optionen ab. War Uniacke aufgeflogen? Nicht unbedingt. Wenn ein DGSE-Team das Schiff in der Hand hatte, kannten sie die Namen und Kabinencodes jedes einzelnen Passagiers an Bord. Madeleines Auftrag war es gewesen, ihm ihre Sexfalle zu stellen, um einem ihrer Kollegen – vielleicht Luc – Zeit zu verschaffen, Kells Sachen zu durchsuchen. Sich Zugang zu seiner Kabine zu verschaffen wäre so leicht wie das Eindrücken einer Fensterscheibe: eine kleine Bestechungssumme für einen Stewart, ein Hackerangriff auf das Reservationssystem der SNCM – und schon wäre man im Besitz der PIN. Und was hätte Luc gefunden? Im schlimmsten Fall eine Kamera ohne Speicherkarte und einen mit Passwort geschützten Laptop. Der Rest seiner Habe war so gewöhnlich wie unschuldig: Kleider, Toilettenartikel, Bücher.

Plötzlich wurde sich Kell – vielleicht zu spät – der Gefahr visueller Überwachung bewusst. Eine einfache Restlichtkamera könnte in seiner Kabine installiert worden sein. Er lag immer noch auf dem schmalen Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und versuchte, sich zu erinnern, was er getan hatte, nachdem er die Kabine betreten hatte. Er war ins Bad gegangen und hatte sich die Zähne geputzt. Danach hatte er sich einen Whisky eingeschenkt, den Laptop auf-und wieder zugeklappt und – vielleicht etwas zu lange und nachdenklich – den Gedichtband betrachtet. Wie hätte dieses Verhalten auf Luc gewirkt, sollte er es auf seinem Überwachungsdisplay in Kabine 4571 beobachtet haben? Verdächtig? Wohl kaum. Jede Gefühlsregung, die er möglicherweise gezeigt hatte, ließ sich viel eher als Bedauern darüber interpretieren, Madeleine nicht in ihre Kabine gefolgt zu sein. Fürs Erste beschloss er, sich schlafen zu legen. Sollte in einer Lampe oder hinter einem Spiegel eine Überwachungskamera versteckt sein, durfte er sich ohnehin nicht auf die Suche danach machen. Er musste sich völlig normal verhalten. Er erhob sich vom Bett, als sei er gerade von einem beunruhigenden Gedanken gestreift worden, gab das zehnstellige Passwort in den Laptop ein und tippte ein paar Minuten lang eine völlig beliebige Abfolge von Buchstaben in die Tastatur, als würde er einen Bericht schreiben oder sich Notizen machen. Dann wandte er sich wieder seinem Gedichtband zu, studierte sehr konzentriert ein paar der Gedichte, als sei seine Nachdenklichkeit vorher nicht mehr als ein Zeichen geistiger Überforderung mit Heaneys Poesie gewesen. Schließlich zog er sich bis auf die Unterhose aus, holte ein T-Shirt aus seiner Reisetasche und legte sich ins Bett.

Es war eine Erleichterung, das Licht ausschalten und sich ungesehen in der Dunkelheit ausstrecken zu dürfen, den Geschmack von Zahnpasta und Whisky im Mund. Der Rhythmus seines Herzens passte sich dem der Schiffsmaschine an, und er fühlte sich geborgen im Leib des Schiffes. Sobald die Fähre in Signalreichweite der Küste kam, würde er London mit einem Update versorgen müssen. Er hatte drei Optionen. Er konnte Jimmy Marquand mitteilen, dass Amelia Levene – designierte Chefin des MI6 – Mutter eines unehelichen Sohnes war. Es wäre die Wahrheit, und er würde damit formal seinen Verpflichtungen gegenüber dem Dienst nachkommen. Wenn er dann noch seinen Verdacht erwähnte, dass der französische Geheimdienst auf Malots Identität aufmerksam geworden war, ihn von Tunesien aus verfolgt, möglicherweise sogar versucht hatte, ihn auf dem Weg nach Marseille anzuwerben, hätte das katastrophale Folgen für Amelia und würde für ihre sofortige Entlassung aus dem Dienst sorgen. Und er selbst könnte einen Wiedereinstieg beim MI6 getrost vergessen: Mit Truscott als Chef würde Kell eine Persona non grata bleiben.

Es gab eine zweite Option. Kell konnte Marquand mitteilen, François Malot sei ein Betrüger, der sich als Amelias Sohn ausgab und sich in Gesellschaft von mindestens zwei französischen Agenten auf dem Rückweg nach Frankreich befand. Aber gab es überhaupt Indizien für eine solche Behauptung? Kell hatte sich in der Bar eine Stunde lang mit Malot unterhalten und zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, sich in Gesellschaft eines Betrügers zu befinden. Amelias Sohn sah seiner Mutter frappierend ähnlich, und sein Hintergrund wirkte wasserdicht: eine gründliche Durchsuchung des Hotelzimmers in Gammarth hatte nichts Verdächtiges zutage gefördert. Auch das Motiv einer solchen Operation – riskant und äußerst schwierig durchzuführen – wollte nicht recht einleuchten, doch immerhin lag sie im Bereich des Möglichen. Andererseits mochte man gar nicht darüber nachdenken, was dies im Endeffekt zu bedeuten hätte – Malots Eltern wären gezielt ermordet worden, das Begräbnis wäre nur eine Farce gewesen. Kell verwarf diesen Gedanken, weil es auf eine solche Verschwörung keine Hinweise gab.

Stattdessen entschied er sich ohne große Gewissensbisse für eine dritte Version der Geschichte. London sollte ruhig in dem Glauben bleiben, Amelia habe eine Affäre. Truscott und Haynes sollten getrost annehmen, dass sie nur für ein paar Tage ausgerissen war, um sich ein Liebeswochenende mit einem französischen Weiberhelden in Gammarth zu gönnen. Sie wollten es glauben, also verdienten sie, in dem Glauben gelassen zu werden. Zwölf Monate früher wäre es Kell im Traum nicht eingefallen, Marquand so dreist zu belügen, aber seine Loyalität gegenüber den frischgebackenen Hohepriestern des MI6 hatte in der Zwischenzeit großen Schaden genommen. »Vor die Wahl gestellt, mich zwischen meinem Land und dem Verrat an einem guten Freund zu entscheiden«, dachte er in Anlehnung an die Worte von E. M. Forster, »fände ich hoffentlich den Mut, mein Land zu verraten.«

Zum ersten Mal in seinem Leben verstand er diesen Gedanken.

35

Das sichere Haus lag auf der Kuppe eines Hügels, etwa drei Kilometer östlich des Städtchens Salles-sur-l’Hers im Languedoc-Roussillon. Von Süden erreichte man es über ein schmales Sträßchen, das von der D625 abzweigte. Das Sträßchen führte in einer engen Schleife an dem Haus vorbei und nach einer scharfen Kehre den Berg wieder runter, vorbei an der Ruine einer Windmühle, um zwei Kilometer weiter südöstlich wieder auf die Hauptstraße nach Castelnaudary zu treffen.

Normalerweise waren nur zwei Bewacher im Haus: Akim und Slimane. Sie reichten vollkommen aus, um HOLST im Auge zu behalten. Jeder der beiden bewohnte im ersten Stock ein eigenes Schlafzimmer, in dem ein Regal mit raubkopierten DVDs und ein Laptop standen. Das Wohnzimmer im Erdgeschoss verfügte darüber hinaus über einen großen Flachbildfernseher und eine Nintendo-Wii-Konsole, auf der die beiden täglich ungefähr vier bis fünf Stunden Golf in St. Andrews oder Tennis in Roland Garros spielten. Oder sie jagten in den Hinterhöfen und Höhlen eines graphisch animierten Afghanistan Al-Qaida-Terroristen und Taliban-Kämpfer. Frauen durften sie nicht mit ins Haus bringen, und ihr Speiseplan beschränkte sich auf Brathähnchen, Couscous und Tiefkühlpizza.

HOLST selber war auf der Südseite des Hauses in ein kleines Zimmer eingesperrt. In seine provisorische Zelle führten zwei Türen. Die Tür zum Hausflur war durch ein Vorhängeschloss gesichert. Die zweite, die in ein großes Schlafzimmer im hinteren Teil führte, war durch zwei auf Haken montierte Eisenstangen verriegelt. In beide Türen hatte der Chef Spione einbauen lassen, um HOLST zu jeder Tages-und Nachtzeit beobachten zu können. HOLST bekam drei Mahlzeiten täglich und durfte jeden Nachmittag auf einem winzigen Rasenstück hinter dem Haus zwanzig Minuten lang gymnastische Übungen machen. Der Platz war auf drei Seiten von einer vier Meter hohen Hecke umschlossen, so dass HOLST von Passanten nicht zu sehen war. Er hatte noch nie eine Mahlzeit abgelehnt und sich noch kein einziges Mal über seine Haftbedingungen beschwert. Für die Notdurft stand ein Kübel in seiner Zelle, den Akim und Slimane zu den Essenszeiten leerten. Hin und wieder hatte Slimane die Nase voll und regte sich auf und tat Dinge, die er nach Akims Meinung besser bleiben gelassen hätte. Einmal hatte er HOLST einen Knebel in den Hals gesteckt, sein Messer über der Gasflamme in der Küche erhitzt und sich einen Spaß daraus gemacht, HOLST zucken zu sehen und stöhnen zu hören, als er ihm Kreise um die Augen zog. Seinen wohl schändlichsten Streich spielte Slimane dem Gefangenen, als er ihm in betrunkenem Zustand in den plastischsten Einzelheiten vorprahlte, wie er ein Mädchen vergewaltigt hatte. Damit überspannte er den Bogen, und Akim musste ihn zur Räson bringen. Aber im Großen und Ganzen war Akim überzeugt, dass sie den Gefangenen mit ausreichendem Respekt behandelten.

Nach einer Woche waren HOLST auf Anordnung des Chefs ein Fernsehgerät und ein paar DVDs in seinem Zimmer erlaubt worden, und jetzt saß er bis zu sechzehn Stunden täglich davor. Als weitere Geste des guten Willens, und gegen alle Regeln, hatte Akim HOLST eines Abends erlaubt, sich zu ihm ins Wohnzimmer zu setzen – allerdings mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt – und ein Fußballspiel zwischen Marseille und einer englischen Mannschaft anzuschauen. Er hatte ihm ein Bier spendiert und ihm Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Paris gemacht.

Nur ein einziges Mal – Mitte der zweiten Woche – bekam Akim es richtig mit der Angst zu tun. Ein Nachbar klopfte an der Tür und erkundigte sich, ob die Besitzer im Herbst zurückkämen. Der Anblick eines kahlgeschorenen Arabers im ländlichen Langedoc war offensichtlich etwas so Ungewöhnliches, dass der Mann buchstäblich ein, zwei Schritte zurückwich, als Akim die Tür öffnete. Slimane stopfte HOLST nur wenige Meter entfernt einen Lumpen in den Hals und drückte ihm die Revolvermündung in die Rippen, damit er nicht um Hilfe rief. Akim antwortete dem Mann, der Besitzer sei ein Freund aus Paris, den sie in den nächsten Tagen erwarteten. Zum Glück kam der Chef dann tatsächlich am nächsten Tag, und jeder Nachbar, der seinen Feldstecher auf das Haus richtete, dürfte beim Anblick des bärtigen Weißen zufrieden gelächelt haben, der in kurzen Hosen den Rasen mähte und anschließend mit einem Kopfsprung in den Swimmingpool tauchte.

An klaren Tagen sah man die Vorberge der Pyrenäen hinter der weiten Ebene des Ariège, aber am Morgen von Akims wöchentlichem Ausflug nach Castelnaudary wehte ein Unwetter vom Baskenland herüber und schüttete drei Fingerbreit warmen Sommerregen auf das Anwesen. Zuerst fuhr Akim in das große Einkaufszentrum in Villefranche-de-Lauragais, um die nötigsten Vorräte sowie Bandol rosé für Valérie und eine Flasche Ricard für den Chef zu kaufen. In einer Apotheke in Castelnaudary besorgte er ein Asthmamedikament für HOLST und kaufte sich selbst ein Deodorant und Aspirin, weil im Haus beides zur Neige ging. Slimane hatte bei ihm ein paar Pornohefte bestellt, die Akim im Tabakladen bei der alten Frau kaufte, die ihm gegenüber keinen Hehl daraus machte, dass sie die Anwesenheit eines Arabers in ihrem Laden als Affront gegen die Würde der Republik verstand.

»Abschaum«, raunte sie ihm nach, als er den Laden verließ, und Akim vermochte seinen Zorn nur durch totale Ignoranz zu zügeln. Ärger war das Letzte, was der Chef gebrauchen konnte.

Als er ins Haus zurückkehrte, schaute HOLST sich die DVD von Diva an, und Slimane saß rauchend in Gesellschaft von zwei Männern, die Akim noch nie gesehen hatte, in der Küche.

»Der Chef braucht uns für einen Auftrag«, sagte er. »Die beiden passen so lange auf unseren Freund auf.«

Die beiden Männer, beide weiß, beide Anfang zwanzig, stellten sich ihm als Jacques und Patric vor. Akim hielt die Namen für Pseudonyme. Slimane hatte sein Notebook vor sich auf dem Küchentisch aufgeklappt und schob es so hin, dass Akim das Display sehen konnte. Ein verschwommenes Überwachungsfoto war darauf zu erkennen, offenbar in einer Art Disco oder Nachtbar aufgenommen.

»Sie machen sich Sorgen wegen einem Mann auf der Fähre«, sagte er. »Lucs Kleine will, dass wir uns ihm an die Fersen heften. Pack deine Sachen. Wir fahren nach Marseille.«

36

Thomas Kell wurde um sieben Uhr vom Lärm rennender Kinder auf dem Korridor vor seiner Kabine geweckt. Er duschte in der Nasszelle, packte seine Reisetasche und nahm die Kamera mit an Deck. Es war ein grauer Morgen, die französische Küste versteckte sich noch hinter dichten Nebelbänken, aber als er das Londoner Handy einschaltete, bekam er gleich ein Signal. Er wählte die Nummer von Marquands Wohnung und traf seinen Chef in bester Laine vor einer Schüssel Müsli in seiner Küche an.

»Haferflocken, Tom. Ballaststoffe«, sagte er. »Das bin ich mir schuldig. Wir werden alle nicht jünger.«

»Nein, gewiss nicht«, bestätigte Kell, bevor er ihm erklärte, was es zu tun gab.

»Es könnte zu ein paar Anrufen in Uniackes Büro in Reading kommen. Die Marketing-Beratungsfirma. Möglich, dass auch seine Finanzen abgecheckt werden. Wenn du bitte dafür sorgst, dass alles koscher ist, Bankauszüge, Steuerrückzahlungen. Es soll sich jemand darum kümmern, der den Durchblick hat. Uniacke hat in einem Hotel in Hammamet gewohnt, das muss also auch auftauchen, außerdem Bankomat-Abhebungen und Restaurantrechnungen. Kümmerst du dich persönlich darum?«

Marquand gab die Einzelheiten in einen Computer ein. Kell hörte das leise Klappern seiner Finger auf den Tasten.

»Wer, zum Teufel, will das wissen? Amelia?«

Kell hatte eine Lüge zur Hand. »Mit ihr hat das nichts zu tun. Eine ganz neue Situation. In Tunis ist mir ein alter Kontaktmann über den Weg gelaufen. Dem folge ich gerade nach Marseille. Ich bin auf der Nachtfähre.«

»Wo bist du? Und was hat die Geschichte mit unserer Vereinbarung zu tun?«

»Alles und nichts.« Eine verschlafene Nordafrikanerin kam aus dem Inneren des Schiffs hervor, um sich die frische Brise um die Nase wehen zu lassen. »Das ist eine lange Geschichte. Hat mich quasi aus dem Nichts angesprungen. Du kriegst die Einzelheiten, wenn ich wieder in London bin. Sorg du nur dafür, dass die Uniacke-Identität wasserdicht ist. Sollte jemand im Büro in Reading anrufen und Stephen sprechen wollen – ich bin bis Freitag im Urlaub.«

Marquand wiederholte das Wort Freitag, um dann eventuellen Bitten nach technischer oder finanzieller Unterstützung von vorneherein eine Absage zu erteilen. »Hör zu Tom, wenn du Amelia ihrem Schicksal überlässt und in eine neue Operation einsteigst, bitte nicht auf Kosten des MI6. Man hat dich vor die Tür gesetzt, vergiss das nicht. Faktisch bist du gefeuert, verflucht noch mal.«

»Wer sagt, dass ich Amelia ihrem Schicksal überlasse?« Kell blickte hinaus auf das ewige Grau der wogenden See. Gischt spritzte über die Flanken des Schiffs. Marquand dachte wie immer nur ans Geld, hielt sich den Rücken frei. Ein Bürokrat, wie er im Buche stand. »Sie hat François gestern Morgen am Flughafen den Abschiedskuss gegeben. Hat ihm in den Hintern gekniffen und sich ein Fläschchen Hermès Calèche gekauft, um ihre Laune aufzuhellen. Sie müsste jetzt wieder in Nizza sein. Die Knights sollen mal im Gillespie vorbeischauen.« Es ertönte ein Grummeln in der Leitung, das Kell als Zeichen dafür nahm, dass Marquand klein beigab. »Ich will nicht mehr Geld«, fügte er hinzu. »Meinen Job habe ich erledigt, und wenn für euch etwas dabei rumgekommen ist, darfst du mir später noch einen Knochen hinwerfen.«

»Hinter wem bist du her, Tom?«

»Wenn ich wieder in London bin«, wiederholte Kell. »Wie gesagt, ein alter Kontakt.«

Vier Stunden später keine Spur von Madeleine beim Frühstück, weder ein Luc noch ein Malot. Kell stand mit seiner Kamera auf dem Sonnendeck, direkt über ihm das unaufhörliche Dröhnen aus dem Schornstein, während die Fähre auf Marseille zulief. Die Südküste Frankreichs leuchtete jetzt unter einer klaren Mittagssonne, unterhalb der niedrigen, cremefarbenen Klippen der Calanques trieben Boote nach Osten und nach Westen. Kell hatte die Bilder aus Malots Zimmer im Ramada und auch die Überwachungsfotos von Amelia am Swimmingpool gelöscht. Jetzt ersetzte er sie durch eine Reihe von Aufnahmen, wie sie den künstlerischen Ambitionen eines Vertriebsberaters in mittleren Jahren, der auf einem RoRo-Schiff unterwegs ist, durchaus angemessen waren – orangerote Rettungsboote aus verschiedenen Winkeln, Studien prallvoller, hinter abblätternden Bullaugen gestapelter Wäschesäcke und verwitternder Taurollen.

Nachdem das Schiff in Marseille angelegt hatte, reihte er sich in die Schlange der Fußpassagiere ein, ungefähr vierzig Leute, zusammengedrängt in einem engen, immer stickiger werdenden Treppenhaus, das zu den Autodecks hinunterführte. Es dauerte lange, bis das Schiff sich leerte; erst als alle Autos auf das Festland gerollt waren, durften die Fußpassagiere das Schiff verlassen. Kell stand hinter einem irischen Ehepaar, das lautstark darüber stritt, ob ihr Rückflug nach Dublin überhaupt noch zu schaffen war. Sie trotteten in Kolonne einen mit Teppichboden ausgelegten Korridor entlang in eine in Fertigbauweise hergestellte Halle am südlichen Ende des Anlegers, wo der Zoll auf Resopaltischen stichprobenweise Gepäckstücke untersuchte. Wenn der DGSE ihn noch in Verdacht hatte, musste Kell damit rechnen, aufgehalten und einer gründlichen Inspektion unterzogen zu werden. So stand es auf Seite eins im Handbuch für Geheimagenten. Er war zuversichtlich, nichts bei sich zu haben, das ihn mit Malot in Verbindung brachte. Die Fotos waren gelöscht, und die auf Uniacke ausgestellten Quittungen aus dem Valencia Carthage hatte er vernichtet. Wenn Marquand für Uniacke eine Dokumentenfährte in Hammamet ausgelegt hatte, konnte ihm nicht viel passieren.

Kell wurde ohne Kontrolle durchgewinkt und reihte sich in die langsam vorrückende Schlange vor der Passkontrolle ein. Für EU-Bürger und die wenigen Fußpassagiere vor ihm, die tunesische oder algerische Pässe in der Hand hielten, gab es keine getrennte Abfertigung. Kell wusste sehr gut, dass Luc und Madeleine womöglich hinter einer Wand von Einwegspiegeln an der Seite der Passabfertigung standen und ihn längst im Auge hatten, und wunderte sich gleichzeitig, weshalb ihn dies so beunruhigte. Um sich zu beschäftigen und gleichzeitig den Eindruck innerer Ruhe zu vermitteln, las er ein paar Seiten von Kampf um Afrika, bevor er sein Londoner Handy nach neuen Nachrichten checkte.

Claire hatte in den frühen Stunden des englischen Morgens angerufen und eine Sprachnachricht hinterlassen. Ihrem gehetzten, mürrischen Tonfall hörte Kell an, dass sie getrunken hatte. Sie war wütend, dass er nicht bei der Eheberatung erschienen war, und nun entlud sich ihr Zorn in einer ihrer typischen Tiraden.

Tom, ich bin’s. Hör mal. Ich weiß gar nicht, warum wir eigentlich noch weitermachen. Du etwa? Ich glaube, wir sollten endlich den Tatsachen ins Gesicht sehen und unserer Trennung eine Form geben. Offensichtlich willst du das ja

Es entstand eine kurze Pause, dann war es still. Kell drückte die »9«, um die Meldung zu speichern, und ging weiter zur nächsten. Claire machte dort weiter, wo sie aufgehört hatte.

Aus irgendeinem Grund sind wir unterbrochen worden. Was ich versucht habe … was ich dir hatte sagen wollen, ist, dass ich es auch so will. Eine saubere Trennung, Tom.

Sie war offenbar schon bei der zweiten Flasche Rotwein, plus ein paar Gläsern Gin, wenn Geschichte sich wiederholt. Wieder entstand eine Pause in der Nachricht, ein Sammeln der Gedanken. Kell wusste, was jetzt kommen würde. Claire hatte eine Standardstrategie, wenn sie zu bemerken glaubte, dass ihr Mann sich von ihr entfernte.

Hör mal, Richard hat mich eingeladen, mit nach Kalifornien zu kommen. Er hat dort eine Reihe von Besprechungen in Napa und San Francisco, und ich denke, es ist nur fair, wenn ich dir sage, dass ich den Flug gebucht habe und fliegen werde. Vielmehr hat Richard den Flug für mich gebucht. Er zahlt das Ticket. Ich bin also wahrscheinlich schon weg, wenn du nach Hause kommst, wo immer du gerade bist, was immer du dort tust. Das ist deine Sache, also

Wieder eine Unterbrechung und danach keine Nachricht mehr. Kell, atemlos vor Schreck und Eifersucht, steckte das Telefon wieder in die Tasche, während ein schnauzbärtiger Passbeamter mit blondgefärbten Haarspitzen ihn zu sich bat. Ein kurzer Blick in den Pass, und er wurde durchgewinkt. Stephen Uniacke. Berater. Verheiratet, zwei Kinder. Kein vor der Scheidung stehender Ehemann, dessen Frau in den Armen eines anderen Mannes nach Kalifornien jettete. Kein kinderloser Spion auf den Spuren des unehelichen Sohnes einer Freundin. Kein Thomas Kell.

Schnell war er draußen, entlassen in die Hitze und die Hektik Marseilles. Am Rand einer verstopften Straßenführung – eines provisorischen Kreisverkehrs, der die Fahrzeuge in den Hafen hinein-und aus ihm herausschaufelte – sah Kell sich um, davon überzeugt, dass unsichtbare Augen in Autos, hinter Fenstern Stephen Uniacke beobachteten. »Halt dich nicht mit Paranoia auf«, hatte ein älterer MI6-Kollege vor vielen Jahren einmal zu ihm gesagt, »halt dich lieber an die Fakten.« Was wie ein weiser Rat geklungen hatte, erwies sich in der Praxis als absolut nutzlos. Wenn man herausfinden wollte, wer einen ausspionierte, zählten keine Fakten, es zählten einzig und allein Erfahrung und Intuition. Kell musste sich nur in die Lage der DGSE-Agenten hineinversetzen, um zu wissen, dass sie ihn während seiner ersten Stunden in Marseille im Auge haben würden. Wenn seine Kabine einen Einbruch wert gewesen war, waren es seine Bewegungen auf dem Festland die Aufmerksamkeit allemal.

Marseille. Er nahm den hohen blauen Himmel, die Kathedrale Notre-Dame de la Garde, das blendende Sonnenlicht auf den mit Schiefer und Terrakotta gedeckten Dächern in sich auf. Und plötzlich, direkt in seiner Blickrichtung: François Malot. Der Franzose stand in unbekümmerter Lässigkeit auf der anderen Seite des Kreisverkehrs, gerade im Begriff, in ein Taxi zu steigen, an dessen Steuer ein über fünfzig Jahre alter Mann zweifellos westafrikanischen Ursprungs saß. Eine Möwe stieß auf das niedrige Autodach herunter, als Malot sich auf den Rücksitz schwang. Kell hatte freien Blick auf das Kennzeichen und prägte es sich ein. Auf der Taxitür stand eine Telefonnummer, die er gerade in sein Handy tippte, als er ein freies Taxi auf sich zukommen sah. Er hob die Hand, um es anzuhalten, aber im selben Moment traten zwei ältere Passagiere in derselben Absicht an den Straßenrand.

»Mein Taxi«, rief er laut auf Französisch, und zu seinem Erstaunen akzeptierten sie seinen Anspruch und traten zurück. Es handelte sich um einen Renault Espace, mehr als groß genug, um drei Fahrgästen Platz zu bieten, und Kell bot ihnen an, sich die Fahrt zu teilen, ein Angebot, dass er nur dem DGSE zuliebe machte; Uniacke sollte wie ein netter, aufmerksamer Rosbif erscheinen, der in die Stadt wollte, nicht wie ein verdächtiger britischer Spion mit dem Auftrag, François Malot auf Schritt und Tritt zu folgen.

Bei dem Ehepaar handelte es sich um Amerikaner – Harry und Penny Curtis –, ehemalige Fluglotsen, die ein Lied davon singen konnten, was für ein Chaos am Himmel herrschte, und sich geschworen hatten, nie wieder irgendwohin mit dem Flugzeug zu reisen.

»Wir waren ein paar Wochen in Tunesien und sind mit der Fähre gekommen«, erklärte der Ehemann, der die flinken Augen und den breiten, bulligen Körperbau des ehemaligen Soldaten hatte. »Haben uns die Drehorte für Star Wars und die römischen Ruinen angesehen. Bleiben Sie länger in Marseille, Steve?«

Kell ersann rasch eine Geschichte für den Fall, dass der DGSE später den Fahrer befragte. Malots Taxi hatte er aus den Augen verloren wie den erloschenen Schein der untergehenden Sonne.

»Ich suche mir ein Hotel und bleibe über Nacht. Auf dem Schiff habe ich eine Bekanntschaft gemacht. Sie will mir die Stadt zeigen und mich zu einer Bouillabaisse einladen. Ich muss erst in ein paar Tagen wieder zu Hause sein und hoffe, wir finden etwas Zeit füreinander.«

»Klingt gut«, sagte Harry. »Sie reden von einer Art Damenbekanntschaft?«

»Man könnte es so nennen«, antwortete Kell mit vielsagendem Lächeln.

Natürlich dachte er dabei an Madeleine, deren auf eine Serviette gekritzelte Handynummer in seiner Reisetasche vergraben war. Nachdem Malot sich im Marseiller Autoverkehr verflüchtigt hatte, war Madeleine seine heißeste Spur. Er war gespannt, ob sie sich tatsächlich meldete. Sollte sie bis zum Abend nicht angerufen haben, würde er es mit der Nummer auf der Serviette versuchen. Und wenn er keine Antwort bekam, ließ er sich eben zum Flughafen bringen und machte Malot in Paris ausfindig.

»Wir verlassen Marseille um fünf Uhr mit dem Zug«, sagte Harry und kratzte sich eine Stelle am Unterarm, die wie ein Mückenstich aussah. »TGV zum Gare Lyon.«

»Lie-on«, korrigierte ihn Penny, weil ihr Ehemann »Lyon« wie das englische Wort für den Löwen aussprach. Kell grinste, und sie zwinkerte ihm zu. »Eine ganze Woche Paris, können Sie sich das vorstellen? Louvre. Musée d’Orsay. Und jede Menge Boutiquen …«

»… und das fantastische Essen« fügte Harry hinzu, und Kell bekam beinahe Lust, sich mit seinen neuen Bekannten in den Fünf-Uhr-Zug zu setzen, sich ihre Geschichten aus St. Louis anzuhören und mit ihnen die Freude an Paris zu teilen.

»Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Zeit«, sagte er.

37

Amelia Levene brauchte nicht lang, um die offenen Probleme ihres abgekürzten Frankreichbesuchs zu lösen. Da war das Zimmermädchen im Gillespie, das sich für eine Summe von zweitausend Euro bereit erklärt hatte, über Madame Levenes längere Abwesenheit von ihrem Zimmer Stillschweigen zu bewahren. Amelia hatte ihr die erste Rate bereits am Morgen ihres Abflugs nach Tunis ausbezahlt, und als sie jetzt ihre Sachen aus dem Hotel zusammenpackte, beglich sie den Rest der Rechnung. Das Zimmermädchen war zu diesem Zweck eigens an ihrem freien Nachmittag ins Hotel gekommen.

Als Nächstes telefonierte Amelia mit der geschiedenen Österreicherin, die den Malkurs organisiert hatte. Brigitta Wettig akzeptierte Amelias überschwängliche Entschuldigung. Sie hatte vermutet, dass ihre Schülerin nicht mehr gekommen war, weil sie »krank oder so etwas« geworden war. Ihre Befürchtungen, Mrs Levene könnte sie, weil sie nur dreimal da war, um Erstattung eines Teils der Kursgebühren bitten, wurden schnell zerstreut.

»Aber woher denn, Brigitta. Ich hoffe nur, dass ich den Kurs eines Tages nachholen kann. Das ist eine ganz wunderbare Einrichtung, die Sie hier haben.«

Drei Stunden nach der Landung in Nizza war Amelia, nachdem sie noch ihre Sachen aus dem Kofferraum ihres Leihwagens in der Rue Lamartine geholt hatte, schon wieder unterwegs zum Flughafen. Um acht Uhr abends saß sie auf dem Weg nach Chelsea zu Giles’ Wohnung in einem Londoner Taxi. Sie hatten sich zu einem gemeinsamen Abendessen verabredet. Amelia hatte ihrem Mann angekündigt, eine »wichtige Angelegenheit« mit ihm besprechen zu wollen.

Sie fuhren in ein beliebtes thailändisches Restaurant am westlichen Ende der King’s Road. Giles bestellte ein grünes Curry, Amelia gebratenes Hühnchen mit Basilikum. Es war spät am Samstagabend, außer ihnen saßen höchstens noch ein Dutzend anderer Gäste im Lokal, niemand in Hörweite, die meisten schon im Begriff, sich die Rechnung bringen zu lassen.

»Du wolltest etwas mit mir besprechen«, begann Giles in der Hoffnung, den unangenehmen Teil des Abends möglichst rasch hinter sich zu bringen, um dann in relativem Frieden sein Curry genießen zu können. Wenn Amelia zu einem Treffen dieser Art bat, hatte sie in der Regel zu beichten, dass ihr mal wieder »ein Ausrutscher« mit Paul Wallinger passiert sei, ihrem Liebhaber seit vielen Jahren. Giles machte sich schon lange nichts mehr aus diesen Ausrutschern, und wenn er ehrlich war, wurde er lieber gar nicht darüber in Kenntnis gesetzt. Es ärgerte ihn, dass seine Frau für ihre indiskreten Geständnisse immer eins seiner Lieblingsrestaurants auswählte und ihn auf diese Weise daran hinderte, seinem Ärger in einer handfesten Szene Luft zu machen.

»Ich fürchte, ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Es geht um etwas in meiner Kindheit.«

Das war mal etwas Neues. Normalerweise klang es anders: »Ich fürchte, ich habe mal wieder etwas verbrochen«, oder: »Ich fürchte, du wirst nicht gerade erfreut sein.« Diesmal wollte ihm Amelia allerdings etwas gestehen, das vor ganz langer Zeit passiert war.

»In deiner Kindheit?«

Sie tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, aß einen Krabbenchip.

»Na ja, vielleicht nicht gerade in meiner Kindheit. Meiner Jugend, meinen frühen Zwanzigern.«

»Du sprichst von Oxford?«

»Ich spreche von Tunesien.«

Und so kam alles auf den Tisch. Ihre Affäre mit Jean-Marc Daumal, die Geburt ihres Kindes, die Adoption des Jungen durch Philippe und Jeannine Malot. Giles bekam sein Curry serviert, aber der Appetit war ihm vor Entsetzen und beginnendem Abscheu vergangen. Die ersten zehn Jahre seiner Ehe mit Amelia waren ein nicht endender Alptraum von Fruchtbarkeitsuntersuchungen, Fehlgeburten und schließlich Verhandlungen mit Adoptionsagenturen gewesen, die nur das vernichtende Verdikt gezeitigt hatten, dass Giles und Amelia Levene, trotz makelloser beruflicher und persönlicher Nachweise, inzwischen nicht mehr jung genug waren, um die Verantwortung für ein kleines Kind übertragen zu bekommen. Und jetzt erzählte ihm Amelia in aller Seelenruhe, dass sie mit zwanzig einen gesunden Sohn zur Welt gebracht hatte, der über dreißig Jahre später in Paris plötzlich wieder aufgetaucht war, ihr Herz gewonnen und sie womöglich noch weiter von ihm entfernt hatte. Giles verspürte, zum ersten Mal in seinem Leben, den Wunsch, eine Frau körperlich anzugreifen, um das ganze Lügengebäude ihrer falschen und sexlosen Ehe ein für alle Mal zum Einsturz zu bringen.

Aber Giles Levene war nicht der Typ, der ausrastete. Es fehlte ihm an Mut, und überhaupt konnte er es nicht ausstehen, wenn Leute in aller Öffentlichkeit eine Szene machten. Hätte er ein Talent zur Selbstanalyse gehabt, wäre ihm vielleicht klar geworden, dass er Amelia geheiratet hatte, weil sie ihm emotional überlegen, intellektuell mindestens ebenbürtig und außerdem seine Eintrittskarte zu gesellschaftlichen Kreisen war, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. Nachdem er einen Schluck Weißwein getrunken und den ersten Bissen seines Currys hinuntergeschluckt hatte, hörte er sich selber sagen: »Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast« und musste dabei feststellen, dass die Verbindlichkeit seines Tonfalls ihn an seinen Vater erinnerte. »Seit wann weißt du es?«

»Ungefähr seit einem Monat«, antwortete Amelia und griff nach seiner Hand auf dem Tischtuch. »Du kannst dir vorstellen, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich dem Office die Geschichte verkaufen soll.«

Das verwunderte ihn. »Die wissen nichts davon?«

Amelia wählte die Worte achtsam, als würde sie Chilis aus einer Pfanne picken. »Ich habe beschlossen, es für mich zu behalten. Ich wollte nicht, dass es in meiner Akte steht. Weil ich befürchtete, es könnte meiner Karriere schaden.«

Giles nickte. »Und bei der Personenüberprüfung ist offenbar nichts herausgekommen.«

»Offenbar nicht.« Amelia hielt es für nötig, das näher zu erläutern. »Die Adoption wurde über eine katholische Organisation in Tunis arrangiert, die Verbindungen nach Frankreich hatte. Mein Name tauchte in den Papieren allerdings nicht auf.«

»Und wie hat François dich gefunden?«

Mehr aus Gewohnheit als aus einem anderen Grund beschloss Amelia, Joan Guttmanns Identität zu schützen.

»Über Freunde in Tunis, die mir damals zur Seite gestanden haben.«

Giles zog einen Schluss. »Der Vater des Jungen? Dieser Jean-Marc?«

Amelia schüttelte den Kopf. »Den habe ich seit damals nicht mehr gesehen. Ich bin nicht einmal sicher, ob er von François’ Existenz weiß.«

Im Lauf der Mahlzeit verrauchte Giles’ Ärger, und Amelia erzählte ihm schließlich von ihren Plänen, ihren Sohn nach London zu holen. Sie hatten im Hotel in Tunesien darüber gesprochen. Nach dem schrecklichen Tod seiner Eltern hatte François nicht mehr das Gefühl, nach Paris zu gehören, und stand einem Wechsel des Wohnorts deshalb sehr offen gegenüber.

»Und seine Freunde?«, fragte Giles. »Hat er eine Frau, eine Freundin? Einen Job?«

Amelia dachte schweigend darüber nach, was François ihr alles erzählt hatte.

»Er hat nie eine ernsthafte Beziehung gehabt. Ein bisschen ist er ein Einzelgänger. Ein eher melancholischer Typ, um ehrlich zu sein. Mit einer Neigung zu plötzlichen Stimmungswechseln. Eigentlich genau wie sein Vater.«

An diesem Aspekt der Geschichte war Giles weniger interessiert, deshalb fragte er Amelia, wie sie das Problem mit dem MI6 zu lösen gedachte.

»Ich denke, am besten stelle ich sie vor vollendete Tatsachen. Es sollte doch eigentlich kein Kündigungsgrund sein, ein Kind zur Welt gebracht zu haben.«

Giles hörte den Stolz aus ihren Worten heraus, und er spürte wieder das leise Grauen, dieses immer wiederkehrende Gefühl seiner elenden Einsamkeit.

»Verstehe. Aber du wirst sie davon überzeugen müssen, dass er echt ist.«

Es war seine einzige Möglichkeit, ihr wehzutun. Amelia reagierte so, als hätte er ihr ins Essen gespuckt.

»Was soll das heißen?«

»Na, sie werden ihn zumindest überprüfen wollen. Du bist im Begriff, Chefin des MI6 zu werden, Amelia. Die lassen sich doch kein Kuckucksei ins Nest legen.«

Sie stieß den Teller von sich weg, Steingut krachte gegen Glas.

»Er ist mein Sohn«, zischte sie und knallte die Serviette auf den Tisch. »Da können sie jeden Scheißtest mit ihm machen, den sie machen wollen!«

38

Kell wurde von dem Taxifahrer auf dem Weg zum Gare Saint-Charles vor einem Drei-Sterne-Hotel abgesetzt. Er verabschiedete sich von den Amerikanern, gab Harry einen Zwanzig-Euro-Schein, winkte ab, als Penny zu bedenken gab, das sei »viel zu viel«, stand mit seinen Taschen auf dem Bürgersteig und nahm ein imaginäres Telefongespräch entgegen. Mit dem Blick auf den entgegenkommenden Verkehr hielt er Ausschau nach einem Fahrzeug, das an den Rand fuhr, eventuellen Beobachtern zu Fuß oder auf dem Fahrrad oder sonst welchen verdächtigen Bewegungen, während er ein paar seiner Lieblingszeilen von Yeats in das Mikrophon des Handys rezitierte, um den Eindruck eines fortlaufenden Gesprächs zu vermitteln. Als er sich überzeugt hatte, dass keine unmittelbare Bedrohung bestand, betrat er das Hotel, buchte ein Zimmer für die Nacht, fuhr mit dem Lift in den dritten Stock und packte in einem Zimmer, in dem es nach Putzmitteln und kaltem Zigarettenrauch roch, seine Tasche aus.

Claires Nachricht, diese berechnende Verletzung seines Stolzes, seiner Treue, juckte ihn noch wie Harry der Mückenstich auf dem Unterarm. Richard Quinn, Hedgefonds-Junggeselle mit zwei Exfrauen und drei Söhnen auf einer feinen Londoner Schule, war Claires Hauptwaffe in ihrem außerehelichen Arsenal, eine im Hintergrund bereitgehaltene Bedrohung, die immer dann zum Einsatz kam, wenn sie meinte, befürchten zu müssen, dass Kell sie für immer verlassen wollte. Richard wusste von Kells Geschichte beim MI6 und musste darin einen Angriff auf sein Ego sehen, so als sei Ihrer Majestät eine grobe Fehleinschätzung unterlaufen, als sie ihn vor dreißig Jahren nicht zum Secret Service rekrutierte. Jetzt, im Alter von 55 Jahren und unermesslich reich, versuchte er regelmäßig, Claire in Fünf-Sterne-Hotels in der Provence oder nach Bordeaux zu locken, wann immer seine sogenannte »berufliche Affinität zum Wein« ihn ins Ausland rief. Einmal, in einem ungeschützten Moment nach der Rückkehr von einer dieser Reisen ins Elsass, hatte Claire ihrem Mann Abbitte geleistet und ihm gestanden, wie »widerlich« Quinn ihr war.

»Um warum lässt du dich von ihm bumsen?«, hatte Kell gebrüllt, worauf seine Noch-Ehefrau, zerstört von ihrem Unglück, erwidert hatte: »Weil er für mich da ist. Und weil er eine Familie hat.« Darauf war Kell keine Antwort mehr eingefallen. Ihr Schmerz war so bar jeder Logik, ihre Verzweiflung so jämmerlich und offensichtlich unheilbar, dass ihm einfach kein adäquater Trost mehr eingefallen war. Quinn konnte ihr das ersehnte Kind nicht machen, so wenig wie alle anderen Männer, an die sie sich in selbstquälerischer Promiskuität gewandt hatte; unfruchtbar war sie, nicht Kell. Kell liebte sie mehr, als er sich je eingestehen würde, und war trotzdem zu dem Schluss gekommen, dass eine Zukunft nur getrennt möglich war, so unerträglich der Gedanke an ein solches Scheitern, an eine Scheidung von Claire war.

Sein Handy klingelte. Die Nummer hatte nur eine Handvoll Leute.

»Stephen?«

Der Akzent war unverwechselbar.

»Madeleine. Wie schön, Ihre Stimme zu hören.«

»Wer sonst!« Es klang, als würde sie aus einer Wohnstraße anrufen. Vor der ferneren Geräuschkulisse der Stadt hörte Kell das scharfe Knattern eines Mopeds. »Sie wären also bereit, wie verabredet mit mir essen zu gehen? Haben Sie Zeit für unsere gemeinsame Bouillabaisse?«

»Gerne. Klingt doch verlockend. Ich bin gerade in einem Hotel abgestiegen …«

»… oh, in welchem? Wo sind Sie?«

Kell nannte ihr den Namen. Was hätte er tun sollen? Luc und seine Leute wussten jetzt, wo er sich aufhielt, und würden ein zweites Mal versuchen, an sein Notebook zu kommen. Obwohl er sicher war, dass der Computer ihn nicht belastete, würde er ihn, wie alle anderen heiklen Dinge, mitnehmen müssen, wenn er das Haus verließ.

»Ich habe keine Ahnung, wie die Straße heißt«, sagte er. »Ein Taxi hat mich am Rand des arabischen Viertels abgesetzt, etwa eine halbe Meile vom Bahnhof …«

»Ist nicht schlimm«, fiel Madeleine ihm ins Wort. »Ich werde es finden. Um sieben komme ich Sie abholen, dann können wir zu Fuß ins ›Chez Michel‹ gehen. Es ist auf der anderen Seite des Hafens. Nicht weit.«

»Sieben Uhr«, bestätigte Kell.

Damit blieben ihm fünf Stunden. Nachdem er zwei Straßen weiter in einem Café zu Mittag gegessen hatte, kehrte Kell in sein Hotelzimmer zurück und rief mit dem Telefon auf seinem Nachttisch die Tarnnummer von Uniackes Familie an, ein reiner Anrufbeantwortungsdienst, eigens zum Amüsement neugieriger Spione eingerichtet. Kell lauschte der Ansage einer MI6-Mitarbeiterin, die sich als Uniackes Ehefrau ausgab.

Hallo. Dies ist der Anschluss von Stephen und Caroline Uniacke. Wir sind im Augenblick nicht zu Hause, aber wenn Sie für uns oder für Bella oder Dan eine Nachricht hinterlassen wollen, sprechen Sie bitte nach dem Pfeifton.

Kell tat, was zu tun war.

Hallo Liebling, ich bin’s. Nimm ab, wenn du zu Hause bist. (Eine angemessene Pause) Okay. Ich komme gerade vom Schiff und wollte wissen, wie’s dir geht. Heute Nacht bleibe ich in Marseille, dann mache ich auf der Rückreise vielleicht noch in Paris Station. Besuch bei einem Kunden, von dem ich allerdings nicht weiß, ob er in der Stadt ist. Entweder ich bekomme morgen einen Rückflug nach London und bin zum Abendessen bei dir, oder ich bleibe noch ein, zwei Tage in Paris. Ich sag Bescheid. Fantastisches Wetter hier. Heute Abend gehe ich Bouillabaisse essen. Ruf mich auf dem Handy an, wenn du durchkommst, oder versuch’s im Hotel. Das ist billiger. Ich bin im Montand auf Zimmer 316 zu erreichen.

Er hinterließ die Nummer vom Hotel, warf seiner imaginären Frau eine Kusshand zu, versicherte sie seiner Liebe, teilte ihr noch mit, wie sehr er »Bella und Dan« vermisse, hängte ein und zog ein frisches Hemd an.

Fünf Minuten später, das Notebook und die Mobiltelefone in einer Umhängetasche, war Kell unterwegs zur Cité Radieuse, einer Marseiller Sehenswürdigkeit für Architekturfreaks, für einen Autodidakten wie ihn der ideale Ort, vor der Verabredung mit Madeleine ein paar Stunden Zeit totzuschlagen. Der jugendliche Taxifahrer, den er in der Rue de la République angehalten hatte, war neu in der Stadt und hatte noch nie von Le Corbusier gehört. Kell musste ihn erst einmal ins Bild setzen.

»Jedes Hochhaus auf der Welt, jedes Gebäude mit dreißig oder mehr Stockwerken, das man in den letzten sechzig Jahren errichtet hat, um der Arbeiterklasse in den Städten Wohnraum zu bieten, sieht aus, wie es aussieht, weil es die Cité Radieuse gibt.«

»Ist das wahr?« Der Fahrer betrachtete Kell im Innenspiegel, die Augen gegen das Sonnenlicht zusammengekniffen. Es war schwer zu sagen, ob er interessiert oder nur höflich war.

»Ja, das ist wahr. Wer in der zehnten Etage eines Hochhauses aufwächst, in Sheffield oder Sao Paulo, verdankt das Monsieur Le Corbusier.«

»Ich bin am Stadtrand von Lyon aufgewachsen«, sagte der Fahrer. »Mein Vater hat dort einen Laden.« Mit dieser Bemerkung war der ambitioniertere Teil des Gesprächs beendet. Von nun an wollte der junge Mann nur noch über Fußball reden, zeigte seinem Fahrgast das Stade Vélodrome am Boulevard Michelet, die Spielstätte von Olympique Marseille, und beklagte sich, dass Karim Benzema, einst Liebling der Lyoner Fußballfans, sich »an Real Madrid verkauft« hatte. Bald darauf setzte er Kell am Eingang zur Cité Radieuse ab.

»Das ist der Kasten?«, fragte er und ließ den Blick mit sichtlicher Skepsis an dem Bau hinaufgleiten. »Sieht ja aus wie jeder x-beliebige Marseiller Wohnsilo.«

»Eben«, antwortete Kell. Zweihundert Meter weiter hinten waren zwei Männer auf Mopeds in den Boulevard Michelet eingebogen. Kell war sich sicher, dass einer der Fahrer – er trug einen blauen Sturzhelm – dem Taxi schon auf der Place Castellane nachgefahren war. Die beiden Mopeds verschwanden in einer Seitenstraße, und Kell gab dem Fahrer sein Geld.

»War nett, mit Ihnen zu plaudern«, sagte er.

Die Cité Radieuse stand in einem kleinen, leicht verwahrlosten städtischen Park, etwas zurückgesetzt vom Boulevard Michelet, hinter einem Schirm aus Bäumen versteckt. Kell fand den Eingang und fuhr direkt hinauf in das Restaurant im dritten Stock, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Dieser Teil des Baus diente als nobles Boutiquen-Hotel und Informationsbereich für Besucher des Komplexes, die sich über die Arbeiten Le Corbusiers informieren wollten. Der Rest der Cité Radieuse war nach wie vor ein funktionsfähiges Wohnhaus, komplett mit Dachkindergarten und einer Reihe von Läden. Kell machte sich einer kleinen Übertretung schuldig, als er über ein inneres Treppenhaus hinauf in die obersten Stockwerke stieg, um sich dort umsehen zu können, ohne sich als Tourist fühlen zu müssen.

Das war ein Fehler. Er kam in einen langen, schwarzroten Korridor, dunkel wie ein Schlund, in dem bis auf den einen oder anderen Fernseher hinter einer Wohnungstür Totenstille herrschte. Auf halbem Weg durch den Korridor, der am Ende keinen Ausgang hatte, hörte Kell hinter sich ein Geräusch, und als er sich umdrehte, sah er zwei Araber in Trainingsanzügen auf sich zukommen. Die Mopedfahrer schossen ihm in den Sinn. Einer der beiden schwang eine Eisenstange und fragte ihn auf Englisch: »Hallo, Mister, können wir behilflich sein?«, doch Kell gab sich nicht der Illusion hin, dass es sich um Bewohner der Anlage handelte. Die Mieten in der Cité Radieuse waren für zwei Migranten in Trainingsanzügen zweifellos unerschwinglich.

»Ich glaube nicht«, antwortete er auf Französisch, aber er hatte die Umhängetasche bereits abgesetzt, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. »Ich sehe mich nur ein bisschen um. Bin ein Fan von Le Corbusier.«

»Was ist da drin?«, fragte der ältere der beiden Männer mit raschem Seitenblick auf Kells Tasche. In der linken Hand des Mannes blitzte ein Messer auf, als die Klinge den trüben gelblichen Lichtschein aus einer der Wohnungstüren auffing.

»Wieso?«, antwortete er. »Wozu wollen Sie das wissen?«

Darauf bekam er keine Antwort mehr. Sie gingen auf ihn los. Kell riss die Tasche hoch und schleuderte sie ihnen blitzschnell entgegen, heftig genug, um den einen der Männer kurz ins Straucheln zu bringen. Aber statt sich zu wehren, lief der Mann schnell ein paar Schritte zurück, um sich die Tasche zu schnappen, ließ seinen Freund allein im Kampf. Der zweite Araber war älter, etwas kleiner und agiler als der erste. Kell spürte die lähmende Trägheit seiner Knochen, als er sich ihm entgegenstellte. Es wurde laut, als er mit lautem Kriegsgeheul auf Französisch versuchte, Kampfeslust vorzugaukeln und die Anwohner des Korridors aufmerksam zu machen. Die Eisenstange ließ er nicht aus den Augen, rechnete jede Sekunde mit dem Aufblitzen einer zweiten Klinge. Am Ende des Korridors hätte er noch aussichtsloser in der Falle gesessen, ohne Platz zum Ausweichen. Weiter vorne, zehn Meter den Korridor hinauf, abgehoben vor einer weißgestrichenen, von einem Flurlicht beleuchteten Wand, rief der jüngere der beiden Männer: »Okay, ich hab’s«, als sein Komplize gerade zum Schlag ausholte. Statt zu schlagen, schleuderte er ihm die Stange entgegen, und Kell konnte sich gerade noch ducken, bevor sie über ihn hinwegschwirrte und laut scheppernd dem Ende des Flurs entgegentrudelte. Der Araber stürzte auf ihn zu, landete einen Schwinger in seinen Rippen. Es gelang Kell, seinen Angreifer zu packen, sich an ihm festzuklammern. Sie landeten beide auf dem Boden, und Kell, in dessen Gedächtnis eine entlegene Erinnerung an einen Taekwondo-Kurs in Fort Monckton schoss, presste ihm einen Finger ins linke Auge und drückte es tief in die Höhle zurück.

»Weg hier!«, rief sein Komplize. Kell sah den jüngeren Mann aus den Augenwinkeln, während er seinem Angreifer die Hand an die Kehle legte und den Kopf nach hinten drückte. Gleichzeitig bekam er ein Knie in die Seite gerammt, langsam, beinahe kraftlos, und trotzdem schoss ihm ein stechender Schmerz in den Unterleib und das Rückgrat hoch. Er stöhnte, fluchte, versuchte, noch einmal den Hals des Arabers zu fassen zu kriegen, aber sein Angreifer konnte sich befreien und trat ihm mitten ins Gesicht. Kell brachte die Arme vor den Kopf, versuchte, auf die Beine zu kommen, doch jetzt war der jüngere Mann über ihm, landete einen Tritt nach dem anderen auf seinen Armen und Beinen, jeder einzelne begleitet von einem schrillen, triumphierenden Fluch auf Marseiller Arabisch. Mit panischem Schrecken wartete Kell darauf, mit dem Messer seines Angreifers Bekanntschaft zu machen.

In dem Augenblick kam Lärm von hinten, eine Tür öffnete sich auf den schwarzroten Korridor.

»Was zum Teufel ist hier los?«, schrie eine französische Frauenstimme. Die beiden Angreifer ließen von Kell ab, rissen die Umhängetasche vom Boden hoch und rannten auf quietschenden Sohlen davon. Kell fluchte hinter ihnen her, am Boden liegend, besiegt. Sie hatten den Laptop, die Kamera, das Marquand-Handy, Uniackes Reisepass. Sie hatten alles.

Die Frau beugte sich über ihn.

»Lieber Gott«, sagte sie. »Leben Sie noch?«

39

Die Polizei war da, Sanitäter waren da, aus allen Ecken der Cité Radieuse waren besorgte Hausbewohner herbeigekommen. Und auch die Schmach, ausgeraubt worden zu sein, war da, diese ganz spezielle Scham, die sich nach einer vernichtenden Niederlage einstellt. Aber noch mehr graute ihm vor der Bürokratie, dem Ausfüllen von Formularen, der unabänderlichen Einweisung in eine örtliche Klinik, der Anteilnahme und der Hektik wildfremder Menschen. Er musste sich von einem Arzt untersuchen lassen, der ihm ein Certificat Médicale ausstellte, mit dem man ihm bestätigte, dass er bis auf zwei starke Prellungen auf dem linken Bizeps und dem linken Oberschenkel – beide leuchteten bereits in tiefem Violett – keine gravierenden Verletzungen davongetragen hatte. Seine rechte Kniescheibe war leicht angeschwollen, und über einem Auge hatte er eine Platzwunde, die nicht unbedingt genäht werden musste. Sowohl Claude, der französische Sanitäter, der ihn am Tatort untersucht hatte, als auch Laurent, der düstere Polizist, der erst am Morgen »trois putains de beurs« verhaftet hatte, empfahlen Kell, über Nacht im Krankenhaus zu bleiben und sich einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Er könnte einen Schock erlitten haben, sagte Claude. Außerdem lasse sich nicht mit Gewissheit sagen, ob Monsieur Uniacke nicht doch innere Verletzungen davongetragen habe.

Kell, der seit seinem fünfzehnten Lebensjahr insgesamt einen Tag krank im Bett verbracht hatte, glaubte fest an die Methode, auf seinen Körper zu hören und nicht auf die risikoscheuen Ratschläge überlasteter Staatsdiener. Und sein Körper sagte ihm, was er hören wollte: Morgen früh würde er einen Tag älter und ein bisschen steifer als sonst sein, und das verletzte Knie würde ihn für ein paar Tage zum Hinkefuß machen. Aber insgesamt hatte der Kampf wenig mehr als seinen Stolz verletzt. Und er hatte Thomas Kell in die peinliche Lage gebracht, der Marseiller Polizei im Namen Stephen Uniackes ein eidliches Protokoll zu unterschreiben. So etwas stand im krassen Widerspruch zur DNS eines Spions, seinem instinktiven Bemühen, bei Operationen im Ausland so wenig wie möglich aufzufallen. Da der DGSE ihm allerdings zwei arabische Gangster auf den Hals geschickt hatte, die ihn zusammenschlagen sollten, blieb ihm keine Wahl.

In Laurents flottem Citroën Xsara brauchten sie dank der Sirene keine fünf Minuten, um das nicht einmal einen Kilometer entfernte Polizeipräsidium zu erreichen. Das Gebäude war ein drei Stockwerke hoher Sandsteinaltbau von Haussmann in einem ansonsten hypermodernen Marseiller Stadtteil. Unten im Wartebereich tummelte sich die übliche Kundschaft: nervöse Taschendiebe, empörte Drogenhändler, Geschäftsleute, die nach der Mittagspause ins Röhrchen blasen mussten, übellaunige Rentner. Kell wurde eilig in ein Büro auf der zweiten Etage gebracht und von Laurent und seinem Partner Alain – einem Hardliner jenseits der dreißig mit graumelierter Stoppelfrisur und bläulich schimmernder Handfeuerwaffe am Gürtel, die er von Zeit zu Zeit wie ein Kätzchen streichelte – einem formalen Verhör unterzogen. Sie baten Kell um eine Aufstellung der Sachen, die sich in seiner Umhängetasche befunden hatten, und er bemühte sich nach Kräften um Vollständigkeit, weil er wusste, dass Jimmy Marquand und die Erbsenzähler beim MI6 auf eine Abschrift des Polizeiprotokolls bestehen würden, um Notebook und Kamera bei der Versicherung geltend machen zu können; das war die kleingeistige Mentalität des Häkchenmachens, die in den letzten Jahren im Dienst Platz gegriffen hatte. Nach einer halben Stunde wurde er in ein anderes Zimmer geführt, wo man ihm Fahndungsfotos lokaler Ganoven nordafrikanischer Provenienz zeigte, aber von keinem der beiden Angreifer war ein Konterfei dabei. Es war schon fast sieben, als Laurent endlich meinte, alle Aspekte des Überfalls bearbeitet zu haben, und Kell bat, die offizielle Anzeige gegen unbekannt zu unterzeichnen; sehr zu Alains Missfallen entschuldigte er sich dafür, dass er als »britischer Tourist« Opfer eines »Einwandererdelikts« geworden war. Kell, der keinen Augenblick daran zweifelte, dass seine beiden Angreifer den Laptop und die Handys auf Befehl gestohlen hatten, dankte den beiden Polizisten für »ihre Geduld und Professionalität« und bat, so schnell wie möglich ins Hotel zurückgefahren zu werden, um sich vor der morgigen Weiterreise nach Paris noch etwas ausruhen zu können.

Laurent schickte sich schon an, der Bitte nachzukommen, als das Telefon klingelte. Er nahm ab und sagte »Ja?«. Was folgte, schien ein internes Gespräch zu sein. »Oui, oui«, murmelte der Polizist leise, dann huschte der Anflug eines Lächelns über sein Gesicht. Er nickte und suchte freudig Blickkontakt mit Kell. Es war etwas passiert.

»Offenbar hat man Ihre Tasche gefunden, Monsieur Uniacke«, sagte er und legte den Hörer auf. »Sie ist vor der Cité Radieuse weggeworfen worden, und ein Passant hat sie gefunden. Einer meiner Kollegen bringt sie gerade herauf.«

Drei Minuten später klopfte es an der Tür, und ein dritter Polizeibeamter betrat das Zimmer. Er trug Dienststiefel und eine adrette, marineblaue Uniform. Wie bei Alain steckte ihm eine Schusswaffe am Gürtel, aber er machte in jeder Hinsicht mehr Eindruck, wirkte kräftig und hart. Der Bart war ab, was sein Gesicht etwa zehn Jahre jünger erscheinen ließ, doch Kell hatte ihn auf den ersten Blick erkannt.

Luc.

40

Dass Luc sich den Bart abrasiert hatte, verriet Kell, was er wissen musste. Malots Begleiter vom Schiff wollte ihn aushorchen und war zu diesem Zweck in die Maske eines Polizeibeamten geschlüpft, um das Risiko zu minimieren, von Kell wiedererkannt zu werden. Beschwingt wünschte er ihm einen guten Tag, reichte die Umhängetasche an Laurent weiter und stellte sich als »Benedict Voltaire« vor. Ein absurderes Pseudonym war Kell noch nicht zu Ohren gekommen.

»Also, was ist hier passiert?«, fragte er auf Englisch und machte es sich auf dem Stuhl bequem, den Alain wie für einen zu Besuch gekommenen Würdenträger geräumt hatte. Kell bemerkte den Extrastreifen auf Lucs Schulterstücken, der ihn als ranghöher als seine angeblichen Kollegen auswies. Entweder er war tatsächlich ein höherer Polizeibeamter oder – was wahrscheinlicher war – ein Geheimdienstler, der Laurent und Alain angewiesen hatte, ihn hier den Cop spielen zu lassen.

»Monsieur Uniacke ist britischer Staatsbürger. Er hat die Cité Radieuse besucht und wurde von zwei arabischen Jugendlichen überfallen. Sie beraubten ihn seiner Tasche, aber anscheinend hatte er Glück.«

»Anscheinend«, erwiderte Luc, diesmal auf Französisch. Er hatte die raue Stimme des starken Rauchers und musterte Kells Gesicht eingehend, als wolle er den unvermeidlichen Augenblick, in dem er ihn der Lüge bezichtigen musste, noch ein wenig hinauszögern. Laurent zog den Reißverschluss der Tasche auf.

»Wenn Sie bitte nachprüfen würden, ob etwas fehlt.«

Er schob die Tasche über den Tisch, und Kell begann sogleich, den Inhalt auszupacken und ein Teil nach dem anderen vor sich auf den Tisch zu stellen. Als Erstes kam das Notebook zum Vorschein, das nicht beschädigt zu sein schien. Als Nächstes die Kamera, dann das noch eingeschaltete Marquand-Handy. Er legte es neben sein Londoner Handy auf den Tisch. Der Kampf um Afrika lag zusammen mit einem Touristenstadtplan von Marseille ganz unten in der Tasche. Als Letztes zog er Uniackes Brieftasche aus einem Innenfach mit Reißverschluss.

»Zwei Mobiltelefone?«, sagte Luc im Tonfall wachsenden Misstrauens. Kell war bereits klar, dass er hier tiefer in der Patsche saß als vorhin in dem dunklen Korridor. Die SIM-Karte war mit Sicherheit gründlich untersucht und verfolgt worden, und er konnte nur beten, dass Marquand so klug gewesen war, Uniackes Spuren in Nizza gründlich genug zu löschen. Er konnte von Glück sagen, dass sie sein Londoner Handy nicht erwischt hatten; hätte Luc es in die Finger bekommen, wäre das Spiel jetzt schon aus.

»Ja«, sagte er, nahm das Marquand-Handy und untersuchte es. »Eins für die Arbeit, eins für privat.«

Auf dem Display wurde eine ungeöffnete Nachricht angezeigt. Als er sie öffnete, war sie von Marquand höchstpersönlich:

Sie hatten recht. Alle sind wohlbehalten zurück. Bis nächste Woche.

»Privat«, wiederholte Luc auf Englisch, als wolle Kell etwas beschönigen. Lucs Atem roch nach einer kürzlich ausgedrückten Zigarette.

»Ist ja unglaublich«, fuhr Kell unbeirrt fort und ignorierte Lucs Ironie, indem er sie in der unschuldigen Freude und Erleichterung Stephen Uniackes versanden ließ. »Scheint alles da zu sein. Mein Laptop, die Kamera …« Als Nächstes sah er in der Brieftasche nach, blätterte sich durch das Briefmarkenheftchen, die KEW-Mitgliedskarte, die zahlreichen Kredit-und Bankkarten, die Uniacke gehörten. Wie nicht anders zu erwarten fehlten über vierhundert Euro. »Scheiße, die haben das ganze Geld rausgenommen«, sagte er. »Entschuldigen Sie den Ausdruck.«

Laurent lächelte. »Keine Ursache.« Mit einem raschen Seitenblick auf Luc holte er sich die Erlaubnis, sich zu Wort melden zu dürfen. »Sie sind doch versichert, oder?«

»Natürlich.«

»Wie viel fehlt?«, wollte Luc wissen. »Wie viel haben die Kerle genommen?«

»Etwa vierhundert Euro. Aus dem Automaten habe ich heute Morgen fünfhundert geholt, und ausgegeben habe ich …«

»Schreiben Sie tausend in das Formular«, schlug Luc großzügig vor und nickte Laurent zu, ein kluger wie leicht durchschaubarer Psychotrick.

»Ob ich das gutheißen darf?«, antwortete Kell, aber sein Lächeln strafte moralische Skrupel Lügen. Er ließ dem Lächeln ein dankbares Kopfnicken folgen und sagte mit der ihm möglichen Aufrichtigkeit: »Danke.« Und um seinen Status als Familienvater zu dokumentieren, legte er zwei abgegriffene Fotos seiner Phantomkinder »Bella« und »Dan« auf den Tisch und sagte: »Sie sind der größte Schatz in meiner Brieftasche. Zum Glück habe ich den nicht verloren.«

»Sicher«, sagte Laurent schnell und schien es sogar ehrlich zu meinen, und auch Luc gab sich gerührt von Kells Liebe zu seiner Familie.

»Und der Computer?«, fragte er. »Hat er etwas abbekommen?«

Das war der heikelste Augenblick des Verhörs, die Schwachstelle, auf der ihn der DGSE am ehesten festnageln konnte. Sie hatten Kell die Tasche gestohlen, um das Notebook untersuchen zu können. Davon war er überzeugt. Und sie hätten ihm den Computer nicht zurückgegeben, wenn es ihnen gelungen wäre, die Verschlüsselung zu knacken. Aber selbst wenn es ihnen gelungen war, konnten die französischen Techniker nichts Belastendes gefunden haben. Im Hotel hatte Kell eine vom MI6 installierte Software laufen lassen, die automatisch alle digitalen Spuren des Benutzers löschte und durch unverfängliche Adressen und Cookies ersetzte; der DGSE konnte nur E-Mails und Suchmaschinenanfragen gefunden haben, die zum Vertriebsberater Stephen Uniacke passten – Familienvater, Daily Mail-Leser und gelegentlicher User eines Internet-Wettbüros. Die Uniacke-Tarnung war so wasserdicht, dass nicht einmal der unvermeidliche Amazon-Account fehlte.

»Funktioniert alles?«, fragte Luc und erhob sich, nachdem Kell den Deckel aufgeklappt und die Powertaste gedrückt hatte. Ganz offensichtlich wechselte er jetzt die Tischseite, um Kell beim Eintippen des Passworts über die Schulter sehen zu können. Kell blieb nichts anderes übrig, als den zehnstelligen Code unter Lucs unverhohlenem Blick in die Tastatur zu geben.

»Darf ich fragen, warum Sie ein Passwort benutzen?«

»Ich arbeite als Vertriebsberater«, antwortete Kell, erneut die arglose Integrität seines Alter Egos vorführend. »Wir betreuen eine Menge Kunden mit hohem Eigenkapital, die sicher kein Interesse daran hätten, ihre Daten in falschen Händen zu wissen.« Ihm fiel wieder ein, dass er in seiner Kabine – womöglich unter den Blicken einer Überwachungskamera des DGSE – lange Augenblicke dagesessen und auf sein Laptopdisplay gestarrt hatte, deshalb lieferte er die passende Erklärung gleich mit: »Leider will es mir nicht immer gleich einfallen, weil es so verflucht lang ist.«

»Verstehe«, sagte Luc, der sich noch nicht vom Fleck gerührt hatte.

»Interessieren Sie sich für etwas Bestimmtes?«, fragte Kell, und sein Blick über die Schulter sollte dem Marseiller Polizeibeamten Benedict Voltaire signalisieren, dass er im Begriff war, seine Intimsphäre zu verletzen. »Scheint alles zu funktionieren.«

Offenbar hatte die Mahnung funktioniert. Luc strich sich durch den nicht mehr vorhandenen Bart, ging zu dem doppelt verglasten Fenster am Ende des Büros und schaute hinunter in den Hinterhof. Er trommelte mit den Fingern gegen das Glas, und Kell fragte sich, was er noch auf Lager haben mochte. War der DGSE von seiner Unschuld überzeugt, weil sie keinerlei Verbindung zu Amelia oder Malot gefunden hatten?

»Was haben Sie in Marseille gemacht, Mr Uniacke?«

Kells erster Impuls war es, darauf hinzuweisen, dass er die Frage seit dem Überfall schon einige Male beantwortet habe, aber er hielt es für klüger, Luc nicht zu provozieren.

»Ich habe in Tunesien Urlaub gemacht und bin letzte Nacht mit der Fähre herübergekommen.«

Luc drehte sich um und sah ihn an. »Könnte es sein, dass Sie auf der Fähre jemanden gegen sich aufgebracht haben? Dass Sie ihm einen Grund geliefert haben, Ihnen in Marseille zu folgen und Sie zu überfallen?«

Mit diesem Schwenk der Befragung hatte Kell nicht gerechnet. Worauf wollte Luc hinaus?

»Nicht, dass ich wüsste. Ich habe in der Bar mit ein paar Leuten gesprochen, und mit anderen in der Schlange beim Ausschiffen. Mit sonst niemandem. Die meiste Zeit war ich in meiner Kabine und habe gelesen.«

»Keine Streitereien? Keine Probleme an Bord?«

Kell schüttelte den Kopf. »Nichts.« Es war beinahe zu leicht. »Keine Streitereien«, wiederholte er, als ein stechender Schmerz ihm ins Knie schoss.

In einem Nachbarzimmer brauste in Empörung über ein schreiendes Unrecht ein Mann auf. Dann war es wieder still.

»Zu meinem Kollegen haben Sie gesagt, Sie seien unterwegs nach Paris?«

Ein Fauxpas. Kell hatte Laurent vor Lucs Eintreffen von seiner Absicht erzählt, aus Marseille abzureisen. Luc musste von irgendwoher mitgehört haben.

»Ja. Ich habe einen Kunden in Paris, der in den nächsten Tagen vielleicht in der Stadt ist. Ich wollte den Abstecher machen, um mich mit ihm zu treffen. Wenn ich ihn nicht erreiche, fahre ich direkt nach Hause.«

»Nach Reading?«

»Über London nach Reading, ja.«

Kell hatte plötzlich die Nase voll von Lucs manierierter Arroganz, diesem zweitklassigen Verhör. Offensichtlich hatten sie nichts gegen ihn in der Hand. Er wollte raus aus diesem Büro, in dem er keine Luft mehr zu kriegen schien. Er wollte Malot finden.

»Darf ich Ihnen noch alles Gute wünschen, Mr Uniacke«, sagte Luc, als könne er Gedanken lesen, »und mich entschuldigen für den Ärger, den wir Ihnen gemacht haben.« Es entstand ein seltsamer Moment der Stille, als ihn Lucs vielsagender Blick traf, aus dem er nicht schlau wurde. »Mein Kollege Laurent bringt Sie in Ihr Hotel. Vielen Dank für Ihre Geduld. Ich will hoffen, dass Ihr weiterer Aufenthalt in Frankreich ohne Unannehmlichkeiten verläuft.«

41

Auf Kells Bitte setzte Laurent ihn an der Ecke Rue Breteuil und Quai des Belges ab, so dass er am alten Hafen vorbei zu seinem Hotel gehen konnte. Für Madeleine Brive war er schon eine Stunde über die Zeit. Er würde sie anrufen und die Verabredung absagen; er sei überfallen und zusammengeschlagen worden. Er versprach sich nichts mehr von dem Abendessen mit ihr: Der DGSE hielt alle Karten in der Hand, also würde sie ihn nur dazu zwingen, sich noch ein paar Stunden länger als Stephen Uniacke auszugeben.

Madeleine meldete sich nicht. Kell hinterließ ihr eine lange Nachricht, in der er sich für die Absage des gemeinsamen Abendessens entschuldigte und ihr berichtete, was sich in der Cité Radieuse zugetragen hatte. Dann gab er noch seiner Hoffnung Ausdruck, das Treffen mit ihr eines Tages nachholen zu können, und wünschte ihr eine sichere Heimreise nach Tours.

Der abendliche Hafen war bevölkert mit schlendernden Paaren, Touristen in Ausgehhemden, Kindern, die müden Straßenmusikanten Münzen vor die Füße warfen. Die Marktstände am Ostende der Promenade, die auf Eis gelagerte Fische verkauften, waren längst abgebaut, die Ausflugsdampfer hatten die letzten Gäste von den Besichtigungsfahrten zu den Calanques und nach Château d’If zurückgebracht. In einem Tabakladen am Quai des Belges kaufte Kell sich eine Télécarte und machte sich auf die Suche nach einer Telefonzelle. In zweien waren die Apparate mutwillig zerstört worden, aber am Ende der Rue Thubaneau fand er in einer stillen Seitenstraße gegenüber einer mit Rollläden verschlossenen Apotheke eine betriebsbereite Zelle der France Telecom. Er schloss die Tür, stellte die Tasche auf den Boden und wählte die Nummer des Taxiunternehmens, das Malot am Fährhafen benutzt hatte.

Eine Frau meldete sich nach dem fünften Klingeln, und Thomas Kell begann, sein Märchen vor ihr auszuspinnen.

»Hallo? Ja, ich hoffe, Sie können mir helfen.« In der Schule war Kell mal von einem Lehrer gesagt worden, sein Französisch klinge wie das eines in der Normandie notgelandeten britischen Spitfire-Piloten. Um zu erreichen, was er wollte, zielte er jetzt auf genau diesen Effekt ab. »Ich war letzte Woche in Marseille und bin gegen halb zwölf am Freitagabend vor dem Chez Michel in eins Ihrer Taxis gestiegen. Der Fahrer war ein Westafrikaner, ein wahnsinnig netter Mann …«

»Vielleicht Arnaud, vielleicht Bobo, vielleicht Daniel …«

»Ja, vielleicht. Wissen Sie, von wem ich rede? Er war ungefähr Mitte fünfzig.«

»Also Arnaud …«

»Ja, genau.«

»Was ist mit ihm?«

»Nun, ich bin Engländer …«

»Das hört man …«

»… und arbeite für Ärzte ohne Grenzen. Arnaud hat mir seine Karte gegeben, weil ich ihm versprach, mich bei ihm zu melden. Er hat ein paar Freunde an der Elfenbeinküste, um die er sich große Sorgen macht.«

»Oh, ich verstehe …«

Das wirkte. Die bloße Anspielung auf etwaige Menschenrechtsverletzungen veränderte die bis dahin gleichgültige Einstellung der Telefonistin.

»Jetzt habe ich leider die Karte verloren und weiß nicht mehr, wie ich ihn erreichen soll. Könnten Sie ihn vielleicht bitten, mich hier in London anzurufen, oder, sollte das zu teuer sein, mir eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse sagen, unter der ich ihn in Marseille erreichen kann?«

Der Trick hatte einen kleinen Haken, aber Kell kannte die Franzosen gut genug, um nicht befürchten zu müssen, dass ihm jemand mit dem Schutz der Privatsphäre kam. Im schlimmsten Fall würde die Telefonistin Kell um seine Nummer bitten und ihm versprechen, dass Arnaud zurückrief; im günstigsten Fall verband sie ihn direkt.

»Er ist heute Abend nicht im Dienst«, sagte sie. Also durfte Kell hoffen, die Nummer zu bekommen.

»Ist ja nicht schlimm«, erwiderte er. »Es reicht, wenn ich ihn Montag anrufe, wenn ich wieder hinter meinem Schreibtisch sitze …«

Plötzlich spielte in der Leitung ein alter Song von Moby, und es war nicht ganz klar, ob die Frau einen anderen Anruf entgegengenommen hatte oder nach Arnauds Nummer suchte. Nach dreißig Sekunden war sie wieder da und sagte: »Okay, haben Sie was zum Schreiben?«

»Hab ich.« Kell gönnte sich ein zufriedenes Lächeln. »Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen. Sie tun Arnaud einen großen Gefallen damit.«

Arnaud klang, als befände er sich in einem vollbesetzten Restaurant oder Café und wäre keinesfalls froh, um halb elf am Sonntagabend den Anruf eines Wildfremden entgegenzunehmen.

»Wer?«, sagte er zum dritten Mal, als Kell ihm zu erklären versuchte, er sei ein britischer Journalist auf der Suche nach Informationen über einen seiner Fahrgäste und wäre bereit, ihm fünfhundert Euro dafür zu bezahlen, dass er sich auf ein Bier mit ihm zusammensetzte.

»Wie, jetzt? Heute Abend noch?«

»Heute Abend, ja. Es eilt.«

»Unmöglich, mein Freund. Heute Abend muss ich ausspannen, und genau das würde ich Ihnen auch empfehlen.«

Ein Anwohner war aus einem der Häuser hinter der Telefonzelle gekommen und startete sein Motorrad. Kell musste gegen das Geknatter anbrüllen.

»Ich komme zu Ihnen«, sagte er. »Sie müssen mir nur sagen, wo Sie sind. Ich treffe mich in der Nähe Ihrer Wohnung mit Ihnen. Es dauert höchstens zehn Minuten.«

Es folgte eine Denkpause, die Kell schließlich mit der Frage beendete: »Hallo? Sind Sie noch da?«

»Ich bin noch da.« Arnaud genoss die Aufmerksamkeit.

»Tausend«, sagte Kell. Damit war Marquands Geld aufgebraucht.

Es funktionierte. Noch eine längere Pause, dann: »Über welchen Fahrgast wollen Sie etwas wissen?«

»Nicht am Telefon«, erwiderte Kell. »Das erfahren Sie, wenn ich bei Ihnen bin.«

Eine vierzigminütige, fünfundvierzig Euro teure Taxifahrt später war Kell im Quartier Nord, weit weg von den Jachten, Audis und Villen mit Tennisplätzen der Corniche. Mitten in einer trostlosen Betonlandschaft aus Wohnblocks und mit Müll übersäten Straßen und alldem, was Le Corbusier im Eifer seines Idealismus vergessen hatte.

Arnaud saß in einem Café im Souterrain eines schiefergrauen Wohnsilos, um den herum gelangweilte Jugendliche in Trainingsanzügen und hochmodernen Trainingsschuhen patrouillierten, und trank Pastis. Eins der Fenster des Cafés hatte einen Sprung in der Scheibe, das andere versteckte sich hinter einem metallenen Rollladen, auf den der Spruch »MARSEILLE, CAPITALE DE LA CULTURE ou DU BETON« gesprayt war. Kell, der seinen Fahrer gebeten hatte, auf ihn zu warten, absolvierte den Spießrutenlauf aus Blicken und schnalzenden Zungen und betrat das Café in Erwartung gespannter Grabesstille und wippender Schwingtüren wie in einem Saloon im Wilden Westen. Stattdessen begrüßte ihn eine mäßig interessierte, ausschließlich afrikanische Kundschaft mit ein paar müde nickenden Köpfen. Vielleicht sorgten Kells hinkender Gang und die frischen Stiche über dem Auge dafür, dass sie den Eindruck hatten, es mit einem Mann zu tun zu haben, der sich über einen Mangel an Missgeschicken im Leben nicht beschweren durfte.

»Hier herüber«, rief Arnaud, der an der Bar unter einer Collage aus Marseiller Fußballspielern von einst und jetzt saß – Lilian Thuram, Patrick Viera und Zinédine Zidane, die Hände am WM-Pokal von 1998. Daneben hing eine gerahmte Karikatur Nicolas Sarkozys in Schuhen mit übertrieben hohen Absätzen, dem mit einer Messerklinge die Augen ausgekratzt und mit einem Filzschreiber ein überdimensionaler Penis auf die Hose gemalt worden war. Arnaud, ein hochgewachsener, gut gebauter, mindestens neunzig Kilo schwerer Mann, erhob sich und führte Kell wortlos zu einem Resopaltisch in der hinteren Ecke des Cafés, der unter einem in der Wand verschraubten Flachbildfernseher stand. Sie gaben sich über einem von Kippen und Kaugummis überquellenden Aschenbecher die Hand und setzten sich einander gegenüber. Arnauds Handfläche war trocken und weich, in seinem Gesicht fand sich kein Anflug von Verbindlichkeit, allenfalls ein gewisser Hochmut. Die dunklen, gleichgültigen Augen ließen ihn wie einen seines Landes verwiesenen Despoten erscheinen. Einer vom Schlage Idi Amins. Dafür gab es einen Grund, denn ein Stück weit verlor Arnaud sein Gesicht, weil er mit Kell redete, aber tausend Euro schien ihm das Zehn-Minuten-Gespräch trotzdem wert zu sein.

»Journalist sind Sie also.«

»Richtig.«

Arnaud fragte nicht nach dem Namen der Zeitung. Sie sprachen Französisch, Kell kam mit Arnauds Akzent nicht gut zurecht. »Und Sie wollen etwas über jemanden erfahren.«

Kell nickte. Jemand hatte den Fernseher eingeschaltet, seine Antwort wurde vom Kommentator eines Basketballspiels zum Teil übertönt. Entweder Arnaud hatte das bestellt, damit sie ungestört reden konnten, oder der Wirt dokumentierte auf diese Weise sein Missfallen.

»Heute Morgen haben Sie am Hafen einen Mann Anfang dreißig mitgenommen, der mit der Fähre aus Tunis gekommen ist.«

Arnaud nickte, auch wenn nicht klar war, ob er sich wirklich erinnerte. Er trug ein Jeanshemd, aus dessen Brusttasche er ein Päckchen Winston Extra Stark zog.

»Zigarette?«

»Gern«, sagte Kell und nahm sich eine.

Es entstand eine Pause, während Arnaud die Zigaretten anzündete, seine zuerst. Dann beugte er sich vor.

»Macht der Schuppen Sie nervös? Sie machen den Eindruck.«

»Ist das wahr?« Kell wusste, dass es nicht stimmte, dass Arnaud ihn nur provozierte. »Komisch. Dabei dachte ich gerade, was für ein zivilisierter Schuppen das ist.«

»Wie?«

Kell sah hinüber zur Bar. Auf dem Nachbartisch stand ein halb leergegessener Teller Spaghetti, neben der Türe spielten zwei alte Männer Backgammon. »Man kriegt hier einen Espresso, darf rauchen, und es riecht nach gutem Essen.« Bewusst sah er Arnaud direkt in die Augen, um zu verhindern, dass sein Gegenüber ihn mit seinen Spielchen noch mehr Zeit kostete. »Ich kenne Lokale, in denen kriegt man keinen Alkohol, in denen dürfen Frauen nicht zusammen mit Männern am Tisch sitzen. Ich kenne Lokale, vor denen Bomben hochgehen und weißen Männern von Heckenschützen aufgelauert wird. Nervös werde ich in Städten wie Bagdad, Arnaud. Oder Kabul. Verstehen Sie?«

Der afrikanische Despot rutschte auf seinem Stuhl herum, dass die Plastikschale quietschte.

»Ich kann mich an den Burschen erinnern.« Kell brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er Malot meinte.

»Dachte ich mir. Können Sie mir sagen, wo Sie ihn hingefahren haben?«

Arnaud blies eine Rauchfahne an Kells Ohr vorbei. »Darum geht’s. Mehr wollen Sie nicht wissen?«

»Mehr will ich nicht wissen.«

Er runzelte die Stirn, die weiche braune Haut spannte sich über den Wangenknochen. Ein Mischlingsjunge, nicht älter als fünfzehn oder sechzehn, kam an den Tisch und fragte Kell, ob er ihm etwas zu trinken bringen könne.

»Danke, für mich nichts.«

»Trinken Sie etwas«, sagte Arnaud.

Kell zog an seiner Zigarette. »Ein Bier.«

»Une bière, Pep«, sagte Arnaud, als würde Kells Bestellung eine Übersetzung erfordern. Er kratzte sich eine Stelle am Hals. »Die Fahrt war lang. Und teuer.«

»Wie lang?«

»Ich bin erst seit zwei Stunden wieder zurück. Wir sind nach Castelnaudary gefahren.«

»Castelnaudary? Das ist in der Nähe von Toulouse, oder?«

»Sehen Sie auf der Karte nach.«

Kell blies den Rauch zurück. »Und wenn Sie es mir einfach sagen?«

»Geben Sie mir das Geld.«

Er hatte einen Umschlag mit dem Geld in der Gesäßtasche seiner Jeans stecken und schob ihn über den Tisch.

»Hier. Tausend Euro, Arnaud. Wo ist Castelnaudary?«

Der Taxifahrer lächelte, fand Gefallen an dem Spielchen. »Westlich von hier. Etwa drei Stunden auf der Autoroute. Hinter Carcassonne.«

»Wo der Cassoulet herkommt«, erwiderte Kell, ohne mit einer besonderen Reaktion zu rechnen. Schließlich war das ein typisches Gericht aus dieser Ecke des Landes. »Haben Sie ihn im Ort abgesetzt? Erinnern Sie sich an die Adresse?«

»Keine Adresse.« Arnaud steckte den Umschlag in die Gesäßtasche seiner Chinos, und beinahe hatte man den Eindruck, als nötige ihn das Gewicht des Geldes, die Tatsache, dass es nun seins war, zu mehr Kooperation. »Es war seltsam. Er wollte zehn Kilometer weiter südlich am Rand eines Dorfes rausgelassen werden. Auf einem Parkstreifen mitten in der Landschaft. Jemand würde ihn abholen kommen, hat er gesagt.«

Kell stellte die naheliegende Frage: »Warum haben Sie ihn nicht einfach dort hingebracht, wo er hinwollte?«

»Er wüsste die Adresse nicht, hat er gesagt. Und letzten Endes ging es mich ja nichts an. Mir stand noch eine lange Rückfahrt nach Marseille bevor. Ich wollte nach Hause zu meiner Tochter.«

Kell überlegte kurz, ob er Arnaud nach seiner Familie fragen sollte, um ihn ein wenig aufzulockern, aber viel versprach er sich nicht von der Strategie. »Und die Fahrt dorthin? Haben Sie mit ihm geredet? Hat er Ihnen irgendetwas erzählt?«

Das Lächeln des Afrikaners wurde noch eine Spur breiter, und Kell sah, dass sein Zahnfleisch mit dem Alter gelblich geworden war. »Nein, Mann.« Er schüttelte den Kopf. »Der Kerl redet nicht. Der guckt einen nicht mal an. Die meiste Zeit hat er geschlafen oder aus dem Fenster geglotzt. Ein Franzose eben. Rassist.«

»Sie glauben, er ist ein Rassist?«

Arnaud ignorierte die Frage und stellte seinerseits eine. »Wer ist der Mann? Warum interessiert sich eine britische Zeitung für ihn? Hat er was geklaut? Oder Prinzessin Kate gebumst, oder was?«

Arnaud lachte von Herzen über seinen eigenen Witz. Auch wenn Kell kein Royalist war, konnte er nicht mitlachen.

»Wir interessieren uns eben für den Mann. Könnten Sie mir auf einer Karte zeigen, wo genau sie ihn abgesetzt haben?«

Arnaud nickte. Kell wartete, dass er sich in Bewegung setzte. Sie saßen schweigend da, bis klar wurde, dass Arnaud seinerseits auf etwas wartete.

»Haben Sie eine Karte?«, fragte Kell.

Arnaud verschränkte die Arme.

»Was soll ich hier drinnen mit einer Karte?«, fragte er und schaute auf den Boden, wo unter einem zerschlissenen Ledersessel die Kruste eines Sandwichs vor sich hin trocknete. Kell bekam kein Signal auf sein iPhone, also musste er das Café verlassen. Wieder der Spießrutenlauf durch Trainingsanzüge und unangeleinte Hunde. Er fand sein wartendes Taxi und klopfte ans Fenster, schreckte den Fahrer aus einem Nickerchen. Das Fenster fuhr herunter, und Kell bat, sich seine Frankreichkarte ausleihen zu dürfen. Diese Bitte stieß auf heftigsten Missmut, weil der Fahrer aus seinem Mercedes steigen, den Kofferraum öffnen und die Karte herausnehmen musste.

»Wäre vielleicht klüger, sie vorne aufzubewahren«, gab Kell zu bedenken, bevor er zu seinem Tisch in dem Café zurückkehrte. Arnaud klappte das Ortsregister auf, suchte nach Castelnaudary und deutete dann auf das Gebiet, in dem er Malot abgesetzt hatte.

»Hier«, sagte er. Ein trockener Zeigefinger mit abgekautem Nagel verdeckte für einen Moment die exakte Stelle. Kell nahm die Karte und schrieb den Namen des Dorfes auf: Salles-sur-l’Hers.

»Ein Parkstreifen, sagten Sie? Mitten in der Landschaft?«

Arnaud nickte.

»Erinnern Sie sich an irgendwelche Auffälligkeiten in der Gegend? Eine Kirche? War da vielleicht ein Sportplatz?«

Arnaud schüttelte den Kopf. Er schien des Gesprächs langsam überdrüssig zu werden. »Nein, nur ein paar Bäume, Felder. Land eben.« Das Wort »Land« klang aus seinem Mund wie ein Schimpfwort. »Nachdem ich den Wagen gewendet hatte, um nach Hause zu fahren, bin ich nach circa ein, zwei Minuten an ein paar Recyclingcontainern vorbeigekommen. Etwa so weit nach Salles-sur-l’Hers hab ich ihn abgesetzt.«

»Danke«, erwiderte Kell. Er schob ihm die Nummer des Marquand-Handys über den Tisch. »Falls Ihnen noch etwas einfällt …«

»Rufe ich Sie an.« Arnaud schob den Zettel in dieselbe Hemdtasche, in der auch die Zigaretten steckten. Der Tonfall der Antwort ließ Kell vermuten, dass er von dem Mann nie wieder etwas sehen oder hören würde. »Was ist mit Ihrem Auge? Hat mein Fahrgast das mit Ihnen gemacht?«

»Einer seiner Freunde«, antwortete Kell und erhob sich vom Tisch. Sein Bier war gekommen, als er die Karte geholt hatte. Er ließ eine Zwei-Euro-Münze auf dem Tisch liegen, ohne das Bier angerührt zu haben. »Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.«

»Kein Problem.« Arnaud machte sich nicht die Mühe aufzustehen. Er schüttelte Kells Hand und klopfte mit der anderen auf das Geldpolster in seiner Tasche. »Richten Sie Ihrer Zeitung meinen Dank aus.« Sein Grinsen entblößte das gelbe Zahnfleisch. »Wirklich nobel. Ein hübsches Geschenk.«

42

Als er wieder im Hotel war, fand Kell eine beleidigt klingende Sprachnachricht von Madeleine Brive auf seinem Handy. Mit Bedauern nahm sie von dem Überfall in der Cité Radieuse Notiz, ehe sie ihrem Ärger darüber Luft machte, dass Kell nicht den Anstand gehabt hatte, ihr schon am Nachmittag mitzuteilen, dass aus ihrem gemeinsamen Abendessen im Chez Michel nichts werden würde. Jetzt war ihr einziger Abend in Marseille verdorben.

»Reizend«, sagte Kell zu seinem Zimmer, nachdem er aufgelegt hatte, und fragte sich, ob Luc noch zuhörte.

Er schlief gut, tief und fest und nahm im Hotelrestaurant ein bescheidenes Frühstück zu sich, bevor er auscheckte und nur einen Steinwurf vom Bahnhof Saint-Charles entfernt ein Internetcafé fand. Sein Notebook nützte ihm jetzt gar nichts mehr. Lucs Kollegen beim DGSE hatten es garantiert mit einem Peilsender oder einem Software-Keylogger ausgestattet. Kell sah, dass Elsa Cassani ihm per E-Mail ein Dokument geschickt hatte, von dem er – zu Recht, wie sich herausstellte – vermutete, dass es sich um die Überprüfungsakte François Malot handelte. In einer begleitenden Nachricht schrieb sie: »Rufen Sie mich an, wenn Sie Fragen haben. X.« Mit Unterstützung eines hocheffizienten Gruftis mit gepiercter Zunge druckte Kell das alles aus.

Am Bahnhof gab es eine McDonalds-Filiale. Kell ließ sich einen radioaktiv heißen Kaffee geben, ging zu einem freien Tisch und nahm sich Elsas Ergebnisse vor.

Sie hatte gut gearbeitet, Malots Oberschule herausgefunden, die Universität in Toulon, auf der er Informatik studiert hatte, den Namen des Pariser Fitnessstudios, in dem er Mitglied war. Das von Marquand geschickte Foto zeigte Malot und zwei seiner Kollegen bei der Softwarefirma in Brest, die später von einer größeren Firma in Paris aufgekauft worden war, und in deren Hauptniederlassung er heute arbeitete. Elsa hatte zwei Bankkonten und sieben Jahre zurückreichende Steuerunterlagen ausfindig gemacht; ihrer Ansicht nach wiesen seine Finanzen »keine Anomalien« auf. Er hatte pünktlich seine Rechnungen bezahlt, wohnte seit über einem Jahr in seiner Wohnung im 7. Arrondissement und fuhr einen alten Renault Mégane, den er schon damals in Brest gebraucht gekauft hatte. Was Freunde oder Freundinnen anging, schienen ihre Nachforschungen an seiner Arbeitsstelle und dem Fitnessstudio darauf hinzudeuten, dass Malot ein Einzelgänger war, ein Mann, der gern für sich blieb. Elsa hatte Malots Chef angerufen und erfahren, der »arme François« habe nach seiner Familientragödie eine Art Sonderurlaub erhalten. Soweit Elsa das beurteilen konnte, gehörte Malot keinem sozialen Netzwerk an, und seine E-Mails wurden regelmäßig auf einen Hostcomputer heruntergeladen, in den einzudringen ihr nicht gelungen war. Ohne Unterstützung durch Cheltenham war es ihr auch nicht möglich gewesen, seine Handygespräche abzuhören, aber sie hatte eine potentiell interessante E-Mail-Korrespondenz zwischen Malot und einer bei Wanadoo als »Christophe Delestre« registrierten Person abgefangen, den sie für einen Freund oder Angehörigen hielt. Elsa hatte die Korrespondenz der Akte beigefügt.

Kell steckte die übrigen Dokumente in seine Umhängetasche, trank den Kaffee aus und schickte Elsa eine Textnachricht.

Erstklassige Arbeit.

Danke.

Unter anderen Umständen hätte er eins ihrer Küsschen – X – an das Ende der Nachricht gesetzt, aber er war der Boss, und das verpflichtete ihn zu einem Mindestmaß an professioneller Distanz. Danach las er die E-Mails von Delestre. Sie waren auf Französisch und drei Tage alt. Malot war zu der Zeit noch im Ramada, kurz vor Ende seiner Ferien mit Amelia.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Wann kommst du zurück nach Paris? Du fehlst uns. Kitty wartet auf einen Kuss von ihrem Patenonkel.

Christophe

Von: [email protected]

An: [email protected]

Tunis gefällt mir. Komme am Wochenende zurück, allerdings geht mir vieles durch den Kopf. Hab Sonderurlaub bekommen – sie waren in jeder Beziehung großzügig. Möglich, dass ich nächste Woche wieder in Paris bin, vielleicht reise ich aber noch eine Weile durch die Welt. Kann ich noch nicht sagen. Gebt Kitty bitte einen dicken Kuss von ihrem Patenonkel Frankie. F.

PS. Bitte lasst euch von dem Brand nicht unterkriegen. Ich besorge dir die Bücher, als Ersatz für die verlorenen. Versprochen.

Kell legte den Ausdruck der E-Mails zusammen mit den anderen Dokumenten aus seiner Umhängetasche auf den Tisch. Dann suchte er sich eine öffentliche Toilette im Untergeschoss des Gare Saint-Charles, betrat eine Kabine, zerriss die gesamte Akte in kleine Fetzen, die er das Klobecken hinunterspülte, ging wieder nach oben, kaufte sich mit Uniackes Kreditkarte ein Ticket und erreichte den 10-Uhr—TGV nach Paris.

Höchste Zeit für einen kleinen Plausch mit Christophe.

43

Vier Stunden später saß Kell allein an einem Tisch in der Brasserie Lipp und starrte auf ein Foto von Christophe Delestre, das er sich von Facebook heruntergeladen hatte. Auf dem Foto trug Delestre eine übergroße Sonnenbrille, Cargoshorts und ein bordeauxfarbenes T-Shirt. Er wirkte wie Anfang bis Mitte dreißig, trug einen ordentlich getrimmten Schnauz-mit schmalem Ziegenbart und hatte den Spitzen seines schütter werdenden Haars mit Gel etwas Glanz verliehen. Die Datenschutz-Einstellungen des Accounts waren wasserdicht, ein weiteres Foto von Delestre hatte Kell nicht gefunden. Ausgehend von der Annahme, dass Facebook-Benutzer viel Aufmerksamkeit auf ihr Profilbild verwenden, vermutete Kell, dass es Delestre darum gegangen war, den Eindruck von Lässigkeit und Coolness zu vermitteln; auf dem Schnappschuss lachte er und hielt eine offensichtlich selbstgedrehte Zigarette in der rechten Hand. Außer ihm war auf dem Ausschnitt niemand zu sehen.

Lipp war eine alteingesessene Brasserie am Boulevard St. Germain. Claire hatte hier während ihres Studienjahrs in Paris gern gesessen. Nach ihrer Hochzeit waren sie zwei-oder dreimal zusammen hier gewesen und hatten Seite an Seite an ihrem Fensterplatz gesessen und der haute bourgeoisie von Paris zugesehen. Es hatte sich seitdem kaum etwas verändert. Die Kellner, die schwarze Fliegen, weiße Schürzen und ein verhaltenes Lächeln im Gesicht trugen, bereiteten an einem Anrichtetisch gleich neben dem Eingang Steak Tartare zu. Der Geschäftsführer, der ein Seidenhemd zum einreihigen Anzug trug, bewahrte die geschäftsmäßige froideur für Erstbesucher des Lokals auf, während er unter Stammgästen einen durchaus geschmeidigen gallischen Charme versprühte. Zwei Tische von Kell entfernt mümmelte sich eine ältere, mit schätzungsweise vierzehn Kilo Art-déco-Schmuck behängte Witwe älteren Jahrgangs – die Schultern mit einer schwarzen Spitzenstola bedeckt – systematisch durch einen Salade Niçoise. Ein Spalt im Tischtuch gab den Blick auf den Scottish Terrier frei, der zusammengerollt zu ihren Füßen lag, ein Hund, dem – so vermutete Kell – täglich mehr Streicheleinheiten zuteilwurden, als der längst verblichene Gemahl zeit seines Lebens abbekommen hatte. Ein Stück weiter vor derselben Wand saßen unter gerahmten Karikaturen von Jacques Cousteau und Catherine Deneuve drei Damen mittleren Alters in Coco-Chanel-Kostümen, vertieft in konspirative Tuscheleien. Auch wenn er zu weit entfernt saß, um Einzelheiten verstehen zu können, musste Kell an Claire und ihr Vorurteil gegen gutsituierte Französinnen denken, die »wahrscheinlich nichts Besseres zu tun haben, als sich über Sexualität und Macht auszulassen«. Er liebte dieses Lokal, weil es im Herzen der alten Pariser Welt lag, aber heute war es ihm fast zuwider, weil er hier an nichts anderes denken konnte als an seine Frau, die sich auf dem Flug nach Kalifornien in ihrem von Richard Quinn spendierten Sessel der Business Class fläzte und die gleichen französischen Weine schlürfte und das gleiche französische Essen verzehrte. Am Gare de Lyon hatte er Claire eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen und sie gebeten, sich das mit dem Amerikatrip noch mal zu überlegen. Sie hatte zurückgerufen, um ihm mitzuteilen, dass sie bereits auf dem Weg nach Heathrow sei. Ein Unterton triumphaler Gelassenheit schwang dabei in ihrer Stimme mit, und Kell, von Eifersucht zerfressen, hatte kurz daran gedacht, Elsa in Italien anzurufen und zu sich nach Paris einzuladen, einfach nur um in Gesellschaft einer jungen Frau die Wucht der Kränkung ein wenig abzufedern. Stattdessen war er mit dem Taxi ins Lipp gefahren, hatte sich eine Flasche Nuits-Saint-Georges Premier Cru bestellt und über die klügste Vorgehensweise im Fall Christophe Delestre nachgedacht.

Als die Flasche eine Stunde später leer war, zahlte Kell seine Rechnung, trank auf der anderen Straßenseite im Café de Flore noch einen Espresso, bevor er die Metro nach Pereire im 17. Arrondissement nahm, wo er in der Rue Verniquet ein kleines, ordentliches Hotel kannte. Er bekam ein Doppelzimmer und trug sich unter seinem Uniacke-Pseudonym ein – das siebte Bett in ebenso vielen Nächten. Die Wände in dem winzigen Zimmer waren orangerot gestrichen, neben der Tür zum Bad hing die Reproduktion eines Miró, das Fenster blickte auf einen kleinen Hinterhof. Kell, der die Schwere der mittäglichen Flasche Wein spürte, hielt sich nicht mit Auspacken auf, sondern ging hinaus in den nachmittäglichen Sonnenschein und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Montmartre. Die Kamera hatte er dabei, schoss ein paar Aufnahmen im harten Sonnenlicht – Straßencafés, gusseiserne Laternen, frisches Obst und Gemüse in den Auslagen einer Lebensmittelhandlung –, schwenkte die Kamera auf dem Gehsteig im Kreis, um Fußgänger und Autos um ihn herum zu fotografieren. Obwohl er überzeugt war, dass der DGSE nach Marseille das Interesse an Stephen Uniacke verloren hatte, konnte eine Kamera ein wirksames Mittel sein, um Verfolger zu vertreiben; denn später ließ sich anhand der Bilder überprüfen, ob Gesichter und Nummernschilder an mehr als einem Ort auftauchten.

Gegen sechs war er in der Rue Lamarck, einer der Hauptdurchgangsstraßen des Montmartre unterhalb der Basilika du Sacré-Cœur. Laut Elsas Akte lebte Delestre in einer Erdgeschosswohnung an der Ecke Rue Darwin und Rue des Saules. Kell stieg eine steile Steintreppe hinauf, die zu der Kreuzung der beiden Straßen hinaufführte. Auf halber Treppe blieb er stehen, wandte sich zurück zur Rue Lamarck und schoss wie ein Amateurfotograf, der den Charme von Paris einfangen will, eine Reihe von Fotos. Dann drehte er sich um und zielte mit der Kamera auf die auf beiden Straßenseiten der Rue des Saules in langen Reihen geparkten Autos. Durch das Teleobjektiv hielt er Ausschau nach Hinweisen auf ein Beobachtungsteam. Sämtliche Autos schienen unbesetzt zu sein; wie Kell bereits vermutet hatte, verfügte keine Agentur über das Personal, das nötig wäre, um jeden Einzelnen von Malots Angehörigen und Freunden unter Beobachtung zu stellen. Am Fuß der Treppe, nur wenige Meter von Delestres Haustür entfernt, schwenkte Kell das Objektiv an den Fassaden der gegenüberliegenden Wohnhäuser in der Rue Darwin entlang und musste feststellen, dass es unmöglich war, einen Beobachtungsposten auszumachen; er musste sich auf sein Gefühl verlassen und das Risiko eingehen. Nach einer Runde um den Block kam er durch die Rue des Saules von Westen zurück in die Rue Darwin. Es war ein belebtes Viertel, alte Damen kamen vom Einkaufen, Kinder in Begleitung ihrer Eltern aus der Schule zurück. Kell näherte sich Delestres Haustür in der Hoffnung, dass Christophe bereits von der Arbeit zurück sein würde.

Durch ein offenes Fenster hörte er das Baby ehe er es sah. Eine attraktive dunkelhaarige Frau, vielleicht spanischer oder italienischer Herkunft, wiegte es in einem kleinen, etwas düsteren Wohnzimmer auf dem Arm, damit es zu schreien aufhörte.

»Madame Delestre?«, fragte Kell.

»Oui?«

»Ist Ihr Mann zu Hause?«

Die Frau warf einen schnellen Blick nach rechts, dann schaute sie wieder den Fremden auf der Straße an. Christophe Delestre war bei ihr im Zimmer, stand auf, kam zum Fenster und baute sich, vielleicht aus einem unbewussten Schutzinstinkt, direkt vor seiner Frau und dem Baby auf.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Es geht um François Malot«, antwortete Kell. Er sprach Französisch und reichte ihm durch das offene Fenster die Hand. »Und um den Brand. Dürfte ich zu Ihnen hereinkommen?«

44

Facebook war irreführend. Christophe Delestre hatte sich Schnauz-und Spitzbart abrasiert, ein paar Pfund an Gewicht zugelegt und trug auch keine übergroße Sonnenbrille auf der Nase. Seine braunen Augen waren groß und offen, das leicht verquollene Gesicht schien von mehreren schlaflosen Nächten zu zeugen. Er trug helle Leinenhosen, Tennisschuhe und ein blaues Button-down-Hemd. Kell wurde ins Wohnzimmer gebeten und ihm das Sofa angeboten, auf dem eine mottenlöchrige Decke lag. Christophe schloss das Fenster zur Straße und stellte Kell seine Frau vor, die ihm mit schmalen Augen die Hand gab und ihr Baby ein wenig fester hielt, als traue sie dem fremden Gast in ihrem Haus nicht über den Weg.

»Sind Sie von der Versicherung?«, fragte sie. Sie hieß Maria und sprach Französisch mit spanischem Akzent.

»Nein«, antwortete er. Er nickte dem Kind liebevoll zu, um der Mutter die Furcht zu nehmen.

»Sie sagten, Sie heißen Tom? Sind Sie Engländer?« Vielleicht hatte Christophe den Fremden allzu bereitwillig in die Wohnung gelassen, um etwas Ablenkung von dem Babystress zu haben. Inzwischen war er merklich reservierter. »Woher wissen Sie über den Brand Bescheid?«

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein«, sagte Kell und registrierte, dass das Kind – Kitty, Malots Patenkind – zu weinen aufgehört hatte. »Ich arbeite für den MI6. Wissen Sie, was das ist?«

Eine Pause entstand, als die Delestres sich fassungslos anschauten. Agenten brechen so gut wie nie ihre Tarnung, aber unter bestimmten Umständen wirkt der Name MI6 wie das Vorzeigen der Polizeimarke am Tatort.

Maria fand als Erste Worte. »Sie sind ein Spion?«

»Ich arbeite für den britischen Geheimdienst. Faktisch bin ich ein Spion, ja.«

»Und was wollen Sie von uns?« Christophe sah ängstlich aus, als wäre Kell damit eine direkte Bedrohung für seine Frau und seine Tochter.

»Es besteht keinerlei Grund zur Sorge für Sie. Ich muss Ihnen nur ein paar Fragen zur Person François Malots stellen.«

»Was ist mit ihm?« Marias Antwort kam schnell, verriet etwas vom natürlichen südländischen Instinkt, Autoritäten infrage zu stellen. »Wer schickt Sie zu uns? Was wollen Sie?«

In dem kleinen Wohnzimmer wurde die Luft stickiger, und Kitty begann zu stöhnen. Vielleicht spürte sie das wachsende Misstrauen, die Feindseligkeit in der sonst so ruhigen, trostreichen Stimme ihrer Mutter. »Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich einfach so bei Ihnen hereinplatze. Aber für meinen Auftrag ist es eminent wichtig, dass die französische Obrigkeit nicht erfährt, dass ich heute hier bin.«

Christophe beschloss, seine Tochter ins Nebenzimmer zu bringen, nahm Maria das Baby aus den Armen und verschwand durch den Küchenbereich ins Kinderzimmer, wie Kell vermutete. Maria starrte ihn unverwandt an, der Blick dunkel und kalt vor Misstrauen.

»Bitte sagen Sie noch mal Ihren Namen«, sagte sie. »Ich will ihn mir aufschreiben.« Kell kam der Bitte nach, buchstabierte den Nachnamen langsam und deutlich. Als Christophe ins Zimmer zurückkam, wunderte er sich, seine Frau über einen Zettel gebeugt dasitzen zu sehen.

»Mir ist nicht wohl bei der Sache«, sagte er, als hätte er sich bei jemandem Rat und Selbstvertrauen geholt. »Sie behaupten, vom MI6 zu sein, aber das glaube ich Ihnen nicht. Was wollen Sie von uns? Ich hätte Sie gar nicht in die Wohnung lassen sollen.«

»Ich will Ihnen nichts Böses«, erwiderte Kell. Für einen Augenblick ließ sein Französisch ihn im Stich. Er gab seiner Antwort einen falschen Tonfall, und Maria fand ihre Stimme.

»Ich denke, Sie sollten wieder gehen«, sagte sie. »Wir wollen nichts mit Ihnen zu tun haben …«

»Auf gar keinen Fall«, fügte Christophe hinzu, angesteckt vom Mut seiner Frau. »Wir haben einen Fehler gemacht. Wenn Sie meinen, uns verhören zu müssen, wenden Sie sich bitte an die Polizei …«

»Hinsetzen!« Kells Wut, angefacht durch den latenten Ärger über Claires Widerspenstigkeit, entlud sich nun mit voller Wucht. Seine Geduld war aufgebraucht, er dachte an Kabul und an Yassin, wie er nackt vor ihm auf dem Stuhl saß, die Augen feucht vor Angst. Die plötzliche Heftigkeit in Kells Stimme wirkte auf das französische Ehepaar wie ein Pistolenschuss. Christophe tat einen Schritt zur Seite und ließ sich in einen Sessel fallen. Maria brauchte länger, aber Kells fester Blick zwang sie, sich an den Tisch zu setzen.

»Was wollen Sie?«, fragte sie.

»Warum sind Sie so widerspenstig? Haben Sie etwas zu verbergen?« Christophe setzte zu einer Antwort an, aber Kell fiel ihm ins Wort. »Es ist seltsam, dass Sie noch gar nicht nach François gefragt haben. Können Sie das erklären? Ich dachte, er ist Ihr bester Freund.«

Christophe wirkte benommen wie ein Zugreisender, der vom Schaffner aus seinem Nickerchen gerissen wird; das müde Stubenhockergesicht blickte regungslos, als müsse sein Kopf erst verarbeiten, was Kell ihn gefragt hatte.

»Ich weiß, wo François ist«, antwortete er, nachdem er seinen Mut wiedergefunden hatte. Die rechte Hand klammerte sich an die Sessellehne, die Knöchel waren weiß. Ein Schweißfilm bildete sich in seinen Geheimratsecken.

»Und wo ist er?«

»Warum sollten wir Ihnen das erzählen?« Maria schoss einen bestürzten Blick auf ihren Mann ab und erntete ein Kopfschütteln, die Mahnung, weiteren Widerstand aufzugeben. »Sie sind ein Spion, sagen Sie, aber vielleicht arbeiten Sie in Wirklichkeit für den Journalisten, der uns nach dem Mord angerufen hat. Wir haben dem Mann ummissverständlich gesagt, dass wir nicht über das Geschehene reden wollen.«

Kell stand auf und ging auf sie zu. »Warum sollte ein Journalist sich als Spion ausgeben? Warum sollte jemand so etwas Dummes tun?« Die Frage wurde zur rhetorischen Frage, weil die Delestres keine Antwort wussten. »Damit Sie es begreifen: Es ist durchaus möglich, dass François bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. Ich muss wissen, ob er Verbindung zu Ihnen hatte. Ich muss einen Blick in Ihre Korrespondenz werfen.«

Maria schnaubte unwillig. Kell musste ihren Mut bewundern. »In unsere privaten E-Mails?«, sagte sie. »Sie glauben doch nicht, dass wir Ihnen das erlauben. Sie haben kein Recht …«

Kell unterbrach sie mitten im Satz. »Schläft Kitty?«, fragte er und ging einen Schritt in Richtung Kinderzimmer, als wolle er das Kind holen. Maria brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, was Kell da gerade gesagt hatte.

»Woher wissen Sie, wie unser Kind heißt?«

Er wandte sich an Christophe, der gerade die Erfolgsaussichten eines gezielten Faustschlags abzuwägen schien. »Was sind das für Bücher, die François Ihnen in seiner E-Mail aus Tunis versprochen hat? Hat er sich hier blicken lassen? Hat ›Uncle Frankie‹ nach seinem Patenkind gesehen?«

Delestre wollte sich erheben, doch Kell tat einen Schritt auf ihn zu und sagte: »Bleiben Sie, wo Sie sind.« Er stand wieder vor Yassin, die militärische Macht im Rücken, gierig auf Rache und Informationen, und musste sich zwingen, nicht zu weit zu gehen. »Ich möchte vermeiden, dass dieses Gespräch für irgendjemanden von uns zu schwierig wird. Mit anderen Worten: Ich kann mir zu jeder gewünschten Information Zugang verschaffen, und wenn Sie mit mir kooperieren, muss ich keine Gesetze brechen. Ich würde es mir gerne ersparen, tagelang Ihre Telefongespräche abzuhören oder den MI6-Stützpunkt in Paris zu beauftragen, Ihnen auf Schritt und Tritt durch Paris zu folgen, in Ihre Computer einzudringen, ein Auge auf Ihre Freunde zu haben. Aber ich würde das alles tun, denn ein paar Gesetzesbrüche ist das, was ich wissen will, allemal wert. Haben Sie verstanden?« Christophe sah verwirrt aus, wie ein schikaniertes Kind. »Ich will ehrlich mit Ihnen sein – das, was ich tun muss, kann ich auf die harte Tour tun, oder auf die sanfte, ohne Ihnen ein Härchen zu krümmen.«

»Versuchen Sie’s auf die sanfte Tour«, antwortete Maria mit leiser Stimme, und es schien, als hätte ihre persönliche Kapitulation dem Widerstand der Delestres ein Ende gesetzt.

»Dazu müssten Sie mir ein Foto von François zeigen«, sagte Kell. »Haben Sie eins?«

Er hatte das Gefühl, die Antwort auf seine Frage schon zu kennen, und es trog ihn nicht. Christophe richtete sich in seinem Sessel auf, schüttelte den Kopf und sagte: »Wir haben bei dem Brand alles verloren. Alle Alben, alle Fotos. Wir haben kein einziges Bild mehr von François.«

»Sicher.« Kell ging hinüber zum anderen Fenster und schaute auf die Rue Darwin hinaus. Dieselgestank wehte ihm entgegen. »Und online?«, fragte er. »Auf Twitter oder Facebook? Könnte ich da vielleicht fündig werden?«

Maria neigte den Kopf auf die Seite und schaute Kell verwundert an, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

»Christophe kommt nicht mehr rein in sein Facebook«, sagte sie. »Seit einem Monat funktioniert der Zugang nicht mehr.«

»Ich habe mit denen Kontakt aufgenommen«, fügte Christophe hinzu. Beide schauten sie Kell an, als sei er dafür verantwortlich. »Ich habe mein Passwort geändert, und einmal haben sie mich sogar reingelassen, aber alle meine Facebook-Freunde, meine Fotos, meine biografischen Informationen waren verschwunden.«

»Einfach gelöscht?«

»Einfach gelöscht. Dasselbe mit E-Mails, Dropbox, Flickr. Seit dem Brand funktioniert bei mir gar nichts mehr im Internet. Alles ist weg. Um mit Freunden zu kommunizieren, habe ich nichts mehr außer diesem E-Mail-Account.«

Draußen auf der Straße raste ein Motorrad vorbei, bremste vor der Kreuzung und knatterte die Rue des Saules hinauf.

»Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist?« Auch die Antwort meinte Kell bereits zu kennen: Ein Hackerangriff des DGSE auf den Wohnsitz der Delestres, mit dem alles ausgelöscht worden war, was ihre Verbindung zu François Malot dokumentierte. Und das Feuer hatte dem allen die Krone aufgesetzt; gut möglich, dass man sie aus dem Weg räumen wollte.

»Nein«, antwortete Maria und bat um die Erlaubnis, ins Kinderzimmer gehen und nach Kitty sehen zu dürfen. Kell breitete in großer Geste die Arme aus, als wollte er sagen: Aber ja. Es ist Ihr Haus. Sie können hier tun und lassen, was Sie wollen. Ein paar Augenblicke später kam sie zurück und hielt etwas hinter ihrem Rücken. Im ersten Augenblick dachte Kell an ein Messer, bis die Hand zum Vorschein kam und mit ihr eine Trinkflasche mit Milch.

»Erzählen Sie mir von dem Feuer«, sagte er. »Waren Sie zu Hause?«

Sie waren zu Hause gewesen. Ihre Wohnung im obersten Geschoss, nur ein paar Straßen von hier, war um zwei Uhr früh in Flammen aufgegangen. Der Hauswirt hatte später von einer defekten elektrischen Leitung gesprochen. Sie hatten von Glück sagen können, mit dem Leben davongekommen zu sein. Wäre die Feuerwehr nicht in Windeseile zur Stelle gewesen, sagte Maria, wäre Kitty wahrscheinlich erstickt.

»Und Sie kennen auch sonst niemanden, der ein Foto von François haben könnte? Einen Onkel? Eine Tante? Eine Exfreundin?«

Christophe schüttelte den Kopf. »François ist ein Einzelgänger«, sagte er.

»Er hat keine Freunde«, fügte Maria hinzu, als hegte sie schon lange diesen Verdacht. »Auch keine Mädchen. Warum fragen Sie ständig nach Fotos? Was hat das zu bedeuten?«

Sie hatte sich inzwischen auf der Lehne des Sessels niedergelassen, in dem ihr Mann saß, und er hielt ihre Hand in seiner. Kell öffnete das andere Fenster und machte es sich in dem Sessel bequem, den Maria frei gemacht hatte. Das Licht draußen war schwächer geworden. Auf der Straße spielten Kinder.

»Wann haben Sie zum letzten Mal von ihm gehört? Sie sagen etwas von E-Mails, die Sie erhalten haben.«

»Hört sich fast so an, als hätten Sie sie längst gelesen.« Christophes rasche Antwort klang nicht boshaft. Die frische Luft von der Straße schien alles böse Blut zwischen ihnen reingewaschen zu haben.

Kell nickte. »Der MI6 hat eine E-Mail abgefangen, die François vor drei Tagen an Ihre dugarrylemec-Adresse gesendet hat. Wir nehmen die Sache sehr ernst. Die E-Mail wurde in Tunis abgeschickt. Auf diese Weise habe ich von Kitty, Uncle Frankie und den Büchern erfahren. Was hat er Ihnen sonst noch erzählt?«

Die Frage schien eine Tür in Christophes Kopf zu öffnen. Er zog die Stirn in Falten, als grübelte er über etwas nach.

»Er hat mir eine Menge Dinge erzählt«, sagte er, seine sanften Augen fast betrübt vor Ratlosigkeit. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Manches davon beunruhigt mich. Manches, was er uns geschrieben hat, ergibt für mich einfach keinen Sinn.«

45

Alles sprudelte jetzt hervor, und später wurde dank eines DGSE-Analysten, der sechs Tage danach seinen wöchentlichen Check der Mikrofone in Delestres Wohnung durchführte und dabei auf das Gespräch mit Thomas Kell stieß, ein Transskript daraus.

Die Aufnahmequalität wurde als extrem hoch eingestuft.

CHRISTOPHE DELESTRE (CD): Er hat mir eine Menge Dinge erzählt. Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Manches davon beunruhigt mich. Manches von dem, was er geschrieben hat, ergibt für mich einfach keinen Sinn.

THOMAS KELL (TK): Erzählen Sie.

CD: Ich kenne Frankie sehr gut, verstehen Sie? Es ist nicht seine Art, einfach so zu verschwinden und ein neues Leben anzufangen, trotz all der Dinge, die ihm zugestoßen sind.

TK: Wie meinen Sie das, »ein neues Leben anzufangen«?

MARIA DELESTRE (MD): In den anderen E-Mails hat er davon erzählt, dass er ganz aus Paris weggehen will, und wie sehr ihn das mitgenommen hat, was in Ägypten passiert ist, und dass er nicht weiß, wann er wieder nach Hause kommt …

CD: Das Seltsame daran ist, dass Frankie seinen Eltern gar nicht besonders nahegestanden hat. Er ist adoptiert worden, haben Sie das gewusst?

TK: Das habe ich gewusst.

CD: Aber jetzt hat man den Eindruck, dass er morgens nicht mehr aus dem Bett kommt. Er redet nicht mehr mit mir, er geht nicht zur Arbeit …

TK: Was heißt das, er redet nicht mehr mit Ihnen?

CD: Ich kriege ihn nicht ans Telefon.

MD: (Unverständlich)

TK: Er geht nicht ans Telefon?

CD: Nein. Und er reagiert auch nicht auf meine Nachrichten. Wir haben so viel miteinander gesprochen, ich bin wie ein Bruder für ihn. Jetzt gibt es nur noch SMS …

TK: Textnachrichten.

CD: Genau, dabei war das nie seine Art. Er kann Textnachrichten nicht ausstehen. Jetzt kriege ich drei oder vier täglich.

TK: Darf ich die mal sehen? (Geräusche von Bewegung)

MD: (Unverständlich)

CD: Hier. Klicken Sie sich einfach durch.

MD: Sie können das nicht wissen, aber sie klingen überhaupt nicht nach ihm. Und was steht drin? »Ein neues Leben anfangen«? »Die Nase voll von Frankreich«? »Zu viele Erinnerungen«? Alles (Kraftausdruck). Frankie ist nicht sentimental. Es ist beinahe so, als hätte er sich einer Sekte oder so etwas angeschlossen, oder als hätte ihm ein Therapeut eingeflüstert, solche Dinge zu schreiben, um ihn von seinen alten Freunden wegzubringen.

TK: Schmerz kann Menschen sehr verändern.

CD: Aber (Verkehrslärm. Unverständlich)

TK: (Immer noch Verkehrslärm. Unverständlich) Wie war er bei der Beerdigung?

MD: Es war so, wie man befürchten musste. Schrecklich. Er war sehr tapfer, aber auch sehr mitgenommen. Wie wir alle. Es war auf dem Père Lachaise, sehr förmlich, nur enge Freunde und Angehörige waren eingeladen.

TK: Père Lachaise?

CD: Ja. Das ist ein Friedhof, ungefähr eine halbe Stunde …

TK: Ich weiß, wo das ist.

CD: (Unverständlich)

TK: In welchem Arrondissement ist das?

MD: Was?

CD: Der Père Lachaise? Im zwanzigsten, oder?

TK: Nicht im vierzehnten?

CD: Was?

TK: Sie sind sicher, dass das Begräbnis im zwanzigsten Arrondissement stattgefunden hat? Nicht in Montparnasse?

CD (und MD): Ja.

TK: Können Sie mir das Datum sagen?

CD: Sicher. Es war ein Freitag. Der 20. oder der 21., glaube ich.

46

Dass für Jeannine und Philippe Malot zwei Begräbnisse organisiert worden waren, bestätigte Kell in seiner Vermutung, dass Amelia Opfer eines ausgetüftelten Coups des DGSE geworden war. Die E-Mails, die Christophe von François erhalten hatte – »Frankie ist nicht so gefühlsduselig, das liest sich ja, als wäre er einer Sekte oder so etwas beigetreten« –, waren aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Agenten geschrieben worden. Kell zahlte die Rechnung im Hotel und bereitete sich auf den Rückflug nach London vor, wo er Amelia die elende Wahrheit über das erzählen musste, was man mit ihr gemacht hatte.

Am Anfang seiner Karriere war das Heimkommen für Kell immer wie ein leichter Rausch gewesen. Ob er nun von einem Treffen in Wien oder Bonn oder einer längeren Auslandsoperation zurückgekehrt war, jedes Mal hatte er in einem leicht gehobenen Gefühl eigener Bedeutung britischen Boden betreten. Bei der Einreise über Heathrow oder Gatwick war er sich im Gewühl der geringeren Sterblichen wie ein überlegenes Wesen vorgekommen, wenn er im geheimen Dienst Ihrer Majestät nahezu unsichtbar durch die Passkontrolle schlüpfen durfte. Diese Art Hybris gehörte schon lange nicht mehr zu Kells mentalem Repertoire, er fühlte sich nicht mehr gesalbt oder mit dem Status des Besonderen ausgestattet, bestenfalls erlebte er sich als anders. Gegen Ende seiner Zeit beim MI6 hatte er seine Altersgenossen um ihr unkompliziertes Leben beneidet und sich vorgestellt, wie es sich anfühlte, ein Leben ohne Lügen und Verstellung führen zu dürfen, eine Existenz frei von den Hintergedanken und Zweifeln, die ihm in seinem Beruf zur zweiten Natur geworden waren. Kell war wegen seines Charmes, seiner Cleverness rekrutiert worden, das wusste er. Seine Vorstellungskraft und seine Begabung zur Täuschung hatten ihm den Weg nach oben geebnet. Aber die unablässigen Anforderungen der Arbeit, die Notwendigkeit, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein, gar nicht zu reden von den wachsenden bürokratischen Belastungen des Agentendaseins in der Zeit nach 9/11, gingen an die Substanz. Manchmal fragte er sich, ob es nicht ein Segen war, was ihm in Kabul widerfahren war. Der Skandal hatte es ihm erspart, selber den Absprung zu wagen. In dieser Hinsicht unterschied sich ein 42-jähriger Spion nicht von einem 42-jährigen Chefbuchhalter. Jeder Mann kommt irgendwann im Leben an den Punkt, an dem es gilt, etwas zu verändern, ein Zeichen in die Landschaft zu setzen, ein erkleckliches Sümmchen Geld auf die Seite zu schaffen, bevor es zu spät dazu ist. Deshalb kauft sich ein Chefkoch ein eigenes Restaurant, legt ein Banker seinen eigenen Hedgefonds auf. Und der Spion? Die Drop-out-Rate unter den MI6-Agenten jenseits der 45 war so alarmierend wie unaufhaltsam. Nur die Besten der Besten blieben dabei, die Amelias, die sich Hoffnung auf den Chefposten machen durften – alle anderen wurden des Spiels zusehends überdrüssiger und verlagerten ihre Energien auf privatere Bereiche, suchten sich lukrative Jobs in der Finanzwirtschaft oder der Ölbranche, oder sie öffneten ihre Adressbücher dankbaren Direktoren kleiner, aber feiner Wirtschaftsspionage-Unternehmen, die ihre Dienste gegen horrende Honorare an die Oligarchen und Plutokraten dieser Welt verkauften.

Und trotzdem überkam ihn jetzt, als er in Heathrow in der Schlange für den Paddington Express stand, ein Gedanke, der ihn schon während seiner Reise durch Tunesien und Frankreich gequält hatte: Davor habe ich nur meine Zeit verschwendet. Ein Buch schreiben, eine Firma aufmachen – wie hatte er sich so in die eigene Tasche lügen können? In einer Welt nach dem MI6 funktionierte er so wenig, wie er sich vorstellen konnte, in diesem Leben noch Vater zu werden. Er unterschied sich in gar nichts von den grauen, institutionalisierten Männern, die an seiner Schule Französisch oder Mathematik unterrichtet hatten und ihren Beruf auch noch nach fünfundzwanzig Jahren auf dieselbe Art und Weise am selben Ort ausübten. Ein Entrinnen gab es nicht.

Er hatte Amelia aus einer Telefonzelle der France Telecom im Gare du Nord angerufen und dazu die in Marseille erstandene Télécarte benutzt.

»Tom! Wie schön, deine Stimme zu hören.«

Er hatte sie in ihrem Büro in Vauxhall Cross erreicht und das Gespräch möglichst knapp gehalten, weil man nicht wissen konnte, wer alles mithörte.

»Ich muss dich sprechen«, sagte er. »Hast du heute Abend Zeit?«

»Heute Abend? Das ist etwas kurzfristig.« Er kam sich vor wie einer, der ein Date mit einem Mädchen machen wollte, das ein halbes Dutzend bessere Angebote hatte. »Giles hat Karten für das National Theatre.«

»Kann er nicht allein gehen?«

Amelia war Kells Ungeduld nicht entgangen, es musste mehr dahinterstecken als ein kindischer Wunsch, seinen Kopf durchzusetzen.

»Warum, ist was passiert? Geht es um Claire? Alles in Ordnung?«

Kell hatte durch die Scheibe in den Trubel des Gare du Nord geschaut und sich einen kurzen Moment des Nachdenkens gegönnt. Nein, mit Claire war gar nichts in Ordnung. Die setzt mir gerade Hörner auf. Sitzt in Napa und trinkt Pinot noir mit Dick dem Dauerständer. Er hätte sich liebend gerne stundenlang mit Amelia über seine Ehe unterhalten.

»Nicht um Claire«, sagte er. »Auf der Baustelle ist alles beim Alten. Es geht um den Job. Berufliches.«

Amelia verstand es falsch. »Tom, über Yassin kann ich frühestens nächste Woche mit dir reden, wenn ich im Amt bin. Dann setzen wir uns zusammen und überlegen uns, wie wir dich …«

»Es geht auch nicht um Yassin. Kabul ist ganz weit weg im Moment.« Ihm fiel ein, dass er ihr noch nicht zur Beförderung gratuliert hatte. Es würde sich noch eine Gelegenheit finden. »Es geht um dich. Wir müssen uns treffen, und zwar noch heute Abend.«

»Gut.« Plötzlich schwang Feindseligkeit in ihrer Stimme mit. Wie die meisten ehrgeizigen und erfolgreichen Menschen in Kells Umgebung ließ Amelia sich ungern herumkommandieren. »Schlag einen Treffpunkt vor.«

Kell hätte sich gerne unter freiem Himmel mit ihr verabredet, aber der Abend versprach kühl zu werden. Er brauchte einen Ort, wo man ein langes Gespräch führen konnte, ohne Angst haben zu müssen, abgehört zu werden. Amelias Haus und seine Junggesellenbude kamen nicht infrage, weil beide Orte von interessierter Seite verwanzt worden sein konnten. Und in den Privatclubs in der Pall Mall, zu denen er Zugang hatte, waren Frauen womöglich gar nicht zugelassen. Sie hätten natürlich auch ein Zimmer in einem Londoner Hotel buchen können, aber was hätte das für ein Licht auf Kells Absichten geworfen? Schließlich schlug sie ein Büro in Bayswater vor, für das der MI6 einen Schlüssel hatte.

»Es ist gleich hinter Whiteley’s Einkaufszentrum«, sagte sie. »Wir nutzen es hin und wieder. Nach sechs ist außer ein paar Reinmachefrauen niemand mehr im Haus. Ist das okay?«

»Das ist okay.«

Sie kam zu Fuß, war pünktlich und trug ihre gewohnte Arbeitskleidung: einen Rock mit passender Kostümjacke, cremefarbene Bluse, schwarze Schuhe und eine schlichte Goldkette um den Hals. Kell war direkt von Paddington gekommen und erwartete sie vor dem Haus am Redan Place, Reisetasche und Umhängetasche hatte er hinter sich auf die Treppe gestellt.

»Willst du verreisen?«, fragte Amelia und küsste ihn auf beide Wangen.

»Ich bin gerade von einer Reise zurück«, antwortete er.

47

Das Büro war im vierten Stock. Beim Eintreten löste Amelia einen Alarm aus; zum Glück kannte sie den Code und tippte ihn schnell ein. Kell folgte ihr, als sie eine lange Zeile Deckenlampen einschaltete, die ihr Licht über Reihen von Computern auf Schreibtischen in einem Großraumbüro warfen, das sich bis zu einer Art Küche am hinteren Ende erstreckte. Die Tische waren übersät mit Magazinen, Prospekten und Headsets, halbgeleerte Tee-und Kaffeebecher standen noch überall herum. Auf endlosen Reihen von Ständern entlang der rechten Wand hingen wie im Backstage-Chaos einer Modenschau in Plastik gehüllte Kleider und Kostüme.

»Was ist das für ein Laden?«, wollte Kell wissen.

»Ein Versandhaus.« Amelia ging zum hinteren Ende des Raums und ließ sich mitten auf einem niedrigen roten Sofa neben dem Eingang zur Küche nieder. Kell schloss hinter sich die Tür, stellte sein Reisegepäck auf dem Boden ab und folgte ihr.

»Und?«, fragte sie, als er einen Blick in die Küche warf. »Was hast du mit deinem Gesicht gemacht?«

»Bin verprügelt worden. Ein Überfall.«

»Du liebe Güte. Wo denn?«

»In Marseille.«

Amelia stutzte über den Zufall, für den Bruchteil einer Sekunde verschattete sich ihr Gesicht, aber die Besorgnis war schnell überspielt: »Du Armer.« Sie harrte weiterer Ausführungen Kells. Da es für ihn keinen so bequemen Sitzplatz gab wie für sie, ging er auf und ab und wusste nicht recht, wo er beginnen sollte. Eine solche Wirkung hatte Amelia von Anfang an auf ihn gehabt; in ihrer Gegenwart kam er sich nervös, unreif vor wie ein Zwanzigjähriger.

»Die Geschichte, die ich dir jetzt erzählen will, ist ein bisschen kompliziert«, sagte er.

»War das schon mal anders?«

»Bitte.« Kell fühlte sich so unsicher, dass er Amelia ermahnen musste, ihn nicht zu unterbrechen. »Ich erzähle dir jetzt nur das, was ich weiß. Die Tatsachen.«

»Über den Überfall?«

Er schüttelte den Kopf. Sie hatte sich die Schuhe von den Füßen geschüttelt, dehnte das Gewebe der Strumpfhose über ihren lackierten Zehennägeln. Ihm war klar, wie fasziniert er sie beobachtete.

»Wenn du die Zeit hattest, über das alles nachzudenken, wirst du hoffentlich verstehen, dass ich auf deiner Seite bin und das alles nur tue, um dich zu schützen.«

»Um Himmels willen, Tom, spuck’s aus.«

Er sah sie an und dachte, wie glücklich sie am Swimmingpool ausgesehen hatte, bemüht um François, entspannt, unvorsichtig. Wie gerne hätte er ihr das alles gelassen.

»Deine Reise nach Frankreich hat ein paar Alarmsirenen ausgelöst.«

»Was?«

»Bitte.« Kell hob die Hände zum Zeichen, dass er alles zu seiner Zeit erklären würde. »Simon und George sind nervös geworden. Sie konnten nicht verstehen, dass du so kurzfristig Urlaub genommen hast. Deshalb haben sie dich in Nizza beobachten lassen.«

»Woher weißt du das?«

Er staunte über die Beiläufigkeit ihrer Frage, als hätte sie sich lediglich nach einem winzigen Detail erkundigt. Wahrscheinlich war sie ihm längst ein paar Schritte voraus, kannte bereits die Antworten auf das Problem und schätzte die möglichen Folgen ab.

»Jimmy Marquand hat mich angeheuert, um nach dir zu suchen.« Kell beobachtete Amelias Gesicht.

»Aha.«

»Hör zu.« Er hatte sich auf der Kante eines großen Tisches niedergelassen, erhob sich aber wieder und trat vor das Sofa. Nirgends ein gemütlicher Platz für ihn. »Langer Rede kurzer Sinn, ich habe mir deinen Mietwagenschlüssel aus dem Safe deines Zimmers im Gillespie …«

»Himmel!« Damit hatte sie nicht gerechnet. Amelia starrte zu Boden. Kell hörte sich sagen: »Tut mir leid«, und kam sich wie ein Idiot vor. »Ich hab dein Blackberry gefunden, bin ein paar Anrufen nachgegangen …«

»… und bist mir nach Tunis gefolgt, ja, hab schon verstanden.« Die Feindseligkeit im Ton war nicht mehr zu überhören.

»Der Mann, mit dem du in Tunis zusammen warst«, sagte er, um Amelias Ungemach nicht unnötig zu verlängern, »ist nicht der, für den du ihn hältst.«

Sie hob den Blick und schaute, als wäre er ihr direkt auf die Seele getrampelt. »Und was glaubst du, wer er ist, Tom?«

»Er ist nicht dein Sohn.«

Vor fünf Jahren hatte Kell zusammen mit Amelia Levene in einem Kommandoraum in der Provinz Helmand gesessen, als die Nachricht hereinkam, dass zwei MI6-Offiziere und ihre fünf amerikanischen Kollegen in Najaf Opfer eines Selbstmordattentäters geworden waren. Einer der Männer im Raum – nach wie vor eine führende Persönlichkeit beim britischen Geheimdienst – war schluchzend zusammengebrochen. Kell musste seinem Pendant bei der CIA auf einem Korridor, der von kopflosen Marines wimmelte, eine Viertelstunde lang Trost zusprechen. Nur Amelia war äußerlich keine Gefühlsregung anzumerken gewesen. Jeder Krieg hat seinen Preis, sagte sie später. Fast als Einzige unter allen Kollegen hatte sie vorbehaltlos hinter der Invasion des Irak gestanden und war stinksauer auf die linken Gutmenschen auf beiden Seiten des Atlantik gewesen, die den Irak um jeden Preis in den Händen eines völkermordenden Geisteskranken lassen wollten. Amelia war Realistin. Sie lebte nicht in der simplen Schwarzweißwelt des Rechts und offensichtlichen Unrechts. Für sie war klar, dass guten Menschen übel mitgespielt wurde und einem nichts anderes übrig blieb, als an seinen Prinzipien festzuhalten.

Deshalb überraschte es Kell nicht, als sie ihn jetzt mit fast schon penetranter Nonchalance anschaute und sagte: »Ach, ist das wahr?«

Er wusste, wie sie tickte. Sie würde ihm gegenüber um jeden Preis die Contenance wahren wollen.

»Ich habe seinen engsten Freund in Paris ausfindig gemacht«, sagte Kell. »Einen Mann namens Christophe Delestre. Es gab zwei Beisetzungen. Philippe und Jeannine Malot wurden am 22. Juli auf dem Friedhof Père Lachaise eingeäschert. Dieses Begräbnis ist inzwischen aus den öffentlichen Unterlagen gelöscht worden, mit größter Wahrscheinlichkeit von Mitarbeitern des DGSE. Du warst am 26. Juli auf einem ähnlich intimen Begräbnis in einem Krematorium im 14. Arrondissement. Ist das richtig?«

Amelia nickte.

»Hat dieser Mann eine Grabrede gehalten?«

Er zeigte Amelia auf seinem Handy eins der Fotos von Delestre, die er in Montmartre gemacht hatte.

»Das ist Delestre?«

»Ja.«

»Ich habe den Mann noch nie gesehen. Es gab keine Grabrede. Nur eine Bibellesung, etwas …« Ihre Stimme verebbte, als ihr klar wurde, was passiert war. »Die Trauerfeier war ein Schwindel.«

Kell nickte. Er brachte Amelia nicht gerne in diese Lage, aber was blieb ihm anderes übrig? »Am Ende meines Gesprächs mit Delestre und seiner Frau habe ich ihnen ein Foto von François gezeigt, auf dem er im Valencia Carthage am Rand des Pools liegt. Sie haben ihn nicht wiedererkannt. Eine gewisse Ähnlichkeit im Körperbau, mehr nicht, haben sie gesagt. Sie hatten den Mann noch nie gesehen.«

Amelia erhob sich vom Sofa, als müsste sie von sich abschütteln, was Kell ihr erzählte. Sie ging in die Küche und drehte den Wasserhahn auf. Als sie zurückkam, hatte sie zwei Pappbecher in der Hand. Einen davon reichte sie Kell. Da sie nicht die Absicht zu haben schien, etwas zu sagen, fügte Kell die beiden letzten Punkte seiner Theorie hinzu, formulierte sie so vorsichtig, wie es ihm möglich war.

»Ich halte es für wahrscheinlich, dass Paris irgendwann im Lauf der letzten Jahre von François erfahren hat, den Mord an Jeannine und Philippe Malot arrangiert und dir einen Agenten geschickt hat, den du für François halten musstest, weil es keinen Grund gab, daran zu zweifeln.«

Amelia trank einen Schluck Wasser. Eine Frage drängte sich jetzt geradezu auf, aber sie schien es kaum über sich zu bringen, sie zu stellen.

»Und was ist mit François?«, sagte sie schließlich. »Was ist mit meinem Sohn?«

Kell hätte sie jetzt gern in die Arme genommen. Während ihrer ganzen langen Bekanntschaft war er sorgsam darauf bedacht gewesen, seine Gefühle für Amelia in ihrer beruflichen Beziehung unterzubringen. Diese Disziplin benötigte er jetzt. »Wir wissen nicht, was sie mit ihm gemacht haben. Die E-Mails und Textnachrichten, die Delestre erhalten hat, lassen darauf schließen, dass François noch am Leben ist. Es gibt starke Hinweise darauf, dass der DGSE ihn gefangen hält, möglicherweise in einem sicheren Haus im Languedoc …«

Plötzlich klingelte am hinteren Ende der Büroetage ein Lift, und man hörte das entfernte Aufklappen der Türen. Als Kell den Blick hob, sah er einen lateinamerikanisch aussehenden Mann mittleren Alters, der einen Staubsauger hinter sich herzog, auf den Absatz heraustreten. Als der Mann auf das Großraumbüro zukam, sah Kell, dass er einen Schlüsselbund in der Hand hielt und im Begriff war, die Tür zu öffnen.

»Was wollen Sie hier?«, rief er.

»Das ist einer vom Reinigungstrupp«, sagte Amelia.

Mit einer gelassenen Handbewegung deutete der Mann hinter der Glastür an, dass er wiederkommen würde, sobald das Büro leer war. Kell kam zurück zum Sofa.

»Gefangen?«, fragte Amelia. Kell sah ihr an, welche Mühe es sie kostete, ihre Verzweiflung zu kaschieren.

»Scheint mir die plausibelste Vermutung zu sein«, antwortete er, aber mehr konnte er dazu nicht sagen. Sein Kopf war wie ausgeleert. Er hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt, was François’ Aufenthaltsort betraf, außer der Tatsache, dass der Mann, der seine Rolle gespielt hatte, von einem Marseiller Taxifahrer am Rand eines Dorfes südlich von Castelnaudary abgesetzt worden war. Amelia zog ihre Schuhe an, die lackierten Zehennägel waren wieder verschwunden.

»Sicher eine interessante Theorie«, sagte sie. Kell wusste immer noch nicht, was er sagen oder tun sollte. Amelia beugte sich vor und schnipste sich einen Staubfussel von der Strumpfhose. »Aber sie lässt eine Frage offen, oder?«

»Nicht nur eine«, erwiderte Kell. Er hatte den Eindruck, dass sie gehen wollte.

»Die nach dem Warum, zum Beispiel.«

»Warum du?«, fragte er. »Oder warum François?«

Amelia warf ihm einen verächtlichen Seitenblick zu. »Nein, das nicht.« Kell war kurz beleidigt. »Warum setzen die eine solche Operation in Szene?, meine ich. Warum lassen die zwei unschuldige Zivilisten ermorden? Leise Morde auf fremdem Territorium sind dem Service Action weiß Gott nicht fremd, aber haben Philippe und Jeannine irgendjemandem irgendetwas zuleide getan? Warum sollte der DGSE schon wieder ein Vabanquespiel in der Größenordnung der Rainbow Warrior riskieren? Um mich zu demütigen?«

»Hast du schon mal von einem DGSE-Agenten mit dem Decknamen Benedict Voltaire gehört?«, fragte Kell.

Amelia schüttelte den Kopf.

»Hochgewachsen, Mitte fünfzig, raucht filterlose Zigarette. Eine nach der anderen. Ein sarkastischer kleiner Macho.«

»Das trifft so ziemlich auf jeden Franzosen zu, den ich kenne.«

Kell war zu angespannt, um zu lachen. »Schwarzgefärbtes Haar«, sagte er. »Sein richtiger Name könnte Luc lauten.«

Amelia zuckte zusammen. »Luc?«

Kell ging einen Schritt auf sie zu. »Kennst du ihn vielleicht?«

Doch Amelia, misstrauisch gegen Zufälle jeglicher Art, schien schon von der Möglichkeit abzurücken. »In ihrem Dienst wimmelt es von diesen Lucs. Im Vorlauf zu Irak hatte ich mit einem Mann zu tun, auf den die Beschreibung passen könnte, aber wir sollten uns vor voreiligen Schlüssen hüten.«

»Was hattest du mit ihm zu tun?« Kell war sich nicht sicher, ob es eine Anspielung auf eine private oder berufliche Beziehung war. Amelias Antwort ließ nicht auf sich warten.

»Erinnerst du dich, dass wir von 2002 bis Anfang 2003 einen ziemlich aggressiven Angriff auf das französische UN-Team gefahren haben, nachdem Blair und Bush von Chirac die kalte Schulter gezeigt worden war?« Kell hatte damals geahnt, dass so etwas lief, aber die Aktionen waren so geheim durchgeführt worden, dass ihm nichts davon zu Ohren gekommen war. »Zur selben Zeit konnte ich im Elysée-Palast eine Informantin rekrutieren.«

»Du persönlich?«

»Ich höchstpersönlich. Sie bekam den Namen DENEUVE.«

Kell war beeindruckt. Mit solchen Coups hatte Amelia Levene sich ihren Namen gemacht.

»Und Luc ist dir auf die Schliche gekommen? Ist das der Grund für die Verwicklung?«

Amelia stand auf und ging langsam, wie eine Kundin im Schuhladen, die den Sitz eines Paars Schuhe ausprobiert, hinüber zur Wand. Mehrere Sekunden verstrichen, bevor sie Kells Frage beantwortete.

»Wir hatten immer den Verdacht gehabt, dass auf DENEUVE kein Verlass war, aber wir standen unter Zeitdruck und waren auf jede Information über Chiracs Leute angewiesen. Als die Invasion begann, kühlte die Beziehung zu DENEUVE sehr schnell ab. Wir erfuhren, dass sie innerhalb weniger Wochen ihren Job verloren hatte. Wenn es sich bei deinem Luc um diesen Luc Javeau handelt, dann war er damals der DGSE-Offizier, der das von DENEUVE gerissene Leck stopfen sollte. Wir vermuten, dass sie mich als ihren Verbindungsoffizier zum MI6 genannt hat, um ihre Haut zu retten. Javeau hat mich persönlich angerufen und mich davor gewarnt, weiter französische Kontakte zu rekrutieren.«

»Muss ein interessantes Gespräch gewesen sein.«

»Es hatte jedenfalls keine erfreulichen Folgen. Ich bestritt, etwas davon zu wissen, aber Javeau blies trotzdem zur Jagd auf Londoner Ziele.«

Kell trat näher an sie heran. »Das heißt, du schließt nicht aus, dass es sich um einen Racheakt handeln könnte?«

Amelia war zu klug und erfahren, um die Malot-Operation ohne weitere Beweise auf einen Akt der Vergeltung zu reduzieren.

»Was hättest du noch anzubieten?«, fragte sie.

»Afrika«, schlug Kell vor.

»Afrika?«

Seit Paris trug Kell diese Theorie im Kopf mit sich herum. »Arabischer Frühling. Die Franzosen wissen, dass Amelia Levene ein stärkeres britisches Engagement in dieser Region favorisiert. Sie wissen, dass du das Ohr des Premierministers hast. Entweder wollen sie dich erpressen, damit du die Finger von Libyen und Ägypten lässt, oder sie wollten dich einfach bloßstellen, als François unter die Lupe genommen wurde. Paris betrachtet den Maghreb als sein Revier. Sie haben im französischsprachigen Westafrika bereits viel Einfluss an die Chinesen verloren. Was sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen können, ist eine MI6-Chefin, die ihnen noch mehr von ihrem Einfluss rauben will.«

Amelia blickte quer durchs Büro auf einen der geschlossenen Fensterläden der Queensway-Front. »Sie entledigen sich meiner, Truscott übernimmt, und unsere Moskaufreunde kehren zurück zu ihrer Prä-9/11-Mentalität?«

»Ganz genau.« Kell begann sich für das Thema zu erwärmen. »Zurückhaltung in Libyen, Ägypten und – wenn es dort losgeht – Algerien. Keine nachhaltigen Strategien für China oder Indien, zwei Agenten und ein Hund in Brasilien, ansonsten Washington noch mehr in den Arsch kriechen und den Status quo des Kalten Krieges bewahren. Es ist kein Zufall, dass sie die Operation direkt nach deiner Ernennung gestartet haben. Der DGSE weiß vielleicht schon seit Jahren von François, aber sie handeln erst jetzt. Und was lernen wir daraus? Dass sie wissen, dass François’ Existenz, effektiv genutzt, das Potential hat, dich zu kompromittieren. Sie richten den Scheinwerfer auf François, und mit deiner Karriere wäre es vorbei.«

»Mit meiner Karriere ist es vorbei, Tom.«

Dieser Defätismus war untypisch für sie.

»Nicht unbedingt.« Eine der Neonröhren über Kells Kopf begann zu flackern. Er langte hinauf und drehte die Röhre so weit, dass sie ganz erlosch. »Außer mir weiß niemand davon.«

Amelia sah ihn fassungslos an. »Du hast Marquand nichts davon erzählt?«

»Er glaubt an ein Liebeswochenende in Tunis. François hält er für eine deiner Bettgeschichten. Das denken sie alle. Nichts weiter als einer von Amelias kleinen Seitensprüngen.«

Amelia zuckte zusammen, und er wusste, dass er zu weit gegangen war. Männerheuchelei in vollendeter Form. Amelia trank einen Schluck Wasser, verzieh ihm mit einem Blick, und Kell führte das Thema weiter aus.

»Wir haben verschiedene Optionen«, sagte er, weil ihm klar geworden war – nicht zum ersten Mal –, dass er seine Karriere retten konnte, wenn er ihre rettete.

Amelia suchte seinen Blick. »Klär mich auf.«

Kell ordnete seine Gedanken. »Wir kaufen uns den DGSE«, sagte er. »Wir kaufen uns den Mann, der sich für Malot ausgibt. Einen passenden Namen haben wir schon. CUCKOO. Das Kuckucksei in deinem Nest.« Kell trank seinen Wasserbecher leer und stellte ihn auf den Tisch. »Du lädtst ihn übers Wochenende zu dir nach Chalke Bisset ein, Vertrauensbildung zwischen Mutter und Sohn. Wir stellen ein Team zusammen, zapfen sein Handy und sein Notebook an, finden heraus, wer hinter der Operation steckt, und er führt uns zu den Leuten, die deinen Sohn festhalten.«

»Du glaubst tatsächlich, dass François noch am Leben ist?«

»Sicher. Denk mal nach. Sie haben von Anfang an gewusst, dass er ihre Versicherung ist. Für den Fall, dass ihre Operation auffliegen sollte, haben sie immer noch François. Die werden den Teufel tun und jemanden töten, der noch Gold für sie wert sein kann.«

48

Er fürchtete sich nicht vorm Sterben, aber er fürchtete sich vor Slimane Nassah.

Er ertrug das Warten, er ertrug den Verlust der Privatsphäre, doch vor Slimane fürchtete sich François, weil er als Einziger von ihnen total unberechenbar war.

Der Ton war beinahe vom ersten Moment an gesetzt worden, kurz nachdem sie aus Paris losgefahren waren. Luc und Valérie waren distanziert geblieben, hatten ihm nicht in die Augen gesehen. Akim mit seinem sanften, unschuldigen Blick hatte den guten Bullen gespielt – aber Slimane hatte keine Gelegenheit ausgelassen, François unter die Haut zu kriechen, nach seinen Schwächen zu suchen, ihn mit Drohungen und Beleidigungen zu quälen. Am schlimmsten war es, wenn sie allein im Haus waren. Schon am dritten Tag – Akim war einkaufen gefahren, Luc und Valérie gingen im Garten spazieren – kam Slimane in seine Zelle, warf die Tür hinter sich zu und machte François ein Zeichen, dass er still sein sollte, drückte ihm die Nase so fest zu, dass François nur noch durch den offenen Mund Luft bekam, stopfte ihm eine Art Taschentuch hinein, und Benzingeschmack breitete sich in seinem Rachen aus. Er bekam panische Angst, Slimane könnte ein Streichholz an den Lappen halten und ihm das Gesicht wegbrennen. Als Slimane ihn an Händen und Füßen fesselte, versuchte François, sich frei zu strampeln. Er rollte sich über die Bettkante, rappelte sich hoch, schlurfte durch die Zelle und kippte vornüber auf den kalten Boden. Slimane hatte die Zellentür geöffnet, war hinausgegangen und kam mit einem Messer zurück, dessen Klinge er über dem Gasherd in der Küche erhitzt hatte. Lächelnd fasste er François unter beiden Armen und setzte ihn aufrecht aufs Bett. Dann zeichnete er ihm mit dem verkohlten Stahl schwarze Kreise um die Augen, über dem linken Auge öffnete die heiße Messerspitze einen Schnitt, Tränen liefen François über die Wange, und Slimane amüsierte sich königlich darüber, seinen Gefangenen »wie ein Weib flennen« zu sehen. Nach ein paar Augenblicken zog Slimane ihm den Knebel wieder aus dem Mund, band ihm Hände und Füße los, verschwand durch die Tür, verriegelte sie von außen und spielte auf dem iPod im Wohnzimmer einen arabischen Rap – und ein Hauch von Marihuanarauch wehte in François’ Zelle.

François hatte sich immer für einen mutigen, nicht so leicht aus der Fassung zu bringenden Menschen gehalten. Als er vierzehn war, hatten seine Eltern ihm eröffnet, dass er adoptiert war, leiblicher Sohn einer jungen Engländerin, die sich nicht in der Lage gesehen hatte, für ihn zu sorgen. Und so war François mit der Vorstellung aufgewachsen, ungeliebt zu sein, keinen richtigen Platz im Leben zu haben; sosehr Philippe und Jeannine ihn auch vergötterten – er hätte sich keine besseren Eltern vorstellen können –, konnten sie ihn doch unmöglich so geliebt haben wie seine leibliche Mutter. Dies hatte bei ihm zu einer gewissen Sturheit geführt, gepaart mit einem tiefen Misstrauen gegen die Menschen. Die panische Furcht, verletzt und verlassen zu werden, hatte ihn zu Freunden und Kollegen – mit ein, zwei Ausnahmen – auf emotionale Distanz gehen lassen. Er war ein ehrlicher Mensch, und dafür wurde er gemocht von denen, die ihn kannten, und die meiste Zeit war dieses selbst gewählte Einzelgängertum ihm ganz gut bekommen. François war von Job zu Job, von Ort zu Ort gezogen, hatte nirgends Wurzeln geschlagen, zu niemandem eine längere Beziehung aufgebaut. Und nun war es das Schlimmste für ihn, dass Slimane instinktiv vieles von alldem spürte. Es war weniger die Angst, allein zu sein, vor der es François graute, als vielmehr das Wissen, dass Slimane ihn, wann immer er wollte, mit dem Betriebsunfall seiner Geburt quälen konnte.

»Vergiss nicht«, hatte er ihm eines Nachts hinter der Zellentür zugeflüstert, »deiner eigenen Mutter bist du so zuwider gewesen, dass sie dich, ohne mit der Wimper zu zucken, deinem Schicksal überlassen hat. Hast du dir mal überlegt, was für ein scheußlicher Balg du gewesen sein musst? Und was muss das für eine Drecksau sein, die ihrem Kind so etwas antut?« Es war vielleicht drei oder vier Uhr morgens, das Haus lag in tiefem Schlaf, nicht einmal mehr das Zirpen der Zikaden unterbrach die tödliche Stille. François lag auf dem Bett, und obwohl er sich das Kopfkissen auf die Ohren presste, hörte er jedes einzelne Wort. »Ich habe ein Foto deiner Mutter gesehen«, flüsterte Slimane. »Eine echte Schönheit. Die würd ich gerne mal bumsen. Akim auch. Vielleicht machen wir das auch, nachdem wir dich um die Ecke gebracht haben. Was hältst du davon? Gefällt dir das? Für das, was sie dir angetan hat, ficken wir sie nacheinander in den Arsch.«

Das war wohl die schlimmste seiner Nächte, und François würde sie nicht vergessen. Aber vor allem fraß Slimanes ständiger Hohn an seiner Seele. Immer wenn der Kerl ihm das Essen brachte oder seinen Kübel leeren kam, immer wenn er das Gefühl hatte, dass Akim zu nett zu dem »kleinen Jungen« war, machte er eine fiese Bemerkung oder drückte François die Mündung seiner Kanone in die Seite. Oder er stand plötzlich hinter ihm und zog ihn an den Nackenhaaren oder gab ihm eine Kopfnuss. François fragte sich, ob ein mutigerer Mann zurückgeschlagen oder einen Fluchtversuch unternommen hätte. Es gab einen guten Grund für die Flucht: Warum sollten sie ihn verschonen, wenn sie Philippe und Jeannine getötet hatten?

Wenn Slimane mit der Nachtwache dran war, weckte er François oft auf, eine Art Schlafentzug aus purer Langeweile, als amüsanter Zeitvertreib. François holte den Schlaf tagsüber nach, legte sich aufs Bett und lauschte den Fröschen und Vögeln im Garten, träumte von Paris und davon, dass seine Eltern noch am Leben waren und ihn vor alldem bewahrten, was man hier mit ihm machte. Und mit der Zeit begann er, von seiner wirklichen Mutter zu träumen, von Amelia Levene, doch er hatte kein Bild von ihr im Kopf, und auch nicht von dem Mann, der sein Vater war. Ob er einem von beiden ähnlich sah? Vielleicht war er inzwischen aus jeglicher Familienähnlichkeit herausgewachsen. Er hatte nie den Versuch unternommen, sie zu finden, seit Philippe und Jeannine ihm von seiner Adoption erzählt hatten, aber nach drei Wochen Gefangenschaft hatte François angefangen, darum zu beten, von ihnen gerettet zu werden, von seinen leiblichen Eltern ausgelöst und in sein Pariser Leben zurückgeholt zu werden. Manchmal weinte François wie ein Kind um die Mutter, die er nie gesehen, den Vater, den er nicht gekannt hatte, doch er achtete darauf, dass seine Geiselnehmer ihm dabei nicht zuhörten, damit Slimane sich bloß nicht an seiner Verzweiflung erfreuen konnte. Diesen kläglichen Rest Würde erhielt sich François. Wenn nur Vincent nicht alles noch schwieriger machen würde. Alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht wüsste, dass ein anderer Mann seinen Platz eingenommen, ihm sein Leben gestohlen und bereits eine Beziehung zu Amelia aufgenommen hatte.

»Vincent wohnt in deinem Haus«, flüsterte ihm Slimane Tag für Tag, Nacht für Nacht ein. »Er trägt deine Kleider, er vögelt deine Mädchen. Er ist sogar mit deiner Mutter in die Ferien gefahren. Hast du das gewusst? Luc sagt, dass sie ihn liebt und nicht genug von ihm kriegen kann. Er will nach England ziehen und bei ihr wohnen. Wie findest du das, François? Amelia hat den Sohn, den sie immer haben wollte. Da wird sie doch nicht so blöd sein und ihn gegen einen Vollidioten wie dich eintauschen.«

49

Nicht einmal eine Stunde nachdem sie Kell in Queensway getroffen hatte, rief Amelia den Mann an, der nicht mehr ihr Sohn war und sie zutiefst gedemütigt hatte. Sie rief ihn aus der Küche des Großraumbüros auf ihrem privaten Mobiltelefon an. Kell stand nur zwei Schritte entfernt, beobachtete sie aufmerksam und musste sich wundern, wie perfekt sie die Rolle der liebenden Mutter weiterspielte.

»François? Amelia hier. Ich vermisse dich, mein Liebling. Wie geht’s dir? Alles in Ordnung in Paris?«

Sie unterhielten sich gute zehn Minuten, »François« berichtete von seiner Heimreise über Marseille, seine Lügengeschichte blieb wasserdicht, ein solch ausgereiftes Talent zur Täuschung war Amelia noch selten untergekommen. Sie fragte sich, ob wohl der Mann, den Kell als »Luc« identifiziert hatte, in Paris neben CUCKOO saß und ihm zuhörte wie Kell ihr: zwei Agentenpaare, eins in London, das andere in Paris, beide in der Annahme, die Trümpfe in der Hand zu halten.

»Was hast du am Wochenende vor?«, fragte sie.

»Nichts Besonderes«, antwortete CUCKOO. »Warum fragst du?«

»Ich dachte, du hättest vielleicht Zeit, übers Wochenende zu mir in mein Haus in Wiltshire zu kommen.«

»Oh …«

»Vielleicht kommt das zu plötzlich?«

»Nein, nein.« CUCKOO klang begeistert, und das aus gutem Grund; eine solche Einladung würde seinen Chefs in Paris gefallen. »Wird Giles auch da sein?«

»Nein.« Sie sah Kell an, der die Stirn runzelte, als wunderte er sich über CUCKOOs Interesse an Amelias Ehemann. »Soviel ich weiß, ist er dieses Wochenende unterwegs. Warum, hättest du ihn gern kennengelernt?«

»Weißt du, im Moment hätte ich dich lieber für mich allein«, antwortete CUCKOO. »Ist das okay?«

»Aber ja, Liebling.« Sie legte eine perfekt getimte Pause ein. »Heißt das, du kommst?«

»Wahnsinnig gerne.«

»Wie schön. Ich kann’s kaum erwarten.« Amelia erinnerte sich daran, mit welcher Beharrlichkeit er darauf bestanden hatte, mit dem Schiff nach Marseille zu fahren, statt direkt nach Paris zu fliegen, und entschied sich für einen kurzen Test seiner Tarnung. »Darf ich dir das Flugticket zuschicken?«

»Du weißt doch, dass ich nicht gern fliege«, antwortete er, ohne zu zögern, und sie staunte über die Geschwindigkeit seiner Lügen. Was war sie doch für ein treudoofes Schaf gewesen. Aber jetzt musste sie ihm ihre Lüge vorleben, durfte keine Diskrepanzen zwischen ihrem Verhalten in Tunis und in Wiltshire aufkommen lassen. Sie musste die Rolle der liebenden Mutter weiterspielen, ihn in die Arme nehmen, ihm lächelnd zuhören, sich für seine Angelegenheiten interessieren. Amelia graute davor, und sie konnte den Augenblick ihrer Rache kaum erwarten. Aus dem großen Traum der Wiedervereinigung war sie grausam in den Tunnel ihres Arbeitslebens zurückgestoßen worden, einen Ort des Ehrgeizes, des Engagements für eine Sache, aber nicht der Selbstverwirklichung. Vielleicht war es ihr Platz in der Welt.

»Ich bin am Verhungern«, sagte sie zu Kell, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. Sie legte ihre Hand ans Revers seiner Jacke, eine ihrer Methoden, einen Mann zu beeinflussen. »Gehen wir irgendwo was essen?«

»Sehr gern.«

Sie fanden ein paar hundert Meter weiter am Westbourne Grove ein libanesisches Restaurant und schmiedeten gemeinsam einen Plan, wie sie François ausfindig machen konnten. Über aufgeklappten Speisekarten, auf den Wein wartend, kamen sie in einem betriebsamen Gastraum überein, dass Kell – um die Operation vor Truscott, Haynes und Marquand geheim zu halten – ein kleines Team von vertrauenswürdigen Kontaktleuten zusammenstellen sollte, die in Vauxhall Cross auf keiner Gehaltsliste standen. Er schlug vor, Barbara Knight gleich morgen früh anzurufen und sie aus Nizza einfliegen zu lassen. Nachdem sie ihr Essen bestellt hatten, schickte er Elsa Cassani eine SMS und bat sie, mit der nächsten Maschine nach London zu kommen. Eine Viertelstunde später kam ihre Antwort – Für dich tu ich alles, Tom! – und Kell lächelte leise in sich hinein. Er kannte einen früher für den MI5 und jetzt freiberuflich tätigen Techniker namens Harold Mowbray, der sich gemeinsam mit Elsa um CUCKOOs E-Mail-Server und Handys kümmern konnte. Außerdem brauchten sie einen Beschattungsspezialisten, der sich CUCKOO an die Fersen heftete, sobald er aus Amelias Haus auf dem Land abgereist war. Kell hatte einen alten Kontakt aus seiner Zeit am Schreibtisch in London, einen Ex-Marine namens Kevin Vigors, der gegen Bares auf die Hand arbeiten würde.

»Ich werde Geld brauchen«, sagte er zu Amelia. »Und zwar nicht wenig. Das sind gute Leute, und die wollen gutes Geld.«

»Das lässt sich machen.« Er vermutete, dass sie sich das Geld bei Giles ausborgen wollte. »Ich will sehen, was ich über Luc Javeau herausfinden kann, aber diese Woche darf ich im Büro nicht fehlen. Bis Freitag, wenn ich nach Wiltshire komme, bist du auf dich allein gestellt. In den nächsten Tagen jagt ein Termin den anderen, und Mittwoch erwartet mich der Premierminister. Da ist leider nichts zu machen.«

Kell nickte. »Kein Problem.« Es war sogar besser, wenn sie von der Bildfläche verschwand, sobald CUCKOO wieder in Paris war. Falls etwas schiefging, musste Amelia rausgehalten werden. »Wie steht’s um unsere militärischen Optionen?«, fragte er.

»Was soll damit sein?«

Er versuchte, ihr den Gedanken so schonend wie möglich nahezubringen. »Es könnte sein, dass es nicht ohne Gewalt abgeht, wenn wir François gefunden haben. Wenn es denen um Lösegeld geht, wollen sie ihn eliminieren, ob du gezahlt hast oder nicht.«

»Das ist mir klar.« Sie hatte ihren Teller halbleer gegessen, schob den Rest an den Tellerrand. Kell deutete ihr Schweigen, während sie sich den Mund abtupfte, fälschlicherweise als Besorgnis.

»Ich will damit sagen, wir müssen sie erledigt haben, bevor es dazu kommt. Dazu brauchen wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite …«

»Ich weiß, was du damit sagen willst, Tom.« Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen, an einem Nachbartisch wurden mit lautem Klappern Geschirr und Gläser abgeräumt. »In Frankreich und Nordspanien haben wir Leute für solche Jobs. Aber wie soll ich an Simon vorbeikommen? Um eine Spezialeinheit wie den SAS einzusetzen, müsste man … schon sehr geschickt vorgehen.«

»Vergiss den SAS. Wir arbeiten auf eigene Rechnung.«

Amelia berührte die schlichte Goldkette an ihrem Hals, als ließen sich ihr Ideen entlocken. »Bloß keine Rambos, die wochenlang herumsitzen, ihre Waffen putzen, von den goldenen Tagen in Hereford träumen und wie wild um sich ballern, wenn man sie loslässt. Ich brauche besonnene, erfahrene Leute, die sich in Frankreich auskennen.«

»Sicher.«

»Und du musst dabei sein, Tom, ihnen auf die Finger schauen. Versprichst du mir das?«

Das war eine erstaunliche Bitte, nicht zuletzt, weil Kell im Lauf seiner langen Karriere so gut wie nie einen Schuss abgegeben und keine Erfahrung bei so einem Einsatz hatte. Aber er war nicht in der Stimmung, Amelia eine Bitte abzuschlagen.

»Ich versprech’s dir«, sagte er. »Wenn es so weit kommt, bin ich natürlich dabei.« Er fand ein schmales Lächeln, das sie zu beruhigen schien. »Wir finden François«, sagte er. »Egal wie, wir holen ihn nach Hause.«

50

Vincent Cévennes traf am Freitagabend um 19.28 Uhr auf dem Bahnhof St. Pancras ein. Augenzeuge seiner Ankunft war Daniel Aldrich, ein Exmitarbeiter Kevin Vigors’ beim Special Branch, der Kell via Blackberry ein Foto schickte, auf dem die Zielperson das Standbild Sir John Betjemans auf dem Bahnhofvorplatz passierte. Amelia, die nicht eine Minute länger als unbedingt nötig in CUCKOOs Gegenwart verbringen wollte, hatte ein Taxi zum Bahnhof bestellt, das ihn nach Wiltshire fahren sollte. Aldrich, der sich an einer Bushaltestelle Ecke Euston Road unter wartenden Fahrgästen versteckt hatte, sah den Fahrer ein Din-A4-Blatt mit der Aufschrift »Mr Francis Mallot« in die Höhe halten. CUCKOO erspähte den Zettel und übergab dem Fahrer seine Taschen, damit er sie im Kofferraum verstaute.

Das Taxi tauchte schnell in das Gewühl des Freitagabendverkehrs ein. Aldrich versuchte nicht, dem Fahrzeug von London aus zu folgen. Kell hatte es auch nicht mit Wanzen ausstatten lassen; es erschien ihm mehr als unwahrscheinlich, dass Cévennes es riskieren würde, in Gegenwart eines von Amelia bestellten Fahrers mit seinen Kontaktleuten in Frankreich zu telefonieren. Stattdessen schickte Aldrich eine E-Mail an Kell.

Bestätige: CUCKOO hat zwei Gepäckstücke – schwarze Notebooktasche aus Leder + schwarzer Schalenkoffer auf Rollen. Hat Mobiltelefon dabei, außerdem Tüte von Hermès. Im Moment verlässt Fahrzeug St. P., 19.46, marineblauer Renault Espace Kennz. X164 AEO. Fahrer fährt Euston Road in westl. Richtg.

Kell empfing die E-Mail auf einem Notebook in der Küche von Amelias Haus und teilte seinem Team mit, dass CUCKOO voraussichtlich gegen acht Uhr abends in Chalke Bisset eintreffen werde. Harold Mowbray hatte die letzten vierundzwanzig Stunden damit verbracht, das Haus mit Kells Hilfe von oben bis unten mit Überwachungskameras und Mikrofonen zu bestücken. Amelia, die direkt aus Vauxhall Cross zum Mittagessen eingetroffen war, hatte vorgeschlagen, Vincent im größeren der beiden Gästezimmer unterzubringen. Da immerhin die Möglichkeit bestand, dass er um ein anderes Zimmer bitten könnte, wurden auch in dem Zimmer links von der Treppe eine Kamera und ein Mikrofon installiert; Erstere in einem vergoldeten, an der Nordwand befestigten Spiegel, das Mikrofon im Rahmen eines links vom Bett aufgehängten Ölgemäldes.

Im ersten Stock des Hauses gab es zwei Badezimmer. Das erste war mit Amelias Schlafzimmer verbunden, das zweite befand sich zwischen CUCKOOs Zimmer und einem kurzen, tapezierten Flur. Auch dieses für Vincent vorgesehene Badezimmer hatte Mowbray gründlich verwanzt.

»Nach meiner Erfahrung veranstalten die Menschen die verrücktesten Dinge auf dem Klo«, murmelte er, während er in circa zwanzig Zentimetern Höhe eine Kamera im Sockel einer Handtuchleiste installierte. »CUCKOO kommt rein, hält sich für unbeobachtet, und falls wir Glück haben, lässt er mit den Hosen auch die Vorsicht fallen. Wenn er telefoniert, hören wir mit. Wenn er etwas in den Taschen hat, wirft er vielleicht einen Blick drauf. Und solange euer Franzmann nicht nach dem Zeugs sucht, hat er keinen Schimmer, dass wir ihm zugucken.«

Es blieb das Risiko, dass die Franzosen das Landhaus überwachten, deshalb hielt sich Kell nach Möglichkeit drinnen auf, um nicht als Stephen Uniacke erkannt zu werden. Die Literaturagentin Caroline Shand, Amelias Nachbarin, hatte ihr Haus als Basis für Kells Team zur Verfügung gestellt. Sie selbst war in den Urlaub nach Kroatien abgedüst, nachdem sie sich schriftlich zu absoluter Stillhaltung verpflichtet hatte. Die Eigentümer des dritten Hauses in dieser abgeschiedenen Ecke Chalke Bissets, Paul und Susan Hamilton, waren daran gewöhnt, fremde Leute aus London in Shands Haus ein und aus gehen zu sehen, und machten erst gar nicht den Versuch, ein Mitglied von Kells Team anzusprechen und zu fragen, was sie im Dorf taten. Das Team war instruiert, sich im Falle von Nachfragen aus dem Dorf als Angehörige auszugeben, die über das lange Wochenende zu Besuch gekommen waren.

Shands Haus war ein heruntergekommenes Cottage mit niedrigen, wurmstichigen Deckenbalken, von Amelias Haustür aus in weniger als einer Minute zu erreichen. Beide Häuser blickten nach Norden über ein sattgrünes Tal und nach Süden auf einen steilen Hügel. Shands Garten grenzte an die westliche Umrandung von Amelias Anwesen. Die Zimmer, in denen das Team sich eingerichtet hatte, waren etwas muffig, aber ganz gemütlich, und nach Tagen auf Reisen und in Großstädten taten Kell der relative Friede und die Stille des Landes gut. Ihre Einsatzzentrale war eine große Bibliothek, deren Regale gefüllt waren mit Büchern, die Shand von der Crème der Londoner Literaturszene geschenkt bekommen hatte. Barbara Knight, eine Bibliophile von Kindesbeinen an, fand Erstausgaben von William Golding, Iris Murdoch, Julian Barnes, sogar ein signiertes Exemplar der Satanischen Verse.

In diesem Raum baute Elsa Cassani ihr Equipment auf, stellte drei Laptops auf einen großen Esstisch aus Eiche und neun separate Überwachungsmonitore auf Bücherregale, die sie von Büchern und Staub befreit hatte. Die Monitore übertrugen Livebilder aus den Zimmern in Amelias Haus; während eines kurzen Regenschauers am Freitagvormittag verschwammen und zitterten die Bilder, aber Kell war zuversichtlich, dass sie jederzeit über CUCKOOs Tun im Bilde sein würden. Das einzige »schwarze Loch« war ein Wirtschaftsraum in der nördlichen Ecke des Hauses, aber was sollte er dort verloren haben?

Unter das Hauptfenster der Bibliothek hatte Elsa ihre Matratze gelegt, auf der sie sich zu unregelmäßigen Tages-und Nachtzeiten unter einer nicht bezogenen Daunendecke etwas Schlaf holen wollte. Neben der provisorischen Schlafstatt standen eine Flasche Volvic, ein paar Nachtcremes und Parfüm; aus einem bereitgelegten iPod begann es zu kreischen und zu stampfen, sobald sie sich die Stöpsel in die Ohren steckte. Harold wohnte oben im kleineren von zwei Gästezimmern. Kell hatte seine durchgelegene Matratze auf der anderen Seite des Flurs liegen. Das eigentliche Schlafzimmer hatte man in Anbetracht ihres fortgeschrittenen Alters Barbara Knight zur Verfügung gestellt.

»Das Gillespie ist eine Absteige dagegen«, scherzte sie. Den Großteil der Zeit verbrachte sie allein im Zimmer, in eine neue Virginia-Woolf-Biografie vertieft oder über dem Plan für den Samstagvormittag brütend.

»Sie dürfen wieder Miss Marple sein«, versprach er ihr. »Noch so ein Auftritt wie in Nizza, und wir nominieren Sie für den Fernsehpreis.«

Spionieren heißt warten.

Donnerstagabend. Amelia war noch in London, Vincent noch in Paris, Barbara und Harold waren nach Salisbury ins Kino gefahren und hatten Kell und Elsa allein im Haus zurückgelassen, wo ihnen nicht viel mehr zu tun blieb, als sich an Nizza zu erinnern oder letzte Details der Operation durchzusprechen.

»Samstagvormittag wird Amelia versuchen, Vincent zu einem Spaziergang zu überreden. Bei schlechtem Wetter fährt sie mit ihm zum Mittagessen in ein Pub in der Nähe von Tisbury. In jedem Fall dürften wir Zeit haben, seine Sachen zu durchsuchen. Hier im Tal gibt es keinen Handyempfang. Wenn wir Glück haben, schaltet er das Ding ab und lässt es zu Hause.«

»Da müssten wir schon verflucht viel Glück haben«, erwiderte Elsa. Sie hatte drei einzelne Goldstifte im linken Ohr stecken. Wie gebannt musste Kell dort hinstarren und über ihre anderen Leben nachdenken. »Für den Laptop brauche ich höchstens eine Viertelstunde. Ich kopiere die Festplatte und analysiere das Zeug hier. Wenn seine Leute ihm E-Mails schicken, haben wir was zu lesen. Und wenn sie unvorsichtig sind, erfahren wir sogar, von wo sie abgeschickt wurden.«

»Wie meinst du das, ›wenn sie unvorsichtig sind‹?«

»Kein seriöser Agent schickt eine E-Mail von dort ab, wo er Amelias Sohn gefangen hält. Sie würden wenigstens ein paar Kilometer weit fahren und erst dann auf ›Senden‹ drücken. Manche Leute haben auch eigens einen Computer in sicherer Entfernung zu ihrem Versteck stehen, aber das ist mühsam, und manchmal siegt die Bequemlichkeit.«

Kell dachte an Marseille, wo Luc ihm sein Notebook abgenommen und mit einem Software-Keylogger und Peilsender wieder zurückgegeben hatte. Er hatte Elsa von dem Überfall in der Cité Radieuse erzählt, und sie berührte die Narbe an seinem Gesicht, eine zärtliche Geste, mit der sie ihn überrascht hatte. In Nizza hatte er sich Sorgen gemacht, Elsa könnte ein falsches Spiel mit ihm treiben, womöglich in Marquands Auftrag, aber inzwischen gab es keinen Grund mehr, ihr zu misstrauen.

»Bei unserer ersten Begegnung warst du ein bisschen abweisend«, sagte sie.

»Ich war im Dienst«, antwortete er.

»Völlig okay. Ich war darauf eingestellt. Jimmy hatte mir gesagt, du wärst … wie heißt das auf Englisch?«

»Wunderbar?«

Ein kurzes Lachen. »Nein. Ungeduldig. Ein bisschen arrogant …«

»Brüsk.«

Das Wort hatte Elsa noch nie gehört. Sie probierte es aus, ließ es über den Gaumen rollen und befand, dass Thomas Kell damit hinreichend beschrieben war. »Brüsk. Ja. Später warst du dann freundlicher. Ich hab mich gern mit dir unterhalten.«

Es wunderte ihn, dass sie mit ihm flirtete, aber es gefiel ihm auch. Sie verstand es, seine berufliche Fassade aufzubrechen, mit jugendlicher Unbekümmertheit in die privateren Räume seiner Persönlichkeit zu schlendern.

»Du hast fantastische Arbeit geleistet«, lobte er sie und meinte es auch so. Die Recherche zu Malots Person war der Schlüssel zur DGSE-Operation und hatte ihn zu Christophe Delestre geführt.

»Essen wir etwas«, antwortete sie.

Gestern hatte Harold aus einem Supermarkt in Salisbury einen Vorrat an Fertiggerichten herbeigeschafft. Als sie gegen Mittag die Kühlschranktür aufgemacht und das Angebot in Augenschein genommen hatte, war ihr Urteil vernichtend ausgefallen, und sie hatte sich sogleich darangemacht, in der Küche einen Vorrat an frischer Pasta zu fabrizieren. Nach einer halben Stunde war die Küche ein Schlachtfeld aus Schüsseln und Teig, Mehlstaub stand in der Luft wie der Abendnebel im Chalke Valley. Jetzt kochte sie für sich und Kell die frische Pasta, Kell machte eine Flasche Wein aus Caroline Shands Keller auf, setzte sich an den Küchentisch und sah ihr dabei zu, wie sie Zucchini schnitt und in Öl und Knoblauch anbriet.

»Sieht fast so aus, als wüsstest du, was du tust.«

»Ich bin Italienerin«, antwortete sie und fühlte sich offensichtlich pudelwohl in dem Klischee. »Aber als Gegenleistung für das Abendessen würde ich gerne sämtliche Geheimnisse über Thomas Kell erfahren.«

»Sämtliche?«

»Sämtliche.«

»Haben wir so viel Zeit?«

Über seine Ehe wollte er nicht reden, das war die einzige Einschränkung. Nicht aus Loyalität Claire gegenüber, sondern weil es eine Geschichte des Scheiterns war.

»Beginnen wir doch mit Ihrem Ausscheiden aus dem Dienst.«

Das Weinglas, aus dem er gerade trinken wollte, verharrte vor seinen Lippen, so perplex war er, dass Elsa gleich als Erstes das Thema seiner Schande aufs Tapet brachte.

»Wie hast du davon erfahren?«

Er war nicht verärgert, im Gegenteil, er fühlte eine seltsame Erleichterung gepaart mit der Bereitschaft, freimütig zu erzählen, wie es dazu gekommen war.

»Die Leute reden«, sagte sie.

»Es ist eine komplizierte Geschichte. Eigentlich darf ich nicht darüber reden.«

Elsa hatte einen Topf mit Wasser auf den Herd gestellt. Sie warf ihm einen spöttischen Blick über die Schulter zu, bevor sie Salz ins Wasser warf.

»Hier hört uns niemand, Tom. Wir sind allein im Haus. Erzähl’s mir.«

Also erzählte er es ihr. Er erzählte ihr von Kabul und von Yassin.

»Nach 9/11 habe ich viel mit Amerikanern zusammengearbeitet. Sie waren voller Zorn über das, was ihnen widerfahren war. Verständlicherweise. Sie empfanden es als Demütigung und wollten Rache. Ich glaube, das ist eine zutreffende Beschreibung ihrer Gemütslage.«

»Und weiter?«

»Ende 2001 ging ich mit einem MI6-Team nach Afghanistan. Gemeinsame Operation mit Langley. Die Terroranschläge am 11. September hatten uns alle auf dem falschen Fuß erwischt. Unser Spiel hieß Aufholjagd, es galt, verlorenen Boden gutzumachen.«

»Klar.« Elsa stand mit dem Rücken zu ihm, über den Topf gebeugt, wartete, dass er seinen Rhythmus fand. Sie trug Jeans und ein weißes T-Shirt. Kell stahl sich den einen oder anderen Blick des verheirateten Mannes auf ihren Körper.

»Im Lauf der nächsten drei Jahre bin ich sieben Mal in Pakistan und Afghanistan gewesen. 2004 nahm die CIA einen Mann gefangen, von dem du vielleicht schon gehört hast. Yassin Gharani. Er hatte im Nordwesten Pakistans an einem Ausbildungscamp von Al Qaida teilgenommen. Gegenüber den Yanks gab er sich als britischer Staatsbürger aus und legte zum Beweis einen Reisepass vor. Sie schafften ihn in ihre Operationszentrale in Kabul und begannen mit den Vernehmungen.«

»Vernehmungen?«

»Den Verhören. Befragungen. Kreuzverhören.« Kell war sich nicht sicher, ob er ihr gerade Englischunterricht erteilte oder ob sie ihm, was die Semantik betraf, sogar einen Schritt voraus war. »Misshandelt worden ist er nicht, falls du darauf hinauswillst. Langley bekam vom MI5 die Information, dass es eine Akte über Yassin gab. Er hatte auf einer Beobachtungsliste Terrorverdächtiger im Nordosten Englands gestanden. Keine ausgemachte Bedrohung, keine Zielperson, keine Überwachung. Aber man wusste von ihm und fragte sich, wo er geblieben sein mochte.«

»Und alle finden es ganz plausibel, dass ein junger Mann nach Pakistan geht und sich zum Kämpfer ausbilden lässt?«

»Es erschien plausibel.« Kell schenkte sich Wein nach und stand auf, um Elsas Glas nachzufüllen. Sie hatte die angebratenen Zucchini neben dem Topf abgestellt und ließ die Pasta vorsichtig ins kochende Wasser hinab.

»Danke«, sagte sie mit Seitenblick auf das vollgeschenkte Weinglas. »Die Tagliatelle brauchen nur ein paar Minuten.«

Kell nahm zwei Schüsseln aus einem Schrank neben der Küchentür, Löffel und Gabeln holte er aus einer Schublade. Das Besteck legte er vor sich auf den Tisch, die Schüsseln stellte er so neben den Herd, dass Elsa sie erreichen konnte. Dann erzählte er weiter.

»Da war also dieser Gharani, ein 21-jähriger Student aus Leeds, der behauptete, Freunde in Lahore besucht zu haben, aber die Amerikaner konnten anhand von Fotos beweisen, dass Yassin ein Dschihad-Tourist war, dem man gerade beigebracht hatte, aus Malakand raketengetriebene Granaten abzufeuern. Ich hab ihm gesagt, dass er sich in Acht nehmen muss. Dass seine Chancen am besten sind, wenn er mit seiner eigenen Regierung redet, und dass ich ihm helfen kann, wenn er die Wahrheit über sich und seine Mitstreiter zu Hause sagt. Und ich habe ihm auch gesagt, dass ich keine Verantwortung für das übernehme, was die Amerikaner mit ihm machen, wenn er weiter den Unschuldigen spielt.«

»Ich kenne die Geschichte«, sagte Elsa. Sie prüfte die Pasta, zog eine Bandnudel aus dem Wasser und quetschte sie zwischen den Fingern. Dann wickelte sie ein Geschirrtuch um den Stiel des Wassertopfs, trug ihn zur Spüle und schüttete den Inhalt in ein Sieb aus Edelstahl. Dampf hüllte ihr Gesicht ein. Sie trat einen Schritt zurück und sagte: »Er ist von der CIA gefoltert worden, richtig?«

Kurz flackerte in Kell Zorn über die Selbstverständlichkeit auf, mit der sie den Amerikanern Schuld unterstellte. Es hätte ihn interessiert, ob Elsa in irgendeiner Form beruflich mit der Sache befasst gewesen war oder nur in der europäischen Presse darüber gelesen hatte.

»Sagen wir einfach, die Yanks haben ihn nicht mit Samthandschuhen angefasst«, erwiderte er. »Keiner hat das getan.«

»Und das bedeutet?«

Kell richtete sich auf, wählte die Worte mit Bedacht.

»Es bedeutet, dass wir weit fort von zu Hause waren. Es bedeutet, dass wir alles darangesetzt haben, terroristische Zellen in England und in den Staaten zu knacken. Wir ahnten, dass Yassin Dinge wusste, die von Nutzen für uns sein konnten, und je beharrlicher er schwieg, desto größer wurde unsere Ungeduld.« Kell musste husten. »Bis gewisse Leute schließlich ausgerastet sind.« Er hielt sich zurück, gab die Identität amerikanischer Kollegen, die die Grenze überschritten hatten, nicht preis. »Bin ich ihm körperlich zu nahe gekommen? Nein. Habe ich ihn herumgestoßen? Nein, absolut nicht. Hab ich ihm damit gedroht, mir seine Familie in Leeds vorzuknöpfen? Zu keiner Zeit.«

Von Elsa kam keine sichtbare Regung. Ihr Gesicht war absolut ruhig, als sie sagte:

»Das Verhör ist also so verlaufen, wie es beschrieben wurde?« Es klang fast so, als müsste sie sich zwingen, das Wort »Folter« nicht in den Mund zu nehmen, wie jemand, der einen Bogen um eine Pfütze macht. »Was ist geschehen, Tom?«

Kell hob den Blick. Sie hatte aufgehört, Essen auszuteilen, als sei die Mahlzeit vorübergehend unter Quarantäne gestellt. Sie fällte kein Urteil über ihn. Noch nicht. Aber sie wollte seine Antwort hören.

»Du fragst einen Mann, mit dem du dich gleich zum Essen an einen Tisch setzen willst, ob er sich des simulierten Ertränkens eines Verdächtigen schuldig gemacht hat?«

»Und? Hast du?«

Plötzlich war die ganze Verzweiflung seiner letzten Wochen in Vauxhall Cross wieder da.

»Glaubst du, dass ich dazu fähig wäre?«

»Ich glaube, dass wir alle so ziemlich zu allem fähig wären.«

Immerhin legte der Ton von Elsas Antwort nahe, dass sie Kell zutraute, sich innerhalb der Gesetze und der Grenzen des Anstands bewegt zu haben. In diesem Augenblick empfand er eine große Zuneigung zu ihr, denn dieses Zugeständnis war mehr, als Claire ihm jemals zu gewähren bereit gewesen war. In den Monaten nach dem unehrenhaften Rausschmiss beim MI6 hatte er sich in manchen Augenblicken wie ein Verbrecher gefühlt, und in anderen wie der einzige Mensch in England, der die wahre Bedrohung erkannt hatte, die von Menschen wie Yassin Gharani ausging.

»Ich habe ihn nicht gefoltert«, sagte er. »Beim MI6 werden keine Menschen gefoltert. Agenten beider Dienste pflegen sich an die Verhaltensmaßregeln, die man ihnen auferlegt, wenn sie sich …«

»Jetzt klingst du wie ein Rechtsanwalt.« Elsa öffnete ein Fenster, es kam Bewegung in die stehende Luft. »Und wo war das Problem?«

»Das Problem war die Beziehung zu den Amerikanern, das Problem war die Presse, und das Problem war das Gesetz. Irgendwo zwischen diesen drei Größen bewegen sich Agenten, die eine Hand auf dem Rücken gefesselt haben, wenn sie ihren Job tun. Die Londoner Medien stellten sich auf den Standpunkt, Yassin sei bis zum Beweis des Gegenteils ein unbescholtener britischer Staatsbürger, der von Bush und Cheney gefoltert, dann nach Guantánamo geschafft und seiner Würde beraubt worden war. Habeas corpus. Sie beschuldigten den MI6, auf diesem Auge blind zu sein.«

»Und wie siehst du das? Hast du dich erkundigt, wo Yassin hingebracht wird? Hast du dich für seine Haftbedingungen interessiert?«

Kell fühlte einen Anflug von Schuld, von Scham über seine Gleichgültigkeit und die Gewissheit, dass er wieder so handeln würde. »Nein. Und nein.«

Elsa schaute hoch und hielt seinen Blick fest. Kell erinnerte sich an die Zelle in Kabul. Er erinnerte sich an den Gestank und die Feuchtigkeit in dem Raum, die Verzweiflung in Yassins Gesicht, seine eigene Gier nach Informationen und seine Verachtung für alles, für das Yassin stand. Kells Eifer hatte alles überdeckt und ihn nicht einmal daran denken lassen, dass der junge Mann vor ihm, der dringend Schlaf und ein Bad brauchte, vielleicht doch etwas anderes sein könnte als ein fanatischer Dschihadist.

»Wessen ich mich schuldig gemacht habe, wessen sich auch andere Geheimdienstoffiziere schuldig gemacht haben und was in den Augen sowohl des Gesetzes als auch der Medien verurteilungswürdig war – wir haben es zugelassen, dass andere sich auf eine Weise verhalten haben, die nicht unseren Grundsätzen entsprach. Es wurden Worte für unsere Versäumnisse gefunden. ›Passive Verurteilung‹, ›ausgegliederte Folter‹. Das sei schon immer der britische Weg gewesen, wurde geschrieben, schon zu Zeiten der Kolonialherrschaft. Den anderen die Drecksarbeit zu überlassen.« Elsa legte zwei Küchentücher als Servietten auf den Tisch. »Yassin wurde fortgebracht.« Kell sammelte seine Gedanken, während er einen Schluck Wein trank. »Die Wahrheit ist – ja – ich habe mich nicht darum gekümmert, was mit ihm passierte. Ich habe nicht darüber nachgedacht, welche Methoden die Ägypter anwenden würden, was in Kairo oder in Guantánamo mit ihm passieren würde. Soweit es mich betraf, handelte es sich um einen jungen Briten, dessen einziges Lebensziel es war, unschuldige Zivilisten zu ermorden – in Washington, in Rom oder in Chalke Bisset. Ich hielt ihn für einen Feigling und einen Idioten und war froh, ihn in Gewahrsam zu wissen. Das ist meine Schuld. Ich habe einfach keinen weiteren Gedanken mehr an einen Mann verschwendet, der alles zerstören wollte, das zu schützen meine Aufgabe war.«

Elsa verteilte Olivenöl über der Pasta und rührte die Zucchini und den Knoblauch unter die langen Fäden der Tagliatelle. Kell konnte weder ihre Stimmung deuten noch spüren, welcher Meinung sie war.

»Du bist also das Bauernopfer?«, fragte sie, und er wusste, dass er sich hüten musste zu jammern oder sich zu beklagen. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war das Mitleid dieser wunderbaren Frau.

»Jemand musste ja dafür herhalten«, sagte er, und ihm fiel ein, wie Truscott ihn hängen gelassen hatte: Zuerst hatte er von einem Tausende Kilometer entfernten Londoner Schreibtisch aus die Anwesenheit des MI6 bei den Yassin-Verhören autorisiert, um dann Jahre später, als der Guardian schwere Vorwürfe gegen das Außenministerium erhob, Kell schamloserweise zu beschuldigen, er hätte gegen seine Weisung gehandelt. Man überantwortete Kell der Gnade der Gerichte, verpasste ihm den passenden Orwell’schen Codenamen »Zeuge X« und warf ihn aus dem Dienst.

»Das eine erzähle ich dir noch«, sagte er, »und dann sage ich nichts mehr. Wir unterhalten weitaus engere politische und geheimdienstliche Beziehungen zu den Amerikanern, als es den meisten Menschen bewusst ist und auch als es die meisten Menschen wahrhaben wollen. Wenn britische Spione ihre amerikanischen Verbündeten Methoden anwenden sehen, mit denen sie nicht übereinstimmen, was sollen sie dann tun? Mammi anrufen und sagen, dass sie damit nicht einverstanden sind? Ihre Vorgesetzten bitten, dass sie sie nach Hause holen sollen, weil sie sich nicht mehr wohlfühlen? Wir führen einen gemeinsamen Krieg. Die Amerikaner sind unsere Freunde, was immer man von Bush und seinen Spießgesellen halten mochte, wie immer man über Guantánamo oder Abu Ghraib denkt.«

»Das verstehe ich …«

»Aber viele Linke waren einzig und allein daran interessiert, einem ihre unanfechtbare Moral unter die Nase zu reiben, und das auf Kosten der Leute, die dafür sorgen, dass sie ruhig schlafen können.«

»Iss etwas«, sagte Elsa. Sie legte Kell die Hand auf die Schulter und stellte eine Schüssel vor ihn hin, die Zärtlichkeit ihrer Berührung war so sehr Geste freundschaftlichen Verständnisses wie Indikator ihres Begehrens nach ihm.

»Das Netteste, das man über Yassin sagen konnte, war, dass er jung war.« Kell hatte plötzlich keinen rechten Appetit mehr. Er hätte die Schüssel zur Seite geschoben, wenn es nicht unhöflich und bockig gewirkt hätte. »Dass er es nicht besser wusste. Aber sag das mal zu der Verlobten des Arztes, den er in der U-Bahn in die Luft gesprengt hätte oder zu dem Enkel des alten Mannes, den er auf dem Oberdeck eines Glasgower Autobusses ausgelöscht hätte. Sag das mal zu der Mutter des sechs Monate alten Babys, das an seinen Verletzungen gestorben wäre, wenn Yassin sich im Midlands-Einkaufszentrum selber in die Luft gesprengt hätte. In einer rückblickenden Würdigung aller Indizien könnte man vielleicht sagen, dass ein Mann mit dem Hintergrund eines Yassin Gharani nicht auf den Spuren eines Robert Byron nach Pakistan gereist ist. Er hat sich aufgegeilt an seinem Hass. Und dafür, dass ihm das zugestoßen ist, dafür, dass wir uns erlaubt haben, ihn für seinen Hass zurückzuhassen, bekam Yassin von der Regierung Ihrer Majestät einen Scheck über 875.000,– Pfund überreicht.« Elsa setzte sich. »Fast eine Million Pfund, in unseren entbehrungsreichen Zeiten, als Kompensation für ›schlechte Behandlung‹. Eine stolze Summe Steuergelder für ein Individuum, das nicht gezögert hätte, das Hohe Gericht in die Luft zu sprengen, das zu seinen Gunsten entschied.«

»Iss«, sagte Elsa.

Und dann sprach für eine ganze Weile keiner von beiden mehr ein Wort.

51

In dem beliebten Coach and Horses Pub in der Salisbury Road saß Kevin Vigors an einem Tisch unter freiem Himmel und sah, als er über den Rand seines zweiten Glases Old Speckled Hen spähte, einen marineblauen Renault Espace mit dem Kennzeichen X164 AEO um die Ecke biegen. Es war fünf nach acht. Er erhob sich von seinem Tisch, ging zu einer Telefonzelle auf der anderen Straßenseite und wählte Amelias Festnetznummer.

»285?«

»CUCKOO ist gerade ins Dorf eingefahren. Spätestens in drei Minuten ist er bei euch.«

»Danke«, sagte Amelia.

Sie legte auf und wandte sich an Kell, der neben dem Herd stand.

»Das war Kevin«, sagte sie. »Höchste Zeit, dass du verschwindest. CUCKOO ist in zwei Minuten hier.«

Kell wünschte ihr Glück, ging zur Hintertür, verließ den Garten durch die kleine Holztür, die Amelias und Caroline Shands Grundstücke verband. Augenblicke später war er bei Elsa, Harold und Barbara Knight in der Bibliothek; wie Broker in Erwartung des Börsencrashs starrten sie auf die Kontrollmonitore.

»Jetzt müssten wir ihn jeden Moment sehen«, sagte Kell, zog die Jacke aus und warf sie auf einen Sessel. Elsa fing seinen Blick auf und lächelte in sich hinein.

»Da ist er«, sagte sie, den Blick längst wieder auf den linken oberen Monitor gewandt.

Die an einem Masten montierte Kamera mit ungehindertem Blick auf die dunkle Straße hatte das heranfahrende Taxi eingefangen. Die Lichtkegel der Scheinwerfer hüpften über das Pflaster, bis das Fahrzeug stehen blieb. Kell sah CUCKOO die hintere Seitentür öffnen, aussteigen und nach der langen Fahrt den Rücken durchstrecken. Er trug die schwarze Lederjacke, die Kell in seinem Hotelzimmer in Tunis durchsucht hatte.

»Wichser«, murmelte Harold, aber niemand lachte.

Auf dem Monitor rechts unten erschien wie auf Befehl Amelia, Kopf und Körper scharf konturiert vom Licht der Scheinwerfer. Obwohl das Wiedersehen keine hundert Meter entfernt auf der Straße stattfand, hörten sie nicht das leiseste Geräusch, als sie CUCKOO in ihre Knochen brechende mütterliche Umarmung schloss.

»Meine Güte, hoffentlich steht sie das durch«, sagte Elsa, aber Kell teilte ihre Sorgen nicht. Er wusste, dass Amelia es durchstehen würde.

52

Sie vergrub ihren Hass so tief im Inneren, dass ihr nichts davon anzumerken war.

Seit jeher hatte sie sich darauf verstanden, sich abzuschotten und anzupassen, um zu überleben, schon damals in Tunis.

Für einen Sekundenbruchteil, als sie CUCKOO aus dem Taxi steigen sah, empfand Amelia Levene dieselbe ungehemmte Freude wie in Paris, als sie ihren attraktiven Sohn zum ersten Mal gesehen hatte. Aber das war gleich wieder vorbei, und vor ihr stand der Mann, der sich als François ausgegeben hatte, eine Kränkung, eine beschämende Präsenz in ihrem Haus. Nichts von alldem verriet sich in ihrem Blick. Sie streckte ihm die Arme entgegen und stellte fest, dass die Worte wie von selbst kamen.

»Liebling! Endlich! Ich kann’s kaum glauben!«

Selbst sein Geruch war ein Betrug gewesen, das Aftershave, das er im Hotel getragen hatte, das Sonnenöl vom Swimmingpool. Manchmal hatte Amelia ein ans Erotische grenzendes Verlangen gespürt: sie wollte diesen Mann in die Arme schließen, seine Haut berühren – der süße Schmerz der Mutterliebe. Wie attraktiv und kultiviert war er ihr vorgekommen; sie hatte Philippe und Jeannine Malot dafür bewundert, ihn zu einem solch interessanten jungen Mann erzogen zu haben. Und jetzt? In ihrem Haus ein Agent des französischen Geheimdienstes, mit der Absicht, jeden Winkel, jeden Spalt ihrer Intimsphäre, ihres innersten Selbst auszuforschen. Die letzten Tage zählten zu den schlimmsten ihres erwachsenen Lebens, schlimmer als die Monate nach François’ Adoption, schlimmer als der Tod ihres Bruders. Nur zwei Dinge trösteten sie: die Überzeugung, eine bessere Lügnerin zu sein als Luc Javeau, die Schlange, die Paris ihr geschickt hatte, und die realistische Hoffnung, dass François am Leben war und es Thomas Kell gelingen würde, ihn aus seinem Versteck zu befreien.

»Komm rein und pack deine Sachen aus«, sagte sie, während der Taxifahrer ein Stück weiterfuhr, um vor dem Nachbarhaus einen Platz zum Wenden zu suchen. »Wir haben ein ganzes Wochenende, und die Welt kann uns mal. Was möchtest du trinken?«

Kell erkannte die Stimme nicht gleich wieder; einen Moment lang meinte er, auf der Fähre mit einem anderen Mann gesprochen zu haben. Aber dann war der Sprachrhythmus wieder da, die groteske Selbstgewissheit im Tonfall, und ihm wurde klar, dass er einem begnadeten Lügner zuhörte, der eine fremde Persönlichkeit in sich integrieren und so verkörpern konnte, wie seine Auftraggeber es von ihm verlangten. Es gehörte zu den beschämenden Mysterien ihres Handwerks, dass ein Spion geradezu den Wunsch haben muss, aus seiner eigenen Haut in ein fremdes Ich zu schlüpfen. Warum das so war? Kell hatte keine Antwort darauf. Er wusste nur zu gut, wie sehr er Claire mit diesen Verstellungen, den verschiedenen Schichten seiner Persönlichkeit gequält hatte, und stellte sie sich in Amerika vor, weit fort zwischen Weinbergen und kalifornischen Menschen, und er tat sich nicht leicht damit, diesen Anfall von Eifersucht von sich zu schütteln.

Elsa stand neben ihm am Tisch, den Blick aufmerksam auf die Liveübertragung aus Amelias Wohnzimmer gerichtet, CUCKOOs Worten lauschend, die aus den von Harold in der Bibliothek aufgestellten Lautsprechern klangen.

»Wer hat Hunger?«, fragte Harold, der mit einem Stapel Pizzakartons in der Tür stand.

»Das sind keine Pizzas«, antwortete Elsa mit Blick auf die Pappschachteln und schnalzte verächtlich mit der Zunge. »Das ist Schlangenfraß. Wo immer du das Zeug her hast, Tom, man sollte den Laden dichtmachen.«

»Augenblick mal …«

Einer der Bildschirme war Kell ins Auge gesprungen. Zwei weiße Lichter kamen die Straße entlanggehüpft, beinahe ein Déjà-vu der letzten Sekunden von CUCKOOs Ankunft.

»Wer zum Teufel ist das?«, rief Kell. Das Auto bewegte sich in gleichmäßigem Tempo auf sie zu, war keine dreißig Sekunden mehr vom Parkstreifen vor Amelias Garten entfernt. »Holt mir Kevin ans Telefon.«

»Du weißt doch, kein Empfang«, sagte Harold.

»Er hat ein Funkgerät, oder?« Kell spürte Wut in sich aufsteigen, die Operation drohte zu platzen, noch bevor sie richtig begonnen hatte. »Elsa, das Funkgerät checken.«

Elsa stieß sich vom Tisch ab, fand das Funkgerät in der Küche und kam zurück ins Zimmer.

»Ausgeschaltet«, sagte sie.

Kell war außer sich. Weil die Verbindung zu Vigors Sache der Techniker war, entlud sich sein Zorn auf Harold, der noch die Pizzas in der Hand hielt wie ein Lieferjunge, der aufs Trinkgeld wartet. »Leg endlich die Scheißpizzas weg und kümmere dich um unseren Besuch.«

Er deutete auf den Monitor. Das Auto rollte bereits an Amelias Haus vorbei, aus dem Sichtfeld der Kamera heraus. Das leise knurrende Motorengeräusch war durchs Fenster zu hören.

»Vielleicht haben die Nachbarn Gäste zum Abendessen«, sagte Barbara. »Könnte aber auch das Taxi sein. Vielleicht hat CUCKOO etwas im Wagen liegen lassen.«

»Vielleicht ist es der Teufel höchstpersönlich«, rief Kell und lief hinaus.

53

Er kam gerade rechtzeitig, um einen bordeauxroten Mercedes beim Wendemanöver auf der Straße abzupassen. Er klappte Caroline Shands Gartentür zu und nahm mitten auf der Straße Aufstellung, eine Hand erhoben, um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen. Kell wusste inzwischen, mit wem er es zu tun hatte. Er kannte die gebeugte Gestalt hinter dem Lenkrad, den Aufkleber aus der Zeit Tony Blairs auf der Heckscheibe: Keep Your Bullshit in Westminster. Der Mercedes blieb mitten im Wendemanöver stehen. Kell hörte das Geräusch des herunterfahrenden Seitenfensters.

»Ja?«, ließ eine Stimme sich vernehmen. »Kann ich Ihnen helfen?«

Kell ging herum zum Fahrerfenster und beugte sich herunter.

»Giles. Na so was!«

Giles Levene war nicht bekannt für ein überschäumendes Temperament, nicht einmal für ein lebhaftes Mienenspiel. Er begrüßte Kell mit derselben Ausdruckslosigkeit, mit der er den Gasableser empfangen hätte.

»Tom, richtig?«

»Richtig. Wäre es möglich, für einen Moment den Motor abzustellen?«

Giles, immer höflich und übertrieben entgegenkommend, kam der Bitte nach.

»Und bitte auch die Scheinwerfer.«

Die Scheinwerfer erloschen.

»Was ist los?«, fragte er. Wenn er sich darüber wunderte, Thomas Kell an einem Freitagabend um acht vor seinem Haus anzutreffen, ließ er es sich nicht anmerken.

»Tja.« Wo sollte er anfangen? Kells Blick wanderte hinauf zu dem hinter Blättern verborgenen Licht in CUCKOOs Zimmer. »Wir führen in Ihrem Haus eine Operation durch. Amelia ist da drinnen …«

»Ich weiß, dass Amelia da drinnen ist«, erwiderte Giles rasch. Sein Blick war nach vorn durch die Windschutzscheibe gerichtet. Der Mercedes zeigte mit dem Stern in Richtung Hamilton-Haus. »Ich will sie überraschen. Ich würde gern das Wochenende mit ihr verbringen.«

Kell hörte ein Rascheln in einem der Bäume, dann das kurze Gezeter eines Vogels. Er wusste nicht, was er seltsamer finden sollte: die Vorstellung, dass Giles nach mehr als zehn Ehejahren noch glaubte, Amelia mit einem Überraschungsbesuch erfreuen zu können, oder die Tatsache, dass sie es nicht einmal für nötig gehalten hatte, ihn zu bitten, sich übers Wochenende vom Haus fernzuhalten.

»Ich fürchte, daraus wird nichts«, sagte er.

Auch das schien er ungerührt hinzunehmen. »Daraus wird nichts«, wiederholte er wie in einer Art Trance. Kell kam sich vor wie ein Polizist, der den Verkehr um eine Unfallstelle herumlenkt.

»Meinen Sie, Sie könnten einfach umdrehen und heute Nacht noch nach Hause zurückfahren?«, fragte er.

»Warum? Was ist da drinnen los?«

Kell befürchtete eine lange, ausufernde Unterhaltung. Es war ein kalter Abend, und er hatte in der Eile seine Jacke im Haus vergessen. Und er wollte Giles ganz gewiss nicht in die Wärme und Geborgenheit des Shand-Hauses einladen, allein schon, weil er fürchtete, die vielen Computer und Fernsehmonitore könnten sein Fassungsvermögen übersteigen.

»Ist es wegen ihrem Sohn?«, fragte Giles. Er korrigierte minimal die Stellung seines Innenspiegels, als könnte plötzlich jemand hinter dem Auto auftauchen. »Hat sie François bei sich?«

Kell wollte antworten: »So könnte man es ausdrücken«, aber er durfte sein Blatt nicht überreizen. Er wusste, dass Amelia ihrem Mann von Tunis und von Jean-Marc Daumal erzählt hatte, aber Giles hatte keine Ahnung, dass man sie hereingelegt hatte. Und weil er Amelias Ehemann als schrecklichen Pedanten kannte, schob er lieber vor, dass er zu Stillschweigen verpflichtet sei.

»Ich fürchte, ich darf zu diesem Zeitpunkt nicht darüber sprechen«, sagte er. »Nicht einmal Ihnen gegenüber, Giles. Ich komme in Teufels Küche, wenn ich …«

Er brach mitten im Satz ab, als Giles wie ein Schmierenkomödiant die Stirn in Falten zog und sagte: »Hat man Sie nicht aus dem Laden rausgeworfen, Tom?«

Kell spürte, wie sich auf Höhe der Lendenwirbel ein Muskel verkrampfte, und trat einen Schritt zurück von dem Auto, um ihn zu lockern. »Sie haben mich aus der Kälte geholt«, antwortete er, sein Atem stand als weiße Wolke in der Luft, bevor er in die Dunkelheit entschwand. Er legte die Hände auf das Wagendach, das nass von Tau war. »Hören Sie, wenn die Rückfahrt Ihnen zu lang ist, bringt das Office sie auch in einem Hotel in Salisbury unter. Es tut mir aufrichtig leid. Mir ist klar, das ich Ihnen große Unannehmlichkeiten bereite. Es wäre besser gewesen, Amelia hätte Ihnen …«

Die gewohnte Reglosigkeit war auf Giles’ Züge zurückgekehrt, die emotionale Zurückhaltung eines hingehaltenen, besiegten Mannes. »Ja«, antwortete er leise, immer noch durch die Windschutzscheibe starrend. »Das wäre wohl besser gewesen.«

Es entstand ein Schweigen, das Kell mit dem Scharren seiner Füße auf dem feuchten Untergrund und dem nervösen Tipp-Tapp der Fingerspitzen auf dem Autodach etwas ausschmückte. Er wusste, warum Amelia Giles Levene geheiratet hatte – er hatte Geld, war treu, und sein unterentwickelter Ehrgeiz behinderte sie in ihrem Fortkommen in keiner Weise –, aber in diesem Augenblick meinte Kell zu wissen, was für eine unglückliche Wahl es für Giles war, sich mit Amelias vielen Fehlern arrangieren zu müssen. Allein als schusseliger Junggeselle, zu dem er immer mehr wurde, oder zusammen mit einer jüngeren Frau, die ihm wenigstens ein paar Kinder hätte schenken können, wäre er wahrscheinlich besser dran gewesen. Im Herzen war Kell auf Giles’ Seite, aber jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass er endlich umkehrte und zurück in die Stadt fuhr. Wie als Antwort auf sein stilles Gebet akzeptierte Amelias Mann seine Niederlage und ließ den Motor an.

»Da habe ich ja wohl keine Wahl«, sagte er leise. »Richten Sie Amelia bitte aus, dass ich hier gewesen bin.«

»Mach ich«, antwortete Kell und empfand eine seltsame, beinahe beunruhigende Verbundenheit mit seinem Leidensgenossen. »Ich wäre Ihnen trotzdem dankbar, wenn Sie sie übers Wochenende nicht anrufen und ihr keine E-Mail schicken.« Es war wie der Abschied von einem Freund, den er betrogen hatte. Giles nickte wie einer, der gerade die nächste einer langen Reihe von Demütigungen geschluckt hatte. »Amelia wird am Montag alles erklären.«

»Aber ja«, sagte Kell. »Das wird sie sicher tun.«

54

»Wer war das?«, fragte Barbara, als Kell ins Haus zurückkam.

»Amelias Mann«, antwortete er, nahm sich eine Flasche Heineken aus dem Kühlschrank und öffnete sie. »Er fährt zurück nach London. Gibt’s drüben was Neues?«

Kell deutete mit dem Kopf auf Amelias Haus, und ein beflissener Harold versuchte, nach seinem Fehler Punkte zu sammeln.

»CUCKOO ist nach oben gegangen«, sagte er. »In sein Zimmer, Koffer auspacken. Amelia hat ihm vorgeschlagen, vor dem Abendessen zu duschen, aber bis jetzt war er nur damit beschäftigt, sich selbst zu bewundern. Und an der Bettwäsche hat er geschnüffelt, ob sie auch frisch ist.«

»Ist die Bildqualität okay?«, fragte Kell und stellte sich hinter Elsa auf, die auf ihrem gewohnten Platz am Tisch saß. Er schaute hinauf zu den drei Monitoren, die Bilder aus CUCKOOs Schlafzimmer und Badezimmer übertrugen. Ganz rechts unten nahm Amelia gerade ein gebratenes Huhn aus dem Backrohr.

»Brauchst du einen Ton?«, fragte Harold.

»Erst wenn er redet. Hat er da drinnen ein Radio? Musik?«

»Nichts.«

Schweigend nebeneinander aufgereiht schauten Kell, Elsa und Harold CUCKOO wie hypnotisiert dabei zu, wie er ordentlich gefaltete Unterhosen und Sockenknäuel aus dem Koffer nahm und in einen Kleiderschrank am Bildrand legte. Er hängte drei Oberhemden auf Bügel und legte eine Leinenhose sauber gefaltet über die Rückenlehne eines Stuhls. Dann kamen noch ein Buch und ein gerahmtes Foto zum Vorschein. Kell nahm einen Schluck von seinem Bier.

»Wo ist Kevin?«, fragte er. »Habt ihr ihn über Funk erreicht?«

Harolds Stimme klang schuldbewusst. »Ja. Tut mir leid, Boss. Das war dilettantisch. Er parkt jetzt in der Parkbucht weiter oben, aber Giles’ Auto war schon durch, als er ankam. Wenn wieder so was passiert, gibt er uns sofort über Funk Bescheid. Tut mir leid, dass das Gerät ausgeschaltet war. Ich war beschäftigt mit den Livebildern, da hab ich’s vergessen …«

Kell entließ ihn aus seiner Not. »Kann passieren.«

Sie wandten ihre Aufmerksamkeit wieder der Übertragung aus dem Haus zu, die Gesichter erleuchtet von den flimmernden Bildern. In der Küche deckte Amelia einen Tisch für zwei. CUCKOO hatte inzwischen den Weg ins Badezimmer gefunden.

»Jetzt fallen die Hüllen«, witzelte Harold, aber keiner lachte darüber. Kell fragte sich, ob er getrunken hatte, um seine Nerven zu beruhigen.

»Was macht er da?«, fragte er.

In der rechten Hand hielt CUCKOO ein aufgeklapptes Notebook, das er auf einem Hocker neben der Dusche abstellte. Er verriegelte die Tür, nahm auf dem geschlossenen Klodeckel Platz und tippte eine Folge von Buchstaben ein.

»Können wir das sehen? Können wir sehen, was er da schreibt?«, fragte Kell.

»Es wird aufgezeichnet«, erwiderte Howard. Speziell zu diesem Zweck hatte er eine Kamera im Deckenlicht installiert. »Ich könnte rübergehen und es mir ansehen.«

»Tu das«, sagte Kell, aber in seiner Stimme schwangen Zweifel mit. Hatte Harold den richtigen Winkel gewählt? Es sah aus, als würde der Deckel die Tastatur verdecken. »Elsa, kommst du an die Daten ran?«

»Hier haben wir sie«, sagte sie, und er schaute nach unten auf ihr Notebook und sah auf dem Display eine codierte Auflistung der Internetaktivitäten in Amelias Haus. »Anscheinend hat er etwas zu verheimlichen«, sagte sie. »Warum sperrt er sich sonst ein?«

Ja, warum? CUCKOO brauchte fünf Minuten, um seine E-Mails auf Wanadoo anzuschauen. Elsa konnte nicht mit Sicherheit sagen, was er las oder schrieb.

»Es ist verschlüsselt«, sagte sie. »Ich müsste das Notebook auf Herz und Nieren untersuchen.«

»Morgen«, versprach ihr Barbara mit ihrer weichen, sanften Stimme, die ein willkommenes Korrektiv zur Anspannung im Raum war.

Kell drehte sich lächelnd um. Er war dankbar über Barbaras Teilnahme an der Operation; ihre Persönlichkeit und Festigkeit zwang die anderen, sich wie in Gegenwart einer ehrwürdigen Großmutter oder eines Familienoberhaupts zu benehmen. Auf einem der unteren Bildschirme entkorkte Amelia eine Flasche Wein.

»Moment mal.«

CUCKOO hatte den Laptop auf den Boden gestellt, ein Mobiltelefon aus der Hosentasche gezogen und das Gehäuse geöffnet. Jetzt langte er in das kleine Kartentäschchen seiner Jeans und zog eine SIM-Karte hervor.

»Wünsche gutes Gelingen«, murmelte Harold, als CUCKOO das Kärtchen in sein Telefon schob, das Gehäuse wieder schloss und auf den Powerknopf drückte. »Auf dem Grund des Marianengrabens hast du besseren Empfang.«

Das Team sah CUCKOO auf sein Handy starren. Er wartet auf ein Signal aus einem französischen Netzwerk, vermutete Kell. Nach zwei Minuten schaltete er das Gerät ab, nahm die SIM-Karte heraus und schob sie zurück in die Jeans.

Alle hatten jetzt denselben Gedanken. Kell wandte sich an Barbara. »Sie müssen das Ding morgen in die Finger kriegen. Um jeden Preis.«

»Na klar«, antwortete sie. »Ist im Service inbegriffen.«

55

Kell hatte den Wecker auf fünf gestellt und war vor Sonnenaufgang unten. Elsa saß in T-Shirt und kurzen Schlafanzughosen in der Bibliothek und überwachte die Infrarotbilder aus den dunklen Zimmern in Amelias Haus. Verwundert fuhr sie zu ihm herum.

»Hast du mir einen Schrecken eingejagt!«

Er blieb hinter ihr stehen.

»Sitzt du schon die ganze Nacht hier unten?«

Das Team hatte Amelia und CUCKOO beim Abendessen belauscht, Amelia als perfekte Verkörperung der liebenden Mutter, CUCKOO das textsichere Abbild François Malots. Gegen Mitternacht hatte CUCKOO gegähnt, war hinauf in sein Schlafzimmer gegangen und hatte sich unter Harolds erbarmungslosem Blick ein Vollbad einlaufen lassen – »Seifenschaum! Welcher Mann nimmt ein Schaumbad?« –, bevor er sich ins Bett gelegt und ein paar Seiten des vorher aus dem Koffer geholten Romans gelesen hatte. Amelia hatte Kell um halb eins noch einen Bericht gemailt und bestätigt, dass Barbara kurz nach neun am nächsten Tag ins Haus kommen sollte. Dann war Kell nach oben gegangen, wo Harold und Barbara längst in ihren Betten lagen und schliefen.

»Harold hat mich um drei geweckt«, sagte Elsa und ließ ein Kaugummi im Mund knallen. »Nichts passiert, hat er gesagt, CUCKOO sei kurz vor eins eingeschlafen.«

Kell schaute auf die Bildschirme. Er hörte die regelmäßigen Atemzüge des schlafenden CUCKOO und kam sich vor wie ein Arzt auf der Intensivstation.

»Von Amelia noch nichts zu sehen?« In Amelias Schlafzimmer und Badezimmer waren keine Kameras installiert, so viel Intimsphäre hatte Kell ihr gelassen.

Elsa schüttelte den Kopf.

»Nichts.«

Dabei war Amelia als Erste auf. Kurz nach sechs erschien sie in einem um die Hüften gegürteten Morgenmantel aus heller Seide in der Küche. Sie schaltete Radio 4 ein, machte sich eine Tasse Tee und entschwand wieder in ihr Schlafzimmer, wo sie für die Augen der Kameras unsichtbar war. Kurz darauf erschien Harold in der Bibliothek.

»Tag zwei im Big-Brother-Haus«, intonierte er mit unverwechselbarem Newcastle-Akzent. »Mrs Levene ist im ›Sprechzimmer‹.« Er ging hinüber zum Tisch, blieb hinter Elsa stehen und schaute hinauf zum Hauptbild aus dem Schlafzimmer der Zielperson. »CUCKOO schläft wie ein Murmeltier. Er ahnt noch nicht, dass für ihn heute Feierabend im Container ist.«

Kell lachte. Elsa verstand den Witz nicht.

»Was redest du da?«, fragte sie.

Es vergingen noch einmal zwei Stunden, bis CUCKOO erwachte, aus dem Bett kletterte, mit einer die Pyjamahose strapazierenden Morgenlatte ins Badezimmer stolzierte, sich selbst im Spiegel betrachtete, einen Punkt unterhalb des Kinns berührte, um schließlich seine Blase ins Klobecken zu entleeren.

»Na also«, sagte Harold. »Elvis muss mal für kleine Königstiger.«

Kell ging in die Küche, wo Barbara vollständig angekleidet am Küchentisch saß, ein Schälchen mit Müsli und Joghurt vor sich.

»CUCKOO ist aufgestanden«, sagte er zu ihr.

»Ja, ich hab’s gehört.«

Sie sah munter und konzentriert aus, ihr Make-up war leicht verändert, als hätte sie sich für die Rolle ganz bewusst ein anderes Gesicht zugelegt.

»Amelia erwartet Sie um neun«, sagte er. Er schaute auf die Uhr. »Das kommt prima hin. CUCKOO hat vor dem Schlafengehen noch ein Bad genommen; er dürfte dann bereits unten sein. Wie fühlen Sie sich?«

Er dachte an ihre erste Begegnung in Nizza, das schüchterne, entschuldigende Lächeln, die Emsigkeit und Schnelligkeit ihres Denkens. Ein paar Tage in der alten Heimat, weit weg von Bill, schienen wie ein Jungbrunnen gewirkt zu haben. Er war froh, sie mit im Boot zu haben.

»Oh, ich kann’s kaum erwarten«, sagte sie und grinste, als ihre Blicke sich begegneten. »Hoffentlich kriegen wir den Lumpen. Wollen wir hoffen, dass wir ihn wirklich kriegen.«

56

Vincent Cévennes – als François Malot verkleidet und eingeschleust, François Malot verkörpernd – saß allein in der Küche in Amelias Haus, als sich eine Gestalt der Haustür näherte und an die Glasscheibe klopfte. Den Bruchteil einer Sekunde lang glaubte er, François’ Mutter sei aus dem Garten zurückgekommen, aber schnell begriff er seinen Irrtum. Die Frau, die zum Fenster hereinschaute, hatte einen leicht gebeugten Rücken und war um einiges älter als Amelia – Mitte sechzig, schätzte er – und schien einer anderen sozialen Schicht anzugehören. Die Frau hielt einen Schlüsselbund hoch. Die Putzfrau, vermutete Vincent. Und er lag richtig.

»Guten Morgen«, sagte sie, und auf ihrem Gesicht unter dem weißen Haarschopf erstrahlte ein freundliches Lächeln. Sie trug Gummistiefel, und er vermutete, dass sie zu Fuß aus dem Dorf gekommen war. »Sie müssen François sein.«

Vincent erhob sich und gab ihr die Hand. »Ja«, sagte er und entschied sich blitzschnell für ein gebrochenes Englisch. »Wer sind Sie, bitte?«

»Sie schauen überrascht, mein Lieber. Hat Mrs Levene nicht gesagt, dass ich komme?«

Amelia trat in die Küche.

»Aha, ihr habt euch bereits bekannt gemacht. Barbara, ich bin so dankbar, dass Sie sich samstags Zeit für mich nehmen.«

»Aber das tu ich doch gern«, erwiderte Barbara, zog den Mantel und die Stiefel aus und trug sie in den Wirtschaftsraum. Vincent wandte sich an Amelia.

»Deine Haushälterin?«, fragte er.

»Meine Haushälterin.« Amelia deutete auf die Spüle. »Wegen diesem Berg Geschirr hier. Gestern Abend war ich zu müde. Sie ist ein Schatz, kommt wann immer ich sie brauche. Mein Bruder hat sie eingestellt, als er noch hier wohnte. Das Haus kennt sie wie ihre Westentasche, sie ist bemerkenswert fit für ihr Alter und denkt noch lange nicht ans Aufhören.«

»Und sie weiß, wer ich bin?«

Amelia lächelte und schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht.« Sie legte eine Hand auf Vincents Arm. »Für sie bist du Giles’ Patenkind und verbringst hier auf der Durchreise nach Cornwall das Wochenende. Ist das okay?«

»Perfekt«, antwortete Vincent.

Barbara kam zurück. Sie trug jetzt ein paar alte Tennisschuhe und einen Nylonkittel. Es entwickelte sich der übliche Smalltalk. Vincent schaute hoch, als Amelia auf den Wasserkocher drückte, um für die Reinmachefrau eine Tasse Tee zu kochen, von der sie wusste, dass sie ihn mit Milch ohne Zucker trank. Aus einer Blechdose nahm sie ein Stück Shortbread. Amelia war bemüht, ihn in ihren ermüdenden Plausch einzubeziehen, aber Vincent – der so tat, als hätte François Malot nie Englisch gelernt – konnte und mochte sich nicht daran beteiligen. Überhaupt nahm er ihr Barbaras Anwesenheit ein bisschen übel, nicht weil sie ein Hindernis für die Operation dargestellt hätte, sondern weil Amelia es nicht für nötig gehalten hatte, ihn darüber zu informieren, dass eine fremde Person zu ihnen ins Haus kommen würde. Er hoffte, dass sie nicht zu lange blieb. Als Barbara ein paar gelbe Gummihandschuhe überstreifte und sich anschickte, den Abwasch zu machen, verabschiedete sich Vincent aus der Küche und ging wieder nach oben, schloss sich ins Badezimmer ein, bootete das Notebook hoch und suchte nach neuen Nachrichten auf dem Server. Er schickte eine E-Mail an Luc, um ihn über das Eintreffen der Haushälterin zu informieren, dann rasierte er sich mit dem elektrischen Rasierer, den er über Nacht aufgeladen hatte. Das gehörte zu den kleinen Varianten von Vincents morgendlichen Gewohnheiten. François, hatte er entschieden, zog die dunkleren Stoppeln vor, die ein Elektrorasierer hinterließ, während Vincent selbst der größeren Gründlichkeit des Nassrasierers den Vorzug gegeben hatte. Er hatte das Aftershave gewechselt, zu rauchen angefangen – Lucky Strike Silver, François’ Marke – und den Siegelring der Cévennes vom kleinen Finger seiner rechten Hand gezogen. All das waren kleine, aber wesentliche Gesten, sie halfen Vincent bei seinen »chamäleonischen Wandlungen«, wie er das mit einem gewissen Vergnügen nannte. Er klappte den Deckel des Computers zu, ließ Leitungswasser in ein Glas laufen und trank, während er über den vor ihm liegenden Tag nachdachte. Bis jetzt konnte er erleichtert feststellen, dass das Wochenende wie geplant verlief. Das Abendessen gestern war ein voller Erfolg; er spürte, dass es ihm gelungen war, die in Tunesien begonnene Beziehung zwischen François und Amelia zu festigen. In den vor ihm liegenden vierundzwanzig Stunden ging es darum – wie mit Luc abgesprochen –, die Basis für einen möglichen Umzug nach London zu schaffen. Dazu brauchte er eine passende Gelegenheit, vielleicht ein Essen heute Abend oder ein Mittagessen am Sonntag vor seiner Rückreise nach Paris.

Es gab für Vincent nur eine Sache, in die er Luc nicht einweihen durfte. Letzte Nacht hatte er gegen ein seltsam beunruhigendes Gefühl der Lust auf Amelia ankämpfen müssen, eine Anomalie, die er – bei Tageslicht betrachtet – dem Alkohol und der Einsamkeit in seiner Situation anlastete. Mindestens einmal wöchentlich brauchte er eine Frau – das wusste er seit seiner Zeit als Student auf der Akademie –, aber gerade Stresssituationen vermochten ein solches Verlangen auch zur Unzeit in ihm zu wecken.

Einfach ignorieren, sagte er sich und trat wieder vor den Spiegel, um noch einen prüfenden Blick auf seine Erscheinung zu werfen. Dann putzte er sich die Zähne, bürstete sich die Haare und ging zurück nach unten in die Küche.

57

»Wir könnten zum Beispiel nach Salisbury fahren«, sagte Amelia, und Kell hörte ihre Stimme aus den Lautsprechern in der Bibliothek des Shand-Hauses, »und uns die Kathedrale ansehen, wenn es dich interessiert. Oder wir gehen spazieren. Es gibt haufenweise Pubs in der Gegend, falls wir Hunger kriegen. Wonach steht dir der Sinn?«

Amelia saß CUCKOO im Wohnzimmer gegenüber, eine Tasse Kaffee vor sich. In zwölf Stunden Zusammensein hatte sie noch keinen Fehler gemacht: die liebende Mutter, die perfekte Gastgeberin. CUCKOO, der nicht die Hose trug, in der die SIM-Karte steckte, rauchte eine Zigarette, eine Gewohnheit, die Barbara zu neuen Höhenflügen des Sarkasmus animiert hatte.

»Aha, ein Raucher«, hatte sie beim Anblick von CUCKOOs Lucky Strike Silver auf dem Küchentisch zu Amelia gesagt. Sie machte ihre Bemerkungen in Hörweite von CUCKOO, der so tat, als würde er sie nicht verstehen. »Es liegt mir fern, einen Franzosen daran zu hindern, sich umzubringen, aber sagen Sie doch Mr Levene, er soll ein bisschen mehr auf die Gesundheit seines Patenkinds achtgeben.«

Zur rechten Zeit war es Amelia gelungen, CUCKOO zu einer – wie sie es nannte – »kurzen Runde um das Dorf« zu überreden. Die von Kell bevorzugte Option, ein Mittagessen in Salisbury, war abgelehnt worden.

»Wir haben also im besten Fall eine Stunde«, berichtete er dem Team. »Je nachdem wie lange Amelia ihn vom Haus fernhalten kann. Wir gehen rein, sobald sie am Tor sind.« Kevin Vigors war als Wachposten damit beauftragt, ihnen in diskretem Abstand zu folgen, um Kell für den Fall, dass sie plötzlich umkehrten, rechtzeitig warnen zu können. Amelia trug kein Funkgerät bei sich, um mit dem Team Kontakt aufzunehmen. Das war MI6-Standard; wenn CUCKOO es entdeckt hätte, wäre das Spiel aus gewesen.

Es dauerte noch eine Stunde, bis sie das Haus verließen, eine Wartezeit, in der Elsa und Harold, die ihr technisches Gerät in drei kleinen Taschen verstaut hatten, letzte Checks durchführten, während Vigors die Livebilder im Auge behielt. Als die alte Wanduhr in Amelias Flur halb elf schlug, verließen Amelia und CUCKOO in grünen Gummistiefeln und dazu passenden Barbour-Jacken endlich das Haus.

»Sie kommen in weniger als einer Minute vorbei«, verkündete Kell. Er sah Elsas Gesicht, den harten Zug um ihren Mund, die absolute Konzentration, und sie kam ihm wie eine andere Person vor. Harold, sonst der ewige Witzbold, ging in der Küche auf und ab, wartete auf das Kommando. Vigors – schon draußen im Garten – klickte zweimal mit dem Funkgerät, das Signal, dass CUCKOO und Amelia auf Höhe des Shand-Hauses waren.

»Alles okay?«, fragte Kell, ein Versuch, dem Team das Gefühl der Ruhe und des gemeinsamen Ziels zu vermitteln, obwohl er selber ein nervöses Kribbeln unter der Haut spürte. So war es immer, das Warten hatte etwas Grausames. Wenn sie erst im Haus wären, wenn sie arbeiteten, würde es ihm besser gehen.

Drei scharfe Klicks auf Vigors Funk. CUCKOO und Amelia waren an dem Tor angekommen, das die Dorfgrenze mit einer Weide verband, die sich nach Osten in Richtung Ebbesbourne St. John erstreckte. Kell war im Flur. Harold kam an die Küchentür und sah ihn an, wartete auf das Kopfnicken. Er hatte sich eine der Gerätetaschen über die Schulter gehängt, Elsa trug die beiden anderen. Kell zählte leise bis zehn, dann öffnete er die Tür.

Durch den Garten brauchte man neunzig Sekunden vom Shand-Haus bis zu CUCKOOs Schlafzimmer. Kell hatte die Zeit gestoppt. Harold war als Erster am Tor, stieß es auf und lief quer über Amelias Rasen zum Haus.

Barbara hatte die Hintertür bereits aufgestoßen. »Schuhe aus«, befahl sie, als sie vor der Tür standen. Sie überprüfte die Hosenbünde auf Schmutz, erklärte sie für sauber, und fünfzehn Sekunden später standen Elsa und Harold in CUCKOOs Schlafzimmer.

58

»SIM«, sagte Kell.

Barbara war bereits in CUCKOOs Zimmer gewesen und hatte die SIM-Karte in der kleinen Vordertasche der Jeans gefunden. Vor der alten Standuhr überreichte sie ihm den Chip.

»Viel Spaß damit«, sagte sie.

Kell brachte ihn hinauf ins Schlafzimmer und gab ihn Harold. Eine der Gerätetaschen hatte Harold draußen auf dem Flur stehen gelassen. Jetzt nahm er einen alten MI6-Decoder heraus, schaltete ihn ein, steckte die SIM-Karte in den Schlitz und stellte das Gerät auf »Kopieren«. Kell überließ ihn seiner Arbeit. Elsa hatte inzwischen einen Computer und ein Bündel Kabel in verschiedenen Farben und Stärken herausgeholt, von denen sie eins mit der Steckdose verband. Dann nahm sie CUCKOOs Laptop aus der schwarzen Ledertasche und klappte den Deckel auf. Kell sah ihr zu, ohne sie zu stören. Ziel war es, die Verschlüsselung des DGSE zu knacken und den gesamten Inhalt der Festplatte auf ihren Hauptcomputer zu übertragen. Harold hatte währenddessen die Bilder bearbeitet, die seine im Badezimmer installierte Kamera von CUCKOOs Tastatur beim Eingeben des Passworts gemacht hatte. Das vergrößerte Bild ließ drei Möglichkeiten zu.

Elsa versuchte es mit der ersten – dem französischen Wort »DIGESTIF«, gefolgt von einer dreistelligen Zahl –, aber die Firewall hielt stand. Ihr zweiter Versuch, bei dem sie die »2« am Anfang durch eine »3« ersetzte, brach den Schutz.

»Sie hatten Erfolg, Harold«, sagte Elsa ohne Triumph oder Euphorie im Tonfall.

»Sind Sie drin?«, fragte er.

»Ich glaub ja.« Sie sprach schnell, stolperte über die Wörter. »Der zweite Code hat eine andere Oberfläche geöffnet.«

Kell sah sich im Zimmer um. Die Welt der technischen Dinge – der Festplatten-Verschlüsselungen oder Telefonortungen – war ihm so fremd wie der Dialekt eines vergessenen Eingeborenenstamms im Amazonasgebiet. Während seiner ganzen Karriere war er sich in der Gegenwart von Techniker-Teams und Computer-Genies immer jämmerlich unwissend vorgekommen. Er überließ Elsa ihrer Aufgabe, die Daten von CUCKOOs Laptop zu transferieren, und sah sich im Zimmer um, prägte sich ein, was es hier zu sehen gab. Manche Dinge kannte er schon aus CUCKOOs Zimmer im Ramada: die Kleinbildkamera, das goldene Feuerzeug mit den eingravierten Initialen »P.M.«, die gerahmte Fotografie von Philippe und Jeannine Malot, den Taschenkalender, dessen Seiten er fotografiert und an Jimmy Marquand geschickt hatte. Neben einer Flasche Highland Spring Mineralwasser lagen auf dem Nachttisch die französische Übersetzung eines Krimis von Michael Dibdin und ein Paar Ohrenstöpsel. Kell schlug das Buch auf und – siehe da – der falsche, angeblich von seinem Vater am 4. Februar 1999 an François geschriebene Brief fiel heraus. In einer Kommode lag zwischen den Socken und Unterhosen, die er gestern Abend ausgepackt hatte, CUCKOOs falscher Pass. Seine Lederjacke hing an einem Haken hinter der Tür, neben einem Morgenmantel aus weißer Baumwolle. Im Badezimmer dasselbe: die Rasiersachen, Tabletten und das Fläschchen Valium, die Kell bereits aus Tunis kannte. Wie leicht hatte er sich an der Nase herumführen lassen.

»Kommst du weiter?«, fragte er Harold, der immer noch im Flur über den Decoder gebeugt saß, die Stirn in Falten gezogen.

»Noch mindestens eine Viertelstunde«, antwortete er.

»Und du?«

»Dasselbe gilt für mich«, erwiderte Elsa. »Nur die Ruhe, Tom. Bitte.«

Kell bekam das Gefühl, sich in Angelegenheiten zu mischen, auf die er keinen Einfluss hatte. Er ging nach unten, entfernte die Schuhe aus dem Flur und stieß auf Barbara, die pflichtschuldigst den Staubsauger auf dem Wohnzimmerteppich hin und her bewegte.

»Irgendeine Spur von CUCKOOs Handy?«, fragte er.

»Nichts«, antwortete sie. »Er wird es mitgenommen haben.«

59

Barbara lag richtig.

Vor dem ersten Zaunübertritt auf der Wiese, in etwa vierhundert Metern Entfernung vom Shand-Haus, langte CUCKOO in die Hosentasche, holte das Mobiltelefon hervor und schaltete es ein.

»Ich fürchte, du bekommst hier kein Signal«, sagte Amelia und streckte ihre Hand aus, um sich beim Zaunübertritt Halt geben zu lassen. »Ich muss immer bis Fovant fahren, um meine Nachrichten zu lesen. Manchmal kriegt man auf dem Hügel ein schwaches Signal.«

Sie deutete nach vorne, in die Richtung von Ebbesbourne St. John.

»Und warum lässt du dir keinen Booster in dein Haus einbauen?«, fragte CUCKOO etwas verwundert. »Legt der MI6 keinen Wert auf Kontakt mit dir?«

»Das ist der tiefere Sinn dieses Hauses.« Amelia sah CUCKOO dabei zu, wie er ein Bein über den Zaun schwang, ihr nachkletterte. »Einsamkeit. Rückzug. Ich brauche einen Ort, wo mich keiner findet. Ich brauche meine Privatsphäre. Hast du eine Ahnung, wie das ist, ständig den Textnachrichten, Anrufen auf dem Blackberry, endlosen E-Mails von Kollegen ausgeliefert zu sein? Meine Wochenenden sind mir heilig. Ab nächsten Monat, wenn ich der Boss bin, postieren sie Sicherheitsleute draußen auf der Straße, rüsten das Haus mit Überwachungskameras aus. Das sind jetzt auf Jahre hinaus die letzten Augenblicke der Einsamkeit für dich und mich.«

Mit diesem geschickt gesetzten Nachsatz gab Amelia CUCKOO das Gefühl, dass sie ihre Beziehung bis weit in die Zukunft projizierte. Mit Verwunderung stellte sie fest, welchen Spaß ihr der Rollentausch machte; sie hatte befürchtet, dass seine Gegenwart sie krank machen würde, aber schon nach wenigen Minuten in ihrem Haus war CUCKOO für sie nicht viel mehr als ein Codename gewesen. Das, was ihr an ihm so liebenswert erschienen war – seine Sensibilität, die Schüchternheit, sein vorsichtiger, forschender Geist –, sah sie jetzt als Schwächen. Die meisten seiner Gesprächsbeiträge kamen ihr mit einem Mal langweilig und nicht sonderlich geistreich vor; Anekdoten und Scherze wiederholten sich bereits. Sein gutes Aussehen, auf das sie vor Kurzem – zu ihrer Beschämung – noch stolz gewesen war, erschien ihr jetzt wie ein Indiz für eine extreme, an blanken Narzissmus grenzende Eitelkeit. Der Prozess, der Amelia gelehrt hatte, CUCKOO zu verachten, unterschied sich nicht wesentlich vom Prozess der Entfremdung in einer Liebesbeziehung, dachte Amelia. Alles was sie an ihm bewundert hatte, war ihr inzwischen zuwider. Sie fühlte nur noch die unwiderrufliche, aus Scham geborene und von der Angst um François gespeiste Entschlossenheit, ihn zu zerstören.

»Merde«, schimpfte er.

CUCKOO klopfte seine Hosentaschen vorne und hinten ab und durchsuchte die Innentaschen seiner Barbour-Jacke.

»Was ist los?«

»Meine Zigaretten. Ich habe sie liegen lassen.«

Ein Schreck durchzuckte Amelia.

»Ist doch egal. Ich kann deine Qualmerei eh nicht ausstehen.«

Er schaute sie mit jäher, düsterer Verächtlichkeit an, als hätte sie ihn verraten.

»Wie? Nicht mal an der frischen Luft?« Zum ersten Mal wurde er ihr gegenüber etwas lauter. Woher kam der plötzliche Stimmungswechsel? Hatte er Verdacht geschöpft, dass im Haus etwas vor sich ging, und nahm die Zigaretten als Vorwand? Aber dann schien CUCKOO sich seiner guten Manieren zu erinnern, und der charakteristische Charme war wieder da. »Ich rauche eben gerne beim Spazierengehen. Es entspannt mich, bringt mich auf andere Gedanken.«

»Na klar«, sagte Amelia. »Aber wir sind ja bald wieder zu Hause.« Sie deutete auf ein kleines Wäldchen einen halben Kilometer westlich. »Dort hinten machen wir kehrt.«

CUCKOO trat von einem Fuß auf den anderen. »Nein, ich laufe schnell zurück«, sagte er, und bevor Amelia ihn zurückhalten konnte, hatte er sich über den Zaun geschwungen und stürmte in Richtung Haus davon. In dem Tempo war er in unter einer Minute dort. Sie schaute zurück in das Tal. Von Kevin Vigors war nirgends etwas zu sehen.

»François!«

CUCKOO blieb stehen, drehte sich missbilligend um.

»Was ist?«

In aller Gemütsruhe kletterte Amelia über den Zaun und ging langsam auf ihn zu, sich mit jedem ihrer Schritte Zeit kaufend. Erst als sie sich ihm auf wenige Meter genähert hatte, langte sie in ihre Jackentasche und zog den Schlüsselbund hervor.

»Die wirst du brauchen.«

»Barbara lässt mich schon rein«, erwiderte er, drehte sich um und lief weiter. »Bin in fünf Minuten wieder da.«

Amelia blieb nichts anderes übrig, als ihm nachzuschauen und zu warten.

60

Keine zweihundert Meter entfernt, versteckt hinter ein paar Haselnusssträuchern, sah Kevin Vigors CUCKOO in Richtung Haus laufen und funkte die Meldung direkt an Kell weiter.

»Alarmstufe rot«, sagte er. »CUCKOO auf dem Rückweg.«

»Was? Wieso das?«

»Keine Ahnung, aber ihr müsst machen, dass ihr rauskommt. Er braucht keine Minute mehr bis zur Haustür.«

»Kannst du ihn aufhalten?«

»Dann riecht er Lunte. Verzieht euch einfach aus seinem Schlafzimmer.«

Kell stand im Wohnzimmer. Er ging in die Küche, öffnete den Abfalleimer, zog den vollen Beutel heraus und reichte ihn Barbara.

»Gehen Sie raus«, sagte er, schnappte sich einen Stoß Zeitungen vom Küchentisch, dazu Elsas und Harolds Schuhe, ein Rezeptbuch vom Regal über dem Herd, stopfte alles zusammen in den Müllbeutel, bis er voll war. »Gehen Sie ein Stück die Straße rauf Richtung Shand-Haus. Zwischen den Häusern stehen schwarze Mülltonnen. CUCKOO kommt zurück. Sie müssen ihn aufhalten, sonst reicht uns die Zeit nicht. Er soll Ihnen mit dem Abfall helfen.«

Barbara nickte wortlos, eilte zur Tür, stieg die Steinstufen hinauf zur Straße und ging langsam den Hügel hinab Richtung Nachbarhaus, während Kell sich den Staubsauger aus dem Wohnzimmer schnappte und ihn wie ein übergroßes Kind auf den Armen nach oben trug.

»Macht, dass ihr hier rauskommt«, rief er Elsa und Harold zu und verband den Hoover mit einer Steckdose im Flur. »Und lasst nichts liegen. Wir gehen in Amelias Zimmer.« Er riss eine der Gerätetaschen vom Fußboden hoch, hörte Harold »gottverfluchte Scheiße« rufen, sah ihn die Dechiffriermaschine hochnehmen und an ihm vorbei durch den Flur tragen. Harold war gleich wieder da, warf die restlichen der Geräte in eine zweite Tasche, schwang sie sich über die Schulter und spurtete hinüber ins Hauptschlafzimmer.

Kell hörte drei Klicks aus dem Funkgerät. CUCKOO war bereits am Gartentor. In zwanzig Sekunden würde er auf der Höhe von Caroline Shands Haustür, in vierzig vor der Hintertür von Amelias Haus sein.

Elsa flüsterte immer wieder das italienische Wort für Scheiße vor sich hin, während sie den DGSE-Laptop zuklappte und in die lederne Tragetasche schob.

»Schnell«, zischte Kell, der lose Verbindungsschnüre in die dritte Tasche stopfte. Er riss das Kabel ihres Computers aus der Steckdose, stieß Elsa zur Zimmertür hinaus und lud ihr die Tasche auf die Arme. Den Hoover ließ er im Flur stehen, damit es so aussah, als wäre Barbara schon hier oben beim Reinemachen. »Los, los«, sagte er.

CUCKOOs Zimmer war jetzt leer. Kell suchte den Teppichboden mit Blicken ab. Ein kleines gelbes Stück Plastik lag unter der Kommode. Er nahm es hoch und steckte es sich in die Tasche. Ein starker Geruch nach Schweiß und Arbeit schien ihm in der Luft zu liegen, und ob der Duft nach Elsas Parfüm tatsächlich noch durch den Raum oder nur durch seine Erinnerung schwebte, vermochte er nicht zu sagen. Er riss das Fenster auf, als hätte Barbara gelüftet, und vergewisserte sich, dass im Badezimmer nichts liegen geblieben war.

Zwei Klicks aus dem Funkgerät. CUCKOO war auf Höhe des Shand-Hauses.

Kell warf einen Blick aus dem Badezimmerfenster und sah ihn die Straße entlangkommen. Er drehte sich um, ging hinaus in den Flur, erreichte den Treppenabsatz, verschwand in Amelias Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu.

Jetzt erst fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, die SIM-Karte in CUCKOOs Jeans zu stecken.

61

Barbara sah CUCKOO kommen, als sie auf die Mülltonnen zuging. Er passierte, nicht mehr joggend, das Shand-Haus und machte ein überraschtes Gesicht, als er Amelias Aufwartefrau mit dem Gewicht eines Müllsacks kämpfend die Straße entlangkommen sah.

»Alles okay?«, rief er ihr entgegen.

Barbara wankte – um des optischen Eindrucks willen etwas schräg geneigt – auf die Mülltonnen zu und nickte in einer Demonstration stoischen Durchhaltewillens mit dem Kopf.

»Wo kommen Sie denn her, mein Lieber?«, fragte sie und pflanzte CUCKOO den Müllsack mitten in den Weg.

»Rauchen holen«, sagte er, eine imaginäre Zigarette zum Mund führend. »Ich kann helfen?«

Manieren hat er wenigstens, dachte Barbara und brach in eine überschwängliche Dankesrede aus, als CUCKOO den Sack hochhob und das kleine Stück zu den Mülltonnen am Straßenrand trug.

»C’est lourd«, sagte er. Verflucht schwer. Und wie zur Bestätigung hielt sich der Franzose den Bizeps, als hätte er sich verhoben. Eine Sekunde lang verspürte Barbara Lust, ihm auf Französisch zu antworten, aber sie beherrschte sich und spielte brav ihre Rolle weiter.

»Das ist wahnsinnig nett von Ihnen, François«, sagte sie, jedes einzelne Wort betonend, als würde sie zu einem Kind sprechen. »Was hab ich für ein Glück, dass ich Ihnen begegnet bin.« Sie war sich nur zu bewusst, dass keine zwanzig Meter entfernt hinter den Fenstern des ersten Stocks Kell, Elsa und Harold gerade in größter Hektik das Gästezimmer räumten. Sie lenkte CUCKOOs Blick mit einer strengen Ermahnung zum Boden. »Na, es kommt überhaupt nicht in Frage, dass Sie mit den schmutzigen Schuhen ins Haus gehen.«

Es kam dem britischen Geheimdienst in dem Moment sehr gelegen, dass CUCKOO so tun musste, als hätte er sie nicht verstanden.

»Was, bitte?«, sagte er. »Ich nicht verstehe.«

Barbara wiederholte die Ermahnung und schindete noch mehr kostbare Zeit für das Team heraus, indem sie ihm in einem Englisch auf Kindergartenniveau umständlichst erklärte, dass sie in Mrs Levenes Haus keine schmutzigen Schuhe duldete.

»Kommen Sie«, sagte sie schließlich unter Aufbietung allen Charmes und Schalks, die sie schon bei ihrem kurzen Zusammentreffen mit dem Portier des Gillespie versprüht hatte. Sie griff nach CUCKOOs Arm und führte ihn langsam die Straße entlang in Richtung Hauseingang. Vor der Hintertür, die noch angelehnt war, deutete sie noch einmal auf seine Schuhe.

»Ihre Zigaretten liegen auf dem Tisch, oder?«

CUCKOO deutete auf das Päckchen Lucky Strike, das tatsächlich auf dem Küchentisch lag, halb verdeckt von einer Pfeffermühle und einem Zuckertopf.

»Ich hol sie Ihnen«, sagte sie und zwängte sich durch die Tür. »Dann müssen Sie das Haus gar nicht betreten.«

»Und die Feuerzeug«, sagte er. »Brauche auch Feuerzeug.«

Sie reichte ihm die Zigaretten durch die Tür und fragte, wo das Feuerzeug lag.

»In meinem Zimmer«, antwortete CUCKOO. »Aber ich kann holen.«

»Nein, nein, mein Lieber, Sie bleiben hier.« Barbara stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo es wieder geisterhaft still war. In CUCKOOs Zimmer sah sie das goldene Feuerzeug auf der Kommode liegen, schob es in die Vordertasche ihres Kittels und ging wieder hinunter in die Küche.

»Voilà!«, rief sie mit triumphaler Miene und reichte das Feuerzeug über die Schwelle. Sie ließ es klingen wie das einzige französische Wort, das sie kannte. »Und jetzt gehen Sie schnell zurück zu Mrs Levene. Sie wird sich schon fragen, wo Sie so lange bleiben. Und falls wir uns nicht mehr sehen, ich habe mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Genießen Sie das restliche Wochenende und kommen Sie gut wieder nach Paris.«

62

In Amelias Badezimmer – flach an den Boden gepresst, um nicht durch das Fenster gesehen zu werden – lauschten Kell, Elsa und Harold der murmelnden Unterhaltung zwischen Barbara und CUCKOO. Sie atmeten langsam, fast geräuschlos wie schlafende Camper in einem Drei-Mann-Zelt, hörten Barbara die Küchentür zuklappen und CUCKOOs Schritte, als er zurück zur Straße ging, um sich auf den Rückweg zu der Wiese und Amelia zu machen. Etwa eine Minute später erhielt Kell zwei leise Klicks auf dem Funkgerät. Nach einer Pause bestätigte Vigors mit drei weiteren Klicks, dass CUCKOO auf seinem Weg zu Amelia das Gartentor passiert hatte.

Kell wartete noch eine Minute, bevor er es wagte, den Bann der Stille zu brechen. Er stand leise fluchend auf und schaute hinunter auf Elsa und Harold. Langsam, wie Überlebende eines Erdbebens, rappelten die beiden sich auf.

»Cazzo«, flüsterte sie.

»Das war arschknapp«, sagte Harold, und Elsa machte »Pssst«, als könnte CUCKOO noch im Nebenzimmer sein.

»Entwarnung«, erwiderte Kell und öffnete die Badezimmertür. »Er ist auf der Wiese.«

Barbara erschien auf dem Treppenabsatz.

»Mit Verlaub«, sagte sie, »aber wie konnte solch eine Scheiße passieren?«

»Was hat er denn gewollt?«, fragte Elsa.

»Seine Zigaretten«, antwortete Barbara. »Er brauchte seine Scheißzigaretten. Wenn der nach oben gekommen wäre …«

»Hätt’ ich ihm Feuer gegeben«, murmelte Harold, und jeder machte sich wieder an seine Arbeit.

63

Am nächsten Morgen wurde Akim von den Geräuschen geweckt, die Luc und Valérie beim Vögeln im Nebenzimmer machten. Immer dasselbe: Luc keuchte immer hektischer, knallte mit dem Schädel gegen das Kopfbrett, Valérie dämpfte ihr Stöhnen mit dem Laken oder einem Kopfkissen. Wie ein Teenager oder eine frisch verheiratete Braut brauchte sie es zweimal täglich. Beim Inlandsgeheimdienst ausgemustert, war Valérie der blinde Passagier bei der Operation, vom Boss mit hereingenommen, weil er ohne sie nicht funktionierte, aber – so viel wusste Akim – vor Lucs Chefs beim DGSE verheimlicht. Selbst Vincent hatte sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen. Luc, der nur zu gut wusste, dass Paris beim geringsten Verdacht, Valérie könnte in die HOLST-Operation einbezogen sein, den Stecker ziehen würde, hatte ihn auf absolute Verschwiegenheit eingeschworen.

Akim sah auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach sechs am Sonntagmorgen. Er hätte ganz gern noch eine Stunde geschlafen. Jetzt dachte er nur noch ans Vögeln und fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er zurück nach Marseille durfte.

»Arschlöcher«, murmelte er und hoffte, seine Stimme würde bis ins Nachbarzimmer tragen und dem Knarren des Betts, dem leisen Quietschen der Bettfedern ein Ende machen. Endlich entrang sich Lucs Kehle ein Stöhnen, lauter und länger als an den bisherigen Morgen, und das Bett stand wieder still wie ein Auto in der Parkbucht. Augenblicke später watschelte Valérie auf nackten Füßen nach nebenan und drehte den Hahn des Bidets auf. Akim hörte Luc mehrmals husten, dann erklang leise Radiomusik. Jeden Tag dasselbe.

Akim musste um Viertel nach sieben zur Tagschicht antreten, Slimane ablösen. Vor drei Tagen hatte Slimane mit dem Gefangenen gesprochen, als Akim nach unten gekommen war; HOLSTs Tür hatte sperrangelweit offen gestanden, seine Augen waren gefüllt mit Wut und Tränen. Als Akim seinen Kollegen auf einem Spaziergang um das Haus um eine Erklärung bat, erzählte ihm Slimane lachend, als wäre es die lustigste Sache der Welt, dass er François aufgezogen habe mit der Geschichte in Ägypten und dem, was sie mit seinen »falschen Eltern« angestellt hatten. Akim, der zu François eine Zuneigung gefasst hatte, ihn respektierte für seine Haltung seit der Entführung in Paris, stürzte sich in jäher Wut auf seinen Kollegen und verschaffte damit auch dem Druck und der Anspannung ihrer Isolation etwas Luft. Die beiden Männer rollten raufend über den Boden wie Schuljungen auf der Straße, um nach zwei Minuten erstaunt innezuhalten und sich anzuschauen, über den Schmutz und Staub auf ihren Klamotten zu lachen und die Fliegen zu verjagen, die ihnen um die Köpfe surrten.

»Was juckt mich dieser Scheißkerl?«, sagte Slimane, bevor sie blitzschnell hinter einem Gebüsch in Deckung gingen, weil draußen ein Traktor vorbeifuhr.

Was juckt mich dieser Scheißkerl? Akim hatte lange über diese Frage nachgedacht. Juckt mich, was mit François passiert? Sollte es das? Er hatte François’ Dad geschlagen. Das wusste er. Aber Slimane hatte die Klinge geführt in Ägypten, und auch in der Cité Radieuse war es Slimane gewesen, der den Spion töten wollte. Auf keinen Fall sollte jemand denken – schon gar nicht François –, dass er und Slimane aus demselben Holz geschnitzt waren. Akim war ein Soldat, er tat, was man ihm befahl, war loyal gegenüber dem, der ihn bezahlte. Bei Slimane wusste man nie, wo seine Loyalitäten lagen, was er dachte, welche verrückten Sachen er im nächsten Augenblick anstellte.

Was juckt mich dieser Scheißkerl? Akim war gestern Abend mit dem Gedanken eingeschlafen, dass er HOLST vielleicht töten musste. Ob das der Grund für seine Unruhe war? Er wollte das nicht tun, aber er hielt Luc und Valérie für verrückt genug, ihm diesen Befehl zu geben, nur um seine Loyalität zu testen. Es war gegen sieben gewesen, Luc hatte gerade sein abendliches Schwimmpensum absolviert, da war ihm ein Dokument aus Paris ausgehändigt worden, das einen effektvollen Schlussstrich unter die erste Phase der Operation zog. Es war das Transskript eines Gesprächs in Christophe Delestres Wohnung in Montmartre, sechs Tage zuvor von einem Mikrofon des DGSE aufgenommen, aber dank einer der für Paris typischen Schlampereien erst jetzt bei Luc eingetroffen. Es handelte sich um ein Gespräch zwischen Delestre und seiner Frau mit einem MI6-Agenten namens »Thomas Kell«. Dieser Kell – das war Luc sofort klar gewesen – war identisch mit dem Stephen Uniacke, der Vincent auf der Fähre angesprochen hatte, identisch mit dem Mann, den er sich zusammen mit Slimane in der Cité Radieuse vorgeknöpft hatte. Kell hatte Delestre aufgestöbert, ihm ein Foto von Vincent gezeigt und herausgefunden, dass HOLST ausgetauscht worden war. Luc war nach unten gelaufen gekommen – den Morgenmantel lose um die Hüften gebunden, die nackten Füße Wasserspuren hinterlassend – und hatte nach Valérie gerufen.

»Scheiß MI6«, schrie er. »Scheiß Amelia Levene. Ich hab’s gewusst. Sie ist dahintergekommen. Sie wissen Bescheid über das zweite Begräbnis.«

Nach einem heftigen Streit zwischen den beiden war Luc nach Castelnaudary ins Internetcafé gefahren, hatte sich für eine halbe Stunde einen Rechner gemietet und eine E-Mail an Vincents Server geschickt.

Sie wissen von dem zweiten Begräbnis, Stephen Uniacke ist ein MI6-Agent namens Thomas Kell. Er hat Delestre in Paris ausfindig gemacht. Levene weiß darüber Bescheid und verarscht dich. Sofort abbrechen. Sondertreff Sonntagnacht, null Uhr.

Als er gegen neun zurück war, hatte es so ausgesehen, als würden sie alles abbrechen und nach Hause fahren. Bis Valérie getan hatte, was sie so gerne tat. Sie hatte Luc etwas eingeredet.

»Hör mal, es hat sich doch nichts geändert«, sagte sie und lächelte wie eine, die genau wusste, dass am Ende alle ihrer Meinung waren. »Die Operation läuft unter strikter Geheimhaltung. Nur sechs oder sieben Kollegen in Paris sind in die Einzelheiten des Operationsziels eingeweiht. Selbst das Élysée ist ahnungslos. Hab ich recht?«

»Du hast recht«, bestätigte Luc leise.

»Gut. Du brichst die Aktion also einfach ab, teilst ihnen mit, dass wir uns um François kümmern. Paris wird enttäuscht sein, kein Druckmittel gegen Levene in die Hand zu bekommen, und dich nach deiner Rückkehr zu einem Verhör einbestellen. Aber du kehrst nicht zurück. Scheiß auf Paris. Wir lassen François noch ein paar Tage am Leben und schicken der Levene eine Lösegeldforderung. Er ist ihr jede Summe wert.«

Als Luc antwortete: »Der MI6 zahlt keine Lösegelder«, rastete Valérie aus.

»Du redest gequirlten Scheiß.« Akim warf einen schnellen Blick auf Slimane, der grinste, als wäre das alles ein großer Spaß. »Die ist mit einem Millionär verheiratet. Und sie hat Zugriff auf zig Millionen Dollar auf den MI6-Auslandskonten. Glaub mir, die zahlt. Die zahlt, weil wir sie dazu zwingen. Weil sie weiß, dass wir ihren Sohnemann alle machen, wenn sie nicht zahlt. Reicht doch als Motivation, oder?« Beißender Sarkasmus würzte die Luft, wie bei einer Mutprobe; Luc wirkte besiegt. Slimane machte sich nicht die Mühe, seine Belustigung zu verbergen. »Und wenn sie gezahlt hat« – Valérie zündete sich eine Zigarette an – »kriegen die Jungs ihren Anteil, wir nehmen uns unseren, blasen dem Arschloch die Lichter aus« – ihre blonde Mähne schwappte in Richtung von HOLTs Zelle – »und du kündigst einen Job, den du schon vor drei Jahren hättest kündigen sollen. Oder hast du Angst? Machst du dir vor dem heiligen Zorn deiner Bosse in die Hosen?« Es war eine bewusste Provokation in Gegenwart des Teams. Selbst Slimane senkte den Blick.

»Ich hab keine Angst, Valérie«, antwortete Luc. »Ich will nur, dass wir alle wissen, worauf wir uns da einlassen.«

Was sie als Nächstes tat, hatte Akim noch genau vor Augen. Sie stand auf, ging quer durchs Zimmer, schob Luc die Zunge tief in den Mund und fasste ihm gleichzeitig fest in den Schritt. Akim bekam vom bloßen Zusehen einen Ständer.

»Ich hab immer gewusst, was ich tu«, sagte sie. »Und ihr müsst nichts weiter tun, als mir folgen.«

Kurze Zeit später war Luc mit allem einverstanden gewesen: dem Zeitplan der Erpressung, dem Zeitpunkt der Ermordung HOLSTs und seiner süßen Rache an Amelia Levene. Slimane hatte es immer schon gewusst, Luc war Wachs in Valéries Hand, tat alles, was sie wollte. Anders als bei jedem anderen fand er bei ihr keine Widerworte, bezog keinen Standpunkt, stellte ihre Entscheidungen nicht in Frage. Dieser knallharte DGSE-Mann schien unter einer Art Hypnose zu stehen. Es war beschämend, einen Mann so schwach zu sehen. Slimane nannte ihn den »Fußabtreter«.

Nebenan rauschte die Klospülung, und Akim hörte Valérie zurück in ihr Zimmer tappen. Er hätte sie gerne gebumst – Lust darauf hatte er seit ihrer ersten Begegnung. Er zündete sich eine Zigarette an, schlüpfte in seinen Trainingsanzug und in die Turnschuhe. Dann öffnete er die Vorhänge. Dieser einzigartige Blick auf die Pyrenäen. Akim liebte diesen ersten Anblick am Morgen. Wie ein neues Land, himmlisch schön. Er ging an die Arbeit.

Slimane schlief in dem Lehnstuhl am unteren Treppenabsatz, eine Hand am Hosenstall; aus einem Mundwinkel lief Speichel. Ein Blick durch das Guckloch zeigte Akim, dass HOLST – den Blick zur Decke – auf seiner Pritsche lag. Er weckte Slimane, erntete eine Schimpfkanonade und ging in die Küche, um sich einen Becher Kaffee zu kochen. Gleich darauf erschien Luc in der Küche, unbekleidet bis auf weiße Boxershorts. Er trug Tätowierungen an den Oberarmen, auf den Schulterblättern schälte sich sonnenverbrannte Haut. Akim roch den Duft ihres Sex, Luc wollte ihn spüren lassen, dass er Valérie gerade genagelt hatte. Er öffnete die Tür zur hinteren Veranda.

»Großer Tag heut.« Der Chef ging zum Kühlschrank. Er sog einen tiefen Schluck Orangensaft direkt aus dem Tetrapak. Als er fertig war, stellte er den Karton auf den Tisch und fixierte Akim mit einem seiner trägen Echsenblicke.

»Vincent hat noch nicht geantwortet«, sagte er. »Seit er in St. Pancras aus dem Zug gestiegen ist, haben wir erst zwei E-Mails von ihm gekriegt, die eine davon gestern Morgen nach dem Eintreffen der Haushälterin. Unsere Aufforderung, die Operation abzubrechen, ist vom Server abgerufen worden, also muss er sie gelesen haben. Valérie hat ihm auf die Box gesprochen, dass er nach Paris zurückkommen soll, aber in dem Haus da oben haben sie keinen Handyempfang.«

Slimane kam in die Küche geschlendert, sah den Orangensaft und griff nach dem Karton. Luc packte seinen Unterarm und hielt ihn über den Tisch wie über eine brennende Gasflamme.

»Hört ihr mir eigentlich zu?«, fragte er. Er war stärker als Slimane, der ein Gesicht wie verschüttete Schwefelsäure machte. »Wir haben ein Problem. Vincent wurde in eine Falle gelockt, und wir wissen nicht, ob er schon in Haft oder noch in dem Haus ist, und ob er die Nachricht gekriegt hat, dass er abbrechen muss.«

»Na schön«, sagte Slimane. »Dann erzählst du’s ihm eben, wenn er wieder in Paris ist.«

»Nein.« Plötzlich stand Valérie in Jeans und T-Shirt hinter ihm. »Ich will, dass du es ihm erzählst, Akim.«

»Ich?«

Luc gab Slimanes Arm frei. Valérie fasste beide Araber gleichzeitig hinter dem Kopf. »Wir wollen, dass du mit ihm sprichst.« Akim genoss ihre Haut an seinem Nacken. »Mach Vincent ausfindig, wenn er wieder in Paris ist. Er wird sich wieder im Lutetia verkrochen haben. Finde ihn und mach mit ihm das, was du am besten kannst. Es ist jetzt das Klügste, alle Spuren zu verwischen.«

64

Lucs E-Mail an Vincent erschien beinahe augenblicklich auf Elsas Monitor in der Bibliothek des Shand-Hauses, wo sie vollständige Einsicht in CUCKOOs Kommunikationswege genoss. Die Nachricht kam über einen dedizierten DGSE-Server und würde entschlüsselt, sobald CUCKOO sich einloggte.

Sie wissen von dem zweiten Begräbnis, Stephen Uniacke ist ein MI6-Agent namens Thomas Kell. Er hat Delestre in Paris ausfindig gemacht. Levene weiß darüber Bescheid und verarscht dich. Sofort abbrechen. Sondertreff Sonntagnacht, null Uhr.

»Um Himmels willen, Tom«, rief sie. »Sieh dir das mal an.«

Kell war in der Küche. Barbara war schon unterwegs nach Gatwick, auf der Rückreise nach Menton. Harold zog sich oben Todeszug nach Yuma rein.

»Was denn?«

Kell kam mit einem Becher Tee in die Bibliothek. Elsa deutete auf das dritte Notebook rechts auf dem Eichentisch. Unter dem Druck ihres Zeigefingers verschwamm ein Wort auf dem Display.

»Ist das gerade gekommen?«

»Ist noch keine Minute her. Wie haben die von dir erfahren?«

Kell stellte den Becher auf den Tisch.

»Sie haben Delestres Wohnung abgehört«, sagte er. Eine andere Möglichkeit fiel ihm nicht ein.

»Bei Delestre warst du Montagabend. Warum die Verzögerung?«

»Personalmangel«, erwiderte Kell, der genau wusste, dass die Franzosen, wenn es darum ging, jeder Spur zu folgen, jedes Gespräch zu belauschen, genauso überlastet waren wie der MI6. »Wahrscheinlich haben sie überall in Paris Mikrofone, überwachen Malots Freunde und Kollegen, und sind deshalb erst nach ein paar Tagen dahintergekommen, dass ich dort war.«

»Der Name Vincent Cévennes begegnet mir überall in der CUCKOO-Akte«, sagte Elsa und trank einen Schluck Evian. »Genau wie Valérie de Serres, wahrscheinlich Luc Javeaus Freundin. Glaubst du, das ist ein Pseudonym für Madeleine Brive?«

»Mit größter Wahrscheinlichkeit.« Kell kritzelte die Namen auf ein Blatt Papier. »Wo ist CUCKOO jetzt?«

Sie schauten hinauf zu den Bücherregalen, neun Monitore in Dreierreihen, wie ein Tic-Tac-Toe-Spielfeld. Es war Samstagabend, kurz nach acht, Amelia kochte in der Küche einen Fischeintopf, CUCKOO las im Wohnzimmer Michael Dibdin.

»Kannst du die Nachricht auf dem Server zurückhalten?«, fragte Kell.

»Kaum.« Elsa tippte etwas in die Codezeile des zweiten Laptops. »Ich könnte sie löschen. Auf diese Weise erfährt er es nicht vor seiner Abreise morgen. Sie werden versucht haben, ihn telefonisch zu erreichen.«

»Harold!«

Kell rief die Treppe hinauf. Ein unwilliges Murren brummte durch das Treppenhaus, dann schlurfende Schritte, nachdem Harold sich von seinem Western getrennt hatte, um nach unten zu kommen.

»Ja, Chef?«

»Wirf doch mal einen Blick auf CUCKOOs Handyaktivitäten. Ob dort eine Textnachricht mit der Aufforderung wartet, die Operation abzubrechen.«

»Wie bitte?«

»Die Franzosen wissen über uns Bescheid. Sie wissen, dass ihre Operation aufgeflogen ist. Sie müssen ihn nach Paris zurückholen.«

Kell entschied sich für die Option, Zeit zu gewinnen und die E-Mail vom DGSE-Server zu löschen. Dann schickte er Amelia eine Nachricht, teilte ihr mit, dass die Operation aufgeflogen war. Sie sollte CUCKOO beim Frühstück erzählen, ein unerwartetes Ereignis sei eingetreten und der MI6 habe einen Wagen losgeschickt, um sie zu holen, und dass sie ihn aus Sicherheitsgründen nicht mit nach St. Pancras nehmen könne, aber ein Taxi sei bestellt, um ihn nach London zu bringen. Kell wusste, dass CUCKOO nur wenige Kilometer außerhalb von Chalke Bisset wieder Handyempfang haben und die drei Nachrichten abhören würde, die Valérie de Serres ihm gesendet hatte. Die erste war schon deutlich genug:

Vincent, hier ist Valérie. Ich weiß nicht, warum du auf die E-Mails nicht antwortest, aber du musst abbrechen, okay? Ruf mich bitte sofort zurück. Wir treffen uns Sonntagnacht, null Uhr. Luc kann dir alles erklären. Bitte um Bestätigung, ob du diese Nachricht bekommen hast und wir mit dir rechnen können.

Harold war in CUCKOOs Mailbox eingedrungen, und Kell vernahm wieder die nervöse, gereizte Stimme seiner Verführerin auf der Fähre, Madeleine Brive. Wenn CUCKOO die Nachricht gehört hatte, würde er versuchen, sich so schnell wie möglich in englische Landluft aufzulösen, seine Beschatter vom MI6 abzuschütteln. Und damit wäre die einzige Fährte zu Amelias Sohn verwischt.

65

Vincent wurde klar, dass es ein Problem gab, als Amelia kurz vor acht am Sonntagmorgen aufgeregt an seine Schlafzimmertür klopfte. Er lag seit fast einer Stunde wach, hatte den Dibdin ausgelesen und dem Blöken der Schafe auf der steilen Böschung hinter dem Haus gelauscht.

»Bist du wach, Liebling?«

Sie kam in sein Schlafzimmer, bereits in Arbeitskleidung für Vauxhall Cross: marineblauer Rock mit passender Jacke, cremefarbene Bluse, schwarze Schuhe mit flachen Absätzen und die goldene Halskette, die ihr Bruder ihr zum dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte.

»Willst du in die Kirche?«, fragte er.

Er saß mit nacktem Oberkörper im Bett, gegen das Kopfbrett gelehnt, sie ganz bewusst mit seiner guten Figur provozierend. Er war sich sicher, dass Amelia eine überirdische Liebe zu ihm gefasst hatte, zugleich aber durch ein sehr irdisches Begehren in Konflikt mit ihrer Mutterrolle gebracht wurde. Er merkte es ihr an. So etwas spürte er bei Frauen.

»In London ist eine Notlage eingetreten. Ich werde gebraucht. Um halb zehn holt mich ein Wagen ab.«

»Aha.«

»Tut mir wahnsinnig leid.« Sie setzte sich ans Fußende des Betts, ihr Blick flehte um Verzeihung. Vincent erinnerte sich, wie er sie zum ersten Mal am Pool gesehen hatte, an ihre sonnengebräunte Haut, die sanften Rundungen ihrer Brüste. Er hatte oft an die Übertretung sexueller Grenzen gedacht, den Geschmack ihres Körpers. »Und ich kann dich nicht einmal nach London mitnehmen. Das Office weiß nichts von dir, und mein Fahrer ist eine Plaudertasche. Ich habe dir für Viertel nach neun ein Taxi bestellt. Okay? Reicht dir die Zeit zum Packen?«

Offenbar hatte er keine Wahl. Er klappte die Decke zurück, kletterte aus dem Bett und zog den Morgenmantel über.

»Das ist wirklich sehr schade.« Erzählte Amelia die Wahrheit, oder hatte sie die Wahrheit über ihn erfahren? »Ich hab mich so auf den Tag mit dir gefreut. Ich wollte mit dir über meinen Umzug nach London sprechen.«

»Ich auch.« Sie stand auf und legte die Arme um ihn, und Vincent musste sich zwingen, sie nicht an sich zu ziehen und zu küssen. Er war überzeugt, dass er sie haben konnte, dass sie keinen großen Widerstand leisten würde. »Ich fürchte, hier lassen kann ich dich nicht. Zu viele Menschen würden unbequeme Fragen stellen, wenn …«

»Mach dir keine Gedanken.« Er löste sich von ihr. »Ich verstehe das.« Er begann, seine Sachen aus den Schubladen zu nehmen und in den Koffer zu legen. »Gib mir fünf Minuten zum Duschen und Packen. Dann komm ich runter. Wir frühstücken zusammen, ich fahre zurück nach Paris.«

66

Wie von Kell vorausgesehen war Vincent Cévennes noch keine zwei Kilometer östlich von Chalke Bisset, als sein Mobiltelefon mit einer Symphonie aus Jingles und Pieptönen zum Leben erwachte, die fast eine Minute dauerte.

»Mein lieber Schwan, sind Sie beliebt«, sagte Harold Mowbray, im saloppen Wochenend-Outfit eines Wiltshirer Taxifahrers zügig Richtung Salisbury unterwegs.

Vincent, der im Fonds saß, antwortete nicht. Er sah, dass Nachrichten auf seiner Box waren, und klickte auf den Eingangsknopf.

Vincent, hier ist Valérie. Ich weiß nicht, warum du auf die E-Mails nicht antwortest, aber du musst abbrechen, okay? Ruf mich bitte sofort zurück. Wir treffen uns Sonntagnacht, null Uhr. Luc kann dir alles erklären. Bitte um Bestätigung, ob du diese Nachricht bekommen hast und wir mit dir rechnen können.

Er brauchte einen Moment, um zu verstehen, was Valérie ihm mitteilte. Abbrechen? Und warum das Eiltreffen in Paris in zwölf Stunden? Vincent zog das Blackberry heraus und checkte den Posteingang. Keine Mitteilungen, und gestern Abend keine E-Mails auf seinem Notebook. Vielleicht hatten es Luc und Valérie einfach mit der Angst zu tun bekommen, weil sie ihn gestern Abend nicht erreichen konnten.

Er wählte die Pariser Nummer. Tickend stellte sich die Verbindung zu Luc her.

»Luc?«

»Vincent, verflucht. Endlich. Wo, zum Teufel, steckst du?«

Elsa, die noch im Shand-Haus war, legte Amelia das Gespräch in den Audi, in dem sie und Kell dem Taxi nach Salisbury folgten. Vincent hatte in Sekundenschnelle begriffen, dass er aufgeflogen war. Luc erzählte ihm alles: dass der »Typ auf der Fähre« ein MI6-Agent und Uniacke ein Deckname für Thomas Kell war, dass »Kell in Paris mit Delestre geredet und wegen der Begräbnisse eins und eins zusammengezählt« habe. Luc und Valérie waren sicher, dass Amelia »seit mindestens vier Tagen« über Vincents falsches Spiel informiert war. Das sei der Grund für die Einladung in ihr Landhaus gewesen – sie habe ihn nicht besser kennenlernen, sondern erfahren wollen, wer hinter der Malot-Verschwörung steckte. Ob der MI6 wisse, dass sie François gefangen hielten, fragte Vincent.

»Vermutlich wissen sie alles«, antwortete Luc.

Amelia auf dem Beifahrersitz neben Kell schüttelte den Kopf und sagte: »Wir werden François nicht finden. Wenn sie ihn nicht gleich ermorden, bringen sie ihn in den nächsten achtundvierzig Stunden woandershin.«

»Nicht unbedingt«, erwiderte Kell ohne ein einziges Argument für diesen Optimismus. Solange Elsa es nicht schaffte, das Telefongespräch genauer zu orten, waren die Erfolgsaussichten alles andere als groß. Er vermutete, dass François im Umkreis von fünf Kilometern um Salles-sur-l’Hers festgehalten wurde, dem Dorf im Languedoc-Roussillon, wo Vincent von Arnaud abgesetzt worden war. Aber ohne die exakten Koordinaten war es wie eine Suche in den Tunneln von Tora-Bora. Vincent war ihre einzige Hoffnung, doch mit nur zwei Observations-Agenten im Team tendierten die Aussichten, ihm bis zu dem Eiltreffen auf den Fersen zu bleiben, gegen null. Wie sollte er von Harold und Elsa – zwei Technikspezialisten mit bestenfalls marginaler Erfahrung in Observation – verlangen, dass sie CUCKOO folgten, ohne entdeckt zu werden?

Weiter vorne hatte Vincent das Gespräch mit Luc beendet und schmiedete bereits Pläne fürs Abtauchen.

»Hören Sie«, sagte er zu Harold, »das war mein Chef. Kleine Änderung im Plan: Ich muss so schnell wie möglich zu einem Bahnhof.«

»Ich dachte, ich soll sie nach London bringen, Sir?«, antwortete Harold, dem seine Rolle Spaß machte. »Hab mir extra für Sie den Tag freigeschaufelt.«

»Sie tun, was ich Ihnen sage«, befahl ihm Vincent, dessen jetzt fast akzentfreies Englisch einen ungeduldigen Unterton bekam. »Machen Sie sich um Ihr Geld keine Sorgen.«

Amelia, die an Kells Seite im verfolgenden Fahrzeug mithörte, drehte den Ton lauter, als Harold antwortete: »Ist ja gut, nur keine Aufregung. Sie haben Ihre Meinung geändert, Chef, nicht ich.« Seine Stimme war durch Motorengeräusch und statisches Knistern gestört, aber zu verstehen. »Wäre Salisbury Monsieur genehm? Von Tisbury fahren auch Züge ab, wenn’s Ihnen lieber ist.«

»Bitte zum nächsten Bahnhof.«

Etwa einen halben Kilometer vor dem Taxi fuhren Kevin Vigors und Danny Aldrich gerade nach Wilton hinein, als Kell sie über Funk anrief.

»Ihr habt mitgehört?«

»Richtig«, antwortete Vigors.

»Harold bringt ihn nach Salisbury. Wenn CUCKOO uns abschütteln will, versucht er es dort.«

»Zweifellos.«

Die ganze Nacht über hatte Kell sich den Kopf darüber zerbrochen, wie CUCKOO sich nach seiner Entlarvung verhalten würde. Natürlich wollte er so schnell wie möglich französischen Boden unter die Füße bekommen. Aber wie? Nicht nur von den großen Londoner Flughäfen, auch von Southampton, Bournemouth, Exeter und Bristol gingen Flüge nach Frankreich. Es war unwahrscheinlich, dass Vincent direkt nach St. Pancras fahren würde, ohne sich vorher seiner Verfolger entledigt zu haben, doch er könnte auch versuchen, auf einem der beiden Bahnhöfe in Kent – Ashford oder Ebbsfleet – den Eurostar nach Paris zu erreichen. Dann gab es noch die Möglichkeit, ein Auto zu mieten und damit zum Eurotunnel in Folkestone zu fahren, aber Vincent musste davon ausgehen, dass der MI6 Zugang zur automatischen Nummernschilderkennung hatte und seine Position schnell ermittelt haben würde. Von Salisbury aus gingen Züge zu den Kanalhäfen.

»Meinst du, er nimmt den Zug?«, fragte Amelia.

»Warten wir’s ab.«

In einem Kreisverkehr kurz vor Salisbury teilte der Fahrgast Harold mit, dass er einen Bankautomaten bräuchte. Drei Minuten später lenkte Harold das Auto in eine Parkbucht gegenüber einer Filiale der Santander Bank.

»Warten Sie auf mich«, bat ihn Vincent und ließ Koffer und Laptop auf dem Rücksitz liegen, als er die Tür öffnete.

»Das ist hier ein gelber Doppelstreifen, Chef. Wie lange wird’s dauern?«

Er erhielt keine Antwort. Harold konnte dem Franzosen nur nachschauen, wie er die Straße überquerte, einem älteren Ehepaar auswich und sich hinter ein, zwei Wartenden vor dem Bankautomaten anstellte.

»Ich parke vor einem Kino«, verkündete er. »Falsche Tudorfassade neben einer Filiale von Black’s.« Harold sprach ins Leere seines Autos und hoffte, dass das Commlink-System funktionierte. Er verband es mit einem Ohrhörer und musste sich auf seinem Sitz verrenken, um in die günstigste Position zu kommen. »Ich stehe in einer Parkbucht in einer Einbahnstraße, anscheinend heißt sie New Canal. In der Stadtmitte. Hinter mir eine Filiale von Fat Face, daneben Whittard’s Coffee.«

Amelias Stimme klang durch ein Geprassel statischen Knisterns. »Wir haben Sie, Harold. Tom kommt um die Ecke. Ich kenne Ihren exakten Standort. Bestätigen Sie CUCKOOs Position.«

»Auf der anderen Straßenseite, zieht sich bei der Santander Bank Bargeld aus dem Automaten. Er hat alles auf dem Rücksitz liegen lassen. Koffer, Laptop. Nur die Brieftasche hat er mitgenommen.«

»Und seinen Pass?«, fragte Kell.

»Da muss ich nachgucken.«

»Trägt er die Lederjacke?«

Die Frage kam von Aldrich, der mit Vigors nur dreihundert Meter weiter vorne auf dem Marktplatz parkte.

»Positiv«, antwortete Harold. In das Futter der Lederjacke hatten sie gestern Morgen einen Peilsender genäht.

»Die zieht er bestimmt aus«, murmelte Amelia.

Sie sollte recht behalten.

Denk nach, sagte sich Vincent. Denk nach.

Er steckte nacheinander drei Karten in den Schlitz des Bankautomaten, hob mit jeder von ihnen vierhundert Pfund ab. Sein Herz hämmerte ihm Schweißtropfen auf die Stirn. Er spürte die destillierte Wut des betrogenen Mannes und hatte nur noch den Wunsch, Amelia zu finden, sie zu zerstören, wie sie ihn zerstört hatte. Wie lange wusste sie schon Bescheid? Wie lange führte sie ihn schon an der Nase herum?

Denk nach.

Er stopfte das Geld in die Tasche seiner Jeans und wandte den Blick nach rechts. Hinter dem Kino, nur ein paar Türen entfernt, war eine Filiale von Marks & Spencer. Die war sonntags sicher geöffnet und hatte vielleicht einen Hinterausgang. Das Taxi stand hinter ihm, und er drehte sich zu dem Fahrer um, der das Fenster herunterließ und herausguckte.

»Was ist nun, Chef?«

War er einer von ihnen? Einer aus einem Team von zehn oder zwölf Beschattern, die jetzt überall im Zentrum Salisburys unterwegs waren. Für Vincent war jeder Passant eine potentielle Bedrohung.

»Ich hole mir bei Marks & Spencer noch ein Sandwich«, rief er über die Straße und deutete auf die Filiale. »Können Sie noch ein paar Minuten warten?«

Er hörte die Antwort des Fahrers: »Chef, ich hab Ihnen gesagt, dass ich hier nicht stehen darf«, und einen Augenblick lang dachte Vincent, dass ihm außer Amelia vielleicht kein Mensch in dieser Stadt auf den Fersen war. Zu viele Fragen schossen ihm durch den Kopf, mit zu vielen Varianten musste er rechnen. Ihm fiel ein, was Luc vorhin am Telefon gesagt hatte: »Vermutlich wissen sie alles.« Die Situation war so entwürdigend, so hoffnungslos, kam so überraschend. Vincent versuchte, sich zu erinnern, was man ihm auf der Akademie beigebracht hatte, aber das war zu lange her, und klare Gedanken konnte er ohnehin keine fassen. Sie haben mich nicht darauf vorbereitet, sagte er sich und fing an, die Schuld bei Luc zu suchen und bei Valérie, weil die ganze Operation von Beginn an ein Schwachsinn gewesen war. Wie sind die auf die Idee gekommen, sie könnten damit durchkommen? War er das Bauernopfer? Würden sie ihre Hände in Unschuld waschen?

Denk nach. Die Türen bei Marks & Spencer öffneten sich automatisch, und Vincent fand sich zwischen Hausfrauen, gelangweilten Kindern und hinterhertrottenden Ehemännern in einem langen, von Leuchtstoffröhren erhellten Verkaufsraum für Schlaf-und Damenoberbekleidung wieder. Er folgte den Hinweisschildern zur Herrenabteilung nach oben, drehte sich auf der Rolltreppe um und hielt Ausschau nach potentiellen Verfolgern. War Thomas Kell womöglich ganz in seiner Nähe? Vincent hatte Luc auf der Fähre vor diesem Stephen Uniacke gewarnt. Auch ein Grund für seine Wut. Die ganze harte Arbeit, sein Verstellungstalent und seine Einfühlungskraft waren verschwendet, weil Luc einfach zu lasch gewesen war. Warum hatten sie sich so täuschen lassen? Das ist nur ein langweiliger kleiner Berater, hatte Valérie gesagt. Du leidest unter Verfolgungswahn. Wir haben uns seine Telefone vorgenommen, seinen Computer. Der Engländer ist sauber.

Vincent erreichte den oberen Absatz der Rolltreppe, fragte sich, wie lange es dauern würde, bis der Taxifahrer hinter ihm auftauchte. Womöglich nahmen sie ihn noch wegen Unterschlagung des Beförderungsgelds fest. Er fand Socken, Leinenschuhe, eine Unterhose, Bluejeans, ein rotes Polohemd, einen schwarzen Pullover mit V-Ausschnitt und ein kariertes Jackett. Billig produzierte, hässliche Sachen, in denen er verboten aussehen würde. Weder seiner noch François’ Stil. Er kaufte noch eine kleine Umhängetasche aus Leder und bezahlte alles bar. Im Untergeschoss gab es eine Lebensmittelabteilung, und Vincent kaufte sich ein Sandwich, weil er nicht wusste, wann er wieder etwas zu essen bekam, und dazu eine Literflasche Wasser, von der er schon mindestens ein Fünftel getrunken hatte, als er vor der Kasse stand. Er hatte großen Durst. Die ständige Anspannung strapazierte die Haut wie eine Krankheit. Ständig lächelten ihm Verkäuferinnen entgegen, sogar eine junge Mutter suchte Blickkontakt zu ihm. Nichts lag Vincent jetzt ferner. Er wusste wieder, was er gegen Frauen hatte, warum er sie verachtete – man konnte keiner Frau trauen, weder ihren Worten noch dem Ausdruck ihres Gesichts. Es bedeutete nichts. Selbst Mütter logen. Er sagte sich: Ich bin jetzt nicht mehr François Malot, aber es kam ihm vor, als müsste er sich aus einer Haut schälen, unter der noch seine Seele steckte. Ich bin Vincent Cévennes, und das Spiel ist aus. Sie sind hinter mir her.

Er durchquerte die Dessousabteilung – sonnengebräunte Models auf den Plakaten, die einen mit ihren Blicken verführen wollten – und kam zu einem Ausgang auf eine schmale Passage, direkt gegenüber einer Bäckerei. Links sah er einen Parkplatz und Kunden, die vor den Ticketautomaten standen, rechts eine Fußgängerzone mit Filialen von Top Man, HMV, Ann Summers. Denk nach. Vincent hängte sich die Ledertasche über die Schulter und machte sich auf die Suche nach einem Café oder Hotel, einem Ort, an dem er sich verbergen konnte. Ein schmaler Durchgang führte ihn zu einem anderen, für den Autoverkehr gesperrten Abschnitt der Straße. Weiter vorn, neben einer Woolworth-Filiale, deren Rollläden geschlossen waren, hatte ein gut besuchtes Café Tische auf der Straße stehen. The Boston Tea Party. Er ging durch die Tür nach drinnen, fand den Blick einer Kellnerin mit platinblondem Pagenschnitt und bat sie, die Toilette benutzen zu dürfen.

»Kein Problem«, sagte sie mit osteuropäischem, wahrscheinlich polnischem Akzent. Sie deutete auf die Treppe nach oben.

Vincent hatte es plötzlich eilig, sie konnten jeden Moment hier sein. Er betrat die Toilette, verschloss die Tür und begann sich auszuziehen. Dann nahm er die neuen Klamotten aus der Ledertasche und zog die Unterhose, die Leinenschuhe, das Polohemd und das karierte Jackett an. Seine Brieftasche und das Telefon ließ er in der schwarzen Lederjacke und hängte die Jacke an einen Haken an der Innenseite der Tür. In der Ecke stand ein halbleerer Karton mit Putzmittelflaschen, in den er die Kleider stopfte. Er durfte keine Spuren hinterlassen. Gleich zu Beginn der Operation waren für ihn genau für solche Notfälle drei Pässe an verschiedenen Orten in London hinterlassen worden. Wenigstens in diesem Punkt hatte Luc einen gewissen Weitblick bewiesen. Einer der Pässe war im Terminal 5 in Heathrow versteckt. Wenn ihn niemand entdeckt hatte, konnte er von dort aus abfliegen. Er musste nur nach Heathrow kommen. Irgendwie.

Amelia Levene kaufte sich in der betreffenden Filiale von Marks & Spencer seit über zehn Jahren ihre Strumpfhosen und Fertiggerichte. Sie kannte sich gut genug in den Räumlichkeiten aus, um zu wissen, dass CUCKOO den Ausgang zum Parkplatz finden und in Minutenschnelle verschwunden sein würde, wenn sie ihm nicht dicht auf den Fersen blieben. Deshalb hatte sie Aldrich über Funk zur Rückseite beordert, während Kevin Vigors, der sein Auto am Marktplatz gelassen hatte, den Haupteingang im Auge behielt.

Kell und Amelia parkten neben Harolds Taxi und versuchten, Aldrich anzufunken. Vigors, zwanzig Meter entfernt auf der anderen Straßenseite, hatte bereits an der Bushaltestelle Platz genommen und machte den Eindruck, als würde er auf eben dieser Sitzbank jeden Tag der Woche zur selben Tageszeit auf denselben Bus warten. Inzwischen hatte Kell Elsa angerufen und ihr aufgetragen, die erste verfügbare Maschine nach Charles de Gaulle zu nehmen. Er setzte darauf, dass das Eiltreffen in Paris stattfand, also musste CUCKOO bis Mitternacht dort sein. Jetzt, nachdem die Franzosen wussten, dass sie aufgeflogen waren, gab es keinen Grund mehr, den E-Mail-Verkehr weiter zu überwachen. Da konnte ihnen Elsa auf der französischen Seite des Kanals nützlicher sein, zum Beispiel, indem sie sich CUCKOO vom Flughafen oder dem Gare du Nord aus an die Fersen heftete.

Sechs Minuten vergingen. Noch immer kein Wort von Aldrich, noch keine Spur von CUCKOO. Amelia befahl Aldrich, in den Laden zu gehen. Sekunden später vibrierte Kells Handy auf dem Sitz neben ihm. Amelia sah auf das Display.

»Es ist Danny«, sagte sie und stellte das Telefon auf laut.

»Ich habe ihn auf dem Schirm. CUCKOO kommt gerade aus dem Laden. Geht an HMV vorbei. Alles geschlossen, nicht viele Leute unterwegs.« Für einen Augenblick war der Kontakt unterbrochen, als hätte Aldrich sein Telefon vom Mund genommen. Dann: »Er trägt eine neue Tasche bei sich. Das habt ihr gesehen, oder?«

»Wir haben gar nichts gesehen«, erwiderte Amelia. »Er wird sich bei M & S neu eingekleidet haben, weil er vermutet, dass wir eine Beschreibung seiner Kleidung durchgegeben haben.«

»Da vermutet er richtig.« Aldrich hustete wie ein Kettenraucher. »Bleibt dran. CUCKOO hat gerade ein Café betreten. The Boston Tea Party. Könnt ihr Kev hinschicken? Gegenüber ist ein alter Woolworth, rechts von mir an der Ecke ein Waterstone’s. Ich sehe nach, ob es einen Hinterausgang gibt.«

Innerhalb von zwei Minuten hatte Vigors die Bushaltestelle verlassen, war die dreihundert Meter an der New Canal entlanggelaufen und hinter der Filiale von Waterstone’s abgebogen. Aldrich sah ihn, nickte und bestätigte Kell über Telefon, dass es keinen Hinterausgang gab. Vigors setzte sich auf eine Bank neben ein junges Mädchen, das als Zwischenmahlzeit einen von Zwiebeln überquellenden Hamburger verschlang. Sie sahen CUCKOO in rotem Polohemd, kariertem Jackett, blauen Leinenschuhen und Bluejeans herauskommen.

»Oh, oh, oh«, murmelte Aldrich ins Telefon. »Braucht vielleicht jemand eine Lederjacke für vierhundert Kröten? Anscheinend hat CUCKOO eine auf dem Scheißhaus vergessen.«

»Er hat sich umgezogen?«, fragte Amelia.

»Hatten Sie doch eh vermutet.« Nach kurzem Blickkontakt mit Vigors machte Aldrich sich auf die Verfolgung, ein Mann auf der einen Straßenseite, einer auf der anderen. »Na, ich weiß nicht, so richtig Staat macht er nicht in den Klamotten. Bestätige, dass ich und Kev die Verfolgung aufgenommen haben.«

»Seid vorsichtig«, warnte Kell. »Er greift sicher auf den Schaufenstertrick zurück, bleibt davor stehen und lässt euch vorbeigehen. Immer nur einer zur gleichen Zeit und Abstand halten.«

»Wir machen das nicht zum ersten Mal«, antwortete Aldrich ohne beleidigten Unterton.

»Ich bin sicher, er nimmt sich ein Taxi«, fügte Amelia hinzu und suchte Kells Blick. »Was ihr auch tut, Jungs, verliert ihn nicht. Ohne die Lederjacke haben wir seine Position nicht mehr auf dem Schirm. Wenn wir Vincent verlieren, ist alles verloren.«

67

Vigors und Aldrich folgten CUCKOO zu einer Filiale von Waitrose an der Peripherie des Stadtzentrums. Vigors lotste Kell zu ihnen, so dass jetzt – gestaffelt entlang der Straße – drei Augenpaare den Franzosen im Blick hatten. Nach zehn Minuten kam CUCKOO wieder aus dem Laden, um sich, wie Amelia vermutet hatte, ein Taxi heranzuwinken. Sie war mit dem Audi zu einer Tankstelle gefahren, keine zweihundert Meter vom Waitrose-Parkplatz entfernt, und lud Kell ein, als CUCKOOs Taxi auf dem Weg zur Ringstraße um Salisbury gerade an ihnen vorbeifuhr. Eine Minute danach gabelte Harold Vigors und Aldrich auf. Die beiden Autos folgten Vincents Taxi bis Grateley, einem kleinen Dorf zwanzig Kilometer östlich von Salisbury.

CUCKOO wurde kurz vor elf vor dem Bahnhof von Grateley abgesetzt. Er bezahlte den Fahrer und zog sich aus einem Automaten eine Fahrkarte. Der Bahnhof war menschenleer, und Kell wusste, dass er es nicht riskieren durfte, jemanden aus dem Team auf den Bahnsteig zu schicken. Stattdessen beorderte er Aldrich, Vigors und Harold nach Andover, der nächsten Station an der Strecke, und ließ Elsa, die gerade an Stonehenge vorüberfuhr, für den Fall, dass CUCKOO umkehrte, einen Abstecher zum Bahnhof Salisbury machen.

Schließlich bestieg CUCKOO den Zug nach London. Für acht Minuten verlor Kell ihn in einem Überwachungsloch, bis Vigors, von Harold mit 110 Stundenkilometern zum nächsten Bahnhof gebracht, in Andover den Zug bestieg. Als der Zug Whitchurch und Overton passiert hatte, konnte Vigors Kell und Amelia per SMS darüber informieren, dass er in Blickkontakt mit der Zielperson war. Harold und Aldrich verfolgten den Zug inzwischen auf der parallel verlaufenden Straße, während Kell und Amelia in Andover zurückblieben. Basingstoke war der erste größere Schnittpunkt auf der Strecke nach London, und Kell vermutete, dass CUCKOO versuchen könnte, dort umzusteigen. Aldrich erreichte den Bahnsteig in Reading ganze dreißig Sekunden vor Einfahrt des Zuges, und Vigors informierte ihn in aller Seelenruhe darüber, dass er es für das Beste hielt, wenn er gleich im Zug sitzen blieb. Also fuhren Aldrich und Harold in östlicher Richtung nach Woking weiter, wo CUCKOO tatsächlich im letzten Augenblick aus dem Londoner Zug sprang und in den nach Reading einstieg. Vigors ließ er als gestrandeten Passagier zurück. Zum Glück war Aldrich dieser Taschenspielertrick nicht entgangen, und er konnte – unter Harolds Blicken vom gegenüberliegenden Bahnsteig – in letzter Sekunde auf den Zug nach Reading aufspringen, wenn auch drei Wagen weiter hinten.

Eine komplexere Verfolgungsjagd hatte Kell kaum je einmal erlebt. In Amelias Audi lagen Straßenkarten, Navis und Kommunikationsgeräte in wildem Durcheinander. CUCKOO war unterwegs nach Reading, Aldrich ging auf der Suche nach ihm den Zug ab, Vigors war aus dem Spiel; Kell stand also nur noch ein Augenpaar zur Verfügung. Er rief Vigors an und schickte ihn nach London, damit er auf die vage Möglichkeit hin, dass CUCKOO doch noch versuchte, in die Hauptstadt zu gelangen, am Bahnhof Waterloo wartete. In dem Fall konnte Vigors ihm eventuell nach Gatwick oder Luton folgen, oder sogar zum Eurostar nach St. Pancras. Elsa war inzwischen nach Heathrow vorausgeschickt worden.

Am Ende sorgte der Franzose selbst für klare Verhältnisse. Er stieg in Reading noch einmal um. Aldrich rief Kell an und teilte ihm mit, dass CUCKOO im Flughafenbus nach Heathrow sitze. Harold war über fünfzehn Kilometer entfernt, steckte in den Vororten von Reading im Verkehr fest, die Ladeanzeige seines Handys zeigte nur noch einen Balken, also folgte Aldrich dem Bus in einem Taxi, während Kell und Amelia zum Flughafen vorausfuhren.

Sie standen auf einem Parkplatz des Holiday Inn, am Rand des M4, als Amelias Telefon klingelte – eine unterdrückte Nummer, Echo in der Verbindung. Sie stellte das Gespräch auf laut.

»Spreche ich mit Amelia Levene?«

Kell wusste gleich, wer dran war. Eine Französin, die amerikanisch eingefärbtes Englisch sprach.

»Mit wem habe ich die Ehre?«

»Nennen Sie mich Madeleine Brive. Ich habe Ihren Freund Stephen Uniacke auf dem Fährschiff nach Marseille kennengelernt.«

Amelia suchte Kells Blick. »Ich weiß, wer Sie sind.«

Die Stimme wurde lauter und deutlicher. »Dann hören Sie mir jetzt bitte sehr aufmerksam zu, Mrs Levene. Wie Sie wissen, ist die Primäroperation gegen Ihren Dienst fehlgeschlagen. Sie werden nie erfahren, wer dahintersteckte. Sie werden die verantwortlichen Leute nicht ausfindig machen.«

Kell runzelte die Stirn, fragte sich, was Valéries Bemerkungen über ihre mentale Verfassung aussagten. Befürchtete sie, dass sie ihren Aufenthaltsort kannten?

»Da würde ich nicht drauf wetten«, erwiderte Amelia.

»Ich könnte mir vorstellen, dass Sie gerne wüssten, wo Ihr Sohn sich aufhält.«

Blinder Hass schoss in Kell hoch, auch wenn er nur ahnen konnte, was jetzt in Amelia vorging.

»Mrs Levene?«

»Ich höre«, sagte sie.

Ein junges Paar – Rollkoffer und Jetlag im Schlepptau – kam auf dem Weg zum Holiday Inn an ihrem Audi vorbei.

»Sie sprechen Französisch, richtig?«

»Richtig.«

»Dann setze ich das Gespräch jetzt auf Französisch fort, Mrs Levene, weil ich möchte, dass Ihnen keine … nicht die geringste Nuance dessen entgeht, was ich Ihnen jetzt mitteile.« Sie war in ihre Muttersprache gewechselt. »Dies ist von nun an eine private Operation. François Malot wird an einem Ort in Frankreich festgehalten. Um seine Freilassung zu erwirken, müssen innerhalb von drei Tagen fünf Millionen Euro auf ein Treuhandkonto eingezahlt werden. Auf den Turks-und Caicos-Inseln. Die Kontonummer geht Ihnen auf separatem Weg zu. Darf ich auf Ihre Kooperation zählen?«

Kell konnte keinen Einfluss auf die Entscheidung ausüben. Ein kurzer Blick auf Amelias Gesicht zeigte ihm, dass sie kapitulieren würde.

»Das dürfen Sie«, sagte sie.

»Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden werden wir Ihnen den Beweis zusenden, dass Ihr Sohn noch am Leben ist. Wenn die vereinbarte Summe nicht bis Mittwoch, 18.00 Uhr eingegangen ist, werden wir ihn exekutieren.«

Das Mobiltelefon begann zu piepen. Ein zweiter Anruf kam herein. Ein Blick auf das Display zeigte Kell, dass Aldrich versuchte, sie zu erreichen.

Mit den Lippen formte Kell die Worte: »Leg auf« und machte Amelia ein Zeichen. Sie war zu demselben Schluss gekommen. Sie waren im Krieg mit diesen Leuten. Jetzt ging es nur mehr um Macht und Kontrolle.

»Gut, Sie bekommen Ihr Geld«, sagte sie und beendete das Gespräch. Amelia gestattete sich nur einen kurzen Augenblick der Besinnung, bevor sie Aldrichs Anruf annahm.

»Erzählen Sie, Danny«, sagte sie.

»Terminal 5. CUCKOO ist gerade aus dem Bus gestiegen. Offenbar will er mit British Airways nach Frankreich fliegen.«

68

Innerhalb von zehn Minuten hatte Elsa Cassani, die gelassen und nur in Gesellschaft ihres Notebooks und des iPhones in einer Starbucks-Filiale im Terminal 3 wartete, auf einem Blatt Papier jeden einzelnen Flug notiert, der im Lauf der nächsten fünf Stunden von Heathrow nach Frankreich startete.

»CUCKOO hat jede Menge Auswahl«, berichtete sie Kell, der mit Amelia zu Terminal 5 unterwegs war. »Es gehen Flüge nach Nizza, Paris Charles de Gaulle, Paris Orly, Toulouse Blagnac und Lyon. Laufend.«

Kell sortierte Lyon und Nizza aus, aber Toulouse wäre eine Option, weil es nur eine Autostunde von Salles-sur-l’Hers entfernt war. Paris schien ihm als Zielort dennoch wahrscheinlicher. Er rief Aldrich im Terminal an und bat ihn um ein Update. CUCKOO hatte sich im Café Nero an einen Tisch gesetzt, einen Steinwurf von der Passkontrolle entfernt.

»Er ist direkt dorthin gegangen, Chef.«

»Ohne ein Ticket zu kaufen? Er war nicht am BA-Schalter?«

»Nein. Nicht einmal einen Kaffee hat er sich bestellt. Sitzt einfach nur da.«

Kell erklärte Amelia die Situation, und sie traf mit ihrem Tipp ins Schwarze.

»Entweder er trifft jemanden oder holt ein Päckchen ab. Vielleicht haben sie dort einen Pass für ihn hinterlegt. Danny soll die Stellung halten.«

Vincent brauchte jetzt den Flash einer Tasse Kaffee, erhob sich, stellte sich am Tresen an und bestellte einen doppelten Espresso. Sein Tisch war noch frei, als er zurückkam. Seit Stunden hielt ihn eine fast schon fatalistische Vorahnung seiner bevorstehenden Festnahme in ihrem Bann. Alles, was er in Salisbury gemacht hatte, jeder Zugwechsel, konnte unmöglich ausgereicht haben, ein seriös arbeitendes englisches Team abzuschütteln. Es gab Kameras am Flughafen, Polizisten in Zivil, Zollbeamte, Sicherheitsleute. Wenn sie sein Foto an diese Leute verteilt hatten? Wie sollte es ihm da gelingen, an Bord einer Maschine zu kommen? Wenn er durch die Passkontrolle käme, bestanden gute Aussichten, den MI6 in der Pariser Métro abzuschütteln. Auf französischem Boden konnten sie nicht so effektiv arbeiten. Aber selbst diese Tür fiel in Vincents Gedanken immer weiter zu; in Paris hatte der MI6 einen Stützpunkt, und Amelia hatte mehr als genug Zeit gehabt, eine flächendeckende Beschattung in der Hauptstadt zu organisieren.

Denk nach.

Versetz dich einmal in sie hinein. Sie will nicht, dass ihr Geheimnis herauskommt. Weil es das Ende ihrer Karriere bedeuten würde. Es wissen sicher nur eine Handvoll ihrer loyalsten Kollegen über François Malot Bescheid. Vielleicht ist sie genauso durcheinander, genauso verunsichert wie ich. Von diesem Gedanken beseelt kippte Vincent den Espresso hinunter und tat das, dessentwegen er hier war.

Nur ein paar Schritte entfernt war der Eingang zu einem Gebetsbereich für alle Konfessionen. Er betrat ihn vom Hauptterminal aus, kam auf einen kurzen Flur, von dem auf beiden Seiten mehrere Räume abgingen. Zu seiner Linken kniete ein bärtiger Muslim betend auf seine Matte. Rechts von ihm hatten sich drei verschleierte Afrikanerinnen auf Plastikstühlen niedergelassen. Sie schauten hoch, als Vincent vorüberging. Die Tür zur Toilette stand offen. Er ging hinein und riegelte hinter sich ab.

In der Toilette roch es nach Urin und Patschuliöl. Vincent schob, um ein Tarngeräusch auszulösen, eine Hand kurz unter den automatischen Heißlufttrockner, stellte sich auf die Kloschüssel, drückte auf eine der Deckenfliesen über seinem Kopf. Sie löste sich und verhakte sich in einem schrägen Winkel; Staub und Mörtelbrocken rieselten ihm ins Haar. Mit gesenktem Blick, um die Augen zu schützen, tastete er sich mit der rechten Hand blind durch etwas, das sich wie ein Nest aus Spinnweben und Staubflusen anfühlte. Sein Arm begann zu schmerzen, und er wechselte die Hand, drehte sich auf dem Toilettensitz, um sich in die andere Richtung vorantasten zu können. Der Handtrockner schaltete ab. Als Vincent draußen auf dem Flur Stimmen hörte, drückte er mit der Fußsohle auf die Klospülung. Polizei? Waren sie ihm in die Gebetsräume gefolgt, um ihn mit möglichst wenig Aufsehen festnehmen zu können?

Dann spürte er etwas. Die steife Kante eines großen Umschlags. Vincent ging auf die Zehenspitzen und schob die lose Deckenfliese noch ein Stück zur Seite, machte sich so lang wie möglich, um an das heranzureichen, dessentwegen er gekommen war. Es fühlte sich an wie das erste Glück seit vielen Stunden: das hinterlegte Päckchen, bedeckt mit Mörtel und Staub. Er betätigte noch mal die Klospülung, setzte die Fliese wieder ein, ließ sich auf den Klodeckel nieder und öffnete den Umschlag. Fünfhundert Euro, ein französischer Führerschein, ein sauberes Telefon, ein Pass, eine Visa-und eine American-Express-Karte. Alles auf den Namen »Gerard Taine«. Vincent klopfte sich den Staub aus den Haaren und von den Kleidern, verließ die Toilette und betrat mit dem Umschlag unter dem Arm den Terminal.

Höchste Zeit für den Heimflug. Für einen Flieger nach Frankreich.

»Das war interessant.«

Danny Aldrich hatte den ganzen Vorgang aus der Schlange vor einem der Check-in-Automaten beobachtet.

»Was denn?«, fragte Kell.

»CUCKOO ist in den multikonfessionellen Gebetsräumen verschwunden und fünf Minuten später mit einem Umschlag in der Hand wieder herausgekommen. Jetzt steht er in der Schlange vor dem BA-Schalter. Fünf Leute sind noch vor ihm.«

Kell sah Amelia an. Beide dachten dasselbe.

»Dort war ein Pass für ihn hinterlegt«, sagte Amelia. »Wir müssen wissen, wo er hinfliegt. Können Sie sich in der Schlange hinter ihm anstellen?«

»Unmöglich«, antwortete Aldrich. »Kurz hinter Reading bin ich ihm zu nahe gekommen. Womöglich erkennt er mich.«

»Hast du einen Ausweis bei dir?«, fragte Kell.

»Sicher.«

»Dann such dir jemanden vom Sicherheitspersonal des Flughafens, je ranghöher, desto besser. Der soll dem BA-Angestellten am Schalter Bescheid sagen. Und pass bitte auf, dass Vincent nichts mitkriegt. Du lässt dir Flugnummer, Namen des Passinhabers und – falls er nicht bar bezahlt – die Kreditkartendaten geben. Kriegst du das hin?«

»Kein Problem.«

Amelia nickte stumm. »Hübsche Idee«, sagte sie, nachdem Kell das Gespräch beendet hatte. Der Audi parkte auf der zweiten Etage eines mehrstöckigen Kurzzeitparkhauses, keine Minute zu Fuß von Aldrichs Standort. Akustisch untermalt vom nervenzerfetzenden Dröhnen einer Maschine im Landeanflug veränderte Amelia ihre Haltung auf dem Beifahrersitz so, dass sie Kell schräg von vorne anschaute. »Ich habe mir was überlegt«, sagte sie. Kell fühlte sich an Amelias Ausdruck neulich in dem Büro am Redan Place erinnert – dieselbe leise Resignation in den Gesichtszügen. Es war untypisch für sie, dass sie sich aus der Fassung bringen ließ, gerade in turbulenten Situationen. »Ich wende mich an ›Number Ten‹. Wir könnten versuchen, Kontakt mit den Franzosen aufzunehmen, zu einer Vereinbarung zu kommen. Ich kann François nur retten, indem ich mich ins Schwert stürze.«

Mich ins Schwert stürze. Das hohle Pathos ging Kell auf den Wecker. Es war unter Amelias Niveau.

»Damit rettest du ihn auch nicht«, sagte er. »Wer diese Leute auch sind, sie werden von Paris einen Wink kriegen. Selbst wenn es eine inzwischen abtrünnige Operation ist, wovon ich überzeugt bin, finden die Renegaten innerhalb des DGSE Kräfte, die ihnen zur Seite stehen. Es reicht ein kleines internes Leck. François wird getötet, und Luc und Valérie dampfen mit dem nächsten Dampfer nach Guyana.« Als er sah, dass er mit diesem Argument nicht weiterkam, ging Kell auf Risiko. »Und meine Karriere ist auch endgültig im Eimer, wenn du gehst. Sobald Truscott das Zepter in der Hand hält, kann ich den Wiedereinstieg beim MI6 vergessen. Wenn du nicht überlebst, züchte ich für die nächsten dreißig Jahre Tomaten.«

Zu seiner Verwunderung lächelte Amelia.

»Dann sollten wir besser dafür sorgen, dass niemand dahinterkommt, was wir hier tun«, sagte sie und nahm seine Hand in ihre. Es kam ihm vor, als hätte sie ihn auf die Probe gestellt und sei erst jetzt von seiner Loyalität überzeugt. »Ich bitte ein paar Freunde vom militärischen Dienst, in Frankreich ein Kommando zusammenzustellen. Und wir müssen Kevin ans Telefon holen, ihn so schnell wie möglich nach St. Pancras schicken.«

69

Sieben Minuten später war Vincent Cévennes auf Platz eins der Warteschlange vor dem BA-Schalter vorgerückt und wurde dabei beobachtet, wie er auf dem Computerdisplay der Angestellten den Flugplan studierte, bevor er ihr einen französischen Pass und eine Kreditkarte reichte und ein Ticket in Empfang nahm. Während CUCKOOs Aufmerksamkeit gebunden war, hatte Aldrich die Gelegenheit genutzt und sich zwei patrouillierenden Polizisten als Observationsagent des MI6 zu erkennen gegeben. Einer der Beamten erklärte sich bereit, zum BA-Schalter zu gehen und die Airline-Angestellte zu befragen, die CUCKOO gerade das Ticket verkauft hatte. Aldrich schärfte dem Mann ein, dass die Vernehmung unbeobachtet von anderen Passagieren im Terminal stattzufinden hatte.

Sie warteten, bis CUCKOO den Lift in den Duty-free-Bereich des Terminals genommen hatte. Dann ging der ältere der beiden Polizisten zum BA-Schalter und führte mit der Angestellten ein kurzes Gespräch in einem abgeschlossenen Personalraum hinter den Ticketschaltern. Das Ganze dauerte nicht länger als fünf Minuten.

Aldrich teilte Kell die Neuigkeiten telefonisch mit.

»Also. Hast du was zum Schreiben? CUCKOO reist unter dem Namen Gerard Taine. Er hat gerade mit seiner American-Express-Karte für fünfhundertvierundachtzig Pfund einen Platz in der Business Class für die BA-Maschine gebucht, die um 18.15 Uhr nach Paris Charles de Gaulle abfliegt.«

Kell, noch auf dem Parkplatz, sah auf die Uhr.

»Keine zwei Stunden mehr. Besorge uns zwei Plätze für denselben Flug, einen für dich, einen für Elsa. Getrennte Plätze. Wenn CUCKOO aus der Maschine aussteigt, werde ich dort sein.«

»Und wie willst du das anstellen?«

Kell warf einen Blick auf die Liste der Flüge, die Heathrow vor sechs verließen.

»Eine Viertelstunde vor euch fliegt von Terminal 4 eine Air France. Ich versuche, an Bord zu kommen.« Kell hatte schon den Motor angelassen, um zu dem anderen Terminal zu fahren, und lenkte den Wagen aus der Parkbucht. »Kevin ist unterwegs nach St. Pancras. Amelia organisiert von hier aus Mietwagen am Gare du Nord und in Charles de Gaulle. Wenn wir Verspätung haben oder ihr nichts von uns hört, versucht, so lange wie möglich an CUCKOO dranzubleiben. Er wird versuchen, euch in der Métro abzuschütteln. Wenn wir Glück haben, nimmt er ein Taxi.«

Eine Viertelstunde später hatte Kell sich in die Schlange vor dem Air-France-Schalter im Terminal 4 gedrängelt und sich für über siebenhundert Euro den letzten Platz auf der vollbesetzten Sonntagabend-Maschine nach Paris gesichert. Um 20.15 Uhr Ortszeit landete er auf dem Flughafen Charles de Gaulle und erfuhr dort zu seiner Erleichterung, dass der Abflug der BA-Maschine um eine halbe Stunde verschoben worden war. So blieb ihm genug Zeit, den Mietwagen abzuholen und so lange Runden um den Flughafen zu drehen, bis Aldrich ihm telefonisch das Kennzeichen des Taxis durchgegeben hatte – falls CUCKOO sich vor dem Flughafen eines nahm. CUCKOO entschied sich für den RER-Zug und stand auf der Fahrt in die Stadt nur drei Reihen von Elsa Cassani entfernt. Sie sah wie eine gewöhnliche Italienerin Ende zwanzig aus, die übermüdet von einem sinnenfreudigen Wochenendtrip nach London zurückkehrte. Danny Aldrich bestieg einen Air-France-Transferbus zur Place de l’Étoile. Kell nahm die Autoroute 3 nach Paris hinein. Er geriet mit seinem Renault in den Wochenend-Rückreiseverkehr und verlor den Kontakt zum RER. Als Elsa zehn Minuten später im U-Bahnhof Châtelet einfuhr, befand sie sich als Einzige des Teams noch innerhalb eines Umkreises von drei Kilometern um das Observationsobjekt.

CUCKOO brauchte keine fünfzehn Minuten, um sie abzuschütteln. Er stieg aus dem U-Bahnhof Châtelet an die Oberfläche, überquerte die Seine und nahm in St. Michel eine Métro Richtung Porte d’Orléans. Weil Elsa ihm seit Charles de Gaulle dreimal aufgefallen war – einmal im RER, später beim Überqueren der Pont Nôtre Dame und ein drittes Mal in seinem Métrowagen zwischen Saint-Sulpice und Saint-Placide –, drückte er im Bahnhof Denfert-Rochereau die Waggontüren mit Gewalt auseinander, sprang auf den Bahnsteig und sah Elsa in stummer Selbstvergessenheit an sich vorübergleiten.

Fünf Minuten später stieg sie in Mouton-Duvernet an die Oberfläche und teilte Kell per Handy die Hiobsbotschaft mit.

»Tom, es tut mir entsetzlich leid«, sagte sie, »aber ich habe ihn verloren. Ich habe CUCKOO verloren.«

70

Ich heiße Gerard Taine. Ich bin nicht mehr François Malot. Ich arbeite für das Verteidigungsministerium. Ich lebe in einem kleinen Dorf in der Nähe von Nantes. Meine Frau ist Lehrerin. Wir haben drei Kinder, Zwillinge im Alter von zwei Jahren und einen fünfjährigen Sohn. Ich bin nicht mehr François Malot.

Vincent hatte das Mantra seiner Notfall-Identität auswendig gelernt, aber er kannte Taine nicht annähernd so gut, wie er François gekannt hatte. Er wusste nichts über seine Interessen, seine Vorlieben, er hatte keinerlei Vorstellung von der Beschaffenheit, der Architektur seiner Seele. Er machte sich keine Gedanken über Taine, wie er es über François monatelang getan hatte, Tag und Nacht. François Malot war sein Leben gewesen, Taine war nur ein Alternativplan.

Vincent saß im Hotel Lutetia auf dem Bett und wusste nicht, ob die Engländer ihm gefolgt waren, ob Luc und Valérie jemals hier auftauchen würden. Er hatte das Gefühl, dieses Gebäude nie wieder zu verlassen. Er fühlte sich wie eine leere Hülle, ein Versager, ein Mann, der für eine Tat, die er nicht begangen hatte, zur Höchststrafe verurteilt worden war. So wie damals auf der Oberschule, mit vierzehn, als seine ganze Klasse, jeder seiner Freunde, jedes Mädchen, das er gern mochte, sich von ihm abwandte, weil er einen Fall von Mobbing bei einem Lehrer angezeigt hatte. Vincent war überzeugt gewesen, das Richtige getan zu haben. Er hatte seinen besten Freund vor den Angriffen der anderen schützen wollen, und war von dem Lehrer, dem er sich anvertraut hatte, an seine Kameraden verraten worden. Alle – auch der Freund, den er schützen wollte – hatten sich gegen ihn gewandt, ihn im Klassenzimmer monatelang gedemütigt, ihm auf dem Heimweg Dreck und Kot und was nicht alles in die Kleider geschmiert, ihn »Schwein!« und »Ratte!« gerufen, wo immer sie ihm begegnet waren. Vincents Sinn für Gerechtigkeit, für richtiges und falsches Handeln war durch diese Erfahrung auf den Kopf gestellt worden. Es gab für ihn keine Wahrheit mehr und keine Liebenswürdigkeit. Sogar sein Vater hatte sich von ihm abgewandt. Seine Kameraden darf man nicht verraten, niemals, hatte er gesagt, als wäre Vincent einer der Soldaten, mit denen sein Vater in Algerien gekämpft hatte. Damals war er ein hilfloser Vierzehnjähriger gewesen, ohne eine Mutter oder Geschwister, auf deren Liebe er sich hätte verlassen können. Sie haben meinem Freund wehgetan, Papa, hatte er seinem Vater geantwortet, aber der alte Mann wollte es nicht hören, und jetzt war er lange schon tot. Vincent wünschte, er wäre hier bei ihm, dann könnte er ihm erzählen, was er in England erlebt hatte, und was sie mit François angestellt hatten. Und er könnte noch einen Versuch machen, ihm zu erklären, dass es ihm damals um nichts anderes gegangen war, als einem Freund zu helfen.

Er stand auf und ging zum Fenster, schaute hinunter auf den Boulevard Raspail. Die Vorhänge waren aufgezogen, das Fenster nur angelehnt. Er schenkte sich einen Whisky aus der Minibar ein, riss die Stange Zigaretten auf, die er in Heathrow gekauft hatte, brachte einen stillen Toast auf François Malot aus, blies den Rauch in die feuchte Pariser Nachtluft. Er wusste, dass es ein Fehler war, so zu denken, aber er vermisste Amelia, ihm fehlten die Gespräche, die Abendessen, die Zeit, die sie gemeinsam am Swimmingpool und am Strand verbracht hatten. Er begehrte sie nicht mehr; sie hatte ihn verraten und damit aufgehört, für ihn als Frau zu existieren. Und trotzdem fehlte sie ihm, wie sie wohl auch François gefehlt hätte, weil sie seine Mutter war, weil sie sich um ihn sorgte und bis ans Ende der Welt gehen würde, um ihren Sohn zu schützen. Was für eine starke, mächtige Frau. Wenn man so eine Mutter hätte. François durfte sich glücklich schätzen, eine solche Mutter zu haben.

Vincent trank sein Glas leer, schenkte sich noch eins ein, selbst auf die Gefahr hin, dass Luc und Valérie eintrafen und sein Atem nach Alkohol roch. Er begann sich vor dem zu fürchten, was die beiden vorhatten. Es war das Gefühl der Isolation, das so schwer auszuhalten war; jeder Glaube an sich selbst, alle seine Überzeugungen waren ihm innerhalb weniger Stunden genommen worden. Genau wie damals, bei den Schikanen in der Schule: eben noch war er ein Mensch gewesen, im nächsten Moment etwas ganz anderes. Eine Ratte. Ein Verräter. Ein Stück Dreck. Danach hatte er niemandem mehr vertraut, und das war richtig so gewesen. Mit der Einstellung war er in die ersten Gespräche beim DSGE gegangen, das hatten sie als Erstes von ihm erfahren, und es hatte ihnen gefallen.

Meine Einsamkeit ist mein Talent, dachte er. Meine Selbstgenügsamkeit ist meine Stärke.

Es klopfte an der Tür.

71

Kurz vor Mitternacht war Kevin Vigors in Paris eingetroffen, hatte sich am Gare du Nord einen Peugeot gemietet und war nach Süden zum Boulevard St. Germain gefahren, wo Kell, Elsa und Aldrich in der Brasserie Lipp an einem Tisch saßen und ihren Frust mit der mittlerweile vierten Schlachtplatte und einigen Flaschen Chinon zu lindern versuchten.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, flüsterte Elsa, als Vigors neben ihr auf die Bank rutschte. »Ich habe eben nicht Dannys Erfahrung, eure Erfahrung. Es tut mir so leid, dass …«

Kell fiel ihr ins Wort. »Elsa, noch ein Wort, und du reparierst für den Rest deines Lebens Computer in Albanien. Was hättest du denn tun sollen? Einer von uns hätte mit dir in den Zug steigen müssen. Wie willst du alleine an einem ausgebildeten Agenten dranbleiben?« Er schaute der Reihe nach in die drei um ihn versammelten Gesichter und hob das Glas. »Unter verflucht schwierigen Bedingungen habt ihr alle heute absolut perfekt funktioniert. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. Und noch haben wir eine Chance, Luc und Valérie zu finden und morgen Abend Kontakt mit Amelia aufzunehmen.«

Er hatte Amelia, die in England bleiben musste, um am Montag einen rechtschaffenen Arbeitstag für die Herren Truscott, Marquand und Haynes zu absolvieren, die schlechte Nachricht bereits mitgeteilt. Um die Nacht nicht bei Giles in Chelsea verbringen zu müssen, hatte sie sich ein Zimmer im Holiday Inn genommen und sich nach und nach durch die zahlreichen Dinge gearbeitet, die CUCKOO auf dem Rücksitz von Aldrichs Taxi zurückgelassen hatte. Sie behielt das goldene Feuerzeug mit den Initialen P.M., alles andere legte sie zurück in Vincents Koffer und die schwarze Ledertasche und überlegte, was sie damit tun sollte. Allein im sechsten Stock des Hotels mit Ausblick auf einen vom Verkehr verstopften M 4 fühlte sie sich ähnlich niedergeschlagen und machtlos wie damals nach der Krebsdiagnose bei ihrem inzwischen verstorbenen Bruder. Bei all ihren Möglichkeiten, all ihrer Expertise konnte sie keinerlei Einfluss auf den Lauf der Dinge in Frankreich nehmen. Sie hatte absolutes Vertrauen zu Thomas Kell, trotzdem mochte sie gar nicht daran denken, dass sie François’ Leben in die Hände von gerade mal drei Männern und einer italienischen Computerexpertin ohne jede Erfahrung auf diesem Gebiet gelegt hatte. Immerhin war es ihr gelungen, ein Drei-Mann-Team von sogenannten Sicherheitsexperten – ein Euphemismus für ehemalige SAS-Soldaten, die Nebenbeschäftigungen in privaten Sektoren nachgingen – auf den Weg nach Carcassonnne zu schicken. Aber länger als achtundvierzig Stunden konnte sie die Männer nicht in Bereitschaft halten. Sie hatte schon eines ihrer Bankkonten plündern müssen, um sie zu bezahlen. Sollte es Kell nicht gelingen, François’ Aufenthaltsort in dieser Zeit zu ermitteln, hatten sie keine militärische Option mehr, um ihren Sohn zu befreien. Und wie sollten sie François ohne CUCKOO finden? Es gab keinerlei Spur mehr, die sie verfolgen könnten.

Amelia schaute alle naselang nach neuen E-Mails, blieb in Kontakt mit Kell und bestätigte das Arrangement mit Anthony White, dem Kommandanten des geheuerten Sicherheitsteams. Um zwanzig nach elf meldete ein Klingelton das Eintreffen einer neuen Nachricht auf ihrem Laptop.

Sie kam vom GCHQ und trug den Betreff »Amex«.

Betr.: Ihr Wunsch nach laufender Überwachung der American-Express-Karte 3759876543 21001 / 06/14 / GERARD TAINE

Kartennutzung (verkürzt):

British Airways (Verkauf) / LHR T5 / 16.23 GMT £ 584.00

World Duty Free / LHR T5/ 17.04 GMZ £ 43.79

Hotel Lutetia / Paris / 00.05 GMT+1 € 267.00

Sie griff zum Handy und rief Kell an.

72

Das Hotel Lutetia war eine Pariser Institution mit fünf Sternen, die Kell aus einer kurzen Dienstzeit in dieser Stadt vor zehn Jahren kannte; er hatte damals an Treffen zwischen MI6-und DGSE-Kollegen in der Lobby teilgenommen und wusste, dass das Haus eine Geschichte als Kasino für Offiziere der deutschen Besatzungsarmee während des Zweiten Weltkriegs hatte. Es lag etwa einen Kilometer von der Brasserie Lipp entfernt und würde zweifellos einen geeigneten, diskreten Ort für CUCKOOS Eiltreffen mit Luc und Valérie abgeben.

Keine fünf Minuten nach Erhalt von Amelias Anruf hatte Kell die Rechnung im Lipp bezahlt, war mit Elsa die Rue de Sèvres hinuntergegangen und hatte Danny Aldrich und Kevin Vigors aufgetragen, so nah wie möglich am Hotel zu parken.

Aldrich fand auf der Ostseite des Boulevard Raspail eine Parklücke für den Peugeot und behielt den Eingang im Auge. Vigors ging direkt zum Empfangstresen und mietete auf seinen Namen ein Doppelzimmer, bevor er es sich in einem Lehnsessel bequem machte, von dem aus er die Aufzüge im Blick hatte. Kell und Elsa betraten das Hotel Arm in Arm, wie ein Liebespaar, das von einem Mitternachtsspaziergang zurückkehrte.

»Wir bleiben hier«, sagte er zu ihr, als sie an der Rezeption vorüberschlenderten. »Liebeswochenende. Bevor wir ins Bett springen, trinken wir an der Bar noch einen.«

»Lauter leere süße Versprechungen«, schnurrte sie und schmiegte sich fester an seinen Arm.

Die Bar war Teil einer großen, rechteckigen Lobby von den Ausmaßen eines Tennisplatzes. Ungefähr zehn Gäste saßen in verstreuten Gruppen in scharlachrot und schwarz bezogenen Lehnsesseln, zwischen denen niedrige, mit Likörgläsern und Kaffeetassen beladene Holztische standen. Ein einsamer Kellner bewegte sich flink zwischen Art-déco-Skulpturen und dem Geplätscher und Räuspern dezenter Gespräche, hinterlegt mit den Musical-und Filmmelodien, die ein kahlköpfiger Pianist zum Besten gab. Kell ließ sich in einem Sessel nieder, von dem aus er den Haupteingang im Auge hatte. Elsa saß ihm gegenüber, beobachtete den Bartresen. Eine halbe Stunde lang unterhielten sie sich auf Englisch über Elsas Kindheit in Italien, zwischendurch tauschte Kell Textnachrichten mit Amelia, Vigors und Aldrich.

»Wenn du mein Liebhaber wärst und so viel Zeit mit dem Handy verbringen würdest, hätte ich dich längst verlassen«, sagte sie.

Kell hob den Blick und lächelte. »Ich bin also gewarnt.«

Sekunden danach stieß sich ein junger Araber in Bluejeans und Motorradjacke mit dem Marlboro-Emblem durch die Drehtür. Kell konnte sein Gesicht zuerst nicht richtig sehen, aber als der Mann an der Rezeption vorüberging, erkannte er zu seinem Erstaunen einen der beiden, die ihn in Marseille überfallen hatten.

»Ach du Scheiße.«

Elsa, die schläfrig in ihrem Sessel gelehnt hatte, ruckte nach vorn. »Was ist?«

»Der Typ aus dem …« Rasches Handeln war gefragt. Es blieb keine Zeit, Vigors zu alarmieren. »Lauf zu den Lifts. Schnell.« Elsa sprang hoch, ihre Verwirrung war nicht zu übersehen. Kell sprach leiser. »Der junge Araber da drüben. Er ist einer von ihnen. Geh ihm nach. Finde heraus, auf welche Etage er fährt.«

Der Kellner blieb neben Kells Tisch stehen, als Elsa losging.

»Alles in Ordnung, Monsieur?«, fragte er.

»Meine Freundin«, antwortete er. »Sie glaubt, ihren Cousin gesehen zu haben.«

»Ach so.« Der Kellner blickte Elsa nach, bis ein Gast in der Ecke ihn auf sich aufmerksam zu machen versuchte. »Wünschen Sie noch etwas, bevor die Bar schließt?«

Kell sah, dass Elsa bei den Lifts angekommen war.

»Nein. Nein danke«, sagte er und wandte sich von dem Kellner ab. »Bringen Sie uns bitte die Rechnung.«

73

Als Akim den Aufzug betrat, schwitzend unter dem Gewicht der Lederjacke, hörte er hinter sich eine Stimme und sah eine dunkelhaarige junge Frau auf sich zulaufen, die etwas auf Italienisch rief. Bei einer älteren Dame hätte er die Türen zuklappen lassen, aber jetzt drückte er den untersten Knopf der Leiste, um sie noch in die Kabine zu lassen.

»Grazie«, sagte sie atemlos und sah ihn dankbar an, bevor sie sich eingedenk der Tatsache, dass sie in Paris waren, korrigierte. »Merci.«

Ihm gefiel die natürliche, offene Art, mit der sie ihm in diesem stinkvornehmen Laden begegnete. Eine Nutte war sie nicht; vielleicht die Geliebte eines Gasts oder einfach nur auf einem Familientreffen. Sah aus wie eine, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, wie eine Frau mit Erfahrung. Er atmete ihren Duft ein, wie er es gelegentlich bei Frauen auf der Straße tat.

»Prego«, sagte er – ein bisschen spät, aber um Kontakt bemüht. Ins Französische wechselnd fügte er hinzu: »War mir ein Vergnügen.«

Sie war keine Schönheit, doch immerhin ganz hübsch, und für den Rest sorgte das Leuchten ihrer Augen. Er hätte gerne Zeit für sie gehabt. Er hatte auf den Knopf mit der Fünf gedrückt, sie drückte die Sechs.

»Haarscharf daneben«, sagte er.

Der Lift kletterte den Schacht hinauf. Die junge Italienerin antwortete nicht. Vielleicht hatte der Adrenalinstoß seines Auftrags ihn zu forsch erscheinen lassen. Als die Türen sich auf der fünften Etage öffneten, murmelte Akim »Bonsoir«, und diesmal reagierte sie und sagte »Oui«, als er den Aufzug verließ. Er wartete, bis die Tür zugeklappt war, bevor er nach links auf das Zimmer 508 zuging.

Der Korridor war menschenleer. Er erreichte Vincents Zimmertür und klopfte leise. Gedämpfte Schritte näherten sich, dann ein leiser Stoß, als Vincent die Stirn an die Tür legte, um durch den Spion blicken zu können. Der Riegel glitt auf, und Akim wurde hereingebeten.

»Wo ist Luc?«

Nicht etwa: Hallo Akim, wie geht’s dir? Nicht: Schön, dich zu sehen. Einfach nur: Wo ist Luc? Als wäre Akim ein Mensch dritter Klasse. Das Gefühl hatte Vincent ihm schon immer gegeben.

»Sie kommen später«, antwortete er.

Das Zimmer war groß, ein leichter Luftzug verwehte den Zigarettenrauch. Ein Fenster stand offen, die Plastikstange des Vorhangs stieß leise gegen die Scheibe. Vincent trug den weißen Bademantel des Lutetia über Bluejeans und bloßen Füßen; Akim konnte sich nicht erinnern, ihn schon mal so unkorrekt gekleidet gesehen zu haben.

»Was heißt später?«

Akim setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Doppelbett. Auf dem linken Kopfkissen hatte Vincents Kopf eine saubere Delle wie von einem Fausthieb hinterlassen. Auf der Bettdecke lag eine Fernbedienung, neben dem Fernseher standen zwei Miniflaschen Whisky.

»Wie wär’s mit einer Antwort?« Vincent nahm zwischen dem Sessel und dem Bett Aufstellung, als wäre Akim verpflichtet, ihm Rede und Antwort zu stehen. »Wie haben die Briten von mir erfahren? Wer hat es ihnen erzählt? Was habt ihr mit François vor?«

»Ich dachte, du bist François, Vincent?«, erwiderte Akim, weil er es sich nicht verkneifen konnte. Alle hatten sich über die Ernsthaftigkeit amüsiert, mit der Vincent seine Rolle spielte. »Brando« hatte Slimane ihn genannt, weil er bislang kein einziges Mal aus seiner Rolle herausgefallen war.

»Machst du dich lustig über mich?«, fragte Vincent. Er verfügte über einige Körperkraft und brauste schnell auf, aber es fehlte ihm an Mut. Akim wusste das. Er jagte niemandem Angst ein.

»Das würde ich mir nie erlauben, Vincent.«

Akim sah Vincent Cévennes um das Fußende des Betts herumgehen und sich setzen. Der Pin-up-Boy der Akademie. Der Goldjunge des DGSE. Vincent hatte immer schon eine hohe Meinung von sich gehabt.

»Wo ist Luc?«, versuchte es Vincent noch einmal.

Akim war bereits genervt von der Fragerei, aber ein bisschen Spaß wollte er noch haben. »Und Valérie? Für die interessierst du dich gar nicht?«

»Luc ist der Chef«, antwortete Vincent schnell.

»Meinst du?«

Es entstand ein Schweigen zwischen den beiden. Langsam schien sich Vincent mit Akims unerwarteter Anwesenheit in dem Zimmer abzufinden.

»Und weshalb bist du gekommen?«, fragte er. »Hast du eine Nachricht für mich?«

»Ja, hab ich«, antwortete Akim.

Danach war alles ganz einfach. Eine reine Frage der Pflichterfüllung. Akim öffnete den Reißverschluss seiner Motorradjacke, zog die Waffe aus der Innentasche, richtete sie auf Vincents Brust und feuerte einen schallgedämpften Schuss auf ihn ab, der ihn ein Stück nach hinten Richtung Wand hob. Akim stand auf und trat einen Schritt vor. Vincents Blick ertrank im Entsetzen über das, was ihm widerfahren war; Tränen füllten seine Augen. Sein Gesicht war kreideweiß, in seiner Kehle gluckerte schon das Blut. Akim feuerte zwei weitere Kugeln auf Kopf und Herz ab, schon nach der ersten klappte Vincent zusammen wie eine Puppe. Akim sammelte die leeren Patronenhülsen auf, steckte die Waffe wieder in die Innentasche und ging Richtung Tür, nachdem er sich überzeugt hatte, dass ihm auch nichts aus den Hosentaschen gerutscht war, als er auf dem Sessel gesessen hatte. Mit einem Blick durch den Spion überzeugte er sich, dass der Bereich vor der Tür frei war, und verließ das Zimmer.

74

Kell sparte sich die Mühe, Amelia in London anzurufen und sich grünes Licht für das geben zu lassen, was jetzt zu tun war. Er schickte Vigors auf die Suche nach einem toten Winkel der Überwachungskamera auf der fünften Etage, wo er warten sollte, bis der Araber oder ein anderes Mitglied des DGSE-Teams Vincents Zimmer betrat oder verließ. Aldrich bekam den Auftrag, draußen im Wagen zu warten, und Elsa schickte er in das Zimmer, das Vigors im Lutetia gebucht hatte.

»Mehr kannst du nicht tun«, sagte er zu ihr. »Versuch etwas zu schlafen. Ich brauche dich morgen früh noch.«

Er wartete vor dem Hotel, ging rauchend den Gehsteig auf und ab. Es war nach ein Uhr an einem frühen Pariser Morgen und immer noch schwülwarm. Ein Mann Mitte fünfzig kam an ihm vorbei und stieg die Stufen zum Hoteleingang hinauf. Jeder Fremde war jetzt eine potentielle Bedrohung. Kell drehte sich um, warf einen Blick hinüber zu Aldrich, immer noch wachsam, zuverlässig wie schon den ganzen Tag über. Der Beste der Besten. Sie nickten sich zu. Ein Polizeiwagen mit gelben Scheinwerfern fuhr desinteressiert den Boulevard Raspail hinauf Richtung Norden.

Der Araber war noch keine zehn Minuten im Hotel, als Kells Handy in der Hosentasche vibrierte. Vigors.

»Er geht schon wieder. Ist gerade im Treppenhaus verschwunden. Ich bin im Fahrstuhl.«

»Du bist sicher, dass er es ist?«

»Hundertpro. Rot-weiße Motorradjacke, auf dem Weg nach unten. Er wird …«

Die Verbindung brach ab. Kell machte Aldrich ein Zeichen, den Motor des Peugeot anzulassen. Dann richtete er den Blick nach oben, sah durch das Glas der Drehtür jemanden auf den Ausgang zugehen. Er wusste, dass Vigors keine zehn Sekunden hinter ihm war. Blickkontakt mit Aldrich. Es war so weit.

Der Araber kam die Treppe zum Hotel herunter, sah Kell rechts von sich, schien ihn nicht wiederzuerkennen, hielt sich aber, weil er jede Begegnung scheute, weiter links und steuerte direkt auf den Peugeot zu. Vigors hatte den Lift verlassen, war quer durch die Lobby gelaufen und kam bereits zur Drehtür heraus. Kell wartete, bis der Araber zwei Meter vom Auto entfernt war, näherte sich ihm von hinten, legte ihm die rechte Hand auf den Schädel und stieß ihn mit der Linken vorwärts, während Vigors sie überholte, den Fonds des Peugeot aufriss, bevor er Kell zu Hilfe kam. Kell erinnerte sich an die Kraft des Arabers, seine geschmeidige Hinterlist, aber Vigors war ihm körperlich überlegen, nutzte das Überraschungsmoment und beförderte ihn in Sekundenschnelle auf den Rücksitz. Aldrich schwenkte den Wagen bereits auf den Boulevard Raspail hinaus, als die Autotür hinter ihm zuschlug. Vigors drückte den Kopf des Jungen nach hinten, während Kell um ihn herumlangte, ihm die Arme festhielt. Der Araber schrie und wand sich, bespuckte Kells Hals und Gesicht.

»Halt die Luft an, oder ich brech dir den Arm«, zischte Kell ihm auf Arabisch zu und wurde gegen die Tür gedrückt, als Aldrich in einer scharfen Rechtskurve in die Rue Saint-Sulpice schleuderte. Er hatte keine Ahnung, wo sie ihn hinbringen, was sie später mit ihm machen sollten. Er konnte nicht einmal sicher sein, dass die Entführung in den frühen Morgenstunden auf einer stillen Pariser Durchgangsstraße unbeobachtet vonstatten gegangen war.

»Fahr Richtung Panthéon«, sagte er. »Place d’Italie.«

Unter dem dicken Leder der Motorradjacke spürte Kell die harten Konturen einer Waffe.

»Kev, übernimm seine Arme.«

Kell lockerte den Griff, und Vigors bog dem Araber die Arme auf den Rücken, hielt sie dort fest. Der Mann wehrte sich nicht mehr, aber in den Falten um den Mund klebte der Speichel wie nasse Kreide. Als Kell den Reißverschluss der Jacke aufzog, versuchte der Araber, ihm in die Hand zu beißen. »Mach dich nicht lächerlich«, sagte Kell, riss ihm den Kopf nach hinten, langte in die Jacke, bekam den Kolben der Waffe zu fassen und zog sie heraus.

»Warum trägst du eine Automatik mit Schalldämpfer mit dir herum?«, fragte er auf Französisch. Korditgeruch breitete sich aus. »Oder besser, warum hast du gerade damit geschossen?«

Vigors erkannte in der Waffe eine SIG Sauer 9mm. Kell schraubte den Schalldämpfer ab. Acht Kugeln steckten noch im Magazin. Er beugte sich nach vorn und legte die Waffe auf den Boden vor dem Beifahrersitz, bevor er die Durchsuchung der Lederjacke fortsetzte. Er förderte eine Brieftasche, ein Handy und ein Päckchen Zigaretten zutage. Dann befahl er dem Araber, sich vorzubeugen, damit er seine Gesäßtaschen untersuchen konnte. Einen Block vor dem Panthéon zog sich Aldrich den Gürtel aus der Hose und reichte ihn Vigors nach hinten, damit er ihn zu einer Handfessel für den Araber umfunktionieren konnte. Kell zog das Mobiltelefon aus der Tasche und formulierte eine Textnachricht an Amelia.

Brauchen so schnell wie möglich ein sicheres Haus. CUCKOO wahrscheinlich tot. Haben Verdächtigen im Auto. Einer der beiden vom Überfall in Marseille.

75

Die Nachricht zwang Amelia, Verbindung zum Pariser Stützpunkt des MI6 aufzunehmen, eine Option, auf die sie nicht gerne zurückgriff. Den Kreis der Eingeweihten zu vergrößern erhöhte das Risiko, dass die Operation gegen den DGSE innerhalb des Dienstes ruchbar wurde. Deshalb wählte sie einen jungen, ehrgeizigen Mann aus, einen flotten Junggesellen von siebenundzwanzig Jahren, der nichts lieber tat, als der designierten Chefin behilflich zu sein, weil er hoffen durfte, dass Loyalität gepaart mit guter Arbeit sich irgendwann einmal auszahlte.

Mike Drummond wurde kurz vor drei aus dem Schlaf gerissen. Gegen vier war er angezogen und hatte fünfundzwanzig Minuten Autofahrt nach Orsay hinter sich, einer Trabantenstadt, in der der britische Geheimdienst ein einzeln stehendes Haus mit zwei Schlafzimmern in einer ruhigen Wohnstraße wenige Minuten entfernt vom Bahnhof angemietet hatte. Kell wartete, bis Drummond seine Ankunft in dem Haus bestätigt hatte, bevor er Aldrich bat, die Adresse anzufahren. Um Viertel nach vier führte er Akim in ein bescheiden möbliertes Wohnzimmer mit kleinem Flachbildfernseher vor dem Fenster, Vasen mit Trockenblumen über einem mit Propangas beheizten Kamin; auf einem Tablett neben der Tür stand einsam eine halbvolle Flasche Stolichnaya.

»Wodka?«, fragte Kell.

»Wasser«, antwortete Akim.

Im Auto hatten die Gemüter sich beruhigt. Akim hatte ihnen seinen Namen mitgeteilt und bestritten, CUCKOO getötet zu haben, jegliche Beteiligung an der Entführung François Malots in Abrede gestellt und damit gedroht, dass seine Pariser »Freunde« sich auf die Suche nach ihm machen würden, wenn er mittags nicht zu Hause wäre. Aber Wut und Kampfeslust waren verraucht und durch eine Art heiterer Gelassenheit ersetzt worden, die Kell auszunutzen gedachte.

»Und was zu essen? Hast du keinen Hunger?« Er warf einen Blick auf Drummond, einen Rotschopf aus Birmingham mit Sommersprossen und Stupsnase, der offenbar beschlossen hatte, nur zu reden, wenn er gefragt wurde. »Im Kühlschrank findet sich doch was Essbares, oder?«

»Sicher«, antwortete Drummond.

Vigors hatte drei Tassen Pulverkaffee aufgebrüht, von denen er Aldrich eine ins Auto brachte. Die Straße lag schwarz und still vor ihnen, nirgends zuckte eine Gardine, kein streunender Hund, keine Katze. Weil Aldrich seit über zwei Stunden hinter dem Steuer saß, bot Vigors ihm an, mit ihm zu tauschen. Er setzte sich ins Auto, und Aldrich ging hinein.

Kell begrüßte ihn mit einem Kopfnicken, während er das Wort an Akim richtete: »Dann will ich dir mal deine Situation verklickern: Wir alle sind Agenten des Secret Intelligence Service, den du wahrscheinlich besser als MI6 kennst. In Paris haben wir ein 12-Mann-Team in Bereitschaft, dahinter steht eine größere Operation in London, wo dieses Gespräch in unserem Hauptquartier an der Themse mitgehört wird. Du bist hier absolut sicher. Vor dem Lutetia haben wir Gewalt angewandt, weil uns keine Wahl blieb, aber unser Gespräch muss nicht so ungemütlich werden, wie du vielleicht fürchtest. Ich hab dir im Auto schon gesagt, dass ich dich aus Marseille kenne. Ich weiß allerdings auch, dass du dort nur deinen Job getan hast. Rache ist nicht mein Geschäft, Akim. Und ich hab auch kein Interesse daran, dich für den Mord an Vincent Cévennes deiner gerechten Strafe zuzuführen.«

Der junge Araber hob den Blick, offensichtlich im Unklaren über die Strategie des Vernehmenden. Drummond kam aus der Küche zurück und reichte dem Araber wortlos ein Glas Wasser, bevor er sich in einem Lehnsessel niederließ. Akims Hand zitterte leicht beim Trinken.

»Ich habe im Auto dein Mobiltelefon unter die Lupe genommen«, fuhr Kell fort. Er hatte den Eindruck, dass Drummond sich im Kopf Notizen machte, um seine eigene Verhörtaktik zu schulen, aber vielleicht wollte er einfach nur sehen, wie lange der berüchtigte Zeuge X in den ruhigeren Verhörphasen stillhielt, bevor er zu Aggressivität und Sarkasmus Zuflucht suchte.

»Ich muss telefonieren«, erwiderte Akim. Sie unterhielten sich auf Französisch. »Ich sag ’s noch mal, wenn ich mich nicht melde, werden sie aktiv.«

»Wer wird aktiv? Wer sind die Leute, mit denen du uns in Kontakt bringen willst?«

Kell setzte alles auf seine Einschätzung von Akims Charakter. Natürlich war er ein Verbrecher, einer, der auf Befehl tötete, aber er war nicht ganz ohne Anstand. Auf seinem Handy hatte Kell jede Menge Fotos von lächelnden Freundinnen, Familienangehörigen, Kindern gefunden, sogar von Landschaften und Gebäuden, die dem jungen Araber ins Auge gefallen waren. Außerdem Nachrichten voller Humor und welche, die von der Sorge um ein krankes Großelternteil in Toulon oder seiner Hingabe an einen gütigen Gott zeugten. Vermutlich hatte der französische Geheimdienst ihn von der Straße geholt und zu einem – wie es vor langer Zeit ein Kollege in Irland ausgedrückt hatte – »nützlichen Idioten der Gewalt« umfunktioniert. Er verfügte über den gesunden Überlebensinstinkt eines Jungen, der bis dahin ohne Geld, Ausbildung und Hoffnung hatte auskommen müssen. Aber es gab auch eine sentimentale Komponente in seinem Charakter, die davon zeugte, dass er sich einmal Besseres vom Leben versprochen hatte.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, antwortete Akim. Kell hatte ohnehin einkalkuliert, dass er dem Gefangenen die Antwort würde versüßen müssen.

»Dann will ich es dir sagen«, erwiderte er, ging zur Tür und schraubte die Wodkaflasche auf. Er brauchte jetzt einen kräftigen Schluck, um den grauen Zellen auf die Sprünge zu helfen und den Weg in den Morgen zu finden. »Sie heißen Luc Javeau und Valérie de Serres. Und du bist von den beiden damit beauftragt worden, Philippe und Jeannine Malot in Ägypten zu ermorden.« Zu Kells Verwunderung wehrte Akim sich nicht gegen diese Anschuldigung. »Wir wissen, dass François Malot kurz nach dem Mord an seinen Eltern entführt wurde, und dass ein DGSE-Agent namens Vincent Cévennes sich bei einer Operation gegen eine führende Person unserer Organisation für ihn ausgegeben hat.«

Als er begriffen hatte, dass von Amelia Levene die Rede war, schlug Drummond ein Bein übers andere. Aldrich warf ihm einen kalten, abschätzenden Blick zu – der wortlose Hinweis des erfahrenen Haudegens an den grünen Jungen, dieses Geheimnis gefälligst mit ins Grab zu nehmen.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Akim. »Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht.« Unter der Motorradjacke war ein enges schwarzes Leibchen zum Vorschein gekommen, unter dessen dünnem Nylonstoff sich lange Armmuskeln abzeichneten, als er abwehrend die Hände hob.

»Wir wissen, dass es stimmt«, stellte Kell entschieden fest. In dem Raum standen zwei Lehnsessel und ein Sofa. Er erhob sich von dem Sofa und ging vor Akim in die Hocke, das Wodkaglas in der Hand. »Nachdem Vincent vom MI6 enttarnt worden war, haben Luc und Valérie es mit der Angst zu tun bekommen, richtig? Die Operation war im Eimer, und dir gaben sie den Befehl, Vincent zu erschießen. Aber was sollte mit François geschehen? Sollten sie ihn auch umlegen, oder bei seiner Mutter ein Lösegeld für ihn erpressen?« Akim wich seinem Blick aus, doch auch bei Aldrich und Drummond fand er keinen Trost. »Wusstest du, dass Valérie heute Morgen meine Chefin angerufen und fünf Millionen Euro für die sichere Rückgabe ihres Sohnes gefordert hat?« Die Höhe der Summe lenkte Akims Blick zurück zu Kell; er schaute, als wäre ihm etwas im Hals stecken geblieben. »Welchen Anteil hat man dir versprochen? Fünf Prozent? Zehn? Und deinem Freund, dem ich das Veilchen zu verdanken habe?« Kell deutete auf die Narbe auf seinem Gesicht und lächelte. »Bekommt er mehr als du oder dasselbe?«

Akim reagierte mit Schweigen. Er antwortete nicht auf Kells Fragen, um das Gesicht nicht zu verlieren.

»Wie?« Kell erhob sich und ging zurück zum Sofa. »Sie haben euch gar keinen Anteil an dem Lösegeld versprochen?«

»Nein. Nur ein festes Honorar.«

Akim hatte auf Arabisch geantwortet, als wollte er die Schmach vor Drummond und Aldrich verbergen. Kell wusste nicht, ob die beiden anderen es verstanden, als er sagte:

»Wie viel?«

»Siebentausend.«

»Siebentausend Euro? Das ist alles?«

»Das ist ein Haufen Geld.«

»Vor der Operation mag das ein Haufen Geld gewesen sein, jetzt ist es ein besseres Trinkgeld, oder, Akim? Irgendwann nächste Woche kassieren Luc und Valérie fünf Millionen dafür, dass sie dir alle Möglichkeiten verbaut haben, weiter für den DGSE zu arbeiten. Die benutzen dich. Pack endlich aus über die beiden. Über ihre Beziehung. Drei Morde haben sie dir aufs Gewissen geladen, und ein vierter kommt hinzu, wenn du François erschießt.«

Akim lächelte höhnisch. Hier bot ihm jemand die Gelegenheit, sich zu revanchieren.

»Ich werde François nicht erschießen«, sagte er. »Den hat Slimane für sich reserviert.«

76

Um Viertel nach acht hörte François das Geräusch des Schlüssels. Manchmal weckten sie ihn früher, manchmal – wenn Akim Dienst tat – ließen sie ihn auch länger schlafen.

Luc hatte ihn am ersten Tag in diesem Haus angewiesen, auf dem Bett sitzen zu bleiben, wenn jemand an der Tür klopfte. Wenn er sich nicht kerzengerade hinsetzte, wenn sie reinkamen, wenn er nicht die Hände in die Höhe streckte, die Handflächen nach vorn, damit man sah, dass sie leer waren, kippten sie ihm das Essen einfach auf den Boden, und für den Rest des Tages gab es dann nichts mehr. Deshalb tat François, was er jedes Mal tat, er blieb auf dem Bett sitzen und streckte die Arme zur Decke wie ein Soldat, der sich ergibt.

Heute war es Valérie. Das war ungewöhnlich. Und Luc gleich hinter ihr. Von Slimane und Akim nichts zu sehen. In der Nacht war ein Auto vorgefahren, und er hatte gemeint, die Stimme eines Mannes zu hören, der ins Haus kam und von Luc im Flur begrüßt wurde. An dem Wochenende, an dem Slimane und Akim nach Marseille gefahren waren, hatte sie ein ehemaliger Fremdenlegionär vertreten, ein dümmlich brutaler, weißer Macho mit Bürstenfrisur, der noch schlechter kochte als die anderen. François rechnete damit, dass er wieder Dienst tat, und hoffte gleichzeitig, dass Slimane ein paar Tage frei bekommen hatte, und er ihn nie wieder sehen würde.

»Wir drehen einen Film«, sagte Valérie und wies François an, auf dem Bett sitzen zu bleiben. Sie trug eine Zeitung bei sich. Luc hatte ein iPhone in der Hand.

»Was für einen Film?«

»Einen, der zeigt, dass du noch am Leben bist.« Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Ihr Benehmen war schroff, ein bisschen nervös. François versuchte immer, das Verhalten seiner Bewacher einzuschätzen, ihre Motive und Absichten zu deuten, und jedes Mal, wenn sie kurz angebunden waren und er sich schlecht behandelt fühlte, bekam er Angst, dass sie seine Ermordung planten.

»Hochhalten«, sagte Valérie und drückte ihm eine Ausgabe des Figaro in die Hand. Es war die aktuelle Morgenausgabe mit einem Aufmacher über Sarkozy, einer Anzeige für Urlaubsreisen nach Mexiko und rechts unten etwas über Obama und den Haushaltsstreit in Washington. Luc zog einen Holzstuhl aus dem Flur in seine Gefängniszelle, setzte sich drauf, François das Gesicht zugewandt, und richtete die Rückseite seines iPhones auf das Bett.

»Sag deinen Namen«, befahl er. Valérie beugte sich über ihn und trat einen Schritt zur Seite, als Luc ihr sagte, dass sie im Licht stand.

»Ich heiße François Malot.« Er hatte das unerklärliche Gefühl, das schon hundertmal gemacht zu haben. Er schaute hoch zu Valérie. Sie starrte auf die nackte Wand hinter ihm.

»Welcher Tag ist heute?«, fragte Luc.

François drehte die Zeitung um und las das Datum vor, dann hielt er wieder die Titelseite in das Objektiv.

»Das reicht«, sagte Valérie und machte Luc ein Zeichen, dass er die Aufnahme beenden sollte. »Muss sie sonst noch was wissen?«

François schaute von einem zur anderen, versuchte, sich einen Reim auf das zu machen, was sie sagten. Er wusste, dass sie Lösegeld für ihn kassieren wollten; man hatte ihm gesagt, seine »Mutter« würde für ihn zahlen. Er wusste nichts von der Frau, nur das, was Slimane ihm Nacht für Nacht durch die Tür zuflüsterte, aber von alldem glaubte er kein Wort. In den ersten Stunden seiner Gefangenschaft war François überzeugt gewesen, dass er das Opfer einer Verwechslung geworden war, dass sie den falschen Mann gefangen genommen, das falsche Ehepaar umgebracht hatten. Und nach nicht einmal einem Monat hatte er schon begonnen, sich befreit von seinen Eltern zu fühlen. Dessen schämte er sich, weil er doch eigentlich um sie hätte trauern müssen, auch wenn sie sich auseinandergelebt hatten. Was war das für ein Sohn, der sich nur um sein eigenes Überleben sorgte, der sogar erleichtert war, dass seine Eltern tot waren? Wie gerne hätte er mit jemandem darüber geredet, mit Christophe und Maria; er fürchtete, über die Geschichte langsam den Verstand zu verlieren. Christophe und Maria würden ihn nicht verurteilen. Sie hatten ihn immer verstanden.

»Dies ist unsere letzte Nacht in diesem Haus«, verkündete Valérie. »Morgen um diese Zeit ziehen wir aus.«

»Warum?«, fragte François.

»Warum?«, äffte Luc die Stimme seines Gefangenen nach und schleifte den Stuhl wieder hinaus auf den Flur. Ein Blick durch die geöffnete Tür zeigte François, dass Slimane im Wohnzimmer saß. Ihn überkam eine leise Vorahnung, dass er den nächsten Morgen nicht mehr erleben würde.

»Weil hier im Haus zu viele Leute gewesen sind, zu viele Leute wissen, dass du hier bist«, antwortete Valérie, und vom Flur her suchte Slimane François’ Blick, als hätte er den Wortwechsel mitgehört. »Wir versuchen gerade, die Dinge zu vereinfachen.« Valérie beugte sich vor und strich François durchs Haar. »Keine Angst, mein Kleiner. Mami kommt dich bald holen.«

77

Kell kippte den Wodka hinunter. Er fürchtete, Akim falsch eingeschätzt zu haben. Drummond hatte einen leisen Schreckenslaut ausgestoßen und ihn mit einem Räuspern zu kaschieren versucht, als der Araber meinte: »Den hat Slimane für sich reserviert.« Aldrich, plötzlich müde und gereizt, trat einen Schritt auf den Gefangenen zu, als wollte er handgreiflich dafür sorgen, dass er so etwas nie wieder sagte.

»Findest du das komisch?«, fragte Kell auf Englisch.

Zu seinem Erstaunen antwortete Akim ihm in seiner Sprache. »Nein.«

Kell schwieg. Er schaute erst Drummond an, dann Aldrich. Ein schmaler Spalt zwischen den Vorhängen verriet, dass es draußen hell wurde. Für Yassin bin ich ein Ami, sagte er sich. Ich darf tun und lassen und fragen, was ich will. Kein Mensch außerhalb dieses Zimmers wird je davon erfahren. Er bekam plötzlich Lust, Akim zu schlagen, ihm die Visage zu polieren. Aber er hielt sich an seine Prinzipien. Er wusste, wenn er sich Zeit ließ, würde der Araber alles ausplaudern, was er wissen wollte.

»Haben Sie Kinder, Mike?«

Drummond reagierte nicht gleich, so überrascht war er von der Ansprache, doch dann sagte er so überhastet, dass er beinahe über die Worte stolperte: »Nein, nein, ich habe keine.«

»Danny?«

»Zwei, Chef«, sagte Aldrich.

»Jungen? Mädchen? Oder beides?«

»Einen Jungen und ein Mädchen. Ashley ist acht, Kelley elf.« Mit der ausgestreckten Hand deutete er den Größenunterschied an. Kell wandte sich an Akim.

»Und du?«

»Kinder? Ich?« Genauso gut hätte Kell ihn fragen können, ob er an den Weihnachtsmann glaubte. »Nein.«

»Ich bin ein großer Verfechter des Kinderkriegens«, fuhr Kell fort. »Habe selber zwei. Sie haben mein Leben verändert.« Weder Drummond noch Aldrich wussten, dass er die Unwahrheit sagte. »Vorher wusste ich nicht, was selbstlose Liebe ist. Ich habe Frauen geliebt, ich liebe meine Frau, aber von Frauen erwartet man immer eine Gegenleistung, stimmt’s?«

Akim runzelte die Stirn, und Kell befürchtete, sich nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben. Aber dann nickte der Araber in schweigendem Einverständnis.

»Wenn ich von einer langen Dienstreise nach Hause komme, und es kann noch so spät in der Nacht sein, gehe ich als Erstes in ihr Zimmer und sehe nach, ob es ihnen gut geht. Manchmal bleibe ich eine Viertelstunde an ihrem Bett sitzen und sehe sie nur an. Weil das beruhigend ist. Ich finde es beruhigend, dass es etwas in meinem Leben gibt, das wichtiger ist als meine Besessenheit und meine kleinen Sorgen. Dieses Geschenk eines Sohnes und einer kleinen Tochter gibt mir immer wieder Kraft.« Den letzten Satz bekräftigte er mit dem arabischen Wort tajdid. »Menschen, die keinen Nachwuchs haben, verstehen das vielleicht nicht, aber Kinder machen einen erst vollständig. Das kann keine Ehefrau, kein Ehemann und keine Geliebte. Kinder retten einen vor sich selbst.«

Akim zog ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über den Mund. Man hatte ihm eine Packung Schokoladenkekse aus der Küche hingestellt, und er hatte im Lauf weniger Minuten drei davon gegessen. Kell war gespannt, ob seine Strategie Wirkung zeigen würde.

»Leben deine Eltern noch, Akim?«

»Meine Mutter ist tot«, sagte er, und bevor Kell fragen konnte, fügte er hinzu: »Und meinen Vater habe ich nicht gekannt.«

Etwas Besseres hätte Kell sich nicht wünschen können.

»Er hat deine Mutter verlassen?«

Akims Schweigen sprach für sich.

»Du hast wohl auch gar keine Lust, ihn kennenzulernen, oder?«

Ein kurzer Anflug von Stolz bemächtigte sich Akims Körper wie eine tänzerische Geste, und er rief: »Nein«, auch wenn sein Blick einen flüchtigen Moment lang das Gegenteil zu verraten schien.

»Aber deine Familie lebt hier in Frankreich? Brüder, Schwestern, Cousins?«

»Ja.«

Er wollte ihn dazu bringen, über sie nachzudenken. Akim sollte sich die lachende Nichte auf dem Handyfoto, den kranken Großvater in der Klinik in Toulon vorstellen.

»Als die Mutter von François Malot, meine Freundin und Kollegin, ihren Sohn zur Adoption freigab, war sie gerade mal zwanzig. Sie hat das Baby nie wieder gesehen. So etwas kann auch ich mir nur sehr schwer vorstellen, als Vater zweier Kinder. Für eine Mutter aber ist so eine Trennung noch viel schwieriger; eine Frau bleibt immer mit ihrem Kind verbunden, weil das im Mutterleib so verankert ist. Deine Bosse haben das elementarste Gefühl verhöhnt, das wir kennen, die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ist dir das klar gewesen, als du diesen Leuten deine Unterstützung zugesagt hast?«

Akim wischte sich einen Krümel von den Lippen und senkte den Blick. Das war der richtige Augenblick.

»Ich mach dir ein Angebot«, sagte Kell. »In zwei Stunden klopft das Zimmermädchen an Vincent Cévennes Tür im Lutetia, und wenn er sich nicht rührt, lässt sie ihn weiterschlafen, und wenn er sich zwei Stunden später immer noch nicht rührt, finden sie seine Leiche. Drei meiner Kollegen haben dich kurz vor dem Mord an Cévennes das Hotel betreten sehen. Man darf als sicher voraussetzen, dass die französische Polizei die Aufnahmen beschlagnahmt, die das Videosystem des Hotels von dir gemacht hat. Das Letzte, was sie wollen, ist ein Skandal, aber vielleicht brauchen sie auch jemanden, dem sie die Schüsse in die Schuhe schieben können, zum Beispiel, wenn die britische Seite die Entführung und Ermordung François Malots an die große Glocke hängt und Paris ein paar Schuldige braucht, die man den Wölfen zum Fraß vorwerfen kann. Vielleicht lassen sie ja auch mit sich reden und rücken das Material freiwillig heraus. Sonst schicken wir ihnen einfach die Audio-und Videoaufnahmen der Unterhaltung, die wir beide während der letzten zwei Stunden geführt haben.« Akim schaute hinauf zur Decke, dann schnell zur Tür und zum Fenster, als könnte er dort die Kameras und Mikrofone sehen, von denen Kell gerade sprach. »Hast du jetzt kapiert, wo du stehst? Dieser Mann« – er deutete auf Drummond – »arbeitet in der britischen Botschaft in Paris. Wenn’s sein muss, schafft er dich innerhalb von zwölf Stunden in ein Hotelzimmer am Flughafen Gatwick. Und noch mal zwölf Stunden später hast du eine neue Identität und dauerhaftes Bleiberecht in Großbritannien. Sag uns, was wir wissen müssen, und wir nehmen uns deiner an. Ich sehe dich in dieser Geschichte als Opfer, Akim. Ich sehe nicht den Feind in dir.«

Es entstand ein langes Schweigen. Als er Akims Gesicht betrachtete, die Augen fern und ruhig, fragte er sich, ob der Mann wohl jemals wieder den Mund aufmachte. Er brauchte die Antworten auf seine Fragen. Weil er den Erfolg brauchte, nicht nur für Amelia, auch für sich, als Balsam gegen das Elend und die Enttäuschungen der letzten zwölf Monate.

Akims geschorener Kopf kippte auf die Seite und hob sich ihm wieder entgegen, wie bei einem angezählten Boxer, der in Zeitlupe zu sich kommt.

»Salles-sur-l’Hers«, sagte er leise. »Der Sohn der Frau wird in einem Haus in der Nähe von Salles-sur-l’Hers festgehalten.«

78

Kell saß im TGV nach Toulouse, als Amelia ihn anrief, um ihm von dem Video zu erzählen, das sie ihr geschickt hatten, und auf dem François in seinem Gefängnis zu sehen war.

»Als Beweis, dass er am Leben ist«, sagte sie. »Heute morgen aufgenommen. Ich schicke es an dich weiter.«

Kell machte sich klar, dass Amelia auf diesem Video zum ersten Mal das Gesicht ihres Sohns zu sehen bekommen hatte. Er konnte sich nur schwer vorstellen, was das für Gefühle in ihr weckte – einen plötzlichen Stromstoß neuer Zuneigung, oder Widerwillen vor der Aussicht auf noch mehr Schmerz, den nächsten Verrat? Oder war der neue François nur ein Gesicht auf einem x-beliebigen Bildschirm? Würde sie sich ihm überhaupt noch nah fühlen, nach all der Liebe, die sie in Vincent investiert hatte?

»Schon was von White gehört?«, fragte Amelia.

Kurz vor sechs war die Maschine mit dem dreiköpfigen Sicherheitsteam an Bord vom Flugplatz Stansted aus gestartet und zwei Stunden später in Carcassonne gelandet. Einer vom Team – den sie »Jeff« nannten – hatte sich in Perpignan mit einer Kontaktperson getroffen und ein paar wichtige Ausrüstungsgegenstände und Waffen entgegengenommen. White und ein zweiter Mann – »Mike« – waren nach Salles-sur-l’Hers gefahren, um das Gelände in Augenschein zu nehmen und auszukundschaften, wie viele Leute im Haus waren. Nachdem sie sich in ein Hotel in Castelnaudary eingemietet hatten, waren sie nach Toulouse gefahren, wo Kells Zug um Viertel nach zwei eintraf.

»Noch etwas«, sagte Amelia. »Was diese Leute angeht, bin ich ein Kunde wie jeder andere. Jegliche Verbindung, die sie mal mit dem Dienst gehabt haben mögen, ist Geschichte. Wir haben keine operationale Kontrolle.«

Das hatte Kell bereits vermutet.

»Alles wird gut«, versicherte er ihr. Im Hintergrund meinte er George Truscotts bellende Stimme zu hören, die einem Untergebenen Befehle erteilte. »Wenn Akims Angaben korrekt sind, holen wir François heute Nacht da raus.«

Kell war überzeugt davon, dass Akim die Wahrheit sagte. Whites Erstinspektion des Bauernhauses stimmte mit Akims Beschreibung der Gebäude überein. Darüber hinaus war Mike in einem Tabakladen in Villeneuve-la-Comptal gewesen und hatte dem Besitzer und seiner alten Mutter ein Foto von Akim unter die Nase gehalten, und beide hatten Akim als einen von zwei Arabern erkannt, die in den vergangenen drei Wochen in ihrem Laden Lucky Strikes, Zeitungen und Zeitschriften gekauft hatten. Ihr Sohn vermutete, dass sie in dem Bauernhaus auf dem Hügel wohnten, südwestlich von Salles-sur-l’Hers, das einem Pariser Geschäftsmann gehörte. Das reichte Kell als Bestätigung.

»Wir haben uns das Haus heute Morgen von einer Scheune auf der anderen Straßenseite aus angesehen.« White war ein neunzig Kilo schwerer, eins achtzig großer ehemaliger Eton-Schüler mit bagdadgegerbtem Teint, dessen Sicherheitsfirma Falcon aus den Gemetzeln im Irak und in Afghanistan jährlich siebenstellige Gewinne zu ziehen wusste. Er redete über die Operation, als wäre sie nicht wesentlich komplizierter als ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt. »Alles entspricht dem Lageplan, den Sie uns gezeigt haben. Ausfahrten nach rechts und links über den Verbindungsweg zur D625. Von Süden nur zu Fuß zu erreichen, aber Jeff meint, dass sich die Windmühle als Deckung für einen Scharfschützen eignet.« Für solche Leute war es leicht verdientes Geld, einen Franzosen aus einem schlecht bewachten Bauernhaus im Languedoc-Roussillon zu holen. »Auf der Westseite des Anwesens gibt es ein eingezäuntes Stück Rasen, auf dem sich euer François fit zu halten scheint. Offenliegend vor dem Haus der Swimmingpool. Es muss das richtige Haus sein.«

»Haben Sie eine Ahnung, wie viele Leute drin sind?«, fragte Kell. White und Mike waren mit ihm auf der Autoroute A61 in östlicher Richtung nach Castelnaudary unterwegs. »Akim erwähnte zwei Exfremdenlegionäre, die gelegentlich als Aushilfswächter beschäftigt wurden. Er weiß, dass Slimane im Haus ist. Bleiben noch Luc und die Frau.«

White überholte einen prähistorischen 2CV und blieb auf der inneren Spur, sich exakt an die Höchstgeschwindigkeit haltend. »Jeff beobachtet das Haus. Das Problem an solchen Situationen ist, dass sie den Gefangenen nicht an Ort und Stelle lassen. Seit wir dort sind, haben wir aber noch keinerlei Bewegung im Haus bemerkt. Nach allem, was Sie am Telefon erzählt haben, achten die Leute darauf, Mobiltelefone und Computer nur in sicherer Entfernung zum Haus zu benutzen, aber sie sind schon sehr lange dort und planen vielleicht einen Ortswechsel. Wie oft haben sie seit dem Lutetia versucht, mit Akim Kontakt aufzunehmen?«

Luc hatte Akims Mobiltelefon kurz nach acht angerufen. Akim hatte CUCKOOS Ermordung mit einer SMS bestätigt, war aber kurz nach Kells Abfahrt zum Bahnhof Austerlitz noch einmal von Valérie angerufen worden. Auf Drummonds Anweisung hatte er den Anruf nicht entgegengenommen. Valérie hatte eine Stunde später noch mal angerufen und eine gereizte Textnachricht geschickt.

»Akim muss mit ihnen reden, sonst riechen sie Lunte«, sagte White. »Hat er irgendetwas gesagt, was darauf schließen lässt, dass sie die Geisel fortbringen wollen?«

Kell schüttelte den Kopf. In Whites Analyse steckte eine unausgesprochene Warnung. Wir machen das hier Amelia Levene zuliebe. Zum Freundschaftstarif. Zwei Tage maximal, länger können wir uns das nicht leisten. Wenn Euer Junge nicht in dem Haus ist, fliegen wir zurück nach Stansted.

In dem Moment rief – was nur Gutes verheißen konnte – Jeff an, um zu berichten, dass ein junger Araber allein den Feldweg vorbei an der Ruine der Windmühle gegangen war, etwa dreihundert Meter südöstlich vom Haus.

»Slimane«, sagte Kell.

Außerdem stand ein Auto in der Auffahrt, ein weißer Toyota Land Cruiser, der vorher noch nicht dort geparkt hatte. Vielleicht waren Luc und Valérie nach ihren vergeblichen Versuchen, Akim zu erreichen, wieder zurückgekehrt.

Jetzt konnte endgültig grünes Licht für die Operation gegeben werden. In zwei miteinander verbundenen Zimmern eines Hotels in Castelnaudary erklärte White seinen Plan.

»Sie sagten, der Boss geht abends gerne schwimmen.«

»Das weiß ich von Akim, richtig.«

»Das ist das Startzeichen für uns. So nah wie möglich ans Haus ran, und wenn Luc in seinen blauen Speedos aus dem Wasser steigt, schlagen wir los. Jeff legt ihn von der Windmühle aus um. Feuer frei und Leichen zählen, hat Mrs Levene gesagt.«

»Sie will Paris eine Lektion erteilen«, bestätigte Kell.

White nickte. Dann erläuterte er weitere Einzelheiten des Überfalls. Jeff – lockiges Haar, Mitte vierzig, liebenswürdiger Gastwirt einer Dorfkneipe in Shropshire – kommt von Süden über den Feldweg und bezieht in der Ruine der Windmühle Posten. Luftlinie zum Swimmingpool zweihundert Meter. Mike geht zur Haustür hinein, sichert die Gefangenenzelle ab. Zur gleichen Zeit kommt White durch den Fitness-Garten, entfernt die Gitterstäbe am hinteren Einstiegspunkt und holt François durch die Hintertür raus. Kell wartet in der Auffahrt und fährt sie zur D625. Trotz Whites Behauptung, die Operation sei »ein Kinderspiel«, hatte Kell auf eine Rolle im Stück bestanden.

»Sobald wir reingehen, blockierst du den östlichen Abschnitt der Auffahrt«, erklärte ihm White. »Sollte etwas schieflaufen, sollten die Typen versuchen, den Land Cruiser zu erreichen, schießt du ihnen die Reifen platt. Und nicht höher als die Stoßstangen zielen. Wenn sie uns bemerkt haben, liegt euer Junge vielleicht schon im Wagen.«

»Wie, die bemerken euch?«

Jeff lachte. Mike – noch mit der Statur und dem Bürstenschnitt des Regiments ausgestattet – saß da wie ein Cowboy, der sich anschickte, einen Klumpen Kautabak auf den Boden zu spucken. White lächelte und gab Kell eine Glock. »Schon mal mit so einem Teil geschossen?«

»Ihr habt wohl das Rundschreiben nicht gelesen«, erwiderte Kell und streichelte den Lauf der Waffe. »Der MI6-Agent von heute kennt nur noch einen Job: Killen.«

79

François saß auf seinem Bett, als er Luc die Treppe herunterkommen und Valérie zurufen hörte, er wolle eine Runde schwimmen. Es war kurz vor sieben Uhr abends, Slimane oder Jacques würden ihm in zehn Minuten das Essen bringen. Es würde die letzte Mahlzeit in seiner Zelle sein. Er hatte gehört, wie im Haus Sachen gepackt, Kisten im Land Cruiser verstaut, Autotüren zugeworfen, Reißverschlüsse zugezogen worden waren. François musste jetzt jeden Moment damit rechnen, dass man ihn aus seinem Zimmer holte und in ein neues Gefängnis brachte, an einen neuen Schreckensort, von dem es keine Rückkehr mehr gab.

Fünf Minuten vergingen. Als er die Tür der Mikrowelle zuklappen hörte, wusste er, dass er sich auf Tiefkühlkost einstellen durfte: Beutelreis, sehnige Stücke Rind-oder Schweinefleisch, in Supermarktsoße ertränkt. Nach ein paar Minuten ertönte das unvermeidliche Klingeln der Zeituhr, dann lud entweder Jacques oder Slimane das Essen auf einen Teller. Einer der beiden würde ihm das Tablett in die Zelle bringen, während der andere aufpasste, dass François keinen Fluchtversuch machte.

Schritte vor der Tür, dann klopfte es. François hob die Hände über den Kopf und hörte das Vorhängeschloss gegen das Türblatt schlagen, als der Schlüssel hineingesteckt wurde. Jacques betrat das Zimmer, warf einen Blick auf den Fernseher, stellte das Tablett auf den Boden und ging quer durchs Zimmer, um den Nachttopf mitzunehmen.

»Hier stinkt’s«, sagte er. Das kannte François schon.

Slimane stand in der Tür, seltsam abwesend, womöglich bekifft. Normalerweise brummte er ein paar Worte, irgendeinen Spott oder eine Gemeinheit, um den Kreislauf anzuregen, die Langeweile zu vertreiben. Aber heute Abend schwebte sein Blick im Nirgendwo, als ginge ihm so etwas wie die Vorahnung des nahenden Untergangs durch den Kopf.

Ein Auto kam draußen vorbei, kürzte die Hauptstraße ab. Ein Einheimischer, der die Schleichwege kannte. In dem Moment hörte François im ersten Stock eine Frauenstimme etwas rufen, nicht ängstlich oder in Panik, eher zornig oder überrascht. Valérie. Jacques stellte den Nachttopf direkt neben François auf den Boden und ging nach einem kurzen Blick auf Slimane hinaus in den Flur, als wäre der Feuermelder losgegangen, und er wollte sich bloß davon überzeugen, dass alles in Ordnung war. Jetzt hörte François Valérie die Treppe herunterlaufen. Im selben Moment flog die Haustür auf, und es wurde etwas in den Flur geworfen. Das Haus explodierte in Lärm. Slimane und François hielten sich die Ohren zu, das Zimmer kreischte, Jacques stürzte zu Boden. Zuerst sah es so aus, als wäre er gestolpert oder ausgerutscht, dann sah François das Blut hinter ihm an der Wand, das Gewehr und die Umrisse eines Mannes mit Kugelweste und schwarzer Kapuzenmütze. Seine Ohren waren taub. Er hatte den Nachttopf umgestoßen und starrte auf seinen Urin, der sich vor seinen Füßen ausbreitete. Selbst jetzt glaubte er noch, Slimane würde ihm gleich befehlen, das Zeug wegzuwischen.

Valérie war am Fuß der Treppe angekommen. Sie schaute in die Zelle und schrie Slimane an: »Knall ihn ab!« Im selben Moment spritzte Blut an die Tür, als ihr Körper neben dem von Jacques zusammenbrach. Der Soldat hatte ihr in den Kopf geschossen.

Slimane langte zur Gesäßtasche seiner Jeans. Dort steckte seine Waffe, der Revolver, mit dem er François gequält, ihn bedroht hatte, Tag und Nacht.

In einer blitzschnellen, geübten Bewegung hatte er ihn herausgezogen und auf François’ Brust gerichtet. François sah hinter Slimane das maskierte Gesicht des Soldaten, der Jacques und Valérie erschossen hatte. Der Lauf seiner Waffe war schon auf Slimane gerichtet, aber es war zu spät; mit einem schnellen Schritt war der Araber bei François, packte ihn, drehte ihn leicht wie den Zweig eines Baums und drückte ihm die kalte Mündung des Revolvers gegen die rechte Schläfe. Slimanes Arm schloss sich um François’ Hals und zog ihn langsam nach hinten, fort von dem Soldaten.

François versuchte, sich aus dem Griff zu winden, doch Slimane drückte fester zu, bohrte ihm die Mündung noch härter in die Schläfe und schrie: »Schmeiß deine Scheißknarre weg.« Es war nicht klar, ob der Soldat ihn verstand. »Zurück zur Tür!«, brüllte der Araber auf Französisch. »Raus hier! Ich nehm den Wichser mit ins Auto.«

Für einen Augenblick lockerte sich der Griff um François’ Hals, er bekam etwas Luft, schluckte und hustete. Ein glitschiger Schweißfilm bedeckte sein Gesicht, als würden die beiden Männer ihre Angst von Haut zu Haut übertragen. Zu seinem Entsetzen sah François, dass der Soldat die Waffe sinken ließ und über Valéries toten Körper stieg, rückwärts der Tür entgegen, offenbar kapitulierend. Währenddessen bewegte sich Slimane vorsichtig nach vorne, stieß François mit der Hüfte vorwärts, schob ihn Richtung Flur, drückte ihm die Mündung des Revolvers in die Schläfe wie einen Schraubenzieher.

»Ich leg dich um, das weißt du, oder?«, flüsterte er. Er schien seinen Spaß zu haben, mit Adrenalin vollgepumpt durch die Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten. Zitternd vor Angst, der Abzug könnte nachgeben, sah François, wie der Soldat sich auf die Tür zubewegte und Anstalten machte, sich auf die Auffahrt zurückzuziehen. Gleichzeitig dirigierte Slimane seine Geisel zwischen den zwei Leichen hindurch auf den Flur hinaus.

François erahnte die Bewegung hinter ihnen eher als Slimane; vielleicht, weil er so empfindlich für jedes Detail, jede Eigenheit seines Gefängnisses war, spürte er die beinahe geräuschlose Entfernung der Gitterstäbe von der Hintertür seiner Zelle, das ruckartige Drehen und Drücken am Türgriff, bevor ein zweiter Soldat in ihrem Rücken ins Zimmer stürmte. Abrupt riss er den Kopf nach rechts, um zu sehen, was passierte, öffnete damit eine Lücke zwischen seinem Kopf und dem des Geiselnehmers und gab damit dem zweiten Soldaten freies Schussfeld. Endlich machte François Bekanntschaft mit seinem Mut. Er befreite sich aus Slimanes Griff, drehte sich sogar zu ihm um, als der Kopf des Arabers vor seinen Augen buchstäblich zerplatzte. François schmeckte warmes Blut und die Hirnmasse seines verhassten Peinigers und spuckte es auf Valéries Leiche.

»Bist du François?«, rief der Soldat, der geschossen hatte, ihm auf Französisch zu. Auch er trug eine Kugelweste, aber sein gebräuntes Gesicht war nicht unter einer Kapuzenmütze versteckt. François hustete, noch in Schockstarre, ein »Ja« heraus, da kam schon der erste Soldat zurück in den Flur gestürmt und jagte Slimane noch eine schallgedämpfte Kugel in die Brust.

»Stell dich hinter uns«, bellte er auf Französisch. »Wer ist sonst noch hier?«

Thomas Kell hatte auf den ersten Schuss aus der Windmühle gelauscht und kurz nach sieben etwas gehört, das wie das Blaffen aus Jeffs schallgedämpftem Gewehr klang. Eine Sekunde später hörte er Lucs Körper in den Swimmingpool klatschen, dann einen Schrei, Valérie de Serres’ Reaktion auf das, was sie im Schlafzimmer in ersten Stock gesehen hatte. Auf dieses Zeichen brach Mike durch die Haustür und warf eine Blendgranate in den Hausflur. Kell schätzte, dass er in kürzester Abfolge mindestens drei Schüsse abgab. Dreißig Meter weiter östlich bewegte sich White geduckt und schnell hinter einem Schirm aus Bäumen auf das Haus zu und verschwand hinter einer Ecke, bevor er die Hintertür der Gefängniszelle erreicht hatte.

Kell hatte seine Instruktionen. Er startete den Motor des Mietwagens, setzte ihn rückwärts so weit in die Auffahrt, dass er keine zehn Meter von der Hauswand entfernt zum Stehen kam, dann stieß er auf beiden Seiten die hinteren Türen auf. Als er aus dem Auto stieg, hörte er Tumult im Haus, ein Mann befahl Mike auf Französisch, die Waffe wegzuwerfen. Kell zog die Glock aus dem Halfter, Schweiß breitete sich wie ein Ausschlag auf Hals und Brust aus; in mehr als zwanzig Jahren als Geheimagent hatte er nicht ein einziges Mal eine Schusswaffe im aktiven Dienst abgefeuert. Er drehte sich um zur Haustür und sah Mike rückwärts aus dem Haus kommen wie jemand, der rückwärts an den Rand einer Klippe gedrängt wird.

In dem Augenblick eine Bewegung links von ihm, aus Richtung des Pools, auf der Terrasse an der Nordflanke des Hauses erschien ein Mann in Badehose, triefend nass von Kopf bis Fuß und aus einer Wunde an Hals und Schulter blutend. Die Wunde war hellrot, aber wo das Blut die Badehose erreicht hatte, war es zu dunklerer Farbe geronnen. Luc. Kell wirbelte zu ihm herum, brachte die Glock in Anschlag, befahl Javeau, stehen zu bleiben, aber der Franzose war sichtlich desorientiert, wurde nur noch vom Überlebensinstinkt auf den Beinen gehalten. Er schien Kell von dem Verhör in Marseille wiederzuerkennen, drehte sich jedoch wieder zur Terrasse um und torkelte wie ein Betrunkener in Richtung Straße. Kell wiederholte seinen Befehl, stieg die Stufen hinauf, konnte ihm allerdings weder folgen noch auf ihn schießen, weil er jeden Augenblick beim Auto gebraucht wurde, um François von hier wegzubringen.

Er hörte einen Gewehrschuss, dann Whites Stimme, unverständlich. Kell wandte den Blick zur Haustür, um zu sehen, was passierte, dann wieder auf Luc, der weiter Richtung Straße taumelte, jetzt schon gute siebzig Meter entfernt. Auf einem Acker nebenan war ein Traktor beim Pflügen. Jeff war von der Windmühle herübergelaufen, tauchte jetzt am Rand der Terrasse auf, ging noch ein paar Schritte, setzte den Kolben der Waffe an die Schulter und gab drei Schüsse auf Lucs Rücken ab, erlegte ihn wie einen Hirsch. Kell drehte sich um und ging auf den Mietwagen zu. Jeff folgte ihm.

Mike kam als Erster heraus, François dicht hinter ihm, eine Sekunde danach White.

»Los«, sagte Mike zu François, »mir nach.« White rief »Luft ist rein!« und lief voraus zum Wagen. Kell hatte die Fahrertür noch nicht zugezogen, da lag Amelias Sohn schon auf dem Boden vor der Rückbank. Jeff sprang als Letzter in den Renault, zerschoss einen Reifen des Land Cruiser, während Kell schon den Gang einlegte.

»Jemand verletzt?«, fragte er.

»Status, Jeff«, sagte White, als hätte er ein Funkgerät am Ohr.

»Alles klar, Boss. Zielobjekte ausgeschaltet.«

Kell gab Gas und raste davon.


BEAUNE, DREI WOCHEN SPÄTER

80

Sie saßen in der Mitte des Platzes auf einer Bank, eine Frau von dreiundfünfzig Jahren in einem eleganten Rock und cremefarbener Bluse, ein etwa zehn Jahre jüngerer Mann, dessen Leinenanzug schon bessere Tage gesehen hatte, und ein junger französischer IT-Berater in Jeans, der eine Zigarette rauchte. Er hätte ihr Sohn oder ihr Neffe sein können.

»Er muss jeden Moment hier sein«, sagte Amelia.

Es war Samstagvormittag, kurz vor elf. Unter den erschöpften Blicken von ein paar Vätern, die ihren Ehefrauen und Freundinnen ein, zwei Stunden Erholung von der Mutterrolle versprochen hatten, spielten Kinder in einem kleinen Park in der Mitte des Platzes. Eins der Kinder, ein Mädchen, das drei oder vier Jahre alt war, schob einen kleinen Kinderwagen vor sich her, in dem eine nackte Puppe saß. Sie ratterte mit dem Wagen den schmalen Weg vor der Bank auf und ab, fiel einmal hin, stand sofort und ohne Tränen und Geschrei wieder auf und merkte gar nicht, dass François sich von der Bank erhoben hatte, um ihr zu helfen.

»Tapferes Mädchen«, sagte er auf Französisch und setzte sich wieder hin, aber sie schien ihn gar nicht gehört zu haben.

Im Uhrzeigersinn umrundeten die Autos den Park, Kellner einer Brasserie auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes trugen Perrier-Flaschen und Tassen mit Café au Lait zu den Gästen, die sich einer warmen Spätsommersonne erfreuten. Kell drehte sich um, blickte die Rue Carnot entlang und sah auf die Uhr.

»Gleich«, wiederholte Amelia und legte ihrem Sohn eine Hand aufs Knie.

Kell betrachtete sie – ihrer Freude über die Wiedervereinigung immer noch nicht müde – und dachte darüber nach, wie geschickt Amelia ihre Karten ausgespielt hatte. Jimmy Marquand war befördert und nach Washington geschickt worden, mit kräftiger Gehaltserhöhung, Schulgeld für die Kinder und einer Zehn-Zimmer-Villa in Georgetown, die ihm den Glauben daran erleichterte, dass er den MI6 in gute Hände übergeben hatte, von einer leisen Skepsis angesichts der Tatsache, dass jetzt eine Frau den Dienst leitete, einmal abgesehen. Simon Haynes war viel zu beschäftigt damit, dem Premierminister für den Ritterschlag zu danken, um darüber nachzudenken, wie lange Amelia ihren unehelichen Sohn vor ihren Vorgesetzten verheimlicht hatte. Und George Truscott war auf den MI6-Spitzenposten in Deutschland weggelobt worden, bevor er anfangen konnte, unbequeme Fragen über das plötzliche Auftauchen eines gewissen Monsieur François Malot in London zu stellen.

Auf Anordnung Amelias hatten Kell, Elsa und Drummond zwei Wochen damit verbracht, nach einer möglichen Verbindung Truscotts zu den Leuten beim DGSE zu suchen, die Malots Entführung angeordnet hatten, aber sie hatten nichts gefunden, nicht einmal einen Hinweis darauf, dass Truscott von DENEUVE gewusst hatte. Immerhin legten die Ergebnisse ihrer Ermittlungen den Schluss nahe, dass Kells Vermutung, die Operation könnte mit dem schwindenden französischen Einfluss in Nordafrika im Zusammenhang gestanden haben, der Wahrheit sehr nahe kam. Elsa hatte Kopien von zwei aus Paris geschickten Fernschreiben erhalten, die bestätigten, dass führende Persönlichkeiten des DGSE »extrem beunruhigt« über Amelias Ernennung zur Chefin waren. Ihre Besorgnisse sollten sich als berechtigt erweisen: Wenige Tage nach ihrer Amtsübernahme von Haynes beendete Amelia neunzehn eigenständige Operationen im Kaukasus und in Osteuropa und verteilte mehr als vierzig Agenten auf die expandierenden Stützpunkte in Tripolis, Kairo, Tunis und Algier. Paul Wallinger, Stützpunktleiter in der Türkei, bekam die Blankovollmacht, den Einfluss des MI6 von Istanbul bis Teheran, von Ankara bis Jordanien auszudehnen. In London wurden Verbündete Levenes auf beiden Seiten der Themse angewiesen, diese regionalen Umstrukturierungen einer Downing Street zu verkaufen, die ohnehin bereits in den Startlöchern stand, um die ökonomischen und sicherheitstechnischen Früchte nach dem Arabischen Frühling zu ernten. Als in Ägypten Wahlen abgehalten wurde, hieß es von der französischen Regierung, sie reagiere »paranoid« auf die aggressiven Rekrutierungsstrategien des MI6 bei der Muslimbrüderschaft und sei »ernsthaft besorgt« darüber, dass Total S.A. die Kontrolle über libysche Ölressourcen zu entgleiten drohe.

Reuig hatte Paris seinerseits eine interne Untersuchung des Verhaltens von Luc Javeau eingeleitet, deren Einzelheiten über Amelias Quelle im DCRI den Weg nach Vauxhall Cross fanden. Es wurde bestätigt, dass Javeau tatsächlich der Agent war, den man damit beauftragt hatte, die vom DENEUVE-Verrat hinterlassenen Scherben zusammenzukehren. Dass der Skandal damals seine Karriere gebremst hatte, war eine Niederlage, an der er Amelia Levene die ungeteilte Schuld gab, und seine Vorgesetzten waren so versessen auf Rache gewesen, dass sie Javeau nur allzu bereitwillig grünes Licht für seine Malot-Operation gegeben hatten. Im Nachspiel zu François’ Befreiung kolportierten auch öffentlichere Quellen eine Distanzierung des DGSE von »unberechenbaren, skrupellosen Elementen«, die versucht hätten, »die hervorragenden und dauerhaften geheimdienstlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern« zu beschädigen. Amelias französischer Kollege in Paris betonte darüber hinaus, wie eminent wichtig es sei, die Ereignisse in Salles-sur-l’Hers geheim zu halten, einerseits um Mrs Levenes Privatsphäre zu schützen, aber auch um »eventuellen Komplikationen zwischen unseren beiden Regierungen« vorzubeugen. Es verstand sich von selbst, dass Paris aufgebracht war über die Ermordung von DGSE-Agenten durch ein Kommando britischer Ex-Spezialeinsatzkräfte – zumal auf französischem Boden.

Informationen über Valérie de Serres waren schwerer zu erhalten, doch fand man heraus, dass sie ehemals zu einer Spezialeinheit der Police Nationale gehört hatte. Sie war in Montreal geboren und hatte Luc bei einer gemeinsam mit der DGSE durchgeführten Anti-Terror-Operation kennengelernt. Amelia charakterisierte ihren unheilvollen Einfluss auf Luc als »Lady-Macbeth-Plot«, und man einigte sich auf die Formel, dass es Valérie gelungen sein musste, Luc dazu zu bewegen, die DGSE-Operation abzubrechen und stattdessen Lösegeld für François zu erpressen.

Und was Kell selbst betraf, gingen mit seinem 43. Geburtstag keine großen Veränderungen seiner persönlichen Umstände einher. Nachdem der Yassin-Prozess für das nächste Jahr anberaumt war, hatte Amelia keinen Zweifel daran gelassen, dass sie ihn nicht in den Dienst übernehmen konnte, bevor der gute Name des »Zeugen X« vor Gericht wiederhergestellt und der Vorfall aus Kells Akte gelöscht war. Von Claire hatte er seit ihrer Heimkehr aus Kalifornien nichts gehört, also behielt er sein Junggesellenzimmer in Kensal Rise, aß Fertiggerichte und schaute sich auf TCM alte Schwarzweißfilme an. Amelia hatte dafür gesorgt, dass Kell wieder ein Gehalt bezog, aber ihre Dankbarkeit für seine Hilfe bei der Befreiung ihres Sohns war nicht so überschwänglich ausgefallen, wie Kell vielleicht insgeheim gehofft hatte. Er fühlte sich wie ein Mann, der einem guten Freund ein sündhaft teures Geschenk gemacht hat, um dann mit ansehen zu müssen, wie der Freund es – beschämt von so viel Großzügigkeit – ungeöffnet in einem Schrank verschwinden lässt. In dieser Atmosphäre bedauerte es Kell gelegentlich, dass er ein so hohes Risiko für Amelia eingegangen war und sich bereit erklärt hatte, über gewisse Dinge Stillschweigen zu bewahren, doch seine Zuneigung und sein Respekt vor ihr waren so groß, dass er ihr einen Vertrauensvorschuss gab. Natürlich musste Amelia in ihrer neuen Position als Chefin des MI6 vorsichtig sein. Irgendwann, sagte er sich, würde sie ihn zurückholen in den Stall und ihm einen Auslandsposten seiner Wahl anbieten. Kell freute sich auf diesen Tag, nicht zuletzt, weil er dadurch vielleicht ein bisschen Abstand von London und dem Scheitern seiner Ehe bekommen würde.

Kell sah den alten Mann, der in einem grauen Flanellanzug den Gehweg entlanggetrottet kam, als Erster. Er kannte sein Gesicht, weil er ihn schon vor drei Tagen vom selben Platz aus beobachtet hatte.

»Da kommt er«, flüsterte er.

François sprang von der Bank hoch, aber Amelia blieb ruhig sitzen, als wären Kell und François Ministranten, ihre Schutzengel. Sie hörte François sagen: »Wo?«, und als sie aufschaute, sah sie ihn in die Richtung spähen, in die auch Kell das Gesicht wandte.

»Er geht gerade über die Straße«, antwortete Kell ruhig. »Der weißhaarige Mann in dem grauen Anzug. Siehst du ihn?«

»Ich sehe ihn.« François trat etwas zurück, als wollte er sich mehr Zeit geben zu verstehen, was sich gerade vor seinen Augen abspielte. Jetzt erst drehte Amelia sich um. Kell würde ihr später erzählen, er habe sie den Atem anhalten hören, aber vielleicht hatte ihm seine Fantasie einen Streich gespielt.

Plötzlich schien Jean-Marc Daumal die Gegenwart Amelia Weldons zu spüren und blieb am Rand des Platzes stehen, als hätte ihm ein Geist auf die Schulter getippt. Sein Blick war direkt auf die drei Gestalten bei der Bank gerichtet. Er ging noch zwei Schritte weiter. Kell und François blieben, wo sie waren, aber jetzt stand Amelia auf und kam ihm entgegen.

Er schüttelte langsam den Kopf, als er sie erblickte, alle Schönheit von damals noch präsent in ihrem Gesicht. Er hatte sich der Bank bis auf ein paar Meter genähert.

»Amelia?«

»C’est moi, Jean-Marc.« Sie traten voreinander hin und küssten sich gegenseitig auf die Wangen.

»Wie kommst du hierher?«

Er schaute an ihr vorbei und musterte Kells Gesicht, als vermutete er in ihm den Mann, der letztlich Amelias Herz gewonnen hatte. Dann sah er den jungen Mann links von Kell und runzelte die Stirn, als versuchte er sich zu erinnern, wo er ihm schon einmal begegnet war.

»Ich wusste, dass du kommst«, antwortete Amelia und legte ihre Hand auf Daumals Handgelenk. Es erschreckte sie, wie sehr er sich verändert hatte, aber ganz hatten die vielen Jahre ihre Liebe zu ihm nicht auslöschen können. Ein Mensch darf von Glück sagen, wenn er im Lauf eines Lebens wenigstens einen Menschen kennengelernt hat, der ihn versteht und ihn nicht ganz vergisst. »Du siehst gut aus«, sagte sie.

Kell begegnete Amelias Blick in einem Augenblick tiefster Dankbarkeit ihm gegenüber, eine unerwartete Entlohnung für alles, was er für sie getan hatte. Dann drehte sie sich zu ihrem Sohn um.

»Jean-Marc, ich würde dir gerne jemanden vorstellen.«


Danksagungen

Mein Dank gilt: Julia Wisdom, Anne O’Brien, Emad Akhtar, Oliver Malcolm, Lucy Upton, Roger Cazalet, Kate Elton, Elinor Fewster, Hannah Gamon, Tanya Brennand-Roper, Jot Davies, Kate Stephenson und dem gesamten Team bei HarperCollins in London. Er gilt ferner Will Francis, Rebecca Folland, Claire Paterson, Tim Glister, Kirsty Gordon und Jessie Botterill bei Janklow & Nesbit in London sowie Luke Janklow, Claire Dippel und Stefanie Lieberman im New Yorker Büro der Agentur. Außerdem Keith Kahla, Hannah Braaten, Dori Weintraub, Matthew Baldacci, Sally Richardson und allen bei St. Martin’s Press. Und natürlich Jon, Jeremy, Caz, Kerin und Alanna bei The Week – danke für das Büro. Und Dank auch an Marwa Che Hata, Theo Tait und Noomane Fehri für ihr Wissen über Tunesien. Ferner an Liss, Stanley und Iris, Sarah Brown, Ian Cumming, Tony Omosun, William Fiennes, Jeremy Duns, Joe Finder, Natalie Cohen, Caroline Pilkington, Siobhan Loughran-Mareuse, Mark Pilkington, Christopher und Arabella Elwes, Jeff Abbott, Bard Wilkinson sowie an die adleräugige Sarah Gabriel (www.sarahgabriel.eu).

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Der Autor

TUNESIEN, 1978

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