Книга: American War. Roman



American War. Roman

Omar El Akkad


American War

Roman



Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié








American War. Roman



Inhalt

Widmung

Motti

Karten: Die Vereinigten Staaten um 2075 / Die Freien Südstaaten um 2075

Prolog

I. April 2075 St. James, Louisiana

1. Kapitel

Amtliches Handbuch für den Schulunterricht – Geschichte, achtes Modul: Der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg

2. Kapitel

Der Ruf unseres Blutes: Botschaften aus dem Süden der Rebellen

3. Kapitel

Wie die Union zerfiel: Frühe Presseberichte aus dem Zweiten Bürgerkrieg

4. Kapitel

Augenzeugenberichte aus dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg: Band II, 2074–2080

II. Juli 2081 Iuka, Mississippi

5. Kapitel

Nicht atmen, nicht hoffen Die wahre Geschichte der Kriegsquarantäne in South Carolina

6. Kapitel

Soldat des Nordens – Lehrjahre zwischen Krieg und Frieden: Lebenserinnerungen von General Joseph Weiland jr.

7. Kapitel

Eine Ansprache von Kaseb Ibn Aumran, Präsident der Bouazizi-Union, gehalten an der Ohio State University (4. Juni 2081)

8. Kapitel

Akten des Kriegsministeriums – Abschliessende Entscheidungen über Entschädigungsansprüche

III. Oktober 2086 Lincolnton, Georgia

9. Kapitel

Ein Schuss in Halfway Branch: Leben und Tod des Generals Joseph Weiland

10. Kapitel

Protokolle des Senats-Sonderausschusses für aufständische und sezessionistische Aktivitäten – Aussage des Leiters des Kriegsministeriums Joseph Weiland jr.

11. Kapitel

Projekt Bürgerkriegsarchiv – Briefe von Gefangenen aus Sugarloaf (geprüft/keine Verschlusssache)

12. Kapitel

Gefundenes Fressen: Tagebuch eines ehemaligen Anwerbers aus dem Süden

IV. Januar 2095 Lincolnton, Georgia

13. Kapitel

Ein achtbares Ergebnis, eine Ermutigung für alle: Zeitzeugen über die Verhandlungen zur Wiedervereinigung

14. Kapitel

Projekt Bürgerkriegsarchiv – Feierlichkeiten anlässlich des Wiedervereinigungstages Einladungsschreiben (geprüft/keine Verschlusssache)

15. Kapitel

Anhörung vor dem Ausschuss für Aufklärung und Wiedervereinigung, 163. Kongress (1. Dezember 2123)

16. Kapitel

Danksagung

Anmerkungen der Übersetzer


Für meinen Vater


Der, welchen du strafen musst, ist der, welcher dich straft.

Kitab al-Agani (Buch der Lieder)

Mein Erbe ist wie der sprenklicht Vogel, um welchen sich die Vögel sammeln. Wohlauf und sammelt euch, alle Feldtier, kommet und fresset.

Jeremias 12,9


American War. Roman




Prolog

Als ich jung war, sammelte ich Postkarten. Ich hatte sie in einer Schuhschachtel unter dem Waisenhausbett. Später, als ich in meine erste eigene Wohnung in New Anchorage zog, steckte ich die Schachtel ganz unten in ein altes Ölfass in dem windschiefen Werkzeugschuppen. Ich fand immer, für jemanden, der fast sein ganzes Leben damit zubrachte, die Geschichte des Krieges zu erforschen, waren diese Momentaufnahmen aus einer verklärten, heiteren Welt ein schönes Gegengewicht, ein Ausgleich.

Manchmal überlegte ich, ob ich das Ölfass wegschaffen sollte. Ich machte mir Sorgen, dass jemand es sehen könnte, ein Kollege von der Universität vielleicht, und für eine Art aufsässiges politisches Statement halten, wie die Sezessionistenfahnen, die im Stammland der Roten mancherorts wehen, oder die verrosteten Straßenkreuzer vor den Häusern – machtlose Andenken an die Rebellion, Symbole einer zerstörten und zerstörerischen Vergangenheit. Schließlich stammte ich selbst aus dem Süden. Und auch wenn ich schon mit sechs Jahren auf neutralen Boden gekommen war und nie mit einer Menschenseele über mein Leben vor dieser Zeit gesprochen hatte, war es doch nicht ganz unvorstellbar, dass einer meiner Kollegen insgeheim überlegte, ob nicht ein wenig rotes Rebellenblut in meinen Adern floss.

Meine liebsten Postkarten stammen aus den 2030er und 2040er Jahren, den beiden letzten Jahrzehnten, bevor der Planet sich gegen das Land wandte und das Land gegen sich selbst. Es waren Bilder von den großen Ozeanstränden, bevor der ansteigende Meeresspiegel sie verschlang; Bilder aus dem Südwesten des Landes, bevor nur Asche davon blieb; Fotografien von den endlosen Ebenen des Mittleren Westens, menschenleer unter strahlend blauem Himmel, bevor sich in der großen Wanderung all die vielen, die ihre Heimat an den Küsten verloren hatten, hier niederließen. Bilder, die an ein Amerika erinnerten, wie es in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts gewesen war: überschäumend und übermütig, selbstvergessen, als gäbe es kein Morgen.

Ich weiß noch, wie ich meine erste Ansichtskarte kaufte. Es war eine Aufnahme des alten Anchorage. Auf der Uferpromenade der Stadt liegt dick der frisch gefallene Schnee, auf dem Wasser schwimmen Eisschollen, die Sonne steht tief hinter den Bergen.

Ich war sechs, als ich meinen ersten echten Sonnenuntergang in Alaska sah. Ich stand auf Deck des Schmugglerschiffs, ein sonnenverbrannter Junge aus Georgia, ein Flüchtling. Ich weiß noch, wie sich die merkwürdigen weißen Flocken auf meinen Wimpern anfühlten und wie ich unwillkürlich mit den Zähnen klapperte – zum ersten Mal im Leben war mir kalt. Ich sah über den Bergspitzen die gefrorene dottergelbe Scheibe am Himmel hängen, und es kam mir vor, als sei ich am äußersten Ende der belebten Welt angelangt. Dem Ort, an dem jede Bewegung zum Stillstand kommt.


***

Ich gehöre zu dem, was man die Generation der Wunder nennt: diejenigen, die zwischen dem Beginn des Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieges im Jahr 2074 und dessen Ende 2095 zur Welt kamen. Manche fassen den Begriff auch weiter und schließen die Kinder der zehnjährigen Seuchenzeit ein, die auf das Kriegsende folgte. Es ist eine alte Sitte in diesem Land, Generationen nach den Kriegen zu benennen, in denen sie hätten sterben sollen, und da bildet die Meine keine Ausnahme. Wir sind die wenigen, die dem Wüten der Selbstmordattentäter entgangen sind, der Willkür der Kriegsvögel; diejenigen, die rechtzeitig in gut bestückte Keller gebracht wurden, in Unwetterschutzräume, bevor die Pest der Wiedervereinigung sich über den ganzen Kontinent ausbreitete. Die paar, die einfach nur Glück hatten.

Mein ganzes Berufsleben habe ich mit dem Studium des blutigen Krieges zugebracht, des Krieges, den dieses Land gegen sich selbst führte. Ich habe Aufsätze für Fachzeitschriften geschrieben und Artikel für die Massenblätter, habe den Vorsitz bei unzähligen Symposien und Workshops geführt. Ich habe alles gelesen, was an Quellenmaterial erhalten ist: Kongressakten, Aufzeichnungen von Zeitzeugen, die grausigen Berichte der Überlebenden der Seuche. Ich habe die Schrecken des Wiedervereinigungstages rekonstruiert, an dem es einem der letzten Rebellen des Südens gelang, sich in die Hauptstadt der Union zu schleichen und dort die Saat jener Krankheit auszusäen, die das Land in zehn entsetzliche Jahre des Sterbens stürzte. Schätzungen zufolge sind elf Millionen Menschen im Krieg umgekommen und beinahe zehnmal so viele durch die Seuche danach.

Ich habe Berge von Briefen bekommen, von Lesern und Kritikern, die jede erdenkliche historische Einzelheit anzweifelten – ob etwa die Rebellen tatsächlich für dieses oder jenes Selbstmordattentat verantwortlich waren; ob das Massaker von Da-und-da tatsächlich so schlimm war, wie die Propaganda des Südens behauptete. In meinen Aktenschränken finden sich Hunderte solcher Schreiben, allesamt Variationen desselben Themas: dass ich, ein wohlbehüteter Bewohner von New Anchorage, privilegierter Bürger des neutralen Nordens, der nie an einer echten Schlacht teilgenommen habe, von diesem Krieg nicht die geringste Ahnung hätte.

Aber dafür weiß ich Dinge, die kein anderer weiß. Ich weiß es, weil sie es mir erzählt hat. Und nun, da ich es weiß, bin auch ich darin verstrickt.


***

Jetzt, fast am Ende meines Lebens angekommen, habe ich mir all die Erinnerungsstücke an meine jungen Jahre noch einmal angeschaut. Vor kurzem ist mir jene allererste Ansichtskarte in die Hand gekommen. Über hundert Jahre ist es nun her, seit die Fotografie entstanden ist; bis auf das Meer und die Berge ist alles, was darauf zu sehen ist, verschwunden. New Anchorage, eine weitläufige Ansammlung flacher Gebäude und wohlhabender Vorstädte, die sich an den Fuß der Hügel schmiegen, ist im Laufe der Jahre immer weiter landeinwärts gewandert. Die Docks, in denen ich seinerzeit als entwurzelte Kriegswaise ankam, sind seither mehrfach zurückverlegt und neu befestigt worden. Und wo einst Anleger aus knorrigem Holz waren, sind jetzt modulare Plattformen, die man leicht ab- und ein Stück weiter oben neu aufbauen kann. Schwere Stürme kommen ohne jede Vorwarnung.

Manchmal gehe ich am Hafen von New Anchorage spazieren, vorüber an Werft und Kais. Näher kann ich dem Punkt jetzt nicht mehr kommen, an dem ich einst neutralen Boden betrat, wenn ich mich nicht von einem der Boote, die zu den Wracks ausfahren, mitnehmen lassen will. Mein Arzt sagt, regelmäßige Spaziergänge sind gut für mich, und ich soll ruhig an die frische Luft gehen, wenn ich keine Schmerzen dabei habe. Wahrscheinlich sind das die harmlosen Geschichten, die er all seinen todkranken Patienten erzählt, denen, die schon lange den Schritt vom »Das ist gut für Sie« zum »Kann Ihnen nicht schaden« gemacht haben.

Eine seltsame Sache, das Sterben. So viele Jahre lang habe ich geglaubt, es würde von einem Tag auf den anderen vorbei sein, irgendwann, wenn die Seuche auch in den Norden, auf neutralen Boden, vorgedrungen war oder wenn die Roten von neuem rebellierten und eine neue Runde des Brudermords begann. Stattdessen bin ich nun zur gewöhnlichsten Form des Sterbens verurteilt, einer zu großen Zahl zu schlecht funktionierender Zellen. Ich habe einmal gelesen, dass ein nicht zu gefräßiger Krebs, rein praktisch gesprochen, gar keine so schlechte Todesform ist – nicht so langwierig, dass man jahrelang leiden muss, aber doch so, dass die Zeit bleibt, alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen – zu sagen, was gesagt werden muss.


***

Geschneit hat es schon seit Jahren nicht mehr, aber manchmal kriecht Ende Januar ein klein wenig Frost die Fensterscheiben hinauf. An solchen Tagen gehe ich gern hinaus ans Wasser und sehe mir die Dampfwolken meines Atems an. Ich fühle mich unbeschwert. Ich fürchte mich nicht mehr.

Ich stehe am Ende der Hafenpromenade und schaue hinaus aufs Wasser. Ich denke an all das, was es genommen hat, und all das, was mir genommen wurde. Manchmal starre ich stundenlang hinaus aufs Meer, sogar wenn es längst dunkel ist, so lange, bis ich anderswo angelangt bin, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit: wieder in dem geschundenen Land der Roten, in dem ich geboren bin.

Und dann sehe ich auch sie wieder, wie sie aus dem Wasser steigt. Sie ist noch genau, wie ich sie in Erinnerung habe, ein massiger brauner Leib, der Rücken zerfurcht von aschgrauen Narben, und jede einzelne legt Zeugnis ab von der Folter, die sie erdulden musste, den Verbrechen, die man ihr in den Verliesen angetan hat. Sie steigt aus dem Wasser, ein Fels aus Fleisch, wiedergeboren aus dem offenen Schoß des Savannah. Und ich bin wieder ein Kind, weiß noch nichts davon, wie ich schon bald meinen Eltern, meinem Zuhause entrissen, wie ich verraten werde. Ich bin wieder zu Hause am Fluss, und ich bin glücklich, und ich liebe sie noch. Das ist mein Geheimnis – dass ich sie liebe bis zum heutigen Tag.

Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.



I. April 2075


St. James, Louisiana




1. Kapitel

Damals war ich glücklich.


***

Die Sonne brach durch einen Pilgerzug aus Wolken und schaute mit unerbittlichem Auge herab auf das Mississippimeer.

Das Wasser stand braun und reglos am Ufer. Die See riss ihr Maul auf bis weit über das zerstörte Marschland, Jahr für Jahr fraß das Wasser mehr von dem Schlick und dem Sand und dem Lehm fort, bis die Fundamente der alten Farmhäuser am Fluss, der Kunststofffabriken und der Bahndämme nachgaben. Bevor die Häuser schließlich ins Wasser rutschten, holten die letzten Deltabewohner – die, die ausharrten – noch alles Brauchbare heraus. Das Wasser verschlang das Land. Im Südosten blieb von der einst ruhmreichen Stadt New Orleans nur noch ein großer Tümpel, umgeben von Deichen. Das Taufbecken für ein neues Amerika.

Ein kleines Mädchen, sechs Jahre alt, saß auf der Veranda seines Elternhauses unter einem Vordach aus Holzschindeln. Es hielt ein Plastikgefäß mit Honig in der Hand, geformt in Gestalt eines Bären. Aus dem Ausgießer oben auf dem Bärenkopf floss goldene Flüssigkeit auf die billigen Bodendielen aus Kiefer.

Das Mädchen ließ den Honig in die tiefen Astlöcher der Dielen rinnen und verfolgte die Schlängelbewegungen, mit denen er sich den Konturen seiner neuen Umgebung anpasste. Das ist ihre früheste Kindheitserinnerung, der Anfang von allem für sie.

Und so will ich in den Augenblicken, in denen die Bitterkeit nachlässt, gern an sie zurückdenken. Als Kind.

Ich wünschte, ich hätte sie damals gekannt, damals als sie noch heil war.

»Was fällt dir ein, Sara Chestnut?«, schimpfte die Mutter des Mädchens von der Tür des Transportcontainers her, der für die Chestnuts ihr Zuhause war. »Habe ich dir gesagt, du sollst Sachen vergeuden, die nicht zum Vergeuden da sind?«

»Entschuldige, Mama.«

»Hast du gearbeitet, damit wir diesen Honig kaufen können, hm? Nein, ich glaube nicht. Geh jetzt und hol deine Schwester, und dann ab zum Frühstück, bevor euer Daddy losmuss.«

»Okay, Mama«, sagte das Mädchen und reichte den halbleeren Honigbären zurück. Sie duckte sich an der Mutter vorbei, die ihr dabei den Staub vom Po ihres Fleur-de-Lys-Kleids klopfte.

Das Mädchen hieß Sara T. Chestnut, aber sie selbst nannte sich Sarat. Der Name war aus einem Missverständnis in der Schule entstanden, Anfang des Jahres. Die neue Lehrerin hatte aus Versehen die mittlere Initiale als letzten Buchstaben des Vornamens gelesen – Sarat. Für die Ohren des kleinen Mädchens klang der Name genau richtig. Sara, das verschwand einfach, ein ahh, das sich in Luft auflöste. Sarat endete mit einem Klacken, wie eine Bärenfalle, die zuschnappt. Ein paar Monate später machte die Schule zu, die meisten Lehrer und Schüler flohen nach Norden vor dem heranrückenden Krieg. Aber der Name blieb.

Sarat.


––––

Hundert Fuß abseits vom westlichen Flussufer lebten die Chestnuts in einem Wellblechcontainer, einem Beutestück vom Werftgelände nicht weit ab. Keilförmige Stahlplatten, wiederum in Betonblöcke im Erdboden eingegossen, dienten dem Haus als Fundament. Brauner Rost breitete sich langsam von den Kanten her aus, vorangetrieben von der ewigen Feuchtigkeit.

Ein Spalier aus altmodischen Sonnenkollektoren bedeckte das ganze Dach bis auf eine Ecke, in der sie in einem Tank Regenwasser sammelten. Bei den Kollektoren lag eine wasserfeste Plane. Wenn ein Unwetter kam, spannten sie die Plane über das Dach, mit Seilen an allen vier Enden, die sie an Haken festzurrten. Sie lenkten das Wasser von den Zellen in den Tank oder ließen es, wenn der Tank voll war, auf den Boden und zum Fluss weiter unten abfließen, und so bekamen sie Trinkwasser und schützten zugleich ihr Zuhause vor Rost und Verfall.

In manchen Winterstürmen suchte die ganze Familie Zuflucht auf der Veranda; das Vordach hing durch, es tropfte, aber es ersparte ihnen den unerträglichen Lärm, der bei schwerem Regen im Inneren des Containers dröhnte, wie die Steeldrums bei einem Calypso.

Im Sommer, wenn im Haus Temperaturen wie in einem Schmelzofen herrschten, verbrachten sie die meiste Zeit draußen. Diese lange, sengende Sommerzeit, die von März bis Mitte Dezember anhielt, war für Sarat, ihre Zwillingsschwester Dana und ihren älteren Bruder Simon die glücklichste Zeit ihrer Kindheit. Die Kinder, von den Eltern aus der Ferne im Auge behalten, holten mit Eimern Wasser aus dem Fluss und begossen ein Stück Ufer so lange, bis sie eine Rutsche hatten. Ganze Nachmittage und Abende brachten sie so zu: die Kinder glitschten den Abhang hinunter ins Wasser und kletterten dann an einem mit Knoten versehenen Seil wieder nach oben; bei der Abfahrt quietschten sie vor Vergnügen, und ihre Hinterteile gruben tiefe Furchen in den Schlamm.

In einem Verschlag hinter dem Haus hielten sie ein paar halbverhungerte Hühner. Die Hühner machten viel Lärm, liefen aufgeregt hin und her, die Federn waren schmutzig und braun. Wenn sie gefüttert wurden und es nicht zu heiß war, legten sie Eier. Zu anderen Zeiten, am Rande der Revolte oder des Hungertods, schlachtete man sie lieber, die Köpfe zwischen zwei Nägel auf einem Baumstumpf geklemmt.

Der Container war mit Stellwänden unterteilt. Benjamin und Martina Chestnut lebten im hintersten Teil des Hauses. Der neunjährige Simon und die Zwillinge, sechs Jahre alt, teilten sich das mittlere Drittel, ein Burgfrieden, der von Tag zu Tag brüchiger wurde.

Im letzten Drittel des Hauses gab es einen Küchentisch aus sandfarbenen Latten, schmierig und schartig geworden durch langen und intensiven Gebrauch. Daneben stand ein Vorratsschrank aus Kiefernholz, und darin gab es Süßkartoffeln, Reis, Tüten mit Kartoffelchips und süßen Frühstücksflocken, Pekannüsse, Mehl sowie gemahlene Hirse vom Feld zwischen dem Haus der Chestnuts und ihrem nächsten Nachbarn. Ein kleiner Kühlschrank, der den Sonnenkollektoren schwer zu schaffen machte, enthielt Milch und Butter sowie Dosen mit Vorkriegs-Cola.

An der Haustür hielt eine Statue aus Benjamins Kindertagen Wacht. Es war eine Keramikfigur der Jungfrau von Guadalupe, die Hände aneinandergelegt und den Kopf gesenkt im Gebet. Eine Girlande aus gelben Mädchenaugen- und weißen Irisblüten war ihr zu Füßen gelegt, und dort stand auch der Stumpf einer Kerze mit Magnolienduft. Wenn die Blumen verwelkt waren, wurden die Kinder losgeschickt, um bei den Feldern frische zu suchen.

Nun hüpfte Sarat an dieser Statue vorüber, auf der Suche nach ihrer Schwester. Sie fand sie im hinteren Teil des Hauses, wo sie auf dem Bett ihrer Eltern stand und mit stählerner Konzentration ihr Bild im ovalen Schminkspiegel betrachtete. Sie hatte eins der Hauskleider ihrer Mutter genommen, einen einfachen ärmellosen Kittel, immer noch lila, obwohl unzählige Male gewaschen. Das kleine Mädchen steckte in der oberen Hälfte des Kleides, die ihm bis zu den Knöcheln reichte; der Rest hing einfach vom Bett herab bis zum Boden. Sie hatte, und zwar entschieden zu großzügig, den kirschroten Lippenstift ihrer Mutter aufgelegt – das wertvollste Stück unter den wenigen und nur selten benutzten Schminksachen der Mutter. Auch wenn sie sich noch so viel Mühe gegeben hatte, hatte Dana den Konturen ihrer kleinen rosa Lippen nicht folgen können und sah nun aus, als hätte sie sich gerade mit beiden Händen Erdbeertorte in den Mund gestopft.

»Komm spielen«, sagte Sarat, in Verlegenheit gebracht durch das, was ihre Zwillingsschwester dort tat.

Ärgerlich drehte Dana sich zu ihrer Schwester um. »Ich bin beschäftigt«, sagte sie.

»Aber mir ist langweilig.«

»Ich bin jetzt eine Dame!«

Dana wandte sich wieder dem Spiegel zu, versuchte, mit dem Handrücken ein wenig von dem Lippenstift fortzuwischen.

»Mama sagt, wir müssen jetzt mit Daddy frühstücken.«

»Okay. Oooo-kay«, sagte Dana. »Man hat aber auch keinen Augenblick Ruhe in diesem Haus«, fügte sie noch hinzu, ein Satz, den sie von ihrer Mutter aufgeschnappt hatte.

Sarat war die Zweitgeborene, fünfeinhalb Minuten später zur Welt gekommen als ihre Schwester. Und auch wenn ihre Eltern ihr gesagt hatten, sie und Dana seien beide Fleisch vom selben Fleische, war Dana der Liebling ihres Vaters, des Vaters mit dem unbekümmerten Humor und dem ehrlichen Lächeln. Sarat kam auf ihre Mutter: verbissen, hart und furchtlos. Sie waren Zwillinge, aber sie waren einander nicht ähnlich. Oft hörte Sarat, wie ihre Mutter sie »einen Racker« nannte. Gott hat mir zwei Kinder auf einmal gegeben, sagte sie, aber nur Mädchen genug für eine.


***

Als Dana fort war, blieb Sarat noch ein paar Minuten im Zimmer ihrer Eltern. Mit einiger Verwirrung betrachtete sie das Ding, mit dem ihre Schwester sich die Lippen beschmiert hatte. Anders als der Fluss und die Sträucher und die Tiere und Vögel in der Natur interessierte der Lippenstift sie nicht; ihr versprach er kein Abenteuer. Das war etwas für ihre Zwillingsschwester, für die, die so versessen auf das Erwachsensein war. Warum Dana sich so verzweifelt wünschte, zu den Großen zu gehören, verstand Sarat einfach nicht.

Dana kam nach draußen, immer noch im Kleid ihrer Mutter.

»Habe ich dir nicht verboten, an meine Kommode zu gehen?«, schimpfte Martina.

»Entschuldige, Mama.«

»Die Entschuldigung kannst du dir sparen – und zieh das Kleid hoch, du schleifst es überall durch den Dreck.« Martina zog ihrer Tochter das Kleid wieder aus. »Ich habe deine Schwester reingeschickt, um dich zu holen, und jetzt kommst du her, vollkommen verschandelt, und sie macht drin wahrscheinlich gerade genau das Gleiche.«

»Die kann sich nicht schminken«, sagte Dana. »Die ist hässlich.«

Martina kniete sich hin und packte ihre Tochter bei den Schultern. »Sag so etwas nie wieder, verstanden? Sag nie wieder, dass sie hässlich ist, sag nie wieder ein böses Wort über sie. Sie ist deine Schwester. Und sie ist ein schönes Mädchen.«

Dana ließ den Kopf hängen und schmollte. Martina fasste sie am Kinn, so dass sie aufblicken musste.

»Hör mir zu«, sagte sie. »Du gehst jetzt nach drinnen und sagst ihr das. Sag ihr, sie ist deine Schöne.«

Dana stapfte zurück ins Haus. Ihre Schwester steckte gerade den Lippenstift der Mutter zurück ins Schminkkästchen.

»Du bist meine Schöne!«, rief Dana, dann stürmte sie aus dem Zimmer.

Einen Moment lang stand Sarat verdattert da. Sie war ja noch ein Kind, sie wusste nicht, wozu eine Lüge gut sein sollte. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass jemand etwas sagte, obwohl er es nicht meinte. Sie lächelte.


***

Draußen bereitete Martina das Frühstück auf einem schweren Holzofen. Auf Tellern und in Schüsseln richtete sie Brötchen und Hirsemüsli und Spiegeleier und falschen Pfefferspeck an, braun gebraten in seinem eigenen Fett.

An den schlaffen Wangen, den dunklen Ringen um die Augen sah man Martina ihre neununddreißig Jahre deutlich an – mehr als man es im Gesicht ihres Mannes sah, obwohl der fünf Jahre älter war als sie und die beiden schon ihr halbes Leben zusammen waren. Sie war füllig um die Taille, aber nicht dick, ihr Körper hatte jene Art von Robustheit, die ein Leben auf dem Lande mit sich bringt und mit der sie, wenn notwendig, schwere Lasten tragen und lange Strecken gehen konnte. Anders als ihr Mann, der als Kind illegal aus Mexiko ins Land gekommen war, damals, als der Migrantenstrom noch Richtung Norden ging, war sie keine Einwanderin. Sie war da, wo sie lebte, geboren.

»Frühstück!«, rief Martina und wischte sich mit einem zerlumpten Geschirrtuch den Schweiß von der Stirn. »Alle herkommen, und zwar sofort. Ich sage es nicht noch einmal.«

Benjamin kam, frisch rasiert und geduscht, aus dem Waschhäuschen hinter dem Haus.

»Beeil dich, iss etwas, bevor er hier ist«, drängte Martina.

»Ja doch, immer mit der Ruhe«, entgegnete ihr Mann. »Hast du ihn schon je pünktlich erlebt?«

»Wo ist deine gute Krawatte?«

»Es ist doch kein Vorstellungsgespräch, es geht nur um eine Arbeitserlaubnis. Ich gehe nur ins Büro einer Behörde; nicht anders als wenn ich zur Post ginge.«

»Wann haben sich zum letzten Mal Leute gegenseitig umgebracht, um etwas von der Post zu bekommen?«

Benjamin setzte sich an den Tisch im Freien. Er war ein hagerer Mann mit einem hageren Gesicht; die beinahe zusammengewachsenen Augenbrauen bildeten die Basis für eine glatte, hohe Stirn, die umso höher wirkte, weil er zu den Schläfen hin schon ein wenig kahl wurde. Er war stets glatt rasiert, bis auf ein schmales schwarzes Schnurrbärtchen, von dem seine Frau sich immer vorstellte, Leute könnten ihn deswegen für unseriös halten.

Er küsste Sarat auf die Stirn, und als er seine andere Tochter sah, das Gesicht vom Lippenstift verschmiert, küsste er sie auch.

»Deine Mädchen sind schon wieder ungezogen gewesen«, sagte Martina. »Die lernen keine Manieren, sie tun nie, was man ihnen sagt.«

Benjamin sah Dana mit gespielter Empörung an und schüttelte den Kopf, dann beugte er sich vor und flüsterte ihr ins Ohr.

»Ich finde, du siehst gut damit aus.«

»Danke, Daddy«, flüsterte Dana zurück.

Alle versammelten sich um den Tisch. Martina rief nach Simon, und bald kam auch er um die Verandaecke und brachte das eben abgesägte Unterende der zehnsprossigen Leiter mit.

Als er sah, was für ein Gesicht seine Mutter machte, ging er sofort in die Verteidigung: »Dad wollte, dass ich das mache.«

Martina sah ihren Mann an, der unbekümmert seinen Speck aß und den sauren Kaffee trank, in dem die Körnchen noch schwebten. Es war grässliches Zeug aus Militärrationen, nur dazu da, dass die Soldaten nicht einschliefen.

»Sieh mich nicht so an«, sagte Benjamin. »Smith braucht eine Leiter. Er will neue Schindeln aufs Dach tun; die alten sind schon ganz morsch.«

»Und da gibst du ihm die Hälfte von unserer?«

»Ist doch nur fair. Schließlich ist er derjenige, der den Mann im Büro für die Arbeitsgenehmigungen kennt. Ohne ihn könnten wir genauso gut versuchen, uns den Weg über die Grenze freizuschießen.«

»Der hat Geld wie Heu, er kann sich tausend Leitern kaufen«, schimpfte Martina. »Du hast doch gesagt, er will uns einen Gefallen tun.«

Benjamin lachte. »Eine Arbeitserlaubnis für die Nordstaaten im Tausch gegen eine halbe Leiter, das ist immer noch ein Gefallen.«

Martina schüttete den Kaffeesatz auf den Boden. »Wir müssen genauso unser Dach reparieren wie die Smiths«, sagte sie.

»Aber eine Leiter mit fünf Sprossen reicht dazu«, beharrte Benjamin, »gerade wo unser Junge jetzt groß und stark genug zum Hinaufklettern ist.«

Da stimmte Simon ihm eifrig zu und versprach seiner Mutter, er werde regelmäßig nach oben klettern und Chlor in den Wassertank tun und den Vogeldreck von den Sonnenkollektoren wischen, genau wie sein Vater.

Sie aßen alle miteinander. Benjamin, sein Leben lang spindeldürr, verschlang seine Eier und Speck mit sichtlichem Vergnügen. Sein Sohn sah zu, merkte sich jede kleinste Bewegung seines Vaters, schrieb es in ein ehernes Lehrbuch, aus dem er studierte, was es hieß, ein Mann zu sein. Bald hatte auch der Junge seinen Teller mit dem Brot saubergewischt.

Die Zwillinge tranken Orangensaft aus Plastikbechern und pickten nur an den Brötchen, bis ihre Mutter sie ihnen mit ein wenig Butter und Aprikosenmarmelade schmackhafter machte, und dann aßen sie schweigsam, tief in geheime Gedanken versunken.

Martina betrachtete ihren Mann, die Augen reglos und still, ein Blick, der ihren Kindern streng vorkam, von dem aber ihr Mann wusste, dass er einfach ihr ganz normaler Ausdruck war.

Schließlich sagte sie: »Erzähl ihnen nichts über deine Arbeit für den Freien Süden.«

»Das ist kein Geheimnis«, entgegnete Benjamin. »Die wissen genau, dass jeder hier in der Gegend irgendwann mal für den Freien Süden gearbeitet hat. Das heißt ja nicht automatisch, dass ich zur Flinte gegriffen habe.«

»Aber du musst es ihnen nicht ausdrücklich sagen. Wenn du es ihnen sagst, dann müssen sie ein Kästchen auf dem Formular ankreuzen und nehmen dich mit nach nebenan und stellen dir alle möglichen Fragen. Und am Ende bekommst du keine Erlaubnis, aus Sicherheitsgründen oder wie es dann heißt. Sag, du arbeitest in der Näherei, das ist ja nicht gelogen.«

»Mach dir doch nicht dauernd so viele Sorgen«, sagte Benjamin, lehnte sich auf seiner Bank zurück und zupfte an Fleischresten zwischen den Zähnen. »Wir kriegen unsere Erlaubnis schon. Der Norden braucht Arbeiter, und wir brauchen Arbeit.«

Simon fragte: »Wieso müssen wir überhaupt in den Norden? Wir kennen doch niemanden da.«

»Da oben gibt’s Arbeit«, erklärte ihm seine Mutter. »Da gibt es Schulen. Du klagst doch immer, dass du kein Spielzeug hast und keine Freunde. Da oben gibt’s jede Menge davon.«

»Connor sagt, nur Verräter gehen in den Norden. Er sagt, die soll man aufhängen.«

Sarat hörte aufmerksam zu und merkte sich dieses seltsame neue Wort. Verräter. Es hörte sich fremdartig an. Ausländer womöglich.

»Rede kein solches Zeug«, sagte Martina. »Willst du deiner Mutter glauben oder einem zehnjährigen Jungen?«

Simon starrte auf seinen Teller und murmelte: »Connor hat das von seinem Dad.«

Das Frühstück war gegessen, und sie zogen sich alle auf die Veranda zurück. Martina setzte sich auf die Treppenstufen und wischte ihrer Tochter mit einem nassen Spültuch den Lippenstift aus dem Gesicht; das Mädchen wand sich und quengelte. Simon schmirgelte mit einem Sandpapierblock die Enden der halben Leiter glatt, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf, bis sein Vater ihm zeigte, wie es auch mit weniger Anstrengung ging.

Sarat kehrte an den Ort ihres morgendlichen Experimentes zurück, piekte in den schon fester gewordenen Honig in den Astlöchern, bestaunte die Zähflüssigkeit dieser goldgelben Masse. Es faszinierte sie, wie bereitwillig er die Umrisse seiner Umgebung annahm. Mit dem kleinen Finger durchstach sie die Kruste und leckte daran. Sie hatte erwartet, dass der Honig jetzt nach Holz schmecken würde, aber er schmeckte immer noch wie Honig.

Benjamin saß auf einem Korbstuhl, dessen Lehne sich schon auflöste. Er blickte hinaus auf den braunen, verödeten Fluss und wartete auf die Ankunft seines Gönners.

»Weißt du, was du den Leuten sagen willst, da auf dem Amt?«, fragte Martina. »Hast du dir das überlegt?«

»Ich gebe ihnen Antwort auf ihre Fragen.«

»Hast du alle Papiere beisammen?«

»Ich habe alle Papiere beisammen.«



Martina schüttelte den Kopf und spähte nun selbst hinaus, forschte nach Anzeichen eines Bootes. »Wahrscheinlich sind überhaupt keine Genehmigungen zu haben«, sagte sie. »Wahrscheinlich machen sie es genauso wie immer und schicken uns wieder weg. So machen sie es doch jedes Mal, denen sind alle hier im Süden scheißegal. Für die sind wir keine Menschen, nicht mal Tiere; als ob wir irgendwas vollkommen anderes wären. Die schicken dich einfach zurück, das weiß ich.«

Benjamin zuckte mit den Schultern. »Soll ich nun hingehen oder nicht?«

»Natürlich sollst du hingehen.«

Als sie den Lippenstift abgewischt hatte, machte Martina sich daran, Dana das Haar zu flechten. Es wuchs in langen, glatten Strähnen von tiefstem Schwarz, ganz anders als das von Sarat, das zwar die gleiche Farbe hatte, aber widerspenstig war und gegen die feuchte Luft mit wirren Kräuseln revoltierte.

»Mädels, wollt ihr wissen, was das Beste am Norden ist?«, fragte sie.

»Was?«, fragte Sarat zurück.

»Ihr wisst ja, manchmal ist es im Sommer hier so heiß, dass man es wirklich nicht aushalten kann. Man wacht nachts auf, und die Bettlaken sind nass vom Schweiß.«

»Widerlich«, sagte Dana.

»Also, wenn ihr weit genug nach Norden kommt, dann wird es niemals so heiß. Und wenn ihr in den hohen Norden kommt, dann fällt im Winter kein Regen vom Himmel – dann kommen kleine Eiskügelchen, und sie bleiben überall auf dem Boden liegen, bis man am Ende die Straßen gar nicht mehr sieht, und das Wasser in den Flüssen wird so kalt, dass es hart wird wie Stein, und ihr könnt darauf gehen.«

»So ein Blödsinn«, sagte Dana. Für ihre Begriffe konnte das nur wieder eine von den großartigen Märchengeschichten sein, die ihre Eltern sich ausdachten, die Flüsse, die fest wurden, und das Eis, das vom Himmel fiel, waren genau so etwas wie die Fische mit den großen Schnurrbärten, die angeblich früher überall im leblosen Mississippi geschwommen waren, als er noch einfach nur ein Fluss war, oder die Eidechsen aus uralten Zeiten, die in der Wüste im Westen in der Erde begraben lagen und deren Überreste einmal die ganze Welt mit Kraft versorgt hatten. Dana glaubte solche Geschichten nie.

Aber Sarat, die schon. Sarat glaubte jedes Wort davon.

»Doch, es ist wirklich so«, versicherte ihr Martina. »Kühl im Sommer, kühl im Winter. Gemäßigt nennt man das. Und dort herrscht auch Sicherheit. Kinder spielen bis spätabends auf der Straße; da werdet ihr gleich am ersten Tag Freunde finden.«

Simon schüttelte nur den Kopf. Er wusste, dass seine Mutter zwar mit den Zwillingen redete, die Worte aber eigentlich für ihn bestimmt waren. Mit allen anderen redete sie viel vernünftiger, nicht sentimental oder schwärmerisch. Doch mit ihrem einzigen Sohn, dessen geheime Gedanken sie, fürchtete sie, nie würde erraten können, sprach sie indirekt, über Mittelsleute, in einem einfältigen, leicht zu durchschauenden Code. Das machte Simon wütend. Warum konnte sie denn nicht sein wie sein Vater?, fragte er sich. Warum konnte sie nicht einfach sagen, was sie dachte?


***

Es war später Vormittag, und Benjamins Kumpel war noch immer nicht aufgetaucht. Bald glaubte Martina, dass er ihren Mann vergessen hatte. Oder vielleicht hatten sie ihn in seinem alten Boot mit Benzinmotor doch erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Es stimmte zwar, dass die Staaten rings um das Rebellenland der Roten – ein Schutzgürtel bestehend aus Louisiana, Arkanas, Tennessee und North Carolina – große Sympathien für die Sache der Freien Südstaaten hatten. Aber diese Staaten, obwohl selbst deren Bewohner eine Genehmigung brauchten, wenn sie in den Norden ins Herzland der Blauen ziehen wollten, gehörten doch zur Union, und ein Mann, der dort mit fossilen Brennstoffen erwischt wurde, galt als Gesetzesbrecher, genau wie im Norden auch.

Ihr ging durch den Kopf, wie viel leichter es für alle wäre, wenn man all diesen Möchtegern-Kleinstaaten einfach erlauben würde, sich von der Union zu lösen, ihre eigenen Miniaturnationen entlang der Bruchlinien des Lokalpatriotismus zu bilden, der Verwerfungen des Glaubens oder der Hautfarbe oder der Ideologie. Dass es schon immer Risse gegeben hatte, wussten alle: Im Nordwesten drohten sie ständig mit der Abspaltung des stolzen, pazifistischen Kaskadien; südlich davon waren schon große Teile von Kalifornien, Nevada, Arizona und Westtexas mehr oder weniger unter Kontrolle der mexikanischen Armee, und die Landkarte dieser Gegend würde bald wieder so aussehen, wie sie vor Hunderten von Jahren ausgesehen hatte. Im Mittelwesten herrschte unter den Alteingesessenen ein kaum verhohlener Groll gegen die Abermillionen von Neuankömmlingen aus den Küstenregionen, die sich in den mittleren Landesteilen breitgemacht hatten, auf ihrer Flucht vor dem steigenden Meeresspiegel und den schweren Stürmen. Und hier im Süden hatte sich eine ganze Region für einen neuen Krieg entschieden, wollte lieber die Trennung von der Union als auf jenen verbotenen Brennstoff zu verzichten, der so viel Unglück über das Land gebracht hatte.

Manchmal kam es Martina vor, als habe es einen gemeinsamen Staat nie gegeben; vor langer Zeit hatten Leute, willkürlich oder weil sie sich einen Vorteil davon versprachen, Grenzen auf einer Landkarte gezogen, auf der es vorher keine gegeben hatte, und dabei ein großes Land geschaffen, das aus vielen verschiedenen, einzelnen bestand. Wie schlimm wäre es denn, fragte sie sich, wenn die Bundesregierung in Columbus einfach damit aufhörte, so viel Geld und Blut zu opfern, um den zerrissenen Kontinent zusammenzuhalten? Sollten die Südstaatler doch ihr altmodisches Benzin behalten, dachte sie, bis sie auch den allerletzten Tropfen Öl aus der geschundenen Erde geholt hatten.

Martina blickte hinaus auf den Fluss und wartete auf das Boot. Sie sah Sarat am Wasser, wo sie nach einem alten Garnelennetz schaute, das vor ein paar Wochen angespült worden war; die Kinder hatten damit eine Sperre gebaut, mit der sie Treibgut auffingen. Das Netz hatte ihnen schon die seltsamsten Schätze beschert: ein eisernes Kreuz, die Kopfstütze eines Frisierstuhls, ein laminiertes Bild von einer schon lange geschlossenen Leprakolonie, ein kleines Schild, auf dem »Bitte keine Unflätigkeiten in der Kantine« stand.

Sarat inspizierte die durchweichten Seiten eines Buchs, das im Netz hängengeblieben war. Das Buch hieß Die Welt im Wandel. Auf dem Umschlag war ein großer blauer Berg aus Eis zu sehen, der im Wasser schwamm. Vorsichtig blätterte sie, löste die Seiten voneinander. In dem Buch gab es Landkarten der Erde, von früher und von heute. Die neuen sahen wie die alten aus, nur dass am Rand die Kanten der Länder abgeschnitten waren – ganze Inseln waren verschwunden, die Küsten näher an die Mitte der Kontinente gerückt. Auf den alten Karten sah Amerika größer aus.

Sie spürte einen Schatten. Simon, ihr Bruder, stand hinter ihr. »Was hast du da?«, fragte er und griff nach dem Buch.

»Das geht dich nichts an«, antwortete Sarat. »Ich hab’s gefunden.« Sie riss das Buch wieder an sich und sprang auf, bereit, darum zu kämpfen, wenn es sein musste.

»Ja und wenn«, sagte Simon. »Ich will’s gar nicht haben. Ist doch nur ein blödes Buch.« Aber sie sah, wie er die aufgeschlagene Seite inspizierte.

»Weißt du überhaupt, was das ist?«, fragte er.

»Das sind Landkarten«, sagte Sarat. »Ich weiß, was Landkarten sind.«

Simon zeigte auf eine Stelle unten auf der Karte, wo das blaue Wasser im Begriff schien, ein paar dünne Streifen Land am Südrand des Kontinents zu verschlingen.

»Da sind wir, Dummchen«, sagte er. »Hier wohnen wir.«

Sarat sah sich die Stelle an, auf die Simon zeigte. Es schien etwas ganz Abstraktes, sah überhaupt nicht wie ihr Zuhause aus.

»Siehst du das ganze Wasser hier?«, fragte Simon. »Früher war das alles Land, und jetzt ist es nicht mehr da.« Er zeigte hinter sich in Richtung Haus. »Und eines Tages wird das auch alles Wasser sein. Dann müssen wir hier weg, sonst ertrinken wir.«

Sarat sah den Anflug von Grinsen auf dem Gesicht ihres Bruders und wusste genau, dass er versuchte, ihr Angst zu machen. Sie fragte sich, warum er wohl so versessen auf solche Tricks war, warum er immer wieder versuchte, Sachen zu sagen, auf die sie mit Schrecken oder mit einer Dummheit reagieren sollte. Er war fast drei Jahre älter als sie und außerdem ein Junge – eine ganz andere Lebensform. Aber trotzdem spürte sie bei ihrem Bruder eine Art Unsicherheit, so als ob er ihr nicht aus grausamem Zeitvertreib Angst einjagte, sondern als Mittel, mit dem er sich selbst etwas Wichtiges beweisen musste. Sie fragte sich, ob wohl alle Jungs so waren und ob ihre Gemeinheit einfach nur Selbstverteidigung war.

Und außerdem wusste sie, dass er log. Das Wasser würde niemals ihr Zuhause verschlucken. Vielleicht den Rest von Louisiana, vielleicht sogar den Rest der Welt, aber niemals ihr Zuhause. Ihr Haus würde auf dem Trockenen bleiben, weil das schon immer so gewesen war.


***

Am späten Vormittag tauchte Alder Smith, Benjamins Kumpel, endlich auf. Vier Stunden später als angekündigt. Das hölzerne Fischerboot schaukelte sanft auf seiner Bugwelle, und der Außenborder gurgelte und spuckte Qualm. Es war ein uraltes Ding, aber immer noch schneller und beweglicher als die Sea-Toks, die mit ihrem schwachen Solarantrieb kaum gegen die Strömung ankamen.

Es hieß etwas, wenn man ein Fahrzeug hatte, das noch mit dem verbotenen Brennstoff lief, es war ein Zeichen nicht nur von Wohlstand, sondern auch davon, dass man Verbindungen hatte, dass man etwas galt.

»Morgen«, rief Smith, als er das Boot an den Landungssteg der Chestnuts manövrierte und eine Nylonschlaufe über den Poller warf. Wie Benjamin war er ein groß gewachsener Mann, hatte allerdings breitere Schultern und noch volles braunes Haar, jetzt kupferfarben von zu viel Zeit draußen an der Sonne. Vor dem Krieg war sein Vater Eigentümer von einem Dutzend Autohandlungen zwischen New Orleans und Baton Rouge gewesen, für die Wagen von früher mit ihrem Verbrennungsmotor. Diese Betriebe gab es längst nicht mehr, aber von dem Wohlstand, den sie beschert hatten, blieb immer noch etwas, und Smith hatte ein bequemes Leben auf der anderen Seite des Flusses. Unter den Familien, die weit verstreut noch im versunkenen Süden von Louisiana und Mississippi lebten, galt er als Mann mit Verbindungen, einer, der überall Freunde hatte. Er kannte Leute bei der Regierung der Freien Südstaaten in Atlanta, und er kannte die Schmuggler an der Grenze von Mississippi nach Arkansas; er kannte Konsuln in den Büros der Nordstaaten, die es überall in den Städten jener gezähmten, bezwungenen Staaten des Südens gab, die sich auf die Seite der Union geschlagen hatten. Wenn man ihm glauben wollte, kannte er sogar Leute aus dem Stab von Senatoren und Kongressabgeordneten in der Bundeshauptstadt Columbus.

»Morgen«, erwiderte Martina. »Komm rauf, wir haben noch Sandwiches übrig, Kaffee auch.«

»Danke dir herzlich, aber wir sind schon spät dran. Auf geht’s, Ben. Die Blauen warten nicht gerne.«

Benjamin küsste seine Frau und seine Kinder zum Abschied und ging nach drinnen und küsste die Füße der Madonnenfigur. Vorsichtig stieg er zum Fluss hinunter, damit er auf dem Lehmboden nicht ausrutschte und seine gute Hose schmutzig machte. In den Händen hielt er eine alte lederne Aktenmappe und die halbe Leiter. Seine Frau schaute von der Uferkante her zu.

»Lasst das Boot auf der Südseite und geht zu Fuß in die Stadt«, schärfte sie den Männern ein. »Passt auf, dass nicht irgendwelche Beamten das Boot sehen.«

Smith lachte und startete den Motor. »Keine Sorge«, sagte er. »Nächste Woche um diese Zeit seid ihr schon auf halbem Weg nach Chicago.«

»Aber passt auf«, sagte Martina. »Seht euch vor, meine ich.«

Die zwei Männer stießen das Boot vom Ufer ab und drehten es mit der Nase in Richtung Norden, nach Baton Rouge hin. Unter grollenden Tönen strebte ihr Gefährt dem Herzen dieses mächtigen braunen Flusses zu, und bald schon blieben nur noch die beiden Bugwellen von ihm zurück.


Auszug aus:


Amtliches Handbuch für den Schulunterricht –


Geschichte, achtes Modul: Der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg


Zusammenfassung des Moduls:

Der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg fand zwischen den Jahren 2074 und 2095 statt. Kriegsparteien waren die Union einerseits und die sezessionistischen Staaten Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina andererseits (bis zur Annexion durch Mexiko zudem Texas). Hauptkriegsgrund war der Widerstand des Südens gegen das Gesetz für eine nachhaltige Zukunft, das die Verwendung fossiler Brennstoffe in den gesamten Vereinigten Staaten untersagte. Das Gesetz ging auf die Initiative von Präsident Daniel Ki zurück und war eine Reaktion auf jahrzehntelange Klimaschädigungen, auf die nachlassende wirtschaftliche Bedeutung fossiler Brennstoffe sowie auf das verheerende Unglück eines Öltransportzuges in Williston, North Dakota, im Jahre 2069.

Zu den Ereignissen, die zum Kriege führten, gehörten die Ermordung von Präsident Ki durch die sezessionistische Selbstmordattentäterin Julia Templestowe in Jackson, Mississippi, im Dezember 2073 sowie der Tod von Demonstranten aus dem Süden durch Gewehrschüsse vor der Militärbasis Fort Jackson, South Carolina, im März 2074.

Die sezessionistischen Staaten (die sich unter der Bezeichnung »Freie Südstaaten« zusammenschlossen) erklärten sich am 1. Oktober 2074 für unabhängig, und dieses Datum wird oft als eigentlicher Kriegsbeginn genannt. In den ersten fünf Kriegsjahren konnte die Union eine Reihe entscheidender militärischer Erfolge für sich verbuchen – vor allem in East Texas und entlang der Nordgrenze von Mississippi, Alabama und Georgia (»das MAG«) –, danach kam es kaum noch zu Kampfhandlungen. Kommandotruppen der Rebellen verübten allerdings noch ein halbes Jahrzehnt lang Guerillaattacken, teils mit Unterstützung ausländischer Agenten und antiamerikanischer Saboteure. Nach langwierigen Verhandlungen wurde ein Friedensvertrag weitestgehend zugunsten der Union geschlossen, und der Krieg sollte in aller Form mit den Feiern zum Vereinigungstag am 3. Juli 2095 in der Bundeshauptstadt Columbus, Ohio, beendet werden. An diesem Tag gelang es einem sezessionistischen Terroristen, durch die Grenzsperren in das Territorium der Nordstaaten zu schlüpfen und einen biologischen Wirkstoff freizusetzen (»die Einheitspest«), der eine landesweite Epidemie auslöste. Die Auswirkungen dieser Seuche, die Schätzungen zufolge 110 Millionen Menschenleben forderte, lähmten das Land noch ein weiteres Jahrzehnt lang. Der Terrorist konnte bis heute nicht identifiziert werden.



2. Kapitel

Auf das Geländer der Veranda hatten die Chestnuts eine mit Öl ausgepinselte Schale als Moskitofalle gestellt. Die von der glitzernden Flüssigkeit angelockten Insekten landeten dort und blieben kleben.

Sarat stand auf der Veranda, und die Sonne brannte ihr auf die Stirn. Sie sah zu, wie die Moskitos zappelten. Es waren dicke schwarze Punkte, prall wie Weintrauben. Sie holte eins dieser Insekten heraus, fasste es zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie hielt es sich dicht vors Auge. Es hatte nichts von dem, was für das kleine Mädchen Anzeichen von Leben war; es sprach nicht, gab keinen Laut von sich, nicht wie eine Grille, die zirpte, oder die Hühner, wenn sie in Aufregung gerieten. Aber trotzdem wusste sie, dass dieses Ding zwischen ihren Fingern lebendig war.

Sarat drückte die Finger zusammen, und der Moskito zerplatzte unter dem Druck, so dass nur noch ein schwarzer Fleck übrig blieb.

»Was machst du da?«, fragte Dana, die unbemerkt aus dem Haus gekommen war.

Sarat fuhr zusammen: »Nichts«.

Dana inspizierte die Finger ihrer Schwester. »Das ist ja eklig«, sagte sie schließlich und ging davon.

Sarat wischte sich die Finger am groben Jeansstoff ihrer Latzhose ab. Die Hose war ein Erbstück ihres Bruders, die Kupferknöpfe waren schon ganz schwarz. Sie hatte nur die Hose an, nichts darunter. Wenn es sehr warm war, nahm sie die Träger ab und band sie sich um die Taille wie einen Gürtel, doch der Knoten hielt höchstens fünf Minuten, dann löste er sich, und die Träger schleiften durch den Dreck.

Sie konnte gar nicht verstehen, warum ihre Schwester überhaupt keinen Sinn für die Erforschung all der winzigen Lebewesen rings um sie her hatte; Welten, deren Myriaden Geheimnisse nur darauf warteten, dass sie ihnen auf die Spur kamen: diese fliegenden Blutbällchen, die in der Schale kleben blieben; die Astlöcher-Augen der Bodenbretter, gefüllt mit Honig; Würmer, von ihrem Vater aufgelesen und auf Haken gespießt, um den Kindern ein Ritual aus den Zeiten zu erklären, als es im Fluss noch Fische gegeben hatte. Dana fand solche Sachen langweilig und abstoßend, aber für Sarat waren sie die Adern, in denen die Geheimnisse und der Zauber des Lebens flossen.


***

Martina Chestnut stand auf dem Gras zwischen ihrem Haus und dem Hirsefeld. Sie hängte Wäsche auf eine Leine, die vom Verandapfosten zu einem in die Erde gerammten Sonnenschirmstock gespannt war. Wie die Plane, die die Kollektoren auf dem Dach schützte, war auch der Sonnenschirm ein, zwei Jahre zuvor am Ufer angespült worden und hatte sogleich Verwendung gefunden.

Martina drapierte jedes Stück über die Leine und steckte es mit Klammern fest. Von den Hosenbeinen und Hemdschößen tropfte immer etwas herunter, und hier unter der Leine war das Gras immer ein wenig grüner als anderswo.

Es waren einfache, unauffällige Kleidungsstücke: weiß und beige in verschiedenen Schattierungen; viele waren schon so lange getragen, dass sie etwas gespenstisch Durchscheinendes hatten. In manchen Gegenden des MAG, die fest in Rebellenhand waren, gab es Familien, die ihre Jeanssachen rot färbten, um keinen Ärger zu bekommen. Aber an der verschlafenen Küste von Louisiana gab es solche Sorgen bisher nicht.

Tausend Meilen weit fort, an der Ostküste, konnte man neuere Kleider bekommen, Ladungen der Hilfsschiffe, die Monat für Monat aus fernen Reichen kamen. Billige Kleider, Polohemden, Trainingsanzüge und Baseballkappen, oft mit den Emblemen der Golden Bulls, von Al Ahly oder anderen beliebten Sportclubs. Aber die Sachen verschwanden noch in dem Augenblick, in dem sie in den Häfen von Georgia an Land kamen – auf dem Papier war es verboten, sie zu verkaufen oder in Gegenden außerhalb der drei sezessionistischen Staaten Mississippi, Alabama und Georgia zu bringen. Natürlich hielt sich keiner an diese Bestimmung, aber bis die Sachen im weit entfernten Louisiana, in Arkansas oder im Westen, im mexikanischen Protektorat angelangt waren, waren sie bereits durch die Hände unzähliger Mittelsmänner gegangen und für die meisten Einheimischen unbezahlbar.

Schon seit den ersten Bürgerkriegstagen überlebten die sezessionistischen Staaten nur dank der Hilfe fremder Großmächte. Früher waren fossile Brennstoffe noch etwas wert gewesen, genug, um die Häfen von Louisiana und die Raffinerien in Texas am Leben zu halten, wenn auch das Geld längst nicht mehr so in Strömen floss wie im Jahrhundert zuvor. Doch als der Rest der Welt lernte, von Sonne und Wind und der Spaltung von Atomen zu leben, wurde der alte Brennstoff zum Relikt aus früheren Zeiten und war so gut wie wertlos. Die Raffinerien wurden geschlossen, die Ölfelder aufgegeben, selbst noch als die Rebellenstaaten zum offenen Krieg gegen das Benzinverbot aufriefen. Jetzt, wo es in diesem Krieg für den Süden immer schlechter stand und es kaum noch Ressourcen gab, waren die Menschen mehr und mehr auf die großen Schiffe angewiesen, die jeden Monat von der anderen Seite der Erde kamen, vollgepackt mit Nahrungsmitteln, Kleidern und anderen Hilfsgütern.

Die Schiffe kamen von den Großmächten der neuen Zeit: aus China und dem Bouazizireich, wobei Letzteres noch wenige Jahrzehnte zuvor nichts weiter als eine Ansammlung darbender und darniederliegender Nationen im Nahen Osten und in Nordafrika gewesen war. Doch dann hatte die Fünfte Frühlingsrevolution die alten Regimes endgültig davongefegt. Jetzt gab es an Stelle der alten, korrupten Staaten ein geeintes Reich, das sich von der Straße von Gibraltar im Staate Marokko bis zu den Ufern des Schwarzen und des Kaspischen Meers erstreckte.


––––

Am Abend, als die Hitze nachließ, kam Eliza Polk zum Essen herüber. Sie wohnte eine Meile weiter nördlich am Ufer, jenseits des Hirsefelds, und war die nächste Nachbarin der Chestnuts. Im Sommer zuvor hatte sie ihren Mann und beide Söhne, fast noch Jungen, in einem der Gefechte in East Texas verloren. Fiebernd hatte sie monatelang getrauert und trug seither nie etwas anderes als schmucklose schwarze Kleider, und die Chestnut-Kinder nannten sie hinter ihrem Rücken Santa Muerte. Den Ausdruck hatten sie von ihrem Vater.

Sie war achtundvierzig, aber sie wirkte ein ganzes Jahrzehnt älter, was an ihrem krummen Gang und der brüchigen, zittrigen Stimme lag. In dem Jahr seit ihre Familie auf den Schlachtfeldern von East Texas ausgelöscht worden war, hatte sie ganz von der Witwenrente gelebt, die eine der Rebellengruppen ihr zahlte. Außerdem bekam sie zu dieser Pension noch weitere Unterstützung. Alle paar Wochen konnte man ein Boot der Mississippi Sovereigns den Fluss hinauffahren sehen. Angekommen, brachten zwei oder drei junge Männer, die nie lächelten, den Garten in Ordnung, putzten das Haus und versorgten die schmächtige Witwe mit mehr Lebensmitteln und Kleidern, als sie je essen oder tragen konnte. Eliza gab viel von ihren überschüssigen Vorräten den Chestnuts ab – ihr Teil einer stillschweigenden Vereinbarung, in der die Familie ihr im Gegenzug ein wenig Gesellschaft an den heißen, unendlich langen Tagen bot.

Bei der Ankunft nahm Eliza ihre Nachbarin fest in den Arm und fragte als Erstes, ob sie von ihrem Mann gehört habe. Nein, antwortete Martina, das habe sie nicht.

»Es geht ihm gut, Liebes, mach dir keine Sorgen«, versicherte Eliza ihr. »Gott der Herr wird ihn beschützen, das weiß ich in meinem Herzen.«

Eliza hatte einen Schokoladenkuchen mitgebracht. Sie stellte ihn aufs Geländer der Veranda. Sie ging zur Rückseite des Hauses und begrüßte Simon, der auf der amputierten Leiter stand und versuchte, sich hinauf aufs Dach zu hieven; seine Mutter um Hilfe zu bitten verbot der Stolz. Dann nahm sie Platz auf einem der Korbstühle, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief nach den Zwillingen. Dana, zu beschäftigt, Familie zu spielen, blieb drinnen, aber Sarat kam heraus.

»Ja hallo, Schatz, du siehst heute aber hübsch aus«, sagte Eliza, gab Sarat einen Kuss auf die Wange und versuchte, wie so oft, das Strubbelhaar glattzustreichen.

»Hallo Santa«, sagte Sarat. Auch diesmal ging ihre Besucherin davon aus, dass sie sich den Spitznamen damit verdient hatte, dass sie ihnen so viele Geschenke mitbrachte.

Als sie mit dem Wäscheaufhängen fertig war, kam Martina ebenfalls auf die Veranda und setzte sich zu ihrem Gast. Die beiden Frauen tranken süßen Tee und sahen in dem schwindenden Tageslicht den Kindern beim Spielen zu.

Am Flussufer hatte Simon ein einfaches Floß an einem Baumstumpf vertäut. Das Floß bestand aus einer Sperrholzplatte auf leeren Ölfässern, und in der Mitte stand ein kreuzförmiger Mast aus abgeschmirgelten Ästen mit einem Betttuch als Segel. Selbst bei bestem Wind tat das Segel keinerlei Wirkung, aber mit dickem Filzstift war ein krummer Totenkopf darauf gemalt, der die Belegschaft jedes vorbeifahrenden Bootes in Angst und Schrecken versetzte; so jedenfalls stellte Simon es sich vor.

Bei ruhigem Wasser durfte Simon auf diesem Floß allein bis zur Flussmitte fahren, wozu er kräftig mit einer Schaufel paddelte. Wenn allerdings die Mädchen dabei waren, musste er näher am Ufer bleiben. Und egal, was er machte, das Floß musste immer angebunden sein.

»Ich bin sicher, den Männern geht es gut, Martina«, sagte Eliza noch einmal. »Du weißt doch, wie solche Behörden sind. Wahrscheinlich müssen sie einen Tag oder zwei warten, bis aller Papierkram erledigt ist. Wahrscheinlich übernachten sie da, damit sie nicht noch ein zweites Mal den Fluss hinauffahren müssen. Ich wette, die haben einen Heidenspaß bei ihrem Ausflug.«

Martina schüttelte den Kopf. »Er wäre nach Hause gekommen. Selbst bei drei Stunden Wartezeit wäre er nach Hause gekommen.«

Eliza nippte an ihrem Tee, war mit ihren Gedanken in der Vergangenheit, da, wo ihr Verstand den größten Teil jedes Tages verbrachte. »Weißt du, als die Rebellen kamen und mir erzählten, was mit Henry und den Jungs geschehen war, da habe ich gesagt, sie sollen mich zusammen mit den dreien begraben. Begrabt mich im selben Grab, denn allein kann ich nicht weiter. Das Leben lohnt sich nicht mehr, allein.

Aber weißt du, als ich sie dann sah, wie sie da lagen, vor der Bestattung im Heldengrab an der mexikanischen Grenze zusammen mit all den anderen tapferen Männern, da sahen sie so ruhig aus, so rein wie nie zuvor im Leben. Und auch die Wunden waren gar nicht so, wie man das auf Bildern sieht, nicht blutverschmiert und alles – es waren einfach nur kleine Löcher. Man sah sie und dachte: Wie kann denn etwas so Kleines ein Menschenleben zerstören? Vorher hatte ich solche Angst, ich stellte mir vor, dass sie schrecklich aussehen müssten, zerschmettert. Aber so war es nicht, ganz und gar nicht. Sie lagen friedlich da. Sie sahen glücklich aus, Martina.«

»Hast du nicht gesagt, meinem Mann geht es gut?«, sagte Martina.

»Aber ja, Liebes, natürlich geht es ihm gut«, versicherte ihr Eliza. Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie mit sanfter Stimme fort: »Ich will ja nur sagen, wenn ihm – was Gott verhüten möge – wenn ihm doch etwas zugestoßen ist, wenn die Blauen ihm etwas angetan haben, dann ist daran keine Schande. Wir würden ihn als stolzen Patrioten des Südens im Gedächtnis behalten, nicht anders als meine Jungs.«

Martina schleuderte den Rest ihres süßen Tees auf die Erde. »Wir sind keine Patrioten des Südens. Wir sind überhaupt keine Patrioten. Wir versuchen … wir wollen sehen, dass wir hier rauskommen. Wir gehen in den Norden. Wir sind keine Patrioten, und bei uns gibt es auch keine Helden.«

Eliza legte Martina die Hand auf die Schulter. »Ja doch, natürlich, und es ist ja auch keine Schande fortzugehen. Ich weiß, du willst das Beste für deine Kinder, und da oben ist es sicherer, das steht fest; bei denen muss keiner das durchmachen, was wir hier erleben. Aber ihr gehört da nicht hin. Nichts Schlimmes daran, wenn man seinen Kindern ein Leben in Sicherheit bieten will – und vielleicht können sie ja, wenn sie alt genug sind, eigene Entscheidungen fällen, in ihr Vaterland zurückkehren – aber ihr gehört da nicht hin. Der Süden steckt euch in den Knochen, ihr habt den Süden im Blut. Daran wird sich nie etwas ändern.«

»Wir sind eine Familie«, sagte Martina, ihr Blick auf die Biegung im Norden geheftet, bis zu der sich der Flusslauf verfolgen ließ. »Wir gehören zusammen. Sonst gehören wir nirgendwohin.«

Von jenseits der Biegung kam ein Geräusch, etwas näherte sich. Nicht der gurgelnde Klang von Smith’ Boot mit dem Außenborder, sondern etwas, das gleichmäßig das Wasser durchpflügte, etwas Größeres. Anfangs dachte Martina, es sei eins der Schmugglerschiffe der Rebellen, schon früher am Abend als sonst üblich unterwegs. Sie rief die Kinder vom Wasser weg, und sie kamen die glitschige Uferböschung heraufgeklettert, die Füße voller Schlamm. Aber als das Boot um die Biegung kam, waren die klar umrissenen Kegel von Suchscheinwerfern aufs Wasser gerichtet; Rebellenschiffe, das wusste Martina, fuhren ohne Licht.

Es war eine Flusspatrouille, eine zwanzig Fuß lange Barkasse vom Polizeiposten in Baton Rouge. Zumindest theoretisch sollte sie helfen, die Rebellen am Waffenschmuggel über den Fluss, an ihren Fahrten zu den Ölfeldern in Texas und dem mexikanischen Protektorat zu hindern. Das Boot bewegte sich langsam, vorsichtig, mit schimmernden Solarzellenträgern, die zu beiden Seiten ausgestreckt waren wie Schmetterlingsflügel. Diese Flügel sollten den Antrieb des Bootes mit Strom versorgen, und nur in Notfällen sollte der zusätzliche Dieselmotor gestartet werden. Aber in der Praxis hatten die Beamten sehr schnell von den Sonnenzellen und ihren kraftlosen Batterien die Nase voll, und sobald sie auf dem Wasser waren, fuhren sie fast immer mit genau dem Treibstoff, dessen Verbot sie durchsetzen sollten.

Martina wusste, was für Männer auf solchen Booten arbeiteten. Sie kamen allesamt aus dem Süden, angestellt beim Amt für Gewässerschutz oder beim Katastrophenschutz oder einem Dutzend anderer solcher Behörden, die nur pro forma Einrichtungen des Staates Louisiana waren – in Wirklichkeit dienten sie ausschließlich den Kriegszielen des Nordens. Die Leute nannten diese Beamten die blauen Bullen, und nach den Begriffen der Rebellen war mit denen eine Rechnung zu begleichen. Jeden Monat verschwanden entlang der Grenze nach Mississippi ein oder zwei solche Bullen. Den Leichnam fand man dann meist ein paar Tage später am krummen Ast eines Trompetenbaums hängen, und das Futter aus den Hosentaschen war ihm in den Mund gestopft. So machte man das mit denen, die als Verräter galten – nicht nur im Sezessionistenland, sondern auch in den Nachbarstaaten, wo die Bevölkerung mit den Rebellen sympathisierte, auch wenn die Regierung sich auf die Seite des Nordens geschlagen hatte.

»Es ist Benjamin«, sagte Martina, verfolgte, wie das Boot seinen Kurs änderte, auf den Anleger der Chestnuts zukam. »Ihm ist etwas zugestoßen. Die Blauen kommen nicht so spät am Abend hier heraus, wenn sie nicht müssen.«

»Jetzt beruhige dich«, sagte Eliza, »rede dir so was nicht ein. Wahrscheinlich ist gar nichts passiert.« Aber Martina war schon aufgesprungen und lief zum Ufer. Sie kreuzte den Weg der zum Haus zurückgerufenen Kinder. Sie gingen weiter, den Blick über die Schulter auf das Boot geheftet.



»Geht nach drinnen«, sagte Martina. Die Mädchen folgten dem Kommando, Simon nicht.

»Die wollen irgendwas wegen Dad, stimmt’s? Ich bin kein Baby mehr, ich bin alt genug, um das zu hören.«

Ohne ein Wort machte Martina kehrt und gab ihrem Sohn eine Ohrfeige. Der Junge stand sprachlos da, mit schmerzender Backe, rot im Gesicht. Die Fälle, in denen sich die Härte und die Strenge im Wesen der Mutter zeigten, waren selten genug, dass er zu seinem Schaden immer wieder vergaß, dass es solche Fälle überhaupt gab.

»Geh nach drinnen«, sagte Martina noch einmal zu ihrem Sohn, in dessen Augen vor Schreck und Wut nun die ersten Tränen standen. Seine Züge wurden trotzig und hart, doch diesmal gehorchte er.

Das Boot legte am Lehmufer an, und zwei Männer in graubraunen Uniformen kamen an Land. Die Uniformen erinnerten an die eines Sheriffs, und an der Brust prangten klobige, irgendwie unecht aussehende Dienstmarken.

Der eine Mann war groß und massig. Sein Haar war so kurz geschoren, dass die rosa Kopfhaut durchschimmerte, und auch ohne hinzusehen wusste Martina, dass er Speckröllchen im Nacken hatte. Der andere war kleiner und schmächtiger und schien ungefähr zehn Jahre älter als sein Kollege, der höchstens einundzwanzig sein konnte. Der Schmächtige hatte einen dünnen Aktendeckel in der Hand, den er im Licht einer Taschenlampe mehrfach konsultierte.

»Sind Sie Martina Chestnut?«, fragte er schließlich.

»Was ist mit ihm passiert?«, fragte Martina zurück.

»Ehefrau von Benjamin Chestnut?«

»Sagen Sie mir, was mit ihm geschehen ist.«

Der Beamte sprach mit lebloser, monotoner Stimme und blickte nicht ein einziges Mal von seiner Akte auf. »Miss Chestnut, um ein Uhr siebzehn am Nachmittag des 1. April 2075 zündete im Foyer des Gebäudes der Bundesverwaltung in Baton Rouge ein Attentäter der Aufständischen eine Bombe …«

Was der Beamte sonst noch sagte, ging an Martina vorbei, sie hörte nichts mehr. Ihr Blick verengte sich, ihr wurde schwarz vor Augen, so dass die Umrisse des Mannes mit dem Dunkel des Flusses hinter ihm verschmolzen. Sie spürte einen Schmerz in der Magengrube, eine Übelkeit, aber sie achtete nicht darauf. Eliza hatte ihr wieder die Hand auf die Schulter gelegt, und das vertrieb die Dumpfheit lang genug, um den Mann in seinem Vortrag zu unterbrechen.

»Bringen Sie mich zu ihm«, sagte sie. »Ich will meinen Mann sehen.«

»Ma’am …« hob der Beamte an.

»Ich habe ein Recht darauf, den Leichnam meines Mannes zu sehen. Das ist mein Recht. Fahren Sie mich zu ihm, und dann bringen Sie uns beide nach Hause. Ich will nicht, dass er irgendwo in einem Leichenschauhaus ist, er soll bei sich zu Hause sein.«

»Ma’am, ich fürchte, solange die Ermittlungen der Leute vom Katastrophenschutz nicht abgeschlossen sind …«

»Verdammte Feiglinge!«, schnauzte Martina die beiden an. »Nicht einen einzigen echten Mann gibt es bei eurer Bande. Ihr macht wirklich alles, was man euch befiehlt, oder? Dressierte Hunde, das seid ihr. Ich hoffe, eure Familie ist als Nächstes dran, das hoffe ich. Eure Familie als Nächstes.«

»Sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind, können Sie die sterblichen Überreste einfordern.«

»Verlassen Sie mein Grundstück«, sagte Martina. Sie bückte sich, nahm eine Handvoll Schlamm und bewarf die Beamten damit. Der Schlamm landete in nassen Spritzern auf ihren Uniformen und Stiefeln. Sie bückte sich noch einmal, und diesmal traf der Schlamm den Hemdrücken der beiden, denn sie waren bereits auf dem Rückzug zu ihrem Boot.

Als er das Seil vom Poller losmachte, drehte sich der Jüngere der beiden noch einmal kurz zu Martina um. »Mein Beileid«, sagte er.

Martina blickte dem Boot auf seiner Fahrt flussaufwärts nach, bis es nicht mehr zu sehen war. Die Umrisse blitzten noch kurz auf, als es das in den Wellen tanzende Spiegelbild des Mondes passierte, dann war es hinter der Biegung verschwunden.

Sie hörte, wie Eliza sagte: »Er ist zu seinem Schöpfer gegangen. Als Held für das Vaterland gestorben, genau wie mein Henry.«

»Geh zu den Kindern«, sagte Martina. »Bring sie zu Bett. Ich komme gleich nach.«

»Liebes, ich lasse dich jetzt nicht allein.«

»Geh nach drinnen, ich komme gleich nach.«

Sie schickte Eliza ins Haus und stand eine ganze Weile allein an der schlammigen Uferböschung.

Sie betrachtete das schwarze Wasser, endlos und endlos in Bewegung. Sie ging Richtung Norden, die Erde kühl und feucht unter ihren Füßen. Bald war sie im Hirsefeld, zwischen den braunen Dolden an ihren Stengeln, die Körner hart wie Schrotkugeln. Als sie weit genug gegangen war, dass sie sicher sein konnte, dass die Kinder sie nicht hörten, ließ sie sich auf die Knie fallen und schrie.



Auszug aus:


Der Ruf unseres Blutes:


Botschaften aus dem Süden der Rebellen

Am frühen Morgen war es am schlimmsten. Sie lag reglos im Bett, ihr Verstand in Flammen, der Körper gelähmt, sie konnte den Gedanken an den neuen Tag nicht ertragen. Sie hielt die Schmetterlingsbrosche ihrer Mutter fest umklammert, die alten Smaragdsteine glattgeschliffen von ihren Fingern. Die Pfleger hatten sie ihr gelassen, nur die Nadel auf der Rückseite abgezwickt.

Das war in der Zeit vorher – bevor Julia Templestowe die erste Märtyrerin des rebellischen Südens wurde, die erste Attentäterin, die Schutzheilige ihres Krieges. Das vergisst man oft: Es gibt immer eine Zeit davor.

Als die Rebellen sie rekrutierten, waren ihre Handgelenke noch bandagiert. Sie fanden sie in einer Bar in der Farish Street gegenüber dem aufgegebenen Alamo-Theater; bei dem blauen, aufrecht stehenden Neonschild leuchteten der erste und der letzte Buchstabe nicht mehr. Sie trug das graue, ausgemusterte Kleid einer Fremden, das Geschenk einer Pflegerin. Nun war sie wieder betrunken und allein, mit der schrecklichen Krankheit in ihrem Kopf.

Sie wussten, wo die zu finden waren, die am ehesten bereit waren. Sie hatten Leute, die in Krankenhäusern Ausschau nach verhinderten Selbstmördern hielten, in den Schulen nach den Ausgestoßenen, in den Kirchen nach den fanatischen Gläubigen, fiebernd besessen von ihrem Gott.

Aus diesen schmiedeten sie Waffen.

An dem Tag, an dem der Präsident nach Jackson kommen sollte, fuhren sie Julia zu einem verlassenen Farmhaus zehn Meilen südlich der Stadt, und dort staffierten sie sie aus für ihren Tod. Sie verkleideten sie als schwangere Frau. In den Hohlraum ihres falschen Bauches packten sie eine dicke Paste aus Düngemittel und Dieselöl, und die Saat darin waren Eisennägel. Sie nannten das Bauernmontur. Ein Draht verlief aufwärts über ihre Brust und entlang des linken Arms wieder nach unten, unter dem Blusenärmel verborgen, und am Ende des Drahtes war an ihrem Handgelenk mit Klebeband der Zünder angebracht.

Du wirst den Menschen bis in alle Ewigkeit im Gedächtnis bleiben, versicherten sie ihr. Wenn das hier vorbei ist, werden Städte deinen Namen tragen.



3. Kapitel

Sarat saß zusammengekauert auf der Veranda, wartete auf die Rückkehr ihrer Mutter. Sie war zum Haus von Eliza Polk gegangen, wegen eines Manns, der dorthin kommen sollte.

Ein Stück weiter versuchte Simon wieder einmal, aufs Dach zu klettern. Während der letzten drei Tage hatte er ein Dutzend Mal versucht, sich über die Kante zu hieven. Er wusste, dass die Leistung der Solarzellen nachließ, wenn die Platten nicht jeden zweiten Tag abgewischt wurden, und dass das Wasser aus dem Tank ohne regelmäßigen Chlorzusatz immer ein wenig nach Eiern roch. Dass er nicht in der Lage war, diesen Aufgaben nachzukommen, quälte ihn von Tag zu Tag mehr.

Wieder setzte er die Leiter seitlich an dem Container an. Der Boden war hier vom Wasser der Außendusche aufgeweicht, und die Beine der Leiter versanken ein wenig im Schlamm.

Simon bestand darauf, dass die Zwillinge die Leiter auf beiden Seiten hielten, damit sie nicht schwankte. Er stand auf der obersten Sprosse und wollte sich mit einem Sprung aufs Dach schwingen.

»Okay«, sagte er und wischte sich den Mittagsschweiß von den Händen. »Fertig?«

»Fertig«, versicherten Sarat und Dana im Chor.

Simon packte mit beiden Händen die Kante des Containers. Auf Zehenspitzen spähte er darüber.

»Haltet gut fest!«, rief er seinen Schwestern zu.

»Machen wir«, antwortete Sarat.

»Nein, ihr müsst sie so halten, dass sie nicht wackelt.«

»Tun wir doch!«

Simon nahm seinen Mut zusammen. Er dachte daran, mit welcher Leichtigkeit sein Vater solche Arbeiten tat – wie er, selbst wenn er spätabends aus der Näherei nach Hause kam, die Finger rot und wund von der Arbeit, sich immer noch glücklich um alles kümmerte, was am Haus zu tun war: ein Loch im Regentank flicken, die Fensterläden nach einem plötzlichen Unwetter reparieren, mit der alten Handmühle Hirsekörner mahlen. Er hatte es genau im Ohr, wie die Mahlkegel unter der Kurbel knirschten und das Korn zu Staub zerrieben – das war das Geräusch der Arbeit.

Simon stellte sich ganz fest auf die oberste Sprosse. »Eins, zwei, drei!«, rief er und sprang so hoch er konnte. Die Hände immer noch auf die Ecke des Containers gedrückt, stieß er sich ab und kam mit der Brust bis auf Dachkantenhöhe. Einen Moment lang hing er schwerelos in der Luft. Er versuchte sich über die Kante zu schwingen, doch wie eine ungleich beladene Wippe kippte er ein wenig nach vorn und dann wieder nach hinten. Er landete mit dem Rücken zuerst mit einem dumpfen Schlag auf der weichen Erde.

Die Zwillinge stießen einen Schrei aus und sprangen von der Leiter zurück. Sarat sah ihren Bruder auf dem Boden liegen, benommen von der Heftigkeit des Schlages, von dem sogar der Schlamm aufgespritzt war. Dana schrie, weil die Schlammspritzer auf ihrem Kleid landeten.

Bald eine Minute lang lag Simon reglos am Boden und rang nach Luft. Schließlich stand er aber doch mit einem Stöhnen wieder auf.

»Ja, schon gut«, sagte er zu seinen Schwestern. »Ihr habt eben nicht richtig gehalten.«

»Lieber Himmel, warte doch einfach, bis Daddy wieder da ist und der es macht«, sagte Dana. »Und du bist ganz voll Dreck.« Sie stürmte ins Haus, um sich umzuziehen, Simon folgte ihr.

Sarat blieb draußen, betrachtete die Stelle, an der Simon aufgeschlagen war. Sie kniete sich hin und hob mit den Händen einen kleinen Graben aus, von der Wand des Duschhäuschens bis zu der Kuhle, die von Simons Sturz im Erdboden zurückgeblieben war. Dann drehte sie den Hahn auf und ließ das Duschwasser fließen. In kleinen Bächlein suchte es sich einen Weg zum Graben. Von da rann es weiter, schon fast ein Fluss, und füllte Simons Krater, ein neugeborener See mit den Umrissen eines Jungen.

»Dreh das ab!«, tadelte Simon sie, der in sauberen Kleidern wieder aus dem Haus kam. »Du verschwendest Wasser.«


***

Es wurde dunkel. Die Kinder aßen allein zu Abend, denn ihre Mutter war noch immer beim Haus der Polks auf der anderen Seite des Feldes. Sie aßen Sandwiches aus trockenem Brot und Schweinefleisch aus der Dose. Die Dose war in einer Sprache beschriftet, die sie nicht kannten – von einem der Hilfsschiffe, ein Geschenk von Santa Muerte. In den letzten Tagen war ihre Nachbarin häufiger da gewesen als sonst und hatte ihnen auch mehr mitgebracht: besseres Essen, schönere Kleider.

Das Dosenfleisch fühlte sich im Mund an wie nasse Radiergummis, elastisch zwischen den Zähnen. Als sie es aufgegessen hatten, aßen sie auch noch den Rest von Elizas Schokoladenkuchen, die Sahnekringel schrundig und hart geworden nach zwei Tagen im Kühlschrank.

Sarat beobachtete den Fluss. Schon den ganzen Tag lang waren mehr Boote als sonst vom Ostufer herübergekommen, und jetzt, da es dunkel war, nahm der Verkehr sogar noch zu. Sie hörte das dumpfe Dröhnen von Benzinmotoren etwa eine Meile flussaufwärts. Bisweilen konnte sie sogar Männer in der Ferne Kommandos rufen hören.

»Ist das Daddy?«, fragte Dana.

»Nein«, antwortete Simon, »das sind die Rebellen.«

»Wer sind die Rebellen?«

»Kämpfer.« Simon warf seiner Schwester einen Blick zu, wollte sehen, ob sie das Wort verstand. »Die sind auf unserer Seite im Krieg gegen den Norden.«

»Mama sagt, Daddy ist im Norden«, sagte Dana. »Sie sagt, da sehen wir ihn wieder.«

»Mama lügt«, brummte Simon.

Dana sah ihre Zwillingsschwester an, ungläubig. »Er hat gesagt, Mama lügt.« Dann sah sie wieder ihn an. »Das sage ich ihr.«

»Glaubst du, Dad wäre einfach ohne uns in den Norden gegangen?«, fragte Simon. »Er hat doch überhaupt nichts mitgenommen, nur ein paar Papiere. Da ist irgendwas Schlimmes passiert, und Mama will es uns nicht sagen.«

Dana schüttelte den Kopf. »Mama sagt, Daddy ist im Norden«, beharrte sie. »Du weißt ja gar nicht, wovon du redest.«


***

Die Boote, die die Kinder gehört hatten, waren Rebellenschiffe, die Männer und Material zur Westfront bei den Ölfeldern brachten. Sie legten nicht weit vom Haus von Eliza Polk an, wo sie ein provisorisches Lager aufschlugen und wohin Martina Chestnut auf Vorschlag ihrer Nachbarin gegangen war, um mit dem Feldkommandeur der Rebellen über eine Zuflucht zu reden.

Das Haus der Polks bestand aus vier Mobile Homes, zum Quadrat aufgestellt. Es waren vorfabrizierte Einheiten mit Wänden aus Kunststoff und einem schrägen Blechdach.

Die Ankunft der Rebellen hatte Eliza Polks sonst so stilles Anwesen mit hektischem Leben erfüllt. Als Martina aus dem Hirsefeld kam, fand sie Dutzende von Männern, die meisten davon noch keine zwanzig, rund ums Haus beschäftigt. Von Hand zu Hand reichten sie Holzkisten und Jutesäcke, luden sie von den unbeleuchteten Booten in den Wohnwagen. Die Rebellen hatten kleine tragbare Funkgeräte, durch die Anweisungen für die Ankunft weiterer Schiffsladungen knatterten. Am Ufer gab ein Junge mit einem Scheinwerfer den Schiffen draußen auf der finsteren Wasserfläche Signale.

Sie trugen zerlumpfte Uniformen, alle unterschiedlich in Schnitt und Farbe, einfach alles, was zur Hand gewesen war, schwarze Jeans, Arbeitswesten, Tarnzeug für die Entenjagd, ausgemusterte Sachen fremder Armeen, auf Bitten der Rebellenführer an Bord der Hilfsschiffe geschmuggelt. Auch die Waffen waren Schmuggelgut, wenn sie nicht vom Dachboden oder aus dem Keller von Eltern und Großeltern stammten – viele dieser Waffen waren älter als die Jungs, die sie trugen. Sie hatten einer wie der andere weder Ausbildung noch Ausrüstung, und vor ihnen im Westen lag der sichere Tod in Gestalt einer weit überlegenen Armee. Doch hinter ihnen, in den heruntergekommenen Städten, aus denen sie stammten, lag nichts als eine andere, langsamere Art von Tod – Tod in Gestalt von Armut und Langeweile und Verfall.

Martina blieb am Feldrand stehen, beobachtete sie. Im Inneren des Gevierts hatten sie einen improvisierten Kommandotisch aufgeschlagen. Auf diesem Tisch lag eine große Landkarte der Grenzregion zwischen Louisiana und Texas mit Höhenlinien. Einige der älteren Männer waren um den Tisch versammelt und markierten die Karte mit Nadeln und Klebepunkten. Manchmal blickte einer von ihnen auf und richtete ein Wort an einen der jüngeren Kämpfer, die Kisten schleppten und Zelte aufbauten. Ein Junge, der nicht älter als siebzehn sein konnte, kletterte auf den Wohnwagen, der zum Fluss hin zeigte, und wollte auf dem Dach die Klapperschlangenfahne der Vereinten Rebellen hissen, doch ein älterer, mehr auf Unauffälligkeit bedachter Vorgesetzter befahl ihm, wieder herunterzukommen.

Martina blickte sich weiter um und sah vorn am Eingang zum Wohnwagen Eliza stehen. Sie wartete an der Treppe, während einige Rebellen ihre Koffer aus dem Haus zu einem in der Nähe festgemachten Boot brachten.

Eliza bemerkte Martina und rief sie zu sich herüber. Als sie näher kam, spürte Martina die Blicke der Jungen, kalt und misstrauisch. Aber sie sagten nichts.

Eliza umarmte ihre Nachbarin. »Ach Liebes, Liebes«, sagte sie. »Das ist alles so schnell gegangen.«

»Du hattest doch gesagt, nur der Kommandeur kommt.«

Eliza schüttelte den Kopf. »Die Blauen rücken nach Osten vor, von den Ölfeldern in Texas«, erklärte sie. »Unsere Jungs wollen sich ihnen entgegenstellen. Sie sagen, wenn sie schnell genug sind, können sie verhindern, dass sie noch weiter nach Louisiana vordringen.«

Martina musterte die Männer und überlegte, welcher wohl am ehesten wie ein Befehlshaber aussah. »Ist er hier?«, fragte sie.

»Ja, Liebes, aber er hat zu tun. Der redet mit niemandem, nur mit seinen Männern.«

»Zeig mir, wo er ist.«

Widerstrebend führte Eliza sie zu einem Mann an dem Gartentisch. Er war groß und mager, vielleicht fünf oder sechs Jahre jünger als Martina. Er trug einen akkurat getrimmten Bart, der bis zum Brustbein immer spitzer zulief, wie eine Pfeilspitze. Er war ganz in Schwarz gekleidet, von den Stiefeln bis zur Feldmütze. Viele der Kämpfer umkreisten ihn in Ellipsenbahnen wie Planeten, eilten hierhin und dorthin in dem improvisierten Lager, um seine Befehle auszuführen, und kehrten dann zurück, um neue entgegenzunehmen. Er sprach leise, und Martina verstand nichts von seinen Worten, bis sie tatsächlich vor ihm an dem Kartentisch stand.

Der Kommandeur blickte auf, sagte aber nichts. Er sah Eliza an.

»Das ist die Nachbarin, von der ich Ihnen erzählt habe«, erklärte Eliza. »Die, deren Mann für unsere Sache gestorben ist.«

»Er ist nicht für unsere Sache gestorben«, sagte der Kommandeur. »Er ist umgekommen.«

Danach schwieg er wieder. Die Männer ringsum betrachteten Martina, schien ihr, mit Feindseligkeit, doch in seinen Augen stand nichts als Ruhe.

»Soviel ich weiß, betreiben Sie ein Haus bei Vicksburg, für die Witwen gefallener Kämpfer«, sagte Martina. »Ein Ort, an dem Frauen und Kinder in Sicherheit sind.«

Der Kommandeur antwortete nicht.

»Ich habe zwei kleine Mädchen und einen Sohn, alle drei fast noch Babys«, fuhr Martina fort. »Ihr Vater ist tot, und ich weiß nicht, wovon ich leben soll.« Sie sah Eliza an. »Ms Polk hier ist unsere einzige Nachbarin, und mit ihrer Großzügigkeit hat sie uns vor dem Verhungern bewahrt, aber jetzt geht sie fort. Alles, was ich will, ist, dass Sie mir gestatten, mit ihr nach Vicksburg zu gehen, wo meinen Kindern kein Leid geschehen kann. Um mehr bitte ich Sie nicht.«

»Das geht nicht«, erwiderte der Kommandeur.

»Warum nicht? In einer Stunde können wir reisefertig sein. Oder wir kommen so mit, nur mit den Kleidern, die wir am Leibe tragen.«

»Das Heim ist für die Angehörigen derer, die für unsere Sache gestorben sind«, sagte der Kommandeur. »Das trifft auf Sie nicht zu. Es sei denn, Sie haben noch einen Mann in der Familie, der im Kampf gefallen ist.«

Er wandte sich wieder seinen Karten zu, und bald nahmen die Kämpfer um ihn herum ihren Orbit wieder auf.

»Komm, Liebes«, sagte Eliza und nahm Martina beim Arm. »Wir lassen sie erst einmal in Ruhe. Wir finden schon noch etwas, da bin ich mir ganz sicher.«

Martina schob die Hand ihrer Nachbarin fort.

»Ihre Leute haben meinen Mann umgebracht«, sagte sie zu dem Feldkommandeur. »Ihre Leute haben einen aus ihren eigenen Reihen umgebracht, da haben sie eine Verantwortung seiner Familie gegenüber, Sie müssen etwas für sie tun.«

Der Kommandeur kam um den Tisch herum und baute sich direkt vor Martina auf. So aus der Nähe konnte sie sehen, dass er wunderschöne grüne Augen hatte. Ungerührt, aber schön.

»Nordstaatler und Verräter, die werden von meinen Leuten umgebracht. Welches von beiden trifft auf Ihren Mann zu?«

Eliza zupfte den Kommandeur am Ärmel, bat ihn, mit in den Wohnwagen zu kommen und mit ihr allein zu sprechen. Die beiden verschwanden im Haus, und Martina blieb zwischen den Kämpfern allein zurück, von denen viele in ihrer Arbeit innegehalten und die Szene verfolgt hatten.

»Na, Sie haben Mut, so mit dem zu reden«, meinte einer von ihnen. »Ich hab’s schon erlebt, dass er Leute für weniger erschossen hat.«

»Ist mir egal, was Sie erlebt haben«, sagte Martina.

Nach einer Weile kehrten Eliza und der Kommandeur wieder aus dem Wohnwagen zurück. Der Mann kam auf Martina zu.

»Morgen früh, im Morgengrauen, kommt ein Bus über die Straße am Ostufer. Er fährt nach Mississippi, hoch zum Lager Camp Patience. Weil die Dame hier sich für Sie eingesetzt hat, und in Anbetracht der Opfer, die ihre Männer für unsere Sache gebracht haben, gebe ich Bescheid, dass man Sie und Ihre Kinder mitnimmt, sofern Sie sich morgen an der bezeichneten Stelle einfinden.«

»Ich soll meine Kinder in ein Flüchtlingslager bringen?«

»Das müssen Sie selbst entscheiden.«

Der Kommandeur kehrte an den Tisch zu seinen Landkarten zurück. »Und jetzt gehen Sie. Mehr können wir hier nicht für Sie tun.«

Martina blickte in die Runde der umstehenden Soldaten.

»Ist denn keiner von euch Manns genug, ein Wort zu sagen? Hat keiner von euch eine Mutter, hat keiner von euch Kinder?«

Die Männer sahen sie weiterhin nur an, einige feindselig, andere lachten leise. Keiner sagte etwas.

Martina ließ sie stehen und stapfte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Am Rand des Hirsefelds holte Eliza sie ein.

»Ach Liebes, es tut mir leid«, sagte sie. »Mehr habe ich nicht ausrichten können.«

»In den Norden gehören wir also nicht, weil wir aus dem Süden kommen, und in den Süden gehören wir nicht, weil wir in den Norden wollten«, sagte Martina. »Dann sag mir, wohin wir gehören. Sag mir, was wir sind.«

Eliza gab ihr noch einen Zettel. Er nannte Zeit und Ort, an denen sie am Morgen auf den Bus warten sollten. »So schlecht ist es im Lager gar nicht, Martina. Da gibt es gutes Essen – direkt von den Hilfsschiffen, und kostenlos. Es gibt Spielplätze für die Kinder. Ihr seid in Sicherheit.«

»Für die sind wir Vieh.«

Eliza wies nach Westen. »Tu es für deine Kinder, Liebes. Es heißt, die Front ist so nah wie nie zuvor und rückt mit jedem Tag näher, weiter nach Osten. Die Verräter in der Louisiana-Garde, die mit den Blauen gemeinsame Sache machen, lassen sie einmarschieren bis hierher auf unser Land. Es ist ihnen egal, wer dabei umgebracht wird. In Patience bist du unter deinesgleichen. Deine Kinder werden in Sicherheit sein, Martina. Darauf kommt es doch an.«

Martina blickte in die kleinen, reglosen Augen ihrer Nachbarin. »Ich bleibe bei mir zu Hause«, sagte sie. »Ich fordere den Leichnam meines Mannes und werde ihn auf seinem eigenen Land begraben, und ich bleibe in meinem Haus. Wenn der Krieg bei mir anklopft, dann soll er es tun. Ich habe genug von den Gefallen, die kleine Jungs mit Gewehren mir tun.«

»Ich habe getan, was ich konnte«, sagte Eliza. »Du hättest das nicht sagen sollen. Dass sie einen von ihren eigenen Leuten umgebracht hätten. Bei so was sind sie sehr empfindlich.«


***

Bei ihrer Rückkehr fand Martina Sarat am Flussufer bis zum Hals im Schlamm eingegraben. Das Mädchen quietschte vor Vergnügen, jedes Mal wenn ihr Bruder eine weitere Handvoll braunen Schlick auf sie patschte. Dana saß auf einem Baumstumpf und sah mit leicht missbilligender Miene zu.

Als er seine Mutter sah, sprang Simon sofort auf. »Sie wollte das!«, rief er.

»Buddle sie aus und wascht euch«, sagte Martina. »Und dann ab ins Bett.«

»Mama, Simon hat gesagt, du lügst«, petzte Dana.

»Habe ich nicht!«, verteidigte Simon sich. Er warf eine Handvoll Schlamm in Danas Richtung.

»Ich sage euch das nicht noch einmal«, drohte Martina.

Die Kinder kamen die Böschung heraufgestapft. Sarat hüpfte voran, glänzend vom Schlamm, der brackige Geruch der Erde klebte an ihrer Haut. Sie zog sich im Laufen aus, ließ die Latzhose in der Dreckspur liegen und ging unter die Dusche. Unter den drei Kindern hatte sie die dunkelste Haut; Dana und Simon hatten das Braun ihres Vaters geerbt, Sarat das Schwarz ihrer Mutter.

Martina brachte frische Kleider für ihre Tochter und legte sie auf einen umgedrehten Wassereimer am Duschhäuschen. Bald waren sämtliche Kinder geduscht und umgezogen. Eins nach dem anderen gaben sie ihrer Mutter einen Kuss und verschwanden im Haus.

Martina saß allein auf dem Korbstuhl. Sie aß die Brotkrusten, die die Kinder liegengelassen hatten, und die letzten schmierigen Reste des Dosenfleisches. Immer noch hungrig, ging sie leise ins Haus und holte aus dem Kühlschrank ein Päckchen Gel mit Aprikosengeschmack. Die orangerote Masse fühlte sich glibberig an. Es war eine einfache silberne Tüte, die zum Rationspäcken für einen Soldaten gehört hatte. Im Süden fanden solche Päckchen, verkauft oder ausgemustert oder verschenkt, stets den Weg auf den grauen Markt; sie wurden geöffnet und die Bestandteile einzeln verkauft. Es waren begehrte Nahrungsmittel, nicht des Geschmacks wegen, sondern weil sie so praktisch waren und viel Energie lieferten.

Martina kehrte nicht zu dem Stuhl zurück, sondern ging weiter – nicht ostwärts zum Fluss oder nach Norden zum Hirsefeld, sondern Richtung Westen, hinter dem Haus vorbei und auf kaum noch begangenen Pfaden durch verdorrtes Gestrüpp zu dem, was von der Stadt noch stand.

Im Frühwinter, wenn das Wetter kühler wurde und die Nachfrage nach Arbeit stieg, war dies der Weg, den ihr Mann zur Fabrik in Donaldsonville ging. Es gab einen Shuttlebus, der nicht weit vom Grundstück der Chestnuts hielt, aber meistens ging er lieber zu Fuß. Er folgte dem Pfad durch das Unkraut, der schließlich auf eine Landstraße mündete. Nach zwei Meilen kreuzte die Straße eine stillgelegte Bahnstrecke, zwischen deren Schwellen dicke Grasbüschel sprossen.

Diesen Weg zu den Bahngleisen ging Martina nun. Sie bewegte sich vorsichtig, wusste, dass es hier Risse und Furchen gab, in denen man sich leicht den Knöchel verstauchen konnte. Wo sie noch standen und wo ihre autonomen Solarzellen noch funktionierten, warfen ein paar Straßenlampen ihre weißen Kegel. Ansonsten war die Straße dunkel.

Gerade östlich der Stelle, an der Straße und Eisenbahn sich kreuzten, stand die Ruine eines kleinen Farmhauses, das einmal Freunden von Martinas Eltern gehört hatte. Bei dem Haus war ein Baumwollfeld, das schon lange niemand mehr bewirtschaftete.

Martina ging die unbefestigte Auffahrt hinauf. Vor ihr stand das einfache Holzhaus verlassen da, halb eingefallen. Die lange Reihe der Stürme, die über das Mississippimeer fegten, hatte die Wände nach und nach aus ihren Verankerungen gedrückt, aber doch nicht so sehr, dass das Haus eingestürzt war. Stattdessen stand es nun sichtlich nach Westen geneigt, eine schiefe Raute.

Ab und zu, wenn sie für sich allein sein musste, kam Martina hierher. Außer vielleicht einmal einer Bierflasche oder einer leeren Zigarettenschachtel, von einem Landstreicher dort zurückgelassen, fand sie bei diesem Haus niemals Anzeichen von Leben. Am Westrand des Anwesens stand ein großer Pekannussbaum. Die Reifenschaukel, die die Familie vor Ewigkeiten an dessen dicksten Ast gehängt hatte, war immer noch da. Schon seit Kindertagen war diese Farm für Martina ein Ort der Zuflucht. Jenseits des Baums war flaches Land, nichts störte den Blick, der über den gesamten Westen von Louisiana bis hinüber nach Texas zu reichen schien.

Aber jetzt im Dunkeln war nichts zu sehen, außer dem gleichförmig schwarzen Himmel. Nur die Vögel flogen dort oben – lautloses Kriegsgerät, gebaut zum Ausspähen und Töten aus großer Entfernung; früher waren ihre Bewegungen und Aktionen von Männern an fernen Orten gesteuert worden, die nichts weiter an schlechtem Gewissen zu bewältigen hatten als was die grobkörnigen Kamerabilder von den zerstörten Zielen ihnen eingeben mochten. Zu Anfang waren diese kriegerischen Vögel die schlagkräftigste Waffe der Union gewesen, bis ein Kommando der Rebellen das militärische Rechenzentrum, von dem aus die Drohnen ferngesteuert wurden, in die Luft gejagt hatte. Jetzt flogen diese Maschinen, unermüdlich angetrieben von den Solarzellen in ihren Tragflächen, ziellos weiter, den Lüften überlassen, ihre Routen und die Zerstörung, die sie anrichteten, ein Spiel des Zufalls.

Sie setzte sich auf die uralte Schaukel. Mit einem leichten Ächzen neigte der Ast sich ein wenig nach unten, als Martinas Gewicht das Seil in der schon vor so langer Zeit in die Rinde gefressenen Kerbe straffzog.

Sie riss das Tütchen mit dem Aprikosengel auf und schob sich mit dem Finger gelblichen Schleim in den Mund. Bei seiner Textur wäre es abwegig gewesen, das Zeug zu kauen; sie zerdrückte es zwischen Zunge und Gaumen und ließ es in die Kehle gleiten. Es schmeckte nicht nach Aprikosen, sondern nach künstlichem Aprikosenaroma, so wie Chemiker, die keine echten Aprikosen kannten, sich den Geschmack vorstellten. Binnen Sekunden tat der Zucker in ihren Nervenenden seine Wirkung.

Sie hörte ein Geräusch, schlurfende Schritte. Verblüfft wollte sie fragen, wer da sei, hielt aber dann inne, schreckensstarr. Das Schlurfen kam näher, bis es direkt neben ihr zu hören war. Nun endlich konnte sie den Urheber dieses Geräusches sehen – ein dürrer, räudiger Hund, der durchs Dunkel über das offene Feld getappt kam. Es war ein Foxhound. Langsam, zögernd näherte er sich, auf der Hut vor jedem Anzeichen von Feindseligkeit.

Martina drückte das letzte bisschen Gel auf ihre Handfläche und hielt sie ihm hin. Der Hund schnüffelte daran. Obwohl ausgehungert, zögerte der Hund, dann wandte er sich ab.

Martina blickte auf. Eine kleine, orangefarbene Morgenröte erhellte plötzlich den Himmel.

Eine strahlende Lichtkuppel war nur ein paar Sekunden lang am Horizont zu sehen. Dann war sie wieder fort.

Kurz darauf kam es wieder, und diesmal schoss eine Flammenspitze bis hoch in den Nachthimmel. Ein paar Sekunden lang stand sie dort in der Höhe, glühte weiter, dann sank sie in sich zusammen. Es gab keinen Ton zu diesem Bild, jede Welle dieses Leuchtfeuers rollte wie in einem Vakuum an.

Danach eine halbe Sonne, neben der die ersten Lichtblitze winzig erschienen, und Sekunden später ein Knall, wie Martina ihn noch nie gehört hatte. Es war eine Schallwelle, die sie an der Brust traf wie ein Schlag und sie von der Schaukel stieß. Sie fiel zu Boden, die Augen entsetzt aufgerissen, in ihren Ohren tönte ein dumpfer Glockenton. Mit einem Jaulen ergriff der Foxhound die Flucht. Und dann rannte auch Martina zurück dahin, wo ihre Kinder waren und ihr Zuhause.

Sie lief, was sie nur konnte, erweckte die Beine ihrer Jugend wieder zum Leben. Eine Viertelmeile lief sie, ihre Lungen brannten, da kam ein neuer Schlag, noch lauter als der vorherige, und warf sie von neuem zu Boden. Als sie endlich beim Haus anlangte, so außer Atem, dass sie sich an der Verandabrüstung festhalten musste, hatten zwei weitere Explosionen die Nacht erschüttert.

Sie fand die Kinder im Haus, in Panik. Die Zwillinge kauerten eng aneinandergedrängt auf dem Boden am Bett ihrer Eltern, Sarat hielt ihre weinende Schwester im Arm. Simon war vorn im Haus, versuchte die hoffnungslos verrostete Containertür zu schließen, wozu sie sonst im Sommer so gut wie nie Grund hatten.

»Wo warst du?«, fragte er seine Mutter. »Was ist da los?«

Martina packte ihren Sohn am Arm und zerrte ihn nach hinten ins Haus. »Das ist nichts«, sagte sie. »Nur eine Fabrik, die dort hinten in Brand geraten ist. Einfach nur ein Geräusch, nichts Gefährliches.«

Sie setzte sich auf den Boden zu den Kindern und nahm sie in den Arm. Sie holte eine Decke, selten vonnöten, unter ihrem Bett hervor und wickelte sie um sich und ihre Töchter. »Nur eine Fabrik, die in Brand geraten ist«, sagte sie. »Nur ein Haufen Lärm. Der ist bald vorbei.« Je öfter sie es sagte, desto wahrer wurde es.


***

Erst am frühen Morgen ließen die Explosionen nach, bis dahin kamen sie immer wieder neu, und nie konnten sie vorhersagen, wann die nächste kam und wie laut sie würde. Am Ende waren die Kinder so erschöpft, dass sie es kaum noch spürten – die Zwillinge an die Brust ihrer Mutter geschmiegt, Simon am Boden neben ihnen. Reglos sah er zu, wie die ersten Sonnenstrahlen sich durchs Fenster tasteten.

Martina starrte nach vorn zur Haustür; sie wartete. Als die Explosionen verebbten, horchte sie auf kleinere Laute – Schritte, geflüsterte Kommandos, einen Gewehrhahn, der sich spannte. Nichts. Nur das Glucken der aufgeregten Hühner, das rhythmische Zirpen der Grillen und der Atem ihrer Kinder.

Sieh dir an, was du mit deiner Verstocktheit jetzt schon angerichtet hast, dachte sie. Lass nicht zu, dass sie dir noch mehr nimmt.

Sie winkte ihren Sohn heran. »Meinst du, du kannst uns mit deinem Boot auf die andere Flussseite bringen?«

»Ja«, sagte Simon, ohne zu zögern.

»Geh in euer Zimmer – aber sei leise, damit die Mädchen nicht aufwachen – und pack in deinen Rucksack so viel an Kleidung, wie du hineinbekommst.«

»Wofür?«, fragte Simon.

»Beeil dich, ich verlasse mich darauf, dass du uns über den Fluss bringst. Dein Vater verlässt sich auf dich.«

Der Junge stand schweigend auf. Martina wartete, bis er alles zusammengepackt hatte, dann erhob sie sich und trug die Mädchen, immer noch benommen und schlaftrunken, zu ihren Betten. Sie legte sie hin, und sofort schliefen sie weiter. Als sie wieder fest eingeschlafen waren, holte sie das größte Gepäckstück der Chestnuts – einen alten Koffer mit Bronzebeschlägen, der einmal ihrer Großmutter gehört hatte – unter dem Bett hervor. Er war groß und breit, an den Kupferscharnieren schon brüchig. Die Seiten waren mit Aufklebern bedeckt, Souvenirs von Reisen zu historischen Stätten oder Nationalparks, die Martina nur aus den Schulbüchern ihrer Jugend kannte.

Sie klappte den Koffer auf und legte ihn aufs Bett; bald erfüllte der Geruch von Mottenkugeln den Raum. In dem Koffer fand sie mehrere Schreibstifte und einen zerbrochenen Bilderrahmen ohne Bild. Sie warf diese Sachen auf den Boden. Sie zog die Schubladen ihrer Kommode auf und füllte den Koffer mit Kleidern und Toilettenartikeln. Unwillkürlich hatte sie eine Hierarchie der Notwendigkeiten im Kopf, begann beim Körper und arbeitete sich von da nach außen vor – Tampons, Unterwäsche, Kleider. Sie packte zwei Handtücher, zwei Rollen Toilettenpapier und ein Päckchen Feuchttücher ein. Als der Koffer fast voll war, hörte sie auf und ging in die Küche. Sie nahm die Dosen und Behälter mit den am wenigsten verderblichen Lebensmitteln – Marmeladen, Erdnussbutter, alles, was sie an Militärrationen noch hatten. Sie nahm die Limonadenflaschen aus Kunststoff, goss ihren Inhalt draußen aus und füllte sie aus dem Hahn des Regenwassertanks. Sie packte so viel in den Koffer, dass sie ihn kaum noch zubekam. Sie setzte sich zum Schließen darauf, aber die alten Schlösser hielten nicht mehr, und so holte sie aus der Kommode zwei Gürtel ihres Mannes, schnallte sie aneinander, schlang sie um den Koffer und zurrte ihn damit zusammen. Dann holte sie die beiden Minniemaus-Rucksäcke von Sarat und Dana und packte die Kleider der Mädchen hinein.

Sie ging nach draußen. Auf der Südseite des Hauses gab es neben dem Holzofen ein dickes Regenrohr, das vom Dach herabführte, aber an nichts angeschlossen war. Das Rohr war an beiden Seiten verschlossen. Sie kniete sich hin und schraubte den unteren Deckel ab. Ein klein wenig braunes Wasser sickerte heraus. Sie fasste hinein, bis sie eine Kaffeedose zu fassen bekam. Sie ruckelte daran, bis sie sie draußen hatte. Sie öffnete sie und musterte den Inhalt: fünfhundert Dollar in US-Scheinen; weitere dreihundert in Louisiana-Schuldverschreibungen; drei Sechzehnerbögen mit Vorkriegs-Briefmarken; zweitausend Dollar Rebellengeld, ausgegeben von den Neuen Zouaven ganz zu Anfang des Krieges und jetzt praktisch wertlos, aber Benjamin hatte sich vorgestellt, dass es eines Tages als historische Kuriosität wieder einen Wert bekommen könnte; und eine Rolex-Armbanduhr, die nicht mehr ging, die aber einmal Martinas Urgroßvater gehört hatte.


***

Als sie mit Packen fertig war, stellte Martina die Sachen vors Haus und begab sich dann wieder nach drinnen, um die Mädchen zu wecken. Sie starrten sie mit glasigen Augen an, immer noch erschöpft und ganz benommen.

»Mädels, wir gehen auf eine kleine Reise«, sagte sie. »Ein Abenteuer. Wir fahren auf die andere Flussseite, verstanden?«

Bei dem Wort Abenteuer ging es Sarat gleich besser. »Warum fahren wir auf die andere Seite, Mama?«

»Weil wir jetzt eine Zeitlang anderswo wohnen müssen, Schatz.«

»Sehen wir dann Daddy wieder?«

»Ja, Schatz, dann sehen wir Daddy wieder. So, und jetzt zieht euch an. Wird Zeit, dass wir loskommen.«

Schon auf dem Weg nach draußen, griff sich Martina von ganz unten in ihrem Schmuckkästchen noch ein paar Fotografien von sich und ihrem Mann. Sie waren uralt, mit der Kamera ihres Großvaters aufgenommen. Sie steckte sie in die Tasche ihres Kleids.

An der Haustür sah sie Sarat auf Zehenspitzen; sie versuchte, die Statue der Jungfrau von Guadalupe von ihrem Tischchen zu nehmen.

»Die lassen wir hier, Schatz«, sagte Martina. »Wir holen sie später.«

»Daddy will bestimmt, dass wir sie mitbringen«, antwortete Sarat.

»Lass sie jetzt erst mal hier stehen. Wir müssen los. Daddy versteht das schon.«

»Nein!«, brüllte das kleine Mädchen. Mit der Anstrengung eines Herkules hob sie die Statue an. Sie fiel ihr in die Arme, warf sie dabei fast um. Sarat wuchtete die Statue, die fast so groß war wie sie, ein Stück höher und wankte damit nach draußen.

Als auch Martina draußen war, stemmte sie die rostige Containertür zu und verschloss sie mit einem armseligen Zahlenschloss, von dem sie wusste, dass es niemals auch nur dem kleinsten Bolzenschneider widerstehen würde. Dann nahm sie ihren Koffer und führte die Mädchen die Böschung hinunter ans Ufer, wo Simon schon auf dem Floß saß und wartete.

Sie kletterten darauf. Das Floß schwankte und bog sich unter ihrem Gewicht. Martina war noch nie darauf gefahren. Die Male, die sie in den letzten Jahren auf die andere Seite übergesetzt war, konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen, meist auf Alder Smith’ Boot, wenn er sie alle zu einem seiner Grillfeste nach drüben in die Stadt einlud. Das Floß war ein Spielzeug, nicht für die Überfahrt zu gebrauchen, eine Pustel am Maul des Mississippi.

Im Morgenrot legten die Chestnuts ab. Martina nahm ihrem Sohn die Schaufel aus der Hand und stemmte sich gegen das Wasser. Schon jetzt spürte sie, wie die Strömung sie flussabwärts trug und dass sie, am Ostufer angekommen, eine Meile oder mehr würden zurückgehen müssen, um an die Stelle zu gelangen, an die der Bus kommen sollte. Große, dunkle Schweißflecken bildeten sich bald unter den Achseln ihres Kleides; die Augen brannten ihr. Sie ruderte weiter.


***

Viele Jahre später, in den Zelten von Camp Patience, würde Martina in Gedanken den Tag verfluchen, an dem sie ihr Zuhause im Stich gelassen und mit ihren Kindern freiwillig in das schwärende Herz des vom Krieg zerrissenen Südens gegangen war.

An diesem Morgen konnte sie nicht wissen, dass die Schlacht zwischen Rebellen, Bundestruppen und mexikanischen Milizen schließlich zum Stillstand kommen würde; die Gewalt drang nie weiter nach Louisiana vor als in der Ungewissheit jenes Apriltages, an dem die Chestnuts ihr Land verließen.



Auszug aus:


Wie die Union zerfiel:


Frühe Presseberichte aus dem Zweiten Bürgerkrieg

»DIE ERSTEN SCHÜSSE EINES BÜRGERKRIEGS«

Mindestens 59 Todesopfer, über 200 Verletzte – Blutbad bei Protesten in Fort Jackson

15. März 2074

Danielle Manak, The Charleston Feed

COLUMBIA, S.C. – Angehörige der Bundestruppen erschossen am Mittwoch mindestens 59 Menschen, als es im Zuge der seit vier Tagen anhaltenden Proteste vor den Toren von Fort Jackson zu Ausschreitungen kam – eine Eskalation, in der viele die erste Attacke in einem offenen Krieg der Regierung in Columbus gegen die oppositionellen Staaten sehen.

»Sagen wir es in aller Deutlichkeit: Das war ein Massaker an Bürgern des Staates South Carolina, ein Massaker an Menschen des Südens, ein Massaker an all denen, die gewagt haben, ihre Stimme im Protest zu erheben«, erklärte Gouverneur Davis Brown. »Die Bundesregierung hat uns unmissverständlich klargemacht, dass jeder, der gegen das Gesetz für eine nachhaltige Zukunft oder überhaupt gegen eine Entscheidung ist, die in Columbus gefällt wird, als Feind angesehen wird, der vernichtet werden muss.

Das ist eine Kriegserklärung.«

Ein Trupp Marinesoldaten, als Wache an Tor 2 auf Höhe des Stroms Thurmond Boulevard postiert – wo in den letzten Tagen Hunderte von Protestierenden zusammengekommen waren –, eröffnete am Mittwoch gegen zwölf Uhr mittags das Feuer auf die Demonstranten. Die Wachposten feuerten von den improvisierten Türmen des hastig errichteten Schutzzauns, der die Versammelten am Eindringen in die Kaserne hindern sollte.

Die erste Gewehrsalve traf offenbar mehrere Demonstranten in der vordersten Reihe. Bei dem verzweifelten Versuch der panischen Menge, sich nach den ersten Schüssen in Sicherheit zu bringen, wurden zahlreiche Menschen niedergetrampelt.

»In einem Augenblick hielt der Mann vor mir noch sein Plakat in die Höhe, und im nächsten knallten die Gewehre, und er fiel zu Boden wie ein Stein«, berichtet Elijah Miller, der sich der Demonstration am Mittwochmorgen angeschlossen und sich fast bis zum Tor vorgearbeitet hatte, als die ersten Schüsse fielen.

»Ich schwöre bei Gott, der Mann war unbewaffnet. Er hat niemanden bedroht, und trotzdem haben sie ihn erschossen.«

Zeugen beschreiben schreckliche Szenen nach Eröffnung des Feuers; mehrere Menschen hätten reglos auf der Straße gelegen, Blutlachen seien deutlich zu sehen gewesen.

Ein Soldat aus Fort Jackson (keiner von denen, die an Tor 2 postiert waren) beteuert, mindestens einer der Demonstranten habe aus einer der vorderen Reihen einen Pistolenschuss auf eins der Spannschlösser des improvisierten Zauns abgegeben.

»Der hat wohl geglaubt, er ist in einem Actionfilm oder so was und könnte den Zaun aufschießen«, sagte der Mann, der anonym bleiben will, weil die Soldaten des Forts Order haben, nicht mit der Presse zu sprechen.

Der Mann sagte noch, die Kugel habe das Schloss nicht zerstört, sondern sei in die Menge zurückgeprallt.

»Das war der Punkt, an dem die Demonstranten glaubten, sie würden beschossen, und ein Teil der Menge drängte nach hinten, ein anderer nach vorn Richtung Zaun.

Sofort als die Marines sahen, dass der Zaun bestürmt wurde, eröffneten sie das Feuer.«

Viele Demonstranten bestreiten diese Aussage und versichern, es habe keinerlei Provokation gegeben.

»Die Feiglinge hinter dem Zaun haben ohne jeden Grund das Feuer eröffnet«, versichert uns Paul Hartig, der schon seit drei Tagen am Tor kampierte. »Sie haben all die Leute ohne jeden Grund niedergeschossen, und dafür sollten sie hängen.«

Reaktionen auf das Blutbad ließen nicht lange auf sich warten. In Columbus veröffentlichten die zehn Senatoren der bundestreuen Südstaaten Louisiana, Arkansas, Missouri, Kentucky und Tennessee eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Schüsse als »unnötige und unkluge Provokation« verurteilten, »die lediglich den Extremisten in die Hände spielt und mit Sicherheit nicht dazu beitragen wird, die Lage in einem Land am Rande des Krieges zu entspannen.«

In einer Erklärung des Rats der Freien Südstaaten bezeichneten die Gouverneure von Texas, Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina die Vorfälle als »glatten, kaltblütigen Mord«, einen Akt der Tyrannei und des Hochverrats, für den US-Präsident Martin Henley persönlich vor Gericht gestellt werden sollte.

»Jeder, der im Süden sein Vaterland liebt und der die Nachricht vom Massaker von Fort Jackson vernimmt, weiß nunmehr, und zwar ohne jeden Zweifel, dass für die Bundesregierung in Columbus das Leben eines Südstaatlers keine zwei Cent wert ist«, heißt es in der Verlautbarung der Gouverneure.

»Nur die, die ihre Augen vor der Wahrheit verschließen, können heute auf die blutgetränkten Straßen von Columbia blicken und sich weiterhin weigern, für die Sache der Sezession einzutreten.«

In ganz South Carolina, wo die Stimmung der Bevölkerung stärker gegen die Bundesregierung eingestellt ist als irgendwo sonst außerhalb der Ölfelder von Texas, kam es zu gewaltsamen Übergriffen, unmittelbar nachdem die Nachricht von den Schüssen von Fort Jackson bekannt geworden war. In Columbia gingen zahlreiche Geschäfte, Filialen von im Norden beheimateten Ketten (viele seit dem Attentat auf Präsident Daniel Ki in Jackson, Mississippi, im vergangenen Dezember geschlossen), in Flammen auf. Am Strand von New Charleston fand man die gefesselten Leichen dreier Männer, die von sezessionistischen Bürgergruppen bezichtigt worden waren, als Informanten für den Norden tätig zu sein, mit durchschnittener Kehle.

»Jetzt geht es nicht mehr einfach nur um die Unabhängigkeit«, sagte ein Sprecher einer Bürgergruppe in South Carolina. »Jetzt geht es um Rache für unsere Toten.«

Am Mittwochabend hatte Präsident Henley noch immer keine offizielle Stellungnahme zu den Schüssen abgegeben. Auf der offiziellen Website des Verteidigungsministeriums, seit Montag nicht mehr aktualisiert, stand nach wie vor ein knapper Kommentar zu lesen, dass nach Meinung hoher Militärkreise die Marines in Fort Jackson »mit äußerster Zurückhaltung agieren«.

Gouv. Brown, der schon zuvor alle Sympathisanten des Nordens aufgefordert hatte, South Carolina zu verlassen, wiederholte diesen Aufruf am Mittwoch und rief die Bürger für den Fall von Widerstand zu Mithilfe auf.

»Massenmord an Bürgern dieses Staates kann nicht Gegenstand von Verhandlungen sein«, erklärte Gouv. Brown, »nicht von Zugeständnissen oder Kompromissen.

Nach dem, was heute in Fort Jackson geschehen ist, gibt es keinen Weg zurück mehr.«



4. Kapitel

In dem wenigen, was Palmen an Schatten boten, standen die Chestnuts und warteten. Die Floßfahrt auf die andere Seite hatte sie zwei Meilen flussabwärts getrieben, und die mussten sie auf der Landstraße entlang des Flusslaufs zurückgehen, dazu noch eine weitere Meile. Die Straße hatte an manchen Stellen tiefe Risse, wie hineingepflügt. Die gelbe Mittellinie war kaum noch zu erkennen; anscheinend machte man nun keinen Unterschied mehr zwischen Kommen und Gehen.

Sie gingen, bis sie an eine Biegung der Straße kamen, an der sich eine unbefestigte Haltebucht befand, mit ein paar anämischen Palmen dazu. Die grünen scharfkantigen Blätter wuchsen zum Fluss hin, abgewandt von der aufgehenden Sonne. Zu Füßen der Bäume stand eine Ansammlung von Yuccas, grün-weiße Blätter wie Macheten. Hier, hatte der Mann gesagt, sollten sie auf den Bus warten.

»Der Fluss wird es sich holen«, jammerte Simon. Er wirkte kleiner unter dem Gewicht seines Rucksacks, in den er Kleider, Comics, eine Tauchermaske, ein selbstgeschärftes Holzmesser sowie mehrere Schachteln mit Benjamin Chestnuts filterlosen Yuxis gestopft hatte.

Die Yuxis, dünn und aus schlechtem Tabak, waren eins der wenigen Laster, die der Vater des Jungen sich gegönnt hatte. Er hatte sie vor seiner Frau hinter einem losen Brett im Klohäuschen versteckt. Die Heimlichtuerei hätte er sich getrost sparen können, denn Sohn und Ehefrau wussten beide, dass Benjamin rauchte. Aber alle drei fanden, dass es ein Gebot der Würde war, nichts dazu zu sagen.

»Nein, der Fluss holt es nicht«, versicherte ihm Martina.

»Wir haben es nicht weit genug aufs Ufer gezogen. Beim nächsten Regen steigt das Wasser, und dann treibt es hinaus aufs Meer.«

»Wenn ja, baue ich dir ein neues Floß.«

»Das sagst du nur, weil du weißt, dass wir nicht zurückkommen.«

»Schluss jetzt.«

Sie stellten ihr Gepäck im Schatten ab und warteten auf den Bus. Die erschöpfte Dana legte sich auf den Boden, mit ihrem Rucksack als Kissen, und schlief sofort wieder ein.

Sarat erkundete die Gegend, stöberte zwischen den Büschen, inspizierte die Yuccas. Sie sahen widerstandsfähig aus, die Blätter flach und fest. Von den wenigen Pflanzen, die in der ausgedorrten Erde des Südens noch wuchsen, gediehen die Yuccas am besten.

Sarat fuhr mit dem Finger über die Blätter. Die Oberfläche fühlte sich trocken an, rau wie Sandpapier. Aber sie waren auch elastisch, das Fleisch ließ sich ein wenig eindrücken. Sie befühlte das nadelspitze Ende und spürte, wie nun ihre eigene Haut nachgab. Die Spitzen waren braun und starr, unempfindlich gegen Sonne und Sturm.

Der Tag wurde wärmer. Die Chestnuts warteten, doch kein Bus kam. Bald überlegte Martina, ob sie ihn womöglich verpasst hatten und sie vielleicht bald entscheiden musste, ob sie mit ihren Kindern zu Fuß in Richtung Osten zog.

»Was ist das, Mama?«, fragte Sarat und zeigte auf die Yucca.

»Eine Pflanze, Schatz.«

»Aber was für eine Art Pflanze?«

»Ein Kaktus. Geh nicht zu nahe dran, du tust dir weh.«

»Kaktus«, wiederholte Sarat, befühlte das Wort mit der Zunge. »Kak-tus.«

Martina hörte ein Fahrzeug kommen. Der Bus bog um die Ecke, er kam von Süden. Ein gelber Schulbus aus Vorkriegstagen, umgebaut mit Sonnenkollektoren auf dem Dach. Auf beiden Seiten, da, wo sonst in Schablonenschrift der Name einer Schule gestanden hätte, stand nun in Großbuchstaben: ZIVILTRANSPORT.

Der Bus fuhr langsam, die Sonne musste seine Batterien erst wieder aufladen. Der Fahrer bog in die Haltebucht und hielt. Die Falttür öffnete sich.

Martina scheuchte ihre Kinder voran. Sie spähte in den Bus. Ein Mann von vielleicht dreißig saß am Steuer. Er war rundlich, mit Schweißperlen auf der Haut.

Hinter dem Fahrer saß ein zweiter Mann, weitaus größer und mit breiten Schultern. Er trug ein einfaches weißes Hemd und Bluejeans, und neben sich hatte er, mit dem Lauf nach oben, eine alte Typ 95 stehen. Es war ein billiges und billig gebautes Gewehr, beliebt bei den Rebellen, weil es so gut wie nie Ladehemmung oder sonst irgendwelche Schwierigkeiten hatte und sich vergleichsweise leicht auf den Hilfsschiffen schmuggeln ließ. Der Mann mit dem Gewehr beobachtete Martina, sein Gesicht ausdruckslos.

»Wir sind die Chestnuts«, sagte Martina zu dem Fahrer. Erst da ging ihr auf, dass sie nie den Namen des Mannes erfahren hatte, der ihr diese Busfahrt versprochen hatte. »Der Kommandeur der Rebellen hat gesagt, wir können mit nach Patience fahren.«

Das amüsierte den Fahrer. »So, der Kommandeur der Rebellen hat das gesagt? Na, den wollen wir natürlich nicht ärgern.« Das Grinsen verschwand wieder. »Einhundert für jeden.«

Martina schüttelte den Kopf. »Er hat gesagt, wir dürfen mitfahren. Er hat …«

»Lady, sprechen Sie Englisch? Hundert pro Nase.«

Martina suchte in ihrem Gepäck nach der Gelddose. »Ich habe nur dreihundert«, sagte sie, »in Louisiana-Schuldverschreibungen.«

»Louisiana-Mäuse?«, lachte der Fahrer. »Das Zeug nehmen sie doch nicht mal mehr in Louisiana!«

»Sonst habe ich nichts.«

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. Er zog einen Hebel am Steuerrad, und die Tür schloss sich, schubste Martina zurück. Der Bus fuhr an.

Martina hielt ihre Kinder von den Rädern weg. Sie lief neben dem Bus her, schlug mit einer Handvoll Dollars an die Tür. Der Fahrer hielt wieder.

»Na, was sagt man dazu?«, meinte er zu dem Mann mit der Flinte. »Wahrscheinlich ist ihr das gerade erst wieder eingefallen.«

Martina zahlte den Fahrpreis und schob ihre Kinder in Richtung Bus. Simon sprang mit einem Satz hinein, die Zwillinge folgten, Sarat immer noch mit der Statue der Gottesmutter im Arm. Im Vorbeigehen starrte Simon den Mann mit der Flinte an, hypnotisiert.

Die ganze Familie trottete nach hinten in den Bus. Ein alter Mann, der einzige andere Fahrgast, saß in der vorletzten Reihe. Martina und die Kinder setzten sich hinter ihn auf die Rückbank. Sie verstauten Taschen und Besitztümer auf und unter der Bank und setzten sich dann, dicht aneinandergedrückt, alle auf eine Seite, dem alten Mann gegenüber. Mit einem blechernen Ächzen setzte der Bus sich von neuem in Bewegung, und seine Federn sangen das Lied der heruntergekommenen Landstraße.

»Dafür haben sie mich die ganze Strecke hier runtergeschickt?«, fragte der Fahrer den Aufseher, der jedoch weiter schwieg. »So eine verfluchte Zeitverschwendung. Wieso lesen wir solches Treibgut von außerhalb überhaupt auf? Die haben sich auf die Seite von Columbus geschlagen, da soll Columbus auch für sie sorgen. Wir haben alle Hände voll mit unseren eigenen Leuten zu tun.«

Der Aufseher prüfte das Magazin an seinem Gewehr. Er blickte zum Fenster hinaus und kümmerte sich nicht um den Fahrer.

Der Fahrer wandte sich an seine Passagiere. »Na, dann macht es euch mal bequem«, sagte er. »Das wird eine lange Fahrt.«

Die Stimme des Fahrers weckte den alten Mann, der bis dahin geschlafen hatte, den Hut zwischen Kopf und Fensterscheibe geklemmt. Er wischte sich die kleine Spur Speichel vom Mund. Martina betrachtete ihn. Er war in den Achtzigern, vielleicht sogar noch älter, im vorigen Jahrhundert geboren. Jahrzehnte des Lebens in praller Sonne hatten sein Gesicht und seine Arme zu Leder gegerbt, mit schwarzen Flecken wie Narben. Er hatte einen weißen Vorkriegsanzug an, mit einem roten Seidentaschentuch, dessen Rand aus der Brusttasche schaute, als Farbtupfer. Die Anzugjacke und die Hose waren da, wo sie an Knien und Ellbogen besonders beansprucht wurden, grau geworden, doch ansonsten waren sie noch weiß wie früher. Die ganze Art des Anzugs gab dem Mann etwas Altmodisches, Würdiges. Er kam Martina nicht einfach nur wie jemand aus einer anderen Zeit vor, sondern wie jemand aus einer Epoche, die noch vollkommen anders gewesen war, geboren in einem Amerika, das sich seither längst für die dunkle Seite entschieden und Menschen wie ihn hinter sich zurückgelassen hatte.

Mit einem knappen Schlag brachte der alte Mann den eingebeulten Filzhut wieder in Form und legte ihn sich dann in den Schoß. Er blickte sich im Bus um, als habe er keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war. Sein Blick blieb bei Martina hängen. Eine ganze Weile starrte er sie an.

Schließlich sagte er: »Sind Sie aus Blind River?«

»Nein.«

»Kennen Sie jemanden aus Blind River?«

»Nie davon gehört«, sagte Martina.

Der Mann verstummte, blickte wieder nach vorn.

»Mein Mann hat Verwandte in der Gegend«, sagte Martina.

Nun lebte er wieder auf. »Blind River liegt ungefähr dreißig Meilen westwärts von hier, ein bisschen mehr, ein bisschen weniger. Früher gab es Schilder an der Straße, wenn man von New Orleans raufkam, aber von denen ist keins mehr da.«

»Hm-hm.«

»Einundfünfzig Jahre lang habe ich da gelebt«, erzählte der alte Mann mit etwas wie Stolz in der Stimme. »Habe Anna im Jahr ’43 überstanden und Michael im Jahr ’51. Michael ist bei mir mitten durchs Wohnzimmer gefegt, hat zehn Blocks im Umkreis alles verwüstet, aber mein Haus war das eine, das er nicht kleingekriegt hat. Sie haben ein Luftbild davon gemacht, war sogar auf der Titelseite vom Courier

Er stand auf, kam herüber auf die Chestnut-Seite des Busses. Er inspizierte die Kinder eins nach dem anderen – Simon, immer noch fasziniert von dem Rebellen mit seiner Flinte; die Mädchen, die am Fenster saßen und hinaus auf die braunen Relikte von Farmland schauten, die Telegrafenmasten, deren Drähte schlaff und tot herunterhingen.

Sarat saß direkt an der Scheibe, sie kniete auf der Bank, die Nase ans Glas gedrückt. Im warmen Licht der Sonne leuchtete das Land hell und klar. Die unglaubliche Weite überwältigte sie.

Dana saß wie ein Kätzchen zwischen Schwester und Mutter und flocht kleine Zöpfe in Sarats Strubbelhaar. Wenn sie mit einem Zopf fertig war, ließ sie ihn los und sah zu, wie er sich langsam aufdröselte, und dann flocht sie einen neuen.

»Wie alt sind sie?«, fragte der Alte.

»Simon ist neun, die Zwillinge sind sechs«, antwortete Martina.

»Zwillinge! Die beiden sehen sich kein bisschen ähnlich.«

»Nein, das tun sie wirklich nicht.«

Der Alte studierte Dana genauer. »Du bist aber eine Hübsche«, sagte er, dann sah er wieder ihre Mutter an. »Hatte eine Enkelin genau wie sie. Aber jetzt muss sie eher so alt sein wie Sie, nicht wie die Kleine. Ihre Eltern sind mit ihr in den Westen gezogen, nach Kalifornien, kurz bevor die dritte Spekulationsblase in Silicon Valley geplatzt ist, im Jahr ’44. Seither habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Wahrscheinlich sind sie jetzt unten im mexikanischen Teil, wenn sie überhaupt noch leben.«

»Wissen Sie etwas über das Lager, in das sie uns bringen?«, fragte Martina. »Ist man da in Sicherheit?«

»Davon haben sie mir nichts gesagt«, erwiderte der Alte. »Sie sind einfach gekommen und haben gesagt, sie bräuchten mein Land, um da mit ihren Schiffen anzulegen, auf denen sie ständig in der Mississippimündung unterwegs sind. Waffenschieber, einer wie der andere, da bin ich mir sicher. Aber ich war der Einzige, der noch da war, die Häuser in der Gegend liegen jetzt alle am Meeresgrund. Der Junge, der das Kommando hatte, sagte zu mir, wenn ich jünger wäre, würden sie mich einfach ins Wasser schmeißen. Aber ein bisschen Mitleid haben sie wohl doch noch; sie haben mir zehn Minuten zum Packen gegeben, und dann musste ich los. Zehn Minuten! Um sechsundfünfzig Jahre zusammenzupacken!«

»Aber in dem Lager, bekommen wir da was zu essen? Bekommen wir eine Unterkunft? Wir haben nicht viel Geld …«

»… Aber wissen Sie was, bevor ich los bin, da habe ich zu dem Jungen gesagt, wenn ich jünger wäre, dann wäre er derjenige, der im Wasser landet …«

Martina ließ den alten Mann reden. Bald eine Stunde lang ezählte er von dem Leben früher in Blind River, trieb dahin mit den Gezeiten seiner Erinnerung. Von vorn hörte sie auch den Busfahrer reden. Er erzählte dem Mann mit der Flinte, sein Onkel habe ihm einen guten Posten in einem Gewächshochhaus draußen vor Atlanta besorgt. Er habe gesagt, alles, was man tun müsse, um Vorarbeiter zu werden, sei, nicht einzuschlafen und nicht ins Gemüse zu pinkeln, und schon binnen sechs Monaten könne man da einen richtigen Bürojob bekommen.

»Die meisten von den Jungs begreifen nicht, dass man sich auch mal krummlegen muss, wenn man es zu was bringen will«, sagte der Fahrer. »Was die mit der einen Hand bekommen, geben sie mit der anderen wieder aus. Keine Disziplin. Aber ich, ich habe Disziplin. Jawohl Sir, ich habe Disziplin.«

Der Aufseher starrte zum Fenster hinaus.

Langsam arbeitete der Bus sich am Fluss entlang voran, durchquerte die letzten zerfetzten Reste des südlichen Louisiana.

So sah es aus, wenn das Wasser den Kampf schließlich gewann. Jahzehntelang hatten Staats- und Lokalverwaltung Milliarden ausgegeben, um das Flachland von Louisiana vor dem immer weiter steigenden Meer zu retten – hatten Hunderte von Meilen an Deichen, Dämmen, Dammstraßen, am Ende sogar schwimmende Städte gebaut. Das war noch in den Anfangstagen gewesen, damals hatten die Ozeane noch nicht den optimistischen Glauben verschlungen, dass mit genug Beton und Erde und Unternehmungsgeist und Geld das Flachland zu retten war.

Das war damals gewesen. Alles, was jetzt noch zu sehen war, waren ein paar Gräten dieser seit langem untergegangenen Welt: dünne Asphaltstreifen, die bei Flut verschwanden, Geisterstädte auf künstlichen Hügeln, halbverfallene Brücken, die mit der Nase im Wasser hingen. All das waren Ruinen zwischen den Inseln, die es noch gab, und wie alle Ruinen waren sie grotesk auf ihre Art, ein Verstoß gegen das Walten der Zeit.


***

Der Bus ließ das Flussufer nun hinter sich und nahm die Interstate 55 Richtung Norden. In Vorkriegstagen hatte die Schnellstraße unter dieser Nummer bis nach Chicago geführt. Nun endete sie an einer Barrikade aus Klingendraht und Wachtürmen zehn Meilen südlich von Memphis – ein Kontrollpunkt an der neuen, vom Krieg geschaffenen Grenze.

Am Straßenrand standen blaue Schilder. Sie führten auf, was es jeweils an Einrichtungen an der Ausfahrt gab. Die Markenzeichen der Tankstellen waren schwarz übermalt, aber auf den schwarzen Quadraten hatte jemand die Zeichen in kruden Graffiti nachgemalt. Dürre Bäume säumten die Fahrbahn. Sie trugen keine Blätter, nur die abgestorbenen Äste waren noch da. Alles am Straßenrand war geplündert: Strommasten, die keine Drähte mehr trugen, ausgeschlachtete Autos, Fassaden von Fabrikhallen, von denen nur bröckelnder Beton und verrostete Eisenstäbe blieben.

Jetzt in der Ruhe der langen Fahrt auf dem Highway fielen Martina all die Dinge ein, die sie in der Hast der nächtlichen Flucht vergessen hatte. Sie hatte Lebensmittel in Dosen, aber keinen Dosenöffner; sie hatte die Tür des Containers mit einem Zahlenschloss verschlossen, dessen Kombination sie schon lange vergessen hatte. Sie hatte die Plane nicht über die Solarzellen gebreitet und das Wasser aus dem Tank nicht abgelassen. Die Hühner saßen noch immer in ihrem Stall.


***

Nach zwei Stunden erreichte der Bus die Grenze von Louisiana nach Mississippi. Hier stand ein hässlicher Bau aus Fertigteilen, umgeben von einem Gewirr aus Wachhäuschen und Betonabsperrungen. Alle Fahrzeuge wurden eins nach dem anderen durch dieses Nadelöhr gelotst. Eine Reihe bewaffneter Grenzposten – einige Louisiana-Reservisten, andere mit dem roten Dreisterneabzeichen der Freien Südstaaten – waren auf beiden Seiten der Grenze zugange.

Im Schneckentempo schlängelte der Bus sich durch die Schikanen. Direkt vor ihnen absolvierte ein weißer Kleinbus denselben Parcours. Auf dem Dach des Wagens stand mit schwarzen Klebestreifen das Wort PRESSE geschrieben. Nach jeder dritten Schikane kam ein kleines Stück gerader Strecke mit einem Band Nagelsperren, die Spitzen nach Norden gerichtet. Ein Soldat des Freien Südens sah von einem Wachturm aus teilnahmslos zu.

Der Bus war zum Stehen gekommen, wartete, bis die Wachen den Wagen vor ihnen inspiziert hatten. Dort hatten die Soldaten vier Männer aussteigen lassen und waren selbst eingestiegen. Zwei Soldaten holten Ausrüstung aus dem Gepäckabteil – Kameras, Stative, Satellitentelefone, leuchtend grüne Schutzwesten, Helme. Ein dritter Soldat stand dabei und inspizierte die Papiere, die einer der Männer aus dem Kleinbus ihm gereicht hatte. Er blätterte darin, anscheinend ohne jedes Interesse an ihrem Inhalt, obwohl einige sogar gesiegelt waren. Ein paarmal versuchte der Mann, der ihm die Papiere gegeben hatte, etwas zu sagen, bekam aber immer wieder den Mund verboten. Weitere Soldaten kamen an den Kleinbus, begafften die Ausrüstung, die nun am Boden verstreut lag. Am Ende faltete der Soldat, der die Papiere gelesen hatte, diese zusammen, steckte sie ein und beorderte Fahrzeug, Insassen und Gepäck zu einem kleinen Gebäude abseits der Straße. Die Insassen protestierten, aber das half ihnen nichts.

Ein weiterer Soldat winkte nun den Bus heran. Ganz langsam ließ der Fahrer ihn vorrollen, bis die Aufforderung zum Halten kam. Der Fahrer öffnete die Tür, und der Soldat stieg ein.

»Guten Morgen, Sir«, sagte der Fahrer. »Nur die übliche Strecke nach Patience. Zuerst rauf Richtung Norden bis Grenada, dann nordwestwärts zu den Städten an der Grenze. Ich habe die Genehmigung aus Atlanta hier …«

Der Soldat kümmerte sich nicht um den Fahrer. Er nickte dem Rebellenkämpfer zu.

Der Soldat inspizierte den Bus und seine fünf Fahrgäste. Er war genauso spindeldürr wie die Kämpfer, die Martina beim Haus von Eliza Polk gesehen hatte. Die rote MAG-Uniform, die mit ihren viel zu vielen Sternen und Kupferknöpfen immer ein wenig von einem Karnevalskostüm hatte, schlabberte ihm am Leibe. Er trug ein Käppi mit heruntergezogenem Schirm, so dass seine Augen nicht zu erkennen waren. Er sah aus wie ein Kind.

»Wir sollen keine Blauroten reinlassen«, sagte er.

»Nur diese hier, Sir«, sagte der Fahrer und fuchtelte mit seinem Packen Bescheinigungen. »Nur ein paar Leute, die wegen der Kämpfe an der texanischen Grenze aus ihren Häusern mussten. Wir haben die Passierscheine hier, direkt von der Vertretung des MAG in Baton Rouge. Wenn Sie schauen wollen …«

Mit einem Zeichen brachte der Rebellenkämpfer den Fahrer zum Schweigen.

»Schon in Ordnung«, sagte er zu dem Soldaten. »Das sind Rote.«

Der Soldat nickte. Er ließ sich die Passierscheine geben und stieg wieder aus. »Weiterfahren«, sagte er.

Der Fahrer schloss die Tür und fuhr langsam vor bis zur Schranke. Ein Soldat löste den Schlagbaum vom Haltepfosten. Das Betongewicht am anderen Ende senkte sich, und die Schranke ging nach oben. Der Bus passierte die Öffnung, und ein kurzes Stück fuhren sie durch das stille graue Niemandsland zwischen zwei Welten.

Bald waren sie auf der anderen Seite. Als sie durch das Busfenster nach Westen schaute, sah Martina Scharen von Flüchtlingen, die dicht gedrängt an der Südseite des Durchgangs warteten, in Schach gehalten von einer kleinen Armee von Louisiana-Reservisten. Der Bus fuhr weiter, gewann Tempo, und bald war der Grenzposten nicht mehr zu sehen.

»Willkommen im MAG«, wandte der Fahrer sich an seine Fahrgäste, »das letzte Land mit Mumm in den Knochen auf Gottes großer grüner Erde.«


***

Sie fuhren nordwärts. Sarat blickte zum Fenster hinaus. Das Wasser, das so große Teile des südlichen Louisiana überflutet hatte, war nun fort, aber ansonsten sah das Land noch genauso aus. Die Felder, an denen sie vorüberkamen, waren öde, alles war braun, die Bäume dürr und kahl. Gummistreifen von geplatzten Reifen lagen überall in den Straßengräben.

Manches sah aber auch anders aus, es gab Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte – Krater, zehn Fuß im Durchmesser, in denen ein Stück Fahrbahn verschwunden war, oft nur notdürftig geflickt: an manchen Stellen mit Beton, an anderen mit improvisierten Stegen aus Holz und Stahlträgern nur für die Räder der Fahrzeuge. Ein alter, benzinbetriebener Sportwagen kam an dem Bus vorübergerast, die Kühlerhaube mit dem stilisierten Bild einer Klapperschlange bemalt.

Auf den Plakatwänden entlang der Straße waren seltsame Bilder. Sie zeigten Mord und Zerstörung: Stadtviertel in Trümmern, die staubbedeckten Leichen von Kindern, Soldaten der Freien Südstaaten, die verzweifelten Familien in den Grenzstädten Hilfe leisteten. Als einzige Aufschrift stand bei all diesen Bildern: Nehemia 4,14.

Nahe Jackson bog der Bus in eine Straße Richtung Osten ein. Bald waren sie in Alabama, und dort ging es wieder nach Norden. Als sie nach Huntsville kamen, nicht weit von der Demarkationslinie zwischen Alabama und den Blauen, verlangsamte der Fahrer das Tempo, und sie fuhren in die Stadt.

»Ist das der Norden, Mama?«, fragte Sarat.

»Noch nicht, Baby«, antwortete ihre Mutter. »Bald.«

Der Fahrer kniff die Augen zusammen, als er von der Auffahrt auf die Stadt hinuntersah. »Liebe Güte«, sagte er. »Ich kann sie schon sehen. Ein Gewimmel wie die Ratten.«

Der Bus hielt am Portal einer stolzen Backsteinkirche. Im Hof drängten sich die Menschen: Frauen und ihre Kinder, die sich an Säcke und Koffer drückten, Männer, gebrechlich oder verstümmelt, zusammengesackt in Rollstühlen. Helfer versorgten sie mit in Folie gewickelten Sandwiches und Bechern mit Fruchtsaft. Manche waren Priester in ihrer Soutane, aber alle trugen sie weiße Westen, auf denen groß und deutlich das Zeichen des Roten Halbmonds prangte.

Beim Anblick des Busses kam Bewegung in die Menge. Einige Helfer hielten sie hinter dem schwarzen Eisentor, der Grenze des Kirchhofs, zurück. Ein Priester löste sich aus dem Getümmel und kam zum Bus. Der Fahrer machte die Tür auf.

»Einen schönen guten Tag, Hochwürden. Sieht ganz so aus, als würden Sie gleich von Ihrer eigenen Herde zertrampelt.«

»Am Samstagabend gab es einen Granatenangriff auf Hazel Green«, erklärte der Priester. »Weiß der Himmel, was sie damit bezwecken wollten, aber seitdem ist die ganze Stadt auf der Flucht. Neunzig nehmen Sie mit, nicht wahr?«

»Fünfundachtzig.«

Der Priester warf einen Blick auf ein Blatt, das er auf einem Klemmbrett in der Hand hatte. »Hier heißt es neunzig. Ich habe ihnen schon gesagt, dass neunzig mitfahren können.«

»Halb so schlimm, Hochwürden. Ich wette, die sind alle längst daran gewöhnt, dass man ihnen Sachen sagt, die nicht stimmen. Fünfundachtzig, nicht mehr.«

Der Priester rieb sich die Schläfe. »Schön, dann warten Sie hier, es dauert einen Moment. Und halten Sie die Tür geschlossen. Wenn ich das da drin sage, kommen sie womöglich und wollen Ihnen an die Gurgel.«

»Ganz zu Ihren Diensten, Hochwürden.«

Der Priester ging wieder hinein, sprach mit einigen Leuten dort im Hof, und binnen kurzem wurde Stimmengewirr laut, aus allen Richtungen schrien sie den Priester nieder. Martina horchte durch ein Fenster, das sie einen Spaltbreit geöffnet hatte.

»Heute bin ich dabei, das haben Sie gestern gesagt«, rief eine Frau. »Sie haben es mir versprochen.«

»Ich habe auf diese Dinge keinen Einfluss«, beteuerte der Priester.

»Kann ich mir vorstellen«, sagte ein Mann, auf Krücken gestützt.

»Ihr wisst alle, dass es so ist.«

»Dann sagen Sie uns, wer das bestimmt. Zeigen Sie uns den Mann, damit wir mit ihm reden können.«

»Es gibt keinen einzelnen Mann, und auch das wisst ihr«, sagte der Priester. »Es gibt den Krieg, sonst nichts. Nur der Krieg bestimmt. Und der Krieg sagt, fünf von euch müssen noch eine Nacht hierbleiben.«

Der Priester und die anderen Helfer steckten die Köpfe zusammen, um zu entscheiden, welche fünf bleiben sollten. Vorsorglich kamen aus der Menge bereits Rufe, Leute führten Gründe an, warum sie auf keinen Fall noch weiter warten konnten. Sie riefen von Krankheiten, schlimmen Wunden, die dringend ärztliche Versorgung brauchten, sie riefen, wie viele in ihren Familien schon umgekommen waren, wie viele Kinder sie hatten. Der Priester und die Helfer blickten auf das Blatt, strichen Namen aus, radierten die Striche wieder weg, strichen sie von neuem aus.

»Grässlich, diese Anglikaner«, sagte der Fahrer. »Die wussten noch nie, was sie wollen.«

Schließlich war entschieden, dass vier Männer und ein größerer Junge noch in der Kirche bleiben würden. Die anderen fünfundachtzig Flüchtlinge, bis auf zwei alles Frauen und Kinder, wurden angewiesen, sich in einer Reihe aufzustellen, die als lange, gewundene Schlange vom Kirchhof bis zum Bürgersteig reichte. Der Busfahrer machte die Tür auf, und einer nach dem anderen stiegen sie ein.

Es war eine mürrische Prozession, der Blick all dieser Leute war leer. Die Frauen setzten sich mit mechanischer Gleichgültigkeit auf die Plätze, schoben die Kinder vor sich her, alle beladen mit Rucksäcken oder Koffern oder Wäschekörben. Sie trugen Trainingshosen und T-Shirts und ärmellose Tops, alles voller Essensflecken und bedruckt mit den Namen und Markenzeichen von Burgerketten und Hotels und Firmen, die es nicht mehr gab. Eine ganze Reihe der Frauen hatten alle das gleiche billige Kunststoff-T-Shirt an. Die Vorderseite dieser Shirts zeige die wehende Flagge der Freien Südstaaten: drei unausgefüllte schwarze Sterne nebeneinander auf einem weißen Querstreifen. Der obere und der untere Balken der dreigestreiften Flagge waren rot. Auf der Rückseite stand in großen Buchstaben das Datum des 1. Oktober 2074 – des Unabhängigkeitstags des Südens.

Martina drückte sich eng an ihre Kinder, beschützte ihren Teil der Bank. Nach und nach füllte jeder verfügbare Platz des Busses sich mit seiner menschlichen Fracht. Die Leiber brachten ihre Wärme mit; die Luft im Inneren wurde stickig und feucht, sauer vom Schweiß, der ungewaschenen Haut. Drei Frauen setzten sich auf die noch freien Plätze der Rückbank, Kinder und Besitztümer auf dem Schoß. Eine Frau, die aussah wie Ende zwanzig und einen Jungen hinter sich herzerrte, der nicht viel jünger als Simon sein konnte, schnauzte Martina an.

»Ihr braucht zu viel Platz«, sagte sie und zeigte auf das Gepäck der Chestnuts. »Schafft den Scheiß da weg.«

»Wir beanspruchen nicht mehr Platz als jeder andere«, entgegnete Martina.

Die Frau warf einen verächtlichen Blick auf die Statue der Gottesmutter, die neben Sarat auf der Bank stand. »Mein Mann muss noch einen ganzen Tag in dem Dreckloch warten, nur damit ihr so eine Scheißstatue mitnehmen dürft. Das ist nicht fair.«

»Ich wusste nicht, dass es so kommt.«

»Ist mir scheißegal, was du gewusst hast. Schmeiß das Ding da raus.«

Die Frau, die sich auf den Platz neben dem alten Mann aus Blind River gesetzt hatte, drehte sich um. »Jetzt setz dich doch, Lara«, sagte sie. »Lass die arme Frau in Ruhe.«

»Halt’s Maul, Holly, du hast hier nichts zu melden.«

Vorn im Bus erhob sich der Rebellenaufseher. »Seien Sie still und setzen Sie sich«, sagte er.

»Das ist nicht fair!«, protestierte Lara, »das ist nicht fair! Warum dürfen die ihren ganzen Hausstand mitbringen, und mein Mann kriegt nicht mal den Platz, den ihr ihm versprochen habt?«

Der Aufseher schlang sich die Flinte über die Schulter und kam ans Hinterende des Busses.

»Schon gut, schon gut«, zeterte Lara. »Nur keine Aufregung.« Aber der Kämpfer hatte sie schon am Arm gepackt und zerrte sie nach vorn. Sie beschimpfte ihn, klammerte sich an Sitzlehnen, aber das hielt ihn nicht auf. Vorn angekommen, zog der Aufseher mit seiner freien Hand den Türhebel und schubste die Frau aus dem Bus. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Bürgersteig. Dann nahm er sich den Jungen vor, der ihn am Hemd gezerrt und gebrüllt hatte, er solle seine Mutter loslassen, und warf auch ihn hinaus. Bevor einer der Helfer aus der Kirche Gelegenheit hatte, etwas zu sagen, hatte er ihnen die Rucksäcke hinterhergeworfen. Er schloss die Tür und drehte sich zu den Fahrgästen um.

»Noch jemand hier, der was zu sagen hat?« fragte er. Alle blieben still. Der Aufseher drehte sich wieder zum Fahrer.

»Los«, sagte er. Der Fahrer gehorchte.

Bald war der Bus erneut auf dem Highway, fuhr nun wieder nach Westen, zurück in Richtung Mississippi. Eine Meile nachdem sie den Little Yellow Creek überquert hatten, nahm der Fahrer eine Straße nach Norden, navigierte nach dem Gedächtnis durch ein Labyrinth einspuriger Landstraßen. Die Straßen mäanderten um ausgetrocknete Flussbetten, in denen einst Arme des Tennessee River geflossen waren.

Holly drehte sich noch einmal zu Martina um.

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen Lara«, sagte sie. »Die ist nie wieder richtig in die Reihe gekommen, seit letzten Winter eine Drohne ihren kleinen Sohn umgebracht hat.«

»Das wusste ich nicht«, sagte Martina. »Ich wusste überhaupt nichts von all dem hier.«

Holly streckte die Hand über die Sitzlehne, stellte sich vor und begrüßte Martina. »Von wo sind Sie denn?«, fragte sie.

»St. James.«

»Nie gehört.«

»Südlich von Baton Rouge, am Mississippi.«

Holly runzelte die Stirn. »Das sind doch die Blauen«, sagte sie. »Blaurot jedenfalls. Wie sind Sie dann hier gelandet?«

»Die Kämpfe kamen von Texas her immer näher.«

»Schätzchen, glauben Sie, die Kämpfe in Texas waren schlimm? Dann haben Sie die Grenzstädte hier bei uns noch nicht gesehen. Sie hätten in den Norden gehen sollen, solange Sie noch konnten; die haben ein Büro in Baton Rouge, wo Sie sich eine Arbeitserlaubnis holen können.«

Martina warf einen Blick auf ihre Kinder, wollte sehen, ob sie zugehört hatten. Aber die schienen mit anderem beschäftigt – Dana schlief, Sarat war ganz in die Betrachtung des fremdartigen neuen Lands versunken, Simon unterhielt sich mit dem Jungen von Holly, der ihn mit einem mitgebrachten Plastikkrokodil spielen ließ.

»Na, was sage ich das überhaupt – wird schon werden«, plapperte Holly weiter. »Das sind gute Leute in Patience. Der Rote Halbmond. Das ist nämlich die beste von den Hilfsorganisationen, die, die sie zu sämtlichen großen Kriegen schicken. Ein Hotel ist es nicht, nicht dass Sie mich falsch verstehen, aber immerhin ist es groß genug, dass die Blauen nicht so tun können, als hätten sie es aus Versehen beschossen, wie sie das manchmal machen. Die Leute von Präsident Kershaw in Atlanta sagen sowieso, bis Weihnachten haben wir wieder Frieden, und dann können alle in ihre Häuser zurück, oder was davon noch übrig ist. Er sagt, vielleicht müssen sogar die Blauen für den Wiederaufbau in den Grenzstädten zahlen, aber das glaube ich erst, wenn ich es sehe.«

Martina blickte aus dem Fenster. Sie sah vier alte Lastwagen, Benzinmodelle von früher, am Straßenrand geparkt. Eine Gruppe von ungefähr zehn Soldaten der Freien Südstaaten stand dabei. Einer gab dem Bus Zeichen zu halten.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fragte Martina.

»Ach, das ist nichts«, antwortete Holly. »Wir dürfen keine bewaffneten Rebellen dabeihaben. Das macht die Leute vom Roten Halbmond nervös.«

Der Bus hielt. Der Rebellenkämpfer stieg aus, und einer der Soldaten stieg an seiner Stelle ein. Der Soldat hatte genauso eine rote Uniform an wie die Posten an der Grenze nach Louisiana, das Käppi zusammengefaltet unter die Schulterklappe gesteckt.

»Morgen«, sagte er zu den Fahrgästen. Ein paar nickten oder erwiderten den Gruß.

»Na, da haben wir ja eine tolle Stimmung an Bord«, meinte er zu dem Fahrer. »Also los, zum Tor dann.«

Der Fahrer fuhr weiter. Nach ein paar Meilen kamen sie an ein brandgerodetes Gelände, nicht weit von der Stelle, an der sich im Tennessee River die Grenzen dreier Staaten trafen. Der Bus fuhr über eine Reihe von Bremsschwellen. Ein Schild zeigte dasselbe Halbmondzeichen wie die Westen der Kirchenhelfer in Huntsville. Auf dem Schild stand: »Flüchtlingslager Camp Patience – Neutrales Gebiet.«


***

Die Flüchtlinge schlurften nach draußen, in die Abenddämmerung von Mississippi. Die Chestnuts, ihre Beine steif von einem ganzen Tag im Bus, waren die Letzten, die ausstiegen. Es blieb ihnen kaum ein Augenblick Zeit, sich in ihrer neuen Umgebung umzusehen – Zelte aus dicker Leinwand, so weit das Auge reichte, das quirlende Leben der Gestrandeten –, da führte ein Mitarbeiter sie auch schon in die Baracke der Verwaltung.

Dort warteten sie in einem großen Vorraum, saßen auf Plastikstühlen, die für Schulzimmer gemacht waren. Andere hatten vom Sitzen genug, holten Decken aus ihrem Gepäck, breiteten sie auf dem Boden aus, legten sich darauf und schlossen die Augen. An mehreren Stellen des Raums surrten große Standventilatoren. Viele der neu angekommenen Flüchtlinge drängten sich um diese Ventilatoren. Ein paar Helfer gingen umher und verteilten Flaschen mit kühlem Wasser.

»Wo sind wir, Mama?«, fragte Sarat.

»Nur ein Quartier für die Nacht, Baby«, antwortete ihre Mutter.

»Das riecht komisch hier.«

»Ich weiß, Baby. Es geht gleich weiter.«

Eine halbe Stunde warteten sie in dem Vorraum, dann hörte Martina, wie einer der Helfer ihren Namen rief. Wieder nahmen sie und ihre Kinder ihre Besitztümer und folgten dem Helfer in ein Büro, wo ein Mann an einem mit Papierstößen beladenen Lehrerpult saß, vor sich einen Stapel Aufnahmeformulare.

»Chestnut?«, fragte er.

»Das sind wir«, erwiderte Martina.

»Vier?«

»Ja.«

Der Mann studierte eine ganze Weile die Papiere vor sich. Seine müden Augen waren von dunklen Ringen umgeben, Zeichen des Schlafmangels.

»Sie sind keine Bürger der Freien Südstaaten«, sagte er.

Martina schwieg. Der Mann sah sich das Aufnahmeformular noch einmal an.

»Haben Sie … eine Einreiseerlaubnis der FSS-Konsulats …« setzte der Mann an, hielt dann wieder inne. »Hat jemand Ihnen Papiere gegeben? Sie wissen, dass dies ein Lager für diejenigen ist, die innerhalb der Freien Südstaaten ihre Unterkunft verloren haben? Verstehen Sie, was ich sage?«

»Papiere habe ich nicht«, antwortete Martina.

Der Mann legte den Stoß Formulare ab und kratzte sich am Kopf. Mit einem Seufzer holte er aus einer Schublade ein rosa Formular. Er machte sich daran, es auszufüllen, stellte Martina Fragen, sah aber dabei nicht auf.

»Ihr Geburtsdatum?«

»21. März 2036.«

»Name und Geburtsdatum des Jungen?«

»Simon Chestnut. 1. Januar 2066.«

»Der Mädchen …«

»Sara Chestnut, 30. Dezember 2068. Dana Chestnut, dito.«

»Sind sie geimpft?«

»Was?«

»Haben sie Impfungen bekommen? Masern, Mumps und so weiter.«

»Nein.«

»Sind sie krank? Irgendwelche ansteckenden Krankheiten? Husten, Fieber, etwas in dieser Art?«

»Nein.«

Der Mann schüttelte den Kopf und strich mehrere Zeilen auf dem Formular aus. Dann las er es noch einmal und strich auch noch die gesamte untere Hälfte aus. Er drückte einen Stempel des Roten Halbmonds darauf und steckte es dann zusammen mit den andren Aufnahmeformularen in eine Mappe.

»Sie sind mit dem Flüchtlingsbus aus Hazel Green gekommen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dann werden wir aus verwaltungstechnischen Gründen sagen, dass Sie auch von da stammen. Wenn jemand Sie fragt – und manchmal haben wir Vertreter der Medien hier im Lager –, sagen Sie, dass Sie aus Hazel Green sind. Das ist sehr wichtig, verstehen Sie das?«

»Klar.«

Der Mann rief eine weitere Helferin herein, die die Chestnuts mit nach draußen nahm.

»In der Abteilung Alabama ist derzeit kein Platz frei, wir stecken euch stattdessen nach Mississippi. Reihe sechsunddreißig, Zelt vierzehn«, sagte die Helferin. »Merkt euch das, das ist von jetzt an eure Adresse.«

Unter purpurrotem Abendhimmel zogen die Chestnuts in die riesige Zeltstadt ein, die bis zur Nacht des großen Massakers ihre Zuflucht sein sollte.



Auszug aus:


Augenzeugenberichte aus dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg:


Band II, 2074–2080


FRAGE:

Wie viele Männer waren es auf Ihrer Seite?

ANTWORT:

Ungefähr fünfhundert, da wo ich war, nördlich von Kilgore. Dazu noch etwa dreimal so viele zwischen Longview und Gladewater und rauf bis zum East Mountain. In diesem Teil von Texas hatten wir damals überall Kämpfer. Das war ziemlich genau die Zeit, als die Südstaaten ihre Unabhängigkeit erklärten, und alle brannten noch auf den Kampf.

F:

Könnten Sie uns etwas über die Männer in Ihrem Regiment in Kilgore sagen? Ihr Hintergrund, ihre Herkunft.

A:

Es gab kein Regiment, nur einen Haufen Männer mit Gewehren, die nicht wussten, dass man sie in den Untergang schickte. Die meisten waren Texaner. Oder zumindest kamen ihre Vorfahren aus Texas, früher, als das noch ein richtiger Staat war. Ein paar hatten Erfahrung als Soldaten der Nationalgarde oder beim Militär der Blauen vor der Unabhängigkeit. Man merkte gleich, dass sie uns andere verachteten. Die hatten echte Uniformen, frisch aus Austin, und neue Gewehre, die gleichen wie die Blauen. Die meisten von uns hatten nur die Typ 95, die mit den Booten kam, oder alte Jagdgewehre oder sogar nur eine Pistole. Ein paar Jungs aus Mississippi kamen mit verrosteten alten Breitschwertern, als wären wir am Hof von König Artus oder so was. Die Dinger waren so schwer, dass sie sie kaum halten konnten.

F:

Was trieb die Männer an, die aus Gegenden außerhalb von Texas auf die Ölfelder kamen?

A:

Die aus den blauroten Staaten – Arkansas, Kansas, Tennessee –, die waren zu Hause entweder pleite oder arbeitslos oder vor irgendwas auf der Flucht, die wollten drei Mahlzeiten am Tag und ihren Sold, egal wie viel, oder es waren Leute, die es ihren Heimatstaaten wirklich übelnahmen, dass sie sich auf die Seite von Columbus geschlagen hatten – dass sie für das Benzinverbot waren; die waren dann wirklich da, weil sie den Kampf wollten.

Diejenigen aus dem MAG gehörten meist zu den Rebellengruppen dort – den Palmetto Guns, den Neuen Zouaven, den Mississippi Sovereigns, und es gab noch ungefähr ein Dutzend kleinerer Gruppen, die vielleicht nur zehn Mitglieder hatten, noch weniger sogar. Wenn man einem von denen die Gelegenheit gab, dann quatschten sie einem ein Ohr ab, über die Gerechtigkeit der Sache des Südens. Ich glaube, manche von denen dachten tatsächlich, sie tun das Werk Gottes, da draußen in East Texas.

Dann gab es die Leute aus South Carolina, wieder eine vollkommen andere Sorte. Das war, bevor Columbus den ganzen Staat plattgemacht hat, aber auch damals waren die Kämpfer aus Carolina schon die zähesten Hunde an der ganzen Front. In Friedenszeiten bin ich mal da gewesen, und mir ist nicht ein einziger unfreundlicher Mensch begegnet. Aber vom ersten Kriegstag an haben die mit keinem mehr geredet, keinem die Hand gegeben, nichts. Wenn man mit denen zusammen war, hätte man glauben können, in der ganzen Geschichte von South Carolina sei nie ein Krieg zu Ende gegangen, und sie müssten sie alle zusammen da in dem Augenblick kämpfen.

Und dann gab es noch Männer, die waren einfach nur da – keine Richtung, zu der die gehörten, nichts. Ja, zum Teufel, bei manchen hätte ich gewettet, dass das Blaue waren, dass die bis zur Woche zuvor noch nie aus dem Staate New York rausgekommen waren. Wahrscheinlich Leute, die nur den Nervenkitzel wollten, mal das Kampfgetümmel aus der Nähe sehen, den Geschmack der Rebellion kennenlernen. Die meisten Texaner und die Rebellen hassten diese Sorte, nannten sie Touristen, hielten sie für Spione. Aber wenn man sich da erst mal dran gewöhnt hatte, war es ja auch ein Trost, dass man Leute aus dem Norden auf der eigenen Seite hatte. Es war eine Bestätigung, dass die Sache, für die man kämpfte, zu hundert Prozent gerecht sein musste.

F:

Können Sie beschreiben, was Sie gesehen haben, als Sie an der Front ankamen?

A:

Als wir ankamen, sahen wir nur Farmland wie überall, nur dass nirgendwo etwas angebaut wurde. Wir schlugen unser Lager in fünf verlassenen Farmhäusern und auf dem Gelände dort auf. Zwischen den Häusern waren eine, manchmal zwei Meilen Abstand, und das ganze Land war überwuchert von diesem scharfkantigen braunen Gras. Ich weiß nicht, was es war, aber es kratzte schrecklich, wenn man da durchging, und es war durch nichts auszurotten. Ich habe gesehen, wie einer von den Jungs versucht hat, mit der Machete einen Weg freizuschlagen, von einem der Häuser zu einer Gewehrstellung keine hundert Fuß weg. Der hat bestimmt eine Stunde lang auf das Zeug eingedroschen, und hinterher sah man überhaupt keinen Unterschied. Nur bei ihm hätte man denken können, er ist in einem Teich voller Quallen schwimmen gegangen.

Das Gute an dem Gras war allerdings, dass es hoch war. Wenn man in diesem Gestrüpp auf die Knie ging, war man unsichtbar. Deshalb postierten die Texaner die meisten von uns auf den Feldern. Wir wickelten uns Handtücher ums Gesicht, damit nicht alles juckte.

F:

Können Sie uns etwas über die Nacht des Angriffs erzählen?

A:

In unserem Teil des Felds waren wir in einer Reihe mit jeweils ungefähr hundert Fuß Abstand aufgestellt, immer zu zweit. Mein Partner war ein Mann aus Montgomery … Mist, an den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Die ganze Nacht ging das Geflüster hin und her – Siehst du was? Nein, du? Nichts.

Gegen drei Uhr morgens hörte ich etwas – hörte sich an wie die Zahlenschlösser, die man früher an Koffern hatte. Klick-klick-klick, sonst nichts. Es war nicht allzu laut, aber es passte nicht dahin. Ich weiß noch, ein alter Veteran aus der Armee von Texas hat mir einmal gesagt, in der Natur gibt’s keine geraden Linien, und es gibt auch keine geraden Töne. Das war ein gerader Ton. Aber bevor ich etwas sagen konnte, hatten sie das Farmhaus am Ende der Straße schon in die Luft gejagt. Es war ein großer Blitz, hellorange, und ein Geräusch, als ob ein blecherner Ballon platzt, dann war nichts mehr übrig, nur noch ein kleines Feuer und eine große schwarze Qualmwolke.

Und dann war mit einem Mal die Hölle los. Man hörte die Männer auf den Feldern fluchen, Kommandos zum Feuern wurden gegeben, aber es war ja nichts zu sehen, worauf wir hätten feuern können. Ein paar Kämpfer hatten welche von diesen Nachtsichtgeräten, und alle in der Nähe fragten dauernd, was sie sähen, aber auch die sahen nichts. Dann kam noch einmal ein Klick-klick-klick, und alle wussten nun, dass sie sich ducken und sich die Ohren zuhalten mussten, so wie sie’s uns beigebracht hatten, und dann war das Farmhaus zur Linken weg.

Ich spürte die Explosion wie einen Schlag in den Bauch. Als ich wieder Luft bekam, rief ich meinen Partner, fragte, ob alles in Ordnung sei, aber er antwortete nicht. Erst am Morgen sah ich, wie er umgekommen war. In den Bomben, die sie auf uns warfen, waren kleine Pfeilspitzen, und seine ganze linke Seite war davon zerfetzt. Hätte ich links von ihm gestanden statt er links von mir, wäre er am Leben geblieben, und es hätte mich erwischt. Aber es kam eben so.

Als sie mit den Häusern fertig waren, bombardierten sie die Felder. Nach einer Weile habe ich mich einfach nur bäuchlings auf den Boden gelegt, habe gebetet und gewartet.

Irgendwann war es mit den Bomben vorbei, und nun hörte ich das Geräusch von Hubschraubern über uns. Es gab immer noch ein paar Männer, die das Bombardement überlebt hatten, und die wurden jetzt aus der Luft niedergemäht. Aber alles hörte sich an, als wäre es weit weg. Ich hatte so einen grässlichen Ton in den Ohren, ein Läuten. Aber ich spürte, wie die Erde um mich her bebte.

Dann flogen die Hubschrauber tiefer, ein paarmal hin und her, und dann landeten sie. Ich spürte die Soldaten in meiner Nähe, aber ich sah und hörte nichts. Sie gingen in Reihen über die Felder, einmal in jede Richtung. Ich lag so still wie ein Toter. Einmal waren sie mir so nahe, wie ich Ihnen jetzt bin. Ich weiß nicht, ob sie dachten, ich sei schon tot, ob es ihnen egal war oder ob sie wollten, dass ich am Leben blieb und Zeugnis ablegte, aber sie gingen einfach weiter. Eine Stunde später waren sie fort, aber ich regte mich erst wieder, als die Sonne aufging.

F:

Was sahen Sie am Morgen?

A:

Ich sah die Toten auf den Feldern, die Häuser zu Asche verbrannt.

F:

Haben Sie Bundessoldaten gesehen, oder gefallene Bundessoldaten?

A:

Es war, als wären sie nie da gewesen.

F:

Waren Sie verwundet?

A:

Ich spürte nichts.

F:

Was haben Sie als Nächstes getan?

A:

Zuerst dachte ich, ich gehe nach Süden, zurück nach Kilgore. Ich dachte, dahin sind die anderen gegangen – da wusste ich ja noch nicht, dass es keine anderen mehr gab. Dann habe ich es mir anders überlegt. Ich dachte, als Nächstes nehmen sich die Blauen bestimmt Kilgore und die ganzen Städte in der Umgebung vor und bringen auch noch diejenigen unter den Feinden um, die keine Kämpfer sind.

F:

Gab es Deserteure?

A:

Nein.

F:

So jemand wäre gar nicht erst mitgekommen?

A:

Nein, das waren einfach keine Kämpfer, aber für die Blauen waren sie ja trotzdem Feinde. Sogar eher Feinde als wir mit unseren Waffen.

Ich verlange nicht, dass Sie das verstehen. Ihre Seite war im Krieg, aber Sie haben den Krieg nie am eigenen Leib erfahren. Hier bei den Roten, da war der Krieg überall.

Wenn Sie damals im Krieg im Süden gelebt hätten, dann wären Sie zwar vielleicht nie selbst mit vorgehaltener Waffe gezwungen worden, Ihr Haus zu verlassen, aber Sie hätten jemanden gekannt, dem es so gegangen war. Vielleicht hätten Sie keinen lieben Menschen verloren, als die Vögel kamen und Tod über alle brachten, ohne Sinn und Verstand, aber Sie hätten jemanden gekannt, der jemanden verloren hatte.

Aber das Wissen allein war für die meisten nicht Grund genug, zu den Waffen zu greifen – nicht jeder kann die Aussicht ertragen, dass er womöglich erschossen wird oder von Granatsplittern in Stücke gerissen, oder schlimmer noch, gefangen genommen wird und in Sugarloaf oder einem von den anderen Gefangenenlagern elend vor die Hunde geht. Aber dass man etwas tun wollte, das stand fest.

Man gab also Almosen an bestimmte Kirchen, weil man genau wusste, was mit dem Geld geschah. Oder wenn die Blauen Razzia in einer Stadt machten, nach den Aufständischen suchten, von denen sie immer redeten, dann hat man, auch wenn man genau wusste, wo sie sich versteckten, den Mund gehalten und zugesehen, wie die Marines einem das Haus auseinandernahmen, bis sie genug hatten und abzogen. Und wenn Nachricht von – wie nennt ihr da oben das? terroristischen Anschlägen? – wenn also so eine Meldung kam, dass es irgendwo nördlich der Tennesseelinie ein paar Tote gegeben hatte, dann sagte man nichts, aber klammheimlich freute man sich. Man freute sich, weil die da oben auch mal zu spüren bekamen, wie es bei uns hier unten war. Nicht, dass wir damit quitt gewesen wären, nicht im entferntesten, aber eine kleine Kostprobe bekamen sie.

Das ist etwas, was ihr im Norden nie verstehen werdet. Die echten Aufständischen haben nicht einen einzigen Schuss abgefeuert.

F:

Haben Sie im Laufe des Krieges noch einmal an einer Schlacht teilgenommen?

A:

Nein. Ich bin zu Fuß nach Osten gegangen, zwei Tage lang, bei Cross Lake hat mich einer mitgenommen, und so kam ich wieder in meine Heimatstadt, im Süden von Alabama. Habe da gesessen und gewartet, bis der Krieg vorbei war, und die Pest, die danach kam. Bis das alles vorüber war, war praktisch jeder, den ich einmal gekannt hatte, tot.

F:

Empfinden Sie heute noch Ressentiments, Bitterkeit oder bösen Willen gegenüber der Union oder den Nordstaaten?

A:

[lacht]



II. Juli 2081


Iuka, Mississippi




5. Kapitel

Im Grundriss erinnerte Camp Patience an einen geviertelten Kreis. Im nordwestlichen Viertel wohnten die Leute aus Mississippi, im südwestlichen die aus Georgia, Alabama bevölkerte den Nordosten, South Carolina den Südosten. Neuankömmlinge bekamen ihre Plätze je nach Heimatstaat zugewiesen. Die Chestnuts, die nirgendwohin gehörten, lebten im Mississippi-Quadranten, seit ihrer Ankunft vor sechs Jahren.

In der Mitte des Lagers, am Schnittpunkt der vier Sektoren, standen die Verwaltungsgebäude: das Aufnahmebüro, die Schule, die Kapelle, die Krankenstation und die Cafeteria. Um diesen Mittelpunkt, wie von einer Zentrifuge nach außen geschleudert, gruppierten sich die Zelte.

Im Westen grenzte Camp Patience an die verdorrten Reste des Wildreservats von Tishomingo County. Im Norden lag hinter hohen, drohenden Zäunen Tennessee. An einem klaren Wintertag konnten die Bewohner der nördlichsten Zelte vage die Umrisse der getarnt zwischen den Bäumen stehenden Wachtürme der Blauen sehen, in ihren vorgeschobenen Operationsbasen, und nachts hörten sie die Zoten und Flüche der unionstreuen Milizsoldaten, die das Gebüsch durchkämmten, immer auf der Suche nach denen, die es etwa wagen wollten, in den Norden zu kommen.

Manche versuchten es trotzdem und kamen um. Andere blieben eine Weile im Lager und gingen dann wieder, zogen es vor, ihr Glück in den städtischen Slums zu versuchen, die sich rund um Atlanta, die Hauptstadt des Südens, gebildet hatten. Die einzige Ausnahme waren die Flüchtlinge aus South Carolina, die sich darauf eingestellt hatten, auf Dauer in Patience zu bleiben. Leute aus South Carolina konnten nicht mehr hoffen, je wieder nach Hause zu kommen, denn das South Carolina, das sie gekannt hatten, gab es nicht mehr. Gleich zu Beginn des Krieges hatten Agenten der Union das Land mit einem Virus infiziert, das den Willen der entschlossen sezessionistischen Bevölkerung lähmen sollte, und jetzt war es vollständig abgeriegelt, ein Hospiz. Die Kranken mussten dort bleiben, im Gefängnis der Quarantänemauern, und die Gesunden konnten nie wieder in ihre Heimat zurück.


––––

Martinas Nachbarin Lara klopfte an die Tür des Chestnut’schen Zeltes und trat ein. Sie fand Martina da, wo sie meistens war, an dem alten Gartentisch aus Plastik. Der Tisch war der Mittelpunkt des improvisierten Büros, in dem Martina den Großteil ihrer Tage verbrachte und Bittbriefe sowie tausenderlei Anfragen im Namen derjenigen Flüchtlinge verfasste, die nicht lesen und schreiben konnten.

»Wie war das Interview?«, fragte Martina.

»Wie immer«, antwortete Lara. »Du weißt doch, diese Journalisten der Blauen, die stellen immer dieselben Fragen. Aufständische hier, Sezessionisten da. Immerhin ein paar Dollar für die Cantina verdient. Da kann man nicht klagen.«

»Setz dich doch«, sagte Martina. »Trink einen Schluck Wasser, es ist ja knallheiß draußen.«

Lara öffnete den kleinen Kühlschrank gleich neben Martinas Schreibtisch und nahm zwei Flaschen Wasser heraus. Das Wasser kam kistenweise am Zehnten jedes Monats, ein paar Tage nachdem die Hilfsschiffe in Augusta angelegt hatten. Die zerdrückten Flaschen waren die häufigste Form von Müll im Lager.

»Woran sitzt du gerade?«, fragte Lara, ließ sich auf dem Klappstuhl neben Martina nieder und blickte über ihre Schulter auf den Schirm eines alten, kaum noch funktionstüchtigen Tablets.

»Die Neue in Alabama 36–12 will in Atlanta anfragen, ob sie ihren Mann ein Jahr früher aus dem Gefängnis lassen«, antwortete Martina. »Sie sagt, die Yankees haben ihn zum Kriegsdienst gezwungen und er hat nie einen einzigen Schuss abgegeben.«

»Du willst es so einrichten, dass der Brief zum Unabhängigkeitstag ankommt?«

»Ja.«

»Hat das Aussichten?«

»Natürlich nicht. Aber sie hat mir ein ganzes Päckchen Yuxis dafür geboten, da sage ich nicht nein.«

»Da fällt mir ein«, sagte Lara. »Diese Madison, von der ich dir erzählt habe, drüben in Georgia, die hat es sich anders überlegt. Du sollst jetzt doch nicht für sie an Mr Sharif schreiben.«

»Hat sie jemand anderen gefunden, der die Hasenscharte von dem Jungen operiert?«

»Das nicht. Sie sagt, vor ein paar Tagen war sie hier, wollte zu dir, und hat das Ding da gesehen.« Lara zeigte auf die lädierte Marienstatue, die am Zelteingang auf zwei Wasserkisten stand.

»Und was ist damit?«, fragte Martina.

»Anscheinend hat sie was gegen Katholiken.«

»Machst du Witze?«

»Nein, Ma’am.«

Martina schüttelte den Kopf. »Leute gibt’s«, sagte sie. »Mir ist’s recht. Soll sie den Schlangenbeschwörer aus Birmingham kommen lassen, um ihren Sohn zu kurieren, wenn sie so fromm ist.«

Lara lachte. »Den lassen sie nicht mehr rein. Zu gefährlich für ihren Geschmack. Jetzt haben sie so ein Baptisten-Weichei aus Atlanta. Du kennst die Sorte – göttlicher Heilsplan hier, göttlicher Heilsplan da.« Lara schaute auf Martinas Tablet nach der Uhrzeit. »O, schon so spät«, sagte sie. »Kommst du mit in die Kirche?«

»Keine Zeit«, antwortete Martina. »Muss das hier fertigmachen. Und dann habe ich noch was für die Buckhorns.«

»Was wollen die Buckhorns denn jetzt schon wieder?«

»Anscheinend sind die Kämpfe an der Ostgrenze von Georgia abgeflaut. Atlanta hat ihre Heimatstadt wieder für sicher erklärt.«

»Und sie suchen jemanden, der sie hinfährt?«

»Nein, sie fragen, ob sie hierbleiben können.«

»Das habe ich ja noch nie gehört«, meinte Lara.

»Kann’s ihnen nicht verdenken. Die waren schon hier, als wir kamen. Wahrscheinlich wartet zu Hause nichts weiter als ein großes Loch im Boden auf sie.«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Unterhaltung. Lenny, ein siebzehnjähriger Junge, der im Lager für seine guten Beziehungen bekannt war und alles Mögliche organisierte, trat mit einem Bündel Banknoten in der Hand ein.

»Morgen, die Damen«, sagte er. »Behauptet nicht, ihr wärt nicht froh, mich zu sehen, denn ich weiß genau, das ist nicht wahr.«

»Jedenfalls ist erfreulich, was du da in der Hand hast«, sagte Lara. »Wie viel hast du ihm abgeknöpft?«

»Sie werden sich freuen zu hören, Mrs Boswell, dass ich das übliche Honorar aushandeln konnte«, sagte Lenny. Er zählte von seinem Geldbündel dreihundert Dollar ab und legte sie auf den Tisch. »Und das obwohl Sie sich gegenüber unserem Gast heute Morgen ja nun wirklich nicht fein benommen haben.«

»Wird jetzt auch noch erwartet, dass ich für sie singe und tanze?«

»Auf alle Fälle wird nicht erwartet, dass du sie beschimpfst.«

»Ich habe niemanden beschimpft.«

»Du hast ihn einen Lügner genannt«, sagte Lenny. »Für einen schnieken Journalisten aus dem Norden ist das schlimmer als Schimpfen.«

Martina streckte die Hand aus. »Was ist mit dem Anteil für meine Tochter?«, fragte sie.

»Hm?«

»Spar dir dein Hm. Dreh mir mal deine Schokoladenseite zu.«

»Alle meine Seiten sind Schokoladenseiten«, antwortete Lenny. Er reichte Martina zweihundert Dollar.

»Mehr nicht?«, fragte Martina. »Die haben sie doch bald eine Stunde lang vor der Kamera gehabt.«

»Für heute ist das alles. Aber keine Sorge, deine Dana Chestnut wird noch ein Star. Die Gauner von drüben, die blättern jeden Betrag für Aufnahmen von einem hübschen kleinen Flüchtlingsmädchen aus dem Süden hin, und du hast das hübscheste kleine Flüchtlingsmädchen weit und breit.«

»Das soll aber nicht zur Gewohnheit werden«, protestierte Martina.

»Deine Entscheidung, aber die kommen zurück, die wollen mehr davon, das weiß ich.« Lenny kniete sich vor den Kühlschrank der Chestnuts und nahm sich eine Flasche Wasser. Er setzte sich zu den beiden Frauen an den Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Unterschätz den Burschen nicht«, sagte er zu Lara. »Für so eine Reportage für die Blauen kann er schon was aus dem machen, was du ihm erzählt hast, auch wenn du ja weiß Gott die halbe Zeit weitschweifig und konfus genug warst.«

»Kann mir doch egal sein, was der daraus machen kann«, sagte Lara. »Gibt’s denn da oben wirklich noch Leute, die nicht wissen, dass wir hier unten Krieg haben?«

Lenny lachte. »Er will immer, dass ich mit ihm ins Carolina-Viertel gehe. Ich habe ihm gesagt, die schneiden ihm noch im Moment, in dem sie ihn sehen, die Kehle durch, aber er glaubt fest daran, dass sie – wie hat er gesagt? Ja, genau, dass sie seine Neutralität anerkennen.«

»Oh, Anerkennung bekommt er«, meinte Lara. »Der wird staunen, was er für Anerkennung bekommt.«

Lenny stürzte sein Wasser in zwei großen Schlucken herunter und stellte die Flasche auf den Tisch. Er war klein und mager, verkümmert schon beinahe. In jahrelanger Übung hatte er im Gedächtnis seiner Muskeln eine Erinnerung verankert, die dafür sorgte, dass die hochgezogene Schulter eine Art Kuhle bildete und er den Kopf ein wenig hineindrückte, so dass man die entstellte Hälfte seines Gesichts, die Narbenhaut, das verschrumpelte Ohr nicht ganz so sehr sah. Er trug praktisch nie etwas anderes als alte QQ-T-Shirts, dazu Cargohosen, in deren vielen Taschen er Notizbücher voll mit Namen und Adressen hatte, sowie drei von den wenigen brauchbaren Telefonen, die es in Camp Patience noch gab.

»War mir wie immer ein Vergnügen, meine Damen«, sagte er und erhob sich. »Wir sehen uns, nehme ich an. Haltet immer schön Abstand vom Zaun. Mein Informant sagt, bei den Milizen da oben braut sich wieder was zusammen.«

Als er fort war, schaltete Martina ihr Tablet aus und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. In sechs Jahren hatte sie gelernt, das Wetter vorauszusagen; der nächste Staubsturm war im Anzug. Diese Art Trockenheit kannte sie, eine unsichtbare Schwere hing in der Luft. In den nächsten ein oder zwei Tagen würde wieder brauner Dunst aufziehen, und eine Woche lang würde es in der Cantina keine Druckluftdosen und feuchten Wischtücher mehr geben.

»Wie lange macht der Junge das schon?«

»Lenny? Der organisiert hier alles, seit er zehn oder elf ist. Hat angefangen als Zigarettenschmuggler für die Soldaten, die Blauen oben an der Grenze. Dachte sich wahrscheinlich, einen so kleinen Jungen wird schon keiner erschießen, und hat wohl einfach Glück gehabt, dass es tatsächlich keiner getan hat. Dann kam die Arbeit für die Journalisten. Dabei hat er auch sein halbes Gesicht verloren. Einer von den Reportern wollte offenbar hoch nach Corinth, wo die Rebellen dauernd Anschläge auf die Blauen mit Autobomben machten, er fährt mit ihm hin, und jetzt rate mal …«

»Hast du das viele Geld gesehen? Der Junge muss mittlerweile auf einem ganzen Sack Geld sitzen.«

»Und er gibt nie was davon aus. Hat seine Pläne. Jedes Mal wenn er einem Reporter aus dem Norden oder einem Soldaten von den Blauen einen Gefallen tut, bittet er sie um einen Empfehlungsbrief, damit er eine Einreisegenehmigung beantragen kann, und dann nichts wie weg von hier, weit weg von den Roten. Alle versprechen es ihm, aber so gut wie keiner schreibt wirklich was. Er verrät ihnen nicht mal seinen richtigen Namen, er hat eine zweite Identität allein für seine Geschäfte mit dem Norden. Für sie ist er Christian irgendwas.«

»Er arbeitet immer noch für die Soldaten der Blauen?«

»Ja. Würde vermuten, die denken sich mittlerweile, wenn sie eine Stadt im Süden stürmen und wenn sie wollen, dass die Leute mit ihnen kooperieren, dann geht das am besten, wenn sie einen aus dem Süden dabeihaben.«

»Erstaunlich, dass die Rebellen ihn noch nicht aufgehängt haben.«

Lara zuckte mit den Schultern. »Er ist einer von denen, die mit allen gut können, er hat eine Menge Freunde«, sagte sie. »Irgendwann fällt er damit auf die Nase, aber wenigstens hat er ein Ziel vor Augen, nicht wie wir anderen – sitzen einfach nur unsere Tage ab und warten, bis sie uns hier begraben.«

Lara stand auf. »Sicher, dass du nicht mit in die Kirche willst?«, fragte sie. »Bei dem Empfang hinterher gibt’s Orangensaft, der wirklich nach Orangen schmeckt.«

»Geh du nur«, sagte Martina. »Wir sehen uns heute Abend beim Spiel.«

Lara schüttelte den Kopf. »Nichts Traurigeres als eine Katholikin, die vom Glauben abfällt«, sagte sie.


***

Als ihre Freundin gegangen war, klappte Martina ihr Tablet wieder auf und wollte den Bittbrief zu Ende schreiben, zu dem sie beauftragt war. Aber ihr fiel nichts ein. Sie legte das Tablet auf den Tisch und ging zu ihrem Bett auf der Rückseite des Zeltes. Sie legte sich auf die Pritsche, und die metallenen Federn ächzten unter ihrem Gewicht.

Sie hatte im Laufe der Jahre Hunderte solcher Briefe geschrieben – Entschuldigungsbriefe; Eingeständnisse kleinerer Vergehen; Anträge immer größer werdender Familien, die ein geräumigeres, besser gelegenes Zelt wollten; Leserbriefe an ferne Zeitungen; Angehen um Reiseerlaubnisse in den Norden; Liebesbriefe; Beileidsbriefe.

Bis auf die Beileidsbriefe erwies sich das meiste, was sie schrieb, als nutzlos; vielleicht einer von zwanzig erreichte, weswegen er geschickt wurde. Diese erfolgreichen Schreiben, die vorzeigbaren Früchte ihrer Arbeit, druckte sie aus und steckte sie in ein Aktenschränkchen neben ihrem Bett. Das waren die Briefe, die ihr ihren Platz in der Geschäftswelt des Lagers, in dessen Ökosystem sicherten – neben Leuten wie dem Mann im Sektor Alabama, der wusste, wie man binnen maximal vier Tagen Geldgeschäfte im ganzen Land geregelt bekam, oder der Großmutter in Georgia, die es geschafft hatte, der Verwaltung für ihre hochwichtige Arbeit als Grundstücksmaklerin ein W-LAN abzuluchsen. Arbeit bedeutete Sinn im Leben, das Gefühl dazuzugehören, das Gefühl, dass man etwas bewirken konnte.

Im Zuge dieses Briefeschreibens hatte sie einiges über die vielen Eigentümlichkeiten im Machtgefüge des Südens gelernt. Die Mississippi Sovereigns, und überhaupt die meisten Rebellengruppen, ließen sich gern mit »Bruder« anreden; Briefe an Mr Sharif, den Direktor von Camp Patience, wurden stets nur von seinem Sekretär gelesen und beantwortet, durften aber nicht an diesen adressiert sein; die Regierung der Freien Südstaaten in Atlanta beantwortete gewissenhaft jedes Schreiben, aber immer mit mindestens zwei Jahren Verspätung.

Sie lernte, welche Angriffstaktiken funktionierten und welche nicht. Familienbeziehungen zwischen Bittsteller und Adressaten, egal, wie entfernt die Verwandtschaft sein mochte, mussten gnadenlos genutzt werden; Bilder verstorbener Verwandter hingegen oder von grässlichen Kriegsverletzungen bezweckten nie etwas, obwohl Flüchtlinge, die solche Bilder besaßen, jedes Mal forderten, dass sie mitgeschickt wurden; ein Hinweis auf mögliche Schmiergelder brachte in der Regel eine empörte Antwort, aber das Angebot, Geld für einen guten Zweck nach Wahl des Empfängers zu spenden, gab ihm taktvoll dasselbe zu verstehen.

Alles in allem war es vertane Arbeit, denn die Schreiben erreichten so gut wie nie etwas. Aber die Flüchtlinge, die Martina dafür bezahlten, dass sie diese Briefe in ihrem Namen schrieb, oder sie von ihr erbettelten, hinderte Hoffnungslosigkeit nicht daran zu hoffen.


***

Wie ihr altes Zuhause am Ufer des Mississippimeers war auch das Zelt der Chestnuts dreigeteilt. Martinas Zimmer nahm das hintere Drittel ein, abgegrenzt durch ein stählernes Krankenhausbett und eine alte Kommode.

Im Mittelteil des Zeltes wohnten die Zwillinge, zwei Betten einander gegenüber. Auf ihrer Seite hortete Dana, was sie an Dingen für das Leben eines Teenagermädchens ergattern konnte – ein Glätteisen für die Haare, ein Kästchen mit Schminksachen verschiedener Marken und Farbtöne, Abdeckcreme und Rouge und Lippenstift und Lidschatten. Daneben lag ein Stoß eselsohriger, schon vergilbter Belle-Hefte, einer Zeitschrift, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gab.

Auf Sarats Seite des Zeltes gab es keine Poster und nur wenige Besitztümer. In einer großen Plastikschüssel hatte sie ein ganzes Potpourri aus der Saat des Krieges beisammen – Patronenhülsen und Granatsplitter mit scharfen Zähnen. Sie bekam sie von den grimmigen Soldaten geschenkt, die den Nordrand des Lagers nach Landminen absuchen mussten. Sie sah den Männern gern bei der Arbeit zu, wie sie mit krummem Rücken dort entlanggingen und die uralten Metalldetektoren piepten hilflos dazu.

In dem kleinen Raum vor dem Zimmer der Mädchen hatte Martina eine Küche eingerichtet. Der Bereich zwischen Küche und Zelttür war Simons Zimmer. Hier herrschte Chaos, und der ranzige Geruch ungewaschener Kleider, die in einem Haufen am Fußende des Bettes lagen, hing stets in der Luft. Unter die Matratze des Bettes hatte er eine Wolldecke gestopft, die als Vorhang verdeckte, was immer er unter dem Bett haben mochte. An der Wand hing ein Poster, ein Bild der texanischen Wüste, wie sie früher gewesen war, jungfräulich, unzerstört. Es war ein Ausdruck des Protests. Das Wüstenposter erfreute sich bei den größeren Jungs des Lagers großer Beliebtheit, seit die Verwaltung Poster von einem bestimmten, schon lange nicht mehr gebauten benzinbetriebenen Sportwagen verboten hatte. Davor waren es Schlangen jeglicher Art gewesen; davor die Klapperschlange der Rebellen; und davor – ganz zu Anfang – Poster, auf denen der Name dieser oder jener Rebellengruppe stand. Bald würde die Verwaltung auch idyllische Bilder von Texas verbieten, und die Jungs würden sich etwas anderes suchen.

Das Zelt war vollgestopft mit Sachen, die sich irgendwie eingefunden hatten – Kochplatten, Standventilatoren, zwei Mini-Kühlschränke, halbleere Flaschen mit Wundbenzin, Feuchtigkeitscreme, Formulare und andere Papiere vom Lager oder den Freien Südstaaten, Dosenöffner, Verbandskästen; und, davon mehr als von allem anderen, Decken.

Decken gehörten zu jeder Hilfslieferung nach Camp Patience, Kiste um Kiste voll mit rauen Wolldecken, die auf der Haut scheuerten wie Sandpapier. Selbst im tiefsten Winter brauchte niemand Decken, und so machten die Flüchtlinge Trennwände für die Zelte und Tischtücher daraus, Fußabtreter und Schubladeneinlagen. Trotzdem blieben immer noch so viele Decken übrig, dass keiner mehr wusste, was er damit anfangen sollte. Stapel von zusammengefalteten Decken lagen zwischen den Betten der Zwillinge und auf dem Aktenschrank. Als Tauschgüter waren sie wertlos, unterlagen einer Inflationsrate noch größer als die des Südstaatendollars. Und doch schickten die namenlosen Wohltäter von jenseits des Meeres, aus China und dem Bouazizireich, immer weitere davon. Immer wieder überlegte Martina, wie die Ausländer sich wohl das Wetter in den Südstaaten vorstellten, aber es gelang ihr nie wirklich, die Menschen in ihren Wohltätern zu sehen. Sie existierten in einer anderen Welt, nicht als Wesen aus Fleisch und Blut, sondern als Teil einer gewaltigen, unvorstellbaren Maschinerie, deren einziger sichtbarer Teil die riesigen Hilfsschiffe waren, voll mit Decken.


***

Martina ruhte sich auf ihrer Pritsche aus. Sie schloss die Augen, aber schlafen konnte sie nicht. Die Mittagshitze machte sich schon bemerkbar. Sie stand wieder auf und ging nach draußen.

Von ihrem Zelt ging sie nach Süden, ins Georgia-Viertel. Sie folgte dem Weg zwischen den Zelten, bis sie an das der Frau kam, die das Baby mit der Hasenscharte hatte. Es war eins der neueren, am Südwestrand des Lagers gelegen. Die Frau war allein und wechselte dem Kind auf dem Bett die Windeln.

Er war ein perfekter Junge, die Haut glatt wie Alabaster. Selbst die Missbildung, die ihm die Oberlippe spaltete, sah so makellos aus, dass man eher den Eindruck hatte, es seien die Lippen aller anderen, mit denen etwas nicht stimmte.

»Morgen«, sagte Martina. »Haben Sie einen Moment Zeit?«

Die Frau sagte nichts. Sie war Anfang zwanzig. Sie trug ein Südstaaten-Shirt und einen schmucklosen grauen Rock, der ihr bis zu den Knöcheln reichte.

»Von Lara höre ich, Sie haben jetzt kein Interesse mehr an einem Brief an den Lagerleiter«, sagte Martina.

»So ist es«, entgegnete die Frau.

»Haben Sie einen anderen Plan?«

»Wir kommen schon zurecht.«

»Hören Sie, ich weiß nicht, was für eine Geschichte dahintersteckt, und ich will es auch gar nicht wissen«, sagte Martina. »Aber hier in dem Lager leisten wir uns nicht den Luxus, uns Feindschaften auszudenken. Lassen Sie mich den Brief für Sie schreiben, ich mache es kostenlos.«

»Nein. Ich danke Ihnen. Wir kommen zurecht«, sagte die Frau. Sie legte ihr Kind auf ein zugeschnittenes Stück Decke. Der Kleine strampelte mit pummeligen Ärmchen und Beinchen.

»Lieber Himmel, wir sind doch nicht mal Katholiken!«, rief Martina. »Die Statue gehört meinem Mann.«

»Dann ist Ihr Mann Katholik.«

»Mein Mann ist tot.«

Die Frau antwortete nicht. Ihr Baby gluckste und spuckte, dann blickte es wie gebannt hinauf zum Zeltdach.

»Schön«, sagte Martina. »Tun Sie, was Sie für richtig halten. »Aber machen Sie sich klar, dass es der kleine Junge dort ist, der für Ihre eingebildete Feindschaft zahlen muss.«

»Danke für Ihre Mühe«, sagte die Frau.

Martina ging wieder nach draußen. Ihr Ärger über die Sturheit dieser jungen Frau brachte Erinnerungen an all die Male zurück, die sie sich auf dieser oder jener Seite einer sinnlosen, bigotten Demarkationslinie befunden hatte; all die Male, die ein Fremder ihr das Gefühl gegeben hatte, sie gehöre nicht dazu, weil sie nicht seinen Vorstellungen davon entsprochen hatte, wie die richtige, normale Welt auszusehen habe – ihrer Hautfarbe wegen, der ethnischen Herkunft ihres Mannes, ja sogar der Jungenhaftigkeit ihrer Tochter wegen. Und sosehr sie auch dagegen anging, es kam doch immer wieder vor, dass es sie bitter machte. Dann sei eben gehässig, wenn dir das hilft, du dummes Ding, dachte sie. Klammere dich an das winzige bisschen Macht, von dem du glaubst, dass du es hast. Aber ich wünsche dir, dass du an mich denkst, jedes Mal wenn du die Scharte in der Lippe deines Jungen siehst.

Sie kehrte zurück in ihr eigenes Viertel Mississippi. Unterwegs sah sie Sarat, die mit ein paar Jungs, ein Stück älter als sie, Fangen spielte. Sie duckten sich zwischen die Zelte, unter den beschwerten Wäscheleinen hindurch, kicherten und kreischten. Martina rief ihre Tochter zu sich.

»Wälz dich nicht hier im Dreck«, schimpfte sie. »Du bist schon ganz schmutzig.«

»Wir spielen doch nur«, sagte das Mädchen, hielt kurz inne, während die anderen Kinder weiterrannten.

»Wo ist deine Schwester?«

»Weiß ich nicht«, antwortete Sarat. »Wahrscheinlich mit den Größeren im Zelt von Missy.«

»Habe ich dir nicht gesagt, du sollst auf sie aufpassen?«

»Die werden sie schon nicht fressen.«

»Und dein Bruder? Den habe ich den ganzen Vormittag nicht gesehen.«

»Ich hab gehört, er und Mark und die ganze Bande sind heimlich nach Muscle Shoals gegangen. Sag aber nicht, dass du das von mir hast, sonst wird er wütend.«

»Muscle Shoals? Wie kommen sie denn aus dem Lager?«

»Auf demselben Weg, auf dem die Schmuggler reinkommen«, antwortete Sarat und zeigte nach Osten. »Durch den Sandy Creek, drüben in Alabama.«

»Woher weißt du das? Bist du schon mal mitgewesen?«

»Würden die nie erlauben.«

»Woher weißt du es dann?«

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Das weiß doch jeder.«

Martina wischte ein wenig Staub von Sarats ärmellosem Sommerkleid. Gerade erst zwölf, und sie trug schon abgelegte Kleider anderer – Sachen, die sie von den Eltern von Kindern geschenkt bekamen, die drei Jahre älter waren als sie. Und selbst diese Kleider schienen von Tag zu Tag zu schrumpfen, so schnell entwickelte sie sich. Sie war in den letzten drei Jahren dermaßen gewachsen, dass ihre Mutter schon Angst hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmte, Hormone oder so etwas. Sie war jetzt genauso groß wie ihre Mutter, das krause Haar stand in alle Richtungen ab, starr von Schweiß und Schmutz.

»Geh deine Schwester suchen, und dann kommt ihr zwei nach Hause und wascht euch«, kommandierte Martina. »Für heute seid ihr genug draußen gewesen. Und geh nicht an den Nordrand.«

Sarat nickte. »Okay, Mama.«


***

Sarat sah ihrer Mutter nach, bis sie wieder im Zelt verschwunden war. Während der paar Worte, die Mutter und Tochter gewechselt hatten, waren die anderen Kinder weitergelaufen und nicht mehr zu sehen, und den Versuch, sie noch einzuholen, konnte sie sich getrost sparen. Sie machte kehrt und ging zum Duschzelt für die Frauen, auf dessen feuchter, modriger Treppe sie ihre Sandalen abgestellt hatte, damit sie besser laufen konnte.

Wie ein lebendiger Leib gab das Duschzelt eine feuchte Wärme ab, die nach den Körpern der Menschen roch. Besonders deutlich war es am frühen Morgen, wenn das Wasser am kühlsten und die Duschen am erträglichsten waren und verschlafene Flüchtlinge wie Pilger in langen Karawanen in ihren Plastiksandalen zu den Duschkabinen schlurften. Das gebrauchte Wasser floss in einen großen Abwassergraben, fünfzehn Fuß breit und fünf Fuß tief. Der Graben verlief rund um das ganze Lager und trug den Spitznamen Emerald Creek – der Smaragdbach. Auf seinem trägen Weg zu den Klärbecken stank diese braune Brühe aus den Ausscheidungen der Menschen so entsetzlich, dass die Flüchtlinge sich rundheraus weigerten, in Zelte zu ziehen, die dem Graben auch nur auf fünfzig Fuß nahe kamen.

Sarat zog die Sandalen an und ging Richtung Osten, nach Alabama, um ihre Schwester zu suchen. Ausdrücklich gegen den Wunsch ihrer Mutter nahm sie aber doch die nördliche Route entlang des Grenzzauns. Wenn sie nichts anderes zu tun hatte, verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit an diesem Zaun, allein, und sah den jungen Männern zu, die zum Minenräumen in dem Streifen zwischen dem Nordrand des Lagers und der Grenze nach Tennessee abkommandiert waren.

Hoffnungslosigkeit stand auf den Gesichtern dieser Männer geschrieben, die im Rang noch unter dem eines Gefreiten standen und, da juristisch gesehen unter dem Kommando der Freien Südstaaten, nicht die weißen Westen mit dem Zeichen des Roten Halbmonds tragen durften; diese waren allein den neutralen Helfern vorbehalten. Stattdessen trugen sie gelbe Fahrradjacken sowie Helme, rundum beklebt mit Reflektoren, und hofften, dass dies den Blauen auf der anderen Seite der Grenze eine Art inoffiziellen Nonkombattantenstatus anzeigte.

Selbst mit solchen Uniformen war es zu gefährlich, die Arbeit bei Nacht zu tun, und so waren die Männer am helllichten Tag draußen. Sie hatten sich mit dem Mädchen, das ihnen zusah, angefreundet und schenkten ihm, was die Detektoren Ungefährliches fanden. Für sie war sie ein wenig Unterhaltung – das massige Mädchen mit den wilden Haaren, das nie genug davon bekam, ihnen bei ihrer bedächtigen Kriegsmetallurgie zuzusehen.

In Alabama stieß Sarat auf einen Jungen, der eine halb mit braunem Wasser gefüllte Waschwanne betrachtete. Aus der nördlichen Lage des Zeltes und der Klapperschlange auf seinem T-Shirt – derentwegen man ihn noch nicht verwarnt hatte – schloss sie, dass er ein Neuankömmling war. Er hatte grüne Augen und hellbraunes Haar, akkurat in der Mitte gescheitelt. Er schien um die zwölf Jahre alt, wenn auch ein wenig schmächtig für sein Alter. In Wirklichkeit war er zwei Jahre älter als Sarat.

»Was machst du da?«, fragte sie.

Der Junge blickte erschrocken auf. »Ich reinige das Wasser«, erklärte er. »Mein Vater sagt, nur mit Plastikfolie und Sonne, ohne sonst irgendwas, kann man das Wasser klären.«

Ohne zu fragen, setzte sich Sarat neben den Jungen auf die Erde, neugierig geworden. In die Blechwanne hatte der Junge ein paar Flaschen Wasser und ein paar Handvoll Erde getan. Mitten in der Wanne stand eine der leeren Wasserflaschen, mit ein paar Kieselsteinen am Boden gehalten. Die Wanne hatte der Junge ganz mit einer Bahn klarer Plastikfolie überzogen, in der Mitte ebenfalls mit Steinen beschwert, so dass die Folie genau oberhalb des Flaschenhalses ein wenig durchhing.

»Von der Hitze verdampft das Wasser, aber der Schlamm bleibt unten«, erklärte der Junge. »Und weil das saubere Wasser nicht rauskann, läuft es an der Folie entlang und tropft in die Flasche.«

Sarat inspizierte die Wanne. Sie sah, wie Tropfen langsam an der Folie entlangwanderten; am Bauch dieser Tropfen ließ die Sonne kleine Regenbogen schillern.

»Man nennt das Verdunstung«, erklärte der Junge.

»Bist du gerade erst angekommen?«, fragte Sarat.

»Ja, vor zwei Tagen«, antwortete der Junge. »Wir kennen noch niemanden hier.«

»Ich bin Sarat Chestnut.«

»Und ich Marcus Exum«, sagte der Junge. »Kommst du aus Alabama?«

»Nein. Wir sind im Mississippi-Viertel. Schon sechs Jahre.«

»Sechs Jahre!«, rief Marcus. »Mein Dad sagt, jeder, der länger als einen Monat hierbleibt, der stirbt auch hier.«

»So schlimm ist es nicht. Ziemlich langweilig die meiste Zeit. Es gibt eine Schule, aber keiner kümmert sich drum, ob wir hingehen oder nicht.«

Beide Kinder blickten zu dem Zelt neben ihnen, aus dem eben Marcus’ Vater trat. Wie so viele Männer im Lager hatte er einen dicken Bauch und einen struppigen Bart, unter dem die Umrisse seines Halses ganz verschwanden. Und wie all die Männer wirkte er irgendwie unpassend an einem Ort, an dem es fast nur Frauen und Kinder gab. Er hatte eine braune Latzhose an, darunter ein weißes Unterhemd, frisch gewaschen, aber die alten Flecken sah man trotzdem noch. Der Mann kam zu seinem Sohn herüber.

»Das ist Sarat Chestnut«, stellte Marcus sie vor. »Sie ist schon sechs Jahre hier.«

Sarat hob zur Begrüßung die Hand. Der Mann musterte sie, weder freundlich noch kalt.

»Wie alt bist du?«, fragte er.

»Zwölf«, antwortete Sarat.

»So siehst du aber nicht aus.«

»Ich bin groß für mein Alter. Letztes Jahr bin ich fünf Zoll gewachsen.«

»Und du bist seit sechs Jahren hier, sagst du?«

Sarat nickte. Der Mann wies nach Nordosten, wo das, was von dem alten Highway 25 noch übrig war, geradewegs in eine Phalanx aus Klingendraht, Wachhäuschen und roten Zutritt-verboten-Schildern führte.

»Weißt du, wohin die Straße geht?«, fragte der Mann.

»Klar. Das ist das Nordtor. Führt zur Grenze nach Tennessee. Da kriegen Sie richtig Ärger, wenn Sie da hingehen. Mein Bruder sagt, die Blauen drüben haben Scharfschützen hinter sämtlichen Bäumen und erschießen jeden, der über die Grenze kommt. Denen ist das egal, ob es Kinder oder Frauen sind oder sonst jemand.«

Der Mann betrachtete das Tor eine ganze Weile, kniff im grellen Mittagslicht die Augen zusammen. Er ging ein paar Schritte darauf zu, überlegte es sich aber dann doch anders und nahm den Weg nach Süden, wo vier Neuankömmlinge um einen Pappkarton als Tisch saßen und Karten spielten.

Marcus sah seine neue Freundin an. »Haben die wirklich Scharfschützen da drüben?«, fragte er.

»Ja«, antwortete Sarat. »Willst du sie sehen?«

Marcus nickte. Sarat führte ihn zu einer Stelle, wo es nach Norden hin ein Loch im Zaun gab, gerade groß genug, um den Kopf durchzustecken.

»Schau da durch«, sagte Sarat. »Oben auf dem größten Baum drüben. Was siehst du da?«

Marcus inspizierte den Horizont. Die Bäume dort hinten waren dünn, aber an einer Stelle wurde das Laub dichter. Ein einzelner Baum in diesem Wäldchen ragte etwa zehn Fuß weiter in die Höhe als alle anderen.

»Die Minenräumer sagen, das ist gar kein echter Baum«, erklärte Sarat. »Nicht mal die Blätter sind echt. Sie sagen, das ist so eine Art Ausguck für die Scharfschützen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht sind die da oben und warten nur, dass jemand versucht rüberzukommen. Und dann erschießen sie den.«

Marcus sah einen Moment lang schweigend hinüber.

»Sollten wir denn dann so rüberschauen?«, fragte er. »Schießen sie nicht auch auf uns?«

Auf den Gedanken war Sarat noch nie gekommen. Während sie noch überlegte, machte irgendwo in den Bäumen ein Eichhörnchen einen Satz, Blätter raschelten. Beide Kinder zuckten vor Schreck zusammen.


***

Sarat fand ihre Schwester gemeinsam mit vier Freunden beim Verwaltungsgebäude des Lagers. Sie hockten auf den geschlossenen Deckeln von großen Mülltonnen zwischen der Cafeteria und dem Büro des Lagerleiters. Einen Großteil des Tages war diese Gasse menschenleer – gerade um diese Tageszeit, wo Belegschaft und Flüchtlinge gleichermaßen im östlichsten Gebäude des Zentrums zusammenkamen, der Kapelle. Egal, wo die Sonne stand, diese Gasse hatte immer Schatten, und an Sommertagen war es hier oft zehn Grad kühler als irgendwo draußen im Lager.

Dana winkte ihrer Schwester zu, als sie sie kommen sah. »Hallo, meine Schöne«, rief sie. Unmittelbar vor Sarats Ankunft hatten die Kinder etwas auf einem alten Tablet angesehen, aber jetzt klappten sie die Hülle zu.

Sarat winkte zurück. Die vier anderen waren Zehntklässler: die Mailer-Mädchen, soweit Sarat wusste die einzigen anderen Zwillinge im Lager, ein Junge namens Avery und ein zweiter, der Bishop hieß; diese beiden waren Freunde von Simon und gehörten zu denen, die immer wieder Ausflüge von dem kaum bewachten Bootsanleger am Sandy Creek machten.

Aber ansonsten waren diese älteren Kinder in so gut wie allem Fremde für sie – immer beschäftigt mit Sachen, die ihr vollkommen langweilig vorkamen und keinerlei Abenteuer versprachen: Farbe und Schnitt von Röcken, erstes Barthaar, die geheimnisvolle Topologie des Fleisches.

»Mama sagt, wir müssen jetzt nach Hause«, sagte Sarat.

»Wieso wir?«, erwiderte Dana. »Simon ist schon den ganzen Tag weg, der kriegt nie Ärger deswegen.«

»Das weiß ich nicht. Aber sie hat es gesagt.«

»Jungs dürfen immer machen, was sie wollen«, meinte eine von den Mailer-Zwillingen. Eins der beiden Mädchen hatte einen Schönheitsfleck auf der linken Wange, daran konnte man sie unterscheiden, aber Sarat konnte sich nie merken, welche welche war. »Letztes Jahr haben Bill und Mark Hernandez die Hälfte der Lautsprecher drüben im Alabama-Viertel abgerissen und in den Smaragdbach geworfen, und denen ist überhaupt nichts passiert.«

»Sind die nicht im Januar nach Hause geschickt worden?«, fragte Avery.

»Schon, aber nur weil ihre Eltern wegmussten«, erklärte die flecklose Mailer-Schwester. »Nicht als Strafe für die beiden.«

»Eigentlich ist es ganz einfach«, wusste Dana. »Wenn die Jungs fünfzehn werden, drücken sie ihnen eine Knarre in die Hand und schicken sie zum Nordtor raus. Sie müssen eine Woche lang da draußen überleben, und wenn sie wiederkommen, dürfen sie bleiben.«

»Warum müssen wir das?«, fragte Bishop. »Wir haben doch nichts getan.«

»Aber wenn ihr etwas tun wolltet, dann könntet ihr«, sagte Dana. »Deswegen.«

»Ja, schon gut«, sagte Bishop. »Aber wie wär’s damit? Könnte ich nicht Sarat an meiner Stelle schicken?«

»Das würdest du glatt machen, was?«, erwiderte Dana.

»Ich tue es«, versicherte ihnen Sarat. »Ich weiß, wo die Scharfschützen sind.«

Das fanden die Jungs und die Mailer-Zwillinge zum Schreien komisch.

»Habt ihr das gehört?«, rief Bishop. »Gebt ihr eine Chance, und schon morgen bringt sie den Krieg zu Ende.«

Dana machte zu Bishop hin eine Geste, die man, wie Sarat von ihrer Mutter wusste, niemals machen durfte. Sie stand auf. »Ich sehe euch Armleuchter morgen«, sagte sie.

»Wir treffen uns bei den Scharfschützen. Bring Sarat mit«, rief Bishop, unter Kreischen der Mailers.

»Fick dich, Bishop«, sagte Dana.


***

Die Chestnut-Zwillinge machten sich wieder auf den Weg nach Mississippi. Im Schatten des blechernen Cafeteria-Vordachs schwammen sie gegen den Strom der Rückkehrer aus der Kirche. Männer und Frauen im Sonntagsstaat zogen zurück zu ihren Zelten, Becher mit Orangensaft in der Hand, debattierten über die Worte des Baptistenpredigers – Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Die Männer, die aus der Kirche kamen, trugen Anzug und Krawatte aus Vorkriegszeiten – nicht die billigen Krawatten mit den drei Sternen, Massenartikel, die die Freien Südstaaten bei jeder Gelegenheit verschenkten, sondern vornehme Krawatten aus Wolle, manchmal Seide, in Farbabstufungen oder geometrischen Mustern oder womöglich sogar mit dem Abzeichen eines alten amerikanischen Fußballclubs bedruckt. Die Frauen trugen ihr am wenigsten verwaschenes geblümtes Kleid und breitkrempige Hüte, mit getrockneten Blumen oder Papierblumen daran. In diesen letzten Überbleibseln eines früheren, schöneren Lebens war den Flüchtlingen furchtbar warm und unwohl, aber sie trugen die Kleider trotzdem, denn es gab keine anderen Gelegenheiten, außer zu Weihnachten und am Unabhängigkeitstag des Südens.

Sarat und Dana setzten sich auf die Stufen des nun verlassenen Kirchengebäudes. Sie beobachteten zwei Mitarbeiter des Lagers, die eine schwer verstörte Frau und ihr kleines Mädchen zu ihrem neuen Zuhause ganz am äußeren Rand des Mississippi-Viertels führten.

Ein Tik-Tok, ein dreirädriger Karren, mit einem großen Roten Halbmond gekennzeichnet, rumpelte über die Staubpiste, den einstigen Highway 350, der mitten durchs Lager verlief. Mehrere Soldaten der Freien Südstaaten saßen darin, und zwei standen noch hinten auf der Stoßstange. Das winzige Gefährt kam nur mühsam voran, der schwache Motor heulte, die Räder wirbelten den Staub auf.

»Bestimmt müssen die das Tor reparieren«, sagte Sarat. »Ich wette, da ist wieder eine Rakete von den Milizen eingeschlagen.«

»Du sollst nicht immer so reden«, tadelte Dana sie.

»Wieso? Sollen wir nachsehen? Ich wette fünf Dollar.«

»Nein, das meine ich nicht. So was wie eben bei Bishop. Als ob du jeden Blödsinn glaubst. Als ob du nicht merkst, wenn sie sich über dich lustig machen.«

»Aber das stimmt nicht.«

»Ich weiß, wo die Scharfschützen sind …«

»Das tue ich! Die Minenräumer haben es mir gezeigt.«

»Werd erwachsen, Sarat, du bist doch kein kleines Mädchen mehr. Pass einfach auf, dass du Leuten keine Gelegenheit gibst, sich über dich lustig zu machen, mehr will ich nicht sagen. Auf die Art findest du eher Freunde.«

Die beiden Mädchen saßen schweigend da. Bald kam der Dreiradkarren zurück; drei von den Fahrgästen von vorher fehlten, dafür gab es einen neuen, eine Frau vom Gesundheitsamt in Atlanta. Begleitet von einem gelangweilt dreinblickenden Soldaten ging diese freiwillige Helferin von Zelt zu Zelt und ließ sich die Impfausweise für jedes Kind unter fünf zeigen.

»Ich habe heute einen Freund gefunden«, sagte Sarat. »Er heißt Marcus. Er wohnt in Alabama.«

»Ach ja?«

»M-hm. Den kannst du wegen der Scharfschützen fragen, wenn du mir nicht glaubst. Ich habe sie ihm gezeigt.«

Dana schüttelte den Kopf, lachte leise. Sie beobachtete die Helferin. Es war eine Frau Anfang zwanzig. Sie kam aus dem Norden, eine Freiwillige bei der Ein-Land-Koalition, leistete ihr soziales Jahr ab.

»Weißt du noch, wie sie uns das Zeug gegeben haben?«, fragte Dana.

Sarat nickte. »Wir haben ihnen gesagt, wir sind zu alt. Wahrscheinlich hat es überhaupt nichts genützt.«

»Wer weiß, vielleicht doch. Womöglich wären wir schon tot, wenn wir das nicht genommen hätten.«

»Marcus’ Dad sagt, jeder, der zu lange im Lager bleibt, stirbt hier«, sagte Sarat. »Meinst du, wir sterben hier?«

Dana dachte nach. Auf der anderen Straßenseite scheuchte die Helferin eine Schar Kinder fort, erkannte alte Kunden wieder, die wussten, dass es nach jeder Impfung ein Karamellbonbon gab.

»Nein«, antwortete Dana. »Na, vielleicht in hundert Jahren. Aber nicht morgen oder so was.«

»Dann ist es gut«, sagte Sarat. »Hundert Jahre sind gut.«

Die Kinder drüben bettelten so herzzerreißend, dass die Helferin nachgab und ihre sämtlichen Bonbons verschenkte. Bald löste die Kinderschar sich auf, jeder einzelne kleine Mund mit seiner Zuckerbeute beschäftigt.

Dana drückte sich an ihre Schwester, legte Sarat die Hand auf den Arm.

»Tut mir leid, was ich da eben gesagt habe«, sagte sie. »Dass du erwachsen werden sollst. Bleib wie du bist, meine Schöne. Werd nie erwachsen.«


***

Die Frau vom Gesundheitsamt zog von Zelt zu Zelt. Fragte die Kinder nach ihrem Alter. Manche wussten es, andere nicht. Diejenigen, die es nicht wussten, mussten sich mit dem rechten Arm über den Kopf fassen, so dass die Armbeuge ungefähr oben auf dem Scheitel zu liegen kam und die Finger neben dem linken Ohr baumelten. Die Kinder, bei denen die Fingerspitzen zum Ohrläppchen reichten, stufte sie als über fünf Jahre ein, bei denen würde der Impfstoff nichts mehr bewirken. Die Kleinen bekamen ihn verabreicht: ein paar Tropfen klarer Flüssigkeit gegen die virenbedingte Lähmung, die, schon vor langem besiegt, nun als ungebetener Gast beim Festmahl des Krieges zurückgekehrt war.


***

Spätabends, wenn es kühler wurde und an die Stelle des lärmenden Lagerlebens der schwere, freudlose Schlaf der Geschlagenen trat, ging Martina zum Zelt ihrer Freundin Erica Yarber, und sie spielten Karten. Schon seit bald fünf Jahren gab es dieses Ritual, zu dem Martina, Erica und ihre Freundin Lara drei- oder viermal die Woche zusammenkamen, vielleicht noch eine Frau oder zwei aus den benachbarten Zelten, wenn sie Lust dazu hatten.

Es war ein großes Zelt, nicht weit von der Grenze zwischen Alabama und South Carolina, in dem Erica zuvor mit ihrem Mann und ihrem halbwüchsigen Sohn gelebt hatte. Aber der Sohn war als Kämpfer in den Westen gegangen, beim Ehemann hatte eines Morgens das Herz aufgehört zu schlagen, und nun wohnte sie dort allein.

Martina brachte einen Topf eingelegter Früchte in roter Brausepulverbrühe mit. Sie selbst fand den Geschmack grässlich, wie Kirschen in Schweiß, aber die anderen Frauen aßen sie gern. Fast immer brachten die Frauen etwas zu essen oder zu trinken mit: gekochte oder geröstete Erdnüsse, altbackenes Cafeteriabrot mit Öl oder Speckfett aufgebraten, Maiskölbchen, Kartoffelchips, ein Einmachglas mit ätzendem selbstgebrauten Joyful oder was die Frauen sonst an dem Tag mit Glück ergattert oder als Geschenk erhalten haben mochten.

Gespielt wurde Kampf dem Lehnsherrn. Zehn Dollar pro Stich, zunächst bis hundert. Sie spielten mit drei Sätzen Karten, dadurch gewann das Spiel an Tempo, und es gab mehr Möglichkeiten für Bomben und Raketen. Als Beleuchtung dienten bunte Kerzen, aus geschmolzenen Wachsstiften mit Schnürsenkeln als Docht. Aus den Lautsprechern eines Tablets tönte Dixie Radio. Ein Mann mit mächtiger Stimme, mit Bläsern im Hintergrund, sang. Young love has made me old, restless, and blue.

»Zwei Joker, zwei Achten, zwei Neunen«, sagte Martina und legte sechs Karten auf den wackligen Klapptisch.

»Ich passe«, sagte Lara.

»Nichts zu machen«, gab auch Erica auf.

Martina schob die Karten zusammen und legte sie mit dem Gesicht nach unten in einem hübschen Stoß vor sich hin. Laras Joyful tat allmählich seine Wirkung.

Joyful hatte sich über die Jahre zum Kriegsgetränk des Südens entwickelt. Ein Gebräu wie aus Frankensteins Keller, aus allem zusammengemixt, was gerade zur Hand war; keine zwei Krüge waren je gleich. Martina nahm einen weiteren Schluck. Sie überlegte, was wohl in diesem Falle darin war: lang vergorener Orangensaft, mit einem Nachgeschmack nach Mais und Mundwasser. Sie merkte, wie sie allmählich einen Schwips bekam; von Zeit zu Zeit stand die Kerzenflamme still, und stattdessen flackerte der Raum ringsum.

Bald erklärten sie das Spiel für beendet, Martina strich ihren Gewinn ein, und die Damen zogen sich in Ericas kleines improvisiertes Wohnzimmer zurück. Hier war eine Reihe Kissen arrangiert, aus Hilfslieferungsdecken genäht und mit einer Füllung aus Schaumstoff. Da es keine Couch für die Kissen gab, waren sie über den Boden verteilt, wie im Madschlis bei den Bouazizi. Unterbrochen wurde das Arrangement von niedrigen Tischen – den Pappkisten, in denen die Wasserflaschen für das Lager kamen.

Die Frauen ließen sich auf den Kissen nieder und öffneten die Zelttür ein wenig, damit Luft hereinkam. Bald war Erica im Sitzen fest eingeschlafen.

Es war still, Ericas Schnarchen die einzige Begleitmusik. Der Joyful und der gute Tabak wirkten zusammen wie ein wohliger Balsam, der sich über Martinas Körper breitete, und die Schmerzen des Tages schwanden.

»Weißt du, dass ich einmal eine Schwester hatte?«, sagte sie.

»Nein«, antwortete Lara, »das hast du mir nie erzählt.«

»Das habe ich noch nie jemandem erzählt. Nicht mal mein Mann wusste es. Sie ist gestorben, als ich fünf war. Ich kann mich überhaupt nicht mehr an sie erinnern, außer dass sie Daumen hatte, die sie in alle Richtungen drehen konnte. Damit hat sie immer angegeben, als sie erst einmal gemerkt hatte, dass das nicht jeder kann.«

Lara saß aufrecht an eines der Kissen gelehnt. Sie blinzelte ein paarmal, um die Schwere zu vertreiben, die sich in ihren Lidern sammelte.

»Wie ist sie gestorben?«, fragte sie.

»Sie hat sich eine Lungenentzündung geholt, beim Spielen im Bach bei unserem Haus. Am Abend hatte sie schon Schüttelfrost und spuckte Blut. Am Morgen war sie tot. Nicht mal einen Tag hat es gedauert. Ich weiß noch, meine Eltern haben mich nicht ins Zimmer gelassen, sie wollten nicht, dass ich sie so sehe. Aber ich stand draußen im Flur und konnte es hören, die Laute, die sie ausstieß, als sie so verzweifelt nach Luft rang. Ich wünschte, sie hätten mich hineingelassen. Ich glaube, nur diese Laute zu hören, das war schlimmer, als wenn ich sie gesehen hätte.«

»Tut mir leid für dich«, sagte Lara. »Das muss schlimm gewesen sein.«

»Ach, es ist alles schon so lange her. Die Zeit begräbt die Zeit, hat meine Mutter immer gesagt. Aber mein Vater war ein gebrochener Mann. Monatelang hat er jedem erzählt, dass es früher Medikamente gab, die sie sofort wieder gesund gemacht hätten, und dass alle dauernd so viel davon geschluckt haben, bis sie schließlich nicht mehr wirkten. Und das, was noch gewirkt hätte, konnten wir uns nicht leisten. Das hat er immer und immer wieder gesagt, als hätte er damit noch etwas ändern können.«

Martina drückte ihren Zigarettenstummel in dem Messbecher aus, aus dem sie getrunken hatte. »Ich weiß noch, wie wir sie begraben haben. Wir haben einen Prediger raus zur Farm kommen lassen, damit er ein paar Worte sagt. Der Mann war bestimmt schon hundert, halbblind und arg senil. Er geht ans Grab – meine Eltern hatten ihr ein Grab direkt da auf der Farm gegraben, mit einem Kreuz aus Zaunpfosten –, er geht ans Grab und wir stellen uns hinter ihm auf, alle in den besten Sachen, die wir hatten. Und wir denken, er liest vielleicht ein paar Zeilen oder sagt irgendwas Hübsches über den Himmel, dass Gott der Herr sie zu sich genommen hat oder so was. Aber das macht er nicht – weißt du, was er getan hat? Er fängt an zu singen. Er singt also so ein Lied: Wir sind alle Kinder im Königreich Jesu. Die erste Zeile singt er ein paarmal – ich glaube, das hatte er sich gerade erst ausgedacht, keiner von uns hatte das Lied je gehört, und wir standen hinter ihm wie die Idioten, keiner sagte ein Wort – und dann geht es weiter: die Mädchen und die Jungen sind Kinder im Königreich Jesu, die Katzen und die Hunde sind Kinder im Königreich Jesu, die Esel und die Antilopen … und immer so weiter, als ob er Inventur auf der Arche Noah macht. Schließlich kann ich nicht mehr anders, ich fange an zu kichern. Meine Mutter gibt mir einen Klaps auf den Rücken, damit ich aufhöre, aber ich kann nicht. Ich versuche es, ich strenge mich so an, dass ich mir fast in die Hosen mache, aber ich kann nicht. Und dann geht mir mit einem Mal auf, dass ich beim Begräbnis meiner eigenen Schwester lache, und das Schuldgefühl ist ein Schlag in die Magengrube – als wäre ich vor einen Zug geraten. Jetzt muss ich weinen, ich weine so sehr, wie ich noch nie in meinem ganzen Leben geweint habe. Aber der alte Mann kümmert sich gar nicht drum, er singt immer weiter – die Frösche und die Pferde und die Eichhörnchen und die …«

Martina lachte, schüttelte den Kopf. »Diesen verfluchten vertrottelten alten Priester, den werde ich nie vergessen. Wie er ein kleines Mädchen dazu gebracht hat, dass es sich hasst, beim Begräbnis der eigenen Schwester.«

»Jesus«, hauchte Lara. »Vielleicht seid ihr ja doch alle Katholiken.«

Bald zeigten sich die ersten Streifen Morgenrot an dem kohlschwarzen Himmel. Als der Schwindel vom Joyful nachließ, verabschiedete Martina sich und kehrte zurück zu ihrem eigenen Zelt. Diese Tageszeit war die ruhigste im Lager, und die langen Zeltreihen in alle Richtungen hatten eine ganz eigene, schroffe und doch zarte Schönheit – seltsame Wüstentiere, die dort still verharrten, Garben auf einem abgeernteten Feld.

Bei ihrem eigenen Zelt angekommen, öffnete sie die Tür ganz vorsichtig, um die Kinder nicht zu wecken. Sie trat ein und sah ihren Sohn am Boden knien, wie er eben etwas unter seinem Bett verschwinden ließ. Der Schlamm an den Schuhen am Fußende war noch frisch.

»Du kannst mir genauso gut zeigen, was du da hast«, sagte Martina.

Beim Klang der Stimme seiner Mutter fuhr der Junge zusammen. Er wollte etwas sagen, überlegte es sich aber dann anders. Er fasste unter das Bett und holte einen schwarzen Gitarrenkoffer hervor. Der Gurt hatte Gebrauchsspuren, aber der Koffer schien für sein Alter makellos; zu seiner Zeit, stellte Martina sich vor, war er viel benutzt, aber sorgsam behandelt worden.

»Woher hast du den?«, fragte Martina. »Ein Geschenk oder was?«

»Nein«, erwiderte Simon. »Gefunden in einem verlassenen Studio.«

»Lüg mich nicht an.«

»Ich schwör’s.«

»Setz dich.«

Simon setzte sich aufs Bett. Seine Mutter setzte sich neben ihn. Sie sah, dass er eine Verletzung links auf der Stirn hatte. Sie befühlte die Wunde mit dem Daumen. Simon schreckte zurück.

»Du weißt, was sie als Gegenleistung wollen, wenn sie den jungen Leuten hier Geschenke machen, nicht wahr?«

»Mama, ich hab sie einfach nur mitgehen lassen, das ist alles. Ich schwöre es. Und eigentlich war es auch gar nicht gestohlen. Die stand einfach da, kein Mensch hätte sich je wieder darum gekümmert.«

Martina seufzte. »Wenn du mir das sagst, dann will ich dir glauben. Du bist ja jetzt auch bald so alt, dass ich dir nicht mehr viel reinreden kann, bei dem, was du tust oder wohin du gehst; da will ich es dir jetzt sagen: Wenn du kämpfen willst, wenn du dir das in den Kopf gesetzt hast, dann geh nach Atlanta, wenn du siebzehn wirst, lass dich von der Armee des Freien Südens aufnehmen. Zieh eine Uniform an, kämpfe nach den Regeln. Mir wird es nicht gefallen, aber du bist dann ein Mann, du musst deine Entscheidungen selbst fällen. Aber geh nicht zu den Rebellen. Ist mir egal, was sie dir schenken, ist mir egal, was sie dir versprechen oder wie schön sie dir alles ausmalen; du und ich, wir wissen beide, wozu sie Leute hier aus dem Lager haben wollen, und ich will nicht, dass du das tust, verstanden?«

»Komm schon, Mama. Ich gehe nicht zu den Rebellen, ich jage mich nicht in die Luft, ich will überhaupt nichts in der Art machen.«

»Ganz gleich, was sie dir erzählen, es gibt Sachen, die sind einfach unrecht, ob nun Krieg ist oder kein Krieg.«

»Ich weiß, Mama.«

Martina nahm ihren Sohn in den Arm. Dann gab sie ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

»Und es ist gestohlen. Mach so was nicht noch mal.«

»Okay. Tut mir leid.«

Sie gab ihrem Sohn einen Gutenachtkuss und ging dann auf Zehenspitzen durchs Zimmer der Zwillinge nebenan. Sie legte sich auf die Matratze, die im Laufe der Jahre ihren Geruch und ihre Umrisse angenommen hatte. Sie schloss die Augen. Der Schlaf kam schnell.


Auszug aus:


Nicht atmen, nicht hoffen


Die wahre Geschichte der Kriegsquarantäne in South Carolina

In Kairo, der Hauptstadt des Bouazizireiches, überschatten die alten grauen Häuser des Studentenviertels schmale Gassen aus Stein und Ziegeln. Es sind heruntergekommene Gebäude aus der Zeit vor der Revolution, die Dächer voll mit Taubenschlägen, schilfgedeckten Hausdienerquartieren und schartigen Sonnenkollektoren. Die Hitze ist grauenhaft, selbst im Januar. Große Teile des Jahres über ist es zu heiß, um sich im Freien aufzuhalten; bald werden sich auch die hartgesottensten Einwohner nach Norden an die Mittelmeerküste zurückziehen oder in die florierenden überdachten oder unterirdischen Städte, die die alten überirdischen jetzt immer mehr ersetzen. Es ist zu heiß für das Leben von früher. Aber alte Gewohnheiten halten sich hartnäckig, und zumindest in den Wintermonaten, wenn es am kühlsten ist, versuchen viele es immer noch.

Aus den Gassen in der Tiefe dringt die Kakophonie der Basare: das scheppernde Hämmern der Silberschmiede, das Zischen der Glut unter rußgeschwärzten Rosten, die schrillen Stimmen der Touristen, die um Waren feilschen. Und jenseits von all dem die Geräusche der Großstadt: die Flugzeuge, die über dem Mathlouthi-Flughafen kreisen, dem größten Drehkreuz des Bouazizireichs; das Hupkonzert der Verkehrsstaus auf der Brücke des 14. August. Das alte und das neue Kairo in endlosem Widerstreit.

Genau hier in dieser Gegend hatten Studenten ein Dreivierteljahrhundert zuvor die engen Straßen von Khan El Sisi gestürmt, und die Soldaten waren ihnen mit dem Gewehr im Anschlag entgegengetreten. Heute erinnert nicht viel mehr an dieses Massaker als ein müder Springbrunnen, dessen Alabasterplatten den Rost der von Besuchern hineingeworfenen Münzen in sich aufsaugen.

In seiner kleinen Wohnung mit Blick auf den Märtyrerbrunnen sitzt Mahmoud Abd-el-Ghafur und lauscht den Geräuschen, die durch die filigranen Fensterläden dringen. Dies ist nicht sein wirklicher Name und nicht sein echtes Heimatland. In Wirklichkeit heißt er Gerry Tusk, und sein Land ist Amerika. Er ist ein Verräter.

Am 14. Januar 2075, einen Tag nachdem die Rebellen in Lexington 38 Bedienstete der Bundesregierung getötet hatten, lud der Präsident ein halbes Dutzend staatlich angestellter Forscher in das Regierungsgebäude in Columbus. Sie sollten sich etwas einfallen lassen, wie man die Bevölkerung des rebellischsten Staates im Lande ruhigstellen konnte. Drei Monate später mischte sich eine Gruppe von Mitarbeitern des Kriegsministeriums (denen man versichert hatte, die Symptome der Krankheit würden nach ein paar Monaten wieder abklingen und keine bleibenden Schäden hinterlassen) bei einer Kundgebung der Rebellen vor dem Parlament von South Carolina unter die Leute; in ihren Jacken verbargen sie Behälter mit den unsichtbaren Keimen einer Krankheit. Zugleich zogen die Blauen an der Nordgrenze des Staates so viele Soldaten zusammen wie nie zuvor irgendwo im Verlauf dieses Krieges. In dem belagerten Staat rechneten alle mit einem Einmarsch, doch in Wirklichkeit handelte es sich um eine Quarantäne. Binnen eines Monats verbreitete sich die Krankheit im gesamten Staat, und das flammende Herz der Rebellion des Südens erkaltete. Die übrigen Freien Südstaaten errichteten, als sie die Wirkung des Virus sahen, eilends auch auf ihrer Seite eine Schutzmauer.

Als Gerry Tusk zehn Jahre später in den Regierungslaboratorien von Lynchburg eintraf, hatte der Norden im Krieg längst die Oberhand gewonnen. Und dass man den Rebellenstaat in ein künstliches Koma versetzt und damit dafür gesorgt hatte, dass sich das Blatt zugunsten der Blauen wendete, war nun eine Peinlichkeit, ein Schandfleck für die Nation. Der junge Virologe, für den seine Arbeit noch neu und faszinierend war, erhielt den Auftrag, ein Gegenmittel zu finden.

Anders als die meisten Amerikaner sah er die Auswirkungen des SLOW-Virus mit eigenen Augen. Jeden letzten Freitag im Monat begab sich ein bewaffneter Konvoi von Lynchburg aus in fünfstündiger Fahrt nach Süden zum Quarantänewall. Jenseits der Mauer waren sie umgeben von Menschen im Dämmerzustand.

Als Versuchskaninchen wählte Tusk einerseits Kinder, bei denen die Krankheit noch nicht ausgebrochen war, zum zweiten Erwachsene, die schon vollkommen von ihr beherrscht wurden. Dies gab ihm die Möglichkeit, sowohl die Behandlung im akuten Stadium als auch vorbeugende Impfungen zu erproben; ein Alchemist auf der Suche nach dem lebendigen Stein der Weisen.

Die meisten kamen bereitwillig mit, ließen sich von Soldaten in dicken Schutzanzügen in das Quarantänefahrzeug führen. Die Jüngeren unter den Einheimischen, die genau wussten, was die Krankheit aus ihnen machen würde, bettelten darum, ausgewählt zu werden. Die Älteren, die mit dreißig Jahren kaum noch mehr als atmen, essen und sich fortpflanzen konnten, verfluchten zwar manchmal den Norden, waren aber leicht zu überreden. Und die Ältesten, die Rollstuhlfahrer mit ihren gelähmten, versteinerten Gliedmaßen, ließen sich ohne Murren in den Bus setzen.

Fast zehn Jahre lang unternahm Gerry Tusk Monat für Monat diese Reise. Er sah Kinder verzweifelt um ein Heilmittel flehen, das er ihnen nicht geben konnte. Vielleicht wurde er darüber im Laufe der Zeit bitter.

Was für eine Erlösung muss da jener Apriltag gewesen sein, an dem endlich fünf dieser nur noch dahinvegetierenden Probanden für ein Weilchen zum Leben erwachten, als ihre Gesichter erstrahlten, die verkrampften Finger sich lösten. Wie viele Freudentränen muss der junge Wissenschaftler vergossen haben, als eine seiner Mixturen endlich Wirkung zeigte. Wie sehr muss er sich, obwohl er wusste, dass er es nicht durfte, gewünscht haben, die Panzertür aufzustoßen und seine Patienten hinaus auf die große Rasenfläche im Innenhof des Labors zu führen, um sie vorzuzeigen wie die ersten Früchte im Frühling.

Und wie grausam muss die Welt ihm vorgekommen sein, als am Ende derselben Woche die Leichname der kurz aus der Erstarrung erwachten Patienten in den Verbrennungsofen geworfen wurden. Später sollte das, was Gerry Tusk geschaffen hatte, unter dem Namen QUICK bekannt werden – ein Virus, das noch ansteckender war als dasjenige, das Carolina in Schlaf versetzt hatte, und ausnahmslos tödlich. Im Augenblick seiner Entstehung jedoch war es für ihn, wie all seine gescheiterten Versuche, nur eine Nummer in einer Reihe: 032–072.

Es gibt keine Aufzeichnungen des Wissenschaftlers, aus denen wir erfahren könnten, wie ihm damals zumute war. Aber es ist schwer, sich diese zwei Apriltage auszumalen, an denen ein so strahlendes Licht so schnell wieder verlosch, und sich nicht zugleich vorzustellen, dass dies der Augenblick war, in dem Gerry Tusk den Entschluss fasste, sein altes Leben gegen etwas anderes einzutauschen – egal, was es war.

Heute gilt es als so gut wie sicher, dass das Bouazizireich in dem Bestreben, das Ende des Bürgerkriegs in Amerika so weit wie möglich hinauszuzögern, das Tauschgeschäft einfädelte, das dem Virologen seinen Ausweg bot. Am Morgen des 3. Dezember 2094 ging Gerry Tusk im Hafen von Richmond an Bord des Frachters El Fattah, auf der Fahrt in den Osten. Er bezahlte die Passage mit seiner todbringenden Schöpfung. Im folgenden Jahr sollte das Ungeheuer, das er erschaffen hatte, auf den Stufen des Platzes der Einheit in Columbus, Ohio, zum Leben erwachen, und die ersten von mehr als einhundert Millionen Menschen würden daran sterben.



6. Kapitel

An der Böschung des Chalk Hollow suchte Sarat nach Tierfutter. Mühelos, geschmeidig bewegte sie sich zwischen dürren Zweigen und trockenem Laub, und die toten Reste der Natur machten ein angenehmes Geräusch unter ihren nackten Füßen. Die Zweige waren scharfkantig, zwischen den Blättern wuchsen überall Nesseln, doch das Mädchen spürte nichts davon, seine Fußsohlen waren zäh wie Leder.

Sie kniete sich hin, begann nah am Wasser zu graben. An der Oberfläche war der Boden warm von der Sonne, doch darunter fühlte er sich kühler an. Sie grub ellenbogentief, wusste aus ihrer Kindheit, dass an solchen Stellen kleine Würmer im Erdreich lebten. Aber sie fand keine. Bald sammelte sich am Boden des Loches Flusswasser, und sie gab den Versuch auf.

Ein Stück weiter stocherte Marcus Exum in den großen, weißfleischigen Pilzen auf den Stämmen der verkümmerten Amberbäume. Er schnitt sie mit einem Taschenmesser an der Wurzel ab und steckte seine Beute in einen aus einem Deckenstück genähten Tragesack. Ein Baum, ganz umgestürzt, war unter einer zweiten Haut aus Pilzen fast gar nicht mehr zu sehen. Marcus sackte auch diese Parasiten ein, bis der Sack voll war und er ein kleines Stück der tiefschwarzen Baumrinde bloßgelegt hatte.

»Die nimmt sie bestimmt«, sagte Sarat, als sie über den toten Baumstamm geklettert kam. »Mann, die würde ich ja selbst essen.«

»Ich weiß nicht«, meinte Marcus, befühlte Haut und Lamellen der Pilze. »Vielleicht sind sie giftig. Mein Dad sagt, viel von dem Zeug, das hier draußen wächst, ist giftig. Er sagt, alles, was es hier draußen Essbares gab, haben die Leute längst gegessen.«

»Es ist ja für eine Schildkröte«, sagte Sarat. »Schildkröten sind keine Leute.«

»Schon, aber Gift ist Gift. Das Gift weiß ja nicht, wer es isst.«

»Na, irgendwas von hier nimmt sie bestimmt. Such weiter.«

Sarat streifte die Erde von ihren Fingern an den Seiten ihres T-Shirts ab, bedruckt mit dem Markenzeichen der Reederei COSCO, und kletterte wieder die steile Böschung zum Bach hinunter.

Sie musste jetzt Sachen von Jungs anziehen, denn im ganzen Lager gab es kein Mädchen und kaum eine Frau, die so groß war, wie sie. Zwar blieben ihr damit nur abgewetzte Jeans und alte Shirts von Simon und seinen Freunden, aber für sie war es eine Befreiung, dass sie nun nicht mehr am unerreichbaren Maßstab ihrer Schwester gemessen wurde, in deren umfangreicher Garderobe man kein einziges Stück für ein Abenteuer wie dieses gefunden hätte.

Sie pflückte die grünen Blätter und winzigen Blüten eines Alabama-Kreuzdorns, der sich ganz unten ans Ufer drückte, die Ranken schlaff und durstig. Am Boden fand sie ein paar mit ihren Stacheln ineinander verhakte Amberbaumsamen und schwarze Früchte des Peppervine. All das steckte sie in ihren eigenen Umhängesack.

Ein paar Schritte weiter bot eine gerodete Stelle Zugang zum Wasser. Sarat kletterte hinunter, bis sie knöcheltief in dem warmen, schlammigen Bach stand. Ein blaugrüner schmutziger Film bedeckte die Oberfläche. Sie wischte eine Stelle frei, tauchte dort eine Thermosflasche ins Wasser und füllte sie. Das Wasser war braun, und wenn man ein Glas gegen die Sonne hielt, konnte man winzige Schwebeteilchen darin glitzern sehen.

Hundert Fuß weiter lag, von Bäumen geschützt, die Mündung des Chalk Hollow in den Sandy Creek, und eine Meile weiter ostwärts mündete der Sandy Creek in den Tennessee River. Sarat konnte bis hinüber zu den Rebellenschiffen in der Ferne blicken, vertäut an den verfallenden Stegen eines aufgegebenen Bootshafens. In der Abenddämmerung würden sie übersetzen.

Schon oft hatten die Kinder die Rebellen gesehen, und die Rebellen hatten die Kinder gesehen. Immer wieder begegneten sie sich am Chalk Hollow, wo der armselige Lagerzaun zerrissen und niedergetrampelt war. Im Laufe der Jahre hatten die Lagerbewohner gelernt, sich nicht zu weit nach Osten zu wagen, bis dahin wo die Rebellenboote anlegten, und auch nicht zu weit nach Norden, wo es immer häufiger zu Zusammenstößen zwischen Rebellen und den Milizen aus den Nordstaaten kam.

Aber für Sarat war dieser Ort ein kleines Paradies – ein Land, in dem es wimmelte vor Leben, fernab von der menschenverschmutzten Natur und der öden Monotonie des Lagers. Bald hatten die Rebellen sich an das kräftig gebaute Mädchen mit den Wuschelhaaren und seinen schmächtigen Freund gewöhnt. Sie kümmerten sich nicht um die Kinder, sahen in ihnen weder Bedrohung noch Versuchung: der Junge war zu klein, das Mädchen zu groß.

Marcus kam zu Sarat heruntergeklettert. »Wir sollten gehen«, sagte er.

»Immer mit der Ruhe. Hier gibt’s Beeren.« Sarat pflückte zwei schwarze Peppervine-Murmeln und bot eine davon Marcus an, doch der lehnte ab. Sie zuckte mit den Schultern und steckte sie beide in den eigenen Mund. Die Haut war weich und zerplatzte fast ohne Widerstand auf der Zunge.

Die Kinder machten sich auf den Rückweg. Eine Zeitlang folgten sie den schlaglochübersäten, sandbedeckten Überresten des Highway 25. Nicht einmal eine Meile war es nach Norden hin bis zur gesprengten Brücke ins Land der Blauen.

Sie gingen Richtung Westen zu den jetzt verlassenen Zelten, die den Nordrand des Lagers markierten. Aus Erfahrung wussten sie, um welche Zelte sie besser einen Bogen machten – die unbewohnten, in denen die Rebellen ihre illegalen Vorräte versteckten, bei Nacht über den Sandy Creek geschmuggelt.

Offiziell waren diese Zelte am Zaun Insassen zugeteilt, die in Wirklichkeit längst tot oder anderswohin gezogen waren. Und wenn Neuankömmlinge einen Platz dort zugewiesen bekamen, warnten die älteren Lagerbewohner sie bald, und früher oder später fand jeder eine Möglichkeit, an eine Stelle weiter südlich zu ziehen, näher am Mittelpunkt des Lagers.

Die Kinder kamen an ein Zelt nahe der Grenze zwischen Mississippi- und Alabama-Viertel. Es sah genauso aus wie alle anderen in dieser Gegend bis auf einen rechteckigen Ausschnitt in der Ostwand, von Sarat hineingeschnitten, damit das Innere mehr Sonnenlicht bekam.

Marcus hatte eine Methode gefunden, die Tür mit dem Kreuzschlitzschrauber an seinem Messer von außen zu verschließen, und die Kinder stellten sich vor, dass sie ihr Geheimnis auf diese Weise vor neugierigen Augen verbergen konnten. Einen Augenblick war er mit dem Schraubenkopf zugange, dann sprang die Tür auf. Die Kinder traten ein.

Im Mittelpunkt des Zeltes waren vier auf der Seite liegende Feldbetten zu einem improvisierten Gehege zusammengeschoben. Innen war es mit Hilfsdecken ausgekleidet.

Eine Schildkröte mit schwarz-gelbem Panzer tappte träge in einer Ecke des Verschlages hin und her. Es war ein kleines, rundliches Tier von etwa sechs Zoll Durchmesser. Die gelben Flecken auf ihrem Panzer waren von schwarzen Linien durchzogen, gar nicht so viel anders als die zerbrechliche Schönheit von Schmetterlingsflügeln. Sie spazierte auf uralten, ledernen Füßen, bewehrt mit scharfen, spitzen Krallen, die sie nun in den Stoff der Decke grub.

Lautlos, doch aufmerksam verfolgte das Tier die Ankunft der Kinder. Ganz vorsichtig zog es sich in seinen Panzer zurück.

»Meinst du, er wird uns je mögen?«, fragte Marcus.

»Es ist ein Mädchen«, sagte Sarat.

»Woher willst du wissen, dass es ein Mädchen ist?«

»Ich habe sie gefunden, deshalb ist es ein Mädchen.«

»Also, meinst du, sie wird uns je mögen?«

»Bestimmt tut sie das, wenn sie sieht, was wir ihr alles zu essen mitgebracht haben«, antwortete Sarat.

»Vielleicht sollten wir sie einfach wieder am Bach aussetzen«, sagte Marcus, aber davon wollte Sarat nichts wissen. Sie fasste in ihren Sack und arrangierte Blätter und Beeren in kleinen Häufchen am gegenüberliegenden Ende des Verschlages. Zögernd folgte Marcus, legte die Pilze mit dem Kopf nach unten auf die Decke.

»Nicht so«, sagte Sarat. »Die sind ja größer als sie selbst. Du musst sie zerbröseln.«

Die Kinder machten das Futter in dem Verschlag zurecht und zogen sich dann ein Stückchen zurück. Schließlich lugte die Schildkröte wieder aus ihrem Panzer hervor. Sie betrachtete die Sachen, die auf der anderen Seite ausgebreitet waren, regte sich aber nicht.

»Vielleicht ist sie einsam«, meinte Marcus.

»Da können wir ihr nicht helfen«, entgegnete Sarat. »Wann hast du zum letzten Mal eine andere Schildkröte hier in der Gegend gesehen? Oder eine Eidechse oder auch nur eine Grille.«

»Aber irgendwo muss sie doch herkommen. Sie ist zur Welt gekommen, da muss sie Eltern gehabt haben, vielleicht auch Brüder und Schwestern.«

»Aber dass es die mal gab, heißt nicht, dass sie noch da sein müssen.«

Die Kinder warteten noch eine Weile, aber die Schildkröte rührte sich nicht. Schließlich konnte Sarat das Warten nicht mehr ertragen.

Sie stapfte zur anderen Seite des Verschlags. Als sie sich näherte, zog sich die Schildkröte wieder in ihren Panzer zurück. Sarat nahm das Tier, trug es zur anderen Seite und setzte es vor das Futter. Dann trat sie einen Schritt zurück.

Die Schildkröte kam wieder hervor. Wieder musterte sie die Kinder mit ihren Augen mit der orangefarbenen Iris, dann drehte sie sich um tappte zurück.

»Mist«, sagte Sarat.

»Vielleicht sollten wir es doch mal mit meiner Idee versuchen«, schlug Marcus vor.

»Glaub mir, das funktioniert nicht«, entgegnete Sarat. »Die Ratte ist doch fast genauso groß wie sie. Das macht ihr nur noch mehr Angst.«

»Versuchen könnten wir es.«

Sarat gab nach, und schon war Marcus durch die Tür und sprintete zu seinem eigenen Zelt ein Stück weiter im Süden. Ein paar Minuten später kam er mit einem verzinkten Blecheimer zurück. Er hielt den Eimer über den Verschlag und kippte ihn. Eine kleine braune Feldmaus schlitterte an der Innenseite herunter.

Alle vier Insassen des Zelts standen wie erstarrt da, beäugten einander. Dann huschte die Maus zu der Ecke mit dem reichgedeckten Tisch und machte sich über die Beeren her.

»Na, wenigstens ist sie jetzt nicht mehr einsam«, sagte Sarat.

Die Kinder gingen wieder nach draußen. Im südlichen Alabama trennten sie sich; Marcus ging nach Hause. Sie komme später noch einmal vorbei, sagte Sarat, dann könnten sie nach den Tieren sehen.

»Du weißt doch, wir sollen so spät am Abend nicht am Zaun sein«, erinnerte Marcus sie.

»Wir sollen auch tagsüber nicht am Zaun sein«, erwiderte Sarat. »Hast du Angst?«

»Nein.«

»Dann ist gut.«

Sarat winkte und machte sich auf den Weg. Sie ging weiter nach Süden durch die Westseite von Alabama und von da nach Mississippi. Bevor sie zu Hause ankam, kreuzten ein paar Jungen ihren Weg, in heller Aufregung.

»Ich sag’s euch, sie ist in die Scheiße gefallen«, rief einer von den Jungs. »Ist ihm vom Arm geflogen, als er einen Fastball warf, und direkt da in der Scheiße gelandet.«

Neugierig folgte Sarat den Jungs.

Sie führten sie an die Gestade des Smaragdbachs. Ungefähr ein Dutzend Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft hatten sich an dem stinkenden Abwassergraben versammelt.

Im Mittelpunkt der ganzen Aufregung stand ein Junge namens Ethan. Mit gequälter Miene wies dieser Junge, ein Jahr älter als Sarat, auf etwas in dem Graben und beratschlagte mit einer Handvoll weiterer Jungs, die anscheinend alle auf einmal redeten.

Eins der Mädchen, das sich gegen den Gestank die Nase zuhielt, sah Sarat kommen.

»He, vielleicht kommt Sarat ja ran«, rief sie. »Die ist größer als ihr alle.«

»Wo komme ich ran?«, fragte Sarat. Die Jungs beäugten sie auf eine Art, die sie mittlerweile gewohnt war: mit misstrauischer Neugier betrachteten sie das Mädchen, das anders war als andere Mädchen. Sie kümmerte sich nicht um sie und bahnte sich einen Weg zur Böschung.

In dem Graben floss das Abwasser braun und dick wie Soße. Es war eine widerliche Brühe aus dem Schmutz und den Exkrementen des Lagers. Kleine Schlieren des blauen Desinfektionsmittels, mit dem die Putzkolonnen zweimal täglich die Toiletten ausspülten, drehten sich an der Oberfläche. Zigarettenstummel, leere Dosen, die Verpackungen der Rationen lagen überall am Ufer oder schwammen in dem zähen Strom.

Auf einem Stein mitten darin lag eine alte Armbanduhr, ein Erbstück. Die Flüchtlinge schleppten viele solcher Dinge, auch wenn sie für ihren eigentlichen Zweck nicht mehr zu gebrauchen waren, mit sich herum – die verblassten Fotos, die alten, nutzlosen Erinnerungen, die Schlüssel zu Häusern, die längst zerbombt oder auf andere Art zerstört worden waren –, all das waren wichtige Bindeglieder zu einer fernen, glücklicheren Vergangenheit.

»Die hat meinem Großvater gehört«, jammerte Ethan. »Meine Mom bringt mich um, wenn ich die nicht zurückkriege.«

»Dann steig rein und hol sie«, sagte Sarat.

»Sei nicht eklig. Ich steig doch nicht in die Scheiße.«

Ein anderer Junge flüsterte Ethan etwas ins Ohr. Er horchte auf und nickte.

»Warum holst du sie nicht, Sarat?«, sagte er. »Ich gebe dir fünfzig Dollar.«

Sarat zuckte mit den Schultern. »Okay.«

Wieder schob sie die Jungs beiseite, drehte dem Graben den Rücken zu und ging zur ersten Zeltreihe. Ein paar Kinder kamen mit, darunter Ethan, der Sarat beim Handgelenk fasste und sie beschwor, keinem Erwachsenen davon zu erzählen.

»Ich erzähl überhaupt niemandem davon«, entgegnete Sarat und schüttelte die Hand des Jungen ab. »Sei doch nicht so ein Angsthase.«

Zwischen zwei Zelten hing an zwei Ösen eine leere Wäscheleine. Sie hakte sie aus und wickelte sie sich um die Faust. Dann kehrte sie zum Graben zurück. Die Kinder folgten.

Am Ufer wickelte sie die Leine wieder ab und warf das eine Ende ins Wasser. Beim ersten Wurf zielte sie zu weit nach links, beim zweiten ging es zu sehr in die andere Richtung. Doch beim dritten landete der Haken genau hinter dem Stein, auf dem die Uhr lag. Langsam zog sie an der Leine.

»Vorsichtig!«, rief Ethan von hinten. »Vorsichtig. Du stößt sie ins Wasser.«

»Sei still«, sagte Sarat.

Behutsam zog sie an der Leine, bis der eiserne Haken an dem Stein hängen blieb, direkt neben der Uhr. Mit chirurgischer Präzision zog sie ganz vorsichtig den Haken näher heran, bis die Uhr ins Rutschen geriet. Nun glitt sie an dem glatten Stein nach unten, blieb aber am Haken hängen. Ein paar Kinder stimmten bereits ein Triumphgeheul an.

»Du hast sie!«, schrie Ethan. »Hol sie ran, hol sie ran.«

»Ganz ruhig«, sagte Sarat. »Gib mir den Baseballschläger.«

Einer der Jungen hob den Baseballschläger auf, der dort lag, und reichte ihn Sarat. Mit der Leine noch immer in der linken Hand nahm sie den Schläger und hielt ihn mit der rechten. Sie streckte ihn so weit nach vorn, wie sie nur konnte, ohne die Balance zu verlieren. Vorsichtig hob sie damit die Leine und schuf so einen Angelpunkt, über den sie ihren Fang einholen konnte. Der Haken hob sich, die Uhr baumelte am Haken. Als sie sich nun ganz vom Stein löste, kam sie gefährlich ins Schaukeln, streifte die Oberfläche der Kloake. Sarat wickelte sich die Leine ums Handgelenk, zog die Uhr ein und legte sie auf den Boden.

Sie drehte sich zu Ethan um. »Und jetzt das Geld«, sagte sie.

Die Jungs starrten die Uhr am Ufer an, als sei sie gerade aus dem Weltall dort gelandet. Schließlich holte Ethan ein Bündel Redbacks aus der Tasche und zahlte Sarat, was er ihr schuldig war.

Die Kinderversammlung löste sich auf. Ein paar von den Jungen kehrten zu ihrem Baseballspiel zurück, diesmal ein wenig weiter ab vom Graben. Ein jüngeres Mädchen, das Sarat nicht kannte, bot an, die Wäscheleine für sie zurückzubringen.

Als sie sich zum Gehen anschickte, wurde Sarat von einem weiteren Jungen angesprochen, Michael. Sie kannte ihn nur flüchtig; er war vierzehn und kam aus Georgia, und er war der große Bruder eines Jungen namens Thomas, den als kleines Kind ein Granatsplitter am Kopf getroffen hatte, wodurch sein Verstand für immer auf der Entwicklungsstufe eines Zweijährigen stehengeblieben war. In der Nacht, in der die Vögel kamen, hatte der ältere Bruder im selben Bett wie er geschlafen und war durch schieren Zufall unverletzt davongekommen.

»He, Sarat – warte, Kleine, wohin willst du so schnell?« Michael zeigte auf den Graben. »Ich gebe dir noch mal fünfzig, wenn du da reinsteigst.«

Die Kinder, schon im Aufbruch, blieben stehen. Sarat sah die anderen an, dann Michael. Er war drahtig und schlaksig, das Sinopec-Solar-Shirt, ein Geschenk aus den Docks von Augusta, schlabberte an seinem Körper.

Sarat schwieg.

»Komm schon«, sagte Michael. »Du willst doch nicht sagen, du traust dich nicht?«

Er hatte ein Lächeln aufgesetzt, das Sarat gut genug kannte. Sie hatte diesen Ausdruck im Laufe der Jahre auf so vielen Gesichtern von Jungs gesehen. Ein selbstzufriedenes Grinsen. Die Freude darüber, dass er sie vor eine unmögliche Wahl gestellt hatte – entweder in die stinkende Kloake zu steigen oder als Feigling dazustehen.

Selbst da schon, in so jungen Jahren, verstand Sarat dieses Lächeln als das, was es war: eine Maske, hinter der sich Furcht versteckte, ein Trost für die entsetzliche Unsicherheit, die eine so vollkommen zerstörte Kindheit hervorbrachte. Sie waren zerbrechlich, die Jungs mit einem solchen Ausdruck auf dem Gesicht, und die Zerbrechlichkeit machte sie böse. Sarat kannte diese Jungs besser, als die Jungs sich selbst kannten. Und sie wusste, dass sie dieses Spiel nicht gewinnen konnte. Darum ging es ja – es so einzurichten, dass es kein Gewinnen gab, nur verschiedene Möglichkeiten der Niederlage.

»Woher weiß ich, dass du mich nicht belügst?«, sagte sie.

Michael holte einen zerknitterten Redback aus der Tasche. Er hielt Sarat den Geldschein hin. Sie inspizierte die graue Idylle, die die Rückseite zierte – das McCoy-Auditorium, der Ort, an dem Julia Templestowe dem ganzen Norden ins Gesicht gespuckt hatte, vor so vielen Jahren schon.

»Die wird das doch nicht wirklich machen, oder?«, fragte einer der Jungen in der Menge. Ein anderer gab ihm mit einem Stoß in die Rippen zu verstehen, dass er den Mund halten solle.

Sarat ließ Michael stehen und stieg die Böschung hinunter, vorsichtig, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, damit sie nicht abrutschte. Ganz langsam ging sie tiefer, die Erde unter ihren Füßen fühlte sich immer kühler an, je näher sie der trüben Brühe kam. In all ihren Jahren in Camp Patience hatte der Gestank des Smaragdbaches sie nie gestört, doch jetzt, direkt davor, roch sie ihn in einer ungekannten Intensität; er durchbrach die Grenzen zwischen den Sinnen, und bald konnte sie die beißende Süße geradezu auf der Zunge schmecken.

Die Kehle schnürte sich ihr zu, sie spürte den Brechreiz, aber sie kämpfte ihn nieder. Überall im Lager ging das Leben weiter, als sei nichts geschehen, doch hier stand ein Grüppchen Kinder und starrte, still und gebannt.

Am Ufer des Grabens verschwand Sarats Fuß nun in der braunen Brühe. Sie spürte, wie dieses Zeug sich an den feinen Härchen an ihrem Schienbein festsetzte, warm, sämig wie Sirup. Die gesamte Kinderschar hielt den Atem an, als sie in den Fluss hineintauchte. Sie hörte, wie ein jüngeres Mädchen sagte: Krass.

Erst da ging ihr auf, dass sie sich nicht mit Michael darüber verständigt hatte, was In-den-Graben-Steigen im Einzelnen bedeutete. Egal, wie weit sie ging, er würde sagen, sie hätte weiter gehen müssen.

Ihr Fuß fand sicheren Halt auf einem runden Stein, als sie knietief im Dreck stand. Der Graben war flacher als erwartet. Vorsichtig löste sie sich von der Böschung und stellte sich hin. Sie drehte sich um, blickte ihren Herausforderer an. Michael stand ganz am Rand. Er zeigte noch dasselbe selbstgefällige Lächeln, aber dahinter spürte sie die mühsam im Zaum gehaltene Verblüffung, das ungläubige Staunen darüber, dass sie so etwas tatsächlich getan hatte.

Überzeugt, dass sie damit die Wette gewonnen hatte, näherte sich Sarat vorsichtig wieder der Böschung, diesmal mit Blick zum Land, die Hände im Schlick. Als sie sich hochstemmte, hörte sie ein dumpfes Knacken unter der Oberfläche. Der Stein, auf dem sie gestanden hatte, hatte sich gelöst. Plötzlich sank sie ein.

Schon im nächsten Augenblick hatten die braunen Fluten sie verschluckt. Instinktiv schloss sie die Augen und spürte im Dunkel die Wärme der Brühe in den Haaren und im Gesicht. Im ersten Moment glaubte sie, sie ertrinke. Ein Panikreflex, wie sie ihn bisher nie gekannt hatte, ergriff Besitz von ihren Muskeln.

Bevor sie noch die Augen öffnen konnte, klammerte sie sich schon ans Ufer, spürte mit den Händen Steine und Erde. Wie ein in die Enge getriebenes Tier schlug sie wild um sich – die Furcht verlieh ihr Kraft.

Sie kletterte wieder aus dem Graben, Arme und Beine glitschig von dem braunen Schleim. Jetzt hatte sie ihn an sich, den Gestank. Sie roch nichts anderes mehr. Sie sah, wie die Kinder sie auslachten, vor allem die Jungs. Michael zog eine große Schau ab, krümmte sich, tat, als bekomme er vor lauter Lachen keine Luft mehr. Das war seine Art zu zeigen, dass er wieder obenauf war; das neunmalkluge Mädchen, das es ihnen allen mit seiner kleinen Angelnummer gezeigt hatte, war in die Scheiße gefallen.

Sarat kletterte auf Händen und Knien weiter, bis sie wieder ebenen Grund erreichte.

»Ich war drin«, sagte sie. »Gib mir mein Geld.«

Michael wich zurück, als sie sich näherte. Er warf den Geldschein in ihre Richtung. Er landete im Schmutz vor Sarats Füßen.

»Heilige Scheiße«, rief Michael, immer noch lachend. »Wie du stinkst!«

Sarat nahm das Geld. Sie ging davon, und die Kinder machten bereitwillig eine Gasse für sie frei. Ein paar blieben in der Nähe, als sie nun zu ihrem Zelt zurückkehrte. Andere, wie Kundschafter, rannten voraus, um Eltern und Geschwistern die Geschichte zu erzählen.

Der Dreck klebte an ihren Beinen, und sie ließ eine Tropfenspur hinter sich zurück. Sie spürte etwas in ihrem Haar, als krabbelten dort kleine Insekten.

Als sie zu Hause ankam, stellte sie fest, dass die Nachricht ihr vorausgeeilt war. Ihre Mutter stand schon vor dem Zelt und erwartete sie.

»Was hast du mit dir gemacht?«, fragte Martina.

»Nichts«, entgegnete Sarat. Es war eine instinktive Antwort, das Wort war schon heraus, bevor sie merkte, was sie sagte. Und kaum hatte sie es gesagt, da kam ihre Mutter schon auf sie zu und schlug ihr ins Gesicht.

»Meinst du, wir haben nicht auch so schon genug Schwierigkeiten?«, schrie sie. »Meinst du, es ist nicht genug, dass wir in diesem Höllenloch hier sitzen, mit Mördern ringsum? Meinst du, ich habe nicht auch so schon genug um die Ohren, musst du auch noch deine Familie zum Gespött der ganzen Leute machen?«

Sarat schüttelte den Kopf. Tränen standen in ihren Augen. Die meisten Kinder, die sie nach Hause begleitet hatten, waren verschwunden, und jetzt trollten sich auch die letzten. Plötzlich war dieses Spektakel kein Spaß mehr.

»So kommst du mir hier nicht rein, von oben bis unten voller Dreck«, sagte Martina. »Du hast das selbst angerichtet, jetzt sieh auch zu, wie du wieder sauber wirst. Von jetzt an kannst du selber sehen, wie du rauskommst, wenn du in der Scheiße steckst.«

»Schon in Ordnung«, sagte Sarat. »Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten.«

Sie drehte sich um und ließ ihre Mutter stehen, zog los in Richtung Osten. Der Abend senkte sich schon über das Lager. Ein paar Männer, die die heiße Zeit des Tages verschlafen hatten, kamen nun aus ihren Zelten hervor, setzten sich zurück auf ihren Platz auf den Holzkisten, um zu trinken und Karten zu spielen. Sarat ging an ihnen vorüber, der Wind wehte ihr Aroma vor ihr her, aber die Männer merkten es nicht, oder es war ihnen egal.

Am Nordrand von Alabama sah sie ungefähr ein halbes Dutzend Männer rund um einen alten Klapptisch sitzen. Auf dem Tisch war ein Tablet aufgestellt, mit einem kleinen Lautsprecher daran.

Die Männer sahen sich eine Uffzeh-Aufzeichnung aus der vergangenen Woche an. Es war ein Titelkampf im Citadel in Augusta, einer der besseren der letzten Zeit. Alle zwölf Kämpfer waren die ersten siebeneinhalb Minuten auf den Beinen geblieben, erst da ging der erste zu Boden.

Einer der Männer erzählte, es sei ein Junge aus Camp Patience dabei gewesen, der beinahe in die Endrunde gekommen sei, zwei Tage zuvor aber in der Vorentscheidung verloren habe.

»Es war einer von den Jungs aus Carolina, ein gewisser Taylor«, sagte der Mann. »Scharfer Hund, heißt es.«

»Klar, aber ich wette, die ganze Zeit, in der er den scharfen Hund gespielt hat, haben seine Gegner zugeschlagen«, meinte ein anderer. »Mit Scharfsein allein ist es nicht getan.«

Marcus Exum stand am Rande dieses Zirkels von Zuschauern. Er war auf einen umgedrehten Waschkorb geklettert und reckte den Hals, um auch etwas zu sehen. Als er Sarat bemerkte, sprang er herunter und kam ihr entgegen.

»Hey, hey«, sagte er und fasste sie am Ellbogen. »Was machst du denn für Sachen?«

»Fass mich nicht an«, schnappte Sarat. Marcus schreckte zurück. Sie sah plötzliche Verwirrung, Schmerz in seinen Augen.

»Nein, so meine ich das nicht. Ich bin total verdreckt. Ich stinke.«

»Und wieso gehst du nicht duschen?«, fragte Marcus.

»Hab nichts anderes anzuziehen. Meine Mom lässt mich nicht ins Zelt. Sagt, ich habe sie blamiert.«

»Ach, wenn du sagst, dass es dir leidtut, dann wird sie bestimmt …«

»Es tut mir nicht leid«, entgegnete Sarat so laut, dass einige der Männer von dem Kampf aufsahen. »Es tut mir nicht leid, und keiner von denen kann es so hindrehen, dass es mir leidtut. Das sind Lügner und Feiglinge, einer wie der andere. Tun, als ob es normal wäre, so zu leben wie wir hier. Aber das ist nicht normal; dein Dad hat ganz recht, wir warten wirklich nur auf den Tod, warten, dass die Blauen eines Tages über den Zaun da kommen und jeden Einzelnen von uns umbringen. Nein, mir tut nichts leid. Ich bin ja nicht die, die im Unrecht ist.«

»Ich habe nicht gesagt, dass du im Unrecht bist«, sagte Marcus. »Ich habe noch nie gefunden, dass du im Unrecht bist. Geh duschen. Ich hole dir was zum Anziehen aus unserem Zelt. Mein Dad ist ja gar nicht so viel größer als du.«

Sarat nahm den unbefestigten Weg zum nördlichsten Duschwagen im Alabama-Areal. Es war ein Container aus rostigen Blechplatten und Kunststoff, auf Betonsteinen aufgebockt. Drinnen roch es nach Schimmel und dem Karamell-Kardamom-Duft der Tütchen mit Waschlotion, die Monat für Monat kistenweise in den Docks von Augusta ankamen. Es waren kleine, durchsichtige Tüten, die Art, in der man auch Ketchup und Senf bekam. Sie lagen überall herum, verstopften die Abflüsse, blieben einem an den Fußsohlen kleben. Alle Bewohner von Camp Patience, ausgenommen die mit den besten Beziehungen, wuschen sich mit diesem Zeug Haare und Haut, aber keiner von ihnen roch je wie die schleimige, bernsteingelbe Flüssigkeit – nur die Duschwagen rochen danach.

Sarat ging hinein und zog sich aus. In einer der drei Kabinen legte sie ihre Kleider in einem Haufen unter den Duschkopf und drehte den Heißwasserhahn auf. Schon bald waberte der Dampf durch den Raum. Das Wasser löste die Schlammkruste von ihren Kleidern, und ein salziger, schwefliger Geruch erfüllte den Wagen.

Sarat ging in die Kabine nebenan. Sie drehte das Wasser auf. Es war kalt; sie bekam Gänsehaut am ganzen Körper, die feinen Härchen an ihrem Unterarm stellten sich auf.

Sie stand mit gesenktem Kopf, sah zu, wie das milchig braune Wasser um den Abfluss strudelte. Auf der Innenseite der Kabinentür waren alle erdenklichen Graffiti: Erkennungszeichen der Südstaaten-Milizen, grotesk gezeichnete Genitalien wie Comicbilder, Anschriften der Zelte, in denen die Huren wohnten, die Diebe und die Verräter. Jetzt war das Wasser klar.

Sarat hörte, wie die Wagentür aufging. Sie hörte seine Schritte, kaum auszumachen im Tosen des Wassers und im Kreischen der Rohre. Sie hörte, wie er die Sachen für sie auf der Bank neben dem Waschbecken ablegte, und dann hörte sie noch einmal das Quietschen der Wagentür, die sich öffnete und schloss.

Aber als dieses Geräusch verklungen war, wusste sie, dass Marcus nicht gegangen war. Sie wusste, dass er in diesem Raum war, und durch den winzigen Spalt zwischen Tür und Rahmen spürte sie seine Augen auf ihrem Körper.

Immer noch gesenkten Hauptes sah sie an, was er ansah. Die Topographie ihres Körpers: die Schultern breit und kräftig; die Brüste, die bei jedem anderen Mädchen ihres Alters als Hügel dagestanden hätten, an ihrem Leib aber winzig wirkten; die Hüften genauso breit wie die Schultern, die Schenkel so breit wie die Hüften, ein massiger Leib ohne Rundungen. Ein Mädchen wie ein Backstein. Und die fremdartigste Verlockung für seine Augen, das wusste sie, war die Stelle, an der die Linien sich trafen, die Stelle, die ihr im letzten Jahr so plötzlich so übel mitgespielt hatte, dass sie glaubte, sie müsse sterben. Die Stelle, die sie von einem Augenblick auf den anderen zu einer Fremden vor sich selbst gemacht hatte.

Und sie wusste, wenn sie jetzt einfach aufblickte und ihm in die Augen sah, dann würde der Junge davonlaufen, würde sie nicht einmal um Verzeihung bitten, sondern vor Scham vergehen. Zum ersten Mal im Leben gebot sie über ein Augenpaar, das nicht das ihre war, und sie hielt den Kopf gesenkt, damit dieser Blick auf sie geheftet blieb. In dem stickigen Dampf starrten Junge und Mädchen einen Moment lang wie gebannt auf dieselbe Haut.

Der Wasserstrahl wurde schwächer, die Rohre gaben ein rumpelndes Kreischen von sich. Sarat drehte den Hahn zu. Als das Wasser verebbte, hörte sie, wie Marcus sich davonstahl.

Draußen vor der Kabine fand sie ein Alibaba-Shirt und ein Paar schlabbrige Jeans, schon ganz abgewetzt an den Knien. Das Hemd passte recht gut, aber die Hose war zu weit um die Hüften. Sie holte ihr altes Shirt aus dem Stapel am Boden und riss einen Streifen davon ab; sie nahm ihn und flocht ihn zu einer Kordel, und die zog sie durch die Gürtelschlaufen und band die Hose damit fest.

Als sie aus dem Duschwagen kam, fand sie Marcus auf der untersten Treppenstufe sitzen, die Arme um die Schienbeine gelegt. Sie setzte sich neben ihn.

In den frühen Abendstunden war das Lager erfüllt von den Stimmen der Menschen, vom Blitzen der Taschenlampen und vom schweren Dunst der Kochstellen. Die Sendungen des Freien Südstaatenradios schepperten hoch und dünn aus tragbaren Lautsprechern.

Sie sah Marcus an, doch der starrte auf seine Füße. Sie spürte, dass zwischen ihr und ihrem Freund eine Mauer gefallen war, doch an deren Stelle war eine andere entstanden. Und auch wenn sie es nicht hätte beschreiben können, wusste sie, was das war. Sie wusste, es war etwas in der Art jener schlüpfrigen Andeutungen, die ihre Schwester so gut beherrschte. Es war etwas, das existierte in jener fiebernden Welt zwischen Neugier und Verlangen.

Und sie fand es aufregend – nicht die Vorstellung von Sex, aber das Neue daran, die Erkenntniss, dass sie nicht nur Einfluss auf ihre eigenen Gefühle, sondern auch auf die anderer hatte; dass sie eine solche Macht hatte, in einem anderen etwas zu verändern.

Schließlich sagte er dann doch etwas: »Wenn mein Dad erst mal schläft, den weckt nichts wieder auf.«

»Ich komme nicht mit in dein Zelt«, sagte Sarat.

»Wo willst du denn dann hin?«

»Ich schlafe bei den Tieren, bei Cherylene und der Ratte von dir, wenn sie die nicht inzwischen gefressen hat. Da ist genug Platz.«

Marcus sah Sarat an, fasste sie am Unterarm. »Bitte bleib nicht da oben. Du weißt, wie gefährlich das ist. Mein Dad sagt, es kann nur noch eine Frage von Tagen sein, bis die Milizen der Blauen nachts über den Zaun kommen.«

»Und das glaube ich ihm. Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es gerade heute Nacht ist?«

»Was, wenn es gerade heute Nacht ist

»Dann sind wir sowieso alle tot. Wo soll ich denn sonst bleiben?«

»Geh runter zur Krankenstation«, sagte Marcus. »Erzähl ihnen, du hast Grippe oder so was, dann behalten sie dich die Nacht über da.«

»Die Krankenstation ist doch schon seit Weihnachten zu«, erinnerte ihn Sarat.

»Da sind immer noch ein paar Betten. Die werden für nichts anderes gebraucht.«

Der Knall eines Schusses riss sie aus diesen Überlegungen, ein einzelner Gewehrschuss von irgendwo weiter nördlich. Es war ein Laut, den sie schon unzählige Male gehört hatten, ein Laut, der für sie weder Ursprung noch Ziel hatte.

»Bitte, bleib heute Nacht nicht da oben«, sagte Marcus.

»Okay«, antwortete Sarat.

Die beiden saßen beisammen auf der untersten Treppenstufe und sahen zu, wie eine alte Frau ein quadratisches Loch in ihrem Zelt mit Faden und einem Stück Decke flickte. Sarat schüttelte sich.

»Was hast du?«, fragte Marcus.

»Mein Kopf juckt«, antwortete Sarat.

»Hast du die Haare nicht gewaschen?«

»Doch.« Sie kratzte sich mit den Nägeln am Kopf, bis sie Angst hatte, dass es blutete. Trotzdem marschierten Kolonnen unsichtbarer Ameisen durch ihre strubbeligen Locken.

»Hat dein Dad einen Haarschneider?«, fragte sie.

»Ja.«

»Dann hol ihn.«

Marcus sprang auf und lief wieder zu seinem Zelt. Bald war er zurück mit einer alten elektrischen Haarschneidemaschine, mit drei Scheraufsätzen.

Sarat steckte einen von den Aufsätzen auf und schaltete die Maschine ein. Sie brummte und vibrierte in ihrer Hand. Vorsichtig setzte sie sie oberhalb der Stirn an und spürte zunächst einmal gar nichts. Dann ein leichtes Ziepen an den Wurzeln, und schon sah sie die krausen Büschel sanft zu Boden gleiten.

Ganz langsam zog sie den Apparat über den Schädel, teils aus Vorsicht, aber auch damit es nicht so schnell vorüber war; das Scheren fühlte sich gut an auf der Kopfhaut. Bald glitt die Maschine nur noch glatt darüber, es kamen keine Haare mehr.

»Habe ich eine Stelle ausgelassen?«, fragte sie. Marcus schüttelte den Kopf.

Sarat legte den Apparat auf der Treppe ab, noch mit Haarbüscheln zwischen den Messern. Sie fuhr sich mit der Hand über den Schädel, der sich nun anfühlte wie Filz. Sie stand auf.

»Du bist ein guter Freund«, sagte sie zu Marcus, und dann ging sie.


***

Sie ging zu den Verwaltungsgebäuden. Sie setzte sich an die Hintertür der Krankenstation und wartete. Jenseits des Wegs lagen die südlichsten Zelte von Alabama. Bei einem davon war die gesamte Ostseite schon seit langem so zerfetzt, dass sie nicht mehr zu reparieren war. Stattdessen hatte die alte Frau, die dort wohnte, eine große Flagge der Freien Südstaaten aufgehängt. Aber auch die war längst ausgebleicht, die roten Balken nur noch ein gespenstisches Rosa, die drei schwarzen Sterne kaum noch zu erkennen.

Sarat betrachtete die Flagge. Sie hatte sie schon unzählige Male gesehen, als Zierde an den Zelten, hoch oben an Masten wehend, auf Geldscheine gedruckt, die von Tag zu Tag weniger wert waren. Aber sie hatte nie groß darauf geachtet. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass der Süden das Hoheitsgebiet zweier verschiedener Mächte war – der offiziellen Regierung der Freien Südstaaten mit ihrer Hauptstadt Atlanta, deren Soldaten so gut wie nie kämpften, und der großen Zahl von Rebellengruppen, die nie etwas anderes taten als kämpfen.

Sie wusste, die drei Sterne auf der Flagge standen für die drei Staaten des MAG, und sie wusste, dass es noch einen vierten gegeben hätte, hätte man aus South Carolina nicht einen Wald aus lebenden Toten gemacht.

Als sie die Flagge jetzt näher ansah, fiel Sarat auf, dass die schwarzen Sterne leicht asymmetrisch waren. Der Zacken, der nach rechts zeigte, war länger als die anderen. Sie erinnerte sich, dass einer der älteren Lagerbewohner einmal erzählt hatte, im ersten Jahr nach der Unabhängigkeit hätten die Freien Südstaatler es gar nicht abwarten können, eine eigene Fahne und eine Nationalhymne zu bekommen. In ihrem Eifer hatten sie die Sterne schief genäht, und auf eine Hymne konnten sie sich nie einigen. Und so hatte Präsident Kershaw bei der offiziellen Präsentation der Fahne seine berühmten Worte gesprochen, dass der Schmerzensschrei der gepeinigten Menschen des Südens das einzige Lied des Landes sei, und von den schiefen Sternen war nicht die Rede gewesen.

Sarat überlegte, wie leicht es wäre, diesen Fehler zu korrigieren und einfach in Zukunft gerade Sterne zu nehmen. Aber sie wusste, dass auch die Geschichte der Missgeschicke Geschichte ist. Einmal schief gezeichnet, mussten die Sterne schief bleiben. Hätte man sie geändert, dann wäre es erst recht falsch gewesen.

Über diesem Gedanken schlief sie ein, an die Wand gelehnt, zusammengerollt wie eine Cashewnuss mit ihren Knien als Kopfkissen. Als sie wieder erwachte, war es schon lange nach Mitternacht, und alles im Lager war still. Sie ging um die Krankenbaracke herum bis zu einem großen Mülleimer unter einem kleinen Fenster. Sie kletterte hinauf und stand vor dem Fenster. Die Öffnung war gerade breit genug für ihren Körper, und sie überlegte, dass sie, selbst wenn es ihr gelang, das Fenster aufzuschieben, womöglich beim Versuch hineinzuklettern dort steckenblieb.

Das Licht der Straßenlaterne fiel genau aufs Fenster. Sarat sah ihr Spiegelbild im Glas.

Mit geschorenem Schädel wirkte ihr Gesicht voller, runder auf eine Art, die seine Symmetrie besser zum Ausdruck brachte. Der Übergang von der Kinn- zur Schädelpartie wirkte fließender, und der blanke Schädel war wiederum eine Art Spiegel für das Licht.

Lange stand Sarat dort oben und betrachtete ihr neues Gesicht. Im Hintergrund war ihr Verstand mit all dem Ärger beschäftigt, den sie sich eingebrockt hatte – dem Zorn ihrer Mutter, den endlosen Hänseleien der Kinder, die gesehen oder mittlerweile gehört hatten, was sie getan hatte. Doch in diesem Augenblick, allein mit ihrem Spiegelbild, kam sie sich wie neugeboren vor, und unglaublich leicht.

Das Fenster war nur mit Plastikfolie bespannt, die ein wenig nachgab, als Sarat dagegen drückte. Aber auf der anderen Seite war es mit einem dicken hölzernen Stopfen fixiert, so dass sie es nicht aufschieben konnte. Sie versuchte, mit dem Finger hineinzukommen und es ganz auszuheben. In diese Aufgabe vertiefte sie sich so sehr, dass sie gar nicht merkte, dass ein Schatten über die Wand glitt, ein Schatten in Gestalt eines Mannes, und nun stand dieser Mann hinter ihr.

»Ich weiß nicht, was du suchst«, sagte er, »aber ich hätte meine Zweifel, ob du es dort findest.«

Sarat fuhr zusammen, machte einen Schritt zurück und wäre fast von dem Mülleimer gefallen. Sie drehte sich um und sah einen Mann von etwa sechzig Jahren, in einem schwarzen Vorkriegsanzug mit Nadelstreifen. Sie hatte ihn noch nie gesehen.

Er war ein kleiner Mann, einen halben Kopf kleiner als Sarat, obwohl seine blank geputzten Schuhe dicke Sohlen hatten. Er hatte einen steifen schwarzen Homburg auf. Durch die Krempe blieb sein Gesicht im Schatten, denn die Lampe war direkt über ihnen.

»Ich wollte nichts stehlen«, beteuerte Sarat. »Verraten Sie mich jetzt?«

»Keine Sorge, ich verrate dich nicht«, sagte der Mann. »Wie heißt du?«

»Sarat.«

»Hallo, Sarat. Ich bin Albert Gaines.« Er sprach mit eher leiser, gleichmäßiger Stimme, mit einem Hauch von dem singenden Tonfall von Mississippi, bei dem ein langgezogener Vokal sich stets direkt an den anderen schmiegte. Es erinnerte Sarat an die Varietésendung, die ihre Mutter sich immer gern an Freitagabenden anhörte: eine beschwichtigende, vertraute Stimme.

»Wie alt bist du, Sarat?«, fragte er.

»Zwölf.«

»Und warum hast du fremde Kleider an?«

Die Frage traf sie unvorbereitet, und kurz überlegte sie, ob der alte Mann unter denen gewesen war, die zugesehen hatten, als sie in den Graben stieg. Aber er war nicht dort gewesen, das wusste sie. Jedes Gesicht, das sie dabei beobachtet hatte, war ihr jetzt ins Gedächtnis eingebrannt; an jedes einzelne davon, jedes Grinsen, jedes Kichern, würde sie sich für den Rest ihres Lebens erinnern.

»Ich bin in den Smaragdbach gestiegen.«

»Warum machst du denn so etwas?«

»Eine Wette.«

Gaines lächelte. Von den Mundwinkeln bis zu den schwarzen Ringen unter seinen Augen sah Sarat kleine Krater, Zeichen des Alters, Beschädigungen durch das Leben.

»Komm zu mir nach unten«, sagte er. »Ich will dir ein Geschäft vorschlagen.«

Sarat kletterte von der Mülltonne und ging zu dem Mann hin. Sie stellte sich vor, dass er jemand Bedeutendes war – einer der Vertreter der Freien Südstaaten, die von Zeit zu Zeit aus Atlanta hergeschickt wurden, um die Stimmung im Flüchtlingslager zu sondieren und von den neuesten Zugeständnissen der Blauen, oder den neuesten Kränkungen durch sie, zu berichten. Aber die kamen anders daher, die trugen billige, schlecht sitzende Hemden, hatten Anstecker mit der Südstaatenfahne und konnten stundenlang reden, ohne dass sie dabei etwas Nützliches sagten. In den Augen der meisten Flüchtlinge waren diese Männer nichts als trübe Funken, die von den Zahnrädern einer Maschine an einem Ort weit entfernt flogen.

Gaines holte einen kleinen gelben Umschlag aus der Brusttasche. »Ich habe einen Bekannten hier und brauche jemanden, der ihm diesen Brief bringt«, sagte er. »Er heißt Leonard und wohnt in Reihe neun, Zelt neun im Sektor South Carolina.«

»Okay«, sagte Sarat.

»Du hast keine Angst, ins South-Carolina-Viertel zu gehen?«

»Nein.«

»Willst du denn nicht wissen, wie viel ich dir dafür zahle?«

Sarat zögerte. Der Mann lachte leise. »Keine Sorge, das ist keine Wette, es ist ein Auftrag. Für einen Auftrag wird man bezahlt.« Er gab ihr den Umschlag. »Dann warten wir mal ab, wie gut du es machst.«

Sarat nahm den Umschlag. Darauf stand in makelloser Schreibschrift der Name Leonard geschrieben. Sie ging nach Südosten, an den Verwaltungsgebäuden vorbei, in die Richtung, in der der Haupteingang des Lagers lag.

Genau wie die anderen Flüchtlinge aus anderen Staaten hatte sie sich noch nie ins South-Carolina-Viertel getraut. Sie hatte nur davon erzählen hören: von den bösartigen, verbitterten Leuten, den letzten Gesunden ihres hinter den Quarantänemauern verschwundenen Lands.

Früher, vor Jahren, war das Viertel der Flüchtlinge aus South Carolina das größte im Lager gewesen, doch im Laufe der Jahre war ihr Sektor geschrumpft, hatte an der Nord- und Westgrenze Streifen an Alabama und Georgia abgeben müssen, denn von dort kamen immer noch Flüchtlinge nach – aber keiner kam mehr aus South Carolina. Der ganze Staat war von der Außenwelt abgeriegelt.

Sarat spazierte zwischen schmucklosen Zelten, deren Risse meist ungeflickt blieben. Ein paar Männer saßen auf Plastikstühlen, lasen oder spielten Domino. Sie beobachteten sie, als sie vorüberging.

An ihrem Ziel angekommen, fand sie dort zwei Jungen beim Kartenspiel, mit einem Reissack als Tisch. Sie mochten vierzehn oder fünfzehn sein, der mit dem Rücken zu ihr rothaarig mit Igelschnitt, der andere klapperdürr, blond und nackt bis auf ein Paar Shorts mit dem Emblem der Double Stars.

Hinter ihnen, in der Ferne hinter dem Zelt, glommen sanft die Lichter des Haupteingangs. Und hinter jenem Tor lag die weite Welt des Südens, warteten die zerbombten Städte, die salzzerfressenen Küsten, das schrundige, verdorrte Land. Es war eine Welt, die es für Sarat jetzt nur noch in den Brandreden von Radiopredigern gab, in Kriegsliedern und in der ländlichen Idylle, wie man sie in der Propaganda der Freien Südstaaten sah. Es war eine Abstraktion, eine Idee, sonst nichts.

Als der blonde Junge Sarat kommen sah, sprang er von seiner Apfelsinenkiste auf.

»Was willst du hier?«, fragte er und kam auf sie zu.

»Ich bin auf der Suche nach Leonard«, sagte Sarat. »Hab einen Brief für ihn.«

»Du hast hier nichts zu suchen. Hau ab.«

Der Junge war bleich, als hätte er die Sonne des Südens nie gesehen. Ein hellroter Striemen verlief von einer Seite des Halses bis hinunter zum Nabel; Sarat hätte nicht sagen können, ob es Ausschlag war, eine Art Muttermal oder eine Brandnarbe. Er war drei oder vier Zoll kleiner als sie und bestimmt dreißig Pfund leichter, und seine Hüftknochen standen vor wie die Klingen von Hackbeilen.

»Wenn ich das Leonard gegeben habe«, sagte Sarat und hielt den Brief in die Höhe, »verschwinde ich.«

»Hörst du schlecht?«, erwiderte der Junge. »Ich habe gesagt hau ab.«

Er kam auf sie zu, um sie wegzuschubsen, stieß sie mit den Handflächen zwischen Schulter und Brust. Und da geschah etwas tief in ihrem Inneren – als schnappe ein Schloss zu. Es war wie ein Brennen, das in ihr aufstieg, ein Feuer in ihren Augenhöhlen.

Mit einem kehligen Schrei ging sie auf den Jungen los, ihre Hände Schraubzwingen an seinem Hals. Er strauchelte und ging zu Boden, und sie warf sich auf ihn, klemmte seine Arme mit ihren mächtigen Waden fest. Ihr erster Schlag traf ihn mitten im Gesicht; die Nase des Jungen knackte. Sarat schlug noch einmal zu und noch einmal, als gehorchten ihre Fäuste ihr nicht mehr. Mit jedem Schlag keuchte sie, und aus diesem Keuchen wurde ein Brüllen. Eine Sekunde lang sah sie in den weit aufgerissenen, ringsum mit Blut bespritzten Augen des dürren Jungen aus Carolina ihr eigenes Bild, das Bild eines wütenden Tiers.

Im nächsten Moment wurde sie in die Höhe gehoben, mit Armen und Beinen strampelte sie noch, aber ihr Körper war zwischen zwei Armen ohne Hände festgeklemmt. Der Mann, der sie auf den Boden setzte, war ein Riese, die Schultern so breit, dass sie anfangs den davonstürzenden Jungen gar nicht mehr sah. Sie wollte sich an den Beinen des Mannes vorbeiducken, aber der drückte sie fest auf den Boden, seine Armstümpfe auf ihren Schultern.

»Das reicht«, sagte der Mann. »Schluss jetzt.«

Sarat versuchte sich aus dem Griff des Mannes zu befreien, aber es gelang ihr nicht. Sie drehte sich um, wollte ihn ansehen. Das Gesicht war zerstört, die Lippen fehlten, an ihrer Stelle hatte er nur noch zwei dünne Streifen braun verkrusteter Haut, die Wangen waren runzlig von Brandnarben. Sie blickte in die leere Höhle, da wo einmal sein rechtes Auge gewesen war, und der Anblick hypnotisierte sie.

»Was ist hier los?«, fragte der Mann.

Sarat streckte ihm den Umschlag hin. »Das hier soll ich Leonard geben«, sagte sie.

Der Mann nahm den Umschlag, klemmte ihn zwischen die Handgelenke. »Das hast du getan«, sagte er. »In Ordnung?«

»In Ordnung.«

Sie sah den Jungen hinter dem Mann stehen, Blut lief ihm noch immer aus der zerdrückten Nase. Panische Angst stand in seinen Augen, doch nicht vor dem Mädchen, das er vor sich sah, sondern vor dem Mann.

»Du kannst Gaines etwas von mir ausrichten«, sagte Leonard zu Sarat. »Sag ihm, wir haben hier zwei Familien, die keinerlei Einkommen mehr haben.« Er hielt den Umschlag in die Höhe. »Und das allein reicht nicht dafür.«

»Gut«, sagte Sarat. Sie wandte sich zum Gehen.

»Warte«, sagte Leonard. Er drehte sich zu dem Jungen um.

»Habe ich einen Feigling großgezogen?«, fragte er.

»Nein, Sir«, antwortete der Junge, die Stimme kleinlaut und schnarrend, die Augen niedergeschlagen.

»Sieht aber im Augenblick verdammt danach aus. Entschuldige dich.«

Der Junge machte einen Schritt vor. »Es tut mir leid«, sagte er.

Sarat schwieg.

»Schon in Ordnung«, sagte Leonard. »Du musst es nicht annehmen. Aber er muss es sagen.«


***

Bei ihrer Rückkehr zu den Verwaltungsgebäuden fand Sarat Albert Gaines auf einer Bank vor dem Hauptgebäude sitzen. Er las in einem alten Buch auf Papier, dessen Umschlag die verschlungenen Buchstaben einer Sprache zierten, die Sarat kannte, auch wenn sie sie nicht verstand. Es gab kein Bild auf dem Umschlag, nur ein geometrisches Muster und Linien, geschwungen wie Säbelklingen. Es schien eine reicher verzierte Version der Schrift, die Sarat schon tausend Mal gesehen hatte, auf den Verpackungen der Lebensmittel, den Wasserflaschen, den Paketen mit Hilfslieferungen und den Fahrzeugen des Roten Halbmonds. Die Sprache fremder Menschen.

»Leonard lässt Ihnen sagen, das reicht nicht für die anderen zwei Familien, die niemanden mehr haben, der für sie sorgt«, richtete Sarat ihm aus.

Gaines blickte von seinem Buch auf und lächelte. »Leonard, der Menschenfreund. Na, er hat sich diese eingebildete Ritterlichkeit wohl verdient.«

Er nahm einen Geldschein aus seiner Brieftasche und reichte ihn Sarat. »Gemäß unserer Vereinbarung«, sagte er.

Sarat starrte das Geld an. Es war ein Zwanziger der Nordstaaten, ein echter Greenback mit dem Bild eines längst toten Präsidenten. Das Hologramm zeigte die schimmernden Umrisse einer alten Gedenkstätte mit granitenen Säulen.

»Nimm es nur, nimm es«, ermunterte Gaines sie. »Ja, ich weiß, ich weiß, Geld von den Blauen, nicht wahr? Aber lass dir eines gesagt sein: Es ist keine Sünde, wenn man das, was von ihnen kommt, nutzt, um etwas gegen sie zu tun.«

Als sie nach dem Schein griff, hielt Gaines sie am Handgelenk fest. Er schaute die roten, blutbeschmierten Fingerknöchel an.

»Nun, ich nehme an, Leonard selbst wird es nicht gewesen sein«, sagte er. »Sein Junge?«

»Er hat mich gestoßen«, erklärte Sarat.

Gaines zog aus seiner Brusttasche ein graues Seidentaschentuch und wischte Sarat das Blut von den Fingern.

»Braves Mädchen«, sagte er.

Er ließ ihr Handgelenk wieder los. Jetzt aus der Nähe konnte Sarat die Pockennarben in seinem Gesicht besser erkennen. Er wirkte älter dadurch, und trotzdem sah er nicht so alt und müde aus wie die Männer im Lager. Es war etwas Strahlendes an ihm, ein Licht des Selbstvertrauens, das in seinen stahlblauen Augen brannte. Er hielt sich ganz anders, so wie er dort saß, das Rückgrat aufrecht und gerade. Es ging eine Ruhe von ihm aus, wie früher von ihrem Vater.

»Danke«, sagte sie und steckte das Geld ein. »Bestimmt sehen wir uns mal wieder.«

Sie wandte sich zum Gehen.

»Sarat«, hielt Gaines sie auf. »Darf ich dich noch zu einem späten Essen einladen?«

»Sie haben ein Zelt hier?«, fragte Sarat. »Ich dachte, Sie sind einer von den Freien Südstaaten, zu Besuch aus Atlanta.«

»Das habe ich nicht und das bin ich nicht«, antwortete Gaines. »Aber ich habe ein Büro, und ich könnte mir denken, dass du das wenige, was ich an Proviant dort aufbewahre, so spärlich es auch ist, als willkommene Abwechslung von dem Fraß ansehen wirst, den sie euch hier vorsetzen. Komm.«

Sarat folgte ihm zur Rückseite des Gebäudes der Lagerverwaltung. Er schloss eine Seitentür auf. Seit ihrer Ankunft im Lager war sie nur ein paar wenige Male in der Verwaltung gewesen. Es war ein dunkles, unauffälliges Gebäude, die Wände in einem kränklichen Gelbrosaton gestrichen, der Farbe von Fingernägeln.

Sie stiegen eine Treppe hinab, die sie noch nie gesehen hatte, und gelangten in einen durch eine Stahltür abgetrennten kleinen Keller. Hier gab es nur einen einzigen schmalen Gang aus nacktem Beton. Am Ende des Ganges war eine Tür. Gaines öffnete sie und hielt sie ihr auf.

Sarat trat ein. Der Raum roch nach Mahagoni und Zitrusfrüchten. Hinter ihr schaltete Gaines das Licht ein.

»Fühl dich ganz wie zu Hause«, sagte er. »Es ist immer ein Vergnügen, einen Gast zu begrüßen.«

Die Wände waren niedrig, das Zimmer schmal und lang, mit zwei kleinen Fenstern auf Höhe des Erdbodens draußen. Zu ihrer Linken sah Sarat einen Schreibtisch aus dickem schokoladenbraunem Mahagoniholz, die Beine wie die untere Hälfte eines Stundenglases. Auf dem Tisch lagen säuberlich aufgestapelte Umschläge aus braunem Papier, und es gab einen Füllfederhalter mit einer Spitze wie eine Träne, ein Stück aus einem früheren Jahrhundert. Daneben lag ein Brieföffner mit goldener Klinge.

An der Wand neben dem Schreibtisch hing eine ganze Reihe von Landkarten – auf einer erkannte Sarat die Umrisse des MAG, eine zeigte offenbar die Grenze zu Tennessee in großem Maßstab, den Schauplatz von so vielen der schlimmsten Gefechte. Die dritte und vierte Karte waren ihr fremd, mit seltsamen kreisförmigen Zeichen bedeckt und großen rot, blau und braun eingefärbten Bereichen.

Die beiden letzten Karten ganz am anderen Ende der Wand hatte Sarat schon einmal gesehen, vor vielen Jahren in einem Buch. Es waren Weltkarten – eine zeigte die Erde, wie sie vor hundert Jahren ausgesehen hatte, und eine, wie sie heute war.

»Könntest du zeigen, wo du bist?«, fragte Gaines, der hinter ihr stehen geblieben war.

Mit einer unbestimmten Bewegung deutete sie auf ein kantiges Eckchen Land auf der linken Seite der Weltkarte.

»Das ist Georgia«, sagte Gaines. »Aber damit liegst du fast richtig.« Er nahm ihre Hand und führte sie ein kleines Stückchen nach Nordwesten.

»Und weißt du, von wo die Hilfsschiffe kommen? Wo die Länder liegen, die uns all die Decken schicken und das Essen, das es dann in der Cafeteria gibt?«

Sarat starrte die Landkarte an.

Gaines zeigte auf ein riesiges Land auf der rechten Seite der Karte. »Manches kommt aus China.« Dann wanderte sein Finger weiter zur Mitte, zu einem Land, dessen weitläufige Grenzen das ganze obere Drittel eines Kontinents umfassten sowie die rechteckige Halbinsel in dessen Osten. »Und manches kommt aus dem Bouazizireich.«

»Was ist das, ein Reich?«, fragte Sarat.

»Ein Reich entsteht, wenn viele kleine Länder Teile eines großen Ganzen werden, ob freiwillig oder nicht«, erklärte Gaines. »Unser Land hier war auch einmal ein Reich.«

Nun betrachtete Sarat die alte Karte, die von der Welt vor hundert Jahren. Der Bereich, auf den Gaines gezeigt hatte, war auf dieser Karte ein einziges Durcheinander aus Grenzen kreuz und quer, manche der Länder so klein, dass sich sogar die aufgedruckten Namen kreuzten. Auf der neuen Karte stand über all dem nur ein einziger Name: Bouazizi.

»Als ich so alt war wie du jetzt, erhob sich das Volk in diesen Ländern in einer Revolution«, sagte Gaines. »Sie scheiterte. Und dann unternahmen sie eine neue und noch eine und noch eine, und beim fünften Versuch siegten sie.«

Er zeigte auf einen blauen Bereich zwischen dem Nordrand des Bouazizireiches und dem Kontinent Europa.

»Wenn du irgendwo dort am Ufer stehst, in Neu-Algier zum Beispiel, dann siehst du überall Scharen von armseligen kleinen Booten, die vom europäischen Ufer herüber nach Süden kommen«, erzählte er. »Boote voller Migranten aus der alten Union, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Darum geht es bei einem Reich«, sagte er; »es ist ein Anziehungspunkt, eine Sonne – ein Gravitationszentrum, um das sich alles Unbedeutendere dreht.«

Während Sarat weiter die Karte studierte, holte Gaines etwas aus einem kleinen Kühlschrank. Schon bald darauf riss der Duft von Toast sie aus ihren Gedanken.

»Hast du je Honig probiert?«, fragte Gaines.

»Klar«, antwortete Sarat. »Alle paar Monate bekommen wir mal welchen mit unseren Rationen. Ist nicht schlecht.«

»Das ist kein Honig. Das ist eine Pampe, die Chemiker in einem Labor in Pearl River zusammenbrauen.«

Gaines legte den Toast auf den Teller und stellte den Teller auf ein Tablett. Sarat verfolgte, wie er ein kleines Glasgefäß öffnete, in dem zwei Plättchen mit einem sechseckigen Muster in einer karamellgelben Flüssigkeit steckten. Mit einem Löffel ließ er ein wenig von dem Honig auf den Toast rinnen.

»Der kommt von lebendigen Wesen«, sagte er. »Was das Leben uns schenkt, können wir nie ganz nachahmen, nie fälschen. Komm, koste es.«

Sarat setzte sich an den Tisch und nahm einen Bissen. Schon im nächsten Moment zündete das Süße daran auf ihrer Zunge ein Feuerwerk. Sie drückte sich den Honig an den Gaumen und erkundete die feineren Untertöne jenseits des Zuckers: ein Hauch von Kaffee, etwas Erdiges, aber auch ein seltsamer Geschmack nach Metall und Moder. Irgendwo in den Tiefen ihres Verstandes erwachte eine Erinnerung an den Ort, an dem sie geboren war: an das schlammige Ufer, die stickige Blechhütte, die Mündung des Mississippi. Mit einem Mal fühlte sie sich wie eine Fremde; sie merkte, wie sie leise weinte.

»Manchmal vergessen wir, dass es immer noch Schönes auf Erden gibt«, sagte Gaines.

Er fragte, von wo sie stamme.

»Geboren bin ich in St. James, Louisiana«, sagte Sarat.

»Louisiana«, antwortete Gaines, »das habe ich immer geliebt.« Er zeigte auf die Landkarte an der Wand. »Willst du wissen, wie es in deiner Heimat früher einmal aussah?«

Sarat nickte. Sie hatte es schon einmal gesehen, die Tentakel aus Marsch und Sumpf und das Stück Land mit den Umrissen eines Schuhs, die dieser Staat einmal gewesen waren. Aber sie wollte, dass er es ihr zeigte. Sie folgte ihm zur Karte. Er zeigte auf die Stelle, an der Louisiana sich mit seiner nun so schmal gewordenen Wespentaille an den Westrand des Staates Mississippi schmiegte.

»Siehst du hier die Stelle, wo der Fluss in den Golf mündet? Früher war das alles Land. Wunderschönes Land. Und hier, wo heute das Ostufer ist, stand einmal die schönste Stadt in ganz Amerika.«

Das Mädchen studierte die Karte. Auf der neueren daneben war da, wohin der Mann auf der alten zeigte, nur noch eine leere Fläche aus Blau.

»Und wo kommen Sie her?«, fragte sie ihn.

»Geboren bin ich in einem Ort namens Rome«, antwortete Gaines.

»Wo ist das?«

»Tja, das Rom, nach dem alle anderen ihren Namen tragen, lag in einem Land namens Italien, aber das, aus dem ich stamme, ist in New York.«

Sarat sah den Mann genau an, wollte in seinen Augen lesen, ob er log, aber sie fand kein Anzeichen dafür. Sie überlegte, dass sie, abgesehen von den Journalisten, die dann und wann und immer seltener ins Lager kamen und stets großen Wert darauf legten, geographisch so neutral wie möglich zu wirken, noch nie einem Menschen aus dem Norden begegnet war.

»Sie sind ein Blauer«, sagte sie.

»Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete er. »Du hast mich gefragt, wo ich geboren bin, und ich habe dir geantwortet. Hättest du mich gefragt, wo ich zu Hause bin, hätte ich dir etwas anderes geantwortet.«

»Ja und, was sind Sie dann?«, fragte sie.

Gaines setzte sich an den Tisch. »Nun«, sagte er, »als ich jung war, war ich Soldat. Damals gab es noch keine Roten und keine Blauen, da gab es nur das Militär der Vereinigten Staaten. Als ich vom Soldatenleben genug hatte, habe ich Medizin studiert und eine Zeitlang als plastischer Chirurg gearbeitet. Weißt du, was das ist, plastische Chirurgie?«

»Sie haben Leute hübscher gemacht.«

Gaines lachte. »Ja, so könnte man wohl sagen. Die meiste Zeit habe ich Menschen mit schweren Verbrennungen geholfen. Mein Fachgebiet war die Wiederherstellung zerstörter Haut.«

»Und machen Sie das immer noch?«

»Ich bin immer noch praktizierender Arzt, könnte man sagen. Ich arbeite als Freiwilliger in den Feldlazaretten entlang der Grenze nach Tennessee; eine Zeitlang war ich auch gar nicht weit von deiner alten Heimat in Louisiana tätig, draußen bei den Ölfeldern.«

»Sie helfen den Rebellen.«

»Ich helfe den Menschen des Südens.«

»Mir ist das egal«, sagte Sarat. »Mein Bruder will sich den Virginia Cavaliers anschließen. Er denkt, es ist ein großes Geheimnis, aber ich weiß längst alles.«

»Dann solltest du es aber, um seiner Sicherheit willen, nicht aller Welt erzählen, oder?«

»Ich erzähle es ja nicht aller Welt, ich erzähle es Ihnen.«

Gaines lächelte. »Weißt du, bevor ich Arzt wurde, wollte ich Mathematiker werden. Ich war fasziniert von der Macht der Zahlen, davon, wie man damit Geheimnisse erzählen kann. Aber mein Vater war Arzt, und er wollte, dass ich Medizin studiere. Er hat gesagt, bei den Berufen, auf die man sich verlassen kann, hat man immer mit Blut zu tun – als Chirurg, als Soldat, als Metzger. Er hat gesagt, die großen Unternehmen kommen und vergehen, aber solange es Menschen gibt, wird es in den blutigen Berufen immer Arbeit geben. Und ich glaube, da hatte er recht.«

»Was machen Sie denn dann in Patience?«, fragte Sarat. »Den Mann, den sie einmal die Woche herbringen, damit er Pillen verteilt, kenne ich; der Lagerarzt sind Sie nicht.«

»Nein, zum Pillenverteilen bin ich nicht hier. Weswegen ich hier bin – was, könnte man sagen, dieser Tage meine Hauptbeschäftigung ist –, das ist etwas, worüber ich normalerweise nicht rede. Da du mir aber sympathisch bist, Sarat, und da du mir den Gefallen getan und die Besorgung für mich erledigt hast und mir das Geheimnis der politischen Überzeugungen deines Bruders anvertraut hast – ich glaube, da ist es nur fair, wenn ich dir jetzt meinerseits ein Geheimnis anvertraue. Das stimmt doch, oder?«

»Ja, das stimmt«, antwortete Sarat unwillkürlich.

»Was ich tue, ist: Ich reise durch den Süden – manchmal zu Lagern wie diesem, manchmal zu den Städten entlang der Grenze, wo die Blauen und ihre Vögel schreckliche Verheerungen angerichtet haben – und halte dort Ausschau nach besonderen Menschen.«

»Was meinen Sie mit besonders?«

»Nun, Menschen, die mutig sind, nehme ich an«, antwortete Gaines. »Aber Mut allein reicht nicht. Wie soll ich es ausdrücken? Lass mich dich etwas fragen: Siehst du je Leute hier im Lager, denen die aus dem Norden weh getan haben? Die Gliedmaßen verloren haben oder ihr Augenlicht? Oder die Angehörige verloren haben?«

»Ja verdammt, das ist doch bei fast allen hier so«, sagte Sarat.

»Genau das. Und macht es dich nicht wütend, dass die, die deinen Leuten so etwas antun, ungeschoren davonkommen?«

»Wahrscheinlich schon.«

»Und wünschst du dir nicht, du könntest daran etwas ändern?«

Sarat zögerte, blieb still.

»Ich kann mir genau vorstellen, was du jetzt gerade denkst. Du sagst dir: Was kann ich denn schon tun? Ich sitze hier in dem Lager fest, das genauso gut ein Gefängnis sein könnte – was kann ich da gegen eine ganze Armee ausrichten, gegen erwachsene Männer mit Gewehren? Da kann ich doch überhaupt nichts tun, nicht das Geringste.«

»Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete Sarat.

Gaines lachte. »Nein, natürlich nicht, natürlich nicht! Und deshalb habe ich auch so eine Ahnung, Sarat, dass du eine von den Besonderen sein könntest. Lass mich dir also erzählen, was ich mache. Ich halte Ausschau nach den Besonderen – nach Leuten, die, wenn sie die Gelegenheit und die notwendigen Hilfsmittel hätten, den Mut aufbrächten, sich dem Feind entgegenzustellen, im Namen derer, die dazu nicht in der Lage sind. Ich mache die ausfindig, die so etwas tun würden, selbst wenn sie genau wüssten, dass sie einen hohen Preis dafür zahlen müssen – dass es sie vielleicht sogar das Leben kosten kann. Und dann tue ich alles, was in meinen Kräften steht, um ihnen die Mittel zu verschaffen, die Gelegenheit.«

Sarat wartete, dass er weitersprach, aber nun saß er still da und betrachtete sie. Sie überlegte, was sie ihm antworten konnte, etwas, mit dem sie ihn überzeugen konnte, dass sie genau verstanden hatte, was er ihr sagen wollte, obwohl es in Wirklichkeit nicht so war, obwohl sie fast alles davon vollkommen unverständlich fand. Das Schweigen lastete bleiern auf ihr; sie wurde rot.

»Ach, alles nicht so wichtig«, sagte Gaines unvermittelt. »Wir haben später noch genug Zeit, um über solche Sachen zu reden. Was hieltest du davon, wenn wir uns jetzt ein wenig Musik anhören?«

»In Ordnung«, sagte Sarat.

Gaines stand auf und ging zum Bücherregal auf der anderen Seite des Zimmers, voll mit Büchern aus Papier. Manche waren unglaublich dick, andere in Leder gebunden und mit zierlichen goldenen Buchstaben bedruckt. Als er ihr den Rücken zuwandte, stibitzte Sarat noch einen Löffel voll Honig.

Unten im mittleren Regalteil stand ein kleiner flacher Apparat, wie Sarat ihn noch nie gesehen hatte, mit zwei kleinen Lautsprechern daneben. Gaines fuhr mit dem Finger an einer Reihe schlanker Plastikkästchen entlang, die zusammen ein ganzes Regalbrett einnahmen. Eines davon zog er heraus und klappte es auf. Drinnen war eine runde Scheibe, an deren Unterseite das Licht in sämtlichen Regenbogenfarben schillerte. Er drückte einen Knopf an dem Apparat, und an der Oberseite sprang ein Deckel auf. Er steckte die Scheibe hinein, schloss den Deckel wieder und drückte wiederum einen Knopf. Ein leises Sirren war zu hören.

»Habt ihr in eurer Familie noch viele alte Sachen?«, fragte er Sarat. »Aus der Zeit vor dem Krieg?«

»Eigentlich nicht«, antwortete sie. »Früher, zu Hause, hatten wir ein paar Dinge von meinen Großeltern, Bilder und eine Armbanduhr und ein paar Briefe, aber wir haben fast alles dagelassen, als wir hierherkamen.«

»Das ist doch eine Schande, nicht wahr? Das Erste, was sie euch wegnehmen wollen, ist eure Geschichte.«

Der leise Klang einer tiefen, gestrichenen Saite ließ sie verstummen. Das Zimmer füllte sich mit Musik.

Im Mittelpunkt stand ein Instrument, das Sarat in ihrem Leben bisher nur ein- oder zweimal gehört hatte. Dunkle, erdige Klänge, gedämpft, als entstiegen sie den Knochen in einem Eichensarg.

»Das war das Lieblingslied meiner Großmutter«, sagte Gaines. »Hör es dir an.«

Die Streicherklänge schwanden, eine Frauenstimme hob an. Es war eine Stimme, wie Sarat sie nie zuvor gehört hatte, voll und tief, in einer geheimnisvollen, unbekannten Sprache.

»›Son qual stanco pellegrino‹«, sagte Gaines. Die Worte hatten für Sarat keine Bedeutung, aber das Echo ihres Klangs hielt sich an den Wänden ihres Verstandes.

Sie hörte zu, verzaubert. Und später, als Gaines zu ihr sagte, er wünsche sich, dass sie und er Freunde würden, und sie solle bei ihm etwas von Musik und Kunst und viele andere Dinge lernen, alles aus der großen, vielgestaltigen Welt jenseits von Camp Patience, da nickte sie, ohne nachzudenken. Gaines lächelte.

»Ich glaube, du wirst auf dieser Welt einen Platz für dich finden, Sarat«, sagte er. »Ich glaube, du wirst auf dieser Welt einen Platz für dich schaffen.«



Auszug aus:


Soldat des Nordens – Lehrjahre zwischen Krieg und Frieden:


Lebenserinnerungen von General Joseph Weiland jr.

Ich war erst 29, als Präsident Daniel Ki ermordet wurde. Damals war ich Sachbearbeiter für Entschädigungsansprüche in einer kleinen Unterabteilung des Kriegsministeriums in Columbus. Der Krieg gegen den abtrünnigen Süden hatte eben erst begonnen.

Es ist kein Zufall, dass gerade in den Anfangstagen des Krieges besonders viele Gesetze erlassen und Projekte in Angriff genommen wurden – eine vergleichbar produktive Phase der amerikanischen Geschichte hatte es bis dahin nur ein einziges Mal gegeben, und zwar als seinerzeit der Regierungssitz aus dem sturmgeplagten Washington, D.C. ins Landesinnere verlegt wurde.

In diesen ersten Kriegsjahren gelang es der Bundesregierung, das Gesetz zur Erzeugung sauberer Kernenergie auf den Weg zu bringen, sie ließ die Initiative zur Stilllegung von Kraftwerken an Ost- und Westküste wiederaufleben, baute die ersten tausend Meilen des Transitsystems im Sun Belt und ließ die Auffangvorstädte von Pittsburgh, Indianapolis und Lexington im großen Umfang erweitern. Krieg bedeutet Bewegung, wie mein Vater immer zu sagen pflegt.

Damals war die Abteilung, in der ich tätig war, etwa zwei Meilen östlich des Regierungsgebäudes untergebracht, in dem das Büro meines Vaters auf demselben Flur lag wie Präsident Martin Henleys Besprechungszimmer. Von Zeit zu Zeit bestellte er mich zu sich, meist um über einen Entschädigungsfall zu sprechen, den ich kurz zuvor bearbeitet hatte. Ich erinnere mich noch an ein solches Treffen, nicht lange nach Kriegsausbruch.

Auf dem Weg zu ihm kam ich an der Karte aktueller Bedrohungen in der Eingangshalle des Regierungsgebäudes vorbei. An diesem Morgen blinkte ein Abschnitt der Südbefestigung in Schwarz und Rot, ein Zeichen, dass dort ein Angriff stattgefunden hatte. Nach meiner Zählung war es der dritte Angriff dieser Art in drei Wochen. Später erfuhr ich, dass es sich um ein weiteres Selbstmordattentat gehandelt hatte, das gegen die schwächeren Verteidigungslinien des äußeren Schutzzauns der Hauptstadt gerichtet war. Keinem Aufständischen ist es je gelungen, in das Blaue Areal selbst vorzudringen, aber es lässt sich leider nicht leugnen, dass es viele feige Angriffe auf den äußersten Zaun gegeben hat, Angriffe, bei denen viele tapfere Wachsoldaten ihr Leben ließen. An diesem Tag verloren wir vier.

Als ich das Büro meines Vaters betrat, sah ich ihn über meinem neuesten Entschädigungsbescheid sitzen; darin ging es um einen Antragsteller aus Alabama, dessen Haus angeblich durch eine außer Kontrolle geratene Drohne zerstört worden war.

Ich beobachtete ihn, wie er in der Akte blätterte und die Einschätzung des Falles studierte, meine Begründung für die Entscheidung, den Entschädigungsbetrag. Seine Miene war wie immer undurchdringlich. Er fragte, ob es Kollateralschäden gegeben habe. Ich verneinte, aber der Mann habe seinen gesamten Besitz verloren und sei nun gezwungen, in den von der Regierung der Aufständischen bekanntermaßen schlecht geführten Lagern bei Atlanta Zuflucht zu suchen.

»Ich dachte, wir verfolgen eine klare Linie im Fall von Schäden, die durch steuerlose Drohnen verursacht werden«, sagte mein Vater.

»Das stimmt, aber in diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht«, erwiderte ich. »Sein Haus ist schon zum zweiten Mal getroffen worden.«

»Zweimal vom Blitz getroffen? Dann ist er entweder ein Lügner oder ein Pechvogel. Scheint mir in beiden Fällen nicht genug, um einen Verstoß gegen die Grundsätze zu rechtfertigen.«

Ich setzte zur Antwort an, doch er erriet, was ich sagen wollte, und kam mir zuvor. »Die Höhe der Entschädigung ist unerheblich«, erklärte er. »Jede Abfindung ist ein Schuldbekenntnis. Wenn du bei einem Drohnenschaden eine Entschädigung bewilligst, übernimmst du die Verantwortung für ein Verbrechen, das dein Feind begangen hat. Die Aufständischen waren es, die das Rechenzentrum zerstört haben. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir keine Kontrolle über die Drohnen mehr haben. Hast du jemals erlebt, dass die Entschädigungen für Schäden durch außer Kontrolle geratene Drohnen zahlen?«

Ich gab zu bedenken, dass das Haus des Antragstellers in einer strategisch wichtigen Zone unweit der Südgrenze von Tennessee liege und dass wir durch die Entschädigung dazu beitragen könnten, bei dem einen oder anderen Bewohner des Südens das Bild zurechtzurücken, die Bundesregierung interessiere sich nicht für das Leid derer, die unter dem korrupten Regime der Aufständischen leben müssten. Mein Vater lächelte.

»Sag mir«, fragte er, »hast du eine Meinung dazu, wessen Sache in diesem Krieg die gerechte ist?«

»Ja natürlich«, antwortete ich.

»Und wie viel müsste ich dir zahlen, damit du diese Meinung änderst?«

Am Ende ließ ich mich von den Argumenten meines Vater überzeugen. Ich wusste, auch wenn er in dem Krieg noch so viele Soldaten verloren hatte, hegte er keinen Groll gegen die Menschen des Südens. Wir dürfen nicht vergessen, dass es seine Entscheidung war – die er gegen den erbitterten Widerstand vieler Bundespolitiker durchsetzte –, geflohene Patrioten aus dem Süden für die Bewachung des Grenzzauns der Blauen Zone einzusetzen, eine Aufgabe, die sie mit großem Mut erfüllen.



7. Kapitel

Ein leichter Abendregen fiel auf Camp Patience. Früher, in Sarats Kindheit, war der Regen auf dem Containerdach prasselnd und laut gewesen. Doch hier im Lager hörte man nichts als ein mahnendes Flüstern, ein leises Pssst! auf den zerschlissenen Zeltbahnen.

Sarat lauschte. Sie lag auf ihrem Feldbett, ihre Mutter und Schwester schliefen ganz in der Nähe. Durch die Fensteröffnung drang ein weicher Strahl silbernen Mondlichts und erhellte das Gesicht ihrer Schwester.

Ihre Mutter hatte sie einmal als zwei Küken bezeichnet, die aus demselben Ei geschlüpft seien, mit den gleichen Knochen und dem gleichen Blut. Und auch wenn Sarat mittlerweile aus einem Buch von Gaines etwas über Genetik gelernt hatte und wusste, dass das nicht ganz stimmte, gefiel ihr der Gedanke nach wie vor. Immer wenn sie überlegte, warum Danas Haut hell war und ihre dunkel oder warum Danas Haare glatt waren und ihre, bevor sie sie abrasiert hatte, struppig und kraus, sagte sie sich, dass solche Dinge nicht zählten. Was zählte, waren allein Knochen und Blut.

Sie beobachtete die schlafende Dana, das Gesicht in alabasterfarbenes Licht getaucht. Sie tat etwas, was sie schon als Kind getan hatte: Sie hielt den Atem an und probierte dann so lange, bis sie ihn mit dem ihrer Schwester synchronisiert hatte und ihr Brustkorb sich im gleichen Takt senkte und hob. Sie lag still und atmete im Einklang mit ihrer Schwester und lauschte dem Flüstern des Regens.

Gegen vier Uhr in der Frühe stolperte Simon durch die Tür. Er versuchte, leise zu sein, aber er war betrunken und stieß in der Dunkelheit mit dem Fuß gegen den Spind neben seinem Bett. Er fluchte, und im hinteren Teil des Zelts ging das Licht an. Martina war aufgestanden, Sarat und Dana ebenfalls.

»Meine Güte, geht wieder schlafen«, brummte Simon, ganz damit beschäftigt, die Stiefel auszubekommen.

»Wo bist du gewesen?«, fragte Martina. »Ich habe dich vier Tage lang nicht gesehen.«

»Ist doch scheißegal, wen interessiert das schon? Gibt’s hier etwa ’ne Anwesenheitsliste, von der ich noch nichts weiß?«

Sarat roch den Joyful, sie sah, dass er in dem Stadium der Trunkenheit war, in dem sich selbst die eigene Haut anfühlt wie kratzige Wolle. Sie hatte schon viele Männer in Patience so betrunken erlebt.

Martina kam in den vorderen Teil des Zelts. Sie streckte die Hand aus und griff nach dem Anhänger, den ihr Sohn um den Hals trug. Es war eine Patronenhülse, im oberen Teil durchbohrt von einem Eisennagel – das Symbol der Virginia Cavaliers. Im Süden hatte jede Rebellengruppe ihr eigenes Abzeichen: sich windende Schlangen oder texanische Ölbohrtürme oder aus Stacheldraht geformte Worte. Die Virginia Cavaliers hatten eine von einem Nagel durchbohrte Patrone.

Es war längst ein offenes Geheimnis. Schon seit Monaten war Simon mit den Rebellen draußen an der Tennesseegrenze unterwegs, ging durch die Flussläufe am Nordostrand heimlich in Patience ein und aus. Und schon seit Monaten taten er und seine Mutter, als sei es nicht so. Doch an diesem Abend ließ sich die Wahrheit nicht mehr leugnen.

»Du hattest mir versprochen, es nicht zu tun, und nun tust du es doch«, sagte Martina, studierte Simon wie den Sohn einer Fremden. »Das eine, was du mir versprochen hattest.«

»Seh ich so aus, als hätte ich mich in die Luft gesprengt?«, antwortete Simon. »Ich hab überhaupt nichts getan.«

»Bei denen machst du mit«, sagte sie. »Ausgerechnet bei denen, die für den Anschlag auf das Büro der Bundesverwaltung in Baton Rouge verantwortlich sind und die deinen Vater auf dem Gewissen haben.«

Bei der Erwähnung seines Vaters wurde Simons Gesicht bitter. Er riss seiner Mutter den Anhänger aus der Hand. »Du hast ihn getötet«, schrie er. »Du hast ihn umgebracht mit deiner ewigen Nörgelei, dass du in den Norden willst, immer nur in den Norden. Er war glücklich, da wo er war, glücklich in seinem Zuhause, aber du hast ihm keine Ruhe gelassen. Du hast ihn umgebracht, du ganz allein.«

Sie schlug ihm ins Gesicht, und Sarat und Dana schreckten bei dem Knall und dem Anblick zurück, doch Simon rührte sich nicht.

»Was ist das für ein Kind, das seiner eigenen Mutter eine solche Grausamkeit sagt?«, rief Martina.

»Ich bin kein Kind«, brüllte Simon zurück. »Ich bin ein Mann.« Seine Stimme war lauter als seine Mutter und seine Schwestern es je bei ihm gehört hatten, so als würde das, was er sagte, wahrer, wenn er es lauter herausschrie. »Ich bin ein Mann, ich bin ein Mann, ich bin ein Mann.«

Er riss die Zelttür auf und taumelte nach draußen, und als er fort war, sank seine Mutter auf sein Bett und weinte. Instinktiv setzten sich Sarat und Dana neben sie, um sie zu trösten, und nie im Leben hatte Sarat einen Menschen so sehr gehasst wie in diesem Augenblick ihren einzigen Bruder. In den nächsten Wochen und Monaten sollten Mutter und Sohn beide so tun, als sei in dieser Nacht nichts Schlimmes geschehen; beide würden sagen, dass es einfach nur ein Streit war, wie er in jeder Familie einmal vorkommt, dass sie eigentlich gar nicht gemeint hätten, was sie gesagt hatten. Aber Sarat wusste, sie hatten jedes einzelne Wort davon gemeint.

Bald kehrte die alte Strenge zurück, und Martina war wieder wie früher. In dieser Nacht blieb sie bis zum frühen Morgen auf und redete mit ihren Töchtern. Sie erzählte ihnen von dem Tag, an dem Benjamin Chestnut nach Baton Rouge gefahren und nie zurückgekehrt war. Sie erzählte von dem Abend, an dem sie zu dem Kommandeur der Rebellen gegangen war und um eine Zuflucht gebettelt hatte, und der Nacht, in der die Bomben fielen und sie aus ihrem Zuhause verjagten.


––––

Sarat erwachte gegen Mittag, schweißgebadet von der Mittagshitze, und hörte Marcus’ Stimme an der Tür.

»Hast du die ganze Zeit geschlafen?«, fragte er und reichte ihr einen Becher Saft, den er aus der alten Cafeteria herausgeschmuggelt hatte.

»Lange auf gewesen. Was gibt’s?«

»Ich war draußen am Chalk Hollow, Futter für Cherylene suchen, und hab gesehen, dass da ein ganzer Haufen Rebellen auf der Insel drüben vor dem anderen Ufer war«, erzählte Marcus. »Die hatten tonnenweise Zeug da, Kisten über Kisten.«

»Dann sind sie früher unterwegs als sonst«, sagte Sarat. »Am helllichten Tage können sie nicht ins Lager kommen, das würden alle sehen.«

»Genau das. Ich habe gehört, wie einer gesagt hat, sie würden das Zeug holen, wenn es dunkel ist.«

Sarat brauchte einen Moment, bis sie begriff, worauf ihr Freund hinauswollte. »Und jetzt willst du hingehen und nachsehen, was in den Kisten ist?«

Marcus grinste.

Auf dem Weg zum Ostrand des Lagers kamen sie am Zelt von Marcus vorbei, wo sein Vater auf einem Plastikgartenstuhl saß, und das Tuch, das er sich zum Sonnenschutz über den bereits kahl werdenden Schädel gebunden hatte, war schon schweißnass. Mit einem Fernglas beobachtete er die Soldaten der Blauen hinter dem Nordzaun in ihren Verstecken. Alle paar Minuten schrieb er etwas in ein altes Notizbuch, wie ein Vogelkundler auf seinem Beobachtungsstand.

Marcus verschwand im Zelt und kehrte mit einem kleinen Donald-Duck-Rucksack zurück, in den er zwei Flaschen Wasser und mit Aprikosengel bestrichene Sandwiches gestopft hatte. Er schlug ein schnelles Tempo an, Sarat immer einen Schritt voraus. Sie war einen vollen Fuß länger als er, und seine Art zu gehen – beinahe geduckt, den Blick fest auf den Boden geheftet – ließ den Größenunterschied noch größer erscheinen.

Wenn er mit ihr zusammen war, hatte er ein wenig mehr Selbstvertrauen, aber ansonsten machten ihm Schüchternheit und Ängste tagtäglich das Leben schwer. Ein paar Jungs im Lager hatten das Gerücht in Umlauf gebracht, wegen seiner Schmächtigkeit sei er gezwungen, die abgelegten Kleider einiger Mädchen in Patience zu tragen. Für Sarat waren solche Gehässigkeiten ein ganz normaler Bestandteil des Lagerlebens (und wenn er tatsächlich alte Sachen von Kindern trug, die jünger waren als er, was war denn schon dabei? Wen kümmerte so etwas?), aber Marcus litt offenbar sehr darunter – so sehr, dass sie ihn schon ein paarmal in Jeans und Hemden gesehen hatte, die viel zu groß für ihn waren, ein Versuch, der ihn natürlich erst recht dem Spott der Jungs aussetzte.

Aber wenn er bei ihr war, war er er selbst. Die Vorstellung gefiel ihr, dass sie seine Beschützerin war, seine Vertraute.

Doch da war noch etwas, denn er war seinerseits wiederum, ohne dass er es ahnte, eine Stütze für sie. Gerade seiner Schmächtigkeit wegen fühlte sie sich bei ihm sicher. Das Ängstliche, Harmlose in seiner Art machte es möglich, ohne Furcht all die unbestimmten Gefühlsregungen zu erkunden – sich zu jemandem hingezogen fühlen, seine Gesellschaft wollen, Jungs überhaupt, den Fehdehandschuh der Hormone, den das Erwachsenwerden einem hinwarf. Außer ihm hatte sie so gut wie gar keine Freunde in ihrem Alter, aber ihr schien, dass sie von ihm alles bekam, was man von Freundschaft überhaupt Nützliches bekommen konnte – ein Versuchsgelände für neue, unbekannte Emotionen, ohne Gefahr, ohne den Zwang zu urteilen.

Am Chalk Hollow angelangt, kletterten sie über umgestürzte Bäume hinunter zum Ufer. Marcus wies auf die kleine unbewohnte Insel nördlich von Smith Branch, ungefähr eine Viertelmeile vor ihnen im Wasser.

»Siehst du es?«

Sarat kniff die Augen zusammen. Kaum auszumachen, lag weiter hinten auf der Insel etwas unter einer Plane verborgen, aber man konnte nicht erkennen, was es war.

»Sie haben gesagt, sie kommen erst nach Sonnenuntergang wieder?«, fragte sie.

»Ja«, sagte Marcus. »Aber wie sollen wir da rüberkommen?«

Sarat zuckte mit den Schultern. »Wir schwimmen.«

Schlagartig schien Marcus sämtlicher Mut zu verlassen. Ängstlich schaute er aufs Wasser, das dickflüssig und trübe war, seine Oberfläche so braun wie Erde.

»Was hast du denn gedacht, wie wir da rüberkommen?«, fragte Sarat.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Marcus. »Ich dachte, wir finden ein Boot oder so was.«

Sarat lachte. »Hast du hier schon mal ein Boot gesehen, in dem kein Mann mit einem Gewehr saß?« Sie zog sich aus bis auf die Unterwäsche und ging vor auf die Reste eines kleinen Stegs, dessen Planken schräg ins Wasser hingen. »Komm«, sagte sie. »Es ist doch nicht weit.«

»Aber mein Rucksack wird nass.«

»Dann gib ihn mir.« Sarat hielt den Rucksack hoch über ihren Kopf wie eine Opfergabe. Sie balancierte ans Ende der Planke und stieg ins Wasser. Auch Marcus zog sich bis auf die Unterhose aus und folgte ihr.

Das Wasser war so warm wie die Körper der Kinder und so gesättigt mit Erde und Schlamm, dass es sich kaum wie Wasser anfühlte. Sarat voran, Marcus unter Mühen dahinter, arbeiteten sie sich durch die zähen Fluten wie Hunde. Marcus fuchtelte beim Schwimmen wild mit den Armen, Sarat hingegen wirkte mühelos; den Rucksack hielt sie hoch über dem Kopf, und ihre Beine taten unter Wasser die Arbeit ganz allein.

Endlich am Inselufer angekommen, ließen sie sich auf ein kleines Stück Strand fallen. Marcus lag wie gekreuzigt da und atmete schwer. Sarat lag neben ihm, mit schmerzenden Beinen.

Die Insel hatte keinen Namen. Sie war klein, und es hatte anscheinend kaum jemand etwas mit ihr anfangen können. Früher war sie dicht und vollständig bewaldet gewesen, aber jetzt waren nur noch ein paar kümmerliche Reste davon übrig: verdorrtes Geäst, hüfthohes Unkraut, brüchiges, trockenes Laub vergangener Zeiten. Zur Mitte hin standen ein paar Stämme noch kräftig und hoch, doch alles, was am Ufer wuchs, war verkümmert und kränklich.

Die Kinder machten sich auf ins Innere, folgten Fußabdrücken im Erdreich. Die Fährte führte sie auf eine Landspitze, die sich um das Westende der Insel krümmte wie ein Komma und damit eine kleine Bucht vor Blicken von der anderen Flussseite verbarg.

Dort fanden sie die große blaue Plane, mit Ästen und Holzplanken fixiert. Unter der Plane verbarg sich ein halbes Dutzend Holzkisten. Die meisten Kisten waren zugenagelt, aber eine stand auf dem Boden, der Deckel nur lose aufgelegt.

Die Kinder näherten sich vorsichtig, horchten, ob Boote kamen. Sarat hob den Deckel von der Kiste und spähte hinein. Marcus stand hinter ihr, starrte bald die Kiste, bald den Pfad zur Inselmitte an.

»Was ist drin?«, fragte er.

Sarat nahm eine der Metallscheiben, die sich in der Kiste befanden, heraus. Sie kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht, wo sie so etwas schon einmal gesehen hatte. Das Ding war schwer und rund, wie ein dicker Essteller, erdbraun gestrichen. Rundum hatte es in regelmäßigen Abständen Markierungen, und in der Mitte war etwas, das aussah wie ein dicker schwarzer Knopf.

»Keine Ahnung«, sagte Sarat.

»Vielleicht ist da was drin«, meinte Marcus. »Lässt es sich aufmachen?«

Plötzlich wusste Sarat, woher sie diese Dinger kannte, sah vor ihrem inneren Auge wieder die geplagten Soldaten der Roten bei ihrer Arbeit mit dem Metalldetektor, bei dem Versuch, das Gelände am Nordzaun des Lagers zu säubern.

»Das ist eine Bombe«, sagte sie.

»Was?«

»Es ist eine Bombe. Sie vergraben sie im Boden, und wenn jemand drauftritt, fliegt er in die Luft.«

Sie spürte, wie Marcus hinter ihr erstarrte. »Geh schon vor«, sagte sie. »Nimm den Pfad da drüben. Ich komme gleich nach.«

»Ich lass dich doch nicht einfach hier stehen«, sagte Marcus. »Mit einer Bombe in der Hand.«

»Jetzt geh schon, um Himmels willen. Was hat es denn für einen Sinn, wenn wir beide umkommen?«

»Besser, als wenn du umkommst, und ich muss erklären, was passiert ist. Ich bleibe hier.«

Mit pochendem Herzen, während Marcus ihr dabei über die Schulter schaute, legte sie ganz vorsichtig die Landmine wieder zurück in die Kiste. Ein paar Zoll über dem Boden rutschte sie ihr aus der Hand und fiel herab. Sarat sah das Ding an, stellte sich vor, wie es explodierte, und noch in derselben Sekunde drehte sie sich um, packte ihren Freund bei der Hand und sprintete los in Richtung Inselinneres.

Fünf Minuten rannten sie, ohne innezuhalten, durch das Dickicht, sahen nichts, hörten nichts, bis sie schließlich stehen blieben, teils vor Erschöpfung, aber auch weil ihnen aufging, dass es keine Explosion gegeben hatte.

»Was …«, japste Marcus, aber mehr bekam er nicht heraus, und schließlich sagte er einfach nur: »Was zum Teufel? Was zum Teufel?«

Sarat konnte nicht anders, sie musste lachen, und bald kicherten sie beide hysterisch, so knapp dem Tode entronnen. Die ganze Zeit hatten sie versucht, so leise wie möglich zu sein, und jetzt gackerten sie wie die Hühner.

Nun waren sie also in der Inselmitte, da, wo die Bäume noch die meiste Deckung boten und der Boden im Schatten der Äste kühl war. Etwa zwanzig Fuß über ihnen, auf einem der höchsten Bäume, sah Sarat einen hölzernen Ausguck, einen Hochsitz oder so etwas. Ohne zu zögern, kletterte sie das dicke Tau hoch, das von dort herabhing.

»Was ist da oben?«, fragte Marcus.

»Keine Ahnung, aber bestimmt kann man von da das ganze Lager sehen«, antwortete Sarat. »Womöglich sogar die Blauen.«

Sie langte auf der Plattform an, Marcus folgte. Der Blick wurde durch die umstehenden Bäume ein wenig behindert, aber über das Blätterdach der meisten konnten sie hinwegsehen. Die ganze Welt lag zu ihren Füßen, die der Blauen im Norden, der Roten im Süden.

Sie holten die Sandwiches aus dem Rucksack, aßen und betrachteten den weiten Horizont. Im Norden sah Sarat weite verdorrende Waldflächen, ein paar verfallene Anlegestellen und sogar das Skelett eines ehemaligen Apartmenthauses an einem weiteren Wasserlauf, fast schon am Tennessee River.

Aus den vielen Landkarten von Albert Gaines hatte sie gelernt, dass es natürliche Grenzen und politische gab. Das Land im Norden sah genauso aus wie das ihre, aber sie wusste, dass es im Erdboden unsichtbare Risse gab, die Stellen, an denen das Land ihrer Leute endete und das des Feindes begann.

Eine Zeitlang saßen sie schweigend da, warteten, dass der Zucker aus dem Aprikosengel sie allmählich wieder belebte.

»Bist du böse auf mich?«, fragte Marcus.

»Wie kommst du denn darauf?«, antwortete Sarat.

»Die letzte Zeit sehe ich dich ja kaum noch. Ich war ein paarmal bei euch am Zelt, aber du bist nie da.«

»Hab eben zu tun.«

»Und was machst du?«

»Lernen. Ich habe einen neuen Lehrer; er kommt ein paarmal die Woche.«

»Du hast doch gesagt, in Patience lernt man nichts Vernünftiges.«

»Tut man auch nicht. Aber er ist keiner von denen, die der Rote Halbmond schickt und die nichts können. Von ihm lerne ich alle möglichen Sachen, die ich da nie gehört habe. Sachen, die die anderen sich uns nicht zu sagen trauen.«

»Zum Beispiel?«, fragte Marcus.

Sarat zeigte nach Norden. »Über die da zum Beispiel. Was sie uns im Laufe der Jahre alles angetan haben. Wie sie immer wieder nur daran denken, was gut für sie ist, und nie an uns. Du könntest tausend Jahre lang hier in die Schule gehen, und die hätten nie den Mumm, dir was über den Norden zu erzählen. Aber jetzt lerne ich, wie die Leute da wirklich sind.«

Marcus ließ teilnahmslos den Blick über das Land im Norden schweifen. »Mein Dad hat mir neulich erzählt, dass mein Großvater im Norden war«, sagte er.

»Du meinst, er hat für die gekämpft?«

Marcus schüttelte den Kopf. »Nein, nur da gearbeitet, bei der Eisenbahn in dem Öldepot in Williston. Ist bei der großen Explosion ’69 umgekommen. Mein Dad sagt, vorher hat im Norden kaum einer von Benzinverbot gesprochen; er sagt, wenn das in Texas passiert wäre, hätten sie sich überhaupt nicht drum gekümmert, auch wenn es tausend Tote gegeben hätte. Er sagt, das ist typisch für die aus dem Norden: Wenn etwas gut ist, dann gehört es ihnen allein, und wenn etwas schlecht ist, dann müssen sich alle die Last teilen.«

»Wenn dein Dad die da oben so hasst, warum redet er dann immer davon, dass er rüber zu ihnen will?«

»Nur weil er nach drüben will, heißt das doch nicht, dass er sie mag«, sagte Marcus. »Drüben ist man in Sicherheit. Wenn du die Gelegenheit hättest, dich in Sicherheit zu bringen, dann würdest du das doch auch tun, oder?«

Sarat dachte über diese Frage nach. Dass man gern Sicherheit wollte, kam ihr vernünftig vor, Schutz vor den Bomben und den Vögeln und den täglichen Entbehrungen des Krieges. Aber irgendwo in den Tiefen ihres Verstandes hatte eine Idee zu gären begonnen – dass vielleicht die Sehnsucht nach Sicherheit auch wieder nur eine Form von Gewalt war – eine Gewalt der Feigheit, des Schweigens, der Unterwerfung. Was war denn Sicherheit anderes als der Schlag einer Bombe, die auf das Haus eines anderen fiel?

»Also, ich weiß nicht«, sagte sie.

Jenseits von Camp Patience schickte die Sonne sich zum Untergehen an. Sarat und Marcus kletterten von dem Ausguck hinunter und nahmen den Pfad zurück zum Ufer. Die Unterwäsche war inzwischen an ihren Körpern getrocknet, aber es tat gut, wieder ins Wasser zu tauchen. Der Rucksack war nun leer, und es gab keinen Grund mehr, ihn hochzuhalten. Sarat schnallte ihn sich auf den Rücken und schwamm unbeschwert, die Hände frei, glitt nur so dahin.

Sie hatte vor kurzem gelernt, dass festes Land nicht die natürliche Oberfläche der Erde war, sondern nur eine Art Auswuchs, der alle paar Millionen Jahre auftauchte und wieder verschwand. Die natürliche Haut der Erde war Wasser, und alles Wasser auf dem Planeten stand miteinander in Verbindung. Und damit konnte sie sich doch auch sagen, dass sie ja gar nicht in einem Seitenarm des Tennessee River schwamm, sondern an einem schlammigen Ort am Ufer des Mississippi. Für einen kurzen Augenblick war sie zu Hause.


***

Nach Einbruch der Dunkelheit aß sie allein in ihrem Zelt zu Abend, danach ging sie zu Gaines, ein Ritual, das dreimal pro Woche stets nach dem gleichen Muster ablief: Immer wenn er im Lager war, besuchte sie ihn in seinem Büro. Manchmal erledigte sie Besorgungen für ihn, brachte pralle Geldumschläge nach South Carolina. Die Bewohner des Sektors gewöhnten sich schließlich an den Anblick des hochgewachsenen, kahlgeschorenen Mädchens. Nach einer Weile verpassten die Jungs in South Carolina ihr den Spitznamen Payday – Zahltag. Aber auch wenn sie bei jedem Gang durch den von anderen gemiedenen Sektor mehr Geld bei sich trug, als die meisten Flüchtlinge in Camp Patience je im Leben zu Gesicht bekommen würden, hatte sie nie Angst, dass man sie bestehlen oder belästigen könnte. Alle wussten, für wen sie arbeitete.

Wenn sie ihre Botengänge erledigt hatte, kehrte sie zurück in Gaines’ Büro, und der Unterricht begann. Jeden Abend stand etwas anderes auf dem Programm: Manchmal redeten sie über die Natur, vor ihnen auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Schulbuch mit Abbildungen all der Tier- und Pflanzengattungen, die den Klimawandel nicht überlebt hatten. Am häufigsten redeten sie über die Vergangenheit, darüber, wie es früher einmal gewesen war.

Er fütterte sie mit den alten Mythen des Südens – des Landes von Louisianamoos und Palmwedeln; von Magnolienbäumen, die als Laub Legenden trugen, Berichte von wahren Ereignissen und deren Stiefgeschwistern, den apokryphen Erzählungen; Geschichten über grenzenlose Großzügigkeit und rauschende Feste; ganze Schweine, die tagelang geräuchert wurden, Pfirsiche und Pekannüsse und Limettenkuchen. Sie konnte gar nicht genug bekommen, glücklich nicht nur, weil es eine solche Welt einmal gegeben hatte, sondern weil sie sie in gewissem Sinne als ihr eigenes Erbe ansehen durfte. Wie viel daran echt war und wie viel schöner Traum, spielte keine Rolle. Sie glaubte jedes Wort.

Er beschrieb ihr, wie ihr Zuhause einmal das fruchtbarste Land auf Erden gewesen war und wie der Schoß dieser Erde Zuckerrohr, Baumwolle und Mais hervorgebracht hatte. Er erzählte, wie der Norden ihr Land zum ersten Mal zerstört hatte. Heutzutage, sagte er, sähen die Menschen ja nur noch einen Krieg wie die meisten anderen darin: nichts als ein paar junge Männer, die auf Befehl alter Männer andere junge Männer getötet hatten. Aber am Ende seien es die Frauen gewesen, die alles wieder ins Lot bringen mussten, Frauen hätten den verbrannten Süden wiederaufgebaut und die jungen Männer gesundgepflegt, die noch übrig geblieben waren. Es habe sogar Frauen gegeben, erzählte er, die gekämpft und getötet hatten, wenn es sein musste als Männer verkleidet. Frauen, die sich gewehrt hatten.

Manchmal gab er ihr etwas, das er Litaneien nannte – Wechselgesänge, eine Art Dialog, der sich auf etwas bezog, worüber sie an diesem Tag gesprochen hatten. Die nahm sie mit nach Hause und las sich den Text so lange durch, bis sie ihren Part auswendig konnte. Und wenn er das nächste Mal ins Lager kam, rezitierten sie es gemeinsam, so mühelos, als hätten sie dieses Zwiegespräch schon tausendmal geführt.


Was ist das erste Opium?

Wohlstand.

Und wenn ich dir den Wohlstand nehme?

Was zum Leben nötig ist.

Und wenn ich dein Haus zerstöre, deine Felder verbrenne?

Anerkennung.

Und wenn ich allen das Mitleid mit dir verbiete?

Familie.

Und wenn ich deine Familie töte?

Gott.

Und Gott …

… hat seit zweitausend Jahren nichts mehr von sich hören lassen.

Braves Mädchen.

Manchmal verstand sie nicht, worum es in diesen Liedern ging. Aber sie lernte sie trotzdem auswendig. Sie war sicher, eines Tages würden sie ganz plötzlich ihre Bedeutung enthüllen; eines Tages gab es vielleicht einen Anlass zum Singen, und dann würde sie es tun.


***

Sarat stand neben dem Verwaltungsgebäude und wartete auf Gaines.

Außer ihm kannte sie niemanden, der in Patience ein- und ausgehen konnte, wann immer er wollte. Kein Flüchtling genoss solche Privilegien, und sogar die Wachen und Mitarbeiter der Lagerverwaltung mussten sich jedes Mal offiziell abmelden, wenn sie ins Land der Roten wollten. Gaines hingegen passierte die Tore zu jeder Tages- oder Nachtzeit, unbekümmert und unbehelligt, als markierten sie nicht eine streng bewachte Demarkationslinie, sondern den Zugang zu seinem persönlichen Sommerhaus.

Einmal war sie zufällig in der Nähe des Haupteingangs, als Gaines gerade eintraf. Sie sah, wie die jungen Soldaten am Tor lächelten und ihm die Hand schüttelten, sich nach seinem Wohlbefinden erkundigten und nach dem seiner Familie. Er erkundigte sich seinerseits, wie es ihren Familien gehe, ihren Ehefrauen und Eltern und Kindern, und ob sie in Atlanta gut untergebracht seien. Darauf erwiderten die Soldaten verlegen, die Zeiten seien hart für sie und ihre Angehörigen, und die Freien Südstaaten seien wieder einmal mit den Soldzahlungen im Rückstand; aber durch Jammern werde es ja auch nicht besser.

Sie beobachtete, wie Gaines jedem der Soldaten diskret einen kleinen Umschlag zusteckte. Die Soldaten beteuerten, das könnten sie unter gar keinen Umständen annehmen, rissen ihm aber zugleich die Umschläge aus der Hand. Das war der einzige Augenblick, in dem Sarat je aufrichtige Dankbarkeit auf den Mienen der Soldaten gesehen hatte. Danach brauchte sie niemanden mehr, der ihr erklärte, wem die jungen Soldaten im Zweifelsfall treu ergeben waren, der Flagge auf ihren Uniformen oder dem Geld in den Briefumschlägen von Gaines. Jetzt schien es vollkomen plausibel, dass Gaines ganz nach Belieben in Patience ein- und ausgehen konnte.

Um kurz nach elf sah sie ihn den Pfad vom Südtor heraufkommen. Bisher war er zu jedem ihrer Treffen allein erschienen, aber diesmal kam er in Begleitung eines anderen Mannes, eines Mannes, den sie noch nie gesehen hatte.

»Sarat, ich möchte dir einen guten Freund von mir vorstellen«, sagte Gaines. »Wir kennen uns schon eine Ewigkeit, seit der Zeit, als wir beide nicht viel älter waren als du jetzt.«

Der Mann an Gaines’ Seite reichte Sarat die Hand, und sie begrüßte ihn. Er schien etwa so alt wie Gaines, doch seine Haut, derselbe Karamellton wie bei Sarats Vater, war glatt und beinahe faltenlos.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Sarat«, sagte der Mann. »Albert hat mir schon viel Gutes über dich erzählt. Ich heiße Joe.«

Es war etwas Exotisches an seiner Stimme, dunkle Laute aus der Tiefe seiner Kehle. Bald ging ihr auf, dass er Ausländer war.

Gaines führte Sarat und Joe zum Verwaltungsgebäude und die Treppe hinunter in sein Büro. Genau wie Gaines wirkte auch Joe mit seinem eleganten Maßanzug und der grünen Seidenkrawatte wie ein Besucher aus einer anderen Welt. Und genau wie Gaines legte er offenbar Wert auf seine Haltung, die Schultern aufrecht und stolz, das Rückgrat gerade wie ein Lineal.

Drinnen setzten Sarat und Joe sich an den Tisch, Gaines machte Kaffee. Er stellte die Stereoanlage an und spielte wieder das alte klassische Lied, das er so mochte, das er das Lied des müden Pilgers nannte. Für Sarat bestrich er eine Scheibe Toast mit Honig. Sie war befangen vor dem unbekannten Gast und aß langsamer als sonst. Aber er lächelte einfach nur, sah sie an, als seien sie alte Freunde.

»Von Albert höre ich, du stammst aus Louisiana«, sagte Joe. »Ist das korrekt?«

»Ja«, sagte Sarat, »das stimmt.«

»Eine wunderschöne Gegend. Vor Jahren war ich einmal dort. Äußerst stolze Menschen, äußerst stolz.«

»Und was ist mit Ihnen«, fragte Sarat, »von wo kommen Sie?«

Joe schien verblüfft über diese Frage, fand aber schnell zu seiner alten Ruhe zurück. Er lächelte Gaines zu, dann wies er auf eine der Landkarten an der Wand. »Ich komme aus dem Bouazizireich. Weißt du etwas über das Bouazizireich?«

Sarat schüttelte den Kopf. »Nur das, was Albert erzählt hat. Dass es früher mal viele verschiedene Länder waren, und jetzt ist es eins.«

»Das ist korrekt«, sagte Joe. »Früher wurden all diese Länder von Königen und Generälen regiert, unter denen es ein paar wenige Menschen sehr, sehr gut hatten und viele andere sehr, sehr schlecht. So kam es zu einer Revolution, und wir haben die Könige davongejagt und die Generäle davongejagt und eine Republik gegründet, einen demokratischen Staat.«

Noch mehr als bei Gaines hatte Joes Tonfall etwas ausgesprochen Müheloses, Entspanntes. Er war kahlköpfig bis auf einen silbernen Haarkranz über den Ohren, glattrasiert bis auf den kräftigen Schnurrbart, der perfekt den Konturen seiner Oberlippe folgte. Sarat überlegte, was es wohl war, was ihm eine solche Ruhe verlieh, und sagte sich schließlich, dass es daran lag, dass er als Besucher kam, von außen – dass er nicht von den Folgen des Krieges betroffen war, der überall um ihn her tobte.

»Und was machen Sie dann hier, so weit fort«, fragte sie, »wenn Sie von da drüben kommen?«

Joe nickte. »Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin hier, weil mein Land all diejenigen unterstützt, die für die Freiheit kämpfen, überall auf der Welt. Und das tun deine Leute doch, nicht wahr, Sarat? Für die Freiheit kämpfen.«

»Ja, Sir.«

Gaines stand auf und ging ans Bücherregal. Er zog ein Buch heraus, eins aus einer Reihe von grün gebundenen Bänden. Auf Rücken und Umschlag standen verschlungene Kringel, für Sarat nicht zu entziffern, Spitzen und Bögen wie der Plan einer Stadt in einem Fiebertraum. Aber Joe kannte dieses Buch offenbar.

»Gott«, sagte er, »die hast du aufgehoben, all die Jahre?«

»Aber natürlich«, versicherte ihm Gaines. »Ein so wunderbares Geschenk. Als wir noch junge Männer waren«, wandte er sich an Sarat, »hat mir Joe diese Sammlung altarabischer Dichtung geschenkt, das Buch der Lieder. Die Ausgabe ist sehr alt und sehr selten. Wahrscheinlich gibt es diese Bücher auf dem ganzen Kontinent kein zweites Mal, nicht bei den Roten und auch nicht bei den Blauen.«

Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und blätterte darin, bis er an eine zwischen die Seiten gesteckte Fotografie kam. Er reichte sie zuerst Joe, der beim Anblick einen ungläubigen Pfiff ausstieß. Dann zeigte er sie Sarat.

»Tu uns den Gefallen«, sagte er, »sag, dass du ein bisschen Ähnlichkeit siehst.«

Sarat betrachtete das alte Foto. Es zeigte zwei schlaksige junge Männer, der eine mit nacktem Oberkörper, der andere im braunen Kampfanzug, in einem Feldlager in der Wüste. Auf einem gestickten Namensschild auf dem Uniformhemd stand »Joe«. Die beiden Männer schienen noch keine zwanzig, ungefähr so alt wie Sarats Bruder jetzt. Sie lächelten und hatten einander die Arme um die Schultern gelegt. Der ohne Hemd stützte sich auf seinen Gewehrkolben, der andere hatte keine Waffe.

»Wie lang ist das her?«, fragte sie.

»Das muss im Jahr ’21 oder ’22 gewesen sein«, antwortete Gaines. »Die Zeit, zu der sie uns zum dritten Mal rübergeschickt haben, unmittelbar vor dem Fünften Frühling.«

Joe kam ganz nahe an Sarat heran; er betrachtete noch einmal das Foto. »Das stimmt«, sagte er. »Ich weiß es noch genau. Zu der Zeit habt ihr noch die Waffen geliefert und wir das Blut.«

Ganz kurz hatte Sarat den Eindruck, als verzöge Gaines das Gesicht. Er nahm ihr das Foto aus den Fingern, steckte es wieder zwischen die Buchseiten und stellte das Buch zurück ins Regal. Dann setzte er sich neben Sarat.

»Vor ein paar Wochen haben wir darüber gesprochen, was du vielleicht eines Tages tun willst, wenn du älter bist und von hier fortgehst«, sagte er. »Weißt du noch?«

»Klar«, sagte Sarat.

»Nun, deswegen wollte ich dich gern mit meinem Freund Joe bekannt machen. Denn wenn du entscheidest, was du mit deinem Leben anfangen willst, was du für deine Leute tun willst, dann kann Joe dir vielleicht behilflich sein. Ich weiß, du hast gesagt, du möchtest eines Tages nach Atlanta gehen und für die Freien Südstaaten arbeiten, aber vielleicht überlegst du es dir ja auch noch anders. Und dann stellst du vielleicht fest, dass du bestimmte Dinge brauchst, Dinge, die nicht so leicht zu beschaffen sind, Dinge, die nicht einmal ich dir besorgen kann. Aber Joe, der kann dir da vielleicht behilflich sein. Deshalb möchte ich, dass du und er Freunde werdet, und ich möchte, dass ihr diese Freundschaft geheim haltet, denn eine Menge Leute würden ihm Schaden zufügen wollen, wenn sie wüssten, dass er den Menschen aus dem Süden hilft. Verstehst du, was ich sagen will?«

»Hab verstanden«, versicherte Sarat, obwohl sie sich fragte, was für eine Art Hilfe Joe ihr wohl geben konnte. »Ich sage niemandem was.«

»Es freut mich sehr, dass ich dich kennengelernt habe, Sarat«, sagte Joe. »Ich hoffe, wir können eines Tages einander nützlich sein.«

Sie blieb bei den beiden Männern, bis schon beinahe der Morgen graute, hörte zu, wie die beiden Erinnerungen an den fernen Krieg nachhingen, in dem sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Einen Großteil der Welt, von der sie erzählten, gab es schon lange nicht mehr, das ganze Machtgefüge von damals war jetzt auf den Kopf gestellt, aber sie hörte trotzdem gern zu.

Sie redeten über die Jahre, die sie in dem Teil des Bouazizireichs zugebracht hatten, den man damals noch die Arabische Halbinsel nannte und in dessen Wüstenherz, damals die Heimat von strahlenden, vom Öl reich gewordenen Königreichen, es jetzt so heiß war, dass kein Mensch mehr dort leben konnte. Aus ihren Geographie- und Politik-Lehrbüchern wusste Sarat, dass sich in dieser verbrannten Wüste heute endlos die Sonnenkollektoren reihten – bernsteinfarbene Netze, die das Auge blendeten und die Energie einfingen, die den Bouazizi Macht und Wohlstand brachte. Aber die beiden alten Männer versicherten ihr, früher habe es in diesen Gegenden Städte, ja ganze Länder gegeben. Millionen hätten dort einst gelebt, bevor die Hitze sie vertrieb und das Öl versiegte.

Am frühen Morgen verabschiedete Joe sich und verließ das Lager. Gaines und Sarat blieben allein im Büro zurück.

»Gibt doch nichts Langweiligeres, als wenn alte Knacker von alten Zeiten erzählen, was?«, meinte Gaines. »Es war großzügig von dir, dass du uns deine Geduld geschenkt hast.«

»Schon in Ordnung«, sagte Sarat. »Sämtliche Erwachsenen hier reden die ganze Zeit davon, wie es war, als sie noch jung waren. Bei Ihnen waren es wenigstens Geschichten aus fernen Ländern.«

Gaines lachte. »Na, das ist ein Trost.« Er stand auf, zog die Jalousie hoch und öffnete das Fenster, damit ein wenig Luft ins Zimmer kam. Draußen war es noch dunkel.

»Ich bin froh, dass ich dich mit Joe bekannt machen konnte«, sagte er. »Ich verdanke diesem Mann so viel.«

»Hat er Ihnen das Leben gerettet oder so was?«, fragte Sarat. »Damals als Sie noch beide Soldaten waren?«

»Nein«, antwortete Gaines. »Oder doch, bestimmt hat er das, viele Male wahrscheinlich. Aber das ist es nicht allein.«

Er setzte sich wieder neben sie an den Tisch. Aus seiner Brieftasche holte er eine kleine, zerknitterte Fotografie, ein Highschool-Abschlussfoto. Das Mädchen auf dem Bild hatte das gleiche Lächeln wie Gaines, die gleichen tiefliegenden Augen.

»Damals konnte man längst sehen, was kommen würde«, sagte Gaines. »Lange bevor die ersten Bomben fielen, lange vor den Gräueln von East Texas wusste jeder, dass die Menschen in diesem Land im Begriff waren, einer über den anderen herzufallen. Ich machte mir Sorgen um meine Familie, überlegte, was ich tun konnte, um Frau und Tochter in Sicherheit zu bringen. Und dabei war Joe mir behilflich. Er war es, der ein neues Zuhause für sie fand, im Bouazizireich, eine Zuflucht. Sie dankten es mir nicht, als ich sie fortschickte, aber dort sind sie in Sicherheit, und das ist doch das Einzige, was zählt. Das hat Joe für mich getan. Das war sein Geschenk für mich.«

Gaines faltete das Foto seiner Tochter wieder zusammen und steckte es zurück in die Brieftasche.

»Weißt du, ich würde gern sagen, dass du mich an sie erinnerst oder dass ihr zwei Freundinnen hättet sein können. Aber die Wahrheit ist, wir haben schon seit Ewigkeiten nicht mehr miteinander gesprochen. Wenn wir uns jetzt begegneten, würde sie mich womöglich nicht einmal mehr erkennen. Alles, was sie sähe, wäre ein alter Trottel, ein Fremder.«

Es schien, als spreche er nicht mit Sarat, nicht einmal mit sich selbst; er sprach mit niemandem. Er starrte zu dem halboffenen Fenster hinaus.

Von oben waren erste Schritte zu hören: die Verwaltungskräfte des Lagers und die freiwilligen Helfer, die zur Frühschicht eintrafen.

»Warum haben Sie sich, als der Krieg kam, auf die Seite des Südens gestellt?«, fragte Sarat. »Sie sind im Norden geboren, Sie haben in der Armee des Nordens gekämpft, als das Land noch zusammengehörte, warum sind Sie da nicht zu den Blauen gegangen?«

»Nun; als sie uns schließlich zum letzten Mal aus dem Irak und aus Syrien zurückholten, bin ich eine Weile durchs Land gezogen, bis ich mich schließlich in Alabama niederließ«, sagte Gaines, »in Montgomery. Wir haben ja in unserem Land eine Art, immer erst nach einem Krieg zu entscheiden, ob es richtig war, ihn zu führen, und ich glaube, hinterher hatten wir das Gefühl, dass der Krieg, in den sie uns geschickt hatten, doch keine so gute Idee gewesen war. Wenn im Norden jemand zu hören bekam, dass ich in diesem Krieg gefochten hatte, wollten sie den ganzen Krieg mit mir diskutieren, als ob ich derjenige gewesen sei, der mich dorthin geschickt hatte. Die Leute im Süden tun so etwas nicht, oder jedenfalls ist es mir nie begegnet.«

»Darum geht es?«, fragte Sarat. »Die Leute hier waren anständig zu Ihnen, deshalb haben Sie sich auf die Seite des Südens gestellt?«

»Nein«, sagte Gaines. »Der Grund dafür, dass ich mich für den Süden entschieden habe, war der: Wenn ein Südstaatler dir erzählt, wofür er kämpft – ob Tradition, Stolz oder schiere Starrköpfigkeit –, dann kannst du ihm zustimmen oder kannst ablehnen, aber du kannst niemals sagen, dass er dich belügt. Wenn ein Nordstaatler dir sagt, wofür er kämpft, dann bekommst du Worte wie Demokratie oder Freiheit oder Gleichheit zu hören, Worte, von denen sie ebensogut wie du wissen, dass ihre Bedeutung von Tag zu Tag neu bestimmt wird, dass sie veränderlich sind wie das Wetter. Davon hatte ich die Nase voll. Wenn man zur Waffe greift, wenn man für etwas kämpft, dann soll man dazu stehen, man soll niemals seine Einstellung ändern. Ob recht oder falsch, man steht für seine Sache ein, und nie, niemals verrät man sie.«

»Meinen Sie denn, was wir machen, ist falsch?«, fragte Sarat. »Dass wir für etwas Falsches kämpfen?«

»Nein«, antwortete Gaines. »Du etwa?«

»Nein.«

»Aber wenn du dir sicher wärest. Wenn du wüsstest, dass die Sache, für die wir kämpfen, falsch ist – wäre das Grund genug, dich gegen deine eigenen Leute zu stellen?«

»Nein.«

Gaines lächelte. »Braves Mädchen«, sagte er.

Die Schritte über ihnen wurden lauter. Bald hörten sie auch Stimmen; oben wurden die Tagesbefehle ausgegeben: wer die Verteilung der Rationen beaufsichtigen, wer die Impfbeauftragte auf ihrer Runde durchs Lager begleiten würde, wer die Belegschaft von South Carolina in Schach halten musste.

Sarat stand auf, um zu gehen.

»Warte noch«, sagte Gaines. »Ich möchte dir etwas geben.«

Er öffnete eine Schreibtischschublade. Als er sich wieder umdrehte, sah Sarat in seiner Hand ein kleines Klappmesser. Er öffnete es; die Stahlklinge war ein wenig fleckig, glatt bis auf die Sägezähne am Unterende. In den Griff war ein Monogramm geprägt: »YBR.«

»Weißt du, wie man mit einem Messer umgeht?«, fragte Gaines und wies mit der Klinge auf sie.

»Jeder weiß, wie man mit einem Messer umgeht«, sagte Sarat.

»Nein; jeder weiß, wie man zusticht.« Er hielt ihr das Messer so hin, dass sie es an dem abgeschabten Ledergriff fassen konnte.

Sarat nahm das Messer in die Hand. Es fühlte sich leicht an, kam ihr unbedeutend vor. Sie fuhr mit dem Finger über die Klinge.

»Es ist rostig«, sagte sie.

»Nicht rostig«, entgegnete Gaines. »Es ist stumpf. Aber das lässt sich ändern.«

Aus einer seiner Schubladen nahm er einen Wetzstein. Er war schwarz und länglich. Die eine Seite war grobkörnig, die andere glatt.

Er legte den Stein vor Sarat auf den Tisch, dann zeigte er ihr, wie sie das Messer halten musste, so dass die Klinge auf der groben Seite anlag.

»Unnachgiebigkeit und Stärke«, sagte er. »Unnachgiebigkeit und Stärke, mehr braucht man nicht.«

Er fasste ihre Hand und führte sie mit der Seinen. Die Klinge schabte über den Stein, gleichmäßig und rhythmisch. Das Geräusch erfüllte den Raum.

»Woher weiß man, wann es gut ist?«, fragte Sarat.

»Es ist gut«, antwortete Gaines, »wenn es tun kann, was du von ihm verlangst.«


***

Der Morgen dämmerte. Sarat verabschiedete sich von ihrem Lehrer und machte sich auf den Weg nach Hause. Draußen wirbelte ein leichter Morgenwind den Staub auf. Sarat ließ den Blick über das weite Meer der Zelte schweifen; sie sahen gar nicht so viel anders aus als die, die im Hintergrund der alten Fotografie von Gaines und Joe zu sehen gewesen waren. Vielleicht sahen im Krieg alle Zelte gleich aus.

Ein Stück weiter weg sah sie zwei Flüchtlinge, die sich stritten. Der eine der beiden Männer, so betrunken, dass er torkelte, hatte den zum Gären angesetzten Krug Joyful des anderen umgestoßen. Die beiden fluchten, versetzten einander schlaffe Fausthiebe, aber Sarat blieb nicht stehen, um zuzusehen; sie ging weiter. Es schien ihr so kleinlich, wegen so etwas zu streiten, so sinnlos.



Auszug aus:


Eine Ansprache von Kaseb Ibn Aumran,


Präsident der Bouazizi-Union, gehalten an der Ohio State University (4. Juni 2081)

Ich habe Ihre Geduld sehr in Anspruch genommen mit einer so langen Rede an einem so heißen Tag. Aber lassen Sie mich dennoch eins wiederholen: Die Regierung der Bouazizi-Union hat keinerlei Absicht, anderen Nationen ihren Willen aufzuzwingen. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass die Schwierigkeiten, vor denen Ihr Land steht, am Ende von den Menschen ausgeräumt werden, die dieses Land ihre Heimat nennen, und von niemandem sonst. (Beifall)

Und ebenso bin ich überzeugt, dass alle vernünftig denkenden Menschen dieser Welt – was immer ihre Rasse, ihre Herkunft oder Religion sein mag – sich nach demselben Recht auf Freiheit, nach Demokratie und Selbstbestimmung sehnen. All das sind wahrhaft universelle menschliche Werte, und was immer wir heute tun, um sie zu fördern, wird unser wichtigstes Geschenk an unsere Kinder sein. Kriege vergehen, doch diese Werte bestehen.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal nach Amerika kam, vor so vielen Jahren. Ich war als junger Student hier, Student an genau dieser Universität. Damals erlebte mein Land eine blutige, doch notwendige Revolution, eine Revolution, die viele das Leben kostete, die aber meinem Volk die Freiheit brachte, die man ihm fast zwei Jahrhunderte lang vorenthalten hatte.

Ich weiß noch, wie sehr Amerika mich damals faszinierte – die Weite dieses wunderbar vielfältigen Landes mit all seinen staunenswerten Naturschönheiten, deren manche zu den bedeutendsten unserer Erde zählen; die nicht minder vielfältige Bevölkerung, die trotz aller Unterschiede im Oberflächlichen so friedlich zusammenlebte. Ich sah in den Menschen dieses Landes einen Geist, den ich anderswo kaum je gesehen hatte, ein Bekenntnis zur Freiheit so übermächtig, dass es aus all dieser Vielfalt Einheit schuf. (Beifall)

Lassen Sie mich zum Abschluss sagen, dass ich genau diesen Geist auch heute hier sehe. Was immer die Herausforderungen sind, denen Amerika sich in diesen schwierigen Zeiten stellen muss, ich bin sicher, die Menschen dieses Landes werden sie bewältigen. Das haben sie schon so oft getan (Beifall), und sie werden es wieder tun. Und lassen Sie mich Ihnen sagen, dass wir, die Bevölkerung der Bouazizi-Union, die vor Jahrzehnten von ihren Herrschern genau die Freiheit forderte, die amerikanische Unabhängigkeitskämpfer einstmals von den ihren forderten, als Verbündete bereitstehen, um zu helfen, wo wir können. Wir alle, jeder Mensch auf dieser Erde, sehnen uns instinktiv nach Frieden, und ich glaube fest daran, dass der Friede am Ende siegt.

Ich danke Ihnen, und Gott segne Amerika. (Beifall)



8. Kapitel

Zwei Tage vor dem Massaker gab es ein heftiges Unwetter. Es dauerte vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung, und die schmutzig grauen Wolken boten ihr ganzes Repertoire auf, vom Sturzbach bis zum Tröpfeln. Die schwersten Regengüsse kamen gleich zu Anfang. Bis ein Lastwagenkonvoi der Freien Südstaaten mit Sandsäcken eintraf, hatten die Fluten viele ältere Zelte des Lagers bereits fortgespült. Die Flüchtlinge suchten Schutz in den Verwaltungsgebäuden. Ein Strom aus Schlamm und Abwasser wälzte sich durchs Lager, und darin trieb hilflos eine todgeweihte Armada aus Kleidungsstücken, Kochutensilien und unersetzlichen Erinnerungsstücken. Was abfloss, ging in die Gräben, von den Gräben in die Bäche und von da in den Tennessee River, jetzt ein reißender Strom.

Während die Soldaten des Südens den Smaragdbach mit Sandsäcken zu dämmen versuchten und fluchend gegen den Brechreiz von dem Gestank der überlaufenden Kloake ankämpften, jagten Sarat und ihre Mädchen den mitgerissenen Gegenständen nach.

Nass bis auf die Haut, fischten sie alles aus den Fluten, was Gebrauchs- oder sentimentalen Wert hatte: gerahmte Bilder, aufgewickelte Angelschnur, Landes- und Rebellenflaggen; und Schlüssel – Schlüssel, das war das Wichtigste von allem.

Die Mädchen waren mit Ernst bei der Sache. Auf Albert Gaines’ Anregung hatte Sarat ein paar Wochen zuvor eine Art Club gegründet – ihre ganz persönliche Pfadfindertruppe. Tatsächlich hatte sie vier Rekrutinnen angeworben – die Singleterry-Schwestern aus Alabama, Charlie (die den Namen ihres toten Bruders angenommen hatte) aus Georgia und Nadine aus Mississippi. Zwei Monate vor ihrer Ankunft in Patience hatte Nadine bei einem Drohnenangriff auf Holly Springs ihren Unterkiefer eingebüßt. An dessen Stelle gab es nur noch einen Lappen aus Narbenhaut und eine Metallplatte, das Einzige, was ihr noch etwas wie die Umrisse eines Kinns verlieh. Nadine war stumm. Unter den Mädchen mochte Sarat sie am liebsten.

Die Mädchen sammelten die Sachen in Säcken, und wenn die Säcke voll waren, brachten sie sie zum Verwaltungsgebäude. Sarat schloss die Seitentür auf und führte sie die Treppe hinunter auf den Gang zu Albert Gaines’ Büro. Auf dem Flur breiteten sie die geretteten Gegenstände auf Handtüchern zum Trocknen aus und machten sich wieder neu an die Arbeit.

Als die Sonne unterging, ließ der Regen nach; zwei Stunden später waren es nur noch vereinzelte Tropfen. Sarat lief zu den Zelten ganz am Nordrand und sah den tiefhängenden grauen Wolken nach, wie sie in Richtung der Blauen davonzogen. Im Norden waren die Zelte neu und weitgehend unbewohnt, doch kein Flüchtling hatte hier Zuflucht gesucht.

Am Morgen wies Sarat ihre Mädchen an, die geretteten Habseligkeiten aus dem Flur wieder nach oben zu bringen. Die Rekrutinnen breiteten die Stücke entlang des Gebäudes aus. Als die Angestellten des Lagers merkten, was die Mädchen taten, war das improvisierte Fundbüro bereits von einer großen Traube von Flüchtlingen umgeben. Sie suchten nach Sachen, die sie schon verloren geglaubt hatten, und wenn sie etwas fanden, jubelten sie, nahmen die Mädchen in den Arm, erklärten sie zu Engeln. Als der Mittag kam, war kein einziges Fundstück mehr da.


***

Martina Chestnut stand lange vor ihrem unversehrten Zelt. Sie untersuchte die Stellen, an denen der Stoff sich um das Gestänge spannte. Es gab keinen einzigen Riss, nicht das kleinste Anzeichen, dass ein Unwetter niedergegangen war. Der Erdboden ringsum war eine dicke Schlammbrühe, und sämtliche Nachbarzelte waren eingestürzt oder dem Einsturz nahe, aber das Heim von Martina stand da wie zuvor.

Kurz dachte sie an die göttliche Vorsehung. Sie freundete sich mit dem Gedanken an, dass eine höhere Macht ihre Hand schützend über ihr Zuhause gehalten hatte. Das konnte doch nicht einfach Zufall sein; sie hatte ja auch wahrlich genug gelitten und auch einmal einen solchen Gnadenakt verdient. Sicher, andere hatten ebenfalls gelitten; manche, die ins Lager kamen, hatten Gliedmaßen verloren, das Augenlicht, Angehörige, andere waren nur noch leere Hüllen, in denen das Leben erloschen war, aber auch sie hatte gelitten. Auch sie hatte gelitten.

Drinnen fand sie Sarat und Dana auf ihren Betten, beide in Lektüre vertieft. Dana las auf einem Tablet; ein Artikel der Zeitschrift Tumble präsentierte Schwarzmeer-Schick, die gerade wieder groß herausgekommene Modeszene aus dem fernen Norden des Bouazizireiches.

Sarat saß kerzengerade auf ihrer Pritsche und las in einem alten Schulbuch über die Geschichte des Südens, einer Leihgabe von Gaines.

»Wie seid ihr zwei denn so schnell wieder hergekommen?«, fragte Martina erstaunt. Sie sog prüfend die Luft tief ein; im gesamten Zelt herrschte ein bittersüßer, beißender Geruch, etwas Chemisches.

»Sie war die ganze Nacht draußen und hat den Krempel von sämtlichen Leuten gerettet«, antwortete Dana. »Ich war hier drin.«

»Wieso bist du nicht zum Hauptgebäude gekommen?«, fragte Martina. »Das Unwetter hätte das ganze Zelt fortreißen können.«

Das fand Dana lustig. »Quatsch. Simon und ein paar von seinen Freunden waren vorgestern hier, die haben das ganze Ding mit irgendwas eingesprüht. Sie hatten ein Mittel, von dem das Wasser überall abperlt, so als hätte es überhaupt nicht geregnet. Aber getost hat es, das kannst du mir glauben. Ich habe kaum ein Auge zugemacht.«

Martina betrachtete ihre zweite Tochter, die bisher nicht ein einziges Mal von ihrem Buch aufgeblickt hatte.

»Wusstest du das?«, fragte sie.

Sarat zuckte mit den Schultern.

Martina schwieg. Sie ging an ihren Töchtern vorbei in ihren eigenen Bereich des Zeltes. Seit etwa einem Jahr hatten sie und die Zwillinge das Zelt für sich, denn Simon lebte jetzt außerhalb des Lagers und kehrte nur alle paar Monate für ein oder zwei Nächte zurück.

Auf ihrem Bett fand Martina ein weiteres Carepaket von ihrem Sohn. Es war ein Pappkarton, die Verpackung einer Küchenmaschine. Die oberen Klappen waren fest mit Packband verklebt.

Martina hob den Karton an. Er war schwer, zwanzig Pfund vielleicht. Ohne ihn aufzumachen, trug sie ihn ins Zimmer ihrer Töchter, auf die andere Seite des Vorhangs aus Decken. Sie stellte ihn neben Sarats Bett.

»Nimm das und verteil es an die Leute, die ihr Zelt verloren haben«, sagte sie.

»Was ist drin?«, fragte Sarat.

»Ist mir egal. Gib es einfach denen, die es nötig haben.«

»Da gibt es viele. Soll ich hier in Mississippi bleiben, oder willst du …«

»Tu es einfach, Sarat.«

»Okay.«

Martina kehrte in ihre Abteilung zurück und legte sich aufs Bett. Die Laken waren kühl, und das Kissen fühlte sich gut im Nacken an. Bald hörten die Mädchen sie von jenseits des Vorhangs schnarchen.

Dana, die immer noch auf ihrer Pritsche lag, sah ihre Schwester an.

»Ja, dann los«, sagte sie.

»Sie überlegt es sich anders, wenn sie aufwacht«, antwortete Sarat. »Dann will sie es doch.«

»Und du kriegst Ärger, weil es noch da ist. Komm, wir machen es auf, verteilen ein paar von den Sachen und sagen später, wir sind noch nicht fertig damit. Dann sind alle froh.«

Sarat holte aus einem Futteral in ihrer Tasche das kleine Klappmesser, das sie von Gaines bekommen hatte. Zu Anfang war es stumpf gewesen, doch Abend für Abend hatte sie es an dem Wetzstein geschärft. Jetzt war die Klinge schartig, weil sie es übertrieben hatte, aber Sarat hielt es für Schärfe.

Sie durchtrennte die Klebstreifen und öffnete den Karton. Sie holte das Erste heraus, was sie darunter sah – zwei kümmerliche Orangen aus dem Norden –, und warf eine davon ihrer Schwester zu. Dana ritzte mit dem Fingernagel die Schale an, hielt sich die Frucht unter die Nase und sog tief den Duft ein.

»Die müssen bis oben in Virginia gewesen sein, um so was zu kriegen«, sagte sie.

Sarat schüttelte den Kopf. »Simon sagt, sie sind bei ihren Kämpfen nur bis ans Südende der Smokys gekommen, an die Grenze von Tennessee nach North Carolina. Sie haben die Milizen da oben aufs Korn genommen. Wenn du weiter nach Norden gehst, läufst du den richtigen Soldaten von den Blauen in die Arme.«

»In Tennessee wächst so was nicht«, beharrte Dana. »Zu heiß. Die sind aus Virginia, wenn nicht noch weiter im Norden.«

»Sie müssen doch nicht da gewesen sein, wo sie wachsen. So was kriegt man in Augusta in den Docks. Da kriegt man überhaupt alles. Sogar Sachen, die es nicht mal in Atlanta gibt.«

Dana verzog das Gesicht. »Was weißt du denn schon? Du könntest doch nicht mal auf einer Landkarte zeigen, wo Augusta liegt.«

»Und ob ich das kann, und was ich sage stimmt. Keiner führt Buch über die Sachen, die mit den Hilfsschiffen kommen. Da wird die halbe Ladung gestohlen, bevor irgendwer was merkt.«

Sarat stöberte in dem Paket, um zu sehen, was noch darin war. Eine kleine Dose Cashewnüsse warf sie ihrer Schwester zu, ein Päckchen Aprikosengel behielt sie selbst. Eine Tube Kontaktkleber, ein Knäuel Kordel sowie Wolle und Stricknadeln legte sie beiseite für die anderen Flüchtlinge, und den Rest ließ sie für ihre Mutter.

»He, gib mir davon ein paar«, sagte Dana und wies auf eine Schachtel Schmerztabletten. »Die braucht Mama nicht.«

»Die braucht keiner«, entgegnete Sarat. »Nur wenn sich mal jemand die Knochen bricht. Wozu brauchst du denn so was?«

»Mir ist langweilig«, antwortete Dana, streckte ihre Beine in die Höhe und reckte die Zehen in Richtung Decke. »Mir ist so langweilig, das wiegt zehn gebrochene Knochen auf.«

Sarat betrachtete ihre Schwester auf dem Bett. Irgendwie kam sie ihr jünger vor. So weit sie überhaupt zurückdenken konnte, hatte Sarat immer das Gefühl gehabt, dass ihre Zwillingsschwester ihr eine Nasenlänge voraus war und von Anfang an eine Vorstellung davon hatte, was Erwachsensein war. Doch in den letzten paar Monaten hatte dieses Gefühl sich in das Gegenteil verkehrt. Nun kam ihr Dana plötzlich entsetzlich unreif vor, und die Dinge, mit denen sie sich beschäftigte, schienen ihr kindisch und banal.

Sarat steckte die Schmerztabletten zurück in die Kiste und schob diese dann unter ihr Bett. Sie wandte sich wieder ihrem Buch zu. Dana schälte ihre Orange, genoss jeden Schnitz davon, legte sich einen Streifen Schale auf die Oberlippe wie einen Schnurrbart. Sie summte die ersten Takte einer beliebten Redgrass-Nummer mit dem Titel »Julia’s Right«, die im Sommer zuvor im ganzen MAG ein Hit gewesen war und überall nördlich der Tennesseegrenze verboten war. Der Song stammte von einer Countrysängerin namens Cherylene Cee, nach der Sarat ihre Schildkröte benannt hatte.

Dana wandte sich noch einmal an ihre Schwester. »Wann sagen wir es denn nun Mama?«, fragte sie.

»Was sagen wir Mama?«

»Du weißt schon. Dass du und ich wegwollen. Nach Atlanta.«

Sarat seufzte. Als sie ihrer Schwester von ihrem Traum erzählt hatte, eines Tages in die Hauptstadt der Südstaaten zu gehen und dort für die Regierung zu arbeiten, hatte Dana nur gelacht. Glaubst du, die können da unten ein Flüchtlingsmädchen aus Louisiana gebrauchen?, hatte sie gesagt; willst du etwa auch Präsidentin werden? Doch als die Monate vergingen und immer mehr Flüchtlinge ins Lager strömten, weit über dessen Aufnahmevermögen hinaus, als die Bewohner tagtäglich immer wieder neuen Erniedrigungen ausgesetzt waren, fand Dana die Vorstellung, sich in die Stadt abzusetzen, immer reizvoller. Sie prahlte vor ihren Freunden damit, und am Ende bereute Sarat, dass sie je mit ihr über Atlanta gesprochen hatte.

»Wir können doch nicht einfach fortlaufen und unsere Mutter hier zurücklassen«, sagte Sarat. »Wer soll sich denn um sie kümmern?«

»Simon kümmert sich doch bestens um sie«, fand Dana und wies auf den Karton unter Sarats Bett.

»Simon schläft gerade mal eine Nacht im Monat bei uns im Zelt, das weißt du.«

»Und wir verbringen den Rest unseres Lebens in dem Loch hier? Warten, bis das nächste Unwetter den ganzen Kram wegspült? Oder bis die Vögel kommen und alles in Schutt und Asche bomben? Ich dachte, du hast große Pläne, willst für die Regierung arbeiten, der ganzen Welt klarmachen, was der Norden uns angetan hat, die ganzen Geschichten. Du erzählst mir doch immer, dass du mithelfen willst, damit alles anders wird. Wenn du hier in Patience bleibst, kannst du nicht die kleinste Kleinigkeit ändern.«

»Wir gehen von hier weg, Dana, das verspreche ich dir. Aber wir müssen auch an unsere Leute denken.«

Dana schnaubte. »Unsere Leute? In dem Lager hier? Machst du Witze? Denkst du, wenn nicht alle wüssten, dass Simon bei den Rebellen ist und du neuerdings das Schoßhündchen von Albert Gaines bist, dann würden die nicht herkommen und jedes einzelne Stück stehlen, das wir haben? In dem Lager gibt es niemanden, der zu uns gehört. Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist, dass wir Verlierer im selben Krieg sind.«

»Wir verlieren den Krieg nicht«, sagte Sarat. »Und ich bin nicht das Schoßhündchen von Albert Gaines.«

»Komm schon, Kleine. Du hockst doch jeden Abend bei ihm, er gibt dir die ganzen Bücher zu lesen, du machst all die Besorgungen für ihn. Du weißt doch genauso gut wie ich, dass er nur der Strohmann für sämtliche Rebellengruppen ist. Er kommt an Orte wie den hier und hält Ausschau nach denen, die blöd genug sind, sich in eine Bauernmontur stecken zu lassen und sich irgendwo im Norden an einem Kontrollpunkt in die Luft zu jagen. Kann nicht mehr lange dauern, bis er dir auch so eine Montur anziehen will.«

»Er ist Lehrer«, sagte Sarat. »Sonst nichts.«

Sarat erhob sich. Sie nahm ihre Umhängetasche vom Haken an der Wand und legte sich den Riemen über die Schulter.

»Ich schaue mal, ob ich Simon finde, draußen am Creek«, sagte sie. »Es ist kurz vor Sonnenuntergang, da müssten sie eigentlich zurückkommen. Sag Mama nichts von Atlanta, und lass die Finger von den Pillen.«


***

Die Luft roch nach Moder. Überall hatte der Sturm Spuren der Zerstörung hinterlassen, aber es gab auch Zeichen der Heilung. Da sie sonst nichts hatten, wohin sie gehen konnten, sammelten sich die Flüchtlinge um die vom Regen beschädigten Zelte wie Antikörper um einen Infektionsherd.

Auf dem Weg zum nordöstlichen Ende von Alabama kam Sarat an endlosen Reihen von Wäscheleinen vorüber, an denen Kleidungsstücke, Bettwäsche, Fahnen und Wolldecken zum Trocknen im Wind flatterten; Tablets und Radios und Telefone steckten wie Samenkörner in Beuteln mit Reis. Der Himmel war mattviolett. Über dem MAG zog wieder ein warmer, trockener Abend auf. Die Pfützen trockneten bereits.

Sarat ging zwischen den Zelten im Norden hindurch, wo es zwar Spuren der Zerstörung, aber kein Zeichen menschlichen Lebens gab. Sie kam an dem Zelt mit ihrer Schildkröte vorbei und nahm sich vor, später nach ihr zu sehen.

Als sie sich den Überresten des Highway 25 näherte, fielen ihr ein Mann und ein Junge auf, die schwerbepackt in nördlicher Richtung der zerstörten Brücke und dem Tor zum Territorium der Blauen zustrebten. Beim Näherkommen sah sie, dass es Marcus Exum und sein Vater waren.

Die beiden trugen dicke Bündel auf dem gebeugten Rücken und in den Händen Einkaufstüten; mit seinem Feldstecher um den Hals hatte der Vater etwas von einem Vogelkundler. Sarat sah ihnen eine Weile zu, auf ihrem Weg zu der Stelle, an der die Straße einst knapp über dem Wasser den Bach gekreuzt hatte.

Vor dem Krieg führte diese Straße geradewegs nach Tennessee, doch jetzt sah man davon über dem Wasser nur noch zwei schmale Betonbänder, die einst die Ränder der Fahrbahn markiert hatten. Wie steinerne Taue für einen Drahtseilakt ragten sie knapp über die Wasserfläche. In der Ferne, hinter einer Reihe von großen roten Verbotsschildern, dem Zaun aus Klingendraht und den Scharfschützenstellungen hinter ihrer Tarnung aus Blattwerk, begann das Territorium der Blauen.

Sarat ging zu Marcus und seinem Vater. Als der Mann sie bemerkte, schaute er sich hastig um, wollte sich versichern, dass es keine weiteren Zeugen gab, und als er niemanden sah, gab er dem Mädchen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass es verschwinden solle.

»Was habt ihr vor?«, fragte Sarat.

»Geht dich nichts an«, antwortete er. »Geh weiter, damit hast du nichts zu schaffen.«

»Schon gut, Dad«, sagte Marcus und stellte seine Einkaufstüten ab. »Ich will mich nur eben verabschieden.«

»Keine Zeit«, drängte sein Vater. »Die können jeden Augenblick wieder an den Toren sein.«

»Dauert nur eine Minute, versprochen.«

Marcus setzte seinen Rucksack ab. Im Lauf des letzten Jahres war er ein wenig gewachsen, aber er reichte Sarat nach wie vor nur bis zu den Schultern. Er legte ihr die Hand auf den Arm. »Wir gehen weg, Sarat«, erklärte er. »Wir gehen heute Nacht in den Norden. Und wir kommen nicht mehr zurück.«

»Seid ihr verrückt geworden?«, antwortete Sarat. »Sobald ihr auch nur in die Nähe des Tores kommt, schießen sie euch über den Haufen.«

Marcus schüttelte den Kopf. »Dad hat sie beobachtet. Seit zwei Tagen ist das Tor unbewacht. Nicht ein einziger Soldat von den Blauen am Zaun. Keine Ahnung, wo die stecken, aber sie sind nicht da.«

Sarat spähte hinüber zu dem Tor in der Ferne. Die mit Blattwerk getarnten Türme und die alten Sperrvorrichtungen sahen aus wie immer.

»Irgendwas braut sich da zusammen«, sagte Marcus’ Vater. »Sie machen sich bereit zum Sturm auf den Zaun – hier an dieser Stelle werden sie durchbrechen.«

»Das sagen Sie doch schon seit Jahren«, brummte Sarat.

»Weil sie es auch schon seit Jahren vorbereiten.«

Sarat wandte sich an Marcus. »Und du wolltest dich einfach so aus dem Staub machen? Ohne dich zu verabschieden?«

»Ich wusste doch, dass du mit anderen Dingen beschäftigt bist«, antwortete Marcus. »In letzter Zeit haben wir nicht viel miteinander geredet, ich wollte dir nicht zur Last fallen.«

»Aber du bist mein bester Freund«, wandte Sarat ein.

Marcus wich ihrem Blick aus und starrte zu Boden.

»Los, nimm deine Sachen«, kommandierte Marcus’ Vater. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Sie sah zu, wie Marcus seine Habseligkeiten auflas. Eine der Einkaufstüten war prall gefüllt mit abgepackten Essensrationen, einer Thermosflasche voll Wasser und ein paar Garnituren Unterwäsche; in der zweiten Tüte steckten eine Stirnlampe und ein kleiner Campingkocher.

»Du kümmerst dich um Cherylene, ja?«, fragte Marcus.

Sarat nickte.

»Erzähl das niemandem«, schärfte Marcus’ Vater ihr ein. »Die sind sofort wieder da und bringen uns alle um, wenn die ganze Belegschaft versucht zu türmen.«

Sie blickte dem Mann und seinem Sohn nach, als sie nun über das steinerne Drahtseil in das verbotene Land balancierten. Der Pfad ragte nur wenige Zoll über die Wasseroberfläche und war kaum mehr als einen Fuß breit. Sie gingen vorsichtig, die Arme hin und wieder seitwärts ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Als sie die Warnschilder passierten, wartete Sarat auf die Schüsse der Scharfschützen, darauf, dass der Mann und sein Sohn tot in den Fluss stürzten. Aber es blieb alles ruhig.

Bald hatten sie die Absperrungen hinter sich gelassen und verschwanden im Unterholz. Sarat blieb noch lange Zeit stehen und beobachtete das reglose Land am anderen Ufer.

Sie versuchte sich vorzustellen, wohin ihr Freund und sein Vater gehen würden. Vielleicht lagen hinter dem braunen, struppigen Höhenzug ja geschäftige Städte, hell erleuchtet von elektrischem Licht. Oder endlose, duftende Obstgärten mit Orangen und Mandarinen und exotischen Früchten, wie es sie nur im Norden gab, Früchten, von denen sie noch nie gehört hatte. Vielleicht würden die beiden Pilger als Arbeiter auf einer solchen Farm Zuflucht finden, oder ihr Akzent und ihre sonnengegerbte Haut verrieten sie, und sie wurden schon an den Toren der ersten Stadt erschossen.

Und als sie sich diese Möglichkeiten ausmalte, kamen Sarat andere Dinge in den Sinn: Sie dachte an Fahnenflucht, Verrat an den eigenen Leuten. Doch das, was der Mann und sein Sohn getan hatten, kam ihr nicht wie Verrat vor, sie sah nur das unerbittliche Werk der Hoffnungslosigkeit. Nach allem, was Albert Gaines ihr darüber erzählt hatte, wie ihr Volk im Lauf der Geschichte durch den Norden misshandelt worden war, hatte Sarat gelernt, den Feind auf der anderen Seite der Grenze abgrundtief zu hassen. Doch in diesem Augenblick, als sie verfolgte, wie ihr engster Freund in diesem feindlichen Gebiet verschwand, wünschte sie nur, dass er dort in Sicherheit war. Dass er lebte, dass er einfach nur am Leben blieb.


***

Als Marcus und sein Vater hinter dem Laubwerk in der Ferne verschwunden waren, ging Sarat ostwärts in Richtung Chalk Hollow.

Die Rebellen waren am Ufer des Wasserlaufs. Sie hörte sie, bevor sie sie sehen konnte: ein Gewirr von singenden, lachenden, lauten Stimmen. Normalerweise verhielten sie sich still, wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit über das Wasser kamen, doch an diesem Abend versuchten sie gar nicht, ihre Anwesenheit zu verbergen.

Das waren Simons Leute, die Virginia Cavaliers. Aber genau besehen gab es nicht viel, worin sie sich von den Mississippi Sovereigns oder den Neuen Zouaven oder all den anderen Rebellengruppen unterschieden. Es waren einfach nur junge Männer mit Gewehren, die sich überall an der Grenze ihre Gefechte mit den Nordstaatlern lieferten.

Sie fand sie, insgesamt etwa ein Dutzend, auf einer Lichtung, ein paar hundert Fuß hinter dem maroden Highway. Sie hatten mit drei Sea-Toks und einem größeren, dieselbetriebenen Boot übergesetzt, die jetzt nebeneinander auf dem sandigen Ufer lagen, halb verborgen von den Amberbäumen. Die Männer standen neben den Booten und luden zugenagelte Holzkisten aus.

»Hallo, Sarat«, rief ein schon halb betrunkener Cavalier namens Eli, ein Junge von etwa neunzehn Jahren, der vier Jahre zuvor aus Dalton ins Lager gekommen war. »He, Simon, deine Schwester ist da.«

»Vielleicht geht’s ja noch ein bisschen lauter«, knurrte Simon, der, den Rücken an den schwarzgeteerten Bootsrumpf gelehnt und die Füße im Wasser, im Sand lagerte. »In Tennessee kann man dich sonst so schlecht hören.«

Eli stand über ein kleines Lagerfeuer gebeugt und grillte. Auf einem rußigen Ofengitter brutzelte eine Reihe von dicken Steaks, und das züngelnde Feuer leckte an ihrer Unterseite. Fett und Blut tropften in die Glut und brachten die Flammen zum Tanzen; das Holz knisterte und knackte.

»Woher habt ihr das Fleisch?«, fragte Sarat.

»Einer von ihren Generälen hat es uns netterweise überlassen«, antwortete Eli mit einem breiten Grinsen. Ihm fehlte einer der oberen Schneidezähne; seine Haare waren ungewaschen und hingen ihm als verfilzte Schmalzlocke in die Stirn. Genau wie die anderen wusch er sich manchmal tagelang nicht, aber an diesem Abend wurden seine Körperausdünstungen übertönt von der wohligen Wärme des Feuers und dem berauschenden Duft von gegrilltem Fleisch.

»Kannst du dir vorstellen, dass die Schweine da oben jeden Abend so etwas fressen?«, fragte Eli.

»Mal ehrlich, Mädchen, wann hast du zuletzt so ein Steak gegessen?«

»Vielleicht früher einmal in Louisiana«, antwortete Sarat. »Hier habe ich so was jedenfalls noch nie gekriegt.«

»Diese Schweine fressen so was jeden Abend«, wiederholte Eli.

Er beugte sich vor und säbelte ein Stück von dem Steak ab. Es war fettdurchwachsen, und die Klinge seines Bowiemessers hatte keine Mühe. Er reichte es Sarat. Sie kaute andächtig, genoss die Wärme und das Gefühl, dass das durchwachsene Fleisch unter ihren Zähnen gleichzeitig nachgab und Widerstand leistete. Die verkohlte äußere Kruste schmeckte kräftig nach Holzrauch, das Fleisch darunter war rosa und zart.

Wie war es bloß möglich, fragte sich Sarat, dass ein Mensch jeden Tag derart gut essen konnte, ohne vor Scham zu sterben, wenn nur ein paar Meilen entfernt so viele andere darben mussten?

»Seht euch lieber vor«, mahnte Sarat. »Wenn die im Lager das riechen, rennen sie euch die Bude ein.«

»Kein Problem, wir haben genug für alle«, erwiderte Eli und zeigte auf die Kisten am Ufer. »Wir können es bloß nicht verteilen wie der Weihnachtsmann – aber wir finden schon einen Weg. Sie haben es weiß Gott verdient.«

Er piekte mit dem Messer in die Steaks und wendete sie; das Feuer zischte und griff mit seinen schlängelnden Fingern nach dem Fleisch. Eli beugte sich über die Flammen zu Sarat.

»Sag mal, sind die Jungs aus dem Süden, die sie nach dem Unwetter hergeschickt haben, noch da?«, fragte er.

»Nö«, antwortete Sarat. »Die haben sich verzogen, gleich als der Regen aufgehört hatte.«

»Gut so«, sagte Eli. »Wäre doch eine Schande, wenn die was von dem hier abbekommen würden. Die sollen ruhig zurück nach Atlanta. Da können sie sich die Bäuche vollschlagen.«

»Habt ihr das gestohlen oder was?«, fragte Sarat.

Einen Augenblick lang verschwand das selige Lächeln von Elis Lippen. Er war ein magerer Bursche – die Rebellen waren anscheinend alle entweder mager oder muskelbepackt, niemand hatte eine normale Statur –, und der orangefarbene Feuerschein malte dunkle Schatten auf seine hohlen Wangen.

»Wir haben gar nichts gestohlen«, brummte er. »Es war ein ehrlicher Kampf, und wir haben gewonnen. Du hast zu viel Nordfernsehen gesehen und zu viel Propaganda von denen gelesen. Die wollen uns weismachen, dass sie unbesiegbar sind. Aber das sind sie nicht. Wenn man ihnen ihre Panzer und ihre Vögel wegnimmt, das ganze Spielzeug, hinter dem sie sich wie Feiglinge verschanzen, wenn wir ihnen Auge in Auge gegenübertreten, dann können wir sie auch besiegen.«

»Reg dich ab«, sagte Sarat. »Ich hab’s ja nicht so gemeint.«

Elis Lächeln kehrte zurück. »Weiß ich doch, Mädchen. Sag mal, ich hab gehört, du gehst jetzt bei Gaines in die Lehre.« Er lachte. »Und er ist geradezu vernarrt in dich. Er sagt, du hast mehr Mumm in den Knochen als die meisten Männer hier draußen.«

Eli zerteilte eines der Steaks der Länge nach. »Hier«, sagte er. »Ich geb dir die Hälfte von meinem.«

Sarat bedankte sich. Sie ging hinüber zu der Stelle, an der ihr Bruder am Ufer saß.

Ein paar Rebellen hockten in der Nähe auf einem Baumstamm, spielten Gitarre und sangen ein altes Volkslied, das seit neuestem wieder überall zu hören war, nachdem ein Politbarde in Atlanta die alte Melodie mit einem neuen Text versehen hatte. Berauscht von zu viel Joyful, lallten die Jungs die Worte und amüsierten sich über ihre musikalischen Fähigkeiten. Der Gitarrenspieler spielte vier offene Akkorde mit so ungeschickten Fingern, dass er die Hälfte der Saiten zum Verstummen brachte.


Mama nimm die Fahne weg,

Dieses Land ist nicht mehr meins …

Sarat setzte sich neben ihrem Bruder in den Sand.

»He, Mädel«, sagte er mit einem schiefen Grinsen, neben sich einen halbleeren Krug Joyful. Das ganze Ufer roch nach dem Zeug: ein honiggeschwängertes Aroma von vergorenen Früchten, altbackenem Brot, Flusswasser und was immer die Jungs noch auftreiben konnten, um das dunkle Gebräu aufzupeppen – von Frostschutzmittel über Terpentin bis hin zu zerstoßenen Schmerztabletten.

»Wie ich höre, habt ihr Grund zum Feiern«, sagte Sarat.

»Kann man wohl sagen«, antwortete ihr Bruder.

»Ich will ja kein Spielverderber sein, aber Mama ist wütend auf dich.«

»Wieso das denn? Hat das Zeug, mit dem wir ihr Zelt besprüht haben, etwa nicht gewirkt?«

»Doch, aber sie findet, ihr hättet alle Zelte damit einsprühen sollen. Sie hat das Gefühl, dass die Nachbarn sie jetzt schief ansehen, weil ihre Zelte alle zusammengestürzt sind, und ihrs sieht noch aus wie neu.«

Simon lachte und spuckte aus. »Glaubt sie etwa im Ernst, wir hätten die Zeit, alle Zelte einzusprühen? Na, egal, sag ihr, wir kommen morgen vorbei und helfen den anderen beim Aufräumen. Wir konnten uns bloß nicht blicken lassen, solange die Soldaten von den Freien Südstaaten da waren, sonst hätten wir den Offiziellen mal gründlich die Meinung sagen müssen. Und das wäre ein gefundenes Fressen für die Reporter aus dem Norden gewesen: Seht her, wie die aus dem Süden sich gegenseitig bekämpfen.«

Simon goss Fusel aus seinem Krug in einen Becher und bot ihn Sarat an. Als sie danach greifen wollte, kippte er sich das Gesöff selbst in den Mund und grinste.

»Sehr witzig«, sagte Sarat. »Übrigens wird man blind von dem Zeug.«

»Das will ich doch hoffen«, erwiderte Simon, »sonst taugt es nichts.«

Er grub die Fersen in den Sand und blickte hinüber zu seinen singenden Kameraden auf dem Baumstamm. Im letzten Jahr war er gewachsen; nicht in die Länge – Sarat war immer noch drei Zoll größer als er –, aber in die Breite. In den Rebellenlagern am Ufer des Tennessee vertrieben er und einige der Cavaliers sich die Zeit damit, dass sie mit sandgefüllten Milchkrügen Weitwurf übten; die Muskeln an seinen Oberarmen waren mittlerweile die reinste Hügellandschaft.

Sarat beneidete Jungs, weil ihr Körper so formbar war und sie schon in jugendlichem Alter ihre physische Erscheinung in die Welt der Erwachsenen projizieren konnten, wie Späher, die fremdes Terrain erkunden. Sie hatte sich noch nie groß dafür interessiert, wie Jungs dachten; ihr Verstand war ihr immer vorgekommen wie eine Ansammlung von wackligen Windrädchen, die auf jeden offensichtlichen Reiz reagierten. Aber sie hätte gern einen so formbaren, vorhersehbaren Körper gehabt – einen Körper, der groß und stark werden konnte, ohne dass andere die Augenbrauen hoben.

Im bernsteinfarbenen Feuerschein sangen die Jungs ihre trunkenen Lieder. Simon wandte sich an seine Schwester. »Gestern haben wir einen von ihnen erwischt, Sarat«, sagte er. »Einen ganz dicken Fisch.«

»Wen denn?«, wollte Sarat wissen.

»Einen Kerl namens Pearson«, antwortete Simon. »Einen General, den Mann, der die Hälfte der Truppen an der Grenze von Tennessee kommandierte.«

»Alle Achtung. Und wie habt ihr das angestellt?«

»Wir waren draußen in den Wäldern, ganz weit im Osten, noch hinter Chattanooga. Wir waren schon seit Tagen da, hatten unser Lager nahe bei einem Waldweg aufgeschlagen, auf dem die Blauen Nachschub von und nach Big Frog schaffen. Eli hat ihnen eine Falle gestellt: eine große Mine, tief eingebuddelt, und direkt darüber eine kleinere. Die großen Minen werden vom Gewicht eines Menschen nicht ausgelöst, aber die kleinen schon, deshalb muss man es so machen, dass die eine die andere zur Explosion bringt. Dann haben wir einen Baumstamm über den Weg gelegt und einfach abgewartet. Drei Tage lang haben wir da gelegen, dann ist endlich der Konvoi aufgetaucht. Normalerweise sind es immer vier, aber diesmal waren es nur zwei leichte Panzerfahrzeuge. Wir dachten, es sind nur einfache Soldaten auf dem Weg zum Einsatz in Halfway Branch. Aber als sie ausgestiegen sind, um den Baumstamm zu inspizieren, na ja, da hat Eli durch sein Fernglas geschaut und gesagt: ›Einer von denen hat Sterne auf der Schulter.‹ Und dann sehen wir, wie er allein vorausgeht, als ob er allen anderen zeigen will, wer der Chef ist, und er tritt mitten drauf. Die kleine Mine zündet die große, und bis auf zwei sind alle sofort erledigt. Wir sind gleich nach der Explosion runtergerannt, und in diesen Panzerfahrzeugen war nichts als kistenweise Proviant. So viel, dass wir nicht mal alles wegschaffen konnten.«

Simon zeigte zum Himmel. »Ich sage dir, der da oben hat uns beschützt, Sarat. Er hat uns beschützt, da bin ich mir ganz sicher.«

»Simon, du kannst nicht hier sitzen und feiern«, beschwor ihn Sarat. »Ihr müsst euch verstecken. Sie werden kommen und nach euch suchen.«

Simon lachte. »Wen sollen die denn suchen? Die haben doch keinen Schimmer. Die wissen nur, wie man Mauern baut und die Vögel losschickt, um die Drecksarbeit zu erledigen«

»Wollt ihr das ganze Zeug etwa ins Lager schaffen?«

»Das meiste sind einfach nur Lebensmittel«, antwortete Simon. »Wir stellen einen Teil davon in den leeren Zelten im Norden unter, aber das meiste werden wir einfach verteilen. Die Leute haben ein Recht auf anständiges Essen.«

»Sie werden es rauskriegen«, beharrte Sarat. »Es wird sich rumsprechen. Ihr könnt nicht ein ganzes Lager mit Steaks versorgen, ohne dass es bekannt wird.«

»Das geht schon in Ordnung«, sagte Simon. Er legte den Arm um seine Schwester und zog sie an sich, bis ihr glattrasierter Kopf an seiner Schulter ruhte. »Mein Gott, Mädel, warum bist du denn nur so nervös? Was ist aus dem Mädchen geworden, das in einen See aus Scheiße gesprungen ist, um zu beweisen, dass es keine Angst hat?«

»Sei einfach vorsichtig.«

»Wir haben einen von ihnen erwischt, Sarat«, entgegnete Simon. »Jeden Tag bringen sie hundert von uns um, aber diesmal haben wir einen von ihnen erwischt.«


***

Sarat kehrte zum Mittelpunkt des Lagers zurück. Sie betrat das Verwaltungsgebäude durch den Seiteneingang, der zum Büro von Albert Gaines führte.

An diesem Abend fand sie ihn über den Tisch gebeugt, wo er behutsam mit einem kleinen Löffel etwas Schwarzes, Glänzendes auf einem Teller arrangierte. Auch diesmal hatte er wieder seinen Anzug an; sie kannte ihn nur in diesem Einreiher, stets makellos. Dazu trug er eine mattgraue Krawatte mit doppeltem Windsorknoten, auf der ein Wappen mit drei Sternen über einem mittelalterlichen Helm und einem rotgestreiften Schild prangte. Sein Hut lag auf dem Tisch.

»Nur herein, nur herein!«, begrüßte er sie mit einem Lächeln. »Heute habe ich etwas ganz Besonderes für dich.«

Sarat inspizierte die kleine flache Dose auf dem Tisch. Der Blechdeckel war offen, und in der Dose befanden sich schwarze Kügelchen. Die Schrift auf der Seite der Dose war ausländisch: Buchstaben, die aussahen wie englische, aber seltsam missgestaltet, irgendwie mutiert. Das Etikett zeigte einen Fisch und eine Krone.

»Die Nordstaatler in Columbus zahlen mehr, als du dir überhaupt vorstellen kannst, für einen blassen Abklatsch davon«, sagte Gaines. »Heute Abend bekommst du das Original, und noch dazu gratis.«

Sarat berührte die Kügelchen vorsichtig mit dem kleinen Finger. Das Häufchen auf ihrem Teller schien ihr lächerlich klein für eine Mahlzeit, und sie fragte sich, ob es vielleicht so etwas wie eine Vitaminpille war, wie die, die mit den Hilfslieferungen kamen.

»Was ist das?«, fragte sie.

»Versuch es erst einmal. Ich will nicht, dass du es schon vorab eklig findest.«

»Bestimmt nicht.«

»Es ist Kaviar«, erklärte Gaines. »Fischeier.«

»Hmm.«

Sarat kostete den Kaviar. Leise flüsternd verriet er ihrer Zunge ein schier unglaubliches salziges Geheimnis. Er erzählte von etwas Fernem, den Früchten fremdartiger Bäume. Sie war begeistert, auf der Stelle.

»Wo haben Sie das her?«, fragte sie.

»Aus der Russischen Union«, antwortete Gaines. »Vom anderen Ende der Welt. Ein Geschenk von unserem Freund Joe.«

Er ging zu der kleinen Kochnische des Büros. Sarat hörte das Klicken des Toasters, und kurz darauf kehrte er mit ihrem Lieblingsleckerbissen zurück: Honigtoast. Er setzte sich neben sie und sah ihr beim Essen zu. Anscheinend konnte er von diesem Anblick nie genug bekommen.

»Ich habe ein neues Buch für dich«, sagte er. Er ging zum Bücherregal und kehrte mit einem gebundenen Buch zurück. Sarat betrachtete es. Es war nagelneu, wie eben erst an diesem Tag erschienen. Das Buch trug den Titel Soldat des Nordens – Lehrjahre zwischen Krieg und Frieden. Der Umschlag zeigte das Bild eines gutaussehenden Mannes. Auf den meisten Büchern, die Gaines ihr bisher zu lesen gegeben hatte, hatte nur der Name des Autors und der Titel gestanden. Doch hier beherrschte das Porträt des Mannes den gesamten Umschlag, als gehe es in diesem Buch um sein Gesicht. Das Bild zeigte ihn bis zur Brust; man sah die Orden, und Sarat erkannte die Militäruniform.

»Der Mann, der dieses Buch geschrieben hat, heißt Joseph Weiland junior«, erklärte Gaines. »Er ist der Sohn des ranghöchsten Generals der Blauen.«

»Wieso soll ich ein Buch von einem Nordstaatler lesen?«, fragte Sarat. »Ist doch sowieso alles nur gelogen.«

Gaines zeigte auf das Bild auf dem Umschlag. »Dieser Mann hat sich vor kurzem entschlossen, in die Politik zu gehen, und wenn jemand wie er für ein höheres Amt kandidiert, ist es üblich, dass er eine große Zahl von Worten auf eine große Zahl von Seiten schreibt und dass er sein Bild auf den Umschlag setzt und das Ganze groß herausbringt. Wenn dann der Wahltag kommt, haben die, die ihre Stimme abgeben sollen, längst eine sorgsam frisierte Version seiner selbst vor Augen.

Aber nicht deswegen lesen wir es. Wir lesen es, weil er unser Feind ist. Und die Hälfte dieses Buches, das angeblich von ihm handelt, handelt in Wirklichkeit von uns, weil wir seine Feinde sind. Wir lesen es, um zwischen den Zeilen zu lesen, und daraus erfahren wir, was er an uns fürchtet.«

Sarat beobachtete Gaines wie gebannt. Sie hörte ihm gerne zu, liebte den Tonfall seiner Stimme und die riesige unbekannte Welt, die in seinen flammenden Reden so oft aufblitzte. Selbst wenn sie ihm bei seinen Worten nicht mehr folgen konnte, ja sogar wenn sie überhaupt nichts verstand, lächelte sie und lauschte und hätte ihm ewig zuhören können.

Gaines erhob sich vom Tisch. »Und ich habe noch etwas für dich«, sagte er.

Er holte etwas aus seiner Aktentasche. Und dann stand er hinter ihr, und seine Hände und der Gegenstand in seinen Händen streiften ihren Nacken.

Es war eine Halskette aus fest verzwirnten schwarzen, weißen und roten Hanffasern. Er legte sie ihr um den Hals und reichte ihr einen kleinen Handspiegel. Sie betrachtete ihr Spiegelbild; die Kette fühlte sich rau und drahtig auf der Haut an.

»Wieso geben Sie mir die?«, fragte sie.

»Die Kette hat einmal meiner Tochter gehört«, sagte Gaines. »Ich möchte, dass du sie jetzt trägst.«

»Danke.«

Das Mädchen betrachtete sich eine Zeitlang im Spiegel, und für einen Augenblick sah sie nicht mehr die Kette, sondern nur die Hände des alten Mannes auf ihren Schultern: die Knöchel abgenutzt und rissig, die Fingernägel ganz kurz geschnitten. Es war, als ob seine Handflächen Wärme abstrahlten, und die Wärme füllte langsam den Raum zwischen Sarats Schulterblättern und strömte ihr den Rücken hinunter.

Bevor er sie gehen ließ, gab Gaines Sarat weitere Umschläge, die sie unter den Flüchtlingen verteilen sollte. Er bezahlte sie im Voraus für die Botengänge. Sie ließ die frischen, knisternden Geldscheine aus dem Norden in ihre Umhängetasche gleiten und verabschiedete sich von ihrem Lehrmeister. In der Nacht machte sie ihre Runde und kehrte bei Tagesanbruch zurück in ihr Zelt. Dort schlief sie zum letzten Mal in ihrem Leben tief und fest.


***

Als sie am Nachmittag aufwachte, fand Sarat das Zelt leer, Mutter und Schwester waren nicht da. Sie setzte sich auf, fühlte unter ihrem Bett nach, ob die Proviantkiste noch da war. Sie holte das Päckchen Aprikosengel aus der Nachttischschublade und drückte sich etwas von der klebrigsüßen Paste in den Mund. Schon nach wenigen Minuten vertrieb es die Benommenheit.

Sie schlüpfte in ihre Jeans und ein Orascom-T-Shirt und verließ das Zelt. Draußen waren die Flüchtlinge damit beschäftigt, ihre Behausungen zu reparieren, jetzt mit Unterstützung von ein paar Rebellen. Der modrige Geruch hing nach wie vor in der Luft, aber es duftete auch nach Steaks und man hörte Singen und angeregte, beschwipste Gespräche. Die ganze Bitterkeit des Vortags schien verflogen.

Männer und Frauen saßen an Tischen und auf Stühlen aus Sandsäcken, tranken Joyful und aßen Steaks mit der bloßen Hand, und der Fleischsaft triefte ihnen über das Kinn. Für ein paar Stunden leistete Sarat ihnen Gesellschaft, und für ein paar Stunden war sie satt und glücklich und ein bisschen betrunken.

Am Abend, als die Wirkung des Alkohols nachgelassen hatte, ging sie in Richtung Norden, um nach ihrer Schildkröte zu sehen. Die unbewohnten Zelte am Nordrand von Alabama standen da wie immer, aber jenseits davon sah es anders aus als sonst.

Die schweren Scheinwerfer des Grenzübergangs zu den Blauen im Norden brannten, und das grelle Licht zeigte unzählige dunkle Schatten auf dem Boden davor. Sarat versteckte sich hinter einem der Zelte, spähte forschend hinüber.

Sie sah die Männer am Tor. Hunderte, vielleicht sogar tausend, schwarz gekleidet, die Gesichter vermummt. Sie langten in einem Durcheinander von alten Lastwagen dort an, bewaffnet mit Gewehren, Pistolen und Macheten. Im Scheinwerferlicht waren die Männer wie dahinhuschende Tintenkleckse, schwarze Gliedmaßen an schwarzen Körpern. Aber alle zusammen bewegten sie sich wie ein einziger Organismus, der unter dem Zaun hindurch und durch dessen Lücken strömte. Sie sah sie und wusste sofort, was nun kam.

Die Männer kamen näher, und Sarat stahl sich von ihrem Beobachtungsposten am Zelt fort und lief wieder zum Mittelpunkt des Lagers. Sie duckte sich in den Schatten der Zelte, rannte, wie sie noch nie im Leben gerannt war, die Luft ein Wirbelwind in ihren Lungen. Wo immer sie Männer und Frauen sah, rief sie ihnen im Laufen zu, sie sollten sich verstecken. Sie rief, die Milizen kämen, doch anscheinend interessierte sich niemand für das, was sie rief.

Als sie bei ihrem Zelt ankam, hörte sie die ersten Schüsse – nicht die vereinzelten Gewehrschüsse in der Ferne, an die sie sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, sondern ein ohrenbetäubendes metallenes Prasseln ganz in der Nähe. Dann hörte sie Rufe; einen schrillen Schrei; weitere Schüsse, wieder ein Stück näher.

Sarat stieß die Tür auf und sah ihre Schwester mit dem Tablet in der Hand auf dem Bett sitzen. Sie sah sich die Aufzeichnung eines Wohltätigkeitskonzerts in Kennesaw an, zugunsten der Mütter der Republik des Südens. Die alte Countrysängerin Cherylene Cee sang ihren größten Erfolg. Dana saß auf dem Bett, aß Virginia-Orangen und sang mit.

»Weißt du noch, wie verrückt wir nach ihrer Musik waren, damals als wir noch klein waren?«, sagte Dana. Dann sah sie Sarats Gesicht. »Was ist?«

»Die Milizen sind da«, erklärte Sarat. »Sie kommen durchs Nordtor.«

»Wie viele?«, fragte Dana.

»Hunderte. Los, steh auf. Wo ist Mama?«

»Keine Ahnung. Vielleicht spielt sie Karten im Zelt von Erica Yarber. Oder ist unterwegs mit Lara. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.«

Sarat packte ihre Schwester beim Arm, und gemeinsam stürmten sie nach draußen. Das Gewehrfeuer kam immer näher. Jetzt kamen auch andere Flüchtlinge vor ihre Zelte und fragten, was das für ein Lärm sei, doch diesmal sagte Sarat nichts.

Sie führte ihre Schwester zum Seiteneingang des Verwaltungsgebäudes und öffnete die Tür mit dem Schlüssel, den sie von Albert Gaines hatte. Hinter sich schloss sie wieder zu, und dann stürmten sie die Treppe hinunter zum Büro und schalteten im Laufen die Flurlichter aus.

Im Büro angekommen, schoben Sarat und Dana eins der großen Bücherregale vor die Tür und dann den Tisch vor das Bücherregal. Sarat schaltete das Licht aus. Sie führte ihre Schwester an die Tür zum Schrank, dann wollte sie gehen.

»Nein, nein, du kannst hier nicht raus«, rief Dana, hielt ihre Schwester am Arm fest.

»Ich muss Mama suchen«, antwortete Sarat. »Ich rücke den Tisch und das Regal nur so weit ab, dass ich durchkann, und dann schiebst du beides wieder zurück.«

»Bitte«, flehte Dana, »bitte. Die sehen dich, bevor du Mama siehst. Sie bringen dich da draußen um. Ich kann doch nicht meine ganze Familie verlieren, ich kann doch nicht jeden Menschen, den ich liebhabe, verlieren. Bitte, geh nicht nach draußen.«

Sarat sah ihre Schwester an, verblüfft nicht von den schwarz schimmernden Tränen auf ihrem Gesicht oder der Panik in ihrer Stimme, sondern von der düsteren Rechnung, die sie bereits angestellt hatte. Sarat schob ihre Schwester zum Schrank und kauerte sich mit ihr auf den Boden.

Das Gewehrfeuer kam näher, hallte so laut, dass es die Schreie erstickte. Manchmal hörte man rasche Schusswechsel. Manchmal waren es nur einzelne Schüsse oder eine Folge von einzelnen Schüssen, dann eine kurze Stille.

Die Schüsse dauerten bis tief in die Nacht. Dann, in den frühen Morgenstunden, trat eine kurze Pause ein. Und in dieser Pause, erschöpft und halb wahnsinnig vor Angst, schlief Dana ein.

Sarat blieb an der Seite ihrer Schwester. In diesem Dunkel waren die Zwillinge nichts als das verhaltene Seufzen ihres Atems, das Auf und Ab ihrer Brust. Draußen war der Lärm der Schüsse verstummt, aber es gab weiterhin andere Laute zu hören.

Sarat horchte: Stiefel auf dem Erdboden; ein Milizionär, der etwas Unverständliches fragte, und die Antwort seines Vorgesetzten: Du weißt genau, was du zu tun hast; Flehen, Fluchen; ein Schlurfen, Füße im Gleichschritt, sie näherten sich, näherten sich, der Befehl sich hinzuknien; weiteres Flehen, ein Mann sagte: Ich gehöre nicht zu denen, ich schwöre es, ich schwöre es. Seine Worte drangen deutlich durch die Wand, hinter der Sarat sich versteckt hielt, als würde er auf der anderen Seite dagegengedrückt. Dann Stille. Dann eine Reihe Gewehrschüsse, einer nach dem anderen. Dann Stille.

Die Schüsse waren lauter als alle, die sie zuvor gehört hatte, und einen Augenblick lang glaubte Sarat, die Männer seien in das Gebäude eingedrungen.

Wenn es so weit ist, dann ist es so weit, dachte sie, aber ich werde nicht als Feigling sterben.

Ganz vorsichtig löste sie sich von ihrer schlafenden Schwester. Sie holte ihr Klappmesser aus der Tasche und stand auf. Sie zog die Bürotür gerade so weit auf, dass sie hindurchpasste, dann schloss sie sie von außen.

Auf dem Korridor vom Büro zur Treppe war es stockfinster, und der Weg kam ihr endlos vor. Als sie sich der Tür näherte, versuchte sie sich vorzustellen, wie die Mörder aussehen würden. Sie stellte sich Nordstaatler wie die vor, die sie im Fernsehen gesehen hatte, wo sie immer groß und kräftig waren, ihre Gesichter bleich wie Gespenster. Für ihre Begriffe war das eine andere Art, eine andere Rasse.

Sie stieg die Treppe zum Nebeneingang hinauf, drückte das Ohr an die Tür und horchte. Kein Laut war zu hören. Sie öffnete die Tür und spähte hinaus.

Einen Moment lang glaubte sie, sie habe sich mit der Tageszeit vertan. Sie hatte gedacht, es müsse zwei oder drei Uhr morgens sein und das Gemetzel tobe nun seit fast vierundzwanzig Stunden. Aber der Himmel über ihr war hell wie der Tag.

Dann schwand dieses Licht, fast unvermittelt, und es war wieder schwarze Nacht. Es blieb dunkel, bis sie von irgendwo weit entfernt im Norden das Pfeifen einer weiteren Leuchtrakete hörte, und gleich darauf erhellte das trügerische Tageslicht das Lager aufs Neue.

Sarat tastete sich vorsichtig voran, hielt sich immer an der Wand. Sie hörte fluchende Männerstimmen aus der Ferne, von Südosten und Südwesten aus Georgia und South Carolina. Auch die Laute des Chaos waren zu hören: das Reißen von Zeltstoff, Frauenstimmen, die mitten im Schrei erstickt wurden. Gewehrschüsse, doch nicht in so schneller Folge oder so lang anhaltend wie am Tag zuvor.

Tief im Inneren des Alabama-Sektors brannte ein großes Feuer. Die Flammen schlugen zwischen den schwarzen Rauchschwaden hoch. Dort in der Ferne waren Männer zugange, sie verbrannten Leichen. Sie warfen Zeltbahnen, Kleider, Matratzen als Brennmaterial ins Feuer. Das Feuer hüpfte und knisterte, die Flammen schlugen höher und höher in den Himmel.

Als sie um die Ecke kam, sah Sarat eine Reihe gefesselter Leichen entlang der Wand. Es waren allesamt Männer, junge und alte. Sie hatten an der Mauer niederknien müssen, und wo die Kugeln sie getroffen hatten, waren braunrote Blutspritzer daran.

Sarat stand reglos da, erstarrt. Sie betrachtete die Toten. Die meisten lagen ausgestreckt vornübergefallen oder auf der Seite, so dass sie ihre Gesichter nicht sehen konnte, aber die, die sie sah, waren grotesk, entstellt, mit aufgeplatzter Stirn, verzerrt in stummer Qual.

Um die Leichen hatten sich auf dem staubigen Boden Blutlachen gebildet. Es ging eine Hitze von ihnen aus. Sarat spürte sie auf der Haut, so feucht und so real wie den Dampf aus einem Kochtopf. Sie wusste, was das war. Es war die Hitze des ausgelöschten Lebens. Die Hitze von etwas, das aus den Körpern entwich.

Unter den verrenkt daliegenden Toten sah sie ein Gesicht, das sie kannte. Es war Eli, der Virginia-Cavalier, mit dem sie gesprochen hatte, als sie nach ihrem Bruder gesucht hatte. Bald stellte sich auch die Erinnerung an die Gesichter um ihn her wieder ein: Es waren Rebellen aus dem Clan ihres Bruders.

Mit einem Schlag verließ sie sämtlicher Mut. Sie stand da, gelähmt vor Schrecken, außerstande, den Blick von dieser Ansammlung von Leichen zu ihren Füßen abzuwenden, in der, dessen war sie sich nun sicher, auch ihr toter Bruder lag. Das Knistern des Feuers, die Schreie, das Morden gingen gnadenlos rings um sie weiter, der Himmel über ihr pochte, immer abwechselnd hell und dunkel, als schlüge dort oben Gottes mächtiges Herz.

Männer näherten sich hinter der anderen Hausecke, und das Geräusch riss sie aus ihrer Lähmung. Der dumpfe Tritt ihrer Stiefel und ihre Stimmen verrieten ihr, dass es Milizsoldaten waren. Sie hörte einen sagen: »Alles erlaubt bis Sonnenaufgang, hat es geheißen. Bis dahin können wir machen, was wir wollen.«

Sie wusste, dass diese Männer sie sehen würden, wenn sie um die Ecke kamen. Ohne zu überlegen, warf sie sich zu Boden. Sie robbte zwischen all die toten Männer, tarnte sich mit ihnen. Die Hitze, die sie auf ihrem Körper gespürt hatte, umgab sie nun, drang in die Poren ihrer Haut. Sie lag da zwischen Blut und Schweiß, Kacke und Pisse der Ermordeten. Sie dachte nicht an die Flüssigkeiten, die in ihre Kleider sickerten, an den Geruch oder an überhaupt etwas; nur ihr kleines, verzweifeltes Gebet war da: Bitte, Gott, mach, dass sie mich nicht sehen. Mach, dass sie mich nicht umbringen.

Sie hielt die Luft an. Die Stiefelschritte kamen näher.

Sie wartete, reglos wie die Toten um sie her. Die Männer gingen vorüber.

In der Stille danach hörte sie einen anderen Laut, ganz in der Nähe in einem der Zelte gegenüber. Es war ein kehliges Ächzen, Schläge von Knochen auf Knochen. Als das vorüber war, wieder ein Schrei, der mittendrin abbrach.

Zwischen den Gliedmaßen der Toten hindurch sah Sarat einen Mann aus dem Zelt auf der anderen Straßenseite kommen. Er trug schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd, das heraushing. Die Sturmmütze schaute ihm schlaff aus der Hosentasche.

Sie sah sein Gesicht. Er sah nicht anders aus als die Männer im Lager. Nicht anders als jeder andere Mensch, den Sarat je gesehen hatte. Er war von derselben Art, derselben Rasse.

Sie blieb stocksteif liegen, verfolgte mit den Augen den Weg des Mannes in Richtung Georgia, wo nun ein weiterer Scheiterhaufen brannte. Als er fort war und sie auch sonst nirgends mehr Stiefelschritte hörte, stand Sarat auf und lief zu dem Zelt, aus dem der Mann gekommen war.

Drinnen sah sie eine Frau namens Sabrina, eine Flüchtlingsfrau aus Mississippi, die die Brandbomben von Hopewell überlebt hatte. Sie erkannte sie, obwohl ihr Gesicht nur noch eine blutige, aufgedunsene Masse war. Der Unterkiefer der Frau stand schräg nach rechts, die Haut um ihre Augen war dick und dunkelrot. Sie lag auf dem Boden ihres Zelts, der Rock hochgeschoben, der Bauch aufgeschlitzt. Ihre Brust hob sich noch.

Als die Frau Sarat sah, winkte sie sie näher. Sarat nahm die Hand der Frau und setzte sich neben sie. Der Zeltboden unter ihr war nass. Die Frau stöhnte, sagte etwas, doch Sarat verstand sie nicht. Sie stellte sich vor, dass sie um Trost flehte, und da Sarat nicht wusste, was sie sonst tun sollte, nahm sie eine Wolldecke und legte sie der Frau über die klaffende Wunde im Bauch. Die Frau murmelte dasselbe Wort noch ein paarmal, dann war sie still.

Sarat blieb in dem Zelt. Sie hielt die Hand der Frau, aber die Hand war nun nur noch Gewicht. Sie horchte, hörte, wie die Männer Richtung Norden abzogen, zu dem Tor, durch das sie gekommen waren. Sie kamen an dem Zelt vorüber, eine endlose Prozession, Tausende. Was sie sich vorstellte, waren keine Männer, nicht einmal Menschen, sondern eine schwarze, nur einen einzigen Tag währende Jahreszeit: der Inbegriff des Winters.

Als die Schritte vorüber waren und nur noch aus der Ferne das Prasseln des Feuers zu hören war, spähte Sarat zur Tür des Zeltes hinaus. Sie blickte hinüber zu der Mauer, wo all die Toten lagen.

Dann kam ein Nachzügler, ein junger Milizionär, das Gewehr nachlässig über der Schulter. Als er bei den Toten anlangte, blieb er stehen, drehte sich zur Wand, knöpfte seine Hose auf und urinierte.

Sarat beobachtete ihn. Sie holte ihr Messer aus der Tasche und klappte es auf. Sie ging nach draußen, hin zu dem Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand. Sie hatte keine Angst mehr. Sie bewegte sich wie ein Schatten, ein kalter Feuersturm in der Haut eines Mädchens. Sie stürzte sich auf den Mann, und als sie ihn gepackt hatte, stach sie ihm das Messer in die Kehle.

Der Mann bekam sie am Arm zu fassen. Sie drückte ihn gegen die Wand. Sie stürzten beide, sie landete auf ihm, er lag auf den Leichen. Ein Schwall Blut schoss aus seinem Hals, da wo sie die Schlagader getroffen hatte. Sie zwängte ihn zu Boden und stach immer weiter zu, in den vom Blut glitschigen Hals. Bald wehrte der Mann sich nicht mehr, aber sie machte immer weiter mit dem Messer, vor und zurück, vor und zurück, bis sie auf etwas tief drinnen stieß, das sie nicht durchtrennen konnte. Sie brüllte. Sie stach auf den Nacken ein, und als das Messer den Schädelknochen traf, stockte es. Sarats Hand rutschte von dem blutbeschmierten Griff ab, sie geriet an die Klinge und schnitt sich tief in die Handfläche. Der Schmerz betäubte sie. Die Hitze des Lebens wich aus dem Mann, doch diesmal spürte Sarat es nicht.


***

Die Männer der Freien Südstaaten trafen im ersten Morgenlicht ein, ein Konvoi aus Atlanta. Rumpelnd rollten die Transporter durch die Tore. Ihnen folgten Lastwagen und Busse mit dem Zeichen des Roten Halbmonds, und wiederum dahinter ein paar Journalisten.

Die Soldaten sprangen von ihren Lastwagen. Es waren Jungs und junge Männer, von denen viele noch nie einen Kampf gesehen hatten. Wie vor den Kopf geschlagen standen sie zwischen Leichen und Scheiterhaufen, die Gewehre gegen Phantome im Anschlag. Schweigend machten sich die ausländischen Beobachter und die Journalisten daran, die Toten zu zählen und die Ereignisse zu dokumentieren.

Die Sonne ging auf über Camp Patience. Die Überlebenden, manche verstümmelt, andere benommen vom Schock, krochen aus ihren Verstecken, aus den Ecken, in die man sie geworfen hatte. Die Belegschaft, die sich im Verwaltungsgebäude versteckt hatte, kam heraus; sie hielten eine Flagge des Roten Halbmonds in die Höhe, beteuerten mit lauten Rufen ihre Neutralität.

Sarat irrte zwischen den Gebäuden umher, und als die Roten sie sahen, hoben sie ihre Gewehre, forderten sie auf stehenzubleiben. Ein Soldat befahl ihr, sich hinzuknien. Sarat blieb stehen, blutbeschmiert.

Eine Lagerangestellte sah sie, rief den Soldaten zu, sie sollten die Waffen senken.

»Das ist ein Flüchtlingsmädchen, das ist eine von den Flüchtlingen«, rief die Frau und lief zu ihr hin.

»Sarat, Liebling, leg das Messer weg«, sagte die Frau. »Es ist vorbei. Das brauchst du nicht mehr.«

Sarat, die die Jungs mit den Gewehren angestarrt hatte, sah nun die Frau an. Sie schob die Frau beiseite und ging zum Verwaltungsgebäude. Sie ging die Treppe hinunter zu dem Büro, in dem ihre Schwester sich versteckt hielt. Sie klopfte erst dreimal an die Tür, dann zweimal, dann noch einmal – ein Geheimzeichen, das sie schon seit Jahren verband. Ganz langsam kam ein scharrendes Geräusch von der anderen Seite der Tür.

»Ich bin’s«, sagte Sarat. »Sie sind weg.«

Vorsichtig öffnete Dana die Tür. Sie sah ihre Schwester an.

»Lieber Himmel«, sagte sie. »Was haben Sie dir angetan?«

»Komm, wir gehen«, antwortete Sarat.

Sie führte ihre Schwester nach draußen. Die Soldaten der Südstaatenarmee waren im Zentrum des Lagers zugange, löschten Feuer, durchsuchten die Zelte.

Die Soldaten bedeckten die Toten oder was von ihnen noch übrig war mit weißen Tüchern, dann legten sie sie auf Bahren, und die Bahren trugen sie zu den Ladeflächen der Lastwagen. Männer mit Schutzmasken vor Mund und Nase hatten Schreibbretter in der Hand und führten Buch. Die Journalisten machten Fotos von den Toten und befragten die Überlebenden, und die Befragten starrten mit versteinertem Blick geradewegs durch sie hindurch. Die wenigen unverletzten Überlebenden schob man eilig in wartende Busse.

Dana schrie, als sie das Blutbad sah. Sarat schloss sie in die Arme, drückte ihren Kopf an ihre Brust.

»Sie haben sie umgebracht, nicht wahr?«, schrie Dana. »Mama und Simon. Sie haben sie umgebracht.«

Sarat führte ihre Schwester zu einem der Busse, in dem schon eine Handvoll Überlebender schweigend saß.

»Geh mit ihnen«, sagte Sarat. »Wenn Mama und Simon noch am Leben sind, finde ich sie. Wenn sie tot sind, finde ich sie.«

Eine der Lagerhelferinnen, eine, die überlebt hatte, kam zu den Zwillingen. »Du kannst nicht hierbleiben, Sarat«, sagte sie.

»Ich werde meine Leute begraben«, entgegnete Sarat.

»Darum kümmern sich die Soldaten. Sie werden es mit Respekt machen. Aber du musst hier weg, Sarat. Du bist hier nicht sicher; womöglich kommen sie zurück.«

»Ich bleibe. Wenn Ihnen das nicht passt, dann lassen Sie mich von denen da erschießen.«

Sarat wandte sich ihrer Schwester zu. »Wir sind bald wieder zusammen. Versprochen.«

Dana holte ein Taschentuch hervor und verband damit die Wunde an Sarats linker Hand. Sie umarmte ihre Schwester.

»Meine Schöne«, sagte sie.

Dana stieg in den Bus. Sarat ging ins Mississippi-Viertel, zu den kokelnden Überresten eines Feuers, vorbei an der Reihe der Zelte; bei vielen waren die Zeltbahnen mit Messern aufgeschlitzt, die Türen aufgebrochen. Der Brandgeruch schnürte ihr die Kehle zu.

Sie langte bei ihrem eigenen Zelt an. Die Tür war eingetreten, die Habseligkeiten der Chestnuts lagen überall auf Betten und Boden verstreut. Aber es war niemand dort.

Sarat ging den unbefestigten Weg zu einem Zelt ein Stück weiter hinten, dahin wo ihre Mutter vielleicht am Vorabend mit ihren Freundinnen beisammengesessen hatte. Auch hier war die Tür aufgebrochen.

Sarat blieb an der Tür stehen. Sie versuchte, sich bereitzumachen für das, was sie drinnen finden mochte, wollte sich schon jetzt den Leichnam ihrer Mutter vorstellen, wie er daliegen würde, alles Leben daraus entwichen. Aber sie brachte es nicht fertig, das Bild heraufzubeschwören. Stattdessen schreckte ihr Verstand davor zurück, bot ihr nur eine armselige Ausflucht an, die eines Kindes: Meine Mutter kann nicht tot sein, sie ist doch meine Mutter. Alle anderen können sterben, aber nicht meine Mutter.

Sarat ging hinein. Sie fand Blut auf dem Boden und Blut an den Wänden, aber sie fand keine Leichen.

Draußen, von der zerschlagenen Zelttür an, fand sie Spuren im Erdreich. Breite Furchen, fast schon kleine Kanäle. Sie folgte den Spuren nicht; sie wusste auch so, wohin sie führten. Nicht weit entfernt schwelten die letzten rußschwarzen Reste eines großen, schon erkaltenden Feuers.


***

Die Soldaten sprachen bei ihrer Arbeit kaum ein Wort. Sie schloss sich ihnen an, spürte nichts mehr von der Welt um sie her. Sie half, die Toten mit Tüchern zu bedecken und zu den wartenden Lastwagen zu tragen. Die Leichen wurden auf die Ladefläche gestapelt, und wenn ein Lastwagen voll war, fuhr er davon in Richtung Süden, und ein neuer kam an seiner Stelle. Als die Nacht kam, waren die Ermordeten fortgeschafft, die Feuer gelöscht, die Überlebenden in Krankenhäuser weit fort gebracht.

Die meisten Soldaten wurden nach Atlanta zurückbeordert, aber ein paar blieben in Patience und hielten Wache. Die, die bleiben mussten, verfluchten ihr Pech, weil sie nun die Nacht in dem Lager verbringen mussten. Die Toten waren fort, aber ihr Geruch blieb zurück. Ein Echo von ihnen blieb zurück.

Sarat ging zum Nordende des Lagers. Auch in Alabama waren Soldaten postiert, an dem nun niedergerissenen Zaun, doch der eine war auf seinem Stuhl eingeschlafen, der andere sah sich auf dem Tablet einen Film an, und beide bemerkten sie nicht. Die Soldaten waren sich anscheinend sicher, dass die Mörder nicht zurückkehren würden. In der Ferne hinter ihnen waren die Flutlichter der Blauen, die am Abend zuvor alles so hell erleuchtet hatten, jetzt dunkel.

Sarat kam zu dem Zelt, in dem sie und Marcus ihre Tiere gehalten hatten. Die Maus hatte sich wohl in Sicherheit gebracht, aber Cherylene, die Schildkröte, saß immer noch in ihrem Verschlag.

Sie hob das Tier auf, doch diesmal zog es sich nicht in seinen Panzer zurück. Sie kehrte mit ihm zum Mittelpunkt des Lagers zurück und setzte es auf einen Platz im letzten noch wartenden Bus. Nur ein paar wenige Leute waren nun überhaupt noch im Lager: Männer und Frauen mit Handschuhen und Schutzmasken, die immer noch damit beschäftigt waren, das Morden zu dokumentieren. Sie machten Aufnahmen von Mauern, in die die Kugeln eingeschlagen waren, von getrockneten Flecken auf der Erde.

Sarat ging noch einmal zum Büro von Albert Gaines. Sie schloss die Tür hinter sich. Das ganze Lager roch nach dem Qualm der Scheiterhaufen, doch in diesem Raum roch es anders: nach edlem Holz und alter Tinte auf altem Papier, nach Lederschuhen und frisch gebügelten Anzügen.

Sie riss die Landkarten von den Wänden. Sie warf den Tisch um. Sie kippte die Bücherregale und zerrte die vornehmen Vorkriegsanzüge von ihren Bügeln, und sie zerschlug die Porzellanteller auf dem Boden. Sie riss die wertvollen alten Bücher entzwei, sie rupfte die Seiten in Fetzen, brach ihnen den Rücken. Dann setzte sie sich auf den Boden und weinte.

Nach einer Weile ging die Tür auf, und Albert Gaines trat ein. Er stieg über die verwüsteten Regale, kam um den umgekippten Tisch und setzte sich neben Sarat auf den Boden. Er sah aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt, sein Vorkriegsanzug makellos, nicht die kleinste Spur von Schmutz oder Blut.

»Ich bin gekommen, sofort als ich es erfuhr«, sagte er. »Sind deine Angehörigen am Leben?«

»Meine Mutter ist tot, aber ich kann ihre Leiche nicht finden«, sagte Sarat. »Mein Bruder ist tot, aber ich kann seine Leiche nicht finden.«

»Sie nennen sich das Einundzwanzigste Indiana-Regiment«, erklärte Gaines. »Eine Miliz, keine regulären Truppen, aber es kann kein Zweifel bestehen, dass die Verantwortlichen bei den Blauen wussten, was sie …«

»Erzählen Sie mir nichts von denen«, sagte Sarat. »Ich will nichts von denen hören. Ich will nichts über sie lesen, ich will nicht die Namen ihrer Hauptstädte auswendig lernen oder hören, was sie uns alles angetan haben.«

»Was willst du denn stattdessen tun?«, fragte Gaines.

»Ich will sie töten.«

Sarat vergrub den Kopf in ihren Händen. Sie sah den leisen Anflug eines Lächelns nicht, der in diesem Augenblick über die Lippen ihres Lehrers huschte.



Auszug aus:


Akten des Kriegsministeriums –


Abschliessende Entscheidungen über Entschädigungsansprüche

Aktenzeichen: 091682

Name des/der Geschädigten:

Chestnut, Martina

(Verstorben/Antragstellung durch Angehörige ersten Grades)


Zusammenfassung:


A) Übereinkunft

Die Regelung zur abschließenden Entschädigung im Fall von MARTINA CHESTNUT sowie 3 Angehörigen (1 vollj. männl.; 2 minderj. weibl.) (im Folgenden »Leistungsempfänger«), getroffen durch die Abteilung für Hinterbliebenenunterstützung im Amt für Entschädigungen (im Folgenden »Zahlungsleistender«), unterliegt dem Gesetz über Entschädigungsansprüche. Beide Parteien erklären ihr Einverständnis mit der Regelung und stimmen zu, dass damit alle Ansprüche, die sich aus den in Absatz B genannten Vorfällen ergeben, abschließend und unwiderruflich abgegolten sind. Die Entscheidung über Entschädigungszahlungen obliegt ausschließlich dem Zahlungsleistenden und ist nicht verhandelbar.


B) Nähere Umstände

Leistungsempfänger war betroffen durch Zwischenfall in einer vom Roten Halbmond verwalteten Flüchtlingseinrichtung in Mississippi (»Camp Patience«). Zwischenfall von ermittelnder Behörde klassifiziert als Kategorie 2 – Schwer. Fremdverschulden/Verursacher unbekannt.


C) Art der Schädigung

Chestnut, Martina (vollj., weibl.): Verstorben

Chestnut, Simon (vollj., männl.): Vertreibung; Verletzung 1. Grades (Kopf)

Chestnut, Dana (minderj., weibl.): Vertreibung

Chestnut, Sara (minderj., weibl.): Vertreibung; Verletzung 4. Grades (Linke Hand)


D) Zahlungsregelung

Leistungsempfänger wird hiermit kostenfreie Wohnung (Benefizhaus 027, Lincolnton, Georgia) als Entschädigung für Vertreibung (3 oder mehr Personen) bewilligt. Leistungsempfänger erhält darüber hinaus $ 5000 für Todesfall. Leistungsempfänger erhält zusätzlich $ 2500 für Verletzung 1. Grades. Leistungsempfänger erhält des Weiteren $ 100 für Verletzung 4. Grades.


E) Verzicht auf weitergehende Ansprüche

Diese Regelung beinhaltet keinerlei Schuldanerkenntnis durch Institutionen oder Angehörige der Bundesregierung (siehe Anhang A »Leitlinien zum Umgang mit Geschädigten: Bedingungen und Ausführungsbestimmungen«). Leistungsempfänger verzichtet auf alle weitergehenden Regressansprüche in dieser Angelegenheit.



III. Oktober 2086


Lincolnton, Georgia




9. Kapitel

Er war gezeichnet, da, wo der Teufel aus ihm herausgefahren war. Sie kamen von weit her, um das Mal zu berühren, um seine gespaltene Stirn zu küssen und zu liebkosen, den zerbrochenen Jungen zu sehen, der durch ein solches Wunder überlebt hatte. Manchmal saßen sie schweigend da, und die einzigen Laute kamen aus der Küche, wo die Betreuerin Karina Chowdhury bei der Arbeit uralte Gospelsongs summte. Manchmal beteten die Männer und Frauen, die ihn besuchen kamen, manchmal sangen sie. Und manchmal, halb außer sich vor Kummer, weinten sie und nannten den Jungen beim Namen ihrer eigenen Kinder. Der Junge ließ sie gewähren. Er saß wortlos da, wenn sie ihre bebenden Hände auf ihn legten, unbekümmert wie eine Wolke.

Das Haus stand am Ufer des Flusses, nicht weit von der Stelle, an der früher die Joy Road in die Chamberlain Ferry Road gemündet war. Es gab noch andere solche Häuser, im Nordwesten bis hinauf nach Elijah Clark und im Südosten bis fast nach Augusta. Es waren einfache, billig gebaute Holzhäuser mit Kunststoffverkleidung – Massenware: die Fertigteile kamen auf Lastkähnen den Savannah River herab. Nur dreißig waren seit Ausbruch des Krieges gebaut worden, und in den folgenden Jahren war eines vom Blitz getroffen worden, ein anderes hatte ein Kriegsvogel zerstört, steuerlos und doch immer noch tödlich. In den übrigen Benefizhäusern wohnten Flüchtlinge aus allen Winkeln des Freien Südens, Gewinner einer grausigen Lotterie – die Überlebenden.

Im Frühling, wenn die Unwetter weniger stark waren, war der Savannah braun vom Schlamm. Augusta war der letzte Seehafen am Fluss, doch kleinere Schiffe fuhren oft weiter aufwärts bis nach Hartwell. Ihren Weg ins Landesinnere begleitete der Schatten der Quarantänemauer, die South Carolina von der Außenwelt abschottete. Die Schiffe bewegten sich langsam, ihre Fracht aus Getreide und Sonnenkollektoren und geschmuggelten Waffen bewacht von MAG-Soldaten oder Rebellen oder sonstigen Bewaffneten. Zweihundert Meilen weiter östlich erschienen die gewaltigen Frachtschiffe der fernen Reiche am Horizont, voll beladen mit hochwillkommenen Hilfsgütern.


***

Jeden Morgen kam Karina auf ihrem Tik-Tok über den Feldweg geholpert, der von Lincolnton auf die Landspitze mit dem Haus der Chestnuts führte. Bei ihrer Ankunft schliefen die Hausbewohner noch.

Sie schaltete den Fernseher ab und räumte die Essensteller vom Vorabend zusammen, dann ging sie in die Küche. Alles war an Ort und Stelle, genau so wie sie es am Abend verlassen hatte. Ein dünner Staub aus Hirsemehl lag auf der Anrichte. Jeden Abend streute sie ein wenig Mehl auf die Arbeitsplatte und prägte sich das Muster ein. Und jeden Morgen überprüfte sie, ob sich die Landkarte aus Mehl verändert hatte, ob jemand nachts im Haus herumgespukt war. Sie betrachtete das Mehl: keine Spur von Gespenstern.

Eine Hintertür und drei schiefe Stufen führten aus der Küche auf das sanft abfallende Land zum Fluss hin. Es war kein abgeschlossenes Grundstück, einfach nur ein Stück Land – scheinbar unbegrenzt in alle Richtungen außer auf der Flussseite. Es erstreckte sich von dem kleinen Garten des Hauses über Gestrüpp bis hin zu dem zerfledderten Waldland in der Nähe, durch das der Savannah unablässig neue Wasserschneisen grub.

Es gab meilenweit keine Nachbarn, nichts, was von den erbitterten Kämpfen oben in Tennessee bis hierher schwappte, und keine Besucher aus Lincolnton oder sonst woher. Abgesehen von denen, die kamen, um Simons Wunde zu berühren und zu beten, kam so gut wie niemand hierher. Die einzigen Augen, die über diesem Ort wachten, gehörten der Familie, die dort lebte, den Posten auf den Türmen der Schutzmauer am anderen Ufer, und den Rebellen, die Woche für Woche mit dem Boot kamen und Nahrungsmittel und Vorräte brachten.

Einmal, in einem seltenen Moment der Mitteilsamkeit, hatte Miss Dana Karina erzählt, die Chestnuts hätten ihr ganzes Leben am Ufer von Flüssen und am Fuße von Wällen verbracht. Immer gefangen, immer begrenzt – begrenzt von der Bewegung, gefangen in der Reglosigkeit.

Im Garten nistete sich das Morgenlicht tief in den grauen Stämmen der Ahornbäume ein. Die Bäume waren verkümmert und kränklich und schauderten in der leichten Brise. Von Zeit zu Zeit ließen die Äste ein blutrotes Blatt zu Boden fallen, und Karina hob es eilig auf, damit es nicht verlorenging. Heimlich legte sie ihre Beute zum Trocknen zwischen die Seiten einer alten Bibel, die sie unter Simons Bett versteckte. Wenn die Blätter trocken und brüchig waren, bröselte sie sie in den Kamillentee des Jungen. Sie glaubte an die Heilkraft der roten Blätter, und sie glaubte daran, dass Simon auf dem Weg der Heilung war.

Das war ihre Aufgabe – sie kümmerte sich um den Haushalt der Chestnuts, und sie kümmerte sich um Simon Chestnut, den gebrochenen Jungen, dem das Wunder widerfahren war. Offiziell war sie Angestellte der Freien Südstaaten, auch wenn sie sich nie darauf verlassen konnte, dass Atlanta ihr Gehalt pünktlich zahlte oder in der versprochenen Höhe. Aber sie tat trotzdem ihre Arbeit. Sie war ausgebildete Krankenschwester, und in den frühen und mittleren Jahren des Krieges pflegte sie die Überlebenden des Südens.


***

An diesem Morgen war der Fluss blau, gesprenkelt mit weißen Tupfen von den Wolken, die sich im Wasser spiegelten. Die Luft war feucht und roch nach Erde und Abgasen und diesem anderen Geruch, der über die Mauer drang. Ein Baggerschiff stampfte langsam flussaufwärts und zog eine schwarze Spur hinter sich her. In den Monaten nach den großen Stürmen fuhren diese Schiffe den Fluss auf und ab, gaben seinem Lauf immer wieder neue Gestalt.

Karina zog ihre Sandalen aus und ging hinunter zum Ufer. Hier war die Erde karamellfarben und kühl unter den Fußsohlen. Sie beobachtete die Strömung, den gewaltigen, schwerfälligen Wasserarm. Auf der anderen Seite des Flusses hatte ein klappriges Sea-Tok zu Füßen der Quarantänemauer angelegt. Ein junger Mann sprühte mit roter Farbe die Buchstaben »KAB« – Kill All the Blue – auf die Mauer.

In den Docks von Augusta war die Quarantänemauer ein einziges großes Wandbild, aber weiter im Landesinneren war der stumpfgraue Beton noch weitgehend unberührt. Die Wachposten blickten von ihren Türmen zu dem jungen Vandalen hinunter, unternahmen aber nichts. Wahrscheinlich hätten sie ihn nicht einmal gehindert, wenn er versucht hätte, einen Haken hinaufzuschleudern, um die dreißig Fuß hohe Sperre zu überwinden und ins Seuchengebiet zu kommen. Nur für die, die aus South Carolina herauswollten, interessierten sie sich, und wenn in der Nacht ein Schuss knallte, dann immer nur auf der einen Seite und immer nur aus dem einen Grund. In Lincolnton hieß es, in den struppigen Wäldern entlang des Flusses wimmle es von Gespenstern, den Geistern der Bewohner von Carolina, die einen Fluchtversuch gewagt hatten, aber in Wahrheit war dies einer der sichersten Teile des gesamten roten Landes.

Karina trat einen Schritt zurück. Sie ging hinüber zum Gemüsegarten. Eine Woche nachdem sie Miss Sarat gesagt hatte, sie hätte gern ein Gemüsebeet, war ein Rebellenboot mit Säcken voller schwerer, schwarzer Erde gekommen. Es war fruchtbare Erde aus dem Osten, und darin versuchte Karina nun, Rote Bete und Radieschen und Rhabarber und Kopfsalat und Bohnen zu ziehen. Aber selbst wenn sie sie regelmäßig goss und Hitze und Überschwemmungen ihnen nicht den Garaus machten, wollten ihre Wurzeln einfach nicht Fuß fassen in der fremdländischen Erde.

An diesem Morgen entdeckte sie allerdings einen Schössling: ein einzelner Spross war durch die Erde gebrochen. Das Grün war gespenstisch bleich, und sie wusste, dass er nicht überleben würde. Aber vielleicht würde er irgendwo in der Tiefe, da wo die Wurzeln wuchsen, so etwas wie ein genetisches Vermächtnis hinterlassen, wie eine Markierung auf einer Landkarte, und vielleicht würde das nächste Korn, das sie an dieser Stelle in die Erde legte, ein bisschen besser wachsen.


***

Sie wandte sich wieder vom Garten ab und sah Cherylene, die gemächlich dahertappte. Zu Anfang, als sie noch neu bei den Chestnuts war, hatte sich Karina gewundert, dass zu den wöchentlichen Proviantlieferungen auch Schachteln mit Schnecken und Heuschrecken gehörten. Dann eines Tages hatte sie die Schildkröte im Garten bemerkt.

Karina kehrte zum Fluss zurück. In Ufernähe stand ein mobiles Entsalzungsgerät. Es war groß und schwer wie ein Kühlschrank; die Rebellen mussten einen alten Dieselschlepper nehmen, um es flussaufwärts zu transportieren. Es stand auf einem Sockel aus Kanthölzern, den Rüssel in das brackige Flusswasser getaucht.

Karina faltete die Solarflügel auseinander und richtete sie so aus, dass die Morgensonne direkt darauf schien. Behäbig sogen sie das Licht in sich auf. Die Maschine erwachte aus dem Schlaf, und schon bald fing die Saugvorrichtung an zu arbeiten. Die Maschine begann, das Flusswasser zu klären, das bis weit ins Landesinnere mit Salz verunreinigt war, da wo der Ozean das untergegangene Land eroberte.

Mit Solarstrom lieferte das Gerät zwei Gallonen Trinkwasser pro Stunde, die langsam in blaue Behälter tropften. Mit dem alten fossilen Treibstoff ging es doppelt so schnell. Karina wusste, dass Miss Sarat angeordnet hatte, im Haus alles mit dem alten, verbotenen Treibstoff zu machen, aber die Kollektoren taten gute Dienste, und immer wenn die junge Frau wochenlang in den Wäldern an der Grenze zu Tennessee verschwand, begnügte sich Karina mit den Gaben der Sonne. Miss Dana nahm nur dann eine ebenso entschlossene Haltung zu dem Thema ein, wenn ihre Schwester zu Hause war, aber in Abwesenheit von Miss Sarat schien es sie nicht zu interessieren. Wenn Miss Sarat zurückkam, würde das Haus also wieder vom Lärm und Gestank des alten Dieselgenerators erfüllt sein. Es war zwecklos, sich deswegen mit ihr anzulegen; Miss Sarat hielt nicht viel von Kompromissen.

Ein Rebellenboot näherte sich. Karina erkannte den jungen Mann, es war Henry aus Alabama, ein ehemaliger Cavalier. In den letzten sechs Monaten hatten die Vereinten Rebellen in Atlanta es geschafft, die meisten Gruppierungen der Aufständischen unter einer gemeinsamen Flagge zusammenzubringen, aber einige von den Männern hielten trotzdem eisern an ihren alten Bindungen fest und hatten zum Zeichen des Protests den Staat, aus dem sie stammten, zum Teil ihres Namens gemacht.

Henry steuerte das Boot nahe an das schlammige Ufer, an dem Karina stand, und warf den Anker aus.

»Morgen, Schätzchen«, sagte er.

»Morgen, Henry«, erwiderte Karina. »Du bist mal wieder spät dran.«

»He, was ist los? Schlecht geschlafen oder was? Es ist nicht mal ’ne Stunde.«

Karina schürzte ihren Rock bis zu den Knien und watete in den Fluss. Sie gab acht, dass sie Henry nicht zu nahe kam, und griff sich eine große Tüte mit Vorräten. Der Rebell folgte ihr mit drei weiteren.

»Stell sie hier ab«, sagte Karina und wies auf eine Stelle bei ihrem Gemüsebeet.

»Ich kann sie auch für dich reintragen, ist keine Mühe.«

»Lass sie einfach hier.«

Henry stellte die Tüten ab. Er kehrte zum Boot zurück und holte zwei verschlossene Metallkisten. Er stellte sie vorsichtig neben die Tüten. Dann wuchtete er zusammen mit Karina ein Fass Dieselöl aus dem Boot, und sie trugen es zu dem Schutzkeller an der Seite des Hauses. Karina löste das Vorhängeschloss, und die beiden stiegen die Treppe hinunter.

Hier unten hielten die Chestnuts den ächzenden Generator versteckt. In dem muffigen, dunklen Raum hing ein erdrückender, galligsüßer Geruch, der Geruch des Treibstoffs früherer Zeiten. Wenn er ihr in die Nase stieg, kam Karina immer sofort ihre Kindheit auf der anderen Seite der Welt in den Sinn: Jeeps des Militärs, betankt aus Benzinkanistern, lodernde, unkontrolliert brennende Ölfelder, Wunden, im Licht von Autoscheinwerfern versorgt. Für sie roch der Treibstoff der alten Welt unweigerlich nach Krieg.

Sie kehrten ans Ufer zurück. Henry blieb noch einen Moment stehen und sah Karina an. Er lächelte.

»Na, was ist?«, fragte er. »Kommst du diesmal mit?«

»Fahr nach Hause, Henry.«

»Komm schon, nur für ein, zwei Tage, nur das eine Mal«, bettelte er. »Ich zeig dir Augusta. In den Bars an der Uferpromenade kennt mich jeder. Es wird dir gefallen, das verspreche ich dir.«

»Warten wir erst mal ab, wie es mit dem Krieg weitergeht«, sagte Karina. »Ich hab keine Lust, mich mit einem von den Verlierern einzulassen.«

»Mann, die Jungs hatten recht«, antwortete Henry. »Du bist wirklich zu alt für ein bisschen Spaß.«

Karina lächelte. »Danke für die Lebensmittel, Henry. Ich werde Miss Sarat sagen, dass du da warst.«

Das spitzbübische Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Er trollte sich zurück zu seinem Boot und watete damit weit hinaus in den Fluss; kurz darauf war er verschwunden.

Karina schleppte die Stahlkisten an den Rand des Grundstücks zu einem hölzernen Werkzeugschuppen, dessen Türen an verrosteten Scharnieren hingen. Durch die Türgriffe war zum Verschließen eine Brechstange gesteckt.

Der Schuppen war schon lange da, länger als das Haus, länger als die Bäume sogar – er stammte aus einer Zeit, lange bevor das Meer die Küstenstädte verschlang und der Fluss gnadenlos seine alten Ufer überspülte. Die Bretter, aus denen die Wände des Schuppens gezimmert waren, waren aus bleichem, knorrigem Holz und hatten rotbraune Flecken, als habe sogar das Holz selbst Rost angesetzt.

Karina zog die Brechstange heraus; die Türen öffneten sich, schief in den Angeln. Sie trug die Kisten hinein und stellte sie auf eine Werkbank, genau nach Anweisung. Bis auf die Werkbank war der Schuppen leer – die Regale verwaist, die Fenster mit alten Hilfsdecken verhängt. Bald würde Miss Sarat zurückkommen, die Kisten öffnen und ihren Inhalt an einen anderen Ort schaffen, irgendwo weit weg, und dann war der Schuppen wieder leer. Bis dahin hatte Karina strikte Weisung, die Kisten nicht anzurühren und das Brecheisen durch ein Zahlenschloss zu ersetzen. Ansonsten sollte sie sich von dem Schuppen fernhalten und darauf achten, dass Simon auf ihren täglichen Spaziergängen nicht in die Nähe kam.

Sie wusste, was in den Kisten war. Und auf eine diffuse, nie ausgesprochene Weise wusste sie, was Miss Sarat war. Viele wussten das, obwohl niemand je ein Wort darüber verlor. In Lincolnton wurden die Chestnuts verehrt wie Heilige: Überlebende des Massakers, mutige Kämpfer für die Sache des Südens. Politiker in Atlanta schickten ihnen Briefe mit Solidaritätsbekundungen. In Augusta gab es keinen Hafenarbeiter, der ihren Namen nicht kannte, keinen Barbesitzer, der Geld von ihnen annahm.

Karina wusste es. Aber anders als alle anderen bewunderte sie Miss Sarat nicht und blickte nicht ehrfürchtig zu ihr auf. Das Mädchen war ja noch ein Kind – mit seinen siebzehn Jahren noch nicht einmal halb so alt wie sie. Karina wusste aus Erfahrung, dass es nirgends einen so tüchtigen Soldaten gab, so kalt und furchtlos, wie ein Kind, das schon in jungen Jahren gebrochen wird. Und sie wusste aus den Nachrichten und aus dem, was in der Stadt erzählt wurde, was die Mädchen durchgemacht hatten. Und weil sie das wusste, verstand sie es. Aber verstehen hieß noch lange nicht bewundern.

Karina trug die Tüten in die Küche. Sie waren voll mit exotischen Dingen, Sachen, die sie in der Stadt nicht bekommen konnte: Oolong-Tee, Chitosan-Bandagen, dem Schmerzmittel, das alle den Knochenflicker nannten, krampflösenden Medikamenten für Simon, Kaviar aus der Russischen Union.

Karina machte das Frühstück. Simon aß sein Rührei nur halb flüssig, ohne Salz und Butter. Gegen Mittag, wenn ihm die Augen zufielen, machte sie ihm ein Sandwich mit Schokocreme und Aprikosengel. Er verschlang es gierig, und danach sprühte er ein paar Stunden lang vor Energie.

In diesen Stunden, nachdem sie die tränenseligen Pilger hinauskomplimentiert hatte, ging sie mit ihm im Wald spazieren. Wenn Miss Sarat unterwegs war an ihren geheimen Orten und Miss Dana sich in den Docks von Augusta herumtrieb, waren die beiden oft ganz allein und gingen Hand in Hand.

Er hatte seinen Spaß an dem wirbelnden Kielwasser der Boote und dem Rascheln des trockenen Laubs unter seinen Füßen und daran, wie sich das Sonnenlicht an der Stelle auf seinem Hinterkopf anfühlte, an der keine Haare mehr wuchsen.

Manchmal entdeckte er purpurrote und orangefarbene Blumen – seltsame Reste von Leben, die der Hitze und den ewigen Stürmen trotzten. Manchmal zeigte er auf die Blumen, und Karina, die nicht wusste, wie sie hießen, erfand Namen für sie: Pickwicken, Morgenscheinchen, Laviolen und Südstaaten-Laviolen.

Als das Frühstück fertig war, weckte Karina ihren Schützling. Genau wie der Rest des Hauses war auch sein Zimmer sehr spartanisch eingerichtet. Es gab nur einen Nachttisch, einen Schrank und das Bett, in dem er schlief. Miss Sarat hatte klare Vorstellungen, wie das Haus aussehen sollte: kein Zierrat. Keine Bilder, keine Fotografien an den Wänden, keine Blumenvasen im Wohnzimmer, nicht einmal eine Fußmatte auf der Veranda. Früher hatte es eine eiserne Wetterfahne auf dem Dach gegeben, ein Hahn und darunter ein Pfeil, der die Windrichtung anzeigte – am Tag nach dem Einzug der Chestnuts war Miss Sarat aufs Dach geklettert und hatte ihn heruntergerissen.

Die einzige Ausnahme von der Regel war eine hässliche Keramikfigur der Jungfrau von Guadalupe, die auf Simons Nachttisch stand. Die Figur war an tausend Stellen beschädigt und schien den Staub mehr anzuziehen als jede andere Fläche im Haus, aber Miss Sarat hatte Karina strikt verboten, sie anzurühren.

Simon erwachte von ihrem Duft, noch bevor sie ganz im Zimmer war – ein schweres, süßes Parfüm mit Vanille- und Lavendelnoten, von dem sie wusste, dass er es liebte. Er erwachte mit einem Lächeln, streckte die Hand nach ihr aus. Sie trug seine Lieblingsfarben. Warme, leuchtende Farben – Rot- und Gelbtöne, ein Sonnenblumenmuster auf ihrem weiten Rock. Sie kniete sich neben sein Bett, und sofort ergriff er ihre Hände. Er beugte sich vor und küsste sie auf die Wange, ein feuchter Kuss, die Lippen noch speichelfeucht vom Schlaf. Es war ein Fortschritt – eine Entwicklung, die sie vor den Zwillingen geheim gehalten hatte. Sie wussten, dass er sich langsam wieder an Namen und Grußformeln erinnerte, und hofften, dass er sich bald wieder allein würde anziehen können, aber sie ahnten nichts davon, dass er Gefühle entwickelte.

»Guten Morgen«, sagte sie.

»Guten Morgen«, erwiderte Simon wie ein Echo, im gleichen Tonfall, mit der gleichen Betonung.

Karina half Simon aus dem Schlafanzug und in ein frisches weißes T-Shirt und ein Paar Trainingshosen, die an der dicker werdenden Taille spannten. Sie nahm seine jüngste Gewichtszunahme und die neuen Fettpölsterchen am Bauch als weitere Zeichen der Genesung. In den ersten Wochen nach seiner Heimkehr hatte er außer Milch und Apfelmus nichts zu sich genommen. Und eines schlimmen Morgens hatten sie feststellen müssen, dass der Geruch von gebratenem Fleisch ihn in panischen Schrecken versetzte. Jetzt aß er – heikel und mühsam wie ein Kleinkind, aber er aß.

Sie führte Simon zu einem Stuhl am Küchentisch. Dann ging sie zurück in sein Zimmer und machte das Bett. Die Bettwäsche war feinste, rebellengeschmuggelte Bouazizi-Baumwolle.


***

Am Mittag kamen die Frauen, die ihn besuchten. Sie waren ein paar Minuten zu früh. Karina sah sie durch das Wohnzimmerfenster vor dem kleinen Tor zur Straße stehen. Sie ließ sie warten – sie wusste, wenn sie ihnen gestattete, auch nur ein paar Minuten vor der Zeit hereinzukommen, würden sie bald noch früher zu ihren Terminen erscheinen, und andere würden davon hören und es ebenso machen, bis der Stundenplan, den Karina so sorgfältig einhielt, seinen Sinn verlor.

Um Punkt zwölf ging sie die Einfahrt hinunter und nahm die Frauen in Empfang. Sie saßen dicht gedrängt in ihrem Tik-Tok, und die Hitze setzte ihnen mächtig zu. Die Fahrerin war eine Frau, die Kristin hieß, aber erwartete, dass alle sie die Witwe Bentley nannten. Ihre Tochter Leslie saß neben ihr und ihre Mutter Eleanor auf der Rückbank.

Karina öffnete das Tor. Einen Augenblick lang drehten sich die Reifen des Tik-Toks auf der Staubpiste. Dann holperte das Fahrzeug in Richtung Haus. Karina folgte. Sie ließ sich Zeit. Als sie das Haus erreichte, waren die Witwe Bentley und ihre Tochter dabei, der Mutter aus dem kleinen Auto zu helfen. Die älteste der Frauen, Eleanor, war zerfressen von Lungenkrebs, und auch wenn ihre Tochter und Enkelin sich alle Mühe gaben, ihr Hoffnung zu machen, hatte sie sich offenbar damit abgefunden, dass sie starb.

Seit ihr Ehemann ein Jahr zuvor bei dem stümperhaften Rebellenangriff auf East Ridge ums Leben gekommen war, trug die Witwe Bentley nur noch Schwarz, langärmlige Blusen und schwarze Röcke. Sie hatte Mutter und Tochter gezwungen, ihrem Beispiel zu folgen; die Kleider schlotterten um den ausgemergelten Körper der alten Frau, schlaff und kraftlos wie eine nasse Flagge.

Karina fand es grässlich, wenn Witwen Schwarz trugen. Sie kamen ihr vor wie freiwillig versteinert, erstarrt in ihrer Unterwürfigkeit gegenüber Männern, die leichtsinnig oder dumm gewesen waren oder einfach nur Pech gehabt hatten, die aber nun in jedem Falle tot und begraben waren, und zwar für immer.

Ehemänner trugen niemals Schwarz. Ehemänner waren niemals beschränkt auf diese Art von passiver Geste, niemals gezwungen, für den Rest ihres Lebens bedrückt durch die Welt zu schleichen, wandelnde Denkmäler der Trauer. Ehemänner durften zornig sein, sich aufbäumen, sich rächen für den Verlust, indem sie auszogen und anderen die gleichen Wunden zufügten, die man ihnen zugefügt hatte. Für Karina war es nur ein weiterer Beleg dafür, dass der Krieg die einzige Zeit war, in der die Welt tatsächlich so einfach und so grausam befreiend war, wie sie in den Köpfen der Männer wohl immer aussah. Ihr begegneten Frauen, die sich nie wieder bei ihrem eigenen Namen nannten – sie kannte sie nur als die Witwe X oder die Witwe Y –, aber sie traf nie einen Witwer Soundso.

Sie hatte mehr als die Hälfte ihres Lebens im Süden verbracht, und doch fühlte sie sich oft noch fremd hier. Ihre Eltern waren Ärzte – klar denkende Menschen aus der Inselwelt von Bangladesch mit messerscharfem Verstand, die Armut und Konflikte ausgestanden hatten und weder Zeit noch Geduld für Sentimentalitäten aufbrachten. Von Kind an hatten ihre Eltern den Krieg von seiner schlimmsten Seite erlebt – die Todesmärsche in Richtung Norden auf dem Rückzug vor dem steigenden Meeresspiegel, das Massaker von Arunachal, das viermalige Scheitern des Frühlings – und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Leid zu lindern, wo immer es ihnen begegnete.

Karinas früheste Erinnerungen waren Feldlazarette, blutverkrustetes Bettzeug, die große donnernde Trommel des Kriegs. Sie war noch Zeugin der letzten Kämpfe des Russlandfeldzugs geworden, der Eroberungskriege an den äußersten Rändern des Bouazizireiches. Ihre erste Wunde hatte sie mit vierzehn genäht, die erste Ader mit fünfzehn abgebunden. Sie wusste, was Krieg war, wusste es sogar besser als diese Witwen, die sich etwas vormachten, sich an Fetische klammerten.

Und sie verstand etwas, das keine von denen, die kamen, um Simons Stirn zu berühren, verstand – nämlich dass das Leid des Krieges die einzige wirklich universale Sprache der Menschheit war. Man sprach und verstand sie an allen Enden der Erde, nicht wie die Gebete, die überall verschieden waren, nicht wie der leere Aberglaube, an den sie sich so verzweifelt klammerten. Diese Sprache hingegen, die hatten sie alle gemein. Der Krieg zerbrach sie überall auf dieselbe Art, machte sie überall ängstlich und wütend und rachsüchtig. In Glücks- und Friedenszeiten waren die Unterschiede groß, doch nahm man ihnen Glück und Frieden, dann sah man, wie sehr alle Menschen sich glichen. Der weltweite Schlachtruf des Krieges war, das hatte sie gelernt, ganz einfach: Wenn du an seiner Stelle gewesen wärest, hättest du es nicht anders gemacht.


***

Sie führte die Frauen ins Wohnzimmer. »Etwas zu trinken?«, fragte sie.

»Wasser«, sagte Leslie. Das Teenagermädchen ließ sich aufs andere Ende des Sofas fallen, so weitab von Mutter und Großmutter wie möglich. Sie starrte zum Fenster hinaus, sah dem Fließen des Flusses zu.

»Uns genügt es, wenn wir Simon sehen, Liebes«, antwortete die Witwe Bentley. »Sie können ihn jetzt hereinführen.«

Karina verließ die Frauen und ging hinters Haus. Sie fand Simon am schlammigen Ufer beim Bootsanleger, wo die Rebellenschiffe anlegten; er brach Stückchen von einem Zweig ab und warf sie in die Strömung.

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so nahe am Wasser sitzen«, ermahnte ihn Karina. Er blickte zu ihr auf und lächelte. Er hatte Pausbacken, ohne jedes Barthaar, und wenn er lächelte, hoben sie sich auf eine Art, die dem Gesicht etwas Ehrfürchtiges gab.

»Du hast Besuch«, sagte sie, zog ihn hoch und wischte ihm die Erde vom Hosenboden. »Zahlenden Besuch.«

»Zahlenden Besuch«, sagte Simon.

Sie führte ihn zurück ins Haus. Als er ins Wohnzimmer kam, sprang die Witwe Bentley sofort auf ihn zu, um ihn zu berühren.

»Hallo, Simon«, sagte sie.

»Hallo, Ms Bentley«, sprach Karina Simon vor.

»Hallo, Ms Bentley«, sprach er ihr nach.

Die Witwe Bentley fuhr Simon mit der Hand übers Gesicht. »Wie geht es dir heute, Liebling?«

»Es geht ihm prima«, antwortete Karina. Sie wusste, die Witwe Bentley mochte es nicht, wenn sie sich einmischte, deshalb tat sie es, sooft sie konnte.

»Karina, Liebes, wollen Sie nicht Mama und mir einen Tee machen?«, fragte die Witwe Bentley. »Sie hat schon den ganzen Vormittag so ein Kratzen im Hals.«

Karina ließ Simon mit den Frauen allein und ging in die Küche. Sie setzte Wasser auf und holte aus der Speisekammer zwei Beutel Mississippi Breakfast; sie hatte nicht die Absicht, den guten Chinatee für Besucher zu opfern. Im Wohnzimmer tätschelte die Witwe Bentley weiterhin Simon die Wange.

»Wie hast du geschlafen, Liebling?«, fragte sie. »Hast du gut geschlafen?«

»Wie ein Baby!«, brüllte Karina aus der Küche.

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, hatten die Frauen bereits mit ihrem Ritual begonnen. Die Witwe Bentley, mit einer Bibel im Schoß, hatte die Hand ihrer Mutter genommen, und die andere Hand legte sie auf Simons Stirn. Zusammen sahen sie aus wie der gestaltgewordene Höhepunkt der Beschwörungen eines Wunderheilers, der Augenblick, in dem das Übel entweicht, entweicht aus der Seele.

Karina stellte die Tassen auf den Tisch, doch die Frauen rührten den Tee nicht an. Die Witwe Bentley rezitierte von neuem das Gebet, das sie bei jedem ihrer Besuche rezitierte, die Psalmworte, die sie auswendig kannte:



Denn du hast deinen Engeln befohlen über mir, dass sie mich behüten auf allen meinen Wegen,

dass sie mich auf Händen tragen und ich meinen Fuß nicht auf einen Stein stoße …

Die Witwe Bentley schloss beim Sprechen die Augen, ihre Hände und ihre Stimme bebten. Die Mutter betrachtete sie mit der Duldsamkeit der Resignation; ihre Tochter starrte zum Fenster hinaus auf das Fließen des Flusses.

Als sie fertig waren, trocknete die Witwe Bentley ihre Tränen und versuchte dann, in einem tiefen postkathartischen Stupor so lange wie möglich in Simons Gegenwart zu bleiben. Aber die Zeit, für die sie bezahlt hatte, war um.

Karina begleitete die drei Frauen zum Wagen. Die Witwe Bentley zahlte das vereinbarte Honorar: 500 Redbacks. Karina nahm das Geld und bedankte sich.

»Da wäre noch eines«, erklärte die Witwe Bentley. »Ein Gefallen, um den wir Sie bitten möchten.«

Die Frau fasste unter den Rücksitz des Tik-Toks und holte eine Schuhschachtel hervor. Sie nahm den Deckel ab und ließ Karina einen Blick hineinwerfen. In dem Karton lagen Bündel um Bündel von roten Banknoten – hunderttausend Dollar, vielleicht sogar noch mehr.

»Das haben wir heute Morgen alles von der First Southern abgehoben«, sagte sie. »Der Filialleiter hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, aber wir haben gesagt: Das ist unser Geld, ihr könnt es nicht als Geisel nehmen.«

»Und was soll ich damit machen?«, fragte Karina.

»Einfach nur für uns aufbewahren, mehr nicht«, antwortete die Witwe Bentley. »Seit dem, was in Patience passiert ist, herrscht wieder überall Unruhe. In Atlanta rangeln die Freien Südstaaten und die Vereinten Rebellen um die Macht im Lande, aber im Grunde haben sie beide kaum noch etwas unter Kontrolle. Die Kämpfe werden überall heftiger, und alle warten doch nur darauf, dass die Blauen von Tennessee aus einen Vorstoß unternehmen. Und dann setzt ein Sturm auf die Banken ein, Präsident Kershaw wird uns aussperren, weil sonst das ganze MAG pleitegeht. Sie sollen es für uns aufbewahren, mehr wollen wir nicht – stecken Sie es dahin, wo der Junge ist. Das ist alles. Und glauben Sie nicht, dass wir uns nicht dafür erkenntlich zeigen.«

Die Frau drückte Karina die Schuhschachtel in die Hand. Aus den Augenwinkeln sah die Betreuerin den verächtlichen Ausdruck, mit dem die Tochter der Witwe dies alles verfolgte.

»Er ist einfach nur ein Junge, Kristin«, sagte Karina. »Er ist keine Bank. Er zahlt keine Zinsen, er kauft keine Aktien oder so was. Er ist einfach nur ein Junge.«

Die Witwe Bentley nahm aus ihrer Brieftasche eine weitere Fünfhundertdollarnote. »Wir brauchen keine Zinsen, wir brauchen keine Aktien. Wir wollen, dass es da ist, wo er ist, das ist alles. Das, was über ihn wacht, das genügt.«

Karina sah den Frauen nach, wie sie über den Feldweg davonfuhren. Es gab Zeiten, da verachtete sie Leute wie die Witwe Bentley dafür, dass sie so fest an den Hokuspokus ihres Rosenkranzes, an die Wirksamkeit ihres frommen Flehens glaubten. Vor allem aber verachtete sie sie dafür, dass sie selbst sich im Laufe der vielen Jahre, die sie ihresgleichen nun schon betreute, angewöhnt hatte, an dergleichen Dinge zu glauben – dass sie nun ihren eigenen Aberglauben hatte: daran, dass Gebete halfen, sie vor dem Zorn der Vögel zu bewahren und die Menschen in Carolina hinter ihrer Mauer wieder gesund zu machen; daran, dass Gespenster im Hirsemehl Spuren hinterließen.

Als die drei Frauen fort waren, kehrte sie ins Haus zurück. Simon lag zusammengerollt auf dem Sofa, die Knie an die Brust gezogen, und schlief.

Sie überlegte eine ganze Weile, was sie mit dem Geld tun sollte. Wäre ihr auch nur im mindesten daran gelegen gewesen, die Wünsche der Witwe zu achten, dann hätte sie die Schachtel unter Simons Bett gesteckt, zu der Bibel mit den trockenen Blättern. Oder sie konnte sie im Schutzkeller zu den Benzinfässern stellen. Aber der Gedanke quälte Karina, dass Miss Sarat das Geld an all diesen Orten mit Sicherheit finden würde. Und dann würde sie Karina ausschimpfen, mit ihrer freudlosen Grabesstimme, dafür, dass sie sich Freiheiten herausnahm, die ihr nicht zustanden. Oder noch schlimmer, sie würde nichts sagen, und eines Tages wäre das Geld einfach verschwunden, gestiftet für den glorreichen Aufstand des Südens.

Während sie das noch überlegte, sah sie durchs Küchenfenster einen schwarzen Schatten auf den Fluss fallen. Instinktiv duckte sie sich hinter die Anrichte, bis der Kriegsvogel vorüber war. Sie wusste, dass diese Drohnen ihre tödliche Last willkürlich abwarfen und dass sie, Karina, wenn sie beschlossen hätten, dass heute dieser Ort an der Reihe war, jetzt schon tot wäre – und trotzdem duckte sie sich hinter die Anrichte, ein schierer Schutzreflex.

Minuten vergingen. Sie richtete sich wieder auf und schaute aus dem Fenster. Der schwarze Schatten über dem Fluss war verschwunden. Sie ging nach draußen. Bei ihrem öden Garten kniete sie sich hin und grub ein Loch. Sie ging tiefer als die Schicht, in der die Samenkörner in ihrem Inneren noch Leben bargen, und kam wieder zu der Erde darunter. Sie begrub die Schuhschachtel der Witwe in dem Loch und schaufelte das Grab wieder zu.


––––

Der junge Soldat auf dem Turm ging auf und ab, langsam und rhythmisch, im Takt ihres Herzschlags. Sarat kannte ihn besser, als er selbst sich kannte: ein Kind aus den armen Gegenden des Nordens, von einer Farm vielleicht, die kaum genug zum Leben abwarf, oder Sohn von Flüchtlingen aus dem verdorrten Ödland von Kalifornien oder aus den heruntergekommenen Dakotas, den Ländern nördlich der Grenze, denen das Benzinverbot am meisten zugesetzt hatte. Sie wusste, er war nicht Soldat geworden, um Gott oder Vaterland zu dienen, sondern weil er fortwollte – auf die Chance hoffte, etwas anderes zu werden als sein Vater, einem Leben zu entkommen, in dem er den ganzen Tag Kabel an Sonnenkollektoren lötete oder knöcheltief im Dreck der Gewächshochhäuser stand. Er hätte alles gemacht, solange er nur fortkonnte. Und wenn das hieß, dass er zum Gewehr greifen und den braun gefleckten Kampfanzug anziehen musste, dann war das eben so. Sie hatte nie mit dem Soldaten gesprochen, sah ihn in diesem Augenblick zum ersten Mal. Und doch kannte sie ihn bis auf den Grund seiner Seele.

Sarat spähte durchs Zielfernrohr. Der Kopf des Soldaten schwamm im Fadenkreuz, eine auf den Wellen tanzende Boje.


***

Die ersten Wochen nach dem Massaker in Patience waren die schwärzesten gewesen. Sie fühlten sich fremd in dem Haus, das sie als Blutgeld bekommen hatten; nachts lagen die Schwestern im selben Bett und ließen die Lampen brennen, die Fensterläden waren fest verschlossen. Die ersten paar Nächte konnte Dana nicht schlafen. Sie lag starr neben Sarat, überzeugt, dass die Männer, die ihre Mutter und ihren Bruder geholt hatten, wiederkommen und auch sie holen würden. Und am fünften Tag, als Soldaten des Südens ihnen aus dem Krankenhaus den lebenden Leichnam des Bruders brachten, den Sarat und Dana für tot gehalten hatten, schrie Dana vor Entsetzen, denn damit blieb das Massaker nun bei ihnen für alle Zeit.

Erst als die Chestnuts in ihrem neuen Leben eine Art Routine entwickelt hatten, ließ Sarat ihre Geschwister wieder allein und begab sich in die Welt draußen – zuerst nach Atlanta, wo sie versuchte, bei der Kommission, die die Morde von Patience untersuchte, etwas über die sterblichen Überreste ihrer Mutter in Erfahrung zu bringen, obwohl sie tief in ihrem Herzen wusste, dass nichts als Asche von ihr geblieben war. Einer nach dem anderen in einer langen Reihe selbstgefälliger Würdenträger der Südstaaten sprach ihr sein Beileid aus, versicherte ihr, dass er für sie beten werde, und gab ihr die Telefonnummer seiner Sekretärin. Alle lobten sie dafür, wie tapfer sie es trug und wie gut sie zurechtkam.

Sie lernte schnell, dass die Überlebenden eines Gemetzels Honorarkonsuln in einer Republik des Schmerzes wurden. Es gab ungeschriebene Gesetze, ein Protokoll, das vorschrieb, wie sie zu leiden hatte. Wer schier verzweifelte, statt dezent zu trauern, verstieß gegen die Regeln. Aber auch zu geringer Kummer oder vorschnelles Verzeihen waren falsch. Was ihr und ihresgleichen zustand, war ein passives Zurschaustellen ihres Leids; sie durften vor Pressefotografen mit gerahmten Bildern ihrer ermordeten Angehörigen posieren, sie durften in lärmenden und doch zahmen Paraden mitmarschieren, durften das Ende des Blutvergießens fordern, als wäre Blutvergießen eine Krankheit, ein Eindringling, den man aus der Stadt jagen könne. Solange sie sich an diese Regeln hielt, solange sie innerhalb dieser Grenzen blieb, verdiente sie alle Aufmerksamkeit und die größte Sympathie.

Aber all das bedeutete Sarat nichts. Wenn die weinenden Witwen ihren Bruder besuchen kamen und die Wunde auf seiner Stirn berührten, überließ sie es Karina, der Helferin, die man ihnen gestellt hatte, sich darum zu kümmern. Wenn Politiker der Freien Südstaaten vorfuhren, um den Chestnuts Medaillen und Urkunden zu überreichen und sich mit den Überlebenden des Massakers von Camp Patience fotografieren zu lassen, verschwand sie durch die Küchentür, ging in den Wald und blieb dort, bis sie wieder fort waren. Auf den wenigen Fotos, die es heute noch gibt, verstreut in allen erdenklichen Archiven des Südens oder in den Papieren längst verstorbener Politiker, ist nur Dana an der Seite der Delegationen aus Atlanta zu sehen, mit einem strahlenden Lächeln, das durch und durch unecht ist.

In den folgenden Monaten, als Danas Albträume sich besserten und die große Aufregung um das Massaker von Camp Patience sich legte und die Journalisten und Politiker sich wieder um anderes kümmerten, konzentrierte sich Sarat auf das eine, was noch von Bedeutung war: die Rache, die offene Rechnung.

Manchmal blieb sie wochenlang im Wald von Talladega, wo Albert Gaines eine alte Blockhütte hatte. Hier brachte er ihr das Schießen bei. Zuerst hatte er sie gefragt, ob sie lieber aus sich selbst eine Waffe machen wolle, das, was die Nordstaatler einen Selbstmordattentäter nannten. Sie hatte keine Angst davor, doch die Vorstellung, Dana im Stich zu lassen, ihr allein die Aufgabe zu überlassen, für das zu sorgen, was von ihrem Bruder noch blieb, war zu viel für ihr Gewissen. Aber sie wollte töten. Und so holte Gaines sein altes Jagdgewehr aus dem Schrank und ließ sie Limonadendosen von Zaunpfosten schießen.

Anfangs behielt sie nichts von dem, was er ihr zeigte – nicht nur weil die Flinte kaum zu gebrauchen war, die Kimme schief, der Abzug wacklig, sondern auch weil die Erinnerung an das Erlebte noch zu frisch war. Ihr Verstand malte auf diese Blechdosen die Gesichter der Männer aus dem Norden, in jener Nacht in Patience, und wenn sie die Trugbilder sah, war sie rasend vor Wut, vor Begierde, die zu zerstören, die sie zerstört hatten. Die Wut wickelte sich um sie wie ein Druckverband, hielt sie am Leben, schnürte ihr aber zugleich das Blut teilweise ab.

Was sie am schwersten lernte, war das Stillhalten. Selbst als sie schließlich die ersten Dosen traf und zur Jagd auf Ratten aufstieg, hatte sie am meisten mit Gaines’ Auflage zu kämpfen, stundenlang an einem Ort zu bleiben. Manchmal musste sie da schlafen, wo sie lauerte, und die Insekten des Waldes krabbelten auf ihr umher. Immer wieder schärfte er ihr ein, dass es bei dieser Art des Jagens vor allem darauf ankam, dass man ganz mit seiner Umgebung verschmolz, eins wurde mit der Erde. Aber sie wollte etwas tun, sie sehnte sich verzweifelt danach, etwas zu tun. Einmal kam Joe vorbei. In all der Zeit dort hatte Sarat nie erlebt, dass Gaines Besuch bekam, aber Joe machte ganz den Eindruck, als sei er schon oft in dieser Blockhütte gewesen, ja als sei er dort ebenso zu Hause wie Gaines.

»Ich habe ein Geschenk für dich«, sagte er zu Sarat. »Etwas, das dir bei deiner Arbeit helfen wird.«

Es war ein prachtvolles Gewehr, eine QBU-20, auf einem der Hilfsschiffe eingeschmuggelt, versteckt in einem Sack Reis. Das, was man mit Gaines’ alter Flinte nur verschwommen sah, fixierte diese neue Waffe mit der Präzision eines Chirurgen.

Sarat lernte, sie auseinanderzunehmen, sie zusammenzusetzen, sie machte sich mit ihrem ganzen Wesen vertraut. Sie führte mit rotem Nagellack eine Strichliste auf dem schwarzen Schaft, machte jedes Mal einen Strich, wenn die Seele des Gewehrs und die Seele der Schützin eins gewesen waren, selbst wenn das Opfer nichts weiter als eine armselige Ratte war.

Sie taufte ihre Waffe Templestowe, nach der ersten wahren Rebellin des Zweiten Amerikanischen Bürgerkriegs, dem Mädchen, das den verlogenen Präsidenten der Union in Jackson getötet hatte.

»Mit solchen Dingen kann ich helfen«, sagte Joe. »Aber letzten Endes musst du selbst entscheiden, was du mit dieser Hilfe anfängst. Die Waffen kommen von uns, aber das Blut ist eures.«

Jetzt endlich verstand sie, was er damit meinte.


***

Sarat lag reglos auf einer flachen Hügelkuppe, verborgen zwischen Buschwerk und Schilf. Hinter ihr fiel der Hügel sanft zur Grenze nach Georgia hin ab, das Land durchzogen vom Geäst der Rebellentunnel. Eine Meile vor ihr ragte die Südmauer von Halfway Branch auf, der größten Operationsbasis des Nordens an der Tennesseegrenze, und dahinter lagen im Schatten der Abenddämmerung die Hänge der Smoky Mountains.

Sie hatte fast eine Woche gebraucht, um so nahe zu kommen, hatte sich vorgearbeitet durch die steinigen Tunnel – immer die Ohren gespitzt nach den Schritten der Patrouillen –, dann durchs Gebüsch. Im Dunkel war sie vorangerobbt, zwischen den Hickorysträuchern. Als sie schließlich oben auf der Kuppe angelangt war, hatte sie noch einmal drei Tage gewartet, von Trockennahrung gelebt, ihre Exkremente in der Erde verbuddelt. Drei Tage lang hatte sie ihr Zielfernrohr auf das Südtor von Halfway Branch gerichtet und gewartet.

Sie ließ das Gewehr sinken und suchte mit dem Fernglas den Horizont ab. Über der eilig asphaltierten Straße zum Tor flirrte die Hitze, und daran, wie wenig sich die Luftspiegelungen regten, konnte sie sehen, dass es windstill war. Sie spähte in den Wald zwischen sich und dem Lager, hielt Ausschau nach denselben Dingen, nach denen die Soldaten auf den Türmen Ausschau hielten: unnatürlichen Schatten, geraden Linien, dem Schimmer eines schwarzen Knopfs im Gesträuch.

Gaines hatte ihr beigebracht, diese Dinge zu sehen. In der Blockhütte hatte er auf dem Tisch eine Reihe von Objekten zurechtgelegt – Bücher, Besteck, ein Zahnrad, ein aufgefächertes Kartenspiel. Jedes Mal waren es andere Objekte, anders angeordnet. Er deckte den Tisch mit einem Betttuch ab und ließ Sarat ins Zimmer kommen. Zehn Sekunden lang hob er das Tuch, dann deckte er alles wieder zu. Danach sollte sie die Dinge auf dem Tisch bis in die kleinste Einzelheit beschreiben: die Reihenfolge der aufgefächerten Karten, die Anzahl der Zähne des Zahnrads.

Die Sonne verschwand hinter den Bergen. Scharf zeichnete das letzte Tageslicht die Umrisse von Halfway Branch, einer Festung wie aus Bauklötzen, gebaut aus Containern und langgezogenen Zelten. Geschäftig waren die Soldaten auf ihren Wachtürmen zugange.

Sarat lag still. Ihre Hosen waren immer noch nass, da, wo sie uriniert hatte, ohne sich zu regen, und jetzt fühlte diese Nässe sich kalt und hart an. Sie spürte es auf den Haaren an ihren Beinen, bis hinunter zu der Stelle, an der die nackten Fußknöchel auf der Erde scheuerten.

Vier Soldaten stiegen auf den Wachturm. Zwei von ihnen waren die muskelbepackten Leibwächter für den dritten. Dieser war älter als die anderen, sein Haar silbern mit einem perfekten Scheitel. Er trug die gleiche Uniform wie die Männer um ihn her, aber trotzdem gehörte er nicht dazu; es lag eine tiefe Ruhe in seinem Auftreten, der Art, wie er nickte, als der vierte Mann und der Wachsoldat ihm das Gelände erläuterten.

Sarat wusste, die Soldaten zeigten auf die Stellen, an denen die Märtyrer auftauchten – Männer und Frauen, die zwischen den schwarzen Bäumen hervortraten, mit Höllenmaschinen um die Brust geschnallt. Selten einmal schafften sie es auch nur bis auf hundert Fuß an die Tore heran, bevor sie niedergeschossen wurden. Und für die, die mit einem Raketenwerfer auf der Schulter kamen, hatten die Blauen Geschütze, die die Bahn dieser Projektile noch im Fluge zurückverfolgten, und die, die sie abgefeuert hatten, waren schon tot, bevor ihre Geschosse auf der anderen Seite einschlugen. Die Rebellen wussten das, sie wussten, wie aussichtslos ihre Anschläge waren, und trotzdem trat alle paar Tage eine weitere menschliche Waffe zwischen den schwarzen Eukalyptusbäumen hervor.

Sarat wandte Templestowes Auge von dem jungen Soldaten auf dem Turm ab. Sie heftete es auf den Älteren. Etwas Kühles, Distanziertes lag in seiner ganzen Art. Er war kleiner als die Männer in seiner Umgebung; kompakt, sein Tarnanzug makellos. Sie sah, wie das Licht der Abenddämmerung auf vier Sternen auf seiner Schulter funkelte. Ihr Informant hatte recht gehabt. Es war ein General aus Columbus.

Der Kopf des Offiziers erschien vor Templestowes Auge. Sarat atmete tief ein. Sie hob die Brust vom Boden; sie war reglos. Nur ein Augenblick, dann waren sie und ihr schwarzmäuliges Mädchen eins. Sie krümmte den Finger, Templestowe stieß einen dumpfen Seufzer aus, und noch ehe die Schilfhalme an der Mündung wieder stillstanden, hatte Sarat Gewissheit.


Auszug aus:


Ein Schuss in Halfway Branch:


Leben und Tod des Generals Joseph Weiland

Die Beisetzung des Generals fand an einem Sonntag statt, und ganz Columbus war gekommen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Tausende säumten die Straßen, als der Trauerzug langsam über den Daniel Ki Drive zog, vorbei am Parlament und weiter zur Dreieinigkeitskirche. Die Flaggen auf den Regierungsgebäuden wehten auf halbmast – nicht nur in der Hauptstadt, sondern im gesamten damaligen Nordteil des Landes.

Aus dem Leichenwagen lud man einen prachtvollen Sarg aus gleichmäßig gemasertem Holz in einem dunklen Kirschbaumton – keiner unter den Trauergästen konnte sich erinnern, wann er zuletzt so schönes Mahagoniholz gesehen hatte. Die Sargträger nahmen ihren Platz ein, je ein Vertreter der Teilstreitkräfte sowie der Präsident der Vereinigten Staaten. Die Trauerrede in der Kirche hielt Senator Joseph Weiland jr. vor den versammelten Gouverneuren und Abgeordneten des Landes sowie zahlreichen ausländischen Würdenträgern aus fast allen damals mit dem Norden verbündeten Staaten.

Am frühen Nachmittag lichteten sich einen Augenblick lang die grauen, undurchdringlichen Regenwolken, die nun schon seit langem so typisch für das Herbstwetter in Ohio sind. Die Oktobersonne tauchte den Friedhof in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht. Aufrecht wie Granitsäulen in ihren blauen Uniformen war eine Ehrenformation aus Marines angetreten, und es heißt, kein Einziger von ihnen habe auch nur den Anflug eines Zuckens gezeigt, als die Salutschüsse die Stille zerrissen.

Die Ermordung von General Joseph Weiland in Halfway Branch markierte in vielerlei Hinsicht den entscheidenden Wendepunkt im Zweiten Bürgerkrieg. Erschossen von einem unbekannten Heckenschützen der Aufständischen, war er das höchstrangigste militärische Opfer in diesem Konflikt.

Aber auch wenn der Mord an General Weiland den Aufständischen einen vorübergehenden Triumph bescherte, besiegelte er doch zugleich das Ende des abtrünnigen Staates. Die öffentliche Meinung im gesamten Norden, wo man jahrelang Kompromiss und Wiedervereinigung den Vorzug gegenüber einem andauernden Bruderkrieg gegeben hatte, schien sich über Nacht ins Gegenteil zu verkehren. Von Pittsburgh bis Kaskadien erscholl der Ruf nach Rache. Und die Unionsregierung in Columbus folgte diesem Ruf.

Im Januar des folgenden Jahres sollte Joseph Weiland jr. – noch kurz zuvor in einer untergeordneten Position im Amt für Entschädigungsansprüche tätig und erst wenige Monate vor dem Tod seines Vaters in den Senat gewählt – an die Spitze des Kriegsministeriums treten. Unter seiner Führung nahm die Zahl der militärischen Aktionen der Nordstaaten im Gebiet südlich der Grenze von Tennessee massiv zu. Im Jahr nach dem Attentat von Halfway Branch wurden im Süden mehr als 250 Rebellenkämpfer gefangen genommen. Und auch wenn sich in vielen Fällen am Ende herausstellte, dass sie nur eine unbedeutende Rolle in den Auseinandersetzungen gespielt hatten, und sie schließlich freigelassen wurden, trug diese Säuberungsaktion doch dazu bei, den Weg für die endgültige Ausrottung der Rebellengefahr zu ebnen.



10. Kapitel

Der General stürzte tot zu Boden. Das Echo des Schusses hallte Sarat in den Ohren. Wenige Sekunden später heulte eine Sirene in dem befestigten Posten der Blauen. Sarat richtete sich auf. Nun blickte sie wieder nach Süden. In der Dunkelheit lief sie los.

Bald erreichte sie den Eingang zu einem der Rebellentunnel. Sie kroch in den unterirdischen Fluchtweg hinein, zum Lärm der Sirenen von oben. Der Tunnel war niedrig und feucht und stockdunkel; sie tastete sich blind voran.

Eine halbe Meile weiter südlich endete der Tunnel am Fuß einer steilen Böschung. Sie trat aus dem mit Schilf getarnten Ausgang und sah, dass der Himmel rotgestreift war von den Bahnen der Leuchtraketen. Unter den Bäumen im Westen bewegte sich etwas, vielleicht ein armseliger Köter aus einer der Grenzstädte auf der Suche nach etwas zu fressen. Sie verfolgte, wie die Schützen von den Wachtürmen das Unterholz mit Kugeln durchsiebten.

Unbemerkt huschte sie über den Abhang. Sie durchquerte ausgetrocknete Wasserläufe und kletterte über morsche Baumstämme, in denen sich Bienen eingenistet hatten. In den Wochen vor ihrem Aufbruch in die Wälder hatte Sarat das Gelände genau studiert, sich jede Erhebung und jede Felsspalte eingeprägt, all die Stellen, die am besten Deckung boten.

Ein paar Stunden später langte sie in den Hügeln vor Chatsworth an; sie wusste, dass die Blauen schon bald einen Straftrupp dorthin schicken würden. Die, die an Orten wie Chatsworth ausharrten – in den Grenzstädten, die die Hauptlast der Überfälle aus dem Norden zu tragen hatten –, waren die Unverbesserlichen, die, denen ihre Sturheit wichtiger als alles andere war. Alle Übrigen hatten sich längst in Richtung Süden abgesetzt, die meisten in die Hochhaus-Slums rings um Atlanta. Doch die letzten unbeugsamen Grenzstadtbewohner versetzten Woche für Woche die Straßenschilder, um die Soldaten in die Irre zu führen, und spuckten bei der bloßen Erwähnung der Blauen auf den Boden.

Sarat fand ihr altes Tik-Tok genau da, wo sie es abgestellt hatte, am Rand des Highway 76. Auf der Fahrt nach Südwesten zurück in die schützenden Arme von Georgia reckte sie den Kopf zum Himmel und stieß einen Triumphschrei aus.

Sie nahm kleine Landstraßen und kam am frühen Abend zu Hause an. Brennend vom Adrenalin, ging sie vom Holzschuppen aus ostwärts in den Wald. Sie bewegte sich aufmerksam, zählte ihre Schritte, bis sie bei fünfhundert angelangt war. Beim letzten Schritt stand sie auf einer Lichtung nicht weit vom Fluss. Sie kniete sich auf den Boden und scharrte ein Loch. Sie vergrub ihr Gewehr. Sie ließ die Stelle unmarkiert, klopfte das Erdreich fest, bis alles flach und nichts mehr zu sehen war. Dann kehrte sie zum Haus zurück.

Vom Rand des Grundstücks aus beobachtete sie das Hausmädchen Karina, das in der Küche Teig knetete und dazu »Jacob’s Ladder« summte. Die Frau hatte etwas an sich, das Sarat fremd war – fremdartiger als ihr ferner Herkunftsort in der Inselwelt von Bangladesch, der keine Spuren in ihrem Benehmen oder ihrer Sprache hinterlassen hatte. Sie lächelte zu oft, bewegte sich zu ungezwungen in einem Haus und im Kreis einer Familie, die nicht die ihren waren. Sarat war nicht entgangen, dass Simon Zuneigung zu ihr gefasst hatte; sie sah, wie sein Blick und sein Lächeln sich aufhellten, wenn sie in der Nähe war. Sarat wusste, die Frau hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, und doch spürte sie einen geradezu fanatischen Drang, ihr immer wieder klarzumachen, dass sie nur eine Hausangestellte war, keine Chestnut, und dass sie auch nie eine sein würde.

Sarat trat unter den Bäumen hervor und ging hinunter zum Wasser. Sie watete in den Fluss. Das Wasser fühlte sich gut an auf der Haut. Am Abend zuvor, auf ihrer Flucht von Halfway Branch, war sie gestolpert und in einen Distelbusch gefallen, der ihr Arme und Schultern verkratzt hatte. Jetzt erwachten die Stellen, an denen die Haut aufgeritzt war, zum Leben, brannten wie Ölspritzer aus einer heißen Eisenpfanne. Doch selbst das fühlte sich gut an, auf seine eigene Art.

Als sie weit genug in den Fluss hinausgewatet war und allmählich den Boden unter den Füßen verlor, zog Sarat sich aus. Sie übergab die schmutzigen Kleider dem Fluss. Sie ließ sich treiben, schwerelos, nackt bis auf den Glücksbringer von Albert Gaines um den Hals. Der Fluss roch nach Schmutz und Algen, aber er roch auch nach ihr: der Gestank ihres seit einer Woche ungewaschenen Körpers; ein säuerliches Aroma, das sich unter den Achseln und zwischen den Beinen bildete. Sie liebte ihren Geruch, trug ihn mit sich herum wie ihr neugeborenes Kind. Jetzt tauchte sie mit weitgeöffneten Augen tief in das Wasser und übergab ihn dem Fluss.

Sie spürte den Blick des Wachpostens drüben auf dem Turm. Unter den Türmen der Quarantänemauer gab es nur einen, von dem aus das Haus der Chestnuts ungehindert zu sehen war. Dort saß ein junger Soldat der Südstaatenarmee und passte auf, dass kein Infizierter aus Carolina herauskam.

Anfangs, als die Familie in das Benefizhaus einzog, hatte Sarat sich geweigert, je wieder eine Nacht im Blickfeld von Wachtürmen zu verbringen. Schließlich war Albert Gaines mit ihr zu dem Turm gegangen und hatte sie mit dem jungen Mann dort oben bekannt gemacht. Er erwies sich als mickriger kleiner Kerl von der Küste von Georgia, ein Junge, ein Jahr jünger als Sarat, der bei seiner Altersangabe geschwindelt hatte, damit sie ihn als Freiwilligen nahmen.

Sarat merkte schnell, dass dieser Junge, genau wie alle anderen, die sie als Babysitter für die lebenden Leichname von Carolina abgestellt hatten, ebenso lüstern wie harmlos war. Und in den Monaten darauf, als sie ihn, im Wald versteckt, durch das Zielfernrohr ihres Gewehrs beobachtete, hatte sie noch etwas gelernt: Die Wächter auf diesen Wachtürmen sahen nichts. Sie waren blind vor Langeweile und vor Furcht, blind, weil sie zugleich zu viel und zu wenig zu sehen hatten. Oft lag Sarat im Wald und beobachtete den verschlafenen Jungen auf dem Turm; er blickte geradewegs in ihre Richtung, aber er sah sie nicht.

Der Fluss wusch ihren Geruch ab. Er löste den Schmutz, der an den Härchen ihrer Arme und Beine klebte. Als sie noch ein kleines Kind war, hatte ihr Vater ihr einmal erzählt, Vorfahren von ihr seien früher am Mississippi begraben gewesen, zu der Zeit, als Dämme ihn noch in ein festes Bett zwängten. Aber schließlich habe der Fluss diese Fesseln gesprengt und Häuser und Farmland und sogar die Toten in ihren Gräbern davongespült. Ein Fluss ist immer in Bewegung, hatte er gesagt, und was ihm im Wege ist, das nimmt er mit.

Sie stieg aus dem Wasser und sah, dass schon frische Kleidung auf einem Stein am Ufer bereitlag. Dana saß dort, an den Holzschuppen gelehnt.

Auf einem Baumstumpf warteten ein Rasiermesser und ein Schälchen Eukalyptuscreme. Sarat setzte sich ans Ufer und rasierte sich den Kopf. Eine Weile saß sie da und sah dem Fließen des Flusses zu, genoss die frische Kühle der Creme auf ihrem Schädel, der Luft auf ihrer Haut. Dann stand sie auf und zog sich an.

Sie ging zu ihrer Schwester beim Schuppen. Die baumlange Sarat war jetzt schon mehr als einen Kopf größer, und da ja noch ein Jahr bis zur Volljährigkeit fehlte, rechnete sie halb damit, dass noch ein weiterer Wachstumsschub kam.

Sie setzte sich neben ihre Schwester. Danas Haar duftete nach Kokos und Jasmin; ihre Locken flossen wie in Wellen, färbten das Sonnenlicht schokoladenbraun. Sarat sah sie schon vor sich, die gierigen Blicke der Jungs in Augusta.

»Du solltest reingehen und hallo sagen«, sagte Dana. »Simon ist heute in guter Stimmung.«

»Sagt er was?«, fragte Sarat.

»Plappert alles nach, was man ihm vorspricht. Aber das ist ja auch schon was.«

Sarat schüttelte den Kopf. »Ich brauche noch einen Augenblick«, sagte sie. »Ich stehe noch unter Strom.« Sie hielt ihre rechte Hand in die Höhe, und die Hand vibrierte wie eine gezupfte Saite.

Dana legte ihrer Schwester den Arm um die Schulter. Sarat beugte sich zu ihr und legte wie ein Kind den Kopf in den Schoß ihrer Schwester.

»Meine Schöne«, sagte Dana. »Ich bin so froh, dass du wieder da bist.«

Die Schwestern sahen Karina im Garten. Sie beobachteten sie, wie sie Wäsche auf die Leine am Ufer hängte. Karina tat, als sähe sie die beiden beim Holzschuppen nicht. Sie sang bei der Arbeit – dasselbe alte Kirchenlied, das sie immer sang, übernahm auch den Part des Chors, der zu jeder Zeile das Echo bildete – Wir steigen wir steigen, himmelwärts hinauf himmelwärts hinauf.

»Sie versorgt ihn gut«, sagte Dana.

»Ich traue ihr nicht«, entgegnete Sarat.

»Was hat sie denn getan?«

»Sie hat nichts getan, aber irgendwas stimmt nicht mit ihr. Ich komme nicht dahinter, was sie in Wirklichkeit von uns hält. Was sie in Wirklichkeit will.«

»Ist doch egal, was sie von uns hält«, sagte Dana. »Sie arbeitet nur hier, sonst nichts.«

»Immerhin ist sie bei uns im Haus. Und Simon und überhaupt allen, die zuhören, erzählt sie, dass ihr egal ist, welche Seite den Krieg gewinnt, ob Nord oder Süd, er soll nur endlich zu Ende sein. Als ob sie froh wäre, wenn die Blauen schon morgen in Atlanta einmarschierten. Weißt du, dass ihre Eltern im Norden leben? Sind unmittelbar vor Kriegsbeginn dorthin gezogen.«

»Und? Hättest du das denn nicht auch getan, wenn dich der Krieg nichts anginge?«

»Es gibt niemanden, den der Krieg nichts angeht«, sagte Sarat.


***

Die Nacht kam. Ein feuchter Film legte sich über die Luft. Sarat schreckte aus einem unruhigen Schlaf hoch, und die Hand ihrer Schwester streichelte ihr noch immer den Kopf. Sie hörte den Klang eines Schiffsmotors in der Ferne, ein Rebellenboot aus dem Landesinneren.

»Warum hast du mich schlafen lassen?«, fragte Sarat.

»War nicht lange«, antwortete Dana. »Kaum eine Stunde.«

Als das Schiff anlegte, gingen die Schwestern zum Holzschuppen und holten das neueste Kontingent verschlossener Kisten. Sie trugen sie zu dem wartenden Boot.

Der Junge am Ruder, ein Neuer Zouave aus Süd-Alabama, dankte ihnen. Er nahm die Kisten, ohne den Inhalt zu prüfen; er wusste, dass sie die versprochenen Waffen enthielten, wusste aus Erfahrung, dass es auf der ganzen Savannah-Schmugglerroute keine verlässlichere Relaisstation als die Chestnuts gab.

Sie sahen ihm nach, wie er flussaufwärts davonfuhr. Als er wieder fort war und die Benommenheit des plötzlichen Aufwachens verflogen war, merkte Sarat, wie der Hunger ihr ein Loch in den Magen brannte. Die letzte Energie aus dem Aprikosengel, das sie im Wald geschluckt hatte, war verbraucht. Sie sehnte sich nach fetttriefenden Okraschoten, nach Tauben vom Holzkohlegrill, dem beißenden Zimtaroma des Joyfuls vom Fass.

»Komm, wir fahren nach Augusta«, sagte sie.


***

Während des Krieges war Atlanta das Herz des Südens, aber sein Blut bezog er aus Augusta. Seit Stürme und steigender Meeresspiegel viel von der Ostküste zerstört hatten, war dies der wichtigste Hafen im Land der Roten. Pünktlich zum Ende jedes Monats tauchten einhundertfünfzig Meilen weiter südöstlich die großen Transportschiffe vom anderen Ende der Welt auf. Dort hielten die Kapitäne inne und warteten, dass Flusslotsen kamen und den mächtigen Frachtern einen Weg zwischen den Ruinen der untergegangenen Küstenstädte in die Docks von Augusta wiesen.

Und jeden Monat stellten sich in der Stadt in Erwartung der Beute von den Schiffen die üblichen Glücksritter ein: Hafenarbeiter, Schmuggler, Rebellen, Flusslotsen, fremde Kapitäne und Schiffsbesatzungen. Dazu kamen Matrosen der machtlosen Marine der Freien Südstaaten, deren schrottreife Schiffe den Ozean schon lange den Blauen preisgegeben hatten. Monat für Monat neu tobte ein paar Tage lang in den Hafenkneipen und Bordellen und Absteigen von Augusta der Bär.

In der Abenddämmerung drückte der Hafenmeister einen Schalter, und entlang der Promenade erwachte eine weihnachtliche Lichterkette zum Leben. Die Promenade verlief oben auf dem zwanzig Fuß hohen Reynolds-Street-Damm. Auf der dem Fluss zugewandten Seite ging es senkrecht in die Tiefe, außer an den Stellen, an denen Stufen zum Lotsenhaus und zum Kai führten. Zur Stadt hin fiel die Betonwand sanft ab, und dies war die Seite, auf der man frühmorgens oft die Schnapsleichen liegen sah, die dort ihren Rausch ausschliefen.


***

Als Sarat und Dana um Mitternacht in Augusta eintrafen, drängten sich in den Bars die Menschen – nicht nur die, die auf die Hilfsschiffe warteten, sondern dazu noch Besucher aus dem ganzen MAG, die wegen des Uffzeh in der Stadt waren.

Zuerst gingen die Schwestern zum Hotel D’Grub an der 12. Straße. Dort saß ein Grüppchen Hafenarbeiter und Jungs aus Atlanta auf dem Rasen der ehemaligen Baptistenkirche beisammen, betrunken und bester Stimmung. Mitten auf dem Rasen stand, mit Backsteinen aufgebockt, ein alter Chevy-Truck. Der Lastwagen war schon ganz verrostet, die Motorhaube fehlte, und da wo einst der Benzinmotor gesessen hatte, befand sich nun ein Holzkohlegrill.

Qualmwolken stiegen von dem Grill auf. Der ehemalige Frachterkapitän Isaac, der Mann, der das Hotel D’Grub betrieb, stand zwischen den leeren Augenhöhlen, in denen einst die Scheinwerfer gesessen hatten, einen Palmwedel als Fächer in der Hand. Er war ein massiger Mann mit nacktem Oberkörper, schweißnass, aber mit munterer Miene unter seiner Skippermütze, obwohl ihn ein Feuerwerk aus orangeroten Funken bestürmte. Der Qualm wogte über den Grillrosten und ließ die backsteinrote Kirche dahinter gespenstisch schillern, ein Bild aus einem Traum.

»Wie geht’s, Alterchen?«, fragte Sarat.

Der Käpt’n drehte sich um. »Na, wenn das nicht die beiden einzigen echten Kerle in ganz Augusta sind! Jetzt macht schon Platz, Teufel nochmal!«, rief er und scheuchte zwei Collegejungen aus Atlanta auf, die in Liegestühlen beim Grill lümmelten. »Ein einziger Zoo hier, um diese Zeit im Monat. Ihr wisst ja, wie’s zugeht, wenn irgendwo Geld im Umlauf ist.«

»Halb so wild«, meinte Dana. »Wir gehen sowieso nach drinnen und räumen dir den Laden aus. Hab schon die ganze Woche nichts Ordentliches mehr gegessen.«

Der Käpt’n nickte. »Ja dann rein mit euch. Ich lasse euch gleich zwei Steaks bringen.«

Sarat lachte. »Geht doch nichts über euer Flugsteak hier. Schießt du die eigentlich selbst?«

»Ich schieße gleich dich ab, wenn du dein Schandmaul nicht hältst. Flugsteak ist besser als gar kein Steak.«

Der Käpt’n wies auf die großen spitzbogigen Fenster auf der Straßenseite der Kirche. Die Originalfenster waren schon vor langem zerschlagen worden, bei den Unruhen nach dem Massaker von Fort Jackson, und drinnen war alles geplündert worden, sogar die Bänke und die Fußbodendielen.

»Dein Freund Bragg ist übrigens auch da«, sagte er.

»Der alte oder der junge?«, fragte Sarat.

»Pah! Der Alte kommt doch nicht mal mehr zum Pinkeln aus dem Bett. Ich meine den Junior. Hat die ganze Bande dabei.«

»Scheiße«, sagte Sarat. »Der hat uns gerade noch gefehlt.«

Der Käpt’n wischte sich Schweißperlen von der Stirn und rieb die Hände an den Hosenbeinen. »Wenn der euch Ärger macht, sagt Bescheid. Dann komme ich und trete ihm in den Arsch, egal, wie vereint die Rebellen von seinem Daddy sind.«

Sie dankten dem alten Kapitän und gingen hinein. Abgesehen von den Backsteinmauern war von der Kirche kaum noch etwas übrig – nur noch die Worte UND STIEGEN HINAB IN DAS WASSER BEIDE, in einem Bogen an die Wand geschrieben, und darunter blass und hohl die Stelle, an der einmal ein strahlendes Kreuz gehangen hatte.

Der Käpt’n hatte eine Schwäche für ausgestorbene Tiere, Gattungen, die es einmal gegeben hatte, die sich aber an das immer noch anhaltende Fieber des Planeten nicht hatten anpassen können. Karibus, Moschusochsen, Seelöwen und Silberfüchse starrten aus den Glasaugen ihrer präparierten Köpfe zu den Gästen herab.

Der Speisesaal war voll. Der Geruch von Frittierfett und Sägemehl auf verschüttetem Bier hing schwer in der Luft. Die Tische standen kreuz und quer in dem, was einmal das große Kirchenschiff gewesen war. Hinten im Raum war eine ganze Armee von hektischen Hilfsköchen an Herden und blubbernden Töpfen zugange.

Die Zwillinge suchten den Saal nach einem freien Platz ab. Sofort merkte Sarat, wie alle Männer aufblickten und ihre Schwester anstarrten. Auf Anhieb war Dana der neue Mittelpunkt des Raums, Gebieterin selbst über die Luft dort drinnen. Sie zog die Jungen an wie ein Magnetpol Eisenspäne. Sarat wartete, dass einer von ihnen mehr tat, als nur zu starren; insgeheim hoffte sie darauf.

Sie fanden einen Tisch ganz hinten bei der Küche. Aber noch bevor sie Platz genommen hatten, stand schon ein Leibwächter von Adam Bragg jr. vor ihnen und lud sie ein hinüberzukommen.

»Uns gefällt es hier, wo wir sind«, sagte Sarat.

»Wir kommen gleich rüber«, entgegnete Dana. Als der Leibwächter wieder fort war, sah sie ihre Schwester an. »Nur ein paar Minuten«, sagte sie. »Nur aus Freundlichkeit.«

»Du weißt, dass es nicht bei ein paar Minuten bleibt«, murrte Sarat. »Warum sollen wir freundlich zu denen sein? Wir arbeiten nicht für ihn, wir haben den Vereinten Rebellen keine Treue geschworen, überhaupt niemandem.«

»Die Vereinten Rebellen sind mir egal, und die anderen auch. Aber jemand wie er ist nicht plötzlich weniger wichtig, nur weil wir ihm keine Beachtung schenken. Besser, wir haben ihn auf unserer Seite, für den Fall, dass wir eines Tages seine Hilfe oder die von seinem Daddy brauchen.«

»So eine Kacke«, sagte Sarat, schon im Aufstehen. »Nicht mal in Ruhe essen kann man bei den Kerlen. Komm, bringen wir’s hinter uns.«

Sie fanden den jungen Mann, der an diesem Tag seinen einundzwanzigsten Geburtstag feierte, an einem großen runden Tisch in einer Ecke des Raums. Es war der einzige Tisch im ganzen Laden, der ein Tischtuch hatte, und er war umringt von einer Schar Leibwächter, von Rebellensoldaten, Sympathisanten und Zaungästen.

Bei ein paar von den Leuten am Tisch wusste Sarat, wer sie waren: ein bekannter Schmuggler namens Henson; der stellvertretende Bürgermeister von Augusta; der Vorsitzende der Flusslotsengewerkschaft; und es waren noch drei Männer da, die ihren steifen, schlecht sitzenden Anzügen nach zu urteilen wohl von der Regierung in Atlanta kamen. Zum Gewirr der Loyalitäten im kriegerischen Süden gehörte, dass Vertreter der Vereinten Rebellen und der Freien Südstaaten sich nicht gern bei gemeinschaftlicher Geselligkeit sehen ließen, da sie ja zum Thema Frieden entgegengesetzter Ansicht waren. Aber in Augusta konnte man solche Regeln vorübergehend außer Kraft setzen.

»Guten Abend, die Damen«, begrüßte Bragg sie. »Hocherfreut, Sie zu sehen. Setzt euch, setzt euch.«

Die Schwestern bekamen Plätze nahe beim Gastgeber. Er machte sie mit den anderen am Tisch bekannt, laut genug, dass auch die Gefolgschaft ringsum im Bilde war.

»Das sind Dana und Sarat Chestnut«, erklärte er, »Überlebende des Massakers von Camp Patience und stolze Patriotinnen des Südens. Ich rechne es mir als Ehre an, sie zu meinen Freunden zu zählen.«

»Wunderbar, euch zwei zu sehen«, sagte einer der Anzugträger aus Atlanta. Bragg stellte ihn als Leiter der Pressestelle der Freien Südstaaten für den Bereich Nord-Georgia vor.

»Seid ihr nicht die Schwestern von Simon, dem Wunder von Patience?«

»Doch«, antwortete Sarat. »Und wessen Schwester sind Sie?«

Der Mann sah seinen Gastgeber an; das Lächeln erstarb ihm auf den Lippen.

»Genug geplaudert«, befand Bragg. »Lasst uns essen.«

Aus der Küche wurde eine lange Reihe von Schüsseln und Silbertabletts gebracht: Hühnerleber, gebratene Schweineschwarte, Reis mit Bohnen, Maischips und Mississippi-Kaviar, Rindfleisch, das eigentlich gar kein Rindfleisch war, sondern Taube, außen schwarz gebraten, innen rosa. Die Tischgesellschaft verfiel in ein gefräßiges Schweigen, nur Kaugeräusche und das Klappern von Besteck waren zu hören. In dieser Stille lehnte Bragg sich zu seinen beiden neuen Gästen hinüber.

»Ich höre, du warst oben in Halfway«, sagte er. »Stimmt das?«

Sarat schwieg.

»Na, immerhin hast du es überlebt. Das lässt sich nicht von vielen sagen, die mein Vater da hochschickt.«

Als alles aufgegessen war, wurde der Tisch abgeräumt, und neue Speisen wurden aufgetragen: Tabletts mit aufgeschnittenen Pfirsichen, Wasser- und Honigmelonen, Krüge mit Eiswasser und Limonade und Artillery Punch. Und so ging es weiter, bis alle am Tisch keinen Schluck und keinen Bissen mehr herunterbrachten.

Beschwipst erhob sich einer der Männer aus Atlanta und brachte lallend einen Trinkspruch aus. Zu Anfang ging es um den Kampfgeist des Südens, die große und vornehme Sache der Freiheit, aber bald verhedderte er sich dermaßen, dass Bragg schließlich eingriff: »Sagen wir doch einfach: Auf den Sieg des Südens.«

»Auf den Sieg des Südens!«, bestätigte der Mann. Alle am Tisch erhoben ihr Glas.

Bald danach verabschiedeten sich die Männer aus Atlanta. Ein paar von Braggs Leuten übernahmen ihre Plätze am Tisch. Darunter waren zwei von den Salt Lake Boys, Trough und Cornhill.

Sie waren zu sechst gewesen, als die Rebellen sie fanden: Kriegswaisen der Schlacht von Spanish Fork, wo Blaue, mexikanische Truppen und sogar ein paar irregeleitete Ganoven aus Texas gekämpft hatten bis zum Waffenstillstand, an der Stelle, die schließlich den nordwestlichsten Punkt des mexikanischen Protektorats markieren sollte.

Vermutlich waren es Mormonenkinder. In dem Durcheinander nach der Schlacht hatten die Rebellen sie versteckt auf einer Schweinefarm am Stadtrand gefunden und ihnen Namen nach den Stellen gegeben, an denen sie sie fanden. Am Ende nahm man sie mit zurück in den Süden, und sie bekamen ihren Platz im geschäftigen Umfeld der Familie Bragg.

Kellner kamen, räumten die Tische ab und brachten Zigarren und Brandy. Die Zigarren stammten von den untergegangenen Inseln der Karibik, teure Stücke, fast schon die letzten ihrer Art. Süß und schwer lag ihr Aroma in der Luft.

»Wisst ihr, mein Vater schickt mich her, weil er mir nicht traut«, erklärte Bragg, der sich weit zu den Zwillingen vorgebeugt hatte, mit der unbekümmerten Kameraderie der frisch Betrunkenen. »Angeblich damit ich dafür sorge, dass der Nachschub gut an den Blauen an der Küste vorbei und dann in die richtigen Hände kommt – damit ich ein Auge auf alles halte. Aber ich denke mir, er will nur, dass ich so wenig wie möglich in Atlanta bin. Hat Angst, dass ich ihn im Schlaf ermorde, der ganze Palastintrigenscheiß, der in den Köpfen von alten Männern rumgeistert.«

Bragg lachte. Er sah Dana an, beobachtete aber ihre Schwester. Er war ein Mann von einnehmendem Charme, wie man ihn fast nur bei Menschen findet, die in ein bequemes Leben hineingeboren werden oder denen es zugefallen ist, ohne dass sie etwas dafür getan haben. Lächeln war seine Grundeinstellung, ohne die Zähne zu zeigen, Augen wie Pistolenläufe, ganz als sei in jedem Augenblick das Objektiv einer Kamera auf ihn gerichtet. Er verfügte über eine sehr seltene und sehr nützliche Gabe, nämlich bei allem, was er sagte, den Eindruck des Vertraulichen zu erwecken, so als sei jedes Wort ein kostbares Geheimnis unter Freunden.

Andere kamen an den Tisch, wurden aber wieder fortgeschickt: Rebellen und angehende Rebellen und die Angehörigen von beiden, die auf einen Gefallen hofften; Hafenarbeiter und arbeitslose Flusslotsen, die ihre Dienste für die Schmuggelschiffe anboten; Flüchtlinge, die Unterkunft in den Slums von Atlanta suchten, Flüchtlinge, die von dort fortwollten.

Und dann gab es noch die Männer, die auf der Seite der Gruppen standen, die sich geweigert hatten, unter das gemeinsame Dach der Vereinten Rebellen zu schlüpfen – sie verfolgten dies alles von Tischen am anderen Ende des Raums aus, gemäß jenen haarfeinen Bruchlinien des gespaltenen Südens in Kriegszeiten.

Für Sarat war all das Unsinn, kleinliche Revierkämpfe zwischen Männern, denen die Selbstsicherheit fehlte. Kaum ein Tag verging ohne Nachricht von einem neuen Disput zwischen den Freien Südstaaten und den Vereinten Rebellen und den unzähligen unabhängigen Gruppierungen, die kleinere Territorien in den Kampfgebieten an der Grenze kontrollierten – Dispute darüber, wer die Schulen einrichten, wer die Steuern eintreiben sollte; darüber, wessen Toten der prominenteste Platz auf den Wandbildern zustand. Sie hatte gesehen, wie so etwas öffentlich geschah – in trotzigen, selbstgerechten Reden – und auch privat, pragmatisch, in den Hinterzimmern von Atlanta und Augusta. Sie sah, wie all diese Dinge getan wurden, und es widerte sie an. Diese Männer waren für sie nichts anderes als eitle, selbstsüchtige Kapitäne, die sich um die Grenzen auf längst veralteten Sternkarten stritten, während die Kanonenkugeln der feindlichen Armada ihren Schiffsrumpf zerfetzten.

Für Sarat Chestnut war die Rechnung ganz einfach: Der Feind hatte ihren Leuten etwas angetan, und dafür würde sie nun dem Feind etwas antun. Anders ging es nicht, das wusste sie. Vergossenes Blut bleibt vergossen.

»Na, jedenfalls wird der alte Herr sich freuen, dass du in Halfway mit dem Leben davongekommen bist …« sagte Bragg.

»Nicht so laut«, zischte Sarat. »Wollen Sie, dass der ganze Laden das mitkriegt?«

»Mach dir nicht so viele Sorgen«, entgegnete Bragg. »Du bist noch neu, noch ein Gespenst. Die Einzigen in dem Saal, die verstehen, wozu du dort oben warst, sitzen alle hier am Tisch. Und glaub mir, die lassen sich lieber die Zunge rausschneiden, als dass sie jemandem, für den das nicht bestimmt ist, etwas davon sagen.«

Er wandte sich an die beiden Salt Lake Boys neben sich. »Das stimmt doch, oder?«

Die Jungs blieben still. Sie saßen da wie in Wachs gegossen, kein Lächeln auf den Lippen, kein grimmiges Gesicht. Der Ältere von beiden trug einen Mittelscheitel – eine Kinderfrisur, mit der er jünger aussah als sein Bruder, dessen Haar kurzgeschoren war.

»Wisst ihr, dass ihre beiden älteren Brüder schon tot sind?«, fragte Bragg, als säßen die Jungs nicht am selben Tisch. »Einen haben sie bei einem Angriff auf eine vorgeschobene Operationsbasis bei Fayetteville geschnappt – weiß der Himmel, in welchem Höllenloch die Blauen ihn jetzt schmoren lassen, wenn sie ihn nicht schon umgebracht haben. Der andere hat die Bauernmontur angezogen und ist heimlich über die Grenze gegangen. Hat es bis rauf nach Kentucky geschafft, und da lässt er sich an einer Straßensperre erschießen, bevor er das blöde Ding auch nur zünden konnte.

Beides hatte mein alter Herr abgenickt. Keiner von den Jungs hatte in seinem Leben auch nur einen einzigen Schuss abgegeben, aber er hat sie trotzdem ziehen lassen.«

Bragg wandte sich wieder an Sarat. »Aber bei dir, da wollte er nichts davon hören. Konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mädchen da draußen kämpft. Wenn Gaines nicht so viel Einfluss auf ihn hätte, hätte er sich nie umstimmen lassen. Bestimmt will er dich sowieso sehen, dann kannst du es ihm noch mal erklären. Vielleicht gibt er dir eine zweite Chance.«

»Ich muss niemandem was erklären«, antwortete Sarat. »Ich habe mit deinem alten Herrn nichts zu tun. Der ist nicht mein Boss, und er ist auch nicht mein Vater. Ich muss ihn nicht um Erlaubnis fragen. Wenn du ihm etwas zu sagen hast, dann geh hin und sag es ihm selbst.«

»Um ehrlich zu sein, ich glaube, ich bleibe einfach sitzen, bis er stirbt«, sagte Bragg. Er wartete auf eine Reaktion der Schwestern, doch vergebens. »Wisst ihr, dass er sechsundfünfzig war, als ich auf die Welt kam? Sechsundfünfzig! Ja verflucht, zwischen uns liegt ein halbes Jahrhundert – wie soll ich mich denn da mit ihm verständigen? Der macht alles nach der alten Schule, er glaubt, er ist immer noch draußen in der Wüste, denkt, er kann kämpfen wie früher. Was der alles an Tradition mit sich rumschleppt – so viel kann man nicht abschütteln. Besser, man wartet ab, bis seine Zeit um ist, und ich kann nur hoffen, dass über Atlanta noch nicht das blaue Banner weht, wenn er endlich ein Einsehen hat und abkratzt.«

Johlen und Beifallklatschen von der anderen Seite des Raums unterbrach ihre Unterhaltung. Ein Gerücht machte in dem Speisesaal die Runde, und alle, die es vernahmen, antworteten mit glückseligen Flüchen und spendierten noch ein Glas.

»Was freut die denn so?«, wandte Bragg sich an einen der Leibwächter. Der Wächter erkundigte sich bei einer Kellnerin, kehrte zurück und flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr. Einen Augenblick lang blickte Bragg verdutzt. Er sah Sarat an.

»Das warst du?«

Zum ersten Mal an diesem Abend gestattete Sarat sich ein Lächeln.

»Heiliger Strohsack«, hauchte Bragg, und nun senkte er endlich die Stimme. »Du scheinheiliges Biest. Was du da gemacht hast, das krempelt den ganzen Krieg um.«

Sarat zwinkerte ihm zu.

Bragg wandte sich wieder an den Leibwächter. »Mach noch zwei Plätze im Citadel frei«, sagte er. »Jetzt haben wir wirklich was zu feiern.«


***

Vor dem Eingang des Citadel bildete sich eine lange Schlange, größtenteils junge Männer, die dem Kampf entgegenfieberten. Eine ganze Schwadron von Türstehern behielt die Menge im Auge; sobald jemand zu laut wurde oder Streit ausbrach, entfernten die Rausschmeißer auf der Stelle alle Beteiligten.

Ein paar fliegende Händler zogen an den Menschenreihen entlang. Einer verkaufte Pappbecher mit Joyful, der in den Häuserzeilen gleich nebenan gebraut wurde. Ein anderer bot Erdnüsse und Popcorn feil.

Die jungen Männer warteten, dass die Türen geöffnet wurden, und als es endlich so weit war, schubsten und drängelten sie auf dem Weg hinauf zu den billigen Plätzen.

Uffzehs wurden an jedem Monatswechsel um Mitternacht ausgetragen. Zu anderen Zeiten gab es noch weitere, kleinere Kämpfe im Citadel, aber nur in dieser einen Nacht kämpften zwölf Bewerber um das ganz große Geld. Manche Fans reisten eigens aus Mississippi an, um das größte aller Südstaatenschauspiele zu sehen, prügelnde Männer.

Das Citadel war früher die große Rotunde eines Museumsbaus gewesen. Der Fußboden des Kampfrings war gepolstert, aber die Polsterung war so dünn, dass jemand, der fest genug auf den Boden geschleudert wurde, die Marmorplatten darunter bis in die Knochen spürte.

Im Zentrum des Rundbaus stand eine eingezäunte achteckige Arena, die bis zur Empore des Obergeschosses hinaufreichte. Dort auf der Empore saß die Mehrzahl der Zuschauer. Aber im Parkett, direkt vor dem Kampfring, waren zwei Dutzend Plätze für die Prominenz von Augusta reserviert: Regierungsmitglieder, Stars aus Atlanta, ausländische Kapitäne, die das Wochenende in der Stadt verbrachten, und wer immer sonst genügend Geld oder Macht vorzuweisen hatte.

Bragg und die Chestnuts saßen auf diesen Plätzen, genau in der Mitte und nicht weit von den breiten Doppeltüren, durch die die Kämpfer bald eintreten würden. Von den Plätzen auf der Empore regnete es Popcorn und wüste Beschimpfungen.

Die Beleuchtung wurde gedimmt. Mit der Wucht eines Tieffliegerangriffs donnerte Rockmusik aus den Lautsprechern an der Decke.

Die Türen flogen auf, begleitet von tosendem Applaus. Die Kämpfer waren barfuß und nur mit Shorts bekleidet. Einige hatten Stirnbänder und Kompressionsbandagen an Armen und Beinen. Die Bandagen waren leuchtend bunt: rot, gelb und grün, verziert mit zuckenden Blitzen und Tigerzähnen und den Sternen des Südstaatenbanners. Die Tätowierungen der Männer zeigten Kreuze und Bibelverse, Klingendraht und die Namen ihrer Lieben. Beim Einmarsch in den Käfig hatten sie den Blick starr nach vorn gerichtet, als existiere die Menge gar nicht. Kurz darauf wurde es wieder heller, die Musik verstummte, und die Käfigtür wurde geschlossen. Die zwölf Männer musterten einander, machten sich für den Angriff bereit.

Es war eine Binsenweisheit, dass man ein Uffzeh nicht in der ersten Minute gewinnen konnte, aber auf vielerlei Arten verlieren. Wenn die Glocke ertönte, stürzten viele Kämpfer sich nicht auf den dem Augenschein nach schwächsten Gegner, sondern auf den langsamsten – jemanden, mit dem sie sich, ohne feige zu wirken, gefahrlos warmlaufen konnten, während sich bei den anderen die Reihen lichteten. Aber solche taktischen Überlegungen gingen nur selten auf, und oft kam es vor, dass zwei Männer, die denselben schwerfälligen Goliath aufs Korn genommen hatten, schließlich gegeneinander kämpfen mussten. Die Unberechenbarkeit des Sports sorgte dafür, dass jeder Dollar, den man auf einen Kämpfer setzte, ein mehr oder weniger blinder Einsatz war, und wenn es einem Kämpfer gelang, drei oder vier Wettbewerbe zu gewinnen, bevor er sich zur Ruhe setzte, galt er damit schon als Star.

Der Ansager verlas die Namen der Kämpfer. Zwei von ihnen waren Neulinge und vom Veranstalter wahrscheinlich nur deshalb aufgestellt worden, weil sie aussahen, als hätten sie ein Kinn aus Granit und genügend Kraft, um zumindest ein paar Minuten lang auf den Beinen zu bleiben, bevor sie zu Boden gingen.

Der Titelverteidiger war ein Neunzehnjähriger aus Hattiesburg namens Joshua, der unter dem Kampfnamen Wraith – Gespenst – antrat. Es hieß, er habe schon als Dreizehnjähriger mit den Sovereigns in Osttexas gekämpft – eine Lüge, die sein Manager in die Welt gesetzt hatte und mit der er nicht zuletzt einem anderen, von der gegnerischen Seite lancierten Gerücht entgegenwirken wollte, wonach der Champion in Wirklichkeit der Sohn von Nordstaatlern sei und in Erwartung des baldigen Kriegsendes bereits einen Vertrag mit einem Veranstalter in Pittsburgh unterschrieben habe.

Bei einem Sieg in dieser Nacht hätte Wraith drei aufeinanderfolgende Uffzehs gewonnen, eine beispiellose Siegesserie in einem Wettbewerb, bei dem der vorherige Gewinner bei seinem nächsten Auftritt in der Arena immer gleich von elf Gegnern aufs Korn genommen wurde.

Sarat interessierte sich nur für einen einzigen unter den Bewerbern, einen alten Kämpfer namens Taylor. Vor langer Zeit hatte sie seinen Namen gehört, in Camp Patience. Er hatte einmal dort gelebt, vor dem Massaker. Sie wusste nicht viel über ihn und seine Leute – ob sie mit ihm weggegangen waren, und wenn nicht, ob jemand von ihnen überlebt hatte. Sie wusste nur, dass er einmal im Sektor South Carolina gewohnt hatte und jetzt seit fast einem Jahrzehnt bei einem Sport dabei war, in dem die Karriere eines Kämpfers im Schnitt vier Monate dauerte, und sein Körper inzwischen schwer angeschlagen davon war. Sarat schenkte seinen Konkurrenten keine Beachtung und hatte nur Augen für ihn.

Die Glocke ertönte. Auf der Empore wurde gejubelt. Die Männer belauerten sich. Bei einem Uffzeh gab es nur drei Möglichkeiten, den Ring zu verlassen: man konnte aufgeben oder so schwer verletzt werden, dass der Rückzug durch die einzige Tür des Käfigs gerechtfertigt schien, oder man wurde bewusstlos geschlagen – wobei in letzterem Fall zwei Manegenclowns losgeschickt wurden und den Kämpfer aus dem Ring schleppen mussten.

Da sie wollten, dass der Uffzeh seine Anziehungskraft als wahrer Rebellensport des Südens behielt, hatten die Veranstalter kein großes Interesse, genaue Regeln zu fixieren, und strenggenommen waren die zwölf Männer, sobald sie den Käfig betraten, an keine festen Vorschriften mehr gebunden.

In Wirklichkeit aber gab es ein komplexes System von ungeschriebenen Gesetzen, die das Kampfgeschehen regelten: einen Ehrenkodex, der unfaire Schläge verbot und festlegte, wie lange ein Kämpfer sich dem Kampf entziehen durfte. Zum Beispiel sollte ein Konkurrent, der auf dem Weg zum Ausgang war, in Ruhe gelassen werden. Doch es gab keine förmliche Bestrafung, wenn jemand sich nicht an diesen Kodex hielt.

Der Kampf tobte weiter, aber es ging niemand zu Boden. Zum Zwölfminutengong waren alle zwölf Kämpfer noch auf den Beinen. Die Menge applaudierte für das Doppeldutzend, ein seltenes Ereignis. Doch nach fünfzehn Minuten hatte die Hälfte der Kämpfer den Käfig verlassen: vier aus eigener Kraft, blutverschmiert und humpelnd, zwei wurden bewusstlos von den Clowns herausgezerrt. Wie immer ging es dabei Schlag auf Schlag. Sobald sie sich nicht mehr vor der Schande fürchten mussten, als Erster den Ring zu verlassen, fiel die Schmerzgrenze der Männer steil ab, und diejenigen unter ihnen, die wussten, dass sie kaum eine Chance auf den Sieg hatten, waren geradezu glücklich, wenn jemand sie so in den Schwitzkasten nahm oder den Armhebel ansetzte, dass sie einen Grund zum Aufgeben hatten.

Bragg beugte sich hinüber zu Sarat. »Dein alter Nachbar hat einen schlimmen Fuß.«

Taylor aus Patience verlagerte alles Gewicht auf das rechte Bein, das linke war am Knöchel geschwollen und dunkelrot. Nur er, der Titelverteidiger Wraith und einer der Neuzugänge, ein Hüne namens Grayson, waren jetzt noch im Ring.

Wie gegen Ende jedes Uffzehs wirkte der Käfig, dessen Polsterung jetzt mit schon halb geronnenem Blut beschmiert war, zu groß für die verbleibenden Kämpfer. Instinktiv wichen die Männer einander aus und hielten einen Augenblick lang inne, um zu verschnaufen. Über Graysons rechtem Auge klaffte eine große Platzwunde; er wischte das Blut mit der Bandage am rechten Arm ab. Bald wurde die Menge ungeduldig und fing an, die Kämpfer auszupfeifen.

Taylor war der Erste, der sich bewegte. Er humpelte auf Grayson zu. Doch noch bevor er ihn erreichte, signalisierte der mit einer Handbewegung, dass er aufgeben wolle, und steuerte dem Ausgang zu. Von der Empore kamen laute Buhrufe, denn die Zuschauer fanden es empörend, dass ein Mann, der allem Anschein nach noch kampffähig war, sich zum Aufgeben entschlossen hatte. Sie bewarfen ihn mit Erdnüssen und Popcorn und beschimpften ihn als Feigling und Schande für die Arena. Grayson ließ sich nicht beirren. Rasch wurde er durch die große Doppeltür in die Garderobe der Kämpfer geführt, einen umfunktionierten Ausstellungsraum in den Tiefen des alten Museums, der einst Knochen von Dinosauriern beherbergt hatte.

Zurück blieben zwei Männer, und auch wenn der eine als Favorit in den Ring gegangen war, hatte der andere jetzt das Publikum auf seiner Seite. Einige jubelten ihm zu, weil sie wussten, dass der aussichtslose Herausforderer von dem Ort kam, an dem die Blauen ihr berüchtigtes Massaker verübt hatten, andere, weil sie wussten, dass er dreiundzwanzigmal erfolglos versucht hatte, beim Uffzeh zu gewinnen – ein Rekord. Die meisten aber feuerten ihn an, weil sie instinktiv Partei für den Außenseiter ergriffen. Die Tatsache, dass er gegen seinen jungen, kraftstrotzenden Gegner nicht die leiseste Chance hatte, machte ihn der johlenden Zuschauerschar nur noch sympathischer. Unwillkürlich erwarteten sie von ihm die gleiche heroische Unbeugsamkeit, die sie selbst – nach eigener Einschätzung – an seiner Stelle an den Tag legen würden.

Der Titelverteidiger kam näher. Er war drahtig, mit Adern, die sich deutlich unter der Haut abzeichneten. Der Herausforderer setzte alles daran, sich nicht anmerken zu lassen, wie schlimm es um ihn stand. Doch was ihn behinderte war mehr als der verletzte linke Knöchel – der ihn jetzt dazu zwang, auf der Stelle zu wippen und zu hüpfen. Er war bis ins Mark erschöpft, gebeugt unter der ganzen Last seiner früheren Kämpfe.

Der Champion erkannte seinen Vorteil und nutzte ihn. Ein schneller Tritt gegen das geschwollene Fußgelenk, und der Herausforderer ging zu Boden. Schnell warf sich der Champion auf ihn und zertrümmerte ihm mit drei schnellen Fausthieben das Nasenbein, genau da, wo man es ihm schon so oft gebrochen hatte.

In solchen Augenblicken, wenn beim Uffzeh nur noch zwei Männer im Ring waren, von denen einer offensichtlich am Rande der Niederlage stand, sorgte eine gebrochene Nase in der Regel für einen würdevollen Abgang. Der Herausforderer musste nichts weiter tun, als das Zeichen zum Aufgeben zu klopfen oder einfach regungslos liegen zu bleiben; beides würde die Menge ihm nicht übelnehmen. Der Titelverteidiger drückte seinen Gegner mit den Knien auf den Boden und wartete.

Doch der Herausforderer spielte nicht mit und versetzte seinem Gegner einen Fausthieb von unten. Der Champion war so verblüfft, dass er den Angriff nicht parieren konnte, und die Faust landete geradewegs an seinem Kinn, allerdings ohne viel Schaden anzurichten, denn viel Wucht hatte der Angreifer nicht mehr aufzubieten. Der Titelverteidiger antwortete mit einem weiteren Hagel von Hieben, bei denen der Kopf seines Gegners hin- und hergeschleudert wurde, als werde er sich gleich aus seiner Verankerung im Nacken lösen.

Wieder hielt der Champion inne, und wieder weigerte sich der Herausforderer zu kapitulieren. Aus seiner liegenden Position versuchte er, erneut zuzuschlagen, doch diesmal gelang es ihm nicht, die Faust zu ballen, und er traf seinen Gegner nur mit der flachen Hand an der Schulter.

Die Menge war verunsichert und verstummte, nervös bei dem Gedanken, dass der Champion unweigerlich die Geduld verlieren musste.

Doch der stand auf, ließ den Herausforderer einfach liegen, der Kopf umgeben von einem hellroten Glorienschein auf der Matte. Er ging an den Rand des Käfigs, dahin, wo die Trainer saßen, und hob ratlos die Hände.

»Worauf wartest du noch?«, fragte sein Trainer.

»Ich habe ihm die Chance zu einem guten Abgang gegeben«, erwiderte der Kämpfer. »Was soll ich denn jetzt tun, ihn umbringen?«

»Wenn er nicht umgebracht werden will, dann gibt er das Zeichen«, sagte der Trainer. »Tu gefälligst deinen Job.«

Während sie sprachen, rappelte der Herausforderer sich auf und humpelte auf dem unverletzten Fuß zum Rand des Käfigs. Mit seinem ganzen Gewicht – allem, was ihm jetzt noch blieb – stürzte er sich auf seinen Gegner und brachte ihn zu Fall.

Der stieß im Fallen einen Schmerzensschrei aus. Ein hervorstehendes Ende des Maschendrahts hatte ihm quer über die Brust eine tiefe Scharte gerissen. Blut strömte aus der klaffenden Wunde und spritzte aus der Manege.

Einen Augenblick später war der Champion wieder auf den Beinen. Wütend drückte er seinen reglosen Gegner mit den Knien zu Boden und schlug auf ihn ein, bis die Trainer und die Menge und alle, die sonst noch zusahen, wussten, dass er tot war.


––––

Die Lichter gingen an, die Menge zerstreute sich. Normalerweise verließen die jungen Männer, die Zeuge eines solchen Kampfes geworden waren, den Ort des Geschehens vollgepumpt mit Adrenalin und waren bereit, bei der geringsten Provokation in den Gassen südlich der Promenade eine Schlägerei anzufangen. Doch an diesem Abend war die Menge fast stumm und verschwand still im Imperial und den anderen Bars entlang der Reynolds Street.

Adam Bragg jr., mittlerweile sturzbetrunken, lud die Schwestern ein, mit zurück ins Woodrow zu kommen, wo er und seine Kumpane sämtliche Zimmer für das Wochenende gemietet hatten. Aber es war klar, dass sein Interesse nur einem der Zwillinge galt, und beide lehnten ab.

Sarat und Dana standen eine Weile auf der Promenade und blickten hinunter zu den Docks. Bei heftigen Winterstürmen spritzte die Gischt oft über die Ufermauer. An diesem Abend war das Wasser träge wie schwarzer Sirup. Von den schweren Frachtern, von denen die ersten längst in den Hafen hätten einlaufen sollen, war nirgendwo etwas zu sehen.

»Jemand im Citadel hat gesagt, eins der Hilfsschiffe ist draußen vor der Mündung auf Grund gelaufen«, erzählte Dana.

»Die sind doch jeden Monat hier«, erwiderte Sarat. »Wie können sie sich da so dämlich anstellen?«

»Der Meeresboden ist in Bewegung. Stellen, die in einer Saison tief waren, sind in der nächsten flach, und wenn man nicht jeden Tag da draußen ist, weiß man es nicht.«

Sarat beobachtete die Männer unten im Haus der Flusslotsen. Die Lichter brannten. Sie tranken, spielten Karten, vertrieben sich die Zeit, hofften, dass sie hinaus zur Mündung gerufen wurden, zum breiten Maul des Flusses bei den Ruinen der versunkenen Stadt Savannah. Andere machten sich bereits auf den Schleppern zu schaffen, die ausliefen, um den Frachter zu bergen, denn es war immerhin ein Tag Arbeit, und auch wenn die Flusslotsen mehr verdienten als fast jeder andere, der in Augusta einer legalen Beschäftigung nachging, konnten sie das Geld doch gut gebrauchen.

»Triffst du dich heute Abend mit deinem hübschen Verehrer?«, fragte Sarat.

»Das weißt du doch«, antwortete Dana. »Mach nicht so viel Aufhebens. Wir treffen uns einfach, mehr nicht. Wir haben unseren Spaß. Morgen früh, wenn du aufstehst, bin ich wieder da.«

»Er ist nicht mal ein richtiger Lotse.«

»Er macht die Ausbildung. Jeder muss erst mal lernen, bevor er was machen kann. Man braucht Lehrer.«

»Er ist nicht gut genug für dich.«

Dana lachte. »Zeig mir den Mann, von dem du das nicht sagst.« Sie ergriff die Hand ihrer Schwester und küsste sie. »Bis bald, meine Schöne.«

Sarat wusste, wo ihre Schwester die Nacht verbringen würde: im Gebäude der Fargo-Reederei an der 7. Straße. Ein Verwaltungsbau, der einen ganzen Straßenblock einnahm und die Unterkünfte für angehende Flusslotsen beherbergte, die Räume der Schifffahrtsbehörde, das Zollamt, das Wohnheim für ausländische Seeleute und die Büros der für das nördliche Georgia zuständigen Behörden des Freien Südens.

Sarat hasste diesen Ort. In Ihren Augen verkörperte er all das unnötige Beiwerk, mit dem die Bürokratie ihres Landes die eigene Existenz rechtfertigte. In Wirklichkeit waren die Zollbeamten korrupt, das Wohnheim ein nur oberflächlich getarntes Bordell, und das Zwischenlager im Untergeschoss wurde fast ausschließlich von Schmugglern genutzt.

Das Ganze war eine einzige Lüge – und die schlimmste Art von Lüge: eine Fassade von Normalität in Zeiten des Kriegs. Der Gedanke, dass ihre Schwester in dieses Gebäude ging – dass sie mit einem dieser langweiligen, lüsternen Jungen auf einer schmuddeligen Pritsche lag –, verursachte ihr Übelkeit.

Sie ging allein zum Belle Rebelle, um noch etwas zu trinken und dann schlafen zu gehen. Es war eine kleine Bar in einer der alten Häuserzeilen zwischen der 10. und 11. Straße. Im Obergeschoss hatte die Besitzerin Layla Denomme drei Zimmer. Manchmal vermietete sie sie, doch meist ließ sie Freunde und Stammgäste dort umsonst übernachten.

Laylas sechzehnjährige Tochter, die ebenfalls Layla hieß, bediente seit zwei Jahren an der Bar; sie musste sich auf eine Yuxi-Kiste stellen, damit sie besser über den Tresen schauen konnte. Sie kannte die Namen der Stammgäste, und von Sarat kannte sie mehr als das.

Die übliche Klientel des Belle Rebelle setzte sich überwiegend aus zwei Gruppen zusammen – die Ersten waren die Kriegsveteranen, viele davon verstümmelt. Sie hockten an den hinteren Tischen, schimmelten dort vor sich hin und tranken auf Staatskosten bis zur Besinnungslosigkeit. Die anderen waren Flussratten: Lotsen, Schlepperkapitäne, Männer, die im Schutze der Dunkelheit in kleinen Booten Schmuggelgut transportierten. Diese Gäste drängten sich alle an einem Ende der Bar vor einer großen Anzeigetafel an der Wand.

Auf der Tafel sah man die Position und den Status der Frachter, die sich näherten und in den Fluss einliefen. Immer wenn eins der Hilfsschiffe einen Lotsen oder ein paar Hafenarbeiter zum Ausladen brauchte, erschien eine Nachricht auf dem Bildschirm.

Diese einfache Anzeigetafel war für die Barbesitzerin Gold wert – die Frucht langjähriger Beziehungen zum Betreiber eines der wenigen funktionstüchtigen kommerziellen Satelliten, die es in diesem Teil der Welt noch gab.

An diesem Abend konnte man sehen, dass die Frachter, die mittlerweile längst flussaufwärts nach Augusta unterwegs sein sollten, sich hinter dem auf Grund gelaufenen Schiff stauten. Die Arbeiter nippten an ihrem mit Wasser verdünnten Joyful und verfluchten ihr Pech.

»Wenn er klug ist, bleibt er auf dem bescheuerten Frachter und betet, dass sie ihn mit zurück nach China nehmen«, meinte einer von den Flusslotsen. »Wenn er sich hier noch mal blicken lässt, hängen sie ihn an der Promenade auf.«

Sarat ging ans andere Ende der Bar, wo die ältere Layla mit den Ellbogen auf den Tresen gestützt saß und Frickles aß. »Hallo, Kleine!«, rief sie und fiel Sarat um den Hals. »Gaines hat erzählt, dass du bald vorbeikommst. Das ist ja eine Freude, dich zu sehen.«

»Wie ist es dir ergangen, Mama Layla?«, fragte Sarat.

Die Barbesitzerin zuckte mit den Schultern. »Geht so. Heute Abend ist nichts los. Jetzt heißt es, es kann noch zwei Tage dauern, bis sie das Schiff wieder flottkriegen. Die Ersten wollen schon anschreiben, können die Rechnungen des letzten Monats nicht bezahlen.«

»Ist es ein Unwetter da draußen, oder was ist los?«

»Nein, nichts dergleichen. Es gab zwar einen Sturm, hieß Walter, Kategorie sechs, kam vor vier Tagen vom Golf her rein, aber dem ist über dem Floridameer schnell die Puste ausgegangen. Jetzt ist es nur noch ein wenig Wind und Regen, hat den Kapitänen von den Hilfsschiffen vielleicht oben an der Grenze ein bisschen zu schaffen gemacht, aber nicht weiter schlimm.«

»Was hält sie dann auf?«, fragte Sarat. »Es kann doch nicht nur an dem einen Schiff liegen, das festsitzt? Haben die Blauen wieder die Kontrollen verschärft?«

Layla schüttelte den Kopf. »Es geht nur um das eine Schiff. Ist das zu glauben? Sie haben einen jungen Lotsen losgeschickt, einen Jungen namens Brunswick – hat erst seit einer Woche sein Patent, und sie lassen ihn das erste Hilfsschiff reinlotsen. Und was sagt man dazu – er nimmt die Karte vom vorigen Jahr und schickt sie zu weit nach Süden. Das erste Schiff der Monats, und er sorgt dafür, dass es am Hutchinson-Riff hängenbleibt.«

»Und sie sitzen einfach nur fest?«

»Schon seit dem frühen Abend. Die Schifffahrtsbehörden der FSS lassen die anderen nicht drumherum fahren. Wahrscheinlich weil sie endlich mal was haben, womit sie sich wichtigmachen können. Jetzt sitzen alle da und warten, bis sie das Schiff freikriegen und herschleppen.«

»Himmel«, schnaubte Sarat. »Die können nicht mal ein Boot in eine Flussmündung bugsieren, wie sollen wir da einen Krieg gewinnen?«

Sie nahm ein Stück aus der Schale mit dem frittierten Gemüse. Layla, die felsenfest schwor, dass man den Unterschied nicht schmecke, machte es mit Heuschreckenmehl. Aber Sarat hätte dagegen geschworen, dass man ihn sehr wohl schmeckte. Es war ein muffiger Nachgeschmack, etwas von Spülwasser auf der Zunge.

Layla ließ von ihrer Tochter einen Krug Joyful bringen. Das Mädchen goss Sarat einen Becher voll ein.

»Wie geht’s mit den Jungs drüben?«, fragte die Mutter und wies auf die Flussratten am anderen Ende der Bar.

»Sie fragen, ob sie auf die Schiffe vom nächsten Monat anschreiben lassen können, falls die hier einfach kehrtmachen.«

»Was hast du geantwortet?«

»Du weißt, was ich geantwortet habe.«

»Braves Mädchen.«

Die jüngere Layla kehrte wieder zurück ans andere Ende der Bar. Sarat sah ihr nach. Sie trug ihr Haar in einem dicken, geflochtenen Pferdeschwanz. Dahinter, im Nacken, hatte sie ein kleines Tattoo mit den Umrissen des Staates Georgia, von dem ihre Mutter noch nichts wusste.

»Wie geht es bei euch zu Haus?«, fragte die ältere Layla.

»Alles in Ordnung«, antwortete Sarat. »Gaines’ Freund Dr. Heller war vorigen Monat wieder da, hat erzählt, dass der Rote Halbmond eine Kooperation mit denen im Norden ausgehandelt hat; sie können verwundete Südstaatler jetzt auch in die guten Krankenhäuser in Pittsburgh schicken. Ich habe ihm geantwortet, eher lasse ich Simon krepieren.«

»Was ist denn Schlimmes daran? Du verrätst doch damit nicht deine Leute oder so was. Was, wenn sie in den Hospitälern da oben irgendwas haben, was ihn gesund macht?«

»Wenn sie in ihren Hospitälern da oben nicht gerade eine Zeitmaschine haben, dann gibt es nichts mehr, was ihn wieder gesund macht.«

Layla seufzte. Sie goss sich ein Glas Joyful ein. »Was ist mit den Briefen? Gaines sagt, du schickst sie zurück.«

»Wir brauchen kein Geld von denen«, sagte Sarat. »Woche für Woche kommen Spenden aus dem ganzen Freien Süden. Von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne – bei manchen weiß ich, dass sie nicht mal einen Nachttopf besitzen, und trotzdem schicken sie uns Umschläge mit Geld, als ob wir eine Kirche sind oder so was. Wir sind keine Kirche, und wir brauchen ihre Almosen nicht.«

Layla lachte. »Das weiß ich doch, Liebes. Das habe ich gleich gesehen, schon im Augenblick, in dem Gaines dich mir vorgestellt hat. Aber du musst dir klarmachen, dass es dabei nicht um euch geht. Es geht um sie. Glaubst du wirklich, diese Leute sind so dumm und wissen nicht, dass sie arm sind? Natürlich wissen die das. Und sie schicken euch trotzdem das Geld, weil es ihnen so viel bedeutet, dass sie etwas mit euch gemeinsam haben.«

»Was wissen die denn schon über uns?«, entgegnete Sarat. »Was sie in den Zeitungen lesen? Was die FSS-Politiker auf den Kundgebungen sagen? Die wissen so wenig, sie könnten ihr Geld genauso gut an ein Loch im Boden schicken.«

»Es gibt nicht viel, was sie wissen müssen«, beharrte Layla. »Nur, dass ihr geläutert seid. Du und deine Schwester und euer Bruder. Ganz besonders euer Bruder. Ihr seid geläutert durch das, was man euch in Patience angetan hat. Die Politiker und die Rebellen und sogar die Prediger, die sagen vielleicht die richtigen Dinge, aber sie sind nicht geläutert so wie ihr. Deshalb schicken sie euch Geld, deshalb schreiben sie euch Briefe und sagen, dass sie euch in ihre Gebete einschließen. Weil ihr geläutert seid.«

»Aber das ist nicht wahr«, sagte Sarat.

»O doch, das ist es. Es mag nicht vernünftig sein. Es mag nicht fair sein. Aber wahr ist es.«

»Wenn sie so gern geläutert sein wollen, warum sitzen sie dann zu Hause und schreiben Briefe? Warum sind sie nicht draußen und kämpfen, warum sagen sie nicht wenigstens, dass sie stolz auf den Süden sind, stolz auf ihre eigenen Leute? Immer wenn ich in den J-Con oder sonst eine Zeitung des Südens schaue, steht da schon wieder eine Meldung über die nächste Umfrage, die belegt, dass immer mehr Leute im Land sich auf die Seite dieser Feiglinge von den FSS mit ihrem verlogenen Friedensplan schlagen – einem Plan, der für uns nichts weiter als das Recht auf Freizügigkeit in unserem eigenen Land fordert. Wenn es ihnen so wichtig ist, dass sie geläutert werden, was immer das heißen soll, dann sollten sie die Feiglinge in Atlanta aufhängen, mit dem Futter ihrer Hosentaschen im Maul.«

Ein Juchzer kam vom anderen Ende der Bar. Zuerst dachte Sarat, die Leute vom Fluss hätten ihre Rede mit angehört, aber es war ihre Freude darüber, dass die Schiffe sich wieder bewegten. Der rote Fleck, der am Hutchinson-Riff zu sehen gewesen war, war grün geworden, und die im Osten wartenden Frachtschiffe sah man nun in Richtung Flussmündung ziehen. Die monatliche Parade der Hilfsschiffe begann.

»Den Kredit brauchen wir dann doch nicht, Schätzchen«, rief einer von den Dockarbeitern, schon auf dem Sprung.

»Hättet auch keinen gekriegt«, antwortete die jüngere Layla.

Der Hafenarbeiter warf ihr im Hinausgehen eine Kusshand zu, und sie zeigte ihm dafür den Stinkefinger.

Bald war es still in der Bar, bis auf das Murmeln der Kriegsveteranen. Die Männer – ein halbes Dutzend an diesem Abend – waren zehn bis zwölf Jahre älter als Sarat, sahen aber älter aus. Sie wusste nicht viel über sie: der mit den Beinstümpfen hieß Nathan Soundso. Sein Nebenmann trug den Namen Jeb und war linksseitig gelähmt. Andere, die an diesem und anderen Abenden in den dunklen Ecken des Belle Rebelle tranken, hatten andere Schäden davongetragen, manche Wunden waren sichtbar, andere nicht.

Die ältere Layla zeigte auf die Männer. »Du suchst Leute, die den Krieg bis zum Letzten verteidigen? Sprich mit denen da drüben. Für die wird der Krieg nie zu Ende sein. Die Leute, die euch diese Briefe schicken, ich wette, die meisten von denen haben bisher keine solchen Schäden davongetragen. Mag sein, dass sie mal mit dem Krieg in Berührung gekommen sind, einen Freund verloren oder von einem Massaker gehört haben, aber das ist nicht dasselbe. In Wahrheit leben sie auf der anderen Seite des Flusses, nicht auf eurer, sie haben nicht das erlebt, was ihr erlebt habt. Und sie wollen es auch nicht. Sie sind nicht so jung wie du; die meisten von ihnen sind alt genug, um sich zu erinnern, wie es früher war, als noch Frieden herrschte. Und wenn du den gekannt hättest, würdest du dich auch danach zurücksehnen.«

»Er kommt nicht zurück«, sagte Sarat. »Wenn sie träumen wollen, ist das ihre Sache.«

Layla schloss Sarats Hände in die ihren. Ihre Handflächen strahlten eine Wärme aus, die aus ihren Augen zu kommen schien. »Mag sein«, sagte sie. »Mag sein. Aber lass mich dich eines fragen, und antworte ehrlich: Wenn sie eine Zeitmaschine hätten, in dem Krankenhaus da oben im Norden, und wenn du eine Chance hättest zurückzureisen – zurück in die Zeit, als nichts von dem, was dir zugestoßen ist, geschehen war, in eine völlig andere Welt, in der es niemals Krieg gegeben hat –, würdest du das denn dann nicht tun?«

»Spielt doch keine Rolle«, sagte Sarat. »So etwas wird es niemals geben.«

»Aber nur mal angenommen …«

»Es ist unmöglich.«

Die Barbesitzerin lächelte. Es war ein trauriges Lächeln, und dahinter argwöhnte Sarat etwas wie Mitleid. »Es ist schon spät«, sagte sie. »Sie werden die ganze Nacht draußen an den Docks sein und die Schiffe entladen, morgen kommen die Händler von den Textilfabriken, und dann geht es drei Tage lang rund.«

Sie reichte Sarat einen Schlüssel. »Versuch, ein bisschen zu schlafen«, sagte sie. »Das Zimmer ist bereit, genau wie du es magst.«

Sarat dankte ihr. Sie umarmten sich, und Layla machte sich auf den Weg zu ihrem eigenen Haus, etwa zehn Blocks von der Promenade entfernt, nach Süden hin fernab vom Lärm des Flusses.

Die jüngere Layla läutete die Glocke: letzte Runde. Sarat trank ihren Joyful aus und erhob sich schwankend. Sie stieg die Treppe hinauf, vorbei an den Männern, die sich bereitmachten für den Weg in die billigen Absteigen und die alten Veteranenheime, in denen jetzt Bürgerkriegsveteranen wohnten. Auf dem Weg nach oben warf sie der jüngeren Layla einen herausfordernden Blick zu, aber Layla sagte nichts.

Das Zimmer im Obergeschoss war klein. Als Bett diente eine stählerne Koje von einem Kriegsschiff der Südstaaten. Das Gestell war auseinandergesägt und zu einem improvisierten Doppelbett aufgestellt worden. Die braun gestrichenen Wände verschluckten das Licht der Lampe. An der Decke drehte sich holpernd ein Ventilator, die Bambusflügel waren verzogen. Durch ein kleines Fenster blickte man auf die Promenade, die Docks und den Fluss.

Sarat roch an den Laken. Sie waren frisch gewaschen und dufteten nach Jasmin. Es war immer das Erste, was sie tat, wenn sie im Belle Rebelle übernachtete; Bettwäsche, die nach anderen Menschen roch, fand sie widerlich. Wenn sie es bemerkte – auch nur die leisesten Spuren eines fremden Körpers –, zog sie das Bett ab und schlief auf der blanken Matratze oder auf dem Fußboden, wo der Staub alle anderen Gerüche überlagerte.

Auf dem Nachttisch stand ein altes Abspielgerät für Musik, eins von denen, die die Lieder selbst speichern, statt sie aus dem Äther zu fischen. Es stammte aus dem Besitz von Laylas Mutter und hatte jene wertlose Zwischenstufe zwischen neu und antik erreicht – es war einfach nur alt.

Sarat suchte nach einem Titel, den sie früher einmal gehört hatte, eine langsame Nummer, die ihr gefiel. Das Gerät hatte eine kleine Anzeige an der Vorderseite, aber die funktionierte schon lange nicht mehr. Stattdessen horchte sie einfach und sprang von Titel zu Titel, bis sie den gewünschten fand. Aus den Lautsprechern erklangen whiskyumwölkte Klaviernoten. Eine Melodie wie ein zerfetztes Nachthemd. Du gingst wie Honig durch meinen Traum letzte Nacht.

Sarat zog sich aus. Sie drapierte ihr Shirt über den Lampenschirm, und das weiche, bernsteinfarbene Licht färbte sich blutrot. Das Hemd war bedruckt mit der Flagge von South Carolina, auf rotem Hintergrund anstelle von Blau.

Sarat lauschte. Die junge Layla kam mit leichtem Schritt die Treppe herauf. Sie öffnete die Tür. Ohne ihre Schürze wirkte sie noch kleiner, eine milchweiße Erscheinung in Sarats düster dräuendem Schatten. Sie schloss die Tür hinter sich.

»Komm her«, sagte Sarat.

»Sag es netter«, erwiderte Layla.

»Nein.«

Sarat lächelte. Sie wollte von Layla, dass sie nicht klein beigab, und Layla wusste, dass Sarat das wollte. Weil es das, was als Nächstes kam, süßer machte, die Härte versüßte. Und Härte war das, wonach Sarat sich sehnte. Ihr ging es nicht um Liebe an sich, sondern um das Wechselspiel von Geben und Nehmen; die dürre Rauheit ihrer Zunge, wie sie über Laylas Haut raspelte, die Gänsehaut, die sie als Belohnung bekam. Sie wollte, dass sie die Liebe spürte, wie ein Knochen es spürt, wenn er bricht, wollte, dass sie Schreie in einer Sprache ausstieß, von der sie gar nicht wusste, dass sie sie kannte, Geheimworte, die ihre Lippen in die Tiefe des dämpfenden Kissens versenkten. Sie wollte den Schmerz, und sie wollte, dass Layla den Schmerz wollte.

Die Geräusche der beiden drangen durch das verwitterte Schlafzimmerfenster nach draußen, wo sie übertönt wurden von der Geschäftigkeit der Docks. Draußen waren die Flussratten zugange, machten Kräne und Lastwagen bereit. Bald würden die Hilfsschiffe einlaufen, Trockennahrung, Zeltplanen und Wolldecken würden ihren Weg durchs Land der Roten antreten. Und im Gegenzug würden die Schiffe in den Tagen darauf ihre Beute aus dem großen Tauschgeschäft an Bord nehmen: Kiste um Kiste mit Kleidung aus den Textilfabriken des Südens; billige Elektronik aus den Ausbeuterbetrieben an der Küste von Alabama; Obst und Gemüse aus den Gewächshochhäusern von Atlanta. Dann, wenn das Geben und Nehmen getan war, würden die Schiffe auslaufen, und in Augusta würde wieder Ruhe einkehren.

Das Echo von Laylas Herzschlag bebte in den Sprungfedern. Sarat wälzte sich auf die Seite, kehrte ihr den Rücken zu. Langsam, teilnahmslos drehten sich die Flügel des Ventilators.

Sie spürte, wie Laylas Finger an ihrem Rücken eine Narbe entlangfuhr. Die Spur war schmal und lang, verlief von der linken Schulter bis hinunter zur Mitte des Rückens.

»Wo hast du das her?«, fragte Layla.

»Keine Ahnung«, antwortete Sarat.

»Hast du wohl. Du willst es mir bloß nicht sagen.«

»Stimmt.«

Layla setzte sich im Bett auf. Sie beugte sich vor, hob ihr Shirt vom Boden auf und zog es über. Am Hals war es nun ein wenig weiter, da wo Sarat es ihr vom Leibe gerissen hatte. Draußen auf der Promenade blinkte eine große Laterne. Ein Strahl drang durch das Schlafzimmerfenster und tauchte Layla einen Moment lang in gleißend helles Licht, so dass die Stellen, an denen ihre Haut wund und gerötet war, für einen Augenblick weiß und unberührt wie Porzellan aussahen, wieder wie neu.

»Das ist mein letztes Jahr hier«, sagte sie. »Im Januar bin ich weg.«

»Und wo willst du hin?«, fragte Sarat, immer noch mit dem Rücken zu ihr.

»Runter in den Süden, nach Valdosta, wo meine Mutter aufgewachsen ist. Ihre ganze Familie lebt noch da.«

Sarat schnaubte. »Alle Welt versucht, so schnell wie möglich von der Südküste wegzukommen, und ausgerechnet dahin willst du zurück?«

»Da ist es immer noch besser als hier«, antwortete das Mädchen. »Ich will doch nicht den Rest meines Lebens besoffene Flussratten bedienen und ihre Kotze wegwischen. Eines Tages wache ich auf und stelle fest, dass ich jetzt die ältere Layla bin. Da unten muss ich mir wenigstens nicht jeden Tag Gedanken machen, ob die Blauen schon in der nächsten Nacht aus Tennessee kommen und die ganze Gegend abfackeln.«

»Die Blauen kommen nur deswegen nicht bis runter nach Valdosta, weil es da nichts gibt, was das Abfackeln lohnt«, sagte Sarat. »Und was willst du machen? Auf einer von diesen vergammelten Farmen arbeiten? In einer Textilfabrik?«

»Schon möglich.«

Sarat schüttelte den Kopf. »Himmel«, sagte sie. »Du bist noch so jung.«

»Na, du vielleicht nicht?«

Sarat wälzte sich wieder zu ihr hin. »Dreh dich mal«, sagte sie.

Layla gehorchte. Sarat streifte ihren Pferdeschwanz zur Seite und küsste die Stelle, wo der Umriss von Georgia in Laylas Nacken eintätowiert war. »Lauf davon, wohin du willst«, sagte sie. »Aber heute Nacht gehörst du mir.«

»Ich gehöre niemandem«, entgegnete Layla. Aber sie blieb noch eine Weile liegen, unter dem Ventilator, dessen Flügel sich weiter drehten.

Dann war sie fort, und Sarat schlief. Sie träumte von Patience, von dem Messer, das ihr zu früh aus der Hand geglitten war. In dem Traum fesselten die Blauen sie und nahmen sie mit in den Norden, an eine Stelle im Wald. Sie gruben ein Erdverlies für sie, tief im Boden, ein dunkles Loch, aus dem sie nicht herauskonnte. Es war immer derselbe Traum. Nacht für Nacht schloss sie die Augen und kehrte in diesen trockenen Brunnen zurück, hilflos und blind und allein.

Sie wachte auf, mit dem Albtraum noch in den Knochen. Einen Moment lang wälzte sie sich auf der Matratze, doch dann streichelte eine warme Hand ihr die Stirn, und eine Stimme sagte: Ganz ruhig, meine Schöne, ganz ruhig.

Sie ließ sich beschwichtigen von den Atemzügen ihrer Schwester und roch die Haut ihrer Schenkel. Sie ließ das Wiegenlied über sich dahinströmen – ganz ruhig, meine Schöne, ganz ruhig. Aber die Augen hielt sie geschlossen, denn sie wusste, dass die Stimme und der Geruch und die Berührung ihrer Schwester nicht real waren. Es waren Phantasiegebilde, von ihrem Verstand heraufbeschworen, um den Nachgeschmack des Albtraums zu vertreiben. Wenn sie schließlich die Augen aufschlüge, würde ihre Schwester nicht da sein.


***

Draußen in den Docks herrschte geschäftiges Treiben. Den ganzen Vormittag hatten die Arbeiter die Kisten ausgeladen. Am Mittag, als Sarat schließlich doch die Augen öffnen musste, hatte bereits der Strom in die Gegenrichtung eingesetzt.

Sarat ging ans Fenster. Die Luft war stickig, obwohl der Ventilator sich weiterhin drehte. Immer noch nackt, stemmte sie das Fenster auf, um ein wenig frische Luft vom Savannah zu schnuppern. Im klaren Licht des Tages sah die Promenade alt und verwittert aus. Ein paar Schnapsleichen lagen in ihrem Erbrochenen und schliefen. Ein Frachter versperrte die Aussicht auf den Fluss, aber am anderen Ufer konnte Sarat trotzdem das große Märtyrerbild sehen.

Es war ein Wandbild, auf einen Abschnitt der Carolina-Quarantänemauer gemalt, etwa zehn Häuserblocks lang. Hier waren Porträts von all denen versammelt, die für den Süden gestorben waren. Nicht das kleinste Stückchen Beton war zwischen den unzähligen Zeichnungen und Fotografien mehr zu sehen. Fast tagtäglich wurden Überlebende von Angriffen des Nordens mit Booten auf die andere Flussseite gebracht, damit sie die Bilder ihrer Liebsten dort an die Wand malen oder kleben konnten.

Nur die Toten durften diese Wand zieren. Im Laufe der Zeit wurde das Ritual so populär, dass die Jungs, die die Boote betrieben, Leitern darauf montierten, damit auch die obersten Bereiche noch erreicht werden konnten. Die Soldaten der Roten sahen von ihren Wachtürmen aus zu, und ganz gleich, wie groß die Gefahr schien, dass ein Hinterbliebener über die Mauer ins verseuchte South Carolina stürzte, sie griffen nie ein. Am Ende war die Quarantänemauer im Zentrum von Augusta vollständig bemalt, und das Wandbild wuchs nun flussauf- und flussabwärts weiter.

Allenfalls ganz besondere Anlässe wie das Massaker von Camp Patience erlaubten nun noch, Porträts von neuen Opfern auf den alten Teil des Wandbilds in Augusta zu kleben. Das Bild im Mittelpunkt, das wussten alle, durfte niemand anrühren. An diesem heiligen Ort prangte ein großes Porträt von Julia Templestowe.

Ein beschwipster Hafenarbeiter torkelte pfeifend, ohne Hemd über die Promenade. Er war noch neu im Geschäft, hatte gerade seinen ersten Arbeitstag in den Docks gefeiert. Er trug einen Wikingerhelm für Kinder mit leuchtend grünen Plastikhörnern. Als er am Belle Rebelle vorbeikam, blickte er nach oben und sah Sarat, wie sie dort oben nackt am Fenster stand. Er blieb stehen und starrte sie an, traute anscheinend seinen Augen nicht. Schließlich machte Sarat eine abrupte Bewegung nach vorn, als wolle sie sich auf ihn stürzen. Er zuckte zusammen, taumelte rückwärts und wäre beinahe von der Promenade auf den Hafenkai darunter gestürzt. Sarat zwinkerte dem verdatterten Jungen zu. Dann schloss sie das Fenster.

Sie zog sich an und ging nach unten. Die Bar war leer. Sie nahm sich etwas zu trinken und aß die abgestandenen Frickles vom Vorabend, dann ging sie.

Am Hafen herrschte nun wieder ebenso reges Treiben wie in der Nacht zuvor, aber es war eine andere Art von Betriebsamkeit. Jetzt waren alle bei der Arbeit. Am Abend, wenn die Geschäfte für diesen Monat getan waren und die Hilfsschiffe zurück in Richtung Atlantik fuhren, würde Augusta von neuem ausgelassen feiern, und die Dockarbeiter würden mit ihrem frischverdienten Geld um sich werfen. Dann würde nach und nach wieder Ruhe einkehren, bis in der dritten Woche des Monats die Hälfte der Bars sich nicht einmal mehr die Mühe machte zu öffnen.

Sie fuhr per Anhalter zur Küste, auf einem der Lastwagen, die auf dem Savannah-Highway pendelten und Hafenarbeiter, ausländische Seeleute und Pakete von und nach Augusta brachten.

Am späten Nachmittag traf sie an der Garden-City-Bucht ein. Die Stelle, an der der Fluss in den Ozean mündete, war ein trostloser Ort, aber er hatte auch seinen eigenen Reiz. Hohe Kaimauern säumten das Ufer. Hier hatten viele Speditionsfirmen ihre Kontore, und von hier aus brachen die letzten Schatzsucher auf zu ihren Beutezügen ins Herz der versunkenen Stadt Savannah.

In der Ferne, sechs Meilen vor der Küste, markierten Leuchtbojen die Grenze, jenseits derer die Blauen das Meer kontrollierten. Ihre Küstenwacht fuhr Patrouille, und sobald ein Hilfsschiff kam, geleiteten sie es zu einer großen schwimmenden Zollplattform, wo es von Soldaten durchsucht wurde.

Am äußersten Rand des Gebiets der Roten, in der Nähe der Feuerschiffe, die den Weg zur Flussmündung wiesen, gab es eine weitere, kleinere Plattform. Auf ihr stand eine winzige Hütte, zusammengeschweißt aus Transportcontainern.

Es war ein Café, betrieben von einem Mann namens Prince Wendell, der bald hundert Jahre alt war und sein gesamtes Leben an der Küste von Georgia verbracht hatte. Er war bekannt als der letzte Verweigerer der großen Wanderung, der Letzte, der auf seinem Land aushielt, selbst als das Land schon gar nicht mehr da war.

Seit beinahe achtzig Jahren führte er dieses Lokal – obwohl mittlerweile fast blind, war er nicht bereit, sich auf dem Festland zur Ruhe zu setzen. Das Café öffnete nur an den ersten drei Tagen eines jeden Monats; an diesen Tagen waren seine Kunden Flusslotsen, ausländische Seeleute und Soldaten aus dem Norden, die mit den Zollschiffen auf Patrouille waren.

Jeden anderen Südstaatler hätte man aufgehängt, wenn er Blaue bedient hätte, aber Prince Wendell war so alt und starrsinnig, dass man ihm die Narrenfreiheit ließ, weiter im Frieden seiner Jugend zu leben, und sein winziges schwimmendes Café war der einzige Ort des vom Krieg zerrissenen Landes, an dem zwischen Nord und Süd stillschweigend Waffenstillstand herrschte.

In einem Lagerhaus am Ufer, Kai 21, hatte Albert Gaines ein Sea-Tok liegen. Auf diesem winzigen Boot fuhr Sarat nun hinaus aufs Meer.

Es herrschte eine verschlafene Stimmung rund um Prince Wendells Café. Sie hatte diesen Ort und diesen Termin für ein Treffen mit ihrem Informanten gewählt, weil sie sicher sein konnte, dass um die Zeit wenig Betrieb an der Flussmündung war. Am Abend würden die ersten Hilfsschiffe den Rückweg auf die andere Seite der Welt antreten, und es würde wieder zu Rückstaus an der Küste kommen, weil die Blauen die Frachter nach blinden Passagieren durchsuchten. Aber in den wenigen Stunden bis dahin herrschte Flaute.

Sarat legte am Fuß der Plattform an und kletterte die Leiter hinauf. Ein Neonschild »Geöffnet« sirrte an der Tür. Im Inneren hingen Bilder der alten Stadt Savannah und von Prince Wendells Elternhaus.

Sarat hatte schon viele Wände mit solchen Bildern gesehen – Fotos, die von ihren Besitzern mit geradezu religiöser Ehrfurcht behandelt wurden, als ob die Erinnerung an etwas, wenn man sie nur ehrfürchtig genug pflegte, dieses Etwas wieder zum Leben erwecken könne.

Prince Wendell saß an der Theke. Eine Zeitlang starrte er zur Tür und mühte sich, seinen Gast zu erkennen. Als Sarat nahe genug herangekommen war, lächelte er.

»Julia!«, rief er. »Wie schön, dich zu sehen!«

Sarat umarmte den alten Mann; wie viele ihrer Bekannten in und um Augusta kannte er sie nur unter falschem Namen. »Wie geht’s, Chef?«

»Kann nicht klagen«, antwortete Prince Wendell. »Läuft gut diesen Monat. Sturm hat uns knapp verschont. Aber der letzte Monat, meine Güte, der war schlimm.«

Er beschrieb ihr weiter den Sturm des Vormonats, während er in die Küche ging, um für seinen Gast eine Tasse Kaffee zu holen. Sarat setzte sich an den Tisch, der dem Tresen am nächsten stand, und wartete. Bald hörte sie ein weiteres Fahrzeug unten anlegen. Ein Soldat der Blauen kam die Leiter heraufgeklettert.

Auch wenn sie sich noch so oft sahen, war der Anblick der Uniform ihres Informanten aus solcher Nähe doch immer wieder ein Schock für Sarat, sie spürte es tief in ihrem Bauch.

Der Soldat trat ein. Er begrüßte Prince Wendell, und bald war der Alte wieder in der Küche zugange, machte für den Soldaten das zurecht, was er jedes Mal bestellte.

Der Soldat setzte sich zu Sarat an den Tisch. Einmal jeden Monat trafen sie sich so, kurz, immer nur ein paar Minuten. Und jeden Monat bestaunte sie seine Erscheinung – staunte darüber, wie er gleichsam über Nacht zum Mann geworden war, wenn auch immer noch ein schmächtiger. Er hatte überlebt, er war am Leben geblieben; das war doch das Einzige, was zählte.

»Du hast ihn erwischt«, sagte Marcus Exum. »Die Leute reden über gar nichts anderes mehr. Das höchstrangige Opfer der Blauen seit Jackson, als sie den Präsidenten umgebracht haben.«

»Ohne dich hätte ich das nicht geschafft«, sagte Sarat.

Marcus schaute über Sarats Schulter hinweg zur Tür.

»Erwartest du noch jemanden zum Kaffeeplausch?«, fragte Sarat.

»Nein. Aber man weiß nie, wer vorbeikommt.«

Marcus schob ihr über die Tischplatte eine Zigarette zu. »Einzige Info, die ich diesen Monat bekommen konnte. Es ist ein Konvoi, vier leichte Panzerwagen. Sie kommen bis an die Tennesseegrenze bei Russell Cave. Ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium soll dabei sein, lässt sich die Front zeigen.«

Sarat betrachtete die Zigarette und sah, dass auf der Innenseite des Papiers etwas geschrieben stand, dazu eine Lageskizze. »Danke«, sagte sie.

»Kann ich dich um einen Gefallen bitten?«, fragte Marcus.

»Klar.«

»Halt dich mal ein Weilchen bedeckt. Es heißt, wegen Halfway gibt es Vergeltungsmaßnahmen. Sie schanzen dem Sohn von dem General den Posten als Kriegsminister zu, da sind sich alle sicher. Und der wird die ganze Front auseinandernehmen. Ich weiß nicht wann oder wie, aber glaub mir, er tut es.«

Sarat legte ihrem Freund die Hand auf die Schulter. Sie spürte die Streifen auf der Schulterklappe, das Zeichen seines Rangs in der Hierarchie dessen, was einmal die größte Militärmacht auf Erden gewesen war, und jetzt die Armee ihres Feindes.

»Du bist ein guter Freund«, sagte sie. Noch einmal wanderte sein Blick zur Tür.

Sie hörten, wie Prince Wendell aus der Küche zurückgeschlurft kam. Marcus bezahlte und ging ohne ein weiteres Wort. Sarat blieb noch eine halbe Stunde lang da, nippte an ihrem Kaffee, ließ sich von Prince Wendell vom Hurrikan George erzählen, der im Jahr ’57 den gesamten Ostteil der Stadt davongefegt hatte.

Dann fuhr sie zurück in den Hafen. Im Osten sah sie die Zollschiffe der Blauen, und sie wusste, dass ihr Freund noch zwei weitere Tage dort bleiben würde, bevor er zur Basis Halfway Branch zurückkehrte. Sie dachte wieder daran, wie sie ihn zum letzten Mal in Patience gesehen hatte, an seinen Drahtseilakt auf dem schmalen Band aus Beton, dem Weg in ein fremdes Land. Und nicht eine von den Entscheidungen, die er seither gefällt hatte, nahm sie ihm übel.



Auszug aus:


Protokolle des Senats-Sonderausschusses


für aufständische und sezessionistische Aktivitäten – Aussage des Leiters des Kriegsministeriums Joseph Weiland jr.

Die vielleicht beste Art der Erklärung, Frau Vorsitzende, ist eine einfache Analogie.

In diesem Land gibt es Wahlen. Unsere Wahlen verlaufen nach strengen Regeln, mit denen die Mitglieder dieses Ausschusses zweifellos bestens vertraut sind. Aber unter außerordentlichen Umständen gibt es außerordentliche Wahlen. Als Präsident Ki ermordet wurde, hatten wir zum Beispiel eine solche Wahl, die, genau genommen, gar keine Wahl war. Es war eine Notmaßnahme, eine Reaktion auf extreme und beispiellose Vorfälle. Mit anderen Worten, wir folgten nicht den normalen Richtlinien, weil die Umstände selbst alles andere als normal waren.

Und ich darf wohl davon ausgehen, Frau Vorsitzende, dass kein vernünftiger Mensch damals ernsthaft glaubte, wir hätten durch das vorübergehende Aussetzen des üblichen Verfahrens und die Ernennung eines Übergangspräsidenten bis zu den nächsten Wahlen die Fundamente der amerikanischen Demokratie dauerhaft untergraben.

Um aber nun auf Ihre Frage zurückzukommen. Sie haben mich nach den Methoden gefragt, die wir einsetzen, um aufständische Gefangene zur Aussage zu bewegen, und ich bin gern bereit, diese Frage zu beantworten.

Seit ich an der Spitze des Kriegsministeriums stehe, ist die Zahl der aufständischen Terrorangriffe aus dem Gebiet südlich der sogenannten Tennesseegrenze – Angriffe wie derjenige, der meinen Vater das Leben kostete – rapide zurückgegangen. Zweifellos gebührt die Anerkennung dafür an erster Stelle den tapferen Männern und Frauen unserer Streitkräfte. Aber ich bin überzeugt, dass der dramatische Rückgang sezessionistischer Gewaltakte auch im direkten Zusammenhang mit unserer strategischen Initiative steht, in den Gebieten, in denen es besonders häufig zu Übergriffen gekommen ist, bekannte und mutmaßliche Rebellenführer in Gewahrsam zu nehmen und zu verhören.

Machen wir uns nichts vor, Frau Vorsitzende: Die Personen, um die es sich dabei handelt, sind keine Engel. Wir haben unsere Anstrengungen gezielt gegen Personen gerichtet, die potentielle Rebellen anwerben – die feigen Männer und Frauen, die seit Jahren junge Südstaatler mit Gehirnwäschemethoden dazu bringen, dem Verrat durch Gewalttaten und Selbstmordanschläge Vorschub zu leisten.

Nun hatten diese Anwerber nur in den seltensten Fällen den Mut, selbst zur Waffe zu greifen. Folglich standen wir vor einer Entscheidung, Frau Vorsitzende: Entweder würden wir Jahre damit zubringen, sie für Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, die sich, auch wenn sie noch so real sind, nur sehr schwer nachweisen lassen, gerade wenn man bedenkt, dass eine für Friedenszeiten ausgelegte Justiz unter Kriegsbedingungen arbeiten muss; oder wir konnten versuchen, so viele Informationen wie irgend möglich von ihnen zu bekommen. Und ich spreche von Informationen, Frau Vorsitzende, die uns in der Folgezeit in die Lage versetzt haben, das Leben von Amerikanern zu retten.

Wir sind keine Ungeheuer, Frau Vorsitzende, auch wenn man uns oft als solche hinstellt. Wie in jedem Krieg bedienen wir uns der Mittel, die uns angesichts der Knappheit der Zeit und der Dringlichkeit der Lage zur Verfügung stehen. Und in Fällen, in denen sich die Informationen von Rebellen-Anwerbern im Nachhinein als falsch oder unzuverlässig erwiesen, haben wir entsprechend gehandelt. Die vorrangige Aufgabe des Kriegsministeriums ist es schließlich, unser Land zu schützen.

Und ich glaube, das ist uns gelungen, Frau Vorsitzende. Ich bin überzeugt, dass die aufständischen Terroristen in den kommenden Monaten ihre aussichtslosen Bestrebungen zur Spaltung des Landes aufgeben werden und dass dieser Krieg zu Ende geht. Und ich glaube fest, dass wir, genau wie wir zu dem normalen Verfahren der Präsidentschaftswahl zurückgekehrt sind, auch wieder zur Normalität des Friedens zurückkehren werden. Ich bin sicher, alle Mitglieder dieses Ausschusses teilen meinen Wunsch, dass wir diese Normalität so rasch wie möglich erreichen.

Und ich glaube, Frau Vorsitzende, wir sind dem Frieden heute näher als jemals zuvor.



11. Kapitel

Sarat ging durch die Ruinen von Lake Sinclair. Sie hielt sich an das, was von der Milledgeville Road noch übrig war. Stellenweise gähnten zehn Fuß tiefe Krater, anderswo versperrten ihr umgestürzte Bäume, Strommasten und verkohlte Zäune den Weg.

Als sie an den See kam, verließ Sarat die Hauptstraße und schlug die schmaleren Wege ein, vorbei an einem älteren Uferstück und einer verdorrten Landspitze. Hier lagen die umgestürzten Bäume am dichtesten, dazwischen die Bootshäuser und die halb zerfallenen Anleger. Hin und wieder huschten Nager durch das Dickicht, sonst war alles still. Mit langsamen Schritten ging Sarat zum verabredeten Treffpunkt.

Der Brandbombenangriff auf Lake Sinclair hatte zu Anfang des Krieges stattgefunden, noch bevor bekannt wurde, dass die Blauen die Kontrolle über ihre fliegenden Killerkommandos verloren hatten. Bei Tagesanbruch hörte man ein Summen, wie von einer Fliege unter einem umgestülpten Glas. Überall im Süden hatten die Menschen sich an den Anblick der Vögel gewöhnt, aber niemand hatte zuvor einen ganzen Schwarm gesehen. Sie kreisten in der Luft, ein Dutzend oder mehr, mit weit ausgebreiteten Flügeln, ihre Schatten wie blasse Blutergüsse auf dem Wasser.

Niemand im Süden wusste, warum die Vögel sich ausgerechnet diesen Ort für ihr Zerstörungswerk ausgesucht hatten. Einige vermuteten, ein Pilot aus dem Norden habe die falschen Koordinaten eingegeben. Vielleicht hatte man die Generäle und Politiker, die entschieden, welche Orte niedergebrannt und welche Menschen getötet wurden, falsch informiert.

Keiner wusste eine Erklärung. Aber es war besser, an etwas zu glauben, egal was, als zu akzeptieren, dass es grundlos geschehen war – dass die umherstreifenden Vögel sich einfach gerade zu dieser Stunde gerade an diesem Ort zusammengerottet hatten und Feuer vom Himmel geregnet war, keinem anderen Kommando folgend als dem des blinden Zufalls.

In den Jahren seit dem Feuersturm war der See ausgetrocknet. Aber in der Woche vor Sarats Besuch war ein heftiges Unwetter durchgezogen, und der alte Grund des Sees war immer noch vollgesogen mit Regenwasser. Ein grüner Algenfilm lag darüber. Wie ein dicker Teppich verhinderten die Algen jede Bewegung des Wassers, und es sah aus wie eine smaragdfarbene Landfläche, fest genug, um darauf zu gehen.

Überall am Seeufer lagen die Häuser in Trümmern, die kleinen Straßen aufgeworfen, die Bäume aschgrau und reglos. Am Ufer angekommen, folgte Sarat einer schmalen Auffahrt, die zu einer winzigen, schwer beschädigten Kirche führte: ein Wohnhaus, das man in einen Ort der Andacht umfunktioniert hatte. Ein Kreuz aus Ebenholz klammerte sich an die Eingangstür.

Bei dem Bombenangriff war das Haus in der Mitte gespalten worden. Auf der dem See zugewandten Seite war der Boden weggesackt. Die hinteren Zimmer – zwei Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer – schwebten gefährlich über dem Abgrund. Die vordere Hälfte stand gerade und auf festem Grund.

Sarat schlüpfte duch eine Lücke in der Seite des Hauses, wo einmal ein Fenstersims gewesen war. Im Haus war es dunkel, nur das Licht der Mittagssonne warf einen Strahl durch die zerborstene Decke, wie ein Vorhang. Es roch nach altem Papier. Feine Staubpartikelchen tanzten in dem Sonnenstrahl.

Immer zur Monatsmitte kam sie hierher, um sich mit Joe zu treffen. Aber seit sie vor fünf Monaten in Halfway Branch den General erschossen hatte, hatten sie sich nicht mehr gesehen, denn die Vorstöße der Blauen auf das Territorium des Südens hatten an Häufigkeit und Intensität so sehr zugenommen, dass Joe ihre Vereinbarung vorübergehend außer Kraft gesetzt hatte.

Sie sah ihn im Inneren des Hauses, er saß da, wo er immer saß, auf einem hölzernen Küchenstuhl, direkt hinter dem Vorhang aus Licht. Sie erkannte ihn an seiner Silhouette: hager und aufrecht, die Hände verschränkt auf der Tischplatte.

»Guten Morgen, Sarat«, sagte er. »Es ist gut, dich wiederzusehen.«

»Morgen«, entgegnete Sarat.

»Komm herein, setz dich. Ein strahlender Tag, nicht wahr?«

Noch immer gefiel ihr der Klang seiner Stimme, sein merkwürdiger Akzent. Er hatte eine Art, das P als B auszusprechen, ein weiches H als scharfes. Manchmal, wenn er von seiner Heimat erzählte, nahm er Wörter aus seiner eigenen Sprache, in denen es fremde Buchstaben gab, Buchstaben, die man mit einem Seufzen sprach oder einem kunstvollen Kräuseln der Zunge.

Sarat setzte sich an den Küchentisch. Sie spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Nacken. Direkt hinter Joe neigte sich der Fußboden schräg in die Tiefe, und durch die hinteren Fenster sah sie die mattgrüne Fläche des fast leeren Sees.

»Endlich habe ich Gelegenheit, dich persönlich zu beglückwünschen«, sagte Joe.

»Nicht der Rede wert«, antwortete Sarat.

»Es ist sehr wohl der Rede wert. Der größte Einzelsieg des Südens seit Kriegsbeginn. Und du hast ihn errungen, Sarat. Es ist dein Sieg.«

»Es ist kein Sieg, es ist ein einzelner erschossener Mann. Die haben noch viele, und die sind alle am Leben.«

Joe schüttelte den Kopf. »Albert hatte recht mit dem, was er über dich gesagt hat.«

»Haben Sie ihn gesehen?«, fragte Sarat. »Ich versuche schon seit Monaten, ihn zu erreichen, aber er ist wie vom Erdboden verschwunden.«

»Auch ich habe nichts von ihm gehört«, antwortete Joe.

»Meinen Sie, sie haben ihn geschnappt? Die kennen ihn ja schon lange.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Vor dreißig, vierzig Jahren vielleicht, aber jetzt ist er ein alter Mann, genauso alt wie ich, und um alte Männer kümmern sie sich nicht mehr allzu sehr. Schon als Soldat war er so – tagelang verschwand er hinter die Grenze nach Ar-Rutbah, ohne jemandem etwas zu sagen. Das war früher, als niemand auf die Idee gekommen wäre, einfach so in den Irak zu reisen. Ein paarmal hat er mich sogar mitgenommen, als Fahrer und Übersetzer. Zuerst dachte ich, er begibt sich in Gefahr, er knüpft Kontakte mit dem Feind, übt womöglich gar Verrat. Aber er wollte einfach nur das Land sehen, die Menschen kennenlernen. Ich glaube, am Ende haben sie ihn deswegen sogar vor Gericht gestellt – er war ein Jahr im Militärgefängnis, hat er dir das je erzählt?«

»Er hat mir erzählt, Sie hätten ihm ein paarmal das Leben gerettet«, sagte Sarat.

»So etwas habe ich nie getan. Ich war nur ein Helfer. Jemand, der wusste, wie man Sachen regelt, könnte man sagen. Die Amerikaner hatten immer gern Einheimische dabei, Leute, die Englisch und Arabisch sprachen, die Land und Leute kannten. Es ist immer von Vorteil, wenn man Leute aus dem Land selbst hat, die die Arbeit tun.«

Das Knacken eines Zweigs machte ihrer Plauderei ein jähes Ende. Sarat drehte sich um, spähte durch den Riss in der Hauswand. Sie horchte, wartete auf Schritte, doch es blieb still. Dann sah sie wieder Joe an, der seelenruhig sitzen geblieben war, sein grünes Anzughemd schillernd im Sonnenlicht.

»Wenn es die Blauen gewesen wären, hätten wir nicht mehr die Zeit gehabt, uns Sorgen zu machen«, sagte er. »So, und jetzt an die Arbeit. Was brauchst du?«

»Lag’m«, antwortete Sarat, Joes Wort für die Waffe. »Wie die, die Sie mir letztes Jahr gebracht haben.«

Joe nickte. »In Ordnung. Groß oder klein?«

»Beides. So wie letztes Mal. Nächste Woche kommt ein Konvoi an die Grenze, nicht weit von Tennga. Sie haben einen Oberst dabei. Ich weiß, welche Strecke sie fahren, ich lege die Minen dort.«

»Dieselben wie letztes Mal, das habe ich. Sonst noch etwas? Munition für Templestowe? Bargeld?«

»Nur die Minen«, sagte Sarat.

»Du kannst dich darauf verlassen.«

»Und noch etwas.«

»Gern.«

»Ich habe gehört, es gibt geheime Friedensgespräche – vor ein paar Monaten sollen Leute der Freien Südstaaten oben in Columbus gewesen sein. Ist da was dran, an diesen Gerüchten?«

»Das ist, soviel ich weiß, korrekt«, antwortete Joe.

»Sind sie noch zugange?«

»Nach dem, was meine Leute berichten, hat der Kriegsminister die Unterredungen suspendiert.«

Sarat lächelte.

»Ich habe es dir ja gesagt«, sagte Joe. »Es ist dein Sieg.«


***

Als Sarat aus Lake Sinclair zurückkam, stand ein fremdes Auto in der Auffahrt, eine alte Limousine mit Benzinmotor. Daneben wartete Attic, der Älteste der Salt Lake Boys.

»Meine Güte«, sagte Sarat. »Ich dachte, sie haben dich in Fayetteville umgebracht.«

»Mr Bragg will mit dir sprechen«, entgegnete Attic. Er war so groß wie Sarat, aber viel dünner, so ausgemergelt, dass er fast schon krank wirkte. Er hatte die gleichen toten, ausdruckslosen Augen wie seine Brüder.

»Welcher?«, fragte Sarat. »Der junge oder der alte?«

»Mr Bragg senior«, antwortete Attic. »Er will dich und deine Schwester sehen.«

»Meine Schwester tut nichts zur Sache. Also los, bringen wir’s hinter uns.«

»Er sagt, er will dich und deine Schwester sehen …«

»Bist du taub? Oder einfach nur schwer von Begriff?«, erwiderte Sarat und ging auf den Jungen zu. Er hatte etwas Roboterhaftes, Abwesendes. »Entweder fahren wir zwei, oder du fährst allein zurück nach Atlanta. Kannst du dir aussuchen.«

Sie fuhren in westliche Richtung, auf die Hauptstadt des Südens zu. Das Auto hatte ein altes Radio. Sarat drehte am Einstellknopf; zwischen Knistern und Rauschen hörte man Amateursender aus der näheren Umgebung: körperlose Stimmen, die aus der Bibel rezitierten, wetternde Sektierer, die aus der Öde ihrer Blockhütten den Weltuntergang predigten, Verrückte, deren Geschrei im Leeren verhallte. Schließlich blieb sie bei einem alten Mann, der eine endlose Namensliste verlas. Im Hintergrund lief eine patriotische Hymne aus dem Süden, die Sarat aus ihrer Kindheit kannte. Der alte Mann sprach mit monotoner Stimme, fast ohne Atem zu holen, und es war unmöglich zu sagen, ob er die Namen von Märtyrern oder Verrätern las oder ob er sich die Namen einfach nur beim Sprechen ausdachte.

»Was ist denn nun in Fayetteville passiert?«, fragte Sarat.

»Sie haben mich gefangen genommen«, antwortete Attic.

»Die Blauen haben dich geschnappt? Und dann wieder laufenlassen? Verdammt, da hast du wohl mächtig geplaudert. Der alte Bragg muss echt einen Narren an dir gefressen haben, wenn er die Rebellen davon abhält, dich aufzuhängen und dir das Futter deiner Hosentaschen ins Maul zu stopfen.«

»Ich habe kein Wort gesagt, und es waren auch nicht die Blauen«, erwiderte Attic. »Ich bin von Terroristen gefangen genommen worden.«

Sarat brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, dass er diejenigen Rebellengruppen meinte, die sich geweigert hatten, sich Braggs Vereinigung anzuschließen. Sie stieß einen schrillen Lacher aus.

»Du hast dich von deinen eigenen Leuten schnappen lassen? Gütiger Himmel! Das ist ja peinlicher als wenn die Blauen dich einfach abgeknallt hätten.«

»Das sind nicht meine eigenen Leute«, antwortete Attic. »Es sind Terroristen. Ich gehöre zu Mr Bragg. Er hat dafür gesorgt, dass ich freigekommen bin.«

»Terroristen, meine Fresse«, sagte Sarat. »Das passt wirklich immer, stimmt’s?«

Aber Attic hörte ihr nicht zu. »Ich habe kein Wort gesagt«, wiederholte er. »Nicht ein einziges Wort.«

Am fernen Horizont, eingehüllt in einen schmutzigen Schleier, tauchte die Hauptstadt des Südens auf.


***

Eine Mauer aus turmhohen Slums ragte schroff in den Himmel und verschwamm im Dunst. Die Gebäude markierten den äußersten Rand von Atlanta, einer ungesund großen Stadt, die immer weiter wucherte und sich ins Umland fraß, Krebsgeschwüre des Lebens.

Einst, vor langer Zeit, war es genau umgekehrt gewesen. Damals beherrschten Wolkenkratzer das Stadtzentrum, umringt von Krankenhäusern und Sportstadien und den weitläufigen Campusarealen der Universitäten. Noch weiter draußen wichen diese den Vorstädten, wiederum gesäumt von Einkaufszentren, Parks und Golfplätzen und einem Schnellstraßengürtel.

Jetzt fand man die höchsten Gebäude in den Slums, die wie eine Mauer die äußeren Ränder der Stadt umschlossen, Türme so braun und verkommen wie faule Zähne. In ihnen hauste der Bodensatz des Südens – Flüchtlinge aus den Grenzstädten und von Orten, die wahllos den Kriegsvögeln zum Opfer fielen; die Besitzlosen der südlichsten Küstenregionen, die vor den Stürmen und der Gluthitze flohen; Soldaten und Rebellen und Menschen, die hier geboren waren, deren Eltern und Großeltern schon hier geboren waren, Menschen, die kein anderes Zuhause kannten.

Nicht weit von den stetig wachsenden Slums standen die Ausbeuterbetriebe, wo Elektronikartikel und T-Shirts produziert wurden, und die Gewächshochhäuser, riesige Gebäudekomplexe, mehr breit als hoch. Die Sweatshops waren aus Backstein, die Gewächshäuser hatten dicke Hüllen aus Glas. Das Glas war trübe, von innen mit Kondenswasser beschlagen. Nur der Kompostgeruch drang nach außen und haftete an den Mauern der Vorstädte, als seien sie damit gestrichen. Früh jeden Morgen schob sich eine freudlose Prozession aus den Slums zu den Fabrikkomplexen und am Abend wieder zurück.

Näher am Herzen der Stadt bildeten die Verwaltungsgebäude der Freien Südstaaten – eine Ansammlung von grauen, identisch aussehenden Klötzen – eine Art Festungsgürtel um den inneren Kern. Dort lag das Regierungszentrum: die Amtssitze von Präsident Kershaw und seinen wichtigsten Ministern, aber auch die protzigen, streng bewachten Villen der neuen Elite des Südens, der Besitzer der Sweatshops, Fabriken und Gewächshäuser.

Attic fuhr langsam durch die Slums. Die Luft war geschwängert von Smog und den Abgasen aus tausend surrenden Generatoren. Eine kleine Gruppe von Kindern verfolgte die alte Benzinkutsche; sie wussten instinktiv, dass der Fahrer eines solchen Gefährts in der Hierarchie der Roten über den Massen stehen musste. Sie klopften an die Fenster und bettelten um ein paar Münzen. Ein alter Mann humpelte von Auto zu Auto und verkaufte Papiertücher für fünf Dollar die Schachtel. Sie manövrierten durch die Gassen von Little Houston, dem Texanerviertel, wo von den Balkonen schlaff die Lonestar-Flaggen hingen.

Die Fahrt von Sarats Haus bis nach Atlanta dauerte zwei Stunden und vom Stadtrand bis ins Zentrum noch einmal genauso lang. Am Eingang zum Hauptquartier der Vereinten Rebellen hielt der Wagen vor einem stacheldrahtbewehrten Tor, bewacht von ein paar Jungs in alten Kampfanzügen. Die Posten beäugten Attics Beifahrerin mit etwas wie Verachtung. Sie öffneten das Tor und winkten das Fahrzeug vorbei.

Das Hauptquartier war eine schmucklose Anlage aus drei flachen Bauten, die sich unter eine Hochstraße duckten. Es gab keine Abzeichen oder Schilder an den Gebäuden, und an den Treppenstufen vor dem Eingang saßen bei jedem ein paar Männer und Jungs auf Plastikstühlen, mit dem Gewehr an der Seite.

Zwei dieser Männer führten Sarat und Attic in den ersten Stock des mittleren Gebäudes zu einem großen Raum, einer Art Wohnzimmer. Dort mussten sie eine halbe Stunde warten, bis Bragg senior erschien. Er wurde von seinem Sohn mit dem Rollstuhl hereingeschoben, gefolgt von drei Assistenten. Selbst in der Hitze, die in Atlanta herrschte, trug der alte Mann ein hochgeknöpftes Hemd und eine Strickjacke, und trotzdem war kein Schweißtropfen zu sehen, als seien seine Poren im Lauf der Zeit verhärtet und ausgetrocknet.

Sein Sohn schob den Rollstuhl zu Attic und Sarat, dann nahm er in einer Ecke des Zimmers Platz.

Bragg senior machte eine Handbewegung in Richtung Attic, und der Junge stand auf und ging. Dann musterte er Sarat von Kopf bis Fuß mit unergründlicher, angestrengter Miene, als lese er ein Buch in einer fremden Sprache.

Schließlich wandte er sich an seinen Sohn. »Du hast recht«, sagte er. »Vielleicht ist sie wirklich anders.« Der Sohn schwieg.

Dann richtete er das Wort wieder an seine Besucherin. »Du bist also das Mädchen, dem wir diese ganze Aufregung verdanken«, sagte er. »Wie war doch gleich dein Name?«

»Sarat Chestnut.«

»Sarat Chestnut«, wiederholte er. »Bist du eine von den Chestnuts aus Montgomery? Gute Leute. Hatten einen Jungen namens Paul, der zu Anfang des Kriegs in Beaumont gekämpft hat und gefallen ist.«

»Nein«, antwortete Sarat.

»Ihre Familie kommt aus Louisiana«, erklärte Bragg junior, »von unten am Mississippimeer, nicht weit von Old Orleans.«

»Gütiger Himmel, sie gehört nicht mal zu den Roten!«, rief der alte Mann. »Die Tochter von Sumpfbewohnern steht an vorderster Front mit dem Gewehr. Ist es schon so weit mit uns gekommen?«

Er beugte sich zu Sarat. »Weißt du, als Albert dich zum ersten Mal erwähnt hat, dachte ich, es ist eins von seinen Spielchen. So war er schon immer, versucht alle Welt mit neuen Ideen anzustacheln, will mehr Mädchen anwerben als Jungs. Alle paar Wochen ein neues Lieblingsprojekt.«

Sarat zuckte zusammen. Sie hatte immer gewusst, dass es noch andere gab; jedes Mal wenn von einem neuen Selbstmordattentäter die Rede war, der sich auf das Gebiet der Blauen geschlichen und den Marktplatz einer ihrer Städte in Schutt und Asche gelegt hatte, hatte sie sich gefragt, ob es nicht Gaines gewesen war, der dem Märtyrer die Montur übergestreift hatte. Aber in einem anderen Teil ihres Verstandes nährte sie insgeheim die Vorstellung, dass sie vielleicht doch die Einzige war – dass er, nachdem er sie gefunden hatte, keinen Grund mehr hatte, jemand anderen für die Sache anzuwerben. Sie wusste, dass es nicht stimmte – nicht stimmen konnte –, aber das hinderte sie nicht, es zu glauben.

»Wie auch immer, ich habe eine Schwäche für diesen Gaines«, fuhr der ältere Bragg fort. »Er hat hart für die Sache der Roten gearbeitet. Früher hat er mal für den Norden gekämpft, damals als dieses Bouazizireich nichts weiter war als ein Haufen Stämme, die sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Aber das ist lange her, und ich nehme es ihm nicht übel …«

Sarat spürte Braggs Tabakatem auf ihrem Gesicht. Sie staunte immer wieder, wie viel alte Männer reden konnten. Sie fragte sich, ob es nicht der Klang seiner eigenen Stimme war, woran er Vergnügen fand, mehr als die Worte selbst. Er hatte kleine, glanzlose Augen, und sie erwachten nur zum Leben, wenn er sprach.

Plötzlich verstummte er. Er wandte sich an einen seiner Assistenten. »Hol uns etwas Wasser, Noah«, sagte er. »Und sag den Jungs, dass sie die Ventilatoren aus dem Büro herbringen sollen. Es ist höllisch heiß hier drin.«

Der Assistent verließ den Raum, und kurz darauf erschienen zwei junge Männer mit elektrischen Ventilatoren. Sie platzierten sie an gegenüberliegenden Enden des Raums, so dass der Luftstrom sich da traf, wo Sarat und der alte Mann saßen.

»Und wo ist überhaupt deine Schwester?«, fragte Bragg senior. »Ich habe ausdrücklich gesagt, dass ich euch beide sehen will.«

»Sie hat mit der Sache nichts zu tun.«

»Schätzchen, wir haben alle damit zu tun.«

Der Assistent brachte zwei Gläser auf einem Tablett. Der alte Mann trank, als hätte er noch nie im Leben Wasser gesehen.

»Es ist dieser verdammte Gaines«, sagte er und wischte sich über die Lippen. »Er macht das mit all seinen kleinen Schützlingen so, redet ihnen ein, dass es nur um sie geht – dass es bei dem ganzen verdammten Krieg nur darum geht, wie sie sich fühlen, was sie verloren haben, wie sehr sie leiden. Aber das stimmt nicht. Da draußen gibt es eine ganze Welt, Kleine …«

»Nennen Sie mich nicht Kleine«, sagte Sarat.

»Eine ganze Welt, mehr als das, was in das Visier deiner Templestowe passt.«

Er lächelte, als Sarat bei der Erwähnung des Namens die Stirn runzelte. »O ja, wir kennen hier auch Geheimnisse. Aber wir sind deine Freunde, und viele von denen da draußen sind das nicht.«

Bragg zeigte auf ein halboffenes Fenster, durch das ein kleiner Ausschnitt des in Hitze und Dreck schmorenden Zentrums von Atlanta zu sehen war. »Nur ein Stückweit die Straße hinunter sitzen die Leute der Freien Südstaaten, die dich schon morgen an die Blauen ausliefern würden, wenn sie das Gefühl hätten, dass ihnen das bei den Blauen ein bisschen Gunst einträgt oder ihre Chance erhöht, die weiße Flagge zu hissen, die sie als Friedensplan bezeichnen. Es gibt Feiglinge und es gibt Ratten, und du bist jetzt ein willkommenes Fressen für die.«

»Und Sie wollen mich also retten?«, schnaubte Sarat. »Sie und ihr Haufen kleiner Jungs da? Dieser Einfaltspinsel Attic, der sich von den eigenen Leuten gefangennehmen lässt? Und der andere, der es nicht mal geschafft hat, seine Sprengstoffweste zu zünden, bevor die Blauen ihn umgebracht haben? Sehen Sie sich doch mal um – Sie sitzen in einer bescheuerten Höhle unter dem Highway und halten Volksreden, während diese Feiglinge von den Freien Südstaaten die Sache der Roten verraten. Ja, verdammt nochmal, Sie sollten mich um Hilfe bitten, nicht umgekehrt.«

Bragg senior lachte, zeigte sein schwarzes Zahnfleisch dabei. Er wandte sich an seine Gehilfen. »Sie ist genauso stur, wie wir es früher waren«, sagte er. »Das ändert sich nie; nie ändert sich das.«

Wieder an Sarat gewandt fuhr er fort: »Schätzchen, verstehst du denn nicht? Du bist hier, weil ich dich mag. Es gibt nicht einen unter meinen Leuten, der so seinen Mann steht wie du, keinen, dem das gelungen wäre, was dir gelungen ist – ein General! Der dickste Fisch seit Präsident Ki! –, deshalb bist du hier. Ich will, dass du am Leben bleibst, dass du ihnen nicht in die Hände fällst. Denn glaub mir, jetzt wo sie den Sohn des Mannes, den du getötet hast, an die Spitze ihrer Offensive gegen den Süden gestellt haben, wird er ganze Städte dem Erdboden gleichmachen, um in Erfahrung zu bringen, wer das getan hat. Und wenn er rauskriegt, dass du es warst, hängt er dich auf.«

»Soll er doch«, sagte Sarat. »Ich habe keine Angst vor dem Tod.«

»Das sagst du, weil du jung bist und weil du denkst, sterben geht schnell«, sagte der alte Bragg. »Aber die haben Methoden, bei denen das Sterben genauso lange dauert wie das Leben.«

»Und was soll ich dann Ihrer Meinung nach tun? Mich in einem Loch verkriechen und abwarten?«

»Ja, das trifft es ziemlich genau. Geh zurück in euer hübsches kleines Benefizhaus am Fluss, und da bleibst du. Komm nicht in die Nähe von Halfway und lass die Finger von der Tochter dieser Barbesitzerin in Augusta.« Er hielt inne und lächelte. »Ja, auch das wissen wir – und sorg dafür, dass deine Schwester da bei dir bleibt, dein Bruder, die ganze verfluchte Sippschaft. Wart ab, bis sich der Sohnemann oben in Columbus ein bisschen beruhigt hat, und ich verspreche dir, dann helfen wir dir, auch ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen, wenn du das willst.«

»War’s das?«, fragte Sarat.

»Ja, Schätzchen«, antwortete der alte Mann. »Das war’s.«

Sarat stand auf. »Danke für die Ratschläge«, sagte sie und ging.


***

Die Unterhaltung beschäftigte sie weiter, als Attic sie nun wieder nach Hause fuhr. Sie fühlte sich mutig, weil sie dem Mann die Stirn geboten hatte, von dessen Launen die Geschicke der Rebellen im Süden abhingen. Sie rutschte auf dem Beifahrersitz der alten Limousine zur Seite und streckte den Kopf aus dem Fenster. Selbst der salzige Smog von Atlanta kam ihr nun wie ein Hauch Bergluft vor.

»Komm, wir fahren beim Fleur de lys vorbei und trinken noch was«, schlug sie vor. »Ich weiß, dass sie dir keinen Cent zahlen; ich lad dich ein.«

»Ich muss dich nach Hause fahren«, beharrte Attic.

»Mann, stehen die etwa mit der Stoppuhr hinter dir, oder was? Nur auf ein Glas, dauert auch nicht lang.«

Attic schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht besonders beliebt da drüben«, murmelte er. »Ist nicht mein Revier.«

Im ersten Augenblick dachte sie, er spreche von Bragg und seinen Männern, doch dann ging ihr auf, dass er etwas ganz anderes meinte.

»Im Ernst?«, fragte sie. »Du traust dich, mit dem Gewehr in der Hand an die Tennesseegrenze zu gehen, aber wenn du bei deinen eigenen Leuten mal in ein anderes Stadtviertel sollst, machst du dir in die Hose, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben als du?«

Bei diesen Worten schämte er sich nun offenbar doch und gab nach; schon bald erreichten sie den Neuen Vierten Bezirk. Es war ein dicht bebautes Hochhausviertel am Ostrand der Stadt, direkt neben einer riesigen Elektronikfabrik, aus der rund um die Uhr ein immer gleiches kreischendes Geräusch drang.

Die hohen, grauen Wohnblocks standen kaum eine Armlänge voneinander entfernt – gerade so, dass zwischen den Gebäuden ein Labyrinth aus schmalen Gassen entstand. In den engen Straßen drängten sich T-Shirt-Händler und Verkaufsstände für geschmuggeltes Obst und Gemüse aus den Gewächshäusern, aber auch Geldverleiher, Tik-Tok-Werkstätten und Billigläden.

Sie parkten am Rand des Viertels und gingen zu Fuß weiter durch die schmalen Asphaltschluchten. Stromleitungen verliefen von den Sonnenkollektoren, die sämtliche Dächer bedeckten, nach unten und von Haus zu Haus, ein Gitterwerk aus Kabeln und Schatten. Ein paar von den alten Männern und Frauen, die dort auf der Straße saßen, beobachteten Sarat und Attic, aber ihr Interesse galt dem hochgewachsenen Mädchen mit dem kahlgeschorenen Schädel, nicht dem mageren Jungen aus Utah, der mit gesenktem Kopf neben ihr hertrottete.

Das Fleur de lys war eine Backsteinbaracke. Es stand am Ende einer schmalen Halbinsel, auf drei Seiten von Wohnblocks bedrängt. Davor gab es eine Freifläche mit alten Kartentischen und Klappstühlen. Die Tische waren Tag und Nacht besetzt, oder doch meistens.

Sarat und Attic holten sich etwas zu trinken und ließen sich an einem der Tische nieder. Sie trank ein Kingway, er nippte an einer Cola.

»Dann musst du dem Alten jetzt also auf ewig dankbar sein, was?«, fragte Sarat. »Weil er ein paar Strippen gezogen und dich aus der Scheiße geholt hat?«

»Dankbar war ich ihm schon vorher«, erwiderte Attic. »Er hat mir und meinen Brüdern in Utah das Leben gerettet. Ohne ihn wären wir alle tot.«

»Was ist denn da überhaupt mit euch passiert, oben in Utah? Ihr habt euch einfach die ganze Zeit auf der Farm versteckt? Ich hab gehört, einen von deinen Brüdern haben sie mitten im Schweinemist gefunden oder so was.«

Attic schwieg. Sie wollte ihn dazu bringen, ihr etwas über sein Leben vor der Zeit bei den Roten zu erzählen, aber er blieb stumm. Allerdings ließ sie ihm keine Ruhe, bis er sich doch noch ein Bier bestellte. Bald wirkten seine Schultern schon weniger angespannt. Als die Abenddämmerung sich über die Stadt senkte, waren er und Sarat wohlig betrunken.

»Weißt du, das Schlimme an Leuten wie Bragg ist, dass sie denken, es steht ihnen zu, überall das Kommando zu haben«, sagte Sarat, die Worte schon ein wenig schwankend, doch die Überzeugung felsenfest. »Die wissen gar nicht, wie das ist, wenn sie mal nicht das Kommando haben, sie denken, sie können uns einfach befehlen, was wir tun sollen, und wir hören zu, als ob wir kein Wort mitzureden hätten, als ob wir nicht unsere eigenen Gedanken hätten – als ob wir überhaupt nicht am Leben wären.«

Attic schien durch sie hindurchzuschauen, betrachtete eine Gruppe kleiner Kinder, die barfuß durch die Gasse liefen und Fangen spielten.

»Weißt du – das hat Albert Gaines mir einmal gesagt –, hast du Gaines eigentlich mal kennengelernt?«

»Nein«, sagte Attic.

»Solltest du aber. Der weiß über alles Bescheid, den ganzen Krieg hier. Der ist nicht wie die anderen alten Trottel. Er hat mir mal gesagt – jetzt hör mir doch zu, ich will dir was sagen, und wenn du das einmal weißt, dann weißt du alles.«

Sarat beugte sich ganz nahe heran, als verrate sie ihm ein großes Geheimnis. »All die alten Männer wollen, dass es wieder so wird, wie es war, als sie noch jung waren. Aber so wird es nie wieder, und sie werden nie wieder jung, egal, was sie tun. Und das ist nicht nur bei unseren alten Männern so. Bei denen auf der anderen Seite geht es genauso. Stell dir mal vor, der Norden hätte uns einfach in Ruhe gelassen. Stell dir vor, sie würden uns nicht mit Zähnen und Klauen bekämpfen, die ganzen unschuldigen Menschen umbringen, nur damit wir nicht unser eigenes Land haben, in dem wir leben können, wie es uns gefällt – wäre das denn so schlimm gewesen? Natürlich nicht. Aber es war eben nicht so, als die alten Leute, die überall das Kommando haben, jung waren, und deshalb darf es auch jetzt nicht sein. Aber du und ich und die da drüben auch« – sie wies auf die Kinder, die hinter ihr auf der Straße spielten –, »wir sind jung, wir müssen uns nicht an das halten, was sie für richtig halten. Wir reißen ihnen die Macht aus den Händen – weil es denen nämlich, wenn du erst mal genau hinsiehst, egal ist, was hier im Land der Roten passiert. Die haben nie an jemand anderen gedacht als an sich. Aber wir, wir stammen von hier. Wir …«

»Ich stamme nicht von hier«, sagte Attic.

»Aber es ist dir wichtig. Die Sache des Südens.«

»Ist sie mir nicht.«

Sarat lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, verblüfft von der Leere in seiner Stimme. »Warum hast du denn dann dafür gekämpft?«, fragte sie. »Warum hast du eine Flinte genommen und riskiert, dass die Blauen dich in Stücke reißen, wenn dir die Sache nichts bedeutet?«

»Ich wollte auch etwas sein«, antwortete Attic. Sein Blick ging an Sarat vorbei zu den fröhlich spielenden Kindern. »Ich wollte einfach nur auch etwas sein.«


***

Es war schon dunkel, als sie schließlich wieder beim Haus der Chestnuts eintrafen. Attic war Alkohol nicht gewöhnt, und nachdem er eine halbe Stunde lang in Schlangenlinien gefahren war, tauschte Sarat den Platz mit ihm und übernahm das Steuer.

Das alte, benzinbetriebene Auto war längst nicht so wendig wie die Solar-Tik-Toks, aber es hatte einen ungeheuer starken Motor. Von Zeit zu Zeit trat Sarat aufs Gaspedal, nur um das alte Ding einmal aufröhren zu lassen.

Angekommen, fand sie Karina und Simon hinter dem Haus. Simon saß auf einem Küchenstuhl, den Blick auf den Fluss gerichtet, und hatte eine silberfarbene Schüssel über den Kopf gestülpt. Vorsichtig schnitt Karina die Haare ab, die unter dem Schüsselrand hervorlugten. Sie hatte Papierlampions an die Bäume gehängt. Kerzenlicht drang durch die Ausschnitte mit den Umrissen von Schneeflocken. Simon lachte und hüpfte auf seinem Stuhl, wenn Karina die empfindliche Haut in seinem Nacken mit dem kalten Scherengriff streifte.

»Wo ist meine Schwester?«, fragte Sarat so unvermittelt, dass beide zusammenfuhren. Das Lächeln verschwand aus Karinas Miene, ein neutralerer Ausdruck trat an seine Stelle.

»Keine Ahnung«, sagte sie. »Sie ist heute Nachmittag mit ihrem Freund, dem Flusslotsen, weggefahren. Nach Augusta, nehme ich an.«

Sarat schickte das Dienstmädchen ins Haus. »Geh rein und mach ihm was zu essen.«

»Tue ich«, sagte Karina. »Sobald ich mit dem Haareschneiden fertig bin.«

»Nein. Jetzt gleich.«

Karina legte die Schere weg. Sarat sah den giftigen Blick, den die Frau ihr zuwarf, und blickte genauso giftig zurück. Simon sah Karina nach, wie sie davonging. »Mach dir keine Sorgen, kleiner Liebling«, sagte sie noch, »ich bin gleich wieder da.«

Als er niemand anderen zum Ansehen mehr hatte, drehte Simon sich zu seiner Schwester um. Er sah lächerlich aus, wie er da im Garten saß, mit der Silberschüssel auf dem Kopf. Wie ein kleiner Junge, der Astronaut spielt.

»Sie will ein Kind aus dir machen«, sagte Sarat und warf die Schüssel ins Gras. »Sie behandelt dich wie ein Baby. Aber dir gefällt das ja anscheinend.«

Simon schwieg. Sie drehte ihn wieder mit dem Gesicht zum Fluss und machte sich daran, die Haare zu Ende zu schneiden. Sie versuchte, den Pottschnitt abzumildern, aber Karina hatte schon zu viel Schaden angerichtet, und ihr blieb nichts anderes übrig, als das Werk zu vollenden.

»Denk immer daran, sie ist keine von uns«, flüsterte sie ihrem Bruder ins Ohr. »Sie ist vielleicht nett zu dir, aber sie ist keine von uns. Sie ist eine Fremde, und du weißt ganz genau, wozu Fremde fähig sind.«

Als sie sich zu ihrem Bruder hinunterbeugte, um mit ihm zu reden, stieg ihr sein neuer Geruch in die Nase, der Geruch, den er seit Patience ausströmte. Für sie war er sauer und ekelerregend – wie geronnene Milch. Sie versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, wie es vorher gewesen war, damals im Lager.

Sie erinnerte sich, dass er manchmal betrunken nach Hause gekommen war, nach einem seiner Ausflüge mit den Rebellen, und er dann nach Joyful gerochen hatte, aber das war jedes Mal schnell vorbei, nur eine Verkleidung für seinen Atem. Hatte es je einen anderen Geruch gegeben? Hatte er je so gerochen wie sie, so wie Dana? Sie konnte sich nicht entsinnen, und jetzt, wo sie so verzweifelt versuchte, sich zu erinnern, wie ihr Bruder gewesen war, bevor man ihn seiner selbst beraubt hatte, stellte sie fest, dass sie wütend auf ihn war. Wütend, weil er nicht in Patience gestorben war. Wenn er es einfach so gemacht hätte wie alle anderen, als sie vor dem Exekutionskommando aufgereiht standen, wäre er für sie immer ein Märtyrer geblieben, keine Marionette – kein willenloses Spielzeug in den Händen hingebungsvoller Haushälterinnen und übergeschnappter Witwen. Was jetzt noch von ihm übrig war, war ein leerer Abklatsch des Bruders, den sie einst gekannt hatte, seine schiere Existenz besudelte ihre Erinnerungen, löschte und begrub das Bild des tapferen Jungen von früher. Er hätte sterben sollen.

Sie war so in Gedanken, dass sie nicht bemerkte, wie Simon anfing zu weinen. Er tat es lautlos, den Blick starr geradeaus gerichtet, aber sie konnte die Tränen im schwachen Licht der Schneeflockenlaternen schimmern sehen.

»Was ist denn?«, fragte sie. »Ist dir deine eigene Schwester nicht gut genug? Hast du zu einer Fremden mehr Vertrauen? Bist du glücklicher mit einer hergelaufenen Frau, über die du nicht das Geringste weißt?« Sie merkte, wie sie immer lauter wurde, und wusste, dass man sie bis ins Haus hören konnte, aber sie kümmerte sich nicht darum. »Sie gehört nicht mal zu den Roten. Ihre Eltern leben oben im Norden, bei den Blauen. Denselben Blauen, die dir das angetan haben, die deinen Vater und deine Mutter auf dem Gewissen haben, den Blauen, die Tag für Tag unsere Leute umbringen und erniedrigen. Und du magst sie trotzdem lieber? Lieber als dein eigen Fleisch und Blut?«

Erst als Simon jetzt unverhohlen weinte, zurückwich, die Hände vor dem Gesicht, sah sie, dass sie instinktiv ihre Hand erhoben hatte – zum Schlag gegen den eigenen Bruder.

Sarat warf die Schere zu Boden. Sie ging ins Haus, vorbei an Karina in der Küche. Sie ging zum Zimmer ihrer Schwester und schloss die Tür hinter sich. Sie legte sich auf das leere Bett ihrer Schwester, kroch unter die weichen Laken, die im Lichtschein silbrig-rosa schimmerten. Die Laken rochen nach schönen Dingen – nach Zitrusfrüchten und Jasmincreme. Aber sie rochen auch nach Dana, ihrem Haar, ihrer Haut und ihrem Atem. Es war der Geruch von Sarats Kindheit, der Geruch der Chestnuts.


***

Kurz vor Tagesanbruch erwachte sie von einem Klopfen an der Tür. Einen Augenblick lang dachte sie, es sei Dana, doch dann sah sie Karina.

»Was machst du denn noch hier?«, fragte Sarat. »Übernachtest du jetzt schon hier?« Sie lachte bitter. »Schläfst du etwa auch mit ihm?«

»Sarat, draußen ist ein Mann«, sagte Karina. »Es ist wegen deiner Schwester.«

Noch bevor ihre schlaftrunkenen Augen wieder klar sehen konnten, stürzte Sarat schon zur Tür. In der Auffahrt stand wiederum einer von Braggs Jungen. Er hielt den Kopf gesenkt, wie schuldbewusst.

»Sag schon«, drängte Sarat. »Was ist mit ihr passiert?«

»Die Vögel«, murmelte der Junge.


***

Sie fuhren bis fast nach Augusta. Kurz vor dem Krankenhaus sah Sarat die Wracks am Straßenrand.

Eine Gruppe Einheimischer aus dem Nachbarort hatte sich um die zerfetzten Überreste der Fahrzeuge versammelt, begaffte die Zerstörung. Es waren die Wracks von drei Personenwagen und einem Bus. Der Bus war verkohlt, aber man konnte die Umrisse noch erkennen; die Tik-Toks hingegen waren aufgeknackt wie Glückskekse und sahen überhaupt nicht mehr nach Autos aus. In der Fahrbahn gähnte ein Krater.

Sie fuhren weiter, zum Krankenhaus. Eigentlich war es nur eine Ambulanz, kaum größer als ein Lokal am Wege; vor dem Krieg war es eine Tierklinik gewesen. Angehörige der Toten und Verwundeten drängten sich am Eingang und im Vorraum. Außerdem waren Vertreter der Vereinten Rebellen dort, aus Atlanta geschickt, um die Verwüstungen zu dokumentieren. Sarat drängte sich an allen vorbei, brüllte den Namen ihrer Schwester, bis Adam Bragg jr. sie am Arm fasste und zu einem der hinteren Räume der Klinik führte.

Sie passierten die stille Reihe der Toten und Sterbenden. In dem Bus hatten Wanderarbeiter aus dem Süden gesessen, auf der Rückkehr von der Grenze der Blauen nach South Carolina. Es war eine unter der Hand zwischen Atlanta und Columbus ausgehandelte Abmachung, der gemäß Arbeiter aus dem Süden Schäden in der Quarantänemauer des Nordens reparierten. Es war gefährliche Arbeit für wenig Lohn, kein Arbeiter der Union hätte sie angenommen.

Die Männer und Frauen waren mit blutbefleckten weißen Tüchern bedeckt. Die Pfleger und Ärzte, viel zu wenige, zogen mit bedrückter, resignierter Miene von Opfer zu Opfer.

Sie kamen zu dem Raum, in dem ihre Schwester lag. Sarat hörte, wie Bragg junior ihr vor dem Eintreten noch etwas zu sagen versuchte – »Es war einfach nur ein Glückstreffer von denen«, sagte er. »Sie können die Dinger schon seit Jahren nicht mehr steuern.« Aber seine Stimme kam wie aus weiter Ferne.

Sie schloss die Tür hinter sich, und die Schmerz- und Klagelaute drangen nur noch gedämpft herein.

Das Mädchen auf dem Bett reichte nur noch bis zu den Knien. Das Tuch, auf dem sie lag, und das, das sie teils bedeckte, waren von einem Rot durchtränkt, das an manchen Stellen schon schwarz geworden war. Die Kleidung war chirurgisch entfernt worden, und die Haut darunter war voller Brandblasen.

Sarat beugte sich über ihre Schwester. Sie fuhr mit der Hand über die Haut von Danas Oberschenkel. Sie spürte die Druckstelle, da wo jemand versucht haben musste, die blutende Wunde abzubinden. Sie sah die mit Kohle geschriebene Zahl auf der Stirn ihrer Schwester, »3:49« – der Zeitpunkt des Eingriffs.

Sie sah, wie die Brust sich ein letztes Mal hob und senkte. Sie sah, wie die Augen flackerten, die Lippen sich regten.

»Es wird alles gut«, sagte Sarat, aber es war nicht Sarat, die diese Worte sprach. Sie kamen aus ihrem Mund, aber es waren die Worte einer Lügnerin. »Es wird alles gut. Bleib nur bei mir, dann wird alles gut.« Der Raum roch nach Wundbenzin.

Sarat ließ sich auf die Knie fallen und legte ihrer Schwester den Kopf auf die Brust. Danas Finger schlossen sich um die ihren.

»Meine Schöne«, sagte Dana. »Du fehlst mir schon jetzt.«


***

Während der ganzen nächsten Woche setzte Sarat keinen Fuß in ihr Haus, außer einmal, um Danas Zimmer zu verschließen und Karina zu verbieten, je wieder auch nur in dessen Nähe zu kommen.

Sie schlief draußen, manchmal im Holzschuppen, manchmal auf dem feuchten Erdboden am Fluss, nicht weit von dem Beet, in dem Karinas Saat ums Überleben kämpfte. Nachts träumte sie vom Ertrinken.

Vier Wochen nachdem sie die Asche ihrer Schwester im Savannah ausgestreut hatte, kamen die Blauen schließlich und holten Sarat. Eines Nachts hörte sie Musik zwischen den Bäumen; das Rascheln von Händen auf Baumrinde, von Füßen auf Erdreich, ganz leise in der Ferne. Die Nacht war still, doch diese Stille barg ein Murmeln. Jahre später würde sie sich erinnern, dass ein stecknadelgroßer roter Lichtfleck über die Wand des Holzschuppens gehuscht war. Dann ging knarzend die Tür auf. Ein Metallbehälter kollerte in den Schuppen, und dann explodierte der ganze Raum in Lärm und Licht.



Auszug aus:


Projekt Bürgerkriegsarchiv –


Briefe von Gefangenen aus Sugarloaf (geprüft/keine Verschlusssache)

Liebe ██████,

Deinen Brief habe ich im Februar erhalten. ████ von der Hilfsorganisation ████████████ hat ihn mir überbracht. Wie immer hat ████████ ihn vorher gelesen, deshalb weiß ich nicht, ob ich alles bekommen habe. Aber ich bin ████ dankbar; ██ hat ██ Bestes getan, um mir zu helfen, und natürlich bin ich Dir dankbar, dass Du mir geschrieben hast.

Ich bin immer noch im Camp Saturday. Wir sind hier 16 Gefangene, glaube ich, aber es ist schwer zu sagen. Wir sind immer noch in Isolationshaft, und die Leute von der █████████████ kommen und ███████████████ alle ██ █████.

Seit ████████ das Kommando übernommen hat, ist alles viel schlimmer geworden. Er ████████, glaube ich, aber ich habe nie sein Gesicht gesehen. Vermutlich war er es, der angeordnet hat, dass sie uns die Bücher wegnehmen, unsere Schlafbrillen, unsere Zahnpastatütchen und alles, was uns sonst noch daran erinnert hat, dass wir immer noch menschliche Wesen sind. Ich weiß, er musste seine Zustimmung erteilen, dass sie uns █████████, nachdem wir mit unserer Protestaktion begonnen hatten.

Jederzeit kann es wieder so weit sein. Tag, Nacht – hier gibt es keinen Unterschied. Erst kommen sie rein und sagen, dass man keine Schwierigkeiten machen soll, einfach nur essen.

Wenn Du Dich weigerst, bringen sie dich in einen anderen Raum. Da █████████████████████████. █████████. ███████████████████████████████████████████████ █████████

███████████████████████. █████████████████████████████. ███████████████████████████████████████. ██████. ███████. ███████████████████████████. ██████████████████████████████████████████.

███████████████████████. ████████████. ██████████████████████████████████.██████████████████████████████████████████████████████████. ███████████████████████████████. ███████████████.

███████████████████████. ███████████████████████████████████. ██████████████████████. █████████████████. ███████████. █████████████████████████████ ███████████████████████████████████. ██████████████████████████████████████████.

Es heißt, ████████ sei im Glauben, ██ von uns habe seinen Vater umgebracht. Aber ich bin schon seit Jahren hier, lange bevor das passiert ist. Ich habe ███████ nie gesehen, nie von ihm gehört, bis jemand von den ██-Wachleuten uns erzählt hat, was passiert ist.

Ansonsten ist alles unverändert. Ein Tag wie der andere. ████████████, außer █████████, da lassen sie uns raus in die Sonne.

Ich weiß, sie sagen nicht mehr, wie viele von uns noch hier ████████ werden. █████████ ████████████████████████████. Sie haben mit allen Mitteln versucht, uns zum Aufgeben zu zwingen. Es gib hier ███████, ██ tut alles in ██ Macht, um █████████████████████████ wie möglich zu machen. Ich weiß nicht, warum ██ das tut. Ich habe ██ gesagt, es verstößt gegen ████ Eid, aber das kümmert ██ nicht. Ich habe den Aufseher angefleht, aber den kümmert es noch viel weniger.

Ich höre, zu Hause soll es bald Frieden geben. Ich hoffe für Dich, dass das stimmt, aber ich glaube, für uns hier spielt es keine große Rolle mehr. Wir sind schon zu lange hier. Was immer wir vor all dem hier waren, ist verloren. Die Leute hier führen Selbstgespräche. Sie sehen Gespenster. Ich träume von Dir und ███ und ████ und von zu Hause. Bitte lass bald wieder von Dir hören.

In Liebe

███



12. Kapitel

In dröhnenden Flugungeheuern schaffte man sie nach Sugarloaf, mit Ketten an den Fußboden und aneinander gefesselt. Augenbinden und Ohrschützer schotteten sie von der Umwelt ab. Nur über die Poren ihrer Haut nahmen die Gefangenen das wenige wahr, was sich über das Ding, in dem sie saßen, herausfinden ließ – ein großer Hohlraum aus Metall, glühend heiß, als sie stundenlang auf dem Rollfeld eines unbekannten Flugplatzes standen, und gleich nach dem Start bitterkalt. Wenn die Münder sich öffneten und um Wasser bettelten, wenn sie flehten, dass die Ketten gelockert würden, bekam die Haut noch anderes zu spüren – die Härte eines Gewehrkolbens, eine stahlbewehrte Stiefelspitze. Die Münder schlossen sich. Reglos wie Götzenfiguren saßen die Gefangenen auf ihrem Flug über das Floridameer.

Nur die Kuppe des Hügels ragte noch aus dem Wasser, der letzte Rest der Landzunge des vormaligen Staats. Darauf hatte man eine künstliche Insel aus Stein und Beton errichtet, umgeben von einem hohen Stacheldrahtzaun. Ein Streifen Brachland, etwa fünfzig Fuß breit, erstreckte sich zwischen Zaun und Ufer. Außer an einer Stelle, an der ein Stück für einen Bootsanleger gerodet war, wucherte das Schilfgras überall ungehindert, und der Boden war mit Unkraut bedeckt.

Das hohe Gras tarnte die Insel. Wenn die Sturmwolken sich verzogen und die Küstenbewohner im Süden von Georgia weit hinaus auf das Floridameer blicken konnten, hielten sie Sugarloaf bisweilen für eine Luftspiegelung – eine tropische Fata Morgana über dem Wasser.

Die Frauen wurden in Käfige gesteckt, bis man das Lager neu organisiert und die männlichen Häftlinge anderswohin geschafft hatte. Die Käfige waren so klein, dass größere Gefangene nur gebückt darin stehen konnten.

Zwischen den Käfigen patrouillierten schwarz vermummte Aufseher. Die Masken verdeckten ihr Gesicht, doch die Haut an der Augenpartie ließ deutlich erkennen, wie jung sie waren. Als Namen für die Gefangenen verwendeten sie die beiden Endziffern der Häftlingsnummern, und untereinander redeten sie sich nur mit ihren Initialen an. Deshalb klangen die Befehle der Vorgesetzten, wenn die Frauen in andere Käfige oder in den Erziehungstrakt gebracht werden sollten, wie Züge in einer Schachpartie.

Aber manchmal nannten die Aufseher sich aus Versehen bei ihren echten Namen. So fanden die Frauen, die kaum einmal etwas anderes zu tun hatten, als dazusitzen und zu lauschen, heraus, wer die Soldaten waren, die sie tagtäglich beaufsichtigten. Der Große mit den blauen Augen war Lillyman; der Freundliche mit dem Akzent, der immer Wasserflaschen durch den Zaun schmuggelte und bald von seinem Posten entfernt wurde, hieß Izzy. Der mit dem Stiernacken – der Brutale – war Bud Baker.

Im Lauf der Zeit erfuhren die Frauen noch mehr über ihre Wärter: die Namen der Städte, aus denen sie stammten, der Kinder und der Haustiere. Sie bekamen einen Begriff von der Geographie, von der Lage der einzelnen Camps und der Offiziersquartiere, einer Art Vorstadt am anderen Ende der Insel. Und auch wenn nichts davon ihnen in ihren engen, leeren Käfigen etwas nutzen konnte, prägten die Frauen sich all diese Einzelheiten gut ein, hüteten die Informationen wie einstweilen noch ungeschärfte Klingen.

Hin und wieder beklagten sich die Frauen über die unerträgliche Hitze, die Enge der Käfige oder den Gestank ihrer Overalls, die nie gewaschen wurden. Wenn eine von ihnen das zu häufig oder zu lautstark tat, stürmte ein Trupp von bewaffneten Wärtern in den Käfig und schleppte sie zum Erziehungstrakt. Wenn sie tags darauf in ihren Käfig zurückkehrte, beschwerte sie sich nicht mehr. Bald beschwerte sich keine von den Gefangenen mehr.


***

Der Käfig von Sarat Chestnut lag, wenn sie die Anzeichen richtig deutete, auf der dem Meer zugewandten Seite. Sie hörte das Rauschen der Wellen, die sich am Ufer brachen, direkt hinter den Wachtürmen und einem Wald aus sich im Winde wiegendem Schilf. Zur Hurrikanzeit, wenn der Himmel sich verfinsterte und die Blitze zuckten, schlugen hohe Brecher auf den Kieselstrand. Zu anderen Zeiten, wenn die See ruhig war, plätscherte es nur leise, wie ein Hund, der gemächlich aus einem Wassernapf schleckt. Angekettet in dem winzigen Käfig, außerstande sich aufzurichten, reckte sie sich doch immer wieder, um einen Blick aufs Wasser zu werfen; aber das Meer war und blieb unsichtbar.

In den ersten Wochen ihrer Gefangenschaft sprach sie nicht, weder mit den Aufsehern noch mit ihren Mitgefangenen. Die Wärter hielten ihr Schweigen für Trotz und drohten ihr oft mit dem Erziehungstrakt. Die anderen Frauen fanden ihre Weigerung zu sprechen verdächtig und vermuteten in ihr eine Ausländerin – eine Spionin womöglich oder eine Blaue, die wegen Verrats an diesen Ort verbannt war.

Statt zu sprechen, lauschte sie dem Meer. In der Nacht ihrer Gefangennahme in Lincolnton hatten die Soldaten ihr eine Rippe gebrochen. Im Lauf der Zeit ließ der Schmerz im Brustkorb nach, und das Atmen fiel ihr nicht mehr ganz so schwer, aber in den Wochen, die sie zusammengekrümmt in ihrem Käfig verbrachte, entzündeten sich ihre Knie und ihr Rücken. Um die Schmerzen zu lindern, kauerte sie sich auf den Boden wie ein Kind und verharrte in dieser Stellung, bis Bud oder einer der anderen Aufseher ihr befahl aufzustehen.

Sie wartete auf den Tod. Sie hatte keinen Zweifel, dass der Trupp von vermummten Aufsehern sie schon bald wegschleppen würde – nicht in den Erziehungstrakt, sondern in einen Gerichtssaal mitten im Land der Blauen.

Sie malte sich aus, wie sie in Handschellen hineingeführt wurde, in einen bis auf den letzten Platz besetzten Saal voll mit aufgebrachten, johlenden Nordstaatlern. Sie malte sich aus, wie sie vor dem Erschießungskommando stand, einer Reihe von jungen Soldaten, nicht anders als die, die sie vor langer Zeit durch Templestowes Zielfernrohr beobachtet hatte. Sie malte sich aus, wie sie die ein wenig zitternden Hände der Soldaten betrachten und dabei lächeln würde. Denn ganz gleich, was sie hinterher mit ihr machten – in welchem namenlosen Grab sie sie verscharrten oder wo auch immer sie ihre Asche verstreuten –, sie würde ihren Weg zum Fluss finden. Den Weg zu ihrer Schwester. Sie wartete in ihrem Käfig, und der Gedanke an den Tod hielt sie am Leben.

Am Ende des dritten Monats wurden die Gefangenen auf die Camps verteilt. Die Frauen, die sich nicht widersetzt hatten, bekamen weiße Gefängniskleidung und wurden ins Camp Thursday gebracht, in Gemeinschaftszellen, ein großes Privileg. Andere wurden in eine blaue Kluft gesteckt und landeten in den Einzelzellen von Camp Friday und Camp Saturday.

Einige Frauen munkelten von einem anderen Ort, Camp Sunday. Die Geschichten, die sie darüber erzählten, kamen Sarat wie die Auswüchse einer kranken, mittelalterlichen Phantasie vor, und anfangs glaubte sie nicht, dass es diesen Teil des Lagers tatsächlich gab.

Nach drei Tagen im Camp Thursday holten sie sie zum ersten Mal in den Besucherraum. Sie wurde zu einem kleinen Bürokomplex aus Fertigbauteilen gebracht, unauffällig bis auf die Kameras, die von der Decke hingen. Die Wände waren kahl und zusätzlich verstärkt, damit keine Geräusche nach außen drangen.

Man befahl ihr, sich auf einen kleinen Metallstuhl vor einem Metalltisch zu setzen. Ihre Arme wurden an die Stuhllehnen gekettet, die Knöchel kamen in im Boden eingelassene Fußschellen. Dann ließen die Aufseher sie allein, und es herrschte Stille.

Drei Stunden lang saß sie so da. In ihrem Rücken breitete sich ein glühender Schmerz aus. Sie versuchte, sich anders hinzusetzen, aber der Stuhl war am Boden befestigt, und wie auch immer sie den Kopf zu halten versuchte, nichts linderte den Schmerz in den verkrampften Muskeln.

Die Tür ging auf. Eine zierliche Frau trat ein, etwa zehn Jahre älter als Sarat. Sie war gekleidet wie die Frauen, die für die Regierung in Atlanta arbeiteten. Sie faltete ihre Kostümjacke zusammen und legte sie sorgsam über den Tisch. Sie setzte sich.

»Wir wissen genau, was Sie getan haben, Sara Chestnut«, sagte sie.

Erst in dem Augenblick begriff Sarat, dass ihre Entführer keine Ahnung hatten – nicht nur, weil die Frau sie mit ihrem alten Vornamen ansprach, den sie vor so vielen Jahren abgelegt hatte, sondern auch weil es, wenn die Blauen von ihren Verbrechen gewusst hätten, keines Verhörs mehr bedurft hätte; es wäre nicht mehr nötig gewesen, ihr ein Geständnis abzupressen. Sie wussten nichts; vielleicht hatten sie sie nur auf einen vagen Verdacht hin gefangen genommen, weil man sie beim Hauptquartier der Vereinten Rebellen gesehen hatte. Vielleicht war sie auch einfach nur Opfer einer willkürlichen Verhaftungswelle, ihren Häschern zufällig ins Netz gegangen.

»Wenn Sie jetzt reden – wenn Sie uns alles sagen und uns die Namen der Personen nennen, mit denen Sie zusammengearbeitet haben –, dann kann ich Ihnen vielleicht noch helfen«, sagte die Frau. Sie beugte sich leicht vor. »Noch ist es nicht zu spät, Sara. Noch haben Sie eine Chance, diesen Ort zu verlassen, eine Chance, zu Simon und Dana zurückzukehren. Tun Sie das Richtige. Sie müssen nicht mehr tun, als mir die Wahrheit sagen. Können Sie das, Sara, mir die Wahrheit sagen?«

»Ich habe nichts getan«, sagte Sarat.

Die Frau schloss einen Moment lang die Augen und schüttelte den Kopf. »Sara«, sagte sie, »ich weiß, Sie halten mich für Ihre Feindin, aber ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Meine Vorgesetzten in Columbus wollen Sie für immer hinter Gitter bringen, Sie wollen dafür sorgen, dass Sie nie wieder nach Hause kommen. Wenn die Sie anschauen, sehen sie nur das hier …«

Die Frau zog ein paar Hochglanzfotos aus ihrer Aktentasche und breitete sie auf der Tischplatte aus. Es waren Bilder der Zerstörung, das ausgebrannte Wrack eines explodierten Autos. Im ersten Augenblick glaubte Sarat, es seien Fotos vom Tod ihrer Schwester. Aber das konnte nicht sein – die Umgebung sah anders aus, und die Frau wusste offenbar nicht einmal, dass Dana tot war. Sie sah aufgeplatzte Sandsäcke, die Überreste einer Militärstellung. Auf einem der Fotos war im Hintergrund das befestigte Stadtzentrum der Hauptstadt des Nordens zu erkennen.

Die Verwirrung musste Sarat deutlich anzusehen sein, denn die Frau packte die Bilder rasch wieder weg.

»Ich weiß natürlich, dass nicht Sie das waren, Sara, doch meine Vorgesetzten glauben es«, erklärte sie. »Aber ich habe gesagt: Geben Sie mir eine Chance; lassen Sie mich mit ihr reden. Ich habe Ihre Akte gelesen, Sara, ich weiß, was Sie durchgemacht haben. Und ich weiß, Sie würden nicht wollen, dass unschuldigen Menschen – im Süden oder im Norden – das Gleiche widerfährt.«

Die Frau blickte sich um, als wolle sie sich vergewissern, dass niemand in Hörweite war. »Schauen Sie, meine Großeltern stammen aus Alabama«, flüsterte sie. »Man könnte sagen, dass ich den Süden im Blut habe. Ich weiß, Sie haben feste Grundsätze, Sara – die Schwachen beschützen, die Wahrheit sagen, das Richtige tun. Das Richtige. Wenn ich zu meinen Vorgesetzten in Columbus zurückkehre, Sara, will ich ihnen sagen können, was in meinen Augen die Wahrheit ist: dass Sie kein schlechter Mensch sind, dass Sie nicht das Blut Unschuldiger an den Händen haben. Und wenn ich das meinen Vorgesetzten sage, können Sie wieder zu Dana und Simon, zurück nach Lincolnton. Ich kann Ihnen helfen, Sara, aber dazu müssen Sie mir auch helfen.«

»Ich habe nichts getan«, sagte Sarat.

Die Miene der Frau verhärtete sich, und ihre anfangs so sanfte Stimme wurde schärfer.

»Sie müssen wissen, dass wir einige der Personen, die Sie schützen wollen, bereits gefasst haben«, sagte sie. »Sie sind hier, hier an diesem Ort, und sie haben uns erzählt, was Sie getan haben, Sara. Sie haben Sie beschuldigt, um die eigene Haut zu retten. Wollen Sie wirklich, dass diese Leute ungeschoren davonkommen, während Sie den Rest Ihres Lebens in einer Zelle verbringen?«

»Ich habe nichts getan«, sagte Sarat.

»Albert Gaines hat uns von Ihnen erzählt«, sagte die Frau. Die Erwähnung des Namens ließ Sarat unwillkürlich zusammenzucken, aber sie schwieg.

»Ganz recht«, fuhr die Frau fort. »Albert Gaines hat Sie verraten. Er hat uns gesagt, dass Sie eine Aufständische sind. Wollen Sie, dass wir ihm das glauben, Sara? Wollen Sie, dass wir Sie so behandeln, wie wir Aufständische behandeln?«

»Ich habe nichts getan«, sagte Sarat.

Die Frau schüttelte nochmals den Kopf und stand auf. »Sie können es sich leichtmachen, Sara, oder Sie können es sich schwermachen. Ihre Entscheidung.«

»Ich habe nichts getan«, sagte Sarat.

Die Frau verließ den Raum. Kurz darauf erschien ein vermummter Aufseher. Noch ehe er die Maske abnahm, erkannte Sarat ihn an seiner Statur und an seinem wulstigen Nacken. Einige der Wärter achteten immer darauf, dass die Gefangenen ihr Gesicht nicht zu sehen bekamen, aber dieser hier schien sich nicht darum zu scheren. Er kam ganz nah zu ihr heran und starrte sie mit kaltem, verächtlichem Blick an.

Bevor sie den Kopf abwenden konnte, schlug er ihr ins Gesicht. Ihr Kopf flog zur Seite, aber der restliche Körper war so fest angekettet, dass er sich nicht bewegte.

»Du dämliche rote Schlampe«, schnauzte Bud sie an. »Jetzt bringen wir dich zum Singen.«

Der Aufseher rief vier weitere herein. Sie trugen blaue Handschuhe und hatten vermummte Gesichter, und ihre Panzerwesten ließen sie massiger wirken.

»Ab mit ihr zur Lichttherapie«, befahl Bud.

Sie wurde in einen Kellerraum in einem anderen Gebäude gebracht. Er war ganz aus Beton und leer bis auf zwei im Boden verankerte Ringe. Die ganze Wand gegenüber nahm eine Batterie von großen weißen Scheinwerfern ein.

Die Aufseher ketteten Sarats Fußknöchel und Handgelenke aneinander und befestigten dann die Kette an den Ringen im Boden, so dass sie in eine tiefe Hockstellung gezwungen wurde und sich nicht bewegen konnte. Die Wärter verließen die Zelle, und einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erwachten die Scheinwerfer mit einem lauten, elektrischen Klackern zum Leben und tauchten den Raum in mörderisch helles Licht.

Sarat schloss die Augen. Das gleißende weiße Licht verwandelte sich hinter ihren Lidern in ein glühendes Rot. Sie senkte den Kopf, und eine Zeitlang war der Ansturm erträglich. Doch schon bald heizte die Zelle sich auf. Schweiß rann ihr in Strömen über die Haut, und die Knie schmerzten vom Gewicht ihres Körpers.

Am dritten Tag öffnete sich die Tür. Ein vermummter Aufseher trat ein und knallte einen Essensnapf und einen weiteren Napf mit Wasser an die Stelle, an der Sarat angekettet war. Die Gefäße waren aus weichem Gummi und die Hälfte des Inhalts schwappte beim Aufprall auf den Boden. Der Wärter verließ die Zelle, und die Tür fiel ins Schloss.

Eine der Schüsseln enthielt eine dünne braune Pampe mit weißen Flocken. Da sie die Arme nicht bewegen konnte, hatte Sarat Mühe, an das Essen zu kommen. Sie angelte mit den Fingern danach und beugte sich so weit wie möglich vor. Kraftlos schob sie den Napf zum Mund. Die Pampe schmeckte schweflig, vergoren. Aber sie schlang alles hinunter, halb wahnsinnig vor Hunger. Bald waren ihr Overall und der Boden ringsum bekleckert mit Essen. In der Hitze der Scheinwerfer fing der Brei an, sich zu zersetzen. Jeden zweiten Tag kehrte der Aufseher zurück und knallte zwei neue Näpfe auf den Boden.

Nach zehn Tagen war der pochende Schmerz in Kopf und Knien unerträglich. Der Raum hallte wider von ihren Schreien, und die enge rote Dunkelheit, in der sie existierte, wenn sie die Lider geschlossen hielt, war auch dann noch da, wenn sie die Augen öffnete. Am zwanzigsten Tag brachten die Aufseher sie weg.

Im Besucherraum fragte die Frau mit dem adretten Kostüm, ob sie es sich anders überlegt habe.

»Ich habe nichts getan«, murmelte Sarat, auf ihrem Verhörstuhl zusammengesackt.

Die Frau erhob sich und verließ den Raum. Kurz darauf kehrte Bud zurück. Im Nebel ihrer verbrannten Augen sah es aus, als bewege er sich auf der Stelle, verschwommen wie ein halbvergessener Traum. Er packte sie an den stoppligen Haaren, die seit ihrer Gefangennahme wieder auf ihrem Schädel sprossen.

»Was glaubst du, wie das hier ausgeht?«, fragte der Aufseher, sein Atem heiß an ihrer Schläfe. »Glaubst du etwa, du kannst hier gewinnen? Glaubst du, wir geben auf? Wir bringen dich zum Singen, verlass dich drauf.«

Er ließ sie los und rief die Wärter. »Ab mit ihr zur Klangtherapie!«


***

Die Monate zwischen den Besuchen verbrachte Sarat in einer Zelle im Camp Saturday. Die Zelle war quadratisch, und wenn sie mit ausgestreckten Armen in der Mitte stand, konnte sie mit den Fingerspitzen alle vier Wände berühren. Die Mauern waren aus Beton, gelblich gestrichen, ein Farbton wie Margarine. In einer Ecke stand eine Metallpritsche, schräg gegenüber war die Toilette, ebenfalls aus Metall, ansonsten war die Zelle leer. Die Deckenlampe brannte ununterbrochen und verwischte die Grenzen zwischen Tag und Nacht. Den Verlust des Tagesrhythmus (und später auch des Rhythmus der Jahreszeiten) konnte ihr Verstand nur dadurch ausgleichen, dass er sich an die einzig verfügbare Möglichkeit klammerte, mit der sich die Zeit messen ließ: die Schritte der Wärter auf dem Flur.

Die Wärter patrouillierten zu jeder Tages- und Nachtzeit zwischen den Zellen von Camp Saturday. Alle drei Minuten öffnete sich der Schlitz in Sarats Zellentür und ein Augenpaar inspizierte den Raum, dann ging der Schlitz wieder zu. Im Lauf der Zeit wurde das Auf und Zu der Metallklappen entlang des Flurs zu einer Art Metronom, mit dessen Hilfe Sarat Anfang und Ausgang des Tages berechnete. Am Ende kannte sie die spähenden Augenpaare in- und auswendig und gab ihren Besitzern erfundene Namen.

Hin und wieder hörte sie Schreie aus den umliegenden Zellen. Manchmal warteten die Frauen, bis ein Aufseher den Sehschlitz öffnete, und versuchten dann, ihm eine Handvoll Exkremente in die Augen zu schleudern. Minuten später stürmte ein Trupp vermummter Wärter in die Zelle der Aufrührerin, und die schreiende, wild um sich tretende Frau wurde in den Erziehungstrakt geschleppt. Wenn sie nach ein, zwei Wochen zurückkam, war aus ihrer Zelle kein Laut mehr zu vernehmen.

Die Bewohnerin der Nachbarzelle hieß Elena. Sie stammte aus Mississippi und hatte den Verstand verloren. Durch die Betonwand sprach sie leise mit Sarat, und ihre Stimme war so klar und verständlich, dass Sarat monatelang glaubte, sie sei eine Erfindung ihres eigenen, von der Folter zerrütteten Hirns.

Elena versicherte ihr, sie sei an diesem Ort zur Welt gekommen, von Geburt an hier eingesperrt, weil die Blauen gewusst hätten, dass sie zur Terroristin geboren war. Sie erzählte auch, Sugarloaf sei früher Teil einer langgestreckten Landzunge gewesen, ohne Käfige und ohne Zäune. Sie sang Lieder über Alligatoren und Sümpfe und sprechende Tiere.

Zwischen dem Schlurfen der Wärterschritte auf dem Flur und dem Aufflackern der Schreie der Frauen lauschte Sarat der Stimme ihrer Nachbarin, wie man dem eigenen Atem lauscht – passiv, ohne nachzudenken. Zu anderen Zeiten war diese Stimme das Einzige, was sie hörte, die einzige Bestätigung, dass sie noch am Leben war.

Manchmal antwortete Sarat der Stimme, die leise durch die Wände drang, und bei solchen Gelegenheiten log sie. Als Elena sie fragte, woher sie komme, erzählte sie, sie stamme aus South Carolina, und erfand eine komplizierte Lügengeschichte, wie sie der Krankheit, die man über diesen Staat gebracht hatte, entronnen war. Es machte ihr Spaß, die Nachbarin, deren Gesicht sie nicht kannte, anzulügen, und es machte ihr Spaß, dass die Nachbarin ihr offenbar glaubte. Nach den schlimmsten Besuchen, wenn sie nach wochenlangen Misshandlungen vor Schmerz fast von Sinnen in die Zelle zurückkehrte, war es ihr ein kleiner Trost, dass sie in ein ganz und gar erfundenes Leben fliehen konnte.

Aber sie gab nicht nach. Die Besuche kamen in Wellen – manchmal ließ sich die Frau in dem adretten Kostüm monatelang nicht blicken, bis Sarat schon anfing zu glauben, die Zeit der Verhöre sei endlich vorbei. Manchmal hatte es den Anschein, als lebe die Frau ständig auf der Insel, und sie lasse Sarat fast täglich vorführen. Die Wochen, die sie in steter Isolation in den Folterzellen mit Licht und Klang zubrachte, ließen ihre Sinne abstumpfen, bis sie alles, was mehr als eine Armlänge entfernt war, nur noch schemenhaft wahrnehmen und nicht mehr entschlüsseln konnte. Die Verrenkungen, in denen man sie ankettete, zerstörten die Knorpel in ihren Knien, verbogen ihren Rücken zu einer gekrümmten Säule aus Schmerz. Trotzdem gab sie nicht nach.


***

In ihrem dritten Jahr auf der Insel beteiligte sich Sarat an einem Hungerstreik. Elena sagte, in allen Camps gebe es streikende Frauen, sie weigerten sich zu essen und tränken nichts als Wasser. Einige hungerten schon seit Wochen. Eine sei sogar gestorben – eine Art Selbstmord, den die Aufseher als »asymmetrische Kriegführung« bezeichneten.

Sie erzählte, die Frauen hätten eine Liste mit Forderungen aufgestellt, an erster Stelle die Freilassung. Falls die nicht zu erwirken sei, sollten ihre Angehörigen eingeflogen werden und sie besuchen dürfen; Anwälte der Roten sollten sie verteidigen dürfen; und das Anrecht auf etwas, dessen Name in Sarats Ohren fremdartig klang (sie stellte sich vor, dass es eine Droge war oder vielleicht etwas, das mit Religion zu tun hatte). Die Frauen in den Einzelzellen verlangten gemeinschaftlichen Hofgang, eine Chance, die Sonne zu sehen.

Sarat stellte keine Forderungen. Der Gedanke, sie könne ihre Peiniger dazu bringen, sie besser zu behandeln, kam ihr so abwegig vor wie die Vorstellung, man könne einen Skorpion dazu bewegen, seinen Stachel herzugeben. Das Schweigen war die einzige Waffe, die sie ihr nicht nehmen konnten; ihnen diese Waffe in Gestalt aussichtsloser Appelle auszuliefern schien ihr ein Akt großer Feigheit, ein stillschweigendes Eingeständnis, dass die brutalen Mechanismen von Sugarloaf doch einer Art Gesetz unterlagen. Deswegen weigerte sie sich auch, sich auf die sogenannten humanitären Botschafter einzulassen, die alle paar Monate mit starren Mienen der Missbilligung in Sugarloaf auftauchten, deswegen spuckte sie der Frau mit dem adretten Kostüm ins Gesicht, deswegen riss sie die Seiten aus dem einzigen Buch, das sie ihr zugestanden hatten, heraus und klebte sie mit Kot vor den Schlitz ihrer Zellentür. Deswegen stellte Sarat keine Forderungen.

Stattdessen aß sie einfach nichts mehr. Durch das Hungern nahm sie ihren Folterern die Folterwerkzeuge aus der Hand und legte sie in die eigene. Das Hungern machte sie zur Handelnden, verlieh ihr Kontrolle.

Nach der ersten Woche ihres Streiks wurde sie, benommen vom Hunger, zur Krankenstation gebracht.

Die Aufseher führten sie in einen Raum mit einer hohen weißen Decke. Die Fenster waren mit schwarzen Tüchern verhängt, die das Sonnenlicht dämpften. Den Geruch in dem Raum kannte Sarat – es roch nach Wundbenzin. Wie beim letzten Mal als sie ihre Schwester gesehen hatte.

In der Mitte des Raums stand eine einzelne Pritsche, das Kopfteil geneigt auf die Höhe eines Zahnarztstuhls. Auf einem Metalltisch daneben lagen Injektionsnadeln, ein zusammengerollter Gummischlauch, eine Schachtel Einweghandschuhe und zwei Beutel mit einer klaren Flüssigkeit.

Die Wärter hoben sie auf die Pritsche. Sie spürte, wie ihre Hand- und Fußgelenke und der Oberkörper festgeschnallt wurden. Eine Art Schraubstock fixierte den Kopf, so dass sie nur nach oben, zur kahlen weißen Decke blicken konnte.

Am äußersten Rand ihres Gesichtsfelds sah sie, dass sich einer der Soldaten an dem Tisch zu schaffen machte. Er trug einen weißen Kittel, und um seinen Hals baumelte ein Stethoskop, aber sie wusste, dass er Soldat war. Er wickelte den Gummischlauch auf und befestigte ihn an einem der Beutel mit Flüssigkeit, den er dann an einen metallenen Ständer hängte. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie er anfing, eine glänzende, schleimartige Substanz auf das Ende des Schlauchs aufzutragen, bis der Aufseher Bud ihn unterbrach.

»Das brauchen wir nicht«, sagte Bud. »Sie ist ein großes, kräftiges Mädchen.«

Sie würgte, und dabei flößten sie ihr Nahrung ein. Die weiße Decke, auf die ihre Augen starrten, füllte sich mit funkelnden Sternen. Die Pritsche geriet ins Wanken; sie spürte die Hände der Wärter, die sie festhielten. Mit beißendem Nachgeschmack kroch ihr die Nährlösung in die Kehle und sickerte aus ihrem schlaffen Mund. Sie schmeckte das Innere ihres Körpers.

Im Lauf der Prozedur riss ein Windstoß das schwarze Tuch von einem der Fenster. Ein Sonnenstrahl fiel in den Raum. Sarat schloss die Augen und spürte die Wärme an den äußersten Enden ihrer Zehen. Ganz schwach, in weiter Ferne, hörte sie spielende Kinder.


***

Im Januar fegte drei Tage lang ein Sturm über die Insel. Der Regen machte ein Geräusch, als ob riesige Insekten über die Gefängnismauern krabbelten. Die Frauen in den Einzelzellen kauerten sich zusammen und schrien.

Der Sturm ersparte Sarat die tägliche Nahrungsaufnahme. Der Hunger kehrte zurück, aber diesmal war es eine Gnade. Am vierten Tag öffnete sich die Zellentür, und Bud trat ein. Er kam mit dem üblichen Gefolge von Wärtern, doch er ließ sie draußen warten und machte die Zellentür hinter sich zu.

Schon bevor er an der Tür war, wusste sie, dass er es war – der Rhythmus seiner Schritte auf dem Flur war so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Manchmal staunte sie, wie viel sie über einen Mann wusste, über den sie eigentlich gar nichts wissen sollte – sie kannte die Art, wie sich seine Wangen röteten, wenn er sie beschimpfte, als ob der Klang seiner eigenen Stimme ihn in Wut versetzte; die Art, wie er die Oberlippe in einem gespielten Ausdruck von Abscheu in Richtung Nase hochzog, wenn er eine Lüge erzählte. Sie kannte ihn so, wie Tiere das Wetter kennen, und etwas war an ihm, an seiner Natur, dass sie immer genau sagen konnte, wie schlimm der nächste Sturm sein würde.

Aber an diesem Tag konnte sie seine Stimmung nicht deuten. Die ausdruckslosen Augen strahlten eine Art Ruhe aus, die Sehnen in seinem Nacken waren entspannt. Der Ausdruck auf seinem fleischigen Gesicht hatte etwas von einem Kind an Heiligabend, ungeduldig und knisternd vor Vorfreude.

Er setzte sich auf das Fußende ihrer Pritsche. Instinktiv rückte Sarat von ihm ab. Sie roch das Kantinenfrühstück, den Geruch von Frittierfett. Er betrachtete die Stelle neben dem Bett, wo ein letzter Fleck von Sarats Erbrochenem zu einer sandfarbenen Kruste eingetrocknet war. Er lachte leise.

»Sag mal, glaubst du eigentlich an diesen Hinduscheiß?«, fragte er. »In der Bibliothek hier gibt es ein Buch darüber; einmal war mir am Abend so langweilig, dass ich drin gelesen habe. Glaubst du dieses Zeug, dass man als Kröte oder Ameise oder sonst was wiedergeboren wird, wenn man in seinem früheren Leben was richtig Böses gemacht hat? Ich habe gesehen, was du mit der Bibel gemacht hast, die du von uns bekommen hast; Christin bist du nicht, so viel steht fest. Vielleicht glaubst du ja an dieses Zeug.«

Sarat schwieg. Bud ließ die Knöchel knacken. Sie wartete, dass sich seine Wangen röteten, dass die Sehne am Hals hervortrat, und sie machte ihren Verstand bereit zur Flucht an einen fernen Ort.

»Ich denke da schon eine ganze Weile drüber nach«, fuhr Bud fort. »Weil ich mir vorstelle, dass ich in meinem früheren Leben ziemlichen Scheiß gebaut haben muss – ein Waisenhaus abgefackelt oder so was. Wieso sollte ich sonst hier sein, den Babysitter für einen Käfig voller grässlicher Tiere spielen?«

Der Sehschlitz in der Tür ging auf. Ein Wärter schaute herein. Bud scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort. In dem Augenblick stellte Sarat sich vor, wie sie ihm an die schweißglänzende Gurgel ging und die Zähne in sein Fleisch grub. Aber was ihre Phantasie sich vorstellte, brachte ihr kraftloser Körper nicht mehr zustande, und als er sich wieder ihr zuwandte und ihr die Hand auf das Knie legte, spuckte sie zwar in seine Richtung, doch der Speichel rann ihr nur übers Kinn.

»Aber, weißt du, dann ist mir eingefallen, dass es wohl doch nicht so schlimm war, verstehst du? Ich kann gar nichts wirklich Schlimmes angestellt haben, denn dann wäre ich ja als du auf die Welt gekommen.«

Er tätschelte ihr leicht das Knie, dann stand er auf.

»Erinnerst du dich noch an die Zeit, als du neu hier warst?«, fragte er. »Erinnerst du dich, wie du das Gesicht an die Gitterstäbe gepresst hast wie ein Hund, weil du unbedingt das Wasser sehen wolltest? Soll ich dir was verraten, Sara Chestnut? Heute gehen wir mit dir zum Wasser.«


***

Die Wärter brachten sie an einen anderen Ort, ein kleines Gebäude, das sie noch nie gesehen hatte. Das Gebäude war weiß und unauffällig; es stand am Rand eines eingezäunten und von Barrikaden umgebenen Komplexes, der an Camp Saturday erinnerte, nur viel kleiner. Der Komplex lag in Ufernähe; als die Wärter sie ins Innere führten, hörte Sarat in der Ferne das Rauschen des Meeres.

Sie brachten sie in einen fensterlosen Raum, grell erleuchtet von einer Vorkriegsglühlampe. Die Birne baumelte an einem Kabel von der niedrigen, weißen Decke.

Genau wie in dem anderen, in dem sie ihr Nahrung einflößten, stand in der Mitte dieses Raums eine Pritsche. Auch die Anwesenden waren dieselben: Soldaten in Aufseheruniformen und Soldaten in weißen Kitteln. Doch diesmal standen die Uniformierten an der Pritsche und die Weißkittel hielten sich im Hintergrund; als Sarat sie ansah, wandten sie den Blick ab.

Wieder wurde sie festgeschnallt, und obwohl sie auf dem Tisch neben der Pritsche nicht die üblichen Requisiten ausmachen konnte, schloss sie die Augen und rechnete damit, dass man ihr Nahrung einflößen würde. Doch stattdessen spürte sie, wie man ihr ein weiches Tuch aufs Gesicht legte, und dann hörte sie die Stimme der Frau mit dem adretten Kostüm.

»Wenn du willst, dass das hier aufhört, Sara«, flüsterte die Stimme, »musst du mit uns zusammenarbeiten.«

Die Stimme verschwand. Der Raum wurde still. Und dann begann das Ertrinken.

Das Wasser strömte, es nahm kein Ende. Der Tod kam und ging, Sarats Körper gehorchte ihr nicht mehr. Schübe von Licht und Hitze erdrückten sie; ihr Verstand war wie gelähmt vor Angst und Panik. Sie ertrank, doch der Tod wollte und wollte nicht kommen. So brachen die Peiniger schließlich ihren Widerstand.

Um dem endlosen Ertrinken zu entrinnen, gestand sie sämtliche Verbrechen, die sie ihr zur Last legten – Mitschuld an aufständischen Gewalttaten jeglicher Art, Dinge, von denen sie noch nie gehört hatte. Sie gab zu, an der Ermordung von drei Informanten der Blauen im Neuen Vierten Bezirk und bei einem Autobomben-Attentat am Stadtrand von Columbus beteiligt gewesen zu sein. Als man sie zu Rebellen befragte, die sie kannte, sagte sie alles, was sie wusste; als man sie zu Unbekannten befragte, erfand sie passende Lügen. Die Frau im adretten Kostüm präsentierte ihr stapelweise schriftliche Geständnisse, und sie unterschrieb jedes einzelne Blatt. Keine Lüge war so ungeheuerlich, dass die Angst vor dem Ertrinken sie nicht wahr werden ließ.


***

Die folgenden Monate brachten Erleichterung. Nach und nach gestattete man ihr die wertvollen kleinen Dinge, die man ihr zuvor verweigert hatte – Seife und Shampoo; andere Bücher als die Bibel; eine schwarze Schlafmaske, die die Deckenbeleuchtung abschirmte; Schmerzmittel aus Spinnengift, die die Schreie von Rücken und Knien erstickten. Täglich wurde sie für eine Stunde in den Gefängnishof geführt, wo sie sich auf den warmen Betonboden zu Füßen des Zauns legte und das Sonnenlicht in sich aufsog, wohlig wie eine Katze. Sie brachten ihr Essen, und sie verschlang es gierig. Die Mahlzeiten waren fettig und fade; sie wurde dick davon, denn es gab kaum etwas zu tun, außer in ihrer Zelle zu sitzen und zu essen. Aber sie aß jeden Bissen, und man musste sie nie wieder zum Essen zwingen.

Jeden zweiten Freitag, wenn die Wärter kamen, um ihr die Nägel und Haare zu schneiden, hielt sie still und ließ es über sich ergehen. Und an den Donnerstagen davor, wenn ihre Fingernägel am längsten waren, bohrte sie sie tief in die Haut an der Innenseite ihrer Oberschenkel, bis sie das warme Blut rinnen spürte. Die Wärter, die alle paar Minuten ihre Zelle kontrollierten, mussten denken, sie masturbiere; sie ließen sie gewähren.

Im Sommer darauf wurden die Aufseher ausgetauscht, und Bud Baker verschwand – aber Sarat war es egal, als Elena die Neuigkeit durch die Wände des Zellenblocks flüsterte, denn auch das Mädchen, dessen Seele der stiernackige Wärter langsam erstickt hatte, war nicht mehr da. Der Tag verschmolz mit der Dunkelheit, die Dunkelheit verschmolz mit dem Tag. Jahre vergingen.


***

Eines Tages, lange nach dem letzten Verhör, kamen zwei Wärter in Sarats Zelle und brachten sie zurück in das Gebäude, in dem sie ihre Geständnisse abgelegt hatte. Als sie durch den Flur geführt wurde, erkannte sie den Ort, aber er wirkte verlassen, unbenutzt. Eine dünne Staubschicht lag jetzt auf den Stühlen und auf dem Tisch. Auf einem alten, handgeschriebenen Schild an der Wand stand: »Verlassen Sie den Raum so, wie Sie ihn vorgefunden haben.«

Wieder einmal setzten sie sie auf einen Stuhl, aber diesmal legten die Wärter der Gefangenen keine Fußfesseln an. Die Soldaten gingen, und kurz darauf erschien eine Frau, die Sarat noch nie gesehen hatte. Die Frau war jung, förmlich gekleidet in Rock und Bluse.

Beim Anblick ihrer neuen Besucherin wurde Sarat von einer kalten, lähmenden Angst gepackt. Sie starrte stumm und reglos auf die Frau und nahm sich insgeheim vor, dass sie sich eher selbst die Kehle zerfleischen würde als zulassen, dass man sie noch einmal in den kleinen weißen Raum brachte und zum Ertränken auf die Pritsche schnallte.

Die Frau setzte sich und legte einen schlichten Aktendeckel auf den Tisch.

»Sara T. Chestnut?«

Sarat schwieg.

»Sind Sie Sara Chestnut?«, fragte die Frau erneut. »So heißen sie doch, nicht wahr?«

Sarat nickte. Die Frau zog drei Schriftstücke, zusammengeheftete Blätter, aus dem Ordner.

»Sara, mein Name ist Gabrielle«, sagte die Frau. »Ich arbeite als Rückführungsbeauftragte für das Friedensministerium in Columbus. Ich möchte, dass Sie mir genau zuhören – hören Sie? – dass Sie genau zuhören, was ich sage, weil es sehr wichtig ist. In Ordnung?«

Sarat nickte. Die Frau sprach in dem Singsang, in dem man kleinen Kindern etwas erklärt.

»Ich werde Sie jetzt bitten, diese drei Dokumente zu lesen und zu unterzeichnen«, sagte Gabrielle. Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da begann Sarat schon, die Papiere zu unterschreiben.

»Langsam, langsam, lassen Sie mich zuerst erklären, worum es geht«, sagte die Frau. »Also, passen Sie auf: Das erste Schriftstück ist eine Erklärung des Friedensministeriums. Darin steht, dass die Regierung der Vereinigten Staaten bei Ihrer Gefangennahme und vorübergehenden Inhaftierung als mutmaßliche Aufständische nach bestem Wissen und Gewissen handelte, auf der Grundlage von Informationen aus einer Quelle, deren Zuverlässigkeit sie heute in Zweifel zieht. Ferner wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihr Status nach eingehender Prüfung in ›nicht mehr kombattant‹ geändert wurde. Im zweiten Dokument geht es um den dauerhaften Haftungsausschluss für sämtliche Organe und Einrichtungen der Regierung der Vereinigten Staaten. Das dritte Formular ist eine eidesstattliche Erklärung, in der Sie sich verpflichten, sich künftig weder aktiv noch billigend an Aktionen zu beteiligen, die gegen Organe oder Institutionen der Regierung der Vereinigten Staaten oder gegen deren Mitglieder und Vertreter gerichtet sind.«

Sarats Blick wanderte von der Frau zu den Formularen und wieder zurück. »Und was wollen Sie jetzt von mir?«, fragte sie.

Die Frau beugte sich über den Tisch. Sie ergriff Sarats Hände. Die nackte Haut einer Fremden auf ihrer eigenen fühlte sich seltsam an. Das Gefühl von Nähe ohne Gewalt kannte sie nicht mehr.

»Der Krieg ist vorbei, Sara«, sagte Gabrielle. »Sie kehren nach Hause zurück.«

Sie hörte die Worte, aber ihr Verstand begriff sie nicht. Dreimal wiederholte die Frau das Gesagte, dann stieß Sarat die fremden Hände beiseite und floh von ihrem Stuhl in eine Ecke des Raums. Dort kauerte sie sich auf den Boden und war durch nichts zu bewegen, die Frau anzusehen oder zuzuhören, was sie sonst noch zu sagen hatte. Kurz darauf verließ Gabrielle hilflos den Raum, und die Wärter zerrten Sarat zurück in ihre Zelle.

Ein paar Tage später kamen sie zurück und holten sie erneut. Aber diesmal brachten sie sie nicht in eins der Besucherzimmer, sondern auf das Rollfeld. Dort zwangen sie sie, in ein kleines Flugzeug zu steigen, zusammen mit vierzehn anderen Frauen. Die Frauen wirkten verstört und orientierungslos im grellen Licht der Morgensonne und sprachen beim Einsteigen kein Wort.

Kurz darauf waren sie in der Luft. Durch ihr kleines Bullauge spähte Sarat über das endlose glitzernde Blau rings um den Ort, der ihr Gefängnis gewesen war. Ihre Augen hatten schwer gelitten, sie hatte Mühe, die Landschaft zu erkennen, die das kleine Flugzeug überflog. Aber sie wusste genau, was da unten war: die Wellen des Floridameers, auf dessen Grund in dicken Teppichen das Seegras stand und in dessen Wasser Schwärme blinder Feuerfische schwammen. Es war da, auch wenn sie es nicht deutlich erkennen konnte, und würde auch dann noch da sein, wenn das letzte Augenpaar auf dieser Welt erblindete.

Das Flugzeug überquerte die See und glitt hinab zum Festland. Sarat kam wieder nach Hause.



Auszug aus:


Gefundenes Fressen:


Tagebuch eines ehemaligen Anwerbers aus dem Süden

Manche haben es mit allen möglichen Tricks probiert. Ich kannte einen, der mitten in der Nacht mit ihnen raus in die Einöde ging, da mussten sie sich in offene Gräber legen. »So werdet ihr enden«, hieß es, »für immer gefangen in der schwarzen Erde, wenn ihr nicht für die Sache eurer Leute kämpft. Gott sorgt für die, die für ihr Volk kämpfen.« Das hat auch funktioniert, solange man nur einen hoffnungslosen Verlierer von der Südküste dazu bringen wollte, sich die Bauernmontur überzuziehen, aber die Gewitzteren haben das sofort durchschaut.

Nach meiner Erfahrung waren am wirkungsvollsten die Lügen, die man unter die Wahrheit schmuggelte. Ich habe ihnen all die schrecklichen Gräueltaten der Blauen geschildert – habe ihnen Bilder von den Opfern der Brandbomben in Burleson gezeigt, vom Massaker in Patience, all das. Aber dazu habe ich ihnen auch vom Blutbad in Pleasant Ridge erzählt. Das Komische ist, in all den Jahren, in denen ich für die Rebellen im Süden gearbeitet habe, hat kein einziger Rekrut sich die Mühe gemacht nachzuforschen, ob es jemals ein Blutbad in Pleasant Ridge gab. Sie sind einfach davon ausgegangen, dass es wahr ist. Die Blauen hatten unseren Leuten so viel angetan, warum nicht auch das? Nach einer Weile wusste ich selbst nicht mehr, ob es in Pleasant Ridge ein Blutbad gegeben hatte.

Deshalb war es später auch so leicht zu lügen, als die Großoffensive der Blauen kam und sie uns alle aufgegriffen und verhört haben. Sie wollten Namen und Taten, und wir haben sie nach Kräften damit gefüttert. Ich kannte einen, der hat einfach alle Leute aufgezählt, die in seinem alten Viertel gearbeitet haben. Eine Woche später sind dann die Sturmtrupps angerückt und haben einen Haufen Buchhalter und Metzger und Lebensmittelhändler verhaftet.

Am Ende hatten die Blauen einen solchen Wust an unzuverlässigen Informationen, dass sie alle wieder laufenlassen mussten. Aber es war wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt – als sie endlich so weit waren, dass die ganzen Internierungslager wieder aufgelöst wurden, hatten sie die meisten Insassen längst zu genau dem gemacht, wofür sie sie anfangs halten wollten. Ich habe immer gesagt, die Lager von Sugarloaf waren die beste Rekrutierungsbasis, die der Süden je hatte.



IV. Januar 2095


Lincolnton, Georgia




13. Kapitel

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich ihr zum ersten Mal begegnet bin, den Tag, an dem sie Einzug in mein Leben hielt.

Es gab ein Eisentor, das unser Grundstück von der Straße abschloss, und von da gelangte man über die geschwungene Auffahrt zum Haus. Meine Mutter hatte das Tor errichten lassen, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie bezahlte die Bauarbeiter auch dafür, dass sie die Ufermauer aus Beton um einen Fuß erhöhten. Und dazu ließ sie noch einen niedrigen Palisadenzaun um das eigentliche Haus bauen, eine Art Burgwall, der uns von den Gewächshäusern und dem Rest des Grundstücks trennte. Mein Vater fand das übertrieben; Babys seien schließlich nicht aus Glas. Aber meine Mutter, die schon längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, eines Tages ein eigenes Kind zu haben, bestand darauf. Mein Vater erzählte, manchmal sei sie ganze Nächte lang aufgeblieben, bis zum Sonnenaufgang, und habe sich all die Arten ausgemalt, auf die das Schicksal sich mit dem Teufel verbünden könne, um ihr das einzige Kind zu nehmen.

Die beiden Flügel des Tores waren mit gewundenen, verschnörkelten Eisenstäben verziert, die, wenn es geschlossen war, den Umriss einer Ananas bildeten. Beim Eingang stand ein altmodischer Briefkasten, eine Antiquität aus der Zeit, als es noch eine staatliche Post gab. Auf einem hübschen Holzschild oben auf dem Briefkasten stand: »Karina und Simon Chestnut«.

Einmal, als mein Vater wieder einmal mit dem Kopf in den Wolken war, vergaß er, auf den Knopf der Fernbedienung zu drücken, als das Auto sich dem Tor näherte, und fuhr geradewegs dagegen. Der Schaden war nicht groß – er fuhr nie sonderlich schnell –, und niemand wurde verletzt, aber danach bat meine Mutter ihn, das Auto künftig stehen zu lassen. Die meisten Tage ging es ihm gut, und wenn man sich einfach nur mit ihm unterhielt, wäre man nie darauf gekommen, was mit ihm geschehen war. Aber, sagte meine Mutter, man konnte nie vorhersagen, wann die Wolken um ihn aufzogen und er der Welt den Rücken kehrte. Selbst ein makelloser Verstand kann sich umwölken, und das gilt erst recht für einen Verstand, der solche Verletzungen erlitten hat. Man wusste einfach nie, wann es passierte.

In dem großen Zimmer im Erdgeschoss gab es einen Summer, der beim Öffnen des Tors ausgelöst wurde. Weil meine Mutter den schrillen Ton nicht mehr ertragen konnte, hatte sie vor kurzem einen melodischeren einstellen lassen, zwei sanfte Glockenschläge, gefolgt von einem leisen Rascheln, wie Blätter im Wind. An dem Abend, als die Fremde kam, hörte ich den Glockenton; ich kletterte aus dem Bett und lief nach unten.

Mein Vater stand auf der Eingangstreppe. Vor unserem Haus umschloss die Auffahrt das runde Rosenbeet meiner Mutter. Die Blüten waren blassrosa. Viele Besucher sagten, im ganzen Süden gebe es kein zweites Mal solche Blumenpracht – der Segen, der über dem Anwesen der Chestnuts liege, lasse auch sie gedeihen.

Ich stand bei meinem Vater und sah das Auto näher kommen. Es war tiefer Winter. Ich war sechs Jahre alt. Ich erinnere mich noch genau.

»Du gehörst ins Bett«, sagte mein Vater. »Wenn du nicht ausgeschlafen bist, ärgerst du morgen wieder deine Mutter.«

Aber ich bettelte, und er war zu abgelenkt von dem herannahenden Wagen und dem Gast darin, um mir zu widersprechen. Ich versteckte mich hinter ihm und lugte hinter seinem Bein hervor, fasziniert von der Ankunft dieser Fremden, derentwegen sich meine Eltern schon seit Wochen stritten.

Das Auto hielt vor dem Haus. Die Auffahrt war frisch asphaltiert, und die Räder knirschten auf dem Split. Als meine Mutter ausstieg, sah man, wie erschöpft sie war.

Ich hatte sie schon einmal so gesehen – im vergangenen Winter, als der Hurrikan Zenith durchgezogen war und die Gewächshäuser verwüstet hatte. Das Haus mit seinen soliden roten Ziegelsteinmauern hatte dem Sturm getrotzt, aber das ganze Grundstück war übersät mit Glasscherben und verbeulten, zerbrochenen Sonnenkollektoren. Fünf Tage lang hatte sie sich mit den Arbeitern abgeplackt, um die Schäden zu reparieren. Damals hatte sie genauso erschöpft ausgesehen. Ich glaube, in solchen Augenblicken wünschte sie sich insgeheim, dass mein Vater gesund genug wäre, um ihr zu helfen, sein Verstand heil genug für mehr als angenehme Plaudereien; dass er wichtige Dinge behalten könnte und nicht an seinen umwölkten Ort entschwand. Manchmal, wenn ich nicht ins Bett wollte oder in den Teilen des Gartens spielte, die für mich tabu waren, schrie meine Mutter mich an. In solchen Momenten kam es mir vor, als schreie sie gleich doppelt, einmal weil ich unartig war und einmal weil es sie wütend machte, dass immer sie das Schreien übernehmen musste.

Die Beifahrertür ging auf, und aus dem Auto hievte sich eine massige, gebeugte Gestalt. Sie war so riesig, dass sie einen Augenblick lang das Licht in der Auffahrt verdunkelte und ich nichts als eine schwarze Wand mit Armen und Beinen sah.

»Willkommen daheim, Sarat«, sagte meine Mutter.

Die Fremde trat langsam aus dem Lichtkegel. Mein Vater ging die Verandastufen hinunter. Er sah verwirrt aus, kniff die Augen zusammen, als versuche er, einen weit entfernten Gegenstand anzuvisieren.

»Meine Güte, Simon«, sagte meine Mutter. »Erkennst du deine eigene Schwester nicht mehr? Komm her und nimm sie in den Arm.«

Mein Vater trat näher und umarmte sie; sie erstarrte unter der Berührung und erwiderte die Begrüßung nicht. Als er sie wieder losließ, hatte mein Vater Tränen in den Augen, aber die Fremde sah ihn mit einem Blick an, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. In ihren Augen lag eine Art grimmiger Sehnsucht, die Erinnerung an etwas, das einmal zärtlich gewesen, aber nun vergiftet war. Sie sah ihn an, als betrachte sie einen Gipsabguss ihres eigenen Gesichts, entstanden in einer Zeit, bevor etwas es so entsetzlich entstellt hatte.

Ich lief vor, um unsere Besucherin aus der Nähe zu sehen. Ich versteckte mich hinter dem Rock meiner Mutter.

»Benjamin, das ist Sarat«, sagte sie und zog mich nach vorn. »Das ist deine Tante.«

Ich starrte die Riesin an, starr vor Schreck. Ich hatte einmal ein Foto von ihr gesehen. Auf dem Bild muss sie noch ein Teenager gewesen sein, schlank und kahlköpfig, mit einem herausfordernden Lächeln. Aber das Wesen, das jetzt in unserer Auffahrt stand, hatte fast keine Ähnlichkeit mit diesem Bild. Diese Frau war fett, das schmutzig graue Shirt spannte über ihrem Bauch. Aber das war noch nicht alles. Alles an ihr schien überdimensioniert – die Gliedmaßen wie Baumstämme, die Nase flach und breit.

Sie sah alt aus; man hatte mir gesagt, sie sei Vaters jüngere Schwester – noch nicht einmal dreißig –, aber sie wirkte älter als er; älter sogar als meine Mutter. Als Kind kannte ich nur drei Altersstufen – jung wie ich, alt wie meine Eltern oder sehr alt wie meine Großeltern im Norden und die schwarz gekleideten Frauen, die meinen Vater besuchen kamen. Doch nichts davon passte auf diese Frau.

Meine Mutter schob mich nach vorn, hin zu unserem Gast. Ich wartete darauf, dass sie mich in die Höhe hob – mich in die Arme nahm, mich in die Wangen kniff, wie alle unsere Besucher es taten. Kaum einmal kam jemand zu uns, ohne mir ein Geschenk mitzubringen. Die uralten Frauen in den schwarzen Kleidern – die mich das Wunder des Wunders nannten – nahmen mich oft beiseite und steckten mir einen frischen, knisternden Hundertdollarschein zu. Diese Besucherin tat überhaupt nichts. Da ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte, schmiegte ich mich an ihr Bein.

Sie stand reglos da. Plötzlich packte meine Mutter mich und hob mich hoch.

»Er sollte längst im Bett sein«, sagte sie. »Ich bringe ihn nach oben. Komm herein, Sarat, komm herein.«

Unser Gast starrte das Haus an, als sei es aus Dornen gebaut.

»Wessen Haus ist das?«, fragte sie.

»Das ist unseres, Sarat«, sagte meine Mutter. »Deines. Das alte haben wir vor ein paar Jahren abgerissen, als das Leben wieder besser wurde, nachdem …« Sie zögerte. »Komm herein.«

Aber sie blickte anderswohin, zum Ostrand des Grundstücks, wo die Ufermauer im Bogen Richtung Süden führte, vorbei an drei Gewächshäusern und dem verfallenen alten Schuppen.

»Wieso ist da eine Mauer?«, fragte sie.

»Der Deich? Den haben wir ungefähr ’91 gebaut«, antwortete meine Mutter. »Der Fluss hat drei-, viermal im Jahr alles überflutet und die Gewächshäuser zerstört.«

»Da drüben ist kein Fluss«, beharrte unser Gast. »Da kommen noch zehn Meilen Land. Da bin ich früher oft gegangen.«

»Sarat, der Fluss verändert sich«, erklärte meine Mutter. »Er ist in Bewegung. Schon vor langem hat er all das Land verschlungen.«

Ich hatte das Gefühl, dass etwas in ihrem Gesicht zuckte, aber es war gleich wieder fort.

Anscheinend gefiel ihr unser Haus überhaupt nicht. Immer sagten alle, im ganzen nördlichen Georgia gebe es kein schöneres Anwesen als das der Chestnuts. Aber sie nahm es kaum zur Kenntnis.

»Wir haben schon ein Zimmer für dich zurechtgemacht«, sagte mein Vater. »Ein schönes Zimmer.« Er sah meine Mutter an, und die nickte.

»Das stimmt, ein schönes Zimmer«, sagte meine Mutter. »Ich glaube, das wird dir gefallen, Sarat. Du kannst den Fluss von da aus sehen, genau wie von deinem Zimmer früher.«

Mir schien, unser Gast wich ein wenig zurück, als vom Fluss die Rede war, als sei ein Verteidigungsreflex ausgelöst worden, etwas Instinktives tief in ihrem Inneren. Ich wusste ja nichts davon, was man ihr mit Wasser angetan hatte.

Sie zeigte auf den alten Schuppen. »Ich bleibe da drüben«, sagte sie.

»Sarat«, beschwor meine Mutter sie, »da ist nichts drin außer alten Glasscheiben und Holzabfällen. Komm mit ins Haus.«

»Drüben, das ist das Richtige für mich.«

Ich sah, wie meine Mutter meinem Vater einen Blick zuwarf, doch der fand die Bitte unserer Besucherin offenbar nicht im mindesten merkwürdig. Ich überlegte, ob er überhaupt gehört hatte, was sie sagte, oder ob er wieder in die Wolken entschwunden war.

»In Ordnung, Sarat«, sagte meine Mutter. »Geh dahin, wo du dich am wohlsten fühlst. Wir holen das Gästebett aus dem Keller und bringen ein paar Laken.«

»Nein«, sagte sie. »Es ist gut so, wie es ist.« Und dann ging sie, am Rosenstock vorbei, zu dem Schuppen, in dem, soweit ich wusste, höchstens einmal der Gärtner den Rasenmäher abgestellt hatte.

Ich verfolgte ihre Schritte. Sie schlurfte mit steifen Knien, hob kaum die Füße vom Boden. Sie erinnerte mich an meine Schildkröte, für die auch jeder Schritt ein Willensakt, eine Anstrengung zu sein schien. Am liebsten wäre ich den ganzen Abend aufgeblieben, um zu sehen, ob sie denn tatsächlich in dem schiefen alten Schuppen schlief, doch meine Mutter scheuchte mich zurück ins Bett.

Von meinem Zimmerfenster sah man den Rosengarten und die Auffahrt. Die Ostseite des Hauses versperrte mir den Blick auf den Schuppen. Meine Mutter hielt das Fenster stets verschlossen, so dass das Summen der Sonnenkollektoren und die Laute vom Fluss nur gedämpft hereindrangen.

Aber ich lag im Dunkeln wach und lauschte. Nicht lange nachdem unser Gast in dem Schuppen verschwunden war, kam von dort ein lautes Krachen, als ob der ganze Bau zusammenstürze.

Dann hörte ich, wie meine Eltern sich flüsternd deswegen stritten. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber man merkte am Tonfall, dass es ein Streit war – die Worte klangen schärfer, allerdings nur diejenigen meiner Mutter. Meinen Vater hatte ich nie anders als ruhig kennengelernt, er war immer ausgeglichen, egal, um was es ging. Nach der Art, wie andere Erwachsene ihn behandelten – manchmal mit unverhohlenem Mitleid, dann wieder mit kaum unterdrückter Ungeduld –, hatte man den Eindruck, es solle eigentlich anders sein, etwas sei nicht in Ordnung mit ihm, tief im Inneren seiner Natur. Aber für mich war er einfach nur freundlich.

Ich hörte, wie meine Mutter die Treppe hinunterging. Ich hörte, wie die Haustür sich öffnete und schloss.


***

Viele Jahre später, als ihr Brief mir den Weg zu dem Ort wies, an dem sie ihre Erinnerungen vergraben hatte, und ich las, was in ihren Aufzeichnungen stand, erfuhr ich alles über die Zeit zwischen den Augenblicken, die ich mit eigenen Augen mit ansah. Die Leerstellen füllten sich, und als ich zu Ende gelesen hatte, wusste ich über jedes Geheimnis im Leben meiner Tante Bescheid. Manche Menschen kommen mit dem Fluch eines entsetzlichen Erbes zur Welt, mit Krankheiten, die von Geburt an im Körper schlummern. Mein Fluch war das Wissen, das Begreifen.


***

Meine Mutter ging zu dem Schuppen. Sie fand unsere Besucherin damit beschäftigt, die Fußbodendielen herauszureißen.

»Was machst du da, Sarat?«

»Ich will auf der Erde schlafen«, sagte sie. »Geh wieder ins Haus, Karina.«

»Gut, soll mir recht sein«, sagte meine Mutter. »Soll ich dir helfen? Ich glaube, wir haben noch ein Stemmeisen oder so etwas drüben in den Gewächshäusern.«

»Ich komme zurecht … geh wieder ins Haus.«

Meine Mutter fuhr mit dem Finger über die Unterseite der an die Wand gelehnten Dielen. Das Holz war blassgrün und schmierig, da wo es all die Jahre fest auf den Erdboden gedrückt gelegen hatte.

»Weißt du noch, wie du mich eingestellt hast, als Haushälterin für das alte Haus?«, fragte meine Mutter. »Ich musste mich hinsetzen, und du hast mir eine lange Liste vorgelesen; du hattest alles aufgeschrieben, was ich nicht tun durfte: ›Halten Sie sich vom Schuppen fern, gehen Sie nicht in die Nähe des Kellers, öffnen Sie keine der Kisten, die von den Männern mit dem Boot gebracht werden, wecken Sie Miss Dana nicht, wenn sie schläft … ‹«

Meine Mutter hielt inne. »Jedenfalls weiß ich noch, als du fertig warst, hatte ich das Gefühl, dass überhaupt nichts mehr blieb, was ich noch tun konnte. Das Einzige, was du mir nie verboten hast, war, mich um deinen Bruder zu kümmern. Und das, könnte man sagen, tue ich bis zum heutigen Tag.«

Unsere Besucherin blickte auf, von da, wo sie am Boden kniete. »Wie viel von ihm ist noch da?«

»Musst du es denn so sagen, Sarat?«

»Wie viel von ihm ist noch da?«

»Er hat viele gute Tage«, antwortete meine Mutter. »Er hat viele wirklich gute Tage, an denen man es ihm überhaupt nicht anmerkt. Manchmal verliert er sich ein wenig in seinen Gedanken, manchmal hat er Mühe, sich Neues zu merken, ab und zu vergisst er auch etwas Altes. Aber er ist nicht … es geht ihm gut.«

Unsere Besucherin starrte meine Mutter an, unnachgiebig. Dann machte sie sich wieder daran, die Dielen vom Boden zu reißen.


***

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sie immer noch in ihrem Schuppen. Ich setzte mich auf die Stufen an der Küchentür und wartete, dass sie herauskam, halb überzeugt, dass das Bild, das ich vom Vorabend von ihr im Kopf hatte, nur das Produkt eines seltsamen Traums war. Meine Eltern saßen drinnen am Tisch.

»Es ist schon fast Mittag«, sagte meine Mutter.

»Lass sie einfach schlafen, Karina«, antwortete mein Vater. »Es ist die erste Nacht seit sieben Jahren, die sie nicht in diesem Loch verbringt.«

»Es geht mir ja nicht darum, dass sie schläft. Woher willst du wissen, dass sie sich nicht« – meine Mutter sah mich auf der Treppe sitzen – »woher willst du wissen, dass sie nicht irgendwas getan hat?«

Mein Vater stand auf und küsste meine Mutter auf die Stirn. Ich wusste, dass es sie ärgerte, wenn er das während eines Streites tat, als wäre es eine Art Gegenargument zu dem, was sie gerade anzubringen hatte.

»Es wird lange dauern«, sagte er.

»Schön«, entgegnete meine Mutter. »Aber ich mache ihr kein zweites Frühstück. Ob sie jetzt aufwacht oder ob sie um Mitternacht aufwacht, sie bekommt das hier.«

Ein Teller stand auf der Anrichte, darauf gebratene Eier von den Hühnern, die meine Mutter in einem Verschlag bei den nummerierten Gewächshäusern hielt, Spargel aus Haus sechs und echter Virginiaspeck.

»Mir recht«, sagte mein Vater. »Ich erwarte nicht von dir, dass du sie bedienst. Es reicht, wenn du sie behandelst, als ob sie zur Familie gehört.«

»Das ist nicht fair.« Ich sah meiner Mutter den Ärger an. Sie hatte eine Angewohnheit, immer die Daumennägel in die Haut ihrer Mittelfinger zu bohren, wenn sie die Geduld verlor. »Ich habe dich geheiratet, oder etwa nicht? Dann gehört sie zu meiner Familie.«

Mein Vater schreckte ein wenig zurück, überrascht, dass meine Mutter an seinen Worten Anstoß genommen hatte. Am wenigsten umwölkt war er am Morgen – dann war die Wahrscheinlichkeit, dass er etwas vergaß oder sich wiederholte, am geringsten; aber fast immer fehlte es ihm an der Fähigkeit einzuschätzen, wie Dinge, die er sagte, in den Ohren anderer klangen.

»Ich bringe es ihr«, bot ich an und kam in die Küche.

Meine Eltern sahen zuerst mich an, dann einander.

»Ja, warum nicht?«, sagte mein Vater. »Schließlich ist sie deine Tante. Geh nur.«

Stolz nahm ich den Teller. Die Platte der Anrichte bestand aus buttercremegelbem, schwarz geädertem Marmor, und gerade erst in dem Jahr war ich groß genug geworden, um etwas von dort herunterzunehmen. Auf dem Weg nach draußen holte ich noch einen Haferkeks aus der Dose und legte ihn auf den Teller. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass so wenig Essen genug für einen so gewaltigen Körper sein sollte.

Ich kam an den Schuppen und sah, dass die Türen nur angelehnt waren. Ich zwängte mich mit der Hüfte dazwischen und drückte sie auf. Drinnen brannte die alte Vorkriegs-Glühbirne noch – ich spürte die Hitze, die sie abstrahlte –, obwohl die Sonne durch tausend Risse und Ritzen im Holz hineinschien. Die Luft roch nach Staub und Mottenkugeln und nach der jüngst in ihrer Ruhe gestörten Erde. Und es roch auch nach ihr.

Sie schlief noch, zusammengerollt wie ein Fragezeichen, auf dem Boden, nur dass jetzt keine Bodendielen mehr da waren – als wäre der Grund des Schuppens in der Nacht klammheimlich vor ihr zurückgewichen. Sie schnarchte, und der Daumen ihrer rechten Hand zuckte.

So vorsichtig und leise, wie ich konnte, stellte ich den Teller auf die Werkbank. Sie hatte einen alten Werkzeugkasten aus dem Regal geholt – im Staub war noch die Stelle zu sehen, an der er jahrelang unbeachtet gestanden hatte. Ein paar Sachen waren herausgenommen: ein Schraubenzieher, eine Zange und ein Klappmesser. Das Messer hatte einen schwarzen Ledergriff mit Initialen, die ich nicht entziffern konnte. An der Klinge klebten ein paar Haare.

Das Messer faszinierte mich. Bei uns ließ meine Mutter mich nie in die Nähe von etwas, das eine Klinge hatte, noch nicht einmal an die Buttermesser mit Schneiden stumpf wie Seife. Doch an diesem alten modrigen Schuppen war etwas, das ihn mir wie eine Wildnis vorkommen ließ, ein souveräner Ort, der nicht dem Kommando meiner Mutter unterstand. Ich war so gebannt von der rostigen Klinge auf der Werkbank, dass ich nicht merkte, wie das Schnarchen aufhörte.

Ich hörte etwas wie ein Luftschnappen. Ich ließ das Messer fallen, drehte mich um, sah, dass sie schon auf den Beinen war – sich schneller bewegte, als ich bei jemandem von solchem Umfang je für möglich gehalten hätte. Einen Sprung machte.

Aber sie stürzte sich nicht auf mich. Wie ein gehetztes Tier sprang sie in die Ecke, die von der Stelle, an der ich stand, am weitesten entfernt war. Sie warf sich mit solcher Wucht gegen die Wand, dass der ganze Schuppen bebte, und ich glaubte, das das morsche Ding würde gleich über uns beiden zusammenbrechen.

Die Furcht vor ihr drängte mich in Richtung Tür, aber andererseits hielt etwas mich fest. Ich sah, wie heftig sie atmete. Sie blickte mich an, als hätte ich Giftstachel als Arme und Beine.

»Frühstück!«, rief ich laut. »Hier! Ich bringe das Frühstück. Hier!«

Ich zeigte auf den Teller auf der Werkbank, aber ihr Blick blieb auf mich geheftet.

Ganz langsam kam sie auf mich zu. Als sie bei mir angekommen war, kniete sie sich hin. Sie beugte sich vor, bis ihr Gesicht direkt vor meinem war, und ich spürte den säuerlichen Atem der gerade erst Erwachten auf meiner Wange.

»Ich habe vergessen, wie du heißt«, sagte sie.

»Benjamin«, antwortete ich. »Ich heiße Benjamin Chestnut.«

Sie fasste mich am Kinn und inspizierte mein Gesicht. »Du siehst aus wie dein Vater, als er ein Junge war«, sagte sie. »Du hast nichts von deiner Mutter.«

Ich sah, dass sie sich den Kopf geschoren hatte, die Schnitte auf ihrem Schädel waren frisch.

»Warum willst du hier schlafen?«, fragte ich. »Es riecht komisch hier. Wir haben viele schöne Zimmer im Haus. Meine Eltern sagen, du kannst hierbleiben, so lange du willst.«

Sie ließ mich gehen. Ihre Augen waren rot, und auf einer Seite ihres Gesichts klebte Erde. Sie hatte noch die Sachen an, in denen sie gekommen war. Mir ging durch den Kopf, dass wir kein einziges Kleidungsstück im Haus hatten, das ihr passen würde.

»Hör genau zu, was ich dir jetzt sage«, sagte sie. Ich nickte.

»Komm nie wieder hier herein.«


***

Erst zum Abendessen kam sie aus dem Schuppen. Wenn es nicht zu heiß war, deckte meine Mutter den Tisch damals gern hinter dem Haus, draußen am Deich. Wir hatten einen wunderbaren Tisch auf der Veranda, aus echtem kaskadischen Mammutbaum. Und auch wenn der Deich uns den Blick auf den Fluss versperrte, genossen wir die kühle Luft.

Meine Mutter sah sie im Garten. »Komm zum Essen, Sarat«, sagte sie. »Es ist ein herrlicher Abend, so was ist mittlerweile eine Seltenheit.«

Sie musterte das alte Beet, in dem meine Mutter einst ihre ersten Gemüsepflanzen gezogen hatte, damals als sie noch die Haushaltshilfe war, der Eindringling.

»Kommt dir bekannt vor, was?«, sagte meine Mutter. »Das stammt noch von früher, aus der Zeit, als das alte Haus noch stand. Erinnerst du dich, wie du mir die gute Erde aus dem Ausland besorgt hast? Die nehmen wir jetzt überall, in sämtlichen Gewächshäusern. Genau diese Erde.«


***

In den folgenden Wochen entwickelten wir eine Routine. Unser Gast verbrachte die Tage und Nächte zumeist im Schuppen. Von Zeit zu Zeit kam sie heraus und ging zwischen den Gewächshäusern auf und ab, aber immer erst am späten Abend, wenn meine Eltern schliefen. Ich lag manchmal wach und hielt von meinem Zimmerfenster Ausschau nach ihr.

Jedes Mal wenn ich ihr etwas zu essen zum Schuppen brachte und den Teller auf dem Boden davor abstellte, linste ich durch die Tür. Sie saß immer gebeugt an einem improvisierten Tisch, einer Sperrholzplatte mit aufgestapelten Farbdosen als Beinen. Überall im Schuppen lagen billige Kladden herum, wie man sie nur noch im letzten Papierladen in Lincolnton bekam. Sie schrieb auf die altmodische Art.

Meine Mutter sagte, wenn sie nicht zur Familie dazugehören wolle, dann sollten wir einfach überhaupt nicht mehr auf sie achten. Aber das konnte ich nicht. Immer wenn die alten Witwen kamen und mir Spielzeug mitbrachten, richtete ich es so ein, dass ich damit im Garten an einer Stelle spielte, von der aus ich durch die angelehnte Schuppentür blicken konnte. Aber nichts konnte sie dazu bewegen, von mir Notiz zu nehmen.

Sie lebte offenbar in einer eigenen Welt ohne Vorschriften, frei von den Regeln und Konventionen, die meine Eltern mir beigebracht hatten. Ich staunte darüber, dass sie auf dem blanken Erdboden schlief und einfach im Stehen aß und dass sie sieben Jahre lang auf Reisen an einem geheimen Ort gewesen war. Die Erkenntnis, dass so etwas möglich war, brachte meine behütete Welt ins Wanken. Ich war im Schatten von Mauern aufgewachsen; sie gehörte zum Fluss.

In den Monaten nach ihrer Ankunft hatten wir nicht mehr so viele Besucher. Die Politiker aus Lincolnton und Atlanta ließen sich nicht mehr blicken. Aber die alten Witwen kamen nach wie vor jede Woche, pünktlich wie ein Uhrwerk. Einige von ihnen wollten sie sehen, aber sie kam nie ins Haus.

Manchmal, wenn ich auf den Wegen zwischen den Gewächshäusern spielte, hörte ich die Arbeiter über sie reden, in ihrem seltsam singenden Südstaatenton. Sie nannten sie Blaunase und Taschenmaul, und ich hatte keine Ahnung, was diese Wörter bedeuten sollten. Aber sie klangen exotisch, fremdländisch, sie hatten einen Hauch von Abenteuer.


***

Gegen Ende des Winters kam ein neuer Besucher. Von meinem Zimmerfenster aus sah ich die kleine Wagenkolonne – drei zerbeulte Limousinen von der alten Sorte, die noch mit verbotenem Treibstoff fuhr – vor dem Tor zu unserem Grundstück. Als ich nach unten kam, hörte ich, wie meine Mutter sagte, einen solchen Mann sollten wir nicht mal in die Nähe unseres Hauses lassen, wir sollten ihn auf der Stelle dahin zurückschicken, wo er herkomme, aber mein Vater fand, wir sollten gastfreundlich sein.

Die Autos rollten auf das Haus zu. Das Geräusch ihrer alten, blubbernden Motoren lockte unseren Gast aus dem Schuppen. Aus den Autos stieg eine finster dreinblickende Gefolgschaft aus jungen Männern und Frauen, und wie Planeten zogen sie ihre Bahn um ihren Anführer, Adam Bragg jr.

Nun, wo der Krieg dem Ende zuging und die Wiedervereinigung tatsächlich in greifbare Nähe rückte, war diese kleine Schar alles, was von den Vereinten Rebellen geblieben war.

»Simon Chestnut, du Heiliger auf Erden«, begrüßte ihn Bragg. »Der einzige Mensch im verfluchten Land der Roten, der sein Glück wirklich verdient.«

»Hallo«, sagte mein Vater unschlüssig.

»Soll das heißen, du kennst mich nicht mehr? Weißt du nicht mehr, wie du damals zu meinem Vater gekommen bist und der für dich ein nettes Sümmchen aus dem Märtyrerfonds organisiert hat?«

»Was wollen Sie, Adam?«, fragte meine Mutter.

Aber der Mann beachtete sie gar nicht mehr, als er die große, massige Gestalt erblickte, die vom Holzschuppen herübergeschlurft kam.

»Mein Gott, Sarat«, rief er. »Was für ein Segen, was für ein Glück, dich wieder in Freiheit zu sehen.«

»Ich habe dir nichts zu sagen«, erwiderte sie. »Geh schon, verschwinde.«

»Ich nehme es dir nicht übel«, antwortete Bragg. »Teufel nochmal, ich nehme dir überhaupt nichts übel, nach allem, was du durchgemacht hast. Ich bitte dich nur um ein paar Minuten deiner Zeit. Können wir uns irgendwo unterhalten?«

»Sag, was du zu sagen hast.«

Bragg sah meine Eltern an. »Können wir unter vier Augen reden?«

»Geht ins Haus«, sagte Sarat zu meinen Eltern. »Es dauert nicht lang.«

Mein Vater nahm mich mit ins Haus, meine Mutter bezog Posten am Wohnzimmerfenster und beobachtete alles.

Bragg musterte das Anwesen. Es war Mittag, und die Gewächshäuser funkelten im Sonnenlicht. Ein paar Arbeiter waren am anderen Ende unserer Farm zugange, ansonsten war alles ruhig.

»Weißt du, dass du den gleichen Salat und die gleichen Kartoffeln isst wie der Gouverneur?«, fragte Bragg. »Dein Bruder hat’s wirklich zu was gebracht, Sarat. Du solltest stolz auf ihn sein.«

»Was willst du?«

»Haben sie dir eigentlich erzählt, wie die Chestnuts zu ihrem Wohlstand gekommen sind?«, fragte Bragg. »Das wird dir gefallen. Offensichtlich wollten die Leute, die glaubten, dein Bruder stünde unter Gottes ganz besonderem Schutz, diesen besonderen Schutz auch für ihr Geld. Also hoben sie es von der Bank ab und schafften es hierher. Und als dann die Blauen in der Nacht kamen und dich holten, haben sich alle ausgemalt, dass sie auch das Haus auf den Kopf stellen und das Geld mitnehmen würden. Aber das taten sie nicht; sie holten nur dich, und dann fuhren sie wieder. Danach waren die Leute erst recht überzeugt, dass das Haus der Chestnuts unter Gottes Schutz steht, und es hat nicht lange gedauert, bis deine Schwägerin drüben am Fenster Herrin über eine Bank war, fast so groß wie die First Southern. Und dabei rede ich noch nicht mal von all denen, die einfach nur Geld geschickt haben, Spenden, ohne die geringste Gegenleistung.«

Er lachte. »Weißt du, du solltest jetzt gleich in das große Haus dort marschieren und deinen Anteil fordern. Den hast du weiß Gott verdient.«

»Ich habe gefragt, was du willst.«

»Vor allen Dingen wollte ich dich sehen«, antwortete Bragg. »Als ich gehört habe, dass du freikommst, wollte ich es zuerst gar nicht glauben. Der Krieg muss wirklich bald zu Ende sein, wenn sie Sugarloaf zumachen.«

Er zeigte auf die jungen Männer und Frauen, die bei den Autos warteten. »Siehst du die? Das ist alles, was vom großen Aufstand des Südens noch übrig ist«, sagte er. »Alle, die an der Tennesseegrenze und in Osttexas gekämpft haben, schon seit den ersten Kriegstagen, haben ihr Schwert gegen Wahlkampfparolen eingetauscht – die sitzen jetzt in Atlanta und organisieren Kampagnen und reden vom ›Frieden in Würde‹.«

»Und du bist beleidigt, weil sie dich in Augusta jetzt nicht mehr hofieren?«

»Ha! Das Augusta, das du gekannt hast, gibt es nicht mehr. Heute laufen die Schiffe die Häfen im Norden an, und die Blauen entscheiden, was bei uns ankommt. Nur ein weiteres unter den Zugeständnissen, die die stolzen Patrioten aus den Freien Südstaaten als Gegenleistung für den Frieden gemacht haben – die Große Wiedervereinigung, wie sie so schön sagen. Sie haben ihr Land verkauft für einen Platz am Katzentisch in Columbus.«

»Das Mädchen, das du anwerben willst, gibt es nicht mehr«, sagte Sarat. »Verschwinde und lass dich nie wieder blicken.«

»Schatz, wir wissen beide, dass du viel zu kaputt bist, um dich anwerben zu lassen«, erwiderte Bragg. »Ich habe gesehen, wie du von dem Schuppen hierhergeschlurft bist, und wir haben alle gehört, wie in Sugarloaf mit den Gefangenen umgesprungen wird. Drei von den Mädels, die sie mit dir freigelassen haben, sind schon tot, und dafür musste niemand aus dem Norden kommen und sie umbringen, das haben sie schon selbst erledigt. Teufel nochmal, selbst wenn ich dich anwerben wollte – die Hälfte der Rebellen, die wir noch haben, ist doch felsenfest überzeugt, dass du ihre Sache verraten hast, im Tausch gegen die Freiheit.«

Er winkte einen der jungen Männer bei den Autos zu sich. »Nein, Sarat, ich bin nicht gekommen, um dich anzuwerben. Ich komme, weil ich ein Geschenk für dich habe.«

Der junge Mann kam mit einem Foto. Er sah merkwürdig aus, die Haut so bleich, die Haare kurzgeschoren. Der Rest von Braggs Gefolge gab sich alle Mühe, Sarat nicht anzustarren, aber dieser Junge sah sie unverhohlen an, und seine Augen funkelten böse wie zerbrochenes Glas.

»Du erinnerst dich nicht mehr an ihn, stimmt’s?«, fragte Bragg. Sie versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, warum der Junge ihr bekannt vorkam, aber es gelang ihr nicht.

»Das ist Trough«, sagte Bragg, »der letzte Überlebende der Salt Lake Boys. Seine Brüder sind allesamt tot oder schlimmer als das. Er setzt alles daran, wieder mit ihnen zusammenzukommen, aber ich glaube, sie behalten ihn aus dem Jenseits im Auge und sorgen dafür, dass er gegen seinen Willen hier bei mir bleibt. Stimmt’s?«

Trough schwieg.

Bragg zeigte Sarat das Foto. Sie sah es und erstarrte. Sie nahm es ihm aus der Hand und hielt es sich nah vors Gesicht, bis ihre schwachen Augen keinen Zweifel mehr hatten, wer der Mann auf dem Foto war. Selbst mit verbundenen Augen und blutverschmiert war ihr sein Gesicht vertrauter als das eigene. Es war das Gesicht des stiernackigen Aufsehers aus Sugarloaf. Bud Baker, der Mann, der sie ertränkt hatte.

»Wie habt ihr ihn gefunden?«, fragte sie.

»Der blöde Kerl wollte mit Frau und Kindern einen Autoausflug in den Zion-Nationalpark machen und ist dabei auf das Gebiet des Mexikanischen Protektorats geraten«, antwortete Bragg. »Als die Mexikaner rausfanden, wer er war, haben sie ihn an den Meistbietenden verhökert. Ich dachte mir, ihr seid euch da sicher mal begegnet und du möchtest ihm womöglich Guten Tag sagen.«

Sie ließ das Foto nicht aus den Augen. »Wo ist er?«

»An einem sicheren Ort im Süden«, antwortete Bragg. »Du kannst uns sagen, was wir mit ihm machen sollen, oder du kommst mit und erledigst es selbst.«


***

Gegen die Einwände meiner Eltern ging sie mit Bragg. Sie fuhren fünf Stunden in südwestlicher Richtung, bis zu einer Hütte, die versteckt zwischen kahlen, sonnengebleichten Bäumen nicht weit vom Lake Seminole lag. Die Hütte stand am Rand eines algenbedeckten Tümpels. Ein schmaler Feldweg führte dorthin. Im Süden sah man in der Ferne die Küste von Georgia, dahinter das wildbewegte Floridameer.

In der Hütte saßen vier Personen, gefesselt und mit verbundenen Augen – der Aufseher Bud, eine Frau, die wohl seine Ehefrau war, und ihre beiden Kinder, noch Teenager. Alle vier waren an ihre Stühle gekettet, die Augen bedeckt mit schwarzen Binden. Alle hatten blutige Stellen und blaue Flecken im Gesicht, Spuren jüngst erfahrener Gewalt, aber keiner so viele wie der Mann, dessentwegen sie gekommen war.

Bragg und sein Gefolge warteten draußen; sie ging allein ins Haus. Die Frau mit den verbundenen Augen hob an zu schluchzen und zu flehen, als sie hörte, wie die Tür sich öffnete, doch Sarat sah sie nicht einmal an.

Sie kniete sich neben Bud auf den Boden. Aus der Nähe konnte sie hinter der Binde die tiefschwarzen Blutergüsse in seinen Augenhöhlen erkennen. Er war schweißüberströmt, sein Herz schlug so heftig, dass der ganze Körper bebte.

Sie legte ihm die Hände auf die Knie. Er zuckte zurück wie von einem Stromschlag.

»Verschonen Sie meine Familie«, sagte er. Die Stimme klang anders als in ihrer Erinnerung – ein wenig dünner, nicht mehr so selbstsicher. »Verschonen Sie meine Familie, sie haben niemandem etwas getan.«

Behutsam löste sie seine Augenbinde. Einen Moment lang sah er sie an, als wolle er sie um keinen Preis erkennen, als könne er, indem er die Erinnerung an sie leugnete, auch die Tatsache, dass sie jetzt vor ihm stand, leugnen. Er schloss das eine Auge, das nicht ganz zugeschwollen war, und als er es wieder aufschlug und einsehen musste, dass sie immer noch da war, setzte er sich aufrechter, versuchte, sich bereitzumachen für das, was nun kommen musste.

Sarat zog ihr rostiges Klappmesser aus der Tasche. Sie fasste Bud am Kinn und fuhr ihm mit der Hand über die Wange.

»Liebchen, Liebchen«, sagte sie. »Jetzt bringen wir dich zum Singen.«


***

Bald verschwamm die Umgebung in einem Nebel und mit ihr auch die Schreie, die den Raum erfüllten. Was blieb, war nur ihr Zorn, ihr unstillbarer Durst. Sie wollte sein Blut. Er sah anders aus als bei ihrer letzten Begegnung: der erste Schatten eines Barts, die Haare länger. Aber sein Blut war noch dasselbe.

Und sie nahm alles, bis auf den letzten Tropfen. Als sie sich wieder aufrichtete, betrachtete sie die leere Hülse ihres Peinigers und spürte das Gegenteil von Genugtuung – nur die stumpfe Resignation eines Schiffbrüchigen, der in seiner Verzweiflung Wasser aus dem Ozean trinkt.

Als sie alles, was an Rache zu haben war, bekommen hatte, drehte sie sich um und schickte sich an, den anderen Gefangenen die Kehle durchzuschneiden. Zuerst ging sie zu den Kindern. Sie mussten sechzehn oder siebzehn sein: zwei rothaarige Jungen, lockenköpfig, das gleiche Kinn wie ihr Vater. Der Schmächtigere hatte sich in die Hosen gemacht, er schluchzte und zitterte. Der andere saß still da, den Blick auf die Vollstreckerin gerichtet, auch wenn er sie nicht sah.

Erst als sie zustechen wollte, sah sie, wie sehr die Gesichter der beiden sich glichen.

»Ihr seid Zwillinge«, sagte sie.

Der Kleinere der beiden schwieg. Der Größere nickte.

Sie müssen sich gefragt haben, warum sie sie nicht umbrachte, warum sie, als sie ihnen das Messer schon fast an die Kehle gesetzt hatte, sich aufrichtete, den Tisch beiseiteschleuderte, laut brüllte und sie dann einfach sitzenließ.

Draußen warteten Bragg und seine Leute. Als sie die Farbe ihrer Hände und die Farbe ihrer Kleider sahen, wandten einige von ihnen den Blick ab, andere lächelten.

»Wir lassen sie drin und fackeln das Ganze ab«, sagte Bragg. »Niemand wird das je erfahren.«

»Nein«, antwortete sie. »Die Jungs und ihre Mutter sind noch am Leben. Lasst sie laufen.«

»Und wohin?«

»Ist mir egal. Schmuggelt sie über die Westgrenze auf blaues Land. Schickt sie nach Hause.«

»Sarat, sie haben womöglich Dinge gesehen. Vielleicht haben sie Stimmen erkannt, sie könnten …«

»Schickt sie nach Hause«, sagte sie.


***

Auf der langen Rückfahrt erblickte sie Atlanta in der Ferne. In den Jahren, die sie in Sugarloaf gewesen war, war es noch weiter gewachsen.

»Ich höre, Albert Gaines hat sich vor einigen Jahren das Leben genommen«, sagte sie. »Wo liegt er begraben?«

»Oh, der ist nicht tot«, antwortete Bragg. »Jedenfalls atmet er noch. Als die Blauen ihn laufenließen, hat er sich in seiner Hütte im Wald verkrochen, er redet mit niemandem und geht nirgendwo hin, modert vor sich hin, mit nichts als seinem schlechten Gewissen zur Gesellschaft. Sollen die Maden ihm ein Grab schaufeln, wenn es so weit ist, dem verdammten Verräter.«

»Dann stimmt es also; er war es, der uns verraten hat?«

»Nur einer von vielen. Als es erst einmal mit den Verhaftungen losging, haben plötzlich all die stolzen Südstaatenpatrioten angefangen zu plaudern. Er hat nicht nur dich verraten, er muss ihnen hundert Namen genannt haben. Ehrlich gesagt, ich hätte ihn längst mit eigenen Händen umgebracht, hätte mein Vater mir nicht das Versprechen abgenommen, es nicht zu tun. Ich bin an dieses Versprechen gebunden, aber du bist das verdammt nochmal nicht.«

Sie reihten sich in den stockenden Verkehr auf dem Autobahnring um die Hauptstadt des Südens ein, ihr altmodisches Gefährt der letzte benzinbetriebene Wagen weit und breit. Jetzt erst fiel Sarat auf, dass alle anderen Fahrzeuge entfernte Nachkommen der früheren Tik-Toks waren, allein vom Sonnenlicht betrieben. Aufnahmen aus Kriegszeiten kamen ihr in den Sinn: johlende Südstaatler auf den Ladeflächen riesiger Lastwagen mit trotzig aufheulenden Motoren. All das war jetzt Vergangenheit, und wenn man sich die Straßen ansah, wäre man nie auf den Gedanken gekommen, dass je ein Südstaatler etwas mit dem alten Treibstoff zu tun hatte, dessentwegen der Krieg ausgebrochen war. Die Fahrer um sie her musterten das schwerfällige alte Fossil, einige, weil das altmodische Gefährt ihre Neugier weckte, andere voller Abscheu. Aber niemand versuchte, sie anzuhalten, niemand sagte ein Wort.

Sie erinnerte sich an etwas, das Albert Gaines einmal gesagt hatte, vor vielen Jahren in Patience: Wenn ein Südstaatler einem sagt, wofür er kämpft, kann man zustimmen oder man kann ablehnen, aber man weiß immer, dass er einen nicht belügt. Recht oder Unrecht, hatte Gaines gesagt, ein Südstaatler sagt immer seine Meinung und steht zu seinem Wort.

Selbst das war, wie sich herausstellte, eine Lüge.


***

Sie kam kurz vor Tagesanbruch zurück, stahl sich über den Deich im Osten auf das Grundstück. Ich öffnete mein Schlafzimmerfenster einen Spaltbreit und beugte mich lautlos vor, um sie zu beobachten. Neben dem Schuppen zog sie sich nackt aus und wusch ihre Kleider und sich selbst mit Wasser aus dem Gartenschlauch.

Es war das erste Mal, dass ich einen nackten Menschenleib sah. Ich starrte sie an, wie gebannt von den seltsamen Narben und Verunstaltungen, und stellte mir vor, dass die Haut aller Erwachsenen so aussah.


Auszug aus:


Ein achtbares Ergebnis, eine Ermutigung für alle:


Zeitzeugen über die Verhandlungen zur Wiedervereinigung

DAVID CASTRO (Chefunterhändler des Friedensministeriums, 2089–2095): Ich erinnere mich noch an den Tag, als die Delegation aus Atlanta eintraf. Wir hatten uns sechs Monate lang darauf vorbereitet, so dass uns zu Beginn der Verhandlungen Notizen zu jedem erdenklichen Thema vorlagen, Tausende von Seiten. Grenzkontrollen, Entschädigungszahlungen, Gefangenenaustausch, alles, was man sich nur denken konnte. Noch bevor wir uns an den Verhandlungstisch setzten, wussten wir genau, wie weit der Präsident gehen würde, zu welchen Zugeständnissen er bereit war. Wir glaubten, wir hätten alles bedacht.

Doch dann kam der erste Tag der Verhandlungen. Die Treffen fanden in einem großen Sitzungssaal im Untergeschoss des Friedensministeriums statt. Wir waren zu fünft aufseiten der Union, nur eine kleine Delegation, weil wir keine echten Entscheidungsbefugnisse hatten, alles musste später von der Regierung abgesegnet werden. Aber als die Unterhändler des Südens eintrafen, waren es bestimmt zwei Dutzend. Jeder von ihnen trug einen anderen Titel, Direktor des revolutionären Dies, Sekretär des patriotischen Das. Einer von ihnen gab mir seine Karte; sie bezeichnete ihn als Beauftragten zum Schutz der Verfassung.

Wir rechneten damit, dass sie mit den Reisebeschränkungen anfangen wollten oder mit einer Amnestie für all die Rebellen, die wir in unseren Internierungslagern festhielten. Vielleicht stand ihnen das Wasser auch schon so bis zum Hals, dass sie über Geld reden wollten. Sie hatten so lange hartnäckig an ihren fossilen Brennstoffen festgehalten, während der Rest der Welt neue Wege einschlug, dass ihre Städte praktisch nur noch Ruinen waren, und wir hofften, dass wir ihnen im Gegenzug für finanzielle Hilfen zum Aufbau der Infrastruktur alle erdenklichen Zugeständnisse abringen könnten.

Wir hatten eine kleine Tagesordnung vorbereitet mit ein paar ersten Vorschlägen, um die Verhandlungen in Gang zu bringen. Aber ich sehe es noch vor mir, wie der Chefunterhändler sich am ersten Tag an den Tisch setzt, die Tagesordnung ungelesen beiseiteschiebt und zu uns sagt: »Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Ich will, dass keiner von Ihnen jemals das Wort Kapitulation in den Mund nimmt.«

Wie sich herausstellte, interessierten sie sich nicht im mindesten für Reisebeschränkungen oder Gefangenenaustausch und dergleichen. Drei Tage feilschten sie mit uns ausschließlich um den Wortlaut der Reden am Wiedervereinigungstag und die Präambel für den Friedensvertrag. Jeden Tag kamen sie mit neuen Ideen für die öffentlichen Verlautbarungen – mal ging es um irgendwelchen Unsinn über Tapferkeit im Angesicht feindlicher Aggression, mal um die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung und den Schutz ihres traditionellen Lebensstils. Gott, ich weiß noch genau, dass wir an einem dieser Tage stundenlang über das offizielle Foto zum Tag der Wiedervereinigung gesprochen haben. Sie wollten, dass ihr Präsident als Erster die Hand ausstreckte und unserer sie dann ergriff. Am nächsten Tag hatten sie es sich anders überlegt: Jetzt sollte unser Präsident als Erster die Hand ausstrecken.

Die übrigen Unterhändler der Union waren natürlich hocherfreut, denn sie konnten in allen strategischen Fragen ihren Willen durchsetzen. Und die Leute von der Regierung stimmten nur zu gern zu, denn sie dachten schon an die Zukunft, an die Zeit, wenn sie um die Stimmen der Südstaatler werben mussten. Ich war der Einzige, der Einwände machte. Ich habe zu den Leuten von der Regierung gesagt, wenn wir da mitmachen, wenn wir lächeln und nicken, während sie so tun, als ginge es hier um eine Ehrensache und nicht um den blutigen Kampf, den sie mit ihrem starrsinnigen Beharren auf einem schädlichen Brennstoff verursacht hatten, dann wird der Krieg niemals enden.

Doch am Ende ließ sich Columbus auf das Spiel ein. Und selbst heute, nach all den Jahren, leben wir immer noch mit den Folgen. Sie haben es nicht verstanden, sie haben es einfach nicht verstanden. Im Krieg kämpft man mit Waffen, im Frieden mit Geschichten.



14. Kapitel

Im Frühjahr ’95 brach ich mir den Arm. Es war ein einfacher Bruch, und der Knochen heilte schnell, aber es ist meine erste Erinnerung an Schmerz.

Es passierte im Mai, ganz am Ende von ein paar wirklich schlimmen Monaten. Die häusliche Anspannung – meine Tante verbarrikadiert in unserem Schuppen – zehrte mittlerweile sogar bei meinem Vater an seiner Ruhe und Ausgeglichenheit. Oft presste ich abends das Ohr an den Lüftungsschlitz in meinem Zimmer und lauschte, wie er und meine Mutter im Erdgeschoss stritten.

»Sie hat in vier Monaten kein Wort mit uns gesprochen«, hörte ich meine Mutter sagen. »Nicht einmal Guten Morgen – als ob wir selbst das nicht wert sind.«

»So etwas dauert«, antwortete mein Vater. »Sie braucht Zeit.«

»Hör auf damit. Was sie braucht, ist ein Arzt, ein Therapeut, jemand, der weiß, wie man mit Menschen umgeht, die so etwas durchgemacht haben. Sie braucht Hilfe; Hilfe, die wir ihr nicht geben können.«

»Der Mann vom Roten Halbmond sagt, sie muss das Leben in Freiheit erst wieder lernen«, erwiderte mein Vater.

»Hast du den Eindruck, dass sie etwas lernt?«

Als sie genug vom Streit hatten, beschlossen sie, zum Essen nach Lincolnton zu fahren. Meine Mutter hatte Angst, mich allein zu lassen, aber da sie glaubte, ich schliefe, ging sie das Risiko für ein paar Stunden ein. Als ich hörte, wie sie die Treppe heraufkam, um sich zu vergewissern, dass ich wirklich im Bett war, schlüpfte ich rasch unter die Decke und schloss die Augen.

Ich wartete, bis die Rücklichter des Autos hinter dem Eisentor in der Ferne verschwanden. Dann stand ich auf und schaltete das Licht an.

Ich verließ mein Zimmer und ging über den Flur zur Treppe. Auf dem Weg nach unten kam ich an ein paar hoffnungslos verblassten Fotos an der Wand vorbei. Die Aufnahmen zeigten meine Großeltern und die Frau, von der meine Eltern mir erzählt hatten, dass sie meine andere Tante sei.

Auf einem der Bilder war mein Großvater zu sehen, der Mann, dessen Namen ich trug. Es war ganz verschwommen; nur der schemenhafte Umriss eines Mannes, das Gesicht eine blasse Wolke. Er hielt etwas in beiden Armen, aber was, das war nicht zu erkennen. Lange Zeit dachte ich, das Foto sei erst nach seinem Tod entstanden, eine Aufnahme von seinem Geist. Ich malte mir aus, dass es noch eine weitere Altersstufe gab: älter als die ältesten Lebenden – ein Land, dessen Bewohner nicht einmal mehr mit sich selbst sprechen konnten und zu absoluter Stille verurteilt waren.

Ich ging nach unten, entschlossen, ein Geheimnis zu lüften, das mir schon seit Monaten keine Ruhe ließ. Ein Geheimnis, das sich in einem unserer Gewächshäuser verbarg.

Ich verließ das Haus. Die Luft im Garten fühlte sich warm und feucht an. Die Lampen, die seitlich am Haus angebracht waren, schalteten sich ein, als ich in die Nähe kam, und verloschen, als ich mich wieder entfernte.

Ich ging in Richtung Süden zu den Reihen von Gewächshäusern. Sie waren aus einem speziellen Glas. Jede Scheibe war mit feinen Kupferadern durchzogen und bildete so einen Teil des Energiekreislaufs, der von der Sonne gespeist wurde. Damals waren solche Kollektoren noch neu und südlich der Tennesseegrenze praktisch nicht zu haben; meine Mutter musste monatelang alle Hebel in Bewegung setzen und so manchen Gefallen einfordern, um sie über die Grenze zu holen. Tagsüber summten und funkelten sie, nachts waren sie still. Und auch wenn sie aktiv waren, blieben sie immer durchsichtig, man konnte zu allen Zeiten die Pflanzen im Inneren des Glashauses wachsen sehen.

Am südöstlichen Rand des Grundstücks stand das unbenutzte Gewächshaus Nummer 36. Seine Hülle bestand nicht aus Glas, sondern aus Sperrholz. Nachdem der Hurrikan Zenith viele Gewächshäuser verwüstet hatte, versuchte meine Mutter noch einmal, neue Kollektoren aus dem Norden kommen zu lassen. Aber es reichte nur für elf der zwölf beschädigten Häuser. Die Nummer 36 blieb mit Brettern vernagelt.

Abends hatte ich unseren Gast ein paarmal dort beobachtet. Beim Hineingehen hatte sie jedes Mal eine oder zwei ihrer alten Kladden dabei. Heraus kam sie mit leeren Händen.

Als ich beim Gewächshaus 36 ankam, war die Tür verschlossen und mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert. Doch am Dach gab es eine Lücke in der Holzverkleidung, und ich hoffte, dass ich von dort einen Blick ins Innere werfen konnte.

Das Dach war so hoch, dass ich nicht hinaufklettern konnte. Aber an der Seite der Nummer 35, in der meine Mutter pelzige Okraschoten und armdicke Auberginen zog, lehnte eine Leiter. Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es mir, die Leiter von der Stelle zu bewegen. Einen Augenblick lang schwebte sie wie schwerelos in der Luft, dann fiel sie mit einem lauten Krachen gegen die Nummer 36. Ich blickte hinüber zum Haus und zum Holzschuppen, um zu sehen, ob sie etwas gehört hatte, doch es rührte sich nichts.

Dann stieg ich auf die Leiter. Bei jeder Bewegung schwankte sie leicht hin und her. Aber ich hatte oft gesehen, wie die Arbeiter daraufstiegen, und die waren viel schwerer als ich; also kletterte ich weiter.

Als ich die oberste Sprosse erreicht hatte, genoss ich meinen Triumph. Über das Holzdach hinweg konnte ich das ganze Anwesen überblicken. Und nicht nur das, auch das gesamte Umland: die Stelle, wo der Fluss eine Biegung machte und wo lang bezopfte Bäume direkt im Wasser standen. Im Süden sah ich die Lichter von weit entfernten Städten.

Aber im Inneren des Gewächshauses war fast nichts zu erkennen. Im silbernen Mondlicht erspähte ich nur die schwachen Umrisse von Fußabdrücken auf dem nackten Boden. Ich reckte den Hals, um mehr als das viereckige Stück Erde zu sehen, das vom Mond erhellt wurde, doch es gab nichts, woraus ich hätte schließen können, was sie hier tat.

Als ich gerade aufgeben wollte, sah ich einen hellroten Lichtschein. Er kam von einer Stelle weit im Norden, auf der anderen Seite des Flusses. Ich blickte mich suchend um, aber im nächsten Moment war das Licht schon wieder verschwunden.

Ich stand reglos auf der Leiter und ließ den Blick über die Grenzen unseres Anwesens schweifen. Von hinter dem Deich hörte ich das leise Wispern des vorbeiströmenden Flusses. Doch da war noch etwas, etwas Seltsames in der Dunkelheit am gegenüberliegenden Ufer. Sie war kaum zu erkennen, aber am Horizont verlief eine Trennlinie – die Dunkelheit darunter war unnatürlich gleichmäßig, darüber erstreckte sich das unvollkommene Dunkel des Himmels, durchzogen von Wolkenschlieren und sternengesprenkelt.

Ich starrte auf die Linie am Horizont und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen. Plötzlich schien mir das rote Licht von vorher direkt ins Gesicht, grell und blendend.

Im Fallen schien mir, als habe ich die Umrisse eines Wachturms erkannt.

Dann tauchte der Himmel auf, er erschien über mir, als die Leiter kippte. In der Dunkelheit streckte ich die Hand aus, um mich aufzufangen.

Ein feuriger Speer, ein Schmerz, wie ich ihn nie zuvor gespürt hatte, bohrte sich in meinen Arm. Ich lag auf dem Boden und schrie. Ich blickte von meinem Arm zu dem Tor am Ende der Auffahrt. Ich schrie nach meiner Mutter, obwohl ich genau wusste, dass sie mich nicht hören konnte. Ich war allein.

Dann hörte ich Schritte aus der Richtung des Schuppens. Zuerst wollte ich gar nicht glauben, dass sie es war, aber als die riesige Gestalt sich über mich beugte, hatte ich keinen Zweifel mehr.

Ich schrie immer noch vor Schmerzen. Ich flehte sie an, mir zu helfen, aber ich wusste nicht, was ich von ihr erwartete. Ich wollte nur, dass das Feuer in meinem Arm aufhörte zu brennen. Sie kniete sich neben mich.

»Du hast dir den Arm gebrochen«, sagte sie.

Die Worte erschreckten mich zu Tode. Damals wusste ich nicht, dass Zerbrochenes auch wieder heil werden kann. Wenn auf der Farm etwas zu Bruch ging – eine Vase oder eine Glühbirne oder eine Gewächshausscheibe –, reparierten meine Eltern die Sachen nicht, sie warfen sie einfach weg und kauften sie neu.

»Sieh ihn dir an«, sagte sie.

Ich sträubte mich.

»Du sollst hinsehen.«

Ich wandte den Kopf in die Richtung, aus der das Feuer kam. Als ich den unnatürlichen Winkel sah, in dem mein Arm abgeknickt war, verlor ich das Bewusstsein.


***

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in meinem Bett. Sie saß neben mir.

»Nimm die«, sagte sie und reichte mir zwei weiße Tabletten. »Davon gehen die Schmerzen weg.«

Ich schluckte die Pillen, und schon Minuten später durchströmte ein Wohlgefühl meinen ganzen Körper, eine Wärme, die vom Magen aus in sämtliche Gliedmaßen ausstrahlte.

»Tut’s noch weh?«, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Ich sah die Welt ringsum nur noch verschwommen, wie durch einen Schleier, aber das Feuer in meinem Arm war erloschen.

»Was hast du da draußen gemacht?«

»Ich wollte nachsehen, was in dem Gewächshaus ist«, antwortete ich.

»Wieso?«

»Ich hab dich manchmal da hingehen sehen, und ich wollte rausfinden, was du da machst.«

Mir war klar, dass sie wütend sein würde, aber ich dachte, eine Lüge würde sie noch wütender machen. Und ich hatte keinen Zweifel, dass sie merken würde, wenn ich log.

Aber sie sah gar nicht wütend aus, und sie sagte kein Wort. Stattdessen war mir, als sähe ich so etwas wie Bewunderung in ihren Augen aufflackern. Aber es war nur ein kurzer Moment.

»Du bist von der Leiter gefallen?«, fragte sie.

»Ja.«

Sie lachte leise. »Wie der Vater, so der Sohn.«

Ich musterte meinen beschädigten Arm. Sie hatte ihn gerichtet und mit einem Holzbrett fixiert. Arm und Brett waren mit Stoffstreifen zusammengebunden.

Die Konstruktion kam mir extrem primitiv vor. Ich fragte mich, ob ich den Arm je wieder würde bewegen können. All die Male, die meine Eltern mich zum Schwimmen oder zum Basketball nach Lincolnton gefahren hatten, war mir nie ein Kind mit einem Holzbein oder einem hölzernen Arm begegnet.

»Hast du dir schon mal was gebrochen?«, fragte sie. Die Frage fand ich albern – man sah doch, dass ich keine anderen Holzbretter am Körper hatte.

»Nein«, sagte ich. Ich wollte den Arm heben, aber es war, als sei die Verbindung zwischen Gehirn und Arm unterbrochen.

»Ich kann ihn nicht bewegen«, jammerte ich.

»Das wird schon«, antwortete sie. »Das Brett sorgt dafür, dass der Knochen wieder richtig zusammenwächst. Es spielt keine Rolle, wie ein Knochen bricht, wichtig ist, wie er zusammenwächst.«

»Tut mir leid, dass ich da herumgeschnüffelt habe, Tante«, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Sag nicht Tante. Ich heiße Sarat.«

»Tut mir leid, Sarat.«

»Warum hast du das gemacht?«, fragte sie.

»Ich war einfach neugierig.«

»Dafür sollst du dich niemals entschuldigen«, sagte sie »Das ist das Wichtigste im Leben – dass man neugierig ist.«

Wir hörten die Glocke; jemand hatte das Tor geöffnet. Ich wusste, dass meine Eltern zurück waren, und auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie sie reagieren würden, wenn sie von meinem Missgeschick erfuhren, machte ich mir keine Sorgen. Das seltsame Wohlgefühl war immer noch da.

Meine Mutter kam nach oben, und als sie mich sah, starrte sie mich mit weit aufgerissenen Augen an.

»Was hast du gemacht?«, fragte sie immer und immer wieder. Anfangs sah sie ihre Schwägerin gar nicht an, und ich glaubte, die Frage sei an mich gerichtet. Doch dann nahm in ihren Gedanken ein Vorwurf Gestalt an, und sie drehte sich zu ihr um.

»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte sie.

»Er ist gefallen und hat sich den Arm gebrochen«, antwortete Sarat. »Ich habe den Arm geschient und ihm ein paar Knochenflicker gegeben. Der kommt schon wieder in Ordnung.«

»Du hast keinen Krankenwagen gerufen? Du hast keinen Arzt gerufen? Du hast uns nicht gerufen?«

Jetzt ging meine Mutter auf sie los. »Was zum Teufel ist denn nur mit dir? Ein kleiner Junge bricht sich den Arm, und du siehst einfach untätig zu?«

Sarat verstummte. So wie sie jetzt vor ihr stand, hielt ich es nicht für ausgeschlossen, dass meine Mutter gleich zuschlagen würde. Aber stattdessen knallte sie das Fenster zu und verriegelte es.

»Herr im Himmel, begreifst du das denn nicht? Der Krieg ist vorbei«, schrie meine Mutter. »Wir sind hier nicht in Patience, wir sind nicht an der Front, wir sind nicht in dem Gefängnis, in das sie dich gesteckt haben. Wenn du unbedingt weiter in dieser Welt leben willst, dann kriech zurück in deinen dreckigen kleinen Schuppen und bleibe da. Wage es ja nicht, uns da mit reinzuziehen, hast du das verstanden? Wage es ja nicht.«

Sarat ging, und ich sah ihr nach. Auf dem Weg aus dem Zimmer begegnete sie meinem Vater, der, vom Geschrei meiner Mutter aufgeschreckt, nach oben gekommen war. Sarat ging an ihm vorbei, als sei er gar nicht da. In dem Augenblick hätte man sich nicht vorstellen können, dass die beiden Geschwister waren; dass sie eine gemeinsame Vergangenheit hatten.

Als er meinen Arm sah, kam mein Vater an mein Bett.

»Ach je«, sagte er.

»Ist das alles, was dir dazu einfällt?«, fragte meine Mutter. »Sie bricht deinem Sohn dem Arm, und das ist alles, was du zu sagen hast?«

»Sie hat mir nicht den Arm gebrochen«, protestierte ich.

»Sie ist nicht ganz richtig im Kopf, Simon«, schrie meine Mutter. »Sie bringt uns alle in Gefahr, sie bringt deinen Sohn in Gefahr. Ich weiß nicht, was noch passieren muss, damit du das begreifst.«

Diesmal gaben sie sich keine Mühe, ihren Streit leise auszutragen. Sie stritten sich vor meinen Augen, direkt in meinem Zimmer. Mein Vater war aufgeregt und rang nach Worten, und diesmal hatte meine Mutter keine Geduld. Aber ich war ganz ruhig. Zu der Zeit hatte ich keine Ahnung, dass diese Ruhe einfach eine chemische Illusion war, die Wirkung des Schmerzmittels in meinem Blutkreislauf. Selbst später, als die Wärme in meinem Magen in Übelkeit umschlug und ich mich auf den Fußboden erbrach, fühlte ich mich immer noch gut.

Der Arzt im Krankenhaus von Lincolnton sagte, der Bruch sei nicht so schlimm wie es aussehe. Er lachte, als meine Eltern mich hereinbrachten, den Arm immer noch mit dem Holzbrett geschient. Er wollte wissen, ob sie mich in einem alten Bunker an der Tennesseegrenze aufgelesen hätten, ob ich gegen die Blauen gekämpft hätte.

Er machte mir einen richtigen Gipsverband und versprach, dass der Arm in einem Monat wieder so gut wie neu sein würde. Zu dem Zeitpunkt ließ die Wirkung der Knochenflicker nach, und die Glut erwachte wieder in meinem Arm, aber ich erinnere mich noch genau an das überwältigende Gefühl der Erleichterung bei diesen Worten: so gut wie neu.

Als wir den Rückweg antraten, war es fast schon Morgen. Meine Mutter, die während der gesamten Fahrt zum Krankenhaus die Daumennägel in die Haut ihrer Mittelfinger gebohrt hatte, hatte sich inzwischen so weit beruhigt, dass sie mich fragen konnte, wie ich mir den Arm gebrochen habe. Aber ich verriet nichts. Aus irgendeinem Grund gab es für mich nichts Schlimmeres als die Vorstellung, dass meine Eltern das Gewächshaus Nummer 36 betreten und herausfinden könnten, was immer sich dort verbarg. Als sie mich schließlich ins Bett brachten, schlief ich mit einem Lächeln ein.


––––

Eine der Eigenschaften, die mir von meiner Mutter am deutlichsten in Erinnerung geblieben sind, ist ihre Fähigkeit stillzusitzen. Manchmal wenn sie seltsame neue Blumen in ihr Beet pflanzte oder idyllische Kinderbilder auf unsere Ufermauer malte, verharrte sie plötzlich unvermittelt in völliger Reglosigkeit. Ein- oder zweimal überraschte ich sie dabei – erstarrt, als belauere sie ein Raubtier, das dort umherschlich. Einmal, nachdem sie ins Haus zurückgegangen war, kniete ich mich an die Ufermauer und versuchte, sie nachzuahmen. Ich starrte unverwandt auf den Beton, aber die Gedanken schwirrten in meinem Kopf und gaben keine Ruhe, und nach ein oder zwei Minuten hielt ich es nicht mehr aus. Ich war jung, und Stillsitzen war nichts für mich.

Am Morgen nach meinem Unfall ging meine Mutter zu Sarat. Die Tür zum Schuppen war nur angelehnt, und wie immer brannte das Licht. Als sie hineinspähte, sah meine Mutter sie gebeugt auf einem Hocker am Tisch sitzen und auf die altmodische Weise mit Nadel und Faden nähen.

»Wenn du willst, dass ich verschwinde, dann verschwinde ich«, sagte Sarat mit dem Rücken zur Tür, die Augen immer noch auf ihre Arbeit gerichtet.

Meine Mutter trat ein. Selbst in der kühlen Morgendämmerung war es im Schuppen heiß von der brennenden Glühbirne.

»Hier haben sie uns eingesperrt in der Nacht, als sie dich abholten«, sagte meine Mutter. »Nachdem sie dich weggebracht und den Schuppen durchsucht hatten, haben sie Simon und mich mit vorgehaltenem Gewehr hier eingeschlossen, und dann haben sie das Haus auf den Kopf gestellt. Ich hatte Simon noch nie so erlebt, ihn nie so schreien hören wie beim Anblick dieser Gewehre.«

Meine Mutter setzte sich auf einen Hocker an der Werkbank auf der anderen Seite des Schuppens. Sie inspizierte ein altes Ölkännchen, in dem jetzt Stifte steckten. »Ich habe diesen verfluchten Schuppen immer gehasst.«

Meine Mutter betrachtete das Nähzeug – ein Hemd aus grauem Stoff, weit und unförmig wie ein Kartoffelsack. Die Stiche waren groß und unregelmäßig, die Nadel wirkte verloren in der riesigen Hand, die sie führte.

»Das Licht ist nicht gut für diese Art von Arbeit«, sagte meine Mutter. »Weiß der Himmel, wie du überhaupt schlafen kannst, wenn das Ding da ständig brennt.«

»Ich habe verlernt, im Dunklen zu schlafen«, antwortete Sarat.

Meine Mutter verzog das Gesicht. In dem Schuppen roch es nach Fleisch, es stank wie in einer Metzgerei. Auf der Werkbank stand eine alte Angelausrüstung, verrostet und unbenutzt.

»Es war falsch von mir, dich so anzuschreien«, sagte meine Mutter. »Der Arzt sagt, die Schiene war gut, soweit eine Schiene das sein kann, und Benjamin hätte die ganze Nacht geschrien, wenn du ihm nicht diese Schmerztabletten gegeben hättest.«

»Er ist empfindlich.«

»Meine Güte, Sarat, er ist gerade mal sechs Jahre alt.«

»Das war nicht als Kritik gemeint.«

»Er hat uns erzählt, dass er gestürzt ist, als er versuchte, einen Wolf von den Gewächshäusern zu verjagen«, fuhr meine Mutter fort. »Weiß der Himmel, hier in der Gegend hat sich seit Jahren kein Wolf mehr blicken lassen. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass er uns belogen hat.«

Sarat blickte von ihrem Nähzeug auf. »Er ist ein guter Junge«, sagte sie. »Er hat nichts Unrechtes getan.«

»O, ich bin ihm nicht böse«, erwiderte meine Mutter. »Er lügt, weil er dich gernhat, und er will, dass das, was passiert ist, euer Geheimnis bleibt. Das ist ganz, wie es sein soll, zwischen einem kleinen Jungen und seiner Tante. Er hat dich gern, Sarat. Auch wenn du dich noch so sehr bemühst, uns nicht an dich heranzulassen, hat er dich gern.«

»Ich dachte, sie redeten Unsinn, als sie mir von ihm erzählt haben«, murmelte Sarat.

»Als wer dir von ihm erzählt hat?«

»Zu Anfang, als sie noch dachten, sie könnten mich zum Reden bringen, haben sie mir von Zeit zu Zeit erzählt, sie hätten Simon oder Dana oder Mama verhaftet. So wenig wussten sie; sie hatten keine Ahnung, wer von uns tot war und wer noch am Leben. Eines Tages sind sie gekommen und haben gesagt: Wenn du nicht redest, müssen wir Benjamin holen. Ich dachte, es ist eine Sache, wenn sie nicht wissen, dass Mama und meine Schwester nicht mehr leben, aber sie wissen ja nicht mal, dass Benjamin seit zwanzig Jahren tot ist.«

Meine Mutter lächelte. Die aufgehende Sonne ließ einen ersten blauen Schimmer durch die Ritzen sickern, und der Staub tanzte im Licht.

»Dein Bruder ist ein lieber Mann«, sagte meine Mutter, »er gibt fast immer nach. Aber als wir erfuhren, dass es ein Junge wird, hat er auf dem Namen bestanden. Seit ich ihn kenne, war es das einzige Mal, dass er zu keinem Kompromiss bereit war. Kannst du dir das vorstellen?«

»War er immer noch wie ein Kind, als du ihn geheiratet hast?«, fragte Sarat.

Meine Mutter seufzte. »Das ist es also? Ist es das, was du mir nicht verzeihen kannst? Meinetwegen, nehmen wir mal an, dass er noch ein Kind war. Nehmen wir an, dass ich diesen unschuldigen kleinen Jungen mit der Kugel im Kopf ausgenutzt habe, den Jungen, den ich für Geld versorgen sollte. Nehmen wir mal an, ich habe ihn vergewaltigt, ihn gezwungen, mir ein Kind zu machen, als er zu wirr im Kopf war, um zu begreifen, was vorging. Nehmen wir mal an, dass all das stimmt – dann lass deine Wut gefälligst an mir aus. Sei kalt zu mir, schlag mich meinetwegen, wenn dir nichts anderes mehr einfällt. Aber Simon trägt keine Schuld, und sein kleiner Sohn erst recht nicht.«

Sarat faltete das Nähzeug zusammen und legte es auf die Werkbank. Sie holte einen Glasbehälter mit Joyful darunter hervor, gebraut aus den Resten von Mangos und Pfirsichen und Orangen, die sie in den Gewächshäusern erbeutet hatte. Sie schraubte den Deckel ab, und ein faulig-süßer Geruch breitete sich aus.

»Weißt du, einige von den alten Witwen kommen immer noch von Zeit zu Zeit«, sagte meine Mutter. »Es sind nur noch wenige, die meisten sind tot, aber sie kommen nach wie vor und berühren Simons Stirn und veranstalten ihren Hokuspokus. Sie reden immer noch über das Wunder von Patience, als hätte er sein Lebtag nie etwas anderes gemacht. Sie glauben immer noch, das Wunder ist, dass er überlebt hat. Aber schlechte Menschen überleben auch; Menschen, die einfach nur Glück haben, überleben. Das Wunder ist nicht, dass er überlebt hat, das Wunder ist, dass er auf dem Weg der Heilung ist.«

Sie erhob sich von ihrem Schemel und leerte zwei Tassen aus, Spendentassen der Kriegshilfe, die noch ein paar Nägel von den Bodendielen enthielten. Sie ging zu Sarat und hielt ihr eine hin.

»Nun mach schon«, sagte sie, »schließlich stammt das Obst, das du klaust, von mir.«

Sie tranken, bis die Sonne aufgegangen war und die Wände orangerot glühten. Auf einem der Regalbretter entdeckte meine Mutter ein altes Radio zum Aufziehen und drehte an der Kurbel, bis ein Summen zu hören war. Sie suchte nach einem Sender und fand eine leise, undefinierbare Jazznummer. Knisternd ertönte eine Melodie aus dem uralten Gerät.

»Haben sie dich da je Musik hören lassen?«, fragte sie.

»Nicht so.«

»Ich will, dass du weißt, dass wir alles versucht haben, Sarat«, erklärte meine Mutter. »Wir haben Gnadengesuche eingereicht, wir haben einen Anwalt beauftragt. Wir haben dem Gouverneur und seinem Amtsvorgänger so lange Geld gegeben, bis sie bereit waren, uns anzuhören. Wir haben mit Senatoren über deinen Fall gesprochen. Aber niemand war bereit, einen Finger zu rühren. Sie hatten alle eine Heidenangst, ihr Name könne in einem Atemzug mit diesem Ort genannt werden. Aber ich schwöre bei Gott, wir haben alles versucht.«

»Das hättet ihr nicht tun müssen.«

Meine Mutter musterte eine dünne Linie, die über Sarats linke Wange verlief, eine Narbe, mit der sie in Sugarloaf für ihr Schweigen bezahlt hatte. Sie endete am Kinn, nicht weit von einer Stelle im Nacken, an der eine andere Linie begann.

»Mein Gott, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was du durchgemacht hast«, sagte meine Mutter.

»Ich habe dich nicht gebeten, es zu tun.«

»Aber du willst, dass ich es tue. Ich meine – du könntest längst fort sein. Du hättest längst dahin gehen können, wo nach deinen Vorstellungen noch gekämpft wird, hättest ein oder zwei Soldaten umbringen können. Hättest dich meinetwegen selbst umbringen können. Stattdessen bist du immer noch hier. Ich habe das auch früher schon erlebt, als kleines Mädchen, als ich mit ansehen musste, wie meine Eltern all die Verwundeten behandelten, in der Hölle, in der wir gelebt haben. Du hast zu sehr gelitten, um es für dich zu behalten. Du benimmst dich, als wären wir unsichtbar, aber du willst, dass wir wissen, was sie mit dir gemacht haben. Ich glaube, es ist lebenswichtig für dich, dass wir es wissen.«

Sarat schleuderte den Krug Joyful durch den Schuppen. Er flog gegen die Wand und zerbarst.

»Was willst du von mir hören? Dass sie mich gebrochen haben? Meinetwegen: Sie haben mich gebrochen. Sie haben mich gebrochen. Macht es dich froh, wenn du das hörst? Du hast recht, ich kann es nicht begraben. Was soll ich machen, jetzt, wo es vorbei ist – es einfach auspusten wie ein Kerze? Gestern Abend, als du geglaubt hast, ich hätte deinem Jungen etwas getan, warst du kurz davor, mir aus Rache an die Gurgel zu gehen. Aber ich soll dem, was mit mir passiert ist, einfach den Rücken kehren, dem, was sie mir Tag für Tag angetan haben, seit ich so alt war wie dein Junge jetzt? Nun, lass dir eins gesagt sein: Der Teil von mir, der das hätte tun können, der ist tot.«

»Und doch ist der Rest von dir am Leben«, sagte meine Mutter. »Und doch nähst du Hemden und braust dieses Gesöff aus Obst und schreibst, was immer du da schreiben magst, in deine alten Kladden. Und doch rennst du mitten in der Nacht nach draußen und schienst meinem kleinen Jungen den Arm. Du bist auf dem Weg der Heilung, Sarat. Die Verbitterung in dir mag dagegen ankämpfen, aber du bist auf dem Weg der Heilung.«

Meine Mutter stand auf. »Du hast recht, wenn du denkst, dass ich dich nicht liebenswert finde«, sagte sie. »Gott steh mir bei, ich weiß, du gehörst zur Familie, und ich weiß, ich habe in diese Familie eingeheiratet und sollte dich liebenswert finden, aber das tue ich nicht. So viele schreckliche Dinge haben dich zu dem gemacht, was du jetzt bist, aber ich muss nicht mit dem leben, was dich dazu gemacht hat, ich muss mit dem leben, was du bist. Und ich weiß, du findest mich auch nicht liebenswert.

Aber ich werde dich trotzdem lieben. Und dein Bruder wird dich ohnehin immer lieben. Und dein Neffe wird dich auch lieben. So ist das in einer Familie. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst, Sarat. Heile, wie du heilen willst.«


***

Am nächsten Samstag fuhren wir zum Wochenmarkt in Lincolnton. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mitkommen würde, aber als ich vor das Haus trat, saß sie im Auto, der Beifahrersitz war ganz nach hinten geschoben.

Ich weiß noch, ich spürte damals, dass es etwas Bedeutsames war, ein Meilenstein – ein richtiger Familienausflug, ganz, wie es sein sollte.

Als wir auf dem Markt ankamen, herrschte bereits reges Treiben. Jedes Wochenende kamen Scharen von Leuten aus dem gesamten nördlichen Georgia in die Stadt, um frische Waren zu kaufen – so viele, dass man schließlich eine Viertelmeile der Peachtree Street in der Nähe der alten Baptistenkirche absperren und das Ganze in eine Art Kirmesplatz umwandeln musste. Ich genoss es, mit meinen Eltern über den Markt zu schlendern und zuzusehen, wie die Verkäufer herbeieilten und sie begrüßten. Angesehen waren wir überall im Süden, doch nur hier behandelte man uns fast wie Mitglieder eines Königshauses, eine von vielleicht fünf oder sechs Familien im ganzen Staat, die noch eine Farm von der alten Sorte betrieben, der Sorte, die es wegen der Hitze und der Stürme fast nirgendwo mehr gab. Ich war beistert, wenn die Marktleute hinter ihren Ständen hervorkamen, ihre Kunden einfach stehenließen und auf uns zustürzten, um zu fragen, woran Miss Karina gerade arbeitete, welche fremdartigen Gewächse sie jetzt wieder zu neuem Leben erweckt habe.

Doch an diesem Tag kam keiner. Mir war sofort klar, dass es an Sarat lag. Einige unter den Verkäufern kannten die Chestnuts lange genug, um genau zu wissen, wer sie war, aber die meisten fühlten sich abgeschreckt durch ihre Größe und ihren schleppenden Gang, langsam und schwerfällig wie Stein.

Nach einer Weile kam doch ein Gemüsehändler herüber und begrüßte uns. Er war einer der besten Kunden meiner Eltern, er kaufte und vermarktete sämtlichen Kohl von der Chestnut-Farm, schrieb ihm alle möglichen wohltuenden Eigenschaften zu. Als meine Mutter ihn kommen sah, drehte sie sich zu meinem Vater um und flüsterte: »Er heißt Sam.«

Der Mann schüttelte meinen Eltern die Hand. »Hallo, ja wenn das nicht meine liebsten Leute in ganz Georgia sind!«, sagte er.

»Hallo, Sam«, erwiderte mein Vater mit einem Lächeln.

»Wie geht es Ihnen, Mister Simon? Gut sehen Sie aus.«

»Mir geht’s gut, mir geht’s gut.«

Sam wandte sich an meine Mutter. »Wie ich höre, haben Sie wieder was Neues in petto.«

»Habe ich Sie je enttäuscht, Sam?«, antwortete meine Mutter. »Bei mir gibt es immer etwas Neues.«

»Nun sagen Sie schon! Was ist es? Tyler von Reunion Farms hat erzählt, dass Sie eine Möglichkeit gefunden haben, wie man Orangen ziehen kann, die nicht so viel Wasser brauchen. Stimmt das?«

Ihr Plaudern wurde mir langweilig. Ich ließ den Blick zu den Ständen für Kinder schweifen, wo Clowns Tiere aus Luftballons bastelten und Kartentricks vorführten. In der Gluthitze tropfte ihnen die Schminke vom Gesicht.

Erst da fiel mir auf, dass Sarat nicht mehr bei uns war. Sie stand an einem der Stände mit künstlichem Fleisch und starrte wie gebannt auf einen Punkt am Ende der Straße.

Damals war mir das nicht klar, aber sie hätte es nicht wissen können. Sie hätte unmöglich wissen können, dass dies eine der Bedingungen war, eine der Auflagen, die die Freien Südstaaten im Vorfeld des Friedens akzeptiert hatten. Sie wusste nicht, dass die Roten im Gegenzug dafür einmal im Monat Zugang zu ein paar Krankenhäusern im Norden erhielten und dass man ihnen zugesagt hatte, für ihre Sache in den Reden am Wiedervereinigungstag ein klein wenig freundlichere Worten zu finden.

Von alldem wusste sie nichts. Sie sah einfach nur einen Soldaten in der Uniform der Blauen und mit voller Ausrüstung auf dem Markt patrouillieren, auf einem Markt in einer Stadt im Süden.

Ich sah, wie sie nach einem Fleischermesser auf der Theke des Standes griff. Und dann stürmte sie auf den Soldaten zu. Ich hatte nur ein einziges Mal erlebt, dass sie sich so schnell bewegen konnte: an dem Morgen, als sie in dem Schuppen vor mir zurückwich. Der Soldat unterhielt sich mit ein paar Textilarbeitern vor einem Stand am anderen Ende des Marktes. Er sah sie nicht kommen.

Irgendwo tief drinnen wusste ich, was passieren würde. Ich lief los, der verletzte Arm klobig an meiner Seite. Als ich sie erreichte, war sie nur noch wenige Fuß vom Rücken des Soldaten entfernt. Sie riss das Fleischermesser in die Höhe.

Ich sprang zwischen sie und den Soldaten. Ich brüllte, sie solle aufhören.

Der Soldat fuhr zusammen bei diesem Schrei. Er drehte sich um. Ich stand mit dem Rücken zu ihm, aber ich wusste, dass er seine Waffe gezückt hatte, weil Sarat erstarrte. Das Messer fiel ihr aus der Hand.

Ich malte mir aus, was als Nächstes passieren würde. Man würde sie verhaften und wieder in das Gefängnis stecken. Diesmal würden sie sie dortbehalten. Ich hoffte nur, dass der Soldat hinter mir sie nicht auf der Stelle erschoss.

Dann herrschte Stille. Der Zorn auf ihrem Gesicht war verflogen, stattdessen blickte sie nun fassungslos drein. Hinter mir hörte ich, wie der Soldat ihren Namen sprach.

»Sarat?«

Und dann sagte sie seinen.

»Marcus.«


***

Einer der Marktleute war zum anderen Ende der Straße gelaufen und hatte den Soldaten der Blauen alarmiert, der dort postiert war. Er kam mit erhobenem Gewehr angerannt.

»Hinlegen!«, brüllte er Sarat an. Aber die rührte sich nicht und ließ den Mann, den sie Minuten zuvor hatte umbringen wollen, nicht aus den Augen.

»Schon in Ordnung«, sagte Marcus zu seinem Kameraden. »Sie ist eine alte Freundin.«

Der andere Soldat ließ das Gewehr sinken. Er schien nicht überzeugt, aber Marcus gab ihm Zeichen zu verschwinden.

Marcus musterte die Menge der Gaffer, die sich mittlerweile versammelt hatte.

»Was soll das hier werden? Eine stille Auktion oder was?«

Ein paar Leute kicherten, hauptsächlich vor Erleichterung. Als sie wieder zu ihren Marktständen zurücktrotteten, wies Marcus mit dem Kopf auf eine Kirche nahebei. Dann drehte er sich um und ging voraus.

Sarat sah mich an. »Lauf zurück zu deinen Eltern«, sagte sie.

»Wirst du ihm was tun?«, fragte ich.

»Nein«, antwortete sie. »Ich tue ihm nichts.«

Als sie die Kirche betrat, stand er zwischen den Bankreihen, Gewehr und Helm hatte er abgelegt. Jetzt konnte sie ihn wirklich ansehen. Es war noch dasselbe Gesicht, dieselbe Haut, derselbe Junge. In den Jahren seit ihrer letzten Begegnung war er ein Stück gewachsen, aber er war nach wie vor klein. Und da eine Uniform immer so geschnitten ist, dass der Brustkorb eines Soldaten massiger und die Schultern breiter aussehen, wirkte er noch unproportionierter, zu kompakt für seine Körpergröße.

Er schaute sie an wie ein ungläubiges Kind. »Ich kann …«, hob er an. »Sarat, ich …«

Aber sie sah nicht ihn. Sie sah Chalk Hollow. Sie sah Cherylenes Gehege und das hässlich kleine Duschhäuschen mit dem wabernden Wasserdampf und den Platz hoch in den Bäumen, von dem aus man weit übers Land blicken konnte. Sie ging zu ihm und umarmte ihn.

»Du lebst«, flüsterte er. Ihr war nicht klar, wen er überzeugen wollte, sie oder sich selbst. »Du lebst, du lebst.«

Sie setzten sich zusammen auf eine Bank. Die Kirche war schmucklos und ein bisschen muffig; sie erinnerte an die kuriosen Gerichtssäle in alten Geschichten aus dem Süden. Es gab Sitzplätze oben auf der Empore, aber keiner saß dort. Sie waren allein.

»Du bist also nicht mehr bei der Küstenwache«, sagte Sarat.

»Nein, das erledigen sie jetzt alles oben im Norden. Alles landet erst mal bei den Blauen, bevor es hier unten ankommt. Dadurch gibt es weniger Schmuggel.«

»Und was ist mit dir? Bist du auch hier, um Schmugglern das Handwerk zu legen?«

Marcus lachte.

»Weißt du, eine Zeitlang dachte ich, die haben mich hierhergeschickt, weil sie die ganze Zeit über wussten, dass ich eigentlich aus dem Süden bin. Aber jetzt glaube ich, der wahre Grund ist meine Körpergröße. Sie denken, die Leute hier unten reagieren nicht ganz so feindselig, wenn die Unionssoldaten, die hier Dienst tun, nicht solche riesigen Muskelprotze sind wie in den Werbespots für die Armee.«

»Stimmt allerdings nicht«, sagte Sarat. »Ich habe zehn Sekunden gebraucht, da wollte ich schon mit dem Messer auf dich los.«

Er lächelte, und bei diesem Lächeln war ihr, als müsse sie einfach nur zur Kirchentür hinaustreten, und dort wartete eine vollkommen andere Welt.

Er berührte die Stelle an Sarats Hals, wo eine ihrer dünnen, rosafarbenen Narben begann, und folgte der Linie bis zur Schulter.

»Das ist meine Schuld«, sagte er.

»Nein, ist es nicht.«

»Man kann nicht diese Uniform tragen und nicht wissen, was sie in Sugarloaf getan haben, Sarat. Lange Zeit bin ich damit durchgekommen, dass ich einfach weggesehen habe. Und ehrlich gesagt hat es mich nie groß interessiert, was eine Seite der anderen zugefügt hat; schließlich war Krieg, und vielleicht ist genau das das Wesen des Krieges: dass man sämtliche Regeln über Bord wirft. Aber wenn es um dich geht, kann ich das nicht. Das da ist meine Schuld.«

Sie ergriff seine Hand, zog sie weg von der Stelle auf ihrer Schulter. Sie versuchte, sich zu erinnern, woher sie diese spezielle Narbe hatte, aber gerade versagte ihr die Erinnerung den Dienst.

»Du hast mir nie unrecht getan«, sagte sie. »Du bist unter denen, die noch am Leben sind, der Einzige, der mir nie unrecht getan hat.«


***

In den Wochen danach wurde mein Arm wieder kräftiger. Bald konnte ich ihn trotz des steifen, schmutzigen Gipsverbands wieder bewegen. Da, wo der Gips endete, roch ich die ungewaschene Haut darunter. Es war ein ranziger Geruch, von dem ich nie genug bekommen konnte, ich hätte nicht sagen können, warum.

Nach zwei Wochen ließ meine Mutter mich wieder draußen spielen, aber zum Basketball oder zum Schwimmtraining in Lincolnton sollte ich erst wieder, wenn der Gips abgenommen war und der Arzt den Knochen für ausgeheilt erklärte.

Eines Morgens spielte ich hinter dem Haus. Meine Eltern waren am anderen Ende des Grundstücks und verhandelten mit einem Handwerker, der den Motor des Zufahrttors austauschen sollte, der nicht mehr lief.

Irgendwie gab es immer wieder Schäden und Fehlfunktionen an der Maschinerie, die unser kleines Reich am Fluss in Gang hielt – Stürme zogen auf und beschädigten die Sonnenkollektoren, die Hitze setzte Rasenmäher oder Generatoren außer Gefecht. Erst viel später ging mir auf, wie sehr diese Dinge meinen Eltern zugesetzt haben müssen, der ständige Kleinkrieg mit dem Land, das ihr Zuhause war.

Sarat war in der Küche und putzte Maiskolben für das Mittagessen. Neuerdings kam sie häufiger ins Haus, saß manchmal eine Weile bei uns im Wohnzimmer und sah fern. Ein paarmal blieb sie sogar zum Essen. In solchen Fällen verloren meine Eltern kein Wort darüber, taten, als sei gar nichts dabei. Aber jedes Mal sah ich, welche Mühe mein Vater hatte, ein seliges kleines Lächeln zu unterdrücken. Zunächst muss sie ihm fremd gewesen sein, auch wenn er ihren Namen noch wusste, sich erinnerte, dass sie verwandt waren, aber ich glaube, jetzt allmählich konnte er doch die Frau, die er vor sich sah, mit dem Mädchen von einst in Verbindung bringen. Und ich glaube, ein klein wenig stellte das auch die Verbindung zu dem Jungen wieder her, der er selbst einmal gewesen war.

Ich beobachtete sie durch das Küchenfenster: Sie arbeitete mechanisch, den Blick ins Leere gerichtet, ganz versunken in ihre eigene Welt. Aber dann blickte sie auf, und als sie mich sah, kam sie nach draußen. Sie wanderte oft über das Grundstück, ging zwischen den Gewächshäusern spazieren. Doch das war das erste Mal, dass ich sie bei Tag in der Nähe der Ufermauer sah. Es war, als schrecke der Fluss sie auf unerklärliche Weise ab – nicht der Anblick, der durch die Mauer versperrt war, sondern das Geräusch, das Geräusch von fließendem Wasser.

»Wie geht’s dem Arm?«, fragte sie.

»Dem geht’s gut«, antwortete ich. »Noch zwei Wochen, dann ist er so gut wie neu.«

»Besser als das. Knochen, die richtig verheilen, werden stärker.«

Es war eine erstaunliche Auskunft, und ob sie nun stimmte oder nicht, ich war sofort überzeugt.

Ich stand auf. »Willst du mal was Tolles sehen?«, fragte ich.

»Klar.«

»Dann komm mit.« Ohne nachzudenken, fasste ich sie an der Hand und führte sie zu einer Stelle am Deich, die geschützt im Schatten einer überhängenden Weide lag. Dort, in einem kleinen Gehege, wohnte mein Haustier.

»Das ist meine Schildkröte«, sagte ich und zeigte auf das rundliche, reglose Tier.

Einen Moment lang schien sie mich zu vergessen. Ich sah, wie sie sich auf den Boden kniete, bis sie mit dem Gesicht fast in dem Gehege war, und die gelbe, symmetrische Zeichnung des Panzers musterte.

»Er ist sehr langsam«, sagte ich, peinlich berührt, weil die Schildkröte nicht einmal den Kopf aus dem Panzer streckte. »Es gibt Tage, da bewegt er sich überhaupt nicht.«

»Es ist ein Mädchen«, sagte Sarat.

Ich fragte sie, woher sie das wisse, aber sie antwortete nicht.

Schließlich erwachte sie aus ihrer Trance und stand auf. Ich wischte ihr Erde von den Hosenbeinen.

»Stimmt es, dass du im Gefängnis warst?«, fragte ich.

»Ja.«

»Warum?«

»Das haben sie mir nie gesagt.«

»Wie lang warst du da?«

»Sieben Jahre.«

Die Zahl war unfassbar für mich; ein ganzes Leben.

»Was machst du, wenn der Gips ab ist?«, fragte sie.

»Basketball spielen«, antwortete ich. Wochenlang hatte ich an kaum etwas anderes gedacht. »Meine Mannschaft ist auf Platz eins, und wenn wir die restlichen Spiele auch noch gewinnen, dürfen wir zur Meisterschaft nach Atlanta. Da gibt es ein Badeparadies mit dem größten Schwimmbecken im ganzen Land.«

»Schwimmst du gern?«, fragte sie.

Ich nickte. »Zweimal die Woche gehe ich zum Schwimmen nach Lincolnton. Wenn der Gips nicht wäre, wäre ich heute da.«

»Wieso schwimmst du in einem Becken in Lincolnton, wenn du den Fluss direkt vor der Haustür hast?«

Ich lachte. »So ein Quatsch, im Fluss kann man doch nicht schwimmen.«

Sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Stern, und dann wich dieser Anflug von Verwirrung einer mitleidigen Miene. Sie ging an mir vorbei zum Deich, langsam und schlurfend, wie es ihre Art war, der Körper gebeugt und die Knie gekrümmt, als würden sie jeden Moment unter ihr nachgeben.

Auf das Stück Ufermauer entlang unserer Gartengrenze hatte meine Mutter ein einfältiges Wandbild gemalt, ein Bild wie in einem Kindergarten. Es zeigte spielende Strichmännchen, wie sie auf einer Wiese unter Apfelbäumen umhertollten, über ihnen eine lachende Sonne. Sie hatte den Strichmännchen Namen gegeben, und manchmal erzählte sie mir von ihnen, als ob sie echte Kinder seien. Ich hatte nie verstanden, warum sie das tat.

Sarat stand am Deich. Sie war so groß, dass sie über die Mauer und durch die Weidenbäume sehen konnte. Sie betrachtete den Fluss. Erst viele Jahre später begriff ich, was für einen Mut sie aufbringen, welche Dämonen sie begraben musste, bevor sie zum ersten Mal wieder den Fuß in ein fließendes Gewässer setzen konnte.

Sie wandte sich zu mir um. »Dann komm«, sagte sie. »Wir gehen schwimmen.«

Instinktiv blickte ich mich um, sah nach, ob meine Eltern in der Nähe waren. Wenn es etwas gab, das mir strengstens verboten war, dann das: Den Deich durfte ich auf keinen Fall überqueren. Hinter der Mauer lauerte das Ertrinken, der Tod durch Krankheit, dort lauerten sämtliche Ungeheuer, die meine Mutter in all ihren Warnungen beschwor. Ich traute mich keinen Schritt mehr vor.

»Mit dem Gips kann ich nicht schwimmen«, sagte ich, aber es war nicht der Gips, der mir Angst machte.

»Doch, das kannst du«, sagte sie.»Komm schon, ich passe auf, dass dir nichts passiert.«

Langsam kletterte sie auf der anderen Seite des Deichs nach unten, und schon bald steuerte sie zwischen den Weiden aufs Ufer zu. Als ich sie zwischen den Weidenschöpfen verschwinden sah, packte mich plötzlich die Panik. Ich stellte mir vor, dass sie in den Fluss steigen und nie wiederkommen würde, fortgetragen von der grünen Schlange bis ans Ende der Welt. Meine Erstarrung löste sich, neu gefasster Mut ließ mich loslaufen, ihr nach.

Von oben auf dem Deich sah ich sie ins Wasser waten. Sie war barfuß und voll bekleidet. Ich kletterte hinunter und lief, den Blick auf den Boden geheftet, folgte ihren Fußspuren bis zu der weichen Erde am Ufer.

Und dann blickte ich auf und sah das Ungeheuer direkt vor mir. Zum ersten Mal im Leben stand ich am Fluss. Das Geräusch und die schiere Größe waren unfassbar, die Ufer ungezähmt und weit, die Strömung abzulesen an den Ästen und Blättern, die an der Oberfläche dahinschossen. Ich hatte nicht geahnt, dass Wasser sich so bewegen konnte.

Sie stand bis zur Taille im Fluss, das Wasser umspülte ihren Körper. Ich erinnere mich noch genau an ihren Blick in diesem Moment, die unbändige Euphorie kaum verborgen hinter ihren Lippen. Das Wasser umspülte ihren geschundenen Körper, und mit dieser Bewegung heilte es die Wunden nicht, es brannte sie aus.

Sie stand reglos da. Ich winkte ihr, sie solle näher ans Ufer kommen, aber anscheinend sah sie mich überhaupt nicht. Sie atmete schwer, obwohl sie ja gar nicht gelaufen war. In dem Augenblick sah sie aus wie ein Kind, die Augen weit aufgerissen, hilflos stand sie da. Dann dämmerte es mir: sie hatte Angst.

Und dann war sie verschwunden, völlig untergetaucht, als hätte sie Bleigewichte an den Füßen. Als sie wieder an die Oberfläche kam, klebte ihr das weite Hemd am Körper, und kleine Lichtpunkte funkelten auf ihrem kahlgeschorenen Kopf.

»Komm her«, sagte sie.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich hab zu viel Angst.«

»Gut«, sagte sie. »Dann hast du jetzt etwas, gegen das du kämpfen kannst. Komm her.«

Ich blickte flussabwärts. Alles, was ich von der Welt kannte, schien mit einem Mal ganz weit fort. Ich sah jenseits des Flusses eine hohe Mauer, mit einem Saum aus Stacheldraht und mit bemannten Wachtürmen. Und auch wenn ich erst viel später Worte für meine Gefühle fand, wusste ich in dem Augenblick, dass der Großteil der Welt genau wie das dort war: wild, roh, böse. Ich stieg in den Fluss.

Schon nach wenigen Schritten spürte ich den weichen, glatten Boden nicht mehr unter den Füßen, und die Strömung erfasste mich. Ich schrie, aber ihre Hände packten mich. Sie hielt mich an der Oberfläche und trug mich weiter hinaus. Der Klang des Wassers war wie unzählige unsichtbarer Münder, die alle gleichzeitig wisperten. Das Wasser war lebendig; ich wusste es, denn das Wasser war in Bewegung.

In dem Moment sah ich sie an, und ich sah etwas, was ich nie zuvor gesehen hatte. Ich sah meine Tante lachen.



Auszug aus:


Projekt Bürgerkriegsarchiv –


Feierlichkeiten anlässlich des Wiedervereinigungstages Einladungsschreiben (geprüft/keine Verschlusssache)

Gouverneur Timothy Combs

391 West Paces Ferry Road

Atlanta, GA 30305

Sehr geehrter Herr Gouverneur,

es ist mir eine Freude, Sie im Auftrag von Präsident Joseph Weiland jr. hiermit in aller Form zum Gipfeltreffen anlässlich der Wiedervereinigung unserer Nation am Freitag, dem 3. Juli 2095, in Columbus, Ohio, einzuladen.

Wie vom Präsidenten bereits öffentlich erklärt, wird dieses Gipfeltreffen den Schlussstrich unter ein dunkles Kapitel in der Geschichte unserer großen Nation ziehen. Führende Vertreter der Zivilgesellschaft aus der gesamten Union, darunter auch Sie, werden in Columbus zusammenkommen, um das zu bekräftigen, was seit den Anfangstagen dieses Landes unverbrüchliche Wahrheit ist – dass unsere Nation auf ewig ungeteilt ist.

Aus sicherheitstechnischen und organisatorischen Gründen wird es für die Bürger einiger Staaten, unter anderem auch Georgia, in den Monaten vor und unmittelbar nach dem Gipfeltreffen in Columbus Einreisebeschränkungen geben. Daher bitten wir Sie, uns möglichst umgehend die Namen der Mitglieder Ihrer Delegation (maximal 4 Personen) mitzuteilen, damit das Friedensministerium die nötigen Sicherheitsüberprüfungen durchführen und die erforderlichen Einreisegenehmigungen ausstellen kann.

Es ist ein bedeutender Tag für unsere Union, Herr Gouverneur. Ein Tag, an dem wir den Mut aller Amerikaner feiern, die so tapfer für ihre Überzeugungen gekämpft haben, aber es ist auch ein Tag, an dem wir Jahre des Schmerzes hinter uns lassen und den schwierigen, doch lebenswichtigen Prozess der Heilung in Gang bringen. Ein Tag der Freude und des Wiederaufbaus. Ich freue mich, Sie und die anderen Delegierten aus dem Staate Georgia bei den Feierlichkeiten anlässlich der Wiedervereinigung und der daran anschließenden großen Parade persönlich kennenzulernen.

Hochachtungsvoll

Malcolm Kaysen

Stellvertretender Sekretär des Kommissars für Angelegenheiten des Südens

Friedensministerium, Abteilung Verteidigung

1 Columbus Commons

Columbus, OH 43215



15. Kapitel

Ende Mai wütete der Hurrikan Scott in Lincolnton. Es war ein lokal begrenzter, aber heftiger Sturm, und auch wenn unser Anwesen knapp verschont blieb, brachte er unseren Alltag doch durcheinander. Wegen der schweren Schäden am Gemeindezentrum und der Grundschule musste ich auf der Farm bleiben. Ich konnte mein Glück kaum fassen – jetzt konnte ich mehr Zeit mit Sarat verbringen.

Einmal sah ich, wie sie im Holzschuppen Bretter zusammennagelte. Meine Eltern hatten am Abend zuvor an einer Feier der eben gegründeten Südstaaten-Sektion der Neuen Wiedervereinigungspartei teilgenommen, einer der ersten unter den Gruppierungen, die damals alles daransetzten, uns den Frieden als Sieg zu verkaufen. Meine Eltern beschlossen, in Atlanta zu übernachten, und meine Tante und ich hatten die Farm ganz für uns.

Als ich in den Holzschuppen kam, kniete sie an der Stelle, wo sie zuvor die Fußbodendielen herausgerissen hatte, um den nackten Erdboden freizulegen. Neben ihr lag ein Stapel Bretter aus Zedernholzimitat.

»Was machst du da?«, fragte ich.

»Ich verlege den Boden neu«, sagte sie. »Wenn man zu viel Holz aus diesem Schuppen rausreißt, fällt das ganze Ding zusammen.«

»Kann ich dir helfen?«

»Klar.« Sie winkte mich zu sich heran. Ich hockte mich zwischen ihre Knie, und sie reichte mir den Hammer. Sie hielt den Nagel an die vorgesehene Stelle.

»Erst ein leichter Schlag zum Fixieren, dann ein kräftiger, der den Nagel ins Holz treibt«, sagte sie.

Ich versuchte mein Glück, aber ich schaffte es nicht, fest genug zuzuschlagen, weil ich Angst hatte, daneben und ihr auf den Finger zu hauen. Schließlich traf ich den Nagel immerhin so fest, dass er sich bewegte, aber er steckte schief, und das Holz splitterte.

»Schon besser«, sagte meine Tante. »Immerhin hast du diesmal etwas bewirkt.«

Sie ließ mich so lange an dem beschädigten Brett üben, bis ich den Bogen raus hatte. Nach einer halben Stunde hatte ich die Diele mit so vielen Nägeln festgehämmert, dass keine Kraft der Welt sie hätte lockern können. Ich strahlte vor Stolz.

Wir hatten den Fußboden zur Hälfte verlegt, aber dann war ich müde von der Mittagshitze. Sie schlug ein kühlendes Bad im Fluss vor. Mühelos hob sie mich hoch und setzte mich auf ihre Schultern. Wir gingen zum Ostrand unseres Grundstücks, stiegen über den Deich und gingen zwischen den verkümmerten Bäumen vor bis zum Ufer.

An einer flachen Stelle, wo die weiche Erde zwischen den Weiden eine Art Strand bildete, machten wir halt. Wir setzten uns einen Augenblick, damit meine Tante nach dem anstrengenden Anmarsch ein wenig verschnaufen konnte. Ich grub meine Hände tief ins Erdreich. Bei einem unserer ersten Ausflüge an den Fluss hatte ich gemerkt, dass sie am liebsten nackt schwamm. Als sie zum ersten Mal ihre Kleider auszog, tat sie es im Wasser, aus Angst, ihre Narben könnten mich erschrecken. Aber es machte mir nichts aus – ich hatte die Narben schon früher gesehen, an dem Abend kurz nach ihrer Ankunft, als ich ihr heimlich nachspioniert hatte. Also zog ich mich auch aus, und von da an konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass jemand mit Kleidern ins Wasser ging.

Wir schwammen im Schatten der Weiden und der Quarantänemauer. Bei einem unserer ersten Ausflüge zum Fluss hatte ich sie gefragt, wozu die Mauer da sei. Sie sagte, die Menschen auf der anderen Seite litten an einer Krankheit, und die Mauer sei errichtet worden, um zu verhindern, dass sie andere ansteckten. Ich wollte wissen, was für eine Art von Krankheit das war. Sie erklärte mir, es sei die Art von Krankheit, bei der man nie wieder gesund wird und bei der man nicht verhindern kann, dass man sie an seine Kinder weitergibt und die an die ihren.

Im Osten spähte ein Wachposten von seinem Turm herüber. Ich winkte ihm zu, aber er winkte nicht zurück. Anfangs machten die Posten mir Angst, aber meine Tante sagte, es seien keine menschlichen Wesen, nur Augenpaare, die niemandem helfen oder schaden könnten. In meiner Phantasie glichen sie jetzt den Strichmännchen, die meine Mutter auf die Mauer gemalt hatte, und ich hatte keine Angst mehr.

Wir legten uns zum Trocknen in die Sonne, nackt am Ufer des Flusses. Noch immer versetzte ihr Körper mich in Erstaunen: die seltsamen Narbenrinnsale, die ihre Oberarme und Schultern überzogen, Haut, die tot aussah und heller war als der Rest; die Art, wie ihre Brüste und der Bauch schlaff herunterhingen; die glatte Oberfläche ihres kahlgeschorenen Schädels. In ihrer Gegenwart konnte ich mir nichts vorstellen, was stark genug gewesen wäre, um uns weh zu tun. Nicht der Fluss, nicht die Mauer, und nichts, was womöglich hinter der Mauer lag.

»Ist Dana deine Schwester?«, fragte ich. Die Frage beschäftigte mich seit Wochen, seit ich gehört hatte, wie sie eines Abends im Gespräch mit meinem Vater den Namen erwähnte. Ich wusste, dass die Frau auf einem der Fotos in unserem Treppenhaus meine andere Tante war, aber meine Eltern hatten mir nie viel über sie erzählt.

Die Frage schien sie zu überraschen.

»Ja«, sagte sie, »meine Schwester und die Schwester deines Vaters.«

»Lebt sie in Atlanta?«

»Nein. Sie ist tot.«

»Wie ist sie gestorben?«, fragte ich.

»Du kennst doch die Kriegsvögel, die manchmal hier vorbeifliegen?«

»Klar.«

»Schau, jetzt sind sie leer; sie fliegen nur harmlos durch die Gegend, so lange, bis ihre Solarzellen nicht mehr funktionieren oder die Flügel abbrechen, dann stürzen sie irgendwo auf eine Wiese. Aber vor deiner Geburt waren sie Waffen. Waffen mit Bomben im Bauch.«

Es kam mir so lächerlich vor – Vögel mit Bomben im Bauch. Aber genau wie ich an die Krabbeltiere in der Erde glaubte, die Fische mit Schnurrbart oder die alten Küstenstädte, die jetzt im Meer versunken waren, war ich überzeugt, dass es solche Vögel gegeben hatte. Ich glaubte daran, weil sie es sagte.

»Weißt du, sie ist jetzt hier, meine Schwester.« Sarat zeigte auf das Wasser. »Nach ihrem Tod habe ich sie nicht in der Erde begraben, ich habe sie dem Fluss übergeben.«

»Warum?«, fragte ich.

»Ich wollte, dass sie mit allem weiterfließt, für alle Zeit.«

»Wenn ich sterbe, begräbst du mich dann auch im Fluss?«

Meine Tante lachte leise. »Das dauert noch eine Weile, bis du stirbst«, sagte sie. »Bis dahin bin ich längst nicht mehr da.«

»Und wenn du stirbst? Soll ich dich dann im Fluss begraben?«

Sie sah mich verblüfft an, als sei ihr der Gedanke noch nie gekommen. Sie lächelte.

»Ja«, sagte sie. »Dafür wäre ich dir dankbar.«

Ich lehnte mich an sie und legte den Arm um sie. Sie gehörte zu mir, und ich liebte sie.


***

Als wir vom Fluss zurückkamen, stand ein Mann am Tor. Ich hatte ihn noch nie gesehen, ein Fremder in einem eleganten Vorkriegsanzug mit grüner Krawatte. Er stand einfach vor dem Tor, neben seinem geparkten Auto, und blickte zum Haus. Wir gingen die Auffahrt hinunter auf ihn zu.

Erst als wir ganz nah am Tor waren, erkannte meine Tante mit ihren geschädigten Augen den Fremden. Sie blieb stehen und starrte ihn lange an, ihre Miene war ausdruckslos.

»Geh ins Haus, Benjamin«, sagte sie. »Ich komme gleich nach.«

Als ich sie fragte, wer der Mann sei, antwortete sie nur wieder, ich solle gehen, diesmal in einem Ton, der mir eindeutig zu verstehen gab, dass keine weiteren Fragen gestattet waren.

Sie öffnete das Tor. Sie betrachtete den Mann, der vor ihr stand, den Mann, den sie so viele Jahre nicht gesehen hatte. Er war alt geworden, aber er war in Würde gealtert. Die silbernen Haare an den Schläfen und der dicke schwarze Schnurrbart, der jetzt ebenfalls langsam grau wurde, waren nahezu unverändert, fast genau wie bei ihrer letzten Begegnung in den Ruinen von Lake Sinclair vor so langer Zeit.

»Hallo, Joe«, sagte sie. »Ich dachte, Sie sind längst nicht mehr da.«

»Hallo, Sarat«, antwortete er. Sein fremdländischer Akzent war ihr sofort wieder vertraut. »Es tut mir leid, dass ich nicht früher gekommen bin. Ich wusste nicht, dass sie dich freigelassen haben.«

Sie führte ihn zum Holzschuppen. Ich beobachtete sie vom Schlafzimmerfenster aus und hoffte, einen Fetzen ihrer Unterhaltung zu erhaschen, aber sie gingen wortlos nebeneinander her und zogen die Tür hinter sich zu.

Was er mit ihr besprach, erfuhr ich erst später, als ich es zu lesen bekam. Da war es längst zu spät.


***

Sie saßen auf den Schemeln an der Werkbank. Sie fand ihn unverändert, sein kühler Charme noch derselbe wie früher bei ihren heimlichen Treffen.

»Ein süßer Junge«, sagte Joe und zeigte in Richtung Haus. »Ist er …?«

»Er ist mein Neffe.«

»Verstehe. Wie geht es dir, Sarat?«, fragte er.

»Ich lebe«, antwortete meine Tante.

»Als Allererstes möchte ich sagen, dass ich nicht wusste, was Albert Gaines getan hat. Vor langer Zeit hatte er seine Tochter und deren Mutter ins Bouazizireich geschickt, damit sie während des Krieges in Sicherheit waren, und wie ich erfahren habe, machten diejenigen, die ihn verhörten, ihm weis, sie wüssten den Aufenthaltsort, und verwendeten dies als Druckmittel gegen ihn. In unserer gemeinsamen Zeit war er niemals feige, Sarat, und ich …«

»Lassen Sie«, sagte sie. »Es ist nicht wichtig.«

Joe nickte. Seine Reaktion war nicht anders als die so vieler anderer, die sie vor ihrer Gefängniszeit gekannt hatten – er starrte sie an und versuchte, ihre Gestalt und den Schaden, den man ihr zugefügt hatte, mit der Erinnerung an den schlaksigen Teenager von einst in Einklang zu bringen.

Schließlich sagte er: »Ich weiß, was sie dir an diesem Ort angetan haben müssen, Sarat, und es tut mir aufrichtig leid.«

»Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb Sie hergekommen sind.«

»Das ist korrekt«, antwortete Joe. »Wie ich höre, ist es dir gelungen, dich mit einem deiner alten Gefängniswärter zu treffen. Wie ich höre, ist es dir gelungen, ein gewisses Maß an Rache zu üben.«

Sarat lachte. »Rache«, wiederholte sie. »Was ist das schon für eine Rache? Einem habe ich es heimzahlen können. Glauben Sie, es war nur einer, der mir das angetan hat?«

»Wenn du möchtest, kann ich meine Kontaktleute bitten, noch weitere für dich ausfindig zu machen«, sagte Joe. »Viele von den Wärtern, die während deiner Haft in Sugarloaf stationiert waren, sind mittlerweile wieder auf dem Festland. Vielleicht …«

»Wieso wollen Sie da haltmachen?«, fragte sie. »Wieso holen sie sie nicht gleich alle – können Sie das, Joe? – Sie holen mir alle, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin: die, die meinen Vater umgebracht haben, die, die meine Schwester umgebracht haben, die, die meine Mutter umgebracht haben, die, die dafür gesorgt haben, dass mein Bruder nie wieder ganz bei Verstand sein wird, die, die uns aus unserem Zuhause vertrieben haben, die, die all die Menschen in Patience abgeschlachtet haben. Holen Sie mir die ganze Bande, Joe. Dann bekomme ich meine Rache.«

»Und wenn ich das wirklich könnte?«, fragte Joe.

Das Licht malte Fratzen auf die Bretterwände.

»Erklären Sie mir das«, sagte meine Tante.

»Seit einigen Jahren stehe ich in Verbindung mit einem jungen Mann im Norden«, antwortete Joe. »Ein Mann namens Tusk, ein Wissenschaftler, der sein Leben der Suche nach einem Heilmittel für die Krankheit gewidmet hat, mit der die Regierung der Blauen einst das Volk von South Carolina zum Schweigen brachte. Trotz jahrelanger Bemühungen ist er gescheitert, aber im Verlauf seiner Forschungen ist er auf etwas weit Schlimmeres gestoßen – eine andere Art von Krankheit, eine Krankheit, die in der Lage ist, ganze Städte auszuradieren, ganze Staaten. Er ist in vielerlei Hinsicht ein gebrochener Mann, Sarat. Und ich habe ihm letztes Jahr einen Tauschhandel vorgeschlagen – im Gegenzug für das von ihm entdeckte Mittel. Ich habe ihm Asyl in meinem Heimatland angeboten, weit weg von dem Krieg und von allem, was er hat erleiden müssen.

In wenigen Monaten finden die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung statt. Dann ist der Krieg vorbei, und dann hat, egal, was eure neuen Politiker im Süden sagen, der Norden gesiegt. Wenn nun jemand nach Columbus ginge und diesen Krankheitserreger dort freisetzte, gäbe das dem Krieg eine vollkommen neue Wendung; der Sieger wäre ein anderer, überhaupt wäre alles anders. Ich möchte wissen, ob du diese Person sein willst, Sarat.«

Es herrschte Totenstille. Da, wo die nackte Erde immer noch zu sehen war, verwandelte sich Licht in Wärme. Er wartete auf ihre Antwort.

»Dazu brauchen Sie mich nicht«, sagte sie.

»Da hast du recht. Ich könnte einen meiner Kontakte im Norden bitten. Ich habe den Verdacht, dann wäre es sogar sehr viel einfacher. Die Blauen haben Tausende von neuen Wachsoldaten an den Grenzübergängen postiert, und die, auf die ich früher einen gewissen Einfluss hatte, sind nicht mehr da. Aber ich wollte das Angebot zunächst dir unterbreiten, weil ich weiß, wie hart du gekämpft und wie viel du gelitten hast. Du brauchst eine Rache, die dir angemessen ist, Sarat. Ich glaube, das wäre angemessen.«

Sie hörten ein Rascheln vor dem Schuppen. Ein Arbeiter, der frische Erde zu den Gewächshäusern karrte. Dann war wieder alles ruhig.

»Sagen Sie mir Ihren wahren Namen.«

»Mein wahrer Name lautet Yousef Bin Rashid. Ich bin einundsiebzig Jahre alt. Ich arbeite für die Regierung des Bouazizireiches.«

»Yousef«, wiederholte Sarat und befühlte das Wort mit der Zunge. »You-sef. Für Sie ist es eigentlich belanglos, wer den Krieg gewinnt, nicht wahr?«

»Ja. Es ist nicht von Belang.«

»Aber wieso? Wieso mischen Sie sich dann ein?«

»Ich komme aus einer neuen Welt, Sarat«, erwiderte Yousef. »Meine Leute haben ein Reich aufgebaut. Noch ist es jung, aber wir wollen es zum mächtigsten Reich auf Erden machen. Dazu müssen andere Reiche untergehen. Ich glaube, du verstehst inzwischen, dass ich, wenn die Verhältnisse umgekehrt wären – wenn der Süden kurz vor dem Sieg stünde –, dieses Gespräch vielleicht in Pittsburgh oder Columbus führen würde. Ich will dich nicht belügen, Sarat: Wir verfolgen unsere eigenen Interessen, sonst nichts.«

Sarat lächelte, als sie sich das durch den Kopf gehen ließ. »Sie konnten uns nicht einfach in Frieden lassen, damit wir uns in Ruhe gegenseitig umbringen konnten?«

»Nun komm schon«, sagte Yousef. »Jeder führt seinen Amerikanischen Krieg.«

Sie schwiegen beide, und in dieser Stille erinnerte Sarat sich an etwas, das Albert Gaines ihr einmal gesagt hatte. Er hatte sie gefragt, ob sie wisse, wieso man, wenn vom Süden die Rede sei, von Roten spreche, und sie hatte geantwortet, das habe etwas mit Politik zu tun, damit, wer früher die alte Republikanische Partei gewählt habe, als das Land noch nicht gespalten war.

Aber Gaines hatte ihr erklärt, dass es viel weiter zurückreiche, in eine Zeit, als es dieses Land noch gar nicht gab. Es ging, erklärte er ihr, um die Erde: Im Süden gab es ein Mineral im Boden, das die Erde rot färbt. Wenn der Boden völlig ausgelaugt war, alles Gute, alle Nährstoffe, die eine junge Pflanze zum Wachsen benötigt, verbraucht, dann blieb nichts als dieses Zeug, das die Erde rot färbt.

Jetzt fragte sie sich, ob er an dem Tag womöglich zum einzigen Mal die Wahrheit gesagt hatte.

»Sie tötet jeden, der damit in Berührung kommt, diese Krankheit, die Sie da haben?«, fragte sie Yousef.

»Darauf gebe ich dir mein Wort«, antwortete er.

»Ich gehe nie wieder in dieses Gefängnis. Ganz gleich, was passiert, ich gehe nie wieder dorthin zurück.«

»Du hast mein Wort.«

Sie erhob sich von ihrem Schemel, ging zur Tür und stieß die Türflügel auf. Gleißendes Tageslicht flutete in den Schuppen. Sie blickte hinüber zu dem neuen Haus, das nun dort stand, wo einst das alte gestanden hatte, zu den schlaffen Bäumen und dem eingemauerten Fluss. Die Welt ringsumher flirrte in der Hitze.

»Sind Sie diesen Ort jemals leid, Yousef? Wünschen Sie sich manchmal, Sie könnten all das einfach hinter sich lassen und nach Hause gehen, zurück zu Ihrer Familie, zurück in die Welt, die Sie kennen?«

»Natürlich«, antwortet Yousef. »Ich hoffe, dass ich bald nach Hause kann.«

»Ich auch«, sagte sie.


***

Von dem Tag an war sie anders. Sie verbarrikadierte sich wieder in dem Schuppen, genau wie in der Zeit nach ihrer Ankunft. Diesmal war die Tür abgeschlossen, und ich konnte nicht ins Innere sehen.

Ich sehnte mich so verzweifelt nach ihr, dass ich stundenlang an der Rückwand des Schuppens kniete und das Ohr an die Bretter presste. Doch alles, was ich dort zu hören bekam, war das Kratzen eines alten Stifts auf Papier.

Nachts lag ich wach und fragte mich, womit ich sie vergrault hatte. Hatte ich sie enttäuscht – hatte ich zu oft der Strömung nicht standgehalten? Hatte ich sie mit meinen vielen Fragen geärgert? In meiner Verzweiflung kritzelte ich die Worte »Entschuldige bitte« auf ein leeres Blatt Papier und schob es unter der Tür durch. Ich bekam keine Antwort.


***

An einem Samstag Mitte Juni, als meine Eltern auf einer Landwirtschaftsmesse in Montgomery waren, verschwand sie für einen Tag. Wir hatten für Notfälle ein altes Tik-Tok in Reserve; das nahm sie.

Sie fuhr zum Markt in Lincolnton. Dort herrschte weniger Betrieb als sonst; die Stadt war noch ganz mit den Aufräumarbeiten nach dem Hurrikan beschäftigt. Sie ging an den halbleeren Marktständen vorbei bis zum Ende der Straße, dahin, wo Marcus Wache stand.

Wortlos gingen sie zu der Kirche dort. Diesmal trat sie als Erste ein, er folgte.

»Das ist ja klasse, dass du gerade heute kommst«, begrüßte Marcus sie. »Weißt du, was ich eben von den Südstaatenjungs erfahren habe? Du erinnerst dich doch an den alten Mann, Prince Wendell, mit dem Café mitten im Meer? In Atlanta wollen sie jetzt eine Straße nach ihm benennen. Ich nehme an, in einem von diesen Komitees, die die Wiedervereinigung vorbereiten, haben sie von ihm gehört, und dann haben sie das beschlossen. Fanden, das macht sich gut, einen Mann zu ehren, der mit beiden Seiten zusammengearbeitet hat. Ich dachte, das macht dir bestimmt einen Riesen …«

»Setz dich«, unterbrach ihn meine Tante. »Ich muss mit dir reden.«

Marcus setzte sich neben sie auf die Bank. »Klar«, sagte er.

Meine Tante reichte ihrem Freund einen kleinen zusammengefalteten Zettel. Darauf standen der Name und die Kontaktdaten eines Mannes.

»Das ist ein Mann, den ich kenne. Ich will, dass du hingehst und mit ihm sprichst. Er kann dafür sorgen, dass du von hier wegkommst, dass du das alles hinter dir lassen und ein neues Leben anfangen kannst, auf der anderen Seite der Welt.«

Marcus starrte den Zettel an, verwirrt.

»Sarat, all das hier ist bald zu Ende«, sagte er. »Noch ein paar Monate, dann gibt es diesen Krieg nicht mehr. Dann sind wir wieder ein Land. Und glaub mir, so schnell kannst du gar nicht hinsehen, wie diese ganze Geschichte dann wieder vergessen ist.«

Meine Tante schüttelte den Kopf. »Bitte, Marcus. Bitte geh zu ihm.«

Marcus nahm den Zettel. »Der Krieg ist vorbei, Sarat«, sagte er, und diesmal klang es nicht so, als ob er ihr Mut zusprechen wolle.

»Ich weiß, Marcus«, sagte sie. Sie gab ihm einen Kuss, dann stand sie auf. »Ich weiß.«


***

Sie verließ Lincolnton und fuhr westwärts, zu den äußeren Vorstädten von Atlanta im Schatten von Fabriken und Gewächshochhäusern. Schließlich erreichte sie Stone Mountain, am östlichsten Rand der Stadt. Nicht weit von den heruntergekommenen, niedrigen Bungalows des alten Dorfs stand ein unbeschildertes Ladengebäude aus rotem Backstein. Hier, in dieser bescheidenen Unterkunft, residierten die Vereinten Rebellen jetzt.

Bei ihrer Ankunft waren nur Adam Bragg jr. und Trough im Büro. Es war ein kleiner Raum, ehemals ein Esslokal oder eine Bäckerei – schmal und langgestreckt. Stühle standen umgedreht auf den Tischen, mit Ausnahme der Stelle, an der Bragg saß und an seinem Kaffee nippte.

Als er sie sah, stand er auf. »Ja, hallo«, begrüßte er sie. »Das ist ja eine Überraschung. Wer hätte gedacht, dass die große Sarat Chestnut uns in unserer bescheidenen Hütte beehrt?«

Mit einer Handbewegung lud er sie ein, sich zu setzen. Selbst ohne Registrierkasse und Ladentheke hatte der Raum etwas Klaustrophobisches, die Wände mit billigem dunklem Holz getäfelt, daran vergilbte Reklamebilder: »Have A Coke.«

Trough stand im hinteren Bereich des Raums, da, wo sich statt der Stühle und Tische ungeöffnete Umzugskartons stapelten. Bei der ersten Begegnung nach ihrer Freilassung aus Sugarloaf – an dem Tag, als er sie zu ihrem ehemaligen Peiniger fuhr – hatte sie sich nicht an ihn erinnert. Doch jetzt kam er ihr wieder bekannt vor, spindeldürr wie sein älterer Bruder, der Blick starr und vorwurfsvoll.

»Kann man das glauben?«, fragte Bragg. »So weit ist es gekommen. Verbannt in die Wildnis, von den eigenen Leuten verstoßen. Weißt du, was sie aus dem Gebäude gemacht haben, in dem wir früher waren – dem in der Stadt unter dem Highway –, nachdem sie uns vor die Tür gesetzt hatten? Das ist jetzt das Büro des Festkomitees für die Wiedervereinigung.«

Er lachte kopfschüttelnd. »Ein ganzes Haus voll mit Leuten, die entscheiden, wo die Luftballons aufgehängt werden und die Blaskapellen aufmarschieren – am Tag unserer Kapitulation. Mein Gott, ich wünschte, mein Vater hätte das noch erlebt. Das hätte den alten Mistkerl gleich noch ein zweites Mal umgebracht.«

»Ich brauche eure Hilfe«, sagte meine Tante.

Bragg gab Trough ein Zeichen, dass er weiteren Kaffee machen solle. Er machte sich an die Arbeit, ohne dabei meine Tante aus den Augen zu lassen.

»Dann erzähl«, erwiderte Bragg. »Viel haben wir nicht, aber was wir haben, gehört dir.«

»Wenn ich dir sagen würde, dass ich das Blatt noch wenden kann – dass ich jeden Einzelnen von denen umbringen kann, jeden, der bei den Blauen das Sagen hat, den ganzen Norden krepieren lassen, dafür sorgen, dass die hundert Jahre lang keinen Hoffnungsschimmer sehen –, würdest du mir dann glauben?«

»Ja, ich würde dir glauben«, antwortete Bragg. »Keinem anderen würde ich so etwas glauben, aber dir schon.«

Trough stellte eine Tasse Kaffee auf den Tisch und kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.

»Ihr müsst mich über die Grenze bringen«, erklärte meine Tante. »Ich muss am Tag der Wiedervereinigung in Columbus sein.«

»Liebe Güte, Sarat, das ist völlig unmöglich«, sagte Bragg. »Die Grenze zu Tennessee wird jetzt vor dieser verfluchten Vereinigungsfeier schärfer bewacht als auf dem Höhepunkt des Kriegs. Jeder Grenzübergang ist eine Festung, die lassen keinen einzigen Südstaatler durch, wahrscheinlich noch das ganze Jahr über nicht.«

»Was ist mit den Tunneln?«, fragte meine Tante. »Den Tunneln, durch die wir gekrochen sind, um nach Halfway Branch zu kommen?«

»Die haben sie schon vor Jahren zerstört, Sarat. Die alte Welt existiert nicht mehr. Teufel nochmal, außer Trough habe ich vielleicht noch drei oder vier gute Männer. Die haben unsere Leute kleingekriegt; alle sind müde und hungrig, und niemand hat mehr den Willen zu kämpfen. Sieh es dir doch auf dem Rückweg selbst an – fahr rein nach Atlanta, sieh dir die Plakatwände an, die die Freien Südstaatler aufgestellt haben – ›Ein Frieden in Würde‹, ›Die Vergangenheit ehren, die Zukunft sichern‹. Der ganze Mist, und die Leute nehmen ihnen das alles ab. Hast du gehört, dass sie sich nicht mal mehr Freie Südstaaten nennen? Sie nehmen nur noch die Abkürzung, nie den vollen Namen, als ob die Buchstaben keine Bedeutung hätten. Sie stellen ihre Feigheit zur Schau, als wäre es verflucht nochmal ihre Fahne …«

»Ich weiß einen Weg«, sagte Trough. »Ich weiß, wie du nach Columbus kommst.«

Bragg verstummte.

»Wie?«, fragte meine Tante.

Trough kam zu ihnen herüber. »Es gibt einen Krankentransport, der regelmäßig in den Norden fährt. Das Sankt-Joseph-Krankenhaus hat eine Absprache mit einer Klinik oben in Lexington. An jedem Monatsersten können sie ein paar Patienten hinbringen. Mehr als ein Dutzend dürfen es nicht sein, und sie dürfen es auch nicht an die große Glocke hängen. Aber ich kenne den, der das organisiert; mein Bruder und er waren eine Zeitlang zusammen an der Tennesseegrenze. Von da ist er meinem Bruder noch einen Gefallen schuldig, und außer mir gibt es jetzt keinen mehr, der ihn noch einfordern kann. Ich sag ihm, ich habe eine todkranke Freundin, die dringend im Norden behandelt werden muss. Er wird jemanden von der Liste streichen und dich mitnehmen. Sobald du über die Grenze bist, kannst du dich nach Columbus absetzen.«

Bragg starrte seinen Adjutanten verblüfft an. Er wandte sich an meine Tante. »Aber wenn du wirklich so viele umbringen willst, wie du sagst, musst du etwas dabeihaben – eine Waffe, eine Bombe, irgendwas. Und auch wenn es ein Krankentransport ist, heißt das noch lange nicht, dass die Blauen ihn nicht durchsuchen.«

»Was ich dabeihabe, werden sie nicht finden«, antwortete meine Tante. »Sie können mich durchsuchen, solange sie wollen, sie finden es nicht.«

»Ich habe eine Bedingung«, sagte Trough.

»Und die wäre?«, fragte meine Tante.

»Ich komme mit.«

»Mit der Waffe, die ich einsetzen werde, kann man nicht zielen. Es ist eine Krankheit, eine Krankheit, die jeden in Columbus ansteckt, wirklich jeden. Niemand, der diese Reise antritt, wird sie überleben.«

»Ich komme mit«, wiederholte Trough.

»Nein.«

»Lass ihm seinen Willen, Sarat«, sagte Bragg. »Seit bald zehn Jahren vegetiert er hier vor sich hin und betet, dass er wieder zu seiner Familie kommt. Gib ihm, was er will, du bist seinem Bruder einen Gefallen schuldig, genau wie der Mann vom Sankt Joseph.«

»Ich bin niemandem was schuldig«, protestierte meine Tante.

Bragg seufzte und rieb sich die Schläfen. »Ich will dich etwas fragen, Sarat. Bei all den Verhören in Sugarloaf, haben sie dich da je gefragt, ob du etwas mit dem Mord an dem Yankeegeneral Weiland zu tun hattest?«

»Nein.«

»Und doch ist es das Einzige, was du wirklich getan hast. Über den ganzen anderen Kram, mit dem sie dir zugesetzt haben müssen, hattest du vermutlich nicht viel Brauchbares zu sagen. Aber zu dem einen Mann, den du tatsächlich umgebracht hast, haben sie dir keine einzige Frage gestellt. Was glaubst du, warum das so war?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete meine Tante.

»Ich kann es dir sagen. Sie haben dich nicht gefragt, weil zwei Tage nach deiner Verhaftung dieser Junge, Attic, zu den Grenzposten der Blauen in Harrogate marschiert ist und sich gestellt hat. Er hat behauptet, er hätte den General erschossen. Er hat sie dazu gebracht, ihm zu glauben – hat ihnen sämtliche Einzelheiten erzählt, die er bei uns aufgeschnappt hatte, nur mit dem einen Unterschied, dass er der Schütze gewesen sei. Jetzt sitzt auch er in Sugarloaf – an einem Ort namens Camp Sunday, wo sie die einsperren, denen sie nicht einmal den Gefallen tun, sie zu töten. Deshalb haben sie dich nie nach der einen Sache gefragt, für die du wirklich verantwortlich warst, Sarat. Deshalb bist du frei.«

»Das war seine Entscheidung«, sagte meine Tante. »Ich habe ihn nicht darum gebeten.«

»Niemand hat ihn darum gebeten, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er es getan hat. Und es ändert nichts an der Tatsache, dass du deswegen noch am Leben bist und jetzt hier sitzt.«

Bragg zeigte auf Trough. »Ich weiß, es war die Hölle, Sarat. Ich weiß, sie haben dir schreckliche Dinge angetan, und ich weiß, dass du vorher ein anderer Mensch warst. Aber diese Jungs hatten nie ein Vorher. Sie waren schon tot, bevor sie überhaupt angefangen haben zu leben. Erfüll ihm seinen Wunsch. Sorg dafür, dass er zu seinen Brüdern kommt.«

Trough stand am Tisch, die Augen blau und starr, die Miene unverändert.

»Regle das«, sagte meine Tante, »dann kannst du mitkommen.«

Trough nickte. Der letzte der Salt Lake Boys verließ den alten Backsteinbau.

Bragg erhob sich. Er ging zur Rückseite des Raums, wo die ungeöffneten Umzugskartons standen. Er wühlte eine Weile darin.

»Weißt du, ich habe mich immer gefragt, womit er dich wohl rumgekriegt hat.«

»Wer hat mich rumgekriegt?«

»Gaines, als er sich bemüht hat, dich anzuwerben. Er hatte alle möglichen Taktiken auf Lager, wenn er jemanden ins Boot holen wollte. Wenn jemand fromm war, redete er zum Beispiel davon, dass es Gottes Wille sei, dass der Süden siegt. Und wenn jemand unsicher war, erzählte er, dass in der Familie der Rebellen jeder seinen Platz hat. Aber meinem Vater hat er immer gesagt, du seist für all das zu klug. Zu neugierig und – was war das für ein Ausdruck? – zu aufsässig. Ich musste fragen, was das heißt. Er hat gesagt, wenn das Leben sie nicht für die Sache gewinnt, dann wird es niemandem gelingen.«

Als Bragg an den Tisch zurückkam, hielt er einen kleinen bronzenen Stern in der Hand. »Tja, Sarat Chestnut, ich danke Gott, dass das Leben dich für unsere Sache gewonnen hat.«

Er legte den Stern auf die Tischplatte und schob ihn zu ihr hin. Es war eine Anstecknadel, rostig und ein bisschen verbogen.

»Die hat mein Vater vor langer Zeit anfertigen lassen. Nach der alten Flagge des Südens. Wusstest du, dass sie die Sterne auf der Flagge schief gezeichnet haben? Der rechte Zacken war länger als die anderen; sie haben sich nie die Mühe gemacht, das zu korrigieren. Mein Vater hat immer davon geträumt, einmal eine richtige Rebellenarmee zu führen. Deshalb hat er diese kleinen Tapferkeitsmedaillen prägen lassen, für ›Verdienstvollen Einsatz im Kampf gegen den Feind aus dem Norden‹.«

Bragg lachte leise. »Der arme Kerl hat keine einzige davon verleihen können.«

Meine Tante nahm den Rebellenstern in die Hand. Die Nadel an der Rückseite war festgerostet und ließ sich nicht mehr öffnen.

»Wird das wirklich funktionieren, das, was du da hast?«, fragte Bragg. »Wenn du diese Waffe in Columbus einsetzt, reicht es, um alle zu töten – die Blauen, die Verräter aus dem Süden, die ganze Bande?«

»Es reicht für alle«, sagte meine Tante.

Bragg griff über den Tisch und nahm die Hand meiner Tante. »Man wird dich nicht vergessen, Sarat. Man wird dich als Heldin der Sache des Südens feiern, solange der Süden existiert. Wenn das vorbei ist, werden Städte deinen Namen tragen.«

Meine Tante zog ihre Hand weg. Sie warf den schiefen Stern auf den Boden und stand auf.

»Ich scheiße auf den Süden«, sagte sie. »Ich scheiße auf den Süden und auf alles, wofür er steht.«


***

Sie verließ Stone Mountain und fuhr in Richtung Westen, durchquerte die Hauptstadt, durchquerte ganz Georgia und kam nach Alabama. Sie kam in den Wald. Ein letztes Mal besuchte sie Albert Gaines.

Der Wald von Talladega war weniger dicht, als sie ihn in Erinnerung hatte, die Abstände zwischen den Bäumen kamen ihr größer vor. Doch der Pfad zu der Hütte war wie immer, unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt nach all den Malen, die sie hier entlanggestapft war, auf Blechdosen gezielt und Ratten gejagt hatte.

Sie wollte den alten Mann abschlachten, wie sie den Gefängniswärter, der sie ertränkt hatte, abgeschlachtet hatte.

Sie öffnete die Tür und fand Gaines schlafend auf seinem Stuhl.

Von Bragg wusste sie, dass er im Internierungslager einen Schlaganfall erlitten hatte, gleich nachdem man ihn und die anderen Werber festgenommen hatte. Sie sah den Schaden, der auf seiner rechten Gesichtshälfte geblieben war. Er saß in einem alten, verrosteten Rollstuhl, hatte einen schmutzigen Schlafanzug an, der sich an den Nähten schon auflöste. Sein Haar war weiß und schütter.

Er sah alt aus, uralt. Sein Atem strömte mit einem leisen Pfeifen aus dem offenen Mund. Jetzt verstand sie, warum keiner der letzten Rebellen hier herausgekommen war, um ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen und ihm das Futter seiner Hosentaschen in den Mund zu stopfen. Es wäre ein Akt der Gnade gewesen.

Er erwachte vom Geräusch ihrer Schritte. Als er sie sah, zuckte er zusammen, und er atmete schneller; sein Mund öffnete und schloss sich, aber er brachte keinen Ton heraus. Sie sah seine Augen flackern, huschen wie die Flammen einer Gaslampe. Einen Moment lang starrte er sie nur an, unschlüssig, aber sie wusste, dass er sie erkannte. Genau wie sie wusste, dass sie ihn immer erkennen würde. Selbst wenn sie in der Hütte nur noch einen Haufen Knochen vorgefunden hätte, hätte sie gewusst, dass er es war.

Sie blickte sich um. Ungespültes Geschirr stapelte sich auf dem Tisch und im Abwaschbecken. Auf dem Boden lagen Kleidungsstücke – nicht die feinen Anzüge von früher, sondern Unterhemden und billige Hosen aus den Sweatshops des Südens. In einer Ecke des Raums stand ein Bücherregal, doch es war leer.

Auf einem Tisch in der Nähe des Betts entdeckte sie die alte Stereoanlage aus Gaines’ Büro in Patience. Sie war der einzige Gegenstand im ganzen Raum, der nicht mit einer Staubschicht bedeckt war. Sarat schaltete das Gerät an. Das alte klassische Stück erklang: das Lied des müden Pilgers.

Sie kniete sich neben ihn. Sie ging ganz nah heran. Jetzt war er ihr fremd, dieser verlotterte, armselige alte Mann. Aber in seinem Inneren war er noch immer derselbe.

Er sah sie an. Zwischen den leise keuchenden Atemstößen flüsterte er: Meine Tochter.

Er murmelte es immer wieder: Meine Tochter, meine Tochter. Jedes Mal klang es wie ein unvollendeter Satz, als wolle er eigentlich mehr sagen, aber es kamen nur diese zwei Worte.

Und dann stockte sein Atem, und einen Augenblick lang dachte sie, er habe sie verlassen, sie ein letztes Mal für seine Zwecke missbraucht, indem er vor ihr starb.

Dann atmete er aus und mit dem Ausatmen kam das, was er die ganze Zeit hatte sagen sollen.

»Sie haben gesagt, sie tun meiner Tochter etwas an.«

Sie zog ihr Messer aus der Tasche, das Messer, das er ihr vor so vielen Jahren geschenkt hatte. Sie bog die knorrigen Finger auseinander, legte die gelbe Haut seiner Handfläche bloß. Sie schenkte ihm das Messer zurück.


––––

Ende Juni legten sich die Stürme, die Natur erwachte wieder zum Leben. Monatelang hatte meine Mutter insgeheim versucht, in den Gewächshäusern Erdbeeren zu ziehen, und plötzlich gab es die ersten Früchte. Die Pflanzen bogen sich unter dem Gewicht der faustdicken Beeren, dunkel und prallvoll mit Saft. Meine Mutter lud all ihre Freunde ein, um das jüngste Erzeugnis unserer Farm zu kosten, und alle waren sich einig, dass sie noch nie so gute Erdbeeren gegessen hatten.

An einem Abend gab es Streit zwischen meinen Eltern. Später ging mein Vater nach draußen und machte einen Spaziergang. Wenn er allein sein wollte, saß er manchmal auf dem Deich und starrte auf den Fluss und die Quarantänemauer.

Nach einer Weile kam seine Schwester aus ihrem Schuppen und setzte sich zu ihm.

Sie saßen im Licht eines kupferfarbenen Monds. Der Westwind ließ die Weidenblätter tanzen wie beschworene Schlangen. Der Fluss war in Bewegung.

»Sie will in den Norden, wenn der Friedensvertrag unterzeichnet ist«, sagte mein Vater. »Nach Pittsburgh oder ins Hinterland von New York. Sie will die Farm verkaufen und in den Norden ziehen.«

Sarat versuchte abzuschätzen, wie klar der Verstand ihres Bruders war, ob er sie wohl allein lassen würde, sich zurückziehen in seine wolkenverhangene Welt.

»Und was willst du?«, fragte sie.

»Ich will nicht hier weg.«

Das Summen von Motoren wehte über das Wasser. Irgendwo, verborgen im Dunkel, gab ein Baggerschiff behäbig dem Lauf des Flusses eine neue Gestalt.

»Ich erinnere mich an damals, in Louisiana, als wir noch Kinder waren, an den Tag, an dem Dad zum ersten Mal davon sprach, dass er in Baton Rouge eine Arbeitserlaubnis für den Norden beantragen will«, sagte meine Tante. »Ich weiß noch, wie sehr du ihn dafür gehasst hast. Immer wieder hast du Dana und mir gesagt, dass jeder, der rauf zu den Blauen will, ein Verräter ist. Einmal habe ich dich sogar dabei beobachtet, wie du eine kleine Tasche gepackt und in der Nähe deines Floßes vergraben hast, als ob du, wenn Dad wirklich versuchen würde, mit uns in den Norden zu gehen, deine Sachen packen und raus auf das Mississippimeer segeln würdest, um auf einer dieser künstlichen Inseln im Golf zu leben.«

Sie lachte leise. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um und sah, dass er lächelte, den Blick auf die Füße gerichtet.

»Daran erinnerst du dich nicht mehr, stimmt’s?«

Mein Vater schüttelte den Kopf. »Manchmal entgleitet mir einfach alles. Ich kann …« Er rieb sich die Schläfe. »Ehrlich gesagt, ich wäre glücklicher, wenn ich mich an gar nichts erinnern könnte; wenn überhaupt nichts mehr übrig wäre.«

Meine Tante schaute hinüber zu den Posten in ihren Wachtürmen am anderen Ufer des Flusses. Sie fragte sich, ob da immer noch derselbe Junge Dienst tat, der schon in ihrer Jugend die Quarantänemauer bewacht hatte. Das Einzige, was man jetzt von den Posten sah, war ein pulsierendes Licht, kleine rote Blitze im Dunkeln.

»Es ist seltsam, findest du nicht?«, sagte sie. »Was einem bleibt und was nicht, was man sich zu behalten entscheidet. Ich erinnere mich noch an die Nacht nach dem Massaker in Patience; ich hatte Dana fortgeschickt, und die Soldaten hatten dich in die Leichenhalle gebracht, weil sie dachten, du wärest tot, aber ich wollte nicht weg. Einige von den Leichen lagen noch da, man roch immer noch den Brandgeruch von den Feuern, in denen sie die Toten verbrannt hatten – aber ich wollte trotzdem bleiben. Ich wollte Mama finden, das, was noch von ihr übrig war, selbst wenn es nur ihre Asche war. Schließlich sagten die Soldaten, ich hätte zehn Minuten, um meine Sachen zu packen, danach würden sie mich fesseln und in den letzten Bus stecken. Also bin ich zum Zelt zurückgegangen; und weißt du, was ich mitgenommen habe? Ich habe Dads alte Statue eingepackt, die Jungfrau von Guadalupe; ich habe die Schildkröte geholt, die Marcus und ich gefunden hatten; ich habe ein paar alte Fotos aus Mamas Bett geholt. Keine Kleider, nichts von dem Geld, das Mama ihr Leben lang gespart hatte. Nichts, was irgendwie von Nutzen war. Nur lauter wertlosen Krempel.«

»Das war kein Krempel«, sagte mein Vater. »Es war unsere Vergangenheit.«

»Genau das war es«, sagte sie. »Es gibt eine Stelle in einem der Bücher, die Albert Gaines mir damals geliehen hat. Da stand, dass es im Süden keine Zukunft gebe, nur drei Arten von Vergangenheit – die ferne Vergangenheit der Überlieferung, die nahe Vergangenheit der Erfahrungen und die Vergangenheit, die noch kommt. Was sie da oben bei den Blauen haben – was deine Frau will und was unsere Eltern wollten – ist eine Zukunft.«

»Wenn wir in den Norden gehen«, fragte mein Vater, »kommst du dann mit?«

»Das solltest du mich nicht fragen«, antwortete meine Tante.

Ein Kriegsvogel, seine Bombenschächte längst leer, flog über sie hinweg, unsichtbar am Nachthimmel. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie zum ersten Mal nach ihrer Entlassung aus Sugarloaf wieder einen von diesen Vögeln gehört hatte – daran, wie sie sich instinktiv auf den Boden geworfen, wie sie sich die Ohren zugehalten und ausgeatmet hatte, damit nicht die Druckwelle einer Explosion ihre Lungen zum Bersten brachte. Und als sie sich später wieder aufrichtete, hatte sie sich gefragt, wie es sein konnte, dass sie, obwohl sie seit dem Tag, an dem man sie ertränkt hatte, in all ihren wachen Stunden nie auch nur einen Funken Lebenswillen gespürt hatte, in einem Augenblick, in dem sie Gefahr witterte, so schnell versucht hatte, sich zu schützen, den drohenden Tod abzuwenden. Warum machte der Gedanke an Gewalt gegen sie ihr nur Angst, wenn die Gewalt von einem anderen ausging, nicht von ihr selbst? Sie wusste die Antwort nicht.

»Ich habe eine Bitte an dich«, sagte sie zu ihrem Bruder.

»Dann raus damit«, sagte mein Vater.

»Ich möchte, dass du mir verzeihst.«

»Was soll ich dir denn verzeihen?«

»Eine schreckliche Tat«, antwortete sie. »Es ist so viel, das ich dir nehme.«

»Du hast mir nie etwas genommen, Sarat. Du hast nach Patience für mich gesorgt. Karina hat mir erzählt, wie du zurückgekehrt bist und nach mir gesucht hast, obwohl alle überzeugt waren, dass ich tot war; aber du und Dana, ihr habt nicht aufgegeben …«

»Das ist eine Lüge. Ich wollte, dass du tot bist. Als sie dich zurückgebracht haben und ich dich zum ersten Mal gesehen habe, als ich gesehen habe, wie schwer verwundet du warst, da habe ich mir gewünscht, du hättest nicht überlebt. So bin ich, Simon. Spielt jetzt keine Rolle mehr, wie ich so geworden bin, aber so bin ich. Ich will nicht, dass du mich liebst, ich will nicht, dass du mir sagst, ich hätte nichts Unrechtes getan. Ich will, dass du weißt, dass ich Unrecht getan habe, und ich will, dass du mir verzeihst. Bitte, ich flehe dich an, sag einfach, dass du mir verzeihen wirst.«

»Ich verzeihe dir«, sagte mein Vater. »Ich verzeihe dir.«

Dann ließ sie sich in die Arme ihres Bruders sinken. Und zum ersten Mal, seit sie als junges Mädchen in Patience gestanden hatte, die Hände besudelt vom Blut des ersten Menschen, den sie getötet hatte, weinte sie.

Sie sah ihren Bruder nie wieder.


***

Am nächsten Morgen erwachte ich kurz vor Tagesanbruch, aufgestört vom Geräusch unseres Autos in der Auffahrt. Im Dämmerlicht sah ich, wie meine Tante neben dem unbenutzten Gewächshaus parkte, in dem sie ihr Geheimversteck hatte. Vorsichtig öffnete ich das Fenster und spähte hinaus.

Sie machte den Kofferraum auf, dann verschwand sie mit einer Schaufel in dem Gewächshaus. Eine Zeitlang blieb alles ruhig, doch schon bald kam sie wieder heraus und wischte sich Erde von den Händen. Ich beobachtete, wie sie Dutzende von Kladden, manche mit Erde daran, aus dem Gewächshaus holte und im Kofferraum verstaute. Dann fuhr sie los. Das Tor öffnete sich, aber die Glocke schwieg.

Sie blieb den ganzen Tag weg. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages kehrte sie zurück. In der Dunkelheit hörte ich ihre schwerfälligen Schritte auf der Treppe. Meine Zimmertür öffnete sich knarrend. Es war dunkel, aber ich wusste, dass sie es war.

Sie kam zu mir herüber und kniete sich neben das Bett. Sie schaltete die Lampe an. Schon lange hatte ich ihr Gesicht nicht mehr so aus der Nähe gesehen. Ich spürte die Wärme ihres Körpers. Ich starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

»He«, sagte sie, »hast du Lust auf ein Abenteuer?«

Beim Klang dieses Worts war ich sofort hellwach. Ich nickte.

»Komm mit«, sagte sie, »aber sei leise.«

Ich sah, wie sie meine Kommodenschubladen aufzog und ein paar Sachen zum Anziehen in einen kleinen Rucksack stopfte. »Hier«, sagte sie und reichte ihn mir, »das wirst du brauchen.«

Immer noch im Schlafanzug folgte ich ihr zum Auto. Langsam fuhr sie die Auffahrt hinunter, und ich sah die Drähte aus dem Schaltkasten hängen, den sie aufgebrochen hatte, damit das Glockensignal nicht ausgelöst wurde. Wir glitten lautlos durch das Tor.

Ich fragte, wohin wir wollten, aber sie sagte, es sei eine Überraschung. Es kam mir vor, als dauere die Fahrt eine Ewigkeit, wir fuhren immer mit der aufgehenden Sonne im Rücken. Der Himmel hinter uns war blau, aber vor uns war er noch schwarz.

Schließlich schlief ich wieder ein. Als ich aufwachte, war es früher Nachmittag, und das Land ringsum kam mir fremd vor. Rechts und links von der Straße, auf der das Auto dahinraste, dehnten sich endlose braune Felder. Ich sah verfallene Motelschilder, Imbissbuden, von denen nur noch die Mauern standen.

Wir näherten uns einem Gewässer. Ich konnte es in der Ferne erkennen – ein gewaltiger brauner Fluss, träge wie Honig. Wieder fragte ich sie, wohin wir führen, aber sie antwortete nicht.

Bevor wir das Wasser erreichten, bog sie in einen kleinen Feldweg, der zwischen die Myrten eintauchte. Die Bäume hatten ihre Farbe verloren, aber der Boden war übersät mit den abgefallenen rosa Blüten der Baptisien. Wir parkten bei einem Baum, um dessen Stamm ein weißer Stoffstreifen gebunden war.

Sie stieg aus. Ich folgte ihr. Eine Zeitlang stand sie einfach nur schweigend da. Ich drängte sie, mir zu sagen, was sie vorhatte, aber sie antwortete jedes Mal nur, ich solle warten. Ich war immer noch wie elektrisiert bei dem Gedanken an ein Abenteuer.

Eine dunkle Limousine rollte langsam auf uns zu.

Aus dem Auto stiegen zwei Männer. Einer war groß und stämmig, der andere klein. Beide trugen einen Bart. Der Kleinere kam zu uns herüber und musterte mich.

»Das ist er?«, fragte er.

»Ja«, antwortete meine Tante. »Ihr wisst, was ihr zu tun habt?«

»Kein Problem«, sagte der kleine Mann. »Wird ungefähr vier Wochen dauern, bis wir ihn draußen an der Küste haben, und dann eben so lange, wie die Schmuggler brauchen, aber wir passen gut auf ihn auf, keine Sorge.«

Ich sah, wie sie dem Mann zwei Briefumschläge gab. Er machte den einen auf und zählte das Geld darin. Auf dem anderen stand mein Name, und er war zugeklebt.

»Den dürft ihr ihm erst geben, wenn er erwachsen ist«, sagte sie.

Ich wollte wissen, was das alles zu bedeuten habe.

Sie kniete sich vor mich hin und sah mir ins Gesicht. »Du musst für eine Weile mit diesen Männern wegfahren«, erklärte sie. »Sie bringen dich an einen sicheren Ort. Mach dir keine Sorgen, alles wird gut.«

»Ich will nicht mit ihnen wegfahren«, protestierte ich. »Ich will bei dir bleiben.«

»Tut mir leid, Benjamin«, antwortete sie. »Es geht nicht anders.«

Der kleinere Mann schnappte mich. Ich schrie und strampelte und trat ihm mit den Hacken gegen die Schienbeine. Ich flehte meine Tante an, mich nicht wegzulassen.

Während der kleinere Mann mich zu dem wartenden Auto trug, sah ich, wie der größere Sarat die Hand schüttelte.

»Ich wollte nur sagen, es ist mir eine große Ehre, Sie persönlich kennenzulernen, Miss Chestnut«, sagte er. »Ich habe gehört, was Sie damals in Halfway Branch getan haben. Sie sind eine wahre Patriotin des Südens.«

»Sorgt dafür, dass es ihm gutgeht, da oben«, sagte sie.

»Ja, Ma’am«, erwiderte der Mann. Er kehrte zum Wagen zurück. Wir fuhren los. Ich presste die Handflächen an die Rückscheibe, blickte zu ihr zurück, als die massige Gestalt meiner Tante nun immer kleiner wurde, bis sie schließlich ganz verschwand.

Die Männer fuhren zum Mississippi. Ich weinte, ich schrie nach meiner Mutter. Gleich als wir weit genug von dem Treffpunkt entfernt waren, drehte der kleinere Mann sich um und gab mir eine Ohrfeige.

»Ist mir scheißegal, wessen Neffe du bist«, sagte er. »Wenn du weiter hier rumschreist, polier ich dir deine verfluchte Fresse.«

Ich kauerte mich auf den Sitz, wie gelähmt. In meinem Mund der dumpfe, metallische Geschmack von Blut. Es war das erste Mal, dass mich jemand geschlagen hatte.

Die Männer warteten bis zum Einbruch der Nacht, ehe sie den Fluss überquerten, in einem alten Rebellenboot unter mondlosem Himmel.

»Willkommen im Land der Blauroten, mein Junge«, sagte der kleine Mann. »Nichts als Feiglinge und Verräter, so weit das Auge reicht.«

Wochenlang fuhren wir in Richtung Westen. Die Männer fuhren nie tagsüber, und sie nahmen auch nicht die Hauptstraßen. Die Landschaft wurde immer fremdartiger – endlose Sandflächen, aus denen hohe Tafelberge karamell- und orangefarben emporragten. Die Wüste war endlos, und überall lagen Wracks von Panzern und Flugzeugen umher, standen die Reste von improvisierten Lagern aus den Anfangstagen des Kriegs. Zu essen gab es nichts als alte Militärrationen: zu Pulver zerstoßenes Trockenfleisch und eklig süßes Aprikosengel, haltbar gemacht für die Ewigkeit.

Hin und wieder hielten wir in kleinen, heruntergekommenen Dörfern, bewacht von Soldaten in Uniformen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Die Leute sprachen eine fremde Sprache, und was auf den Schildern stand, verstand ich nicht. Manchmal richteten die Soldaten ihre Gewehre auf meine beiden Entführer und fragten, was sie im Protectorado zu suchen hätten. In solchen Fällen überlegte ich, ob ich um Hilfe rufen sollte, aber der kleinere von den Männern hatte gedroht, er werde mich umbringen, wenn ich den Mund aufmachte.

Eines Tages war die Wüste zu Ende, und wir kamen in einen trostlosen ausgedörrten Wald. Auch dieser Wald kam mir endlos vor, und es gab nicht ein einziges lebendiges Wesen. Überall nur die Spuren eines großen Brands.

Als wir den Pazifik erreichten, wusste ich längst nicht mehr, seit wie vielen Tagen oder Wochen wir unterwegs waren. Die Männer schlugen ihr Lager in der Betonruine einer halb im Wasser versunkenen Entsalzungsanlage auf. Das Geräusch der Brandung an den Mauern trieb mich im Lauf der Wochen fast zum Wahnsinn. Aus den Gesprächen der Männer erfuhr ich, dass das Schmugglerboot, das uns dort abholen sollte, gekentert war, und es würde einen ganzen Monat dauern, bis das nächste kam. Wir warteten.

Jeden Abend suchten die Männer mit einem kleinen Radio den Äther nach Nachrichten ab. Wochenlang gab es nichts, dann überschlugen sich die Meldungen über eine mysteriöse Krankheit, die sich von Columbus aus verbreite, dann herrschte wieder Stille.

Ende Oktober kam ein Schiff. Es war nur ein alter Krabbenfänger, schwer angeschlagen und denkbar ungeeignet für eine Hochseefahrt. Vom Augenblick an, in dem die Männer mich an Bord zerrten, war ich seekrank.

Die Fahrt nach Norden war lang und mühsam. Der Skipper hielt sich nah an der Küste, und die Männer fluchten immer wieder auf ihn, sahen es schon kommen, wie er mit uns auf Grund lief.


***

Dann eines Tages sah ich zum Kabinenfenster hinaus und erblickte eine fremde Stadt, deren Lichter sich funkelnd im Wasser spiegelten. Als wir uns dem Hafen näherten, sah ich die Wracks anderer Schiffe, die auf den im Wasser verborgenen Riffgürtel gelaufen waren.

»Du hast es geschafft, mein Junge«, sagte der kleinere Mann. »New Anchorage – der neutrale Staat. Willkommen zu Hause.«



Auszug aus:


Anhörung vor dem Ausschuss für Aufklärung und Wiedervereinigung, 163. Kongress


(1. Dezember 2123)

Anwesende Mitglieder:

SENATOR ELI THOMPSON (Neue Wiedervereinigungspartei – Arkansas) Vorsitzender

SENATORIN BARBARA AIKENS (Demokratische Partei – Cascadia/Oregon) Vizevorsitzende

SENATOR PETER JINDAL (Neue Wiedervereinigungspartei – Missouri)

SENATOR CLAY NORMAN (Demokratische Partei – Illinois)

SENATOR BERNARD WILLIS (Demokratische Partei – Indiana)

Zeugen:

COLONEL (i.R.) BARRET SINGER


SEN. THOMPSON:

Guten Morgen allerseits. Ich denke, wenn wir die Projektion starten, können wir einfach da fortfahren, wo wir gestern aufgehört haben. Senator Aikens?

SEN. AIKENS:

Danke, Herr Vorsitzender. Colonel, bevor wir uns wieder dem Überwachungsvideo zuwenden, hätte ich noch eine Rückfrage zu einer Bemerkung, die Sie gestern gemacht haben. Zu den beiden Soldaten, die am Grenzübergang Rossville Dienst taten – Soldat Martin Baker und … wie war doch gleich der Name des anderen?

COL. SINGER:

Bud Baker junior.

SEN. AIKENS:

Ja, genau. Vielen Dank. Sie haben gestern davon gesprochen, dass die beiden – warten Sie … wie haben Sie sich ausgedrückt … »voll unter Strom standen« und nicht unbedingt typische Grenzsoldaten waren, habe ich das richtig in Erinnerung?

COL. SINGER:

Ja, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Und was genau wollten Sie damit sagen, Colonel?

COL. SINGER:

Nun ja, es gibt junge Männer, wenn die in ein Rekrutierungsbüro reinspazieren, weiß man sofort … Was ich sagen will – wenn zu dem Zeitpunkt in dem Krieg noch gekämpft worden wäre, hätte ich die Jungs bestimmt nicht zum Wachdienst abgestellt.

SEN. WILLIS:

Es liegt doch auf der Hand, was der Colonel sagen will, Frau Senator. Die Jungs waren gemeingefährlich.

COL. SINGER:

Das trifft es ziemlich genau.

SEN. WILLIS:

Nach allem, was die beiden durchgemacht hatten, ist das nicht weiter verwunderlich.

SEN. AIKENS:

Danke, Colonel. Kehren wir zurück zu dem Video. Also, wenn ich es richtig verstanden habe, ist dies die einzige erhaltene Aufzeichnung von dem Grenzübergang am fraglichen Tag.

COL. SINGER:

Das ist alles, was wir noch haben: die Aufnahme aus der Vogelperspektive. Keine Nahaufnahme, keine Tonaufzeichnung.

SEN. AIKENS:

Dann bleiben uns also nur … ja was eigentlich? … Vermutungen? Eine Hypothese?

COL. SINGER:

Fakt ist, dass kurz vor dem Auftreten der ersten Krankheitsfälle in Columbus in der Klinik, zu der der fragliche Bus unterwegs war, die gleichen Symptome festgestellt wurden. Also gibt es Grund zu der Annahme, dass die Person, die für die Verbreitung des Virus verantwortlich war, mit diesem Bus über die Grenze gekommen ist.

SEN. AIKENS:

Aber wir haben keinen offiziellen Bericht, keine Krankenhausakten, Colonel. Wir kennen nicht einmal die Namen der Personen auf diesem Video, nur die der beiden Soldaten.

COL. SINGER:

Das ist richtig, Ma’am. Bekanntermaßen hat das Jahrzehnt der Einheitspest viele Teile dieses Landes schwer in Mitleidenschaft gezogen, und unzählige Dokumente sind verlorengegangen. Wir haben nur das, was zufällig erhalten geblieben ist.

SEN. AIKENS:

Nun gut. Starten wir das Video. Also, der Krankentransport trifft an diesem Tag gegen Mittag an dem Grenzübergang ein, richtig?

COL. SINGER:

Ja, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Und an diesem Tag gab es keine anderen Fahrzeuge oder Konvois irgendwelcher Art, die eine Einreiseerlaubnis in den Norden hatten?

COL. SINGER:

Richtig. Das war zwei Tage vor der Vereinigungsfeier. Die gesamte Grenze zum Süden war dicht.

SEN. AIKENS:

Den beiden Soldaten am Grenzübergang Rossville war also vorab bekannt, dass sie den Bus durchlassen sollten?

COL. SINGER:

Sie haben gewusst, dass das Fahrzeug eine Genehmigung hatte, aber wir hätten unsere Soldaten niemals angewiesen, ein Fahrzeug einfach passieren zu lassen. Sie wussten, dass es ihre Pflicht war, das Fahrzeug zu inspizieren und die Papiere sämtlicher Passagiere zu überprüfen. Genau wie bei jedem anderen, der aus dem Süden einreisen wollte.

SEN. AIKENS:

Können wir bitte vorspulen bis zu der Stelle, an der die Passagiere aussteigen … ja, danke. Nun, zu diesem Zeitpunkt hält sich einer der jungen Männer – Soldat Martin Baker, glaube ich – noch in der Grenzbaracke auf. Was wir hier sehen, ist also sein Bruder, Bud Baker junior, der die Passagiere anweist, sich zur individuellen Kontrolle in einer Reihe aufzustellen. Stimmt das, Colonel?

COL. SINGER:

Ja, das ist richtig. Auch das ist die übliche Vorgehensweise.

SEN. AIKENS:

Jetzt sieht man, dass Soldat Bud junior mit den ersten beiden Patienten in der Reihe vielleicht ein wenig brüsk ist, aber das Ganze dauert nur ein, zwei Minuten. Doch bei der dritten Person scheint mir ziemlich offensichtlich, dass sich sein Verhalten ändert, finden Sie nicht auch?

COL. SINGER:

Doch, das stimmt wohl.

SEN. AIKENS:

Haben Sie eine Erklärung?

COL. SINGER:

Es könnte mit der Statur der Person zusammenhängen. Man hat den Eindruck, dass es eine ziemlich angsteinflößende Frau ist, zumindest in körperlicher Hinsicht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass sie ja anscheinend um vieles jünger ist als die ersten beiden. Vielleicht hat sie ihn an jemanden erinnert, er hatte das Gefühl, dass er ihr schon einmal begegnet ist. Vielleicht war sie ihm einfach unsympathisch – rein instinktiv.

SEN. AIKENS:

Der junge Mann, der den Rollstuhl schiebt, reicht dem Soldaten also die Papiere. Und jetzt – wenn wir das Video bitte kurz anhalten –, Colonel, können Sie mir erklären, was der Soldat hier sagt?

COL. SINGER:

Er fragt sie nach ihrer Krankheit.

SEN. AIKENS:

Bei den ersten beiden Passagieren hat er das nicht getan.

COL. SINGER:

Da haben Sie recht, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Und was antwortet sie?

COL. SINGER:

Aus dieser Position kann die Kamera ihr Gesicht nicht erfassen.

SEN. AIKENS:

Aber die Folgerung liegt nahe, dass der Soldat ihr nicht glaubt, Colonel?

COL. SINGER:

Das kann ich nicht beurteilen. Wir sehen hier, dass er sie nicht passieren lässt.

SEN. AIKENS:

Offensichtlich. Er befiehlt ihr aufzustehen.

COL. SINGER:

Laut Auskunft der Lippenleser ja.

SEN. AIKENS:

Und als der junge Mann, der den Rollstuhl schiebt, Einspruch erhebt, greift der Soldat ohne Zögern zum Gewehr und befiehlt ihm, sich auf den Boden zu knien.

COL. SINGER:

Frau Senator, Sie reden hier über zwei Jungs, die gefesselt und mit verbundenen Augen dabeisitzen mussten, als ein Aufständischer aus dem Süden – der übrigens nie gefasst wurde – ihren Vater gefoltert und ermordet hat. Sie reden über zwei Jungs, die, als sie sich zur Armee meldeten, auf dem Formular ein falsches Alter angegeben haben, um an die Front zu kommen, zwei Jungs, die erst seit ein paar Wochen an diesem Posten stationiert waren. Selbstverständlich haben unsere Grenzsoldaten andere Anweisungen, wie sie Personenüberprüfungen durchführen sollen. Vielleicht ging es ihm an dem Tag nicht gut. Bedauerlicherweise werden wir das nie herausfinden, da sämtliche Personen, die in diesem Video zu sehen sind, eine Woche später tot waren.

SEN. AIKENS:

Nicht das ist es, was mich irritiert, Colonel. Wenn wir das Video bitte fortsetzen könnten … Also, er wendet sich wieder dieser Frau im Rollstuhl zu und befiehlt ihr offenkundig erneut aufzustehen. Und als sie das nicht tut, wirft er ihren Rollstuhl mit einem Fußtritt um, so dass sie neben dem knienden jungen Mann zu Boden stürzt. Jetzt richtet er das Gewehr auf die beiden, und an diesem Punkt hätte ich erwartet, dass er die beiden festnimmt, womöglich auch die anderen zehn Patienten. Wenn man das Video hier anhielte und mich fragen würde, was als Nächstes geschieht, würde ich meinen letzten Dollar verwetten, dass an diesem Tag niemand die Grenze passiert.

COL. SINGER:

Da haben Sie wohl recht.

SEN. AIKENS:

Aber dann kommt der andere Soldat, Martin Baker, aus der Grenzbaracke. Sofort drückt er das Gewehr seines Bruders nach unten und versucht, die Situation zu entschärfen. Sehe ich das richtig?

COL. SINGER:

So sieht es aus.

SEN. AIKENS:

Und dann mustert er die Papiere – die, die sein Bruder gerade überprüft hat – und sieht die junge Frau auf dem Boden und den knienden jungen Mann an. Aber er nimmt sie nicht fest, er stellt ihnen keine Fragen. Er … nun, ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass er Mitleid mit ihnen hat. Er sagt seinem Bruder, dass er sie durchlassen soll. Dass er den gesamten Konvoi durchlassen soll.

COL. SINGER:

Ja, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Wenn meine Informationen stimmen, werden anschließend sogar bei keiner der übrigen Personen die Papiere kontrolliert. Die Wachsoldaten haben sie einfach wieder einsteigen lassen und den Bus durchgewinkt. Wenn die Person, die für die Einheitspest verantwortlich war, tatsächlich irgendwo weiter hinten in der Reihe stand, dann hätte er oder sie völlig unbehelligt weiterfahren können – stimmt das?

COL. SINGER:

Ja, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Und genau das begreife ich nicht, Colonel. Da sind also zwei junge Soldaten. Beide haben eine grauenhafte Erfahrung gemacht: Sie waren Zeuge, wie ihr Vater von Aufständischen ermordet wurde. Beide stehen, um mit Ihren Worten zu sprechen, »voll unter Strom«. Und doch ist einer von ihnen anscheinend bereit, zwei von den Patienten zu erschießen, und der andere hilft ihnen auf und lässt sie alle passieren. Finden Sie das nicht, gelinde gesagt, erstaunlich?

COL. SINGER:

Ich wäre mir nicht so sicher, Ma’am.

SEN. AIKENS:

Nun, ich habe die noch erhaltenen Militärakten gelesen, Colonel, und beide wurden, obwohl sie erst wenige Wochen im Dienst waren, wiederholt gerügt, weil sie Südstaatler beim Grenzübertritt misshandelt hatten, und das zu einer Zeit, zu der kaum jemand die Grenze überquerte. Offensichtlich sind sie zum Militär gegangen, weil sie sich um jeden Preis an den Menschen rächen wollten, die sie für die Ermordung ihres Vaters verantwortlich machten. Trotzdem beschließt Soldat Matin Baker ausgerechnet an diesem Tag, Mitleid zu zeigen. Wenn sie mit ihrer Vermutung recht haben und wir in diesem Video tatsächlich die Person sehen, die diese schreckliche Krankheit über unser Land gebracht hat – können Sie sich vorstellen, wie viele Millionen Leben hätten gerettet werden können, wenn er dieses Mitleid nicht gehabt hätte?

COL. SINGER:

Keiner der beiden Jungs konnte ahnen, dass Millionen von Leben auf dem Spiel standen. Zu der Zeit herrschte an der Grenze von Tennessee seit fast einem Jahr Ruhe. Die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung standen unmittelbar bevor. Alles was die beiden an diesem Tag gesehen haben, war ein Bus voll mit kranken Menschen auf dem Weg zur Behandlung im Norden.

SEN. AIKENS:

Ein Bus voller Südstaatler.

COL. SINGER:

Mag sein, Frau Senator. Aber ich halte es nicht für unvorstellbar, dass selbst jemand, der um jeden Preis Rache üben will, unter bestimmten Umständen auch einmal zu ein wenig Nächstenliebe fähig ist.

SEN. AIKENS:

Da haben Sie recht, Colonel, unmöglich ist es wohl nicht.



16. Kapitel

Fünfmal habe ich in den ersten vier Jahren versucht zu fliehen. Ich wollte den Schmuggler, der mich hergebracht hatte, bestechen, dass er mich wieder mit zurücknahm und irgendwo an der Westküste absetzte. Als mir das nicht gelang, versuchte ich es auf dem Landweg, und nachdem die Grenzpolizei mich zum dritten Mal ins Waisenhaus zurückgebracht hatte, drohten die Beamten, sie würden mich beim nächsten Versuch erschießen, ob nun Kind oder nicht.

Ich wusste, dass meine Eltern tot waren. Aber das hinderte mich nicht daran, mir in meiner Phantasie einen tröstlicheren Ausgang auszumalen – vielleicht hatten sie ja doch überlebt, vielleicht war die Seuche nie bis zu uns nach Hause vorgedrungen, vielleicht hatte meine Tante auch für sie das getan, was sie für mich getan hatte. Ich klammerte mich an diese Vorstellungen, obwohl ich genau wusste, dass es nicht so war.


***

Mit sechzehn ging ich als Arbeiter in den Hafen von New Anchorage. Es war ein einträgliches Geschäft, wenn man mit den waghalsigen Kapitänen ausfuhr, die von den Wracks draußen auf den Riffen holten, was noch zu holen war.

An meinen freien Tagen stand ich manchmal an den Docks, von denen wir ablegten, in der Menschenmenge, die die neu ankommenden Flüchtlinge beschimpfte. Mittlerweile klang die Seuche im Landesinneren allmählich ab, und die meisten Schmuggler weigerten sich, noch weitere Überlebende in den Norden zu bringen, weil sie sich nicht zuletzt noch anstecken wollten. Aber einige betrieben immer noch Quarantäneherbergen an der kalifornischen Küste; jeder, der eine Woche lang dort durchhielt, ohne Symptome zu zeigen, galt als sicherer Passagier.

Da Fremdenfeindlichkeit nach dem Schneeballprinzip funktioniert, empfand auch ich nichts außer Verachtung für die Flüchtlinge, die einer ohnehin schon überforderten Stadt zur Last fielen. Wir standen am Hafen und brüllten, sie sollten nach Hause gehen, obwohl wir genau wussten, dass ihr Zuhause in einem Seuchengebiet lag. Wir trugen Plakate, auf denen wir sie Terroristen und Verbrecher nannten, und wir verwüsteten die Heime, die sie aufnehmen sollten. Ich fühlte mich gut dabei, fühlte mich als Einheimischer; die Tatsache, dass sie nicht dazugehörten, gab mir selbst ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Als ich an meinem achtzehnten Geburtstag abends wieder ins Wohnheim der Hafenarbeiter kam, fand ich einen Umschlag, den jemand unter der Tür durchgeschoben hatte. Das Papier darin war alt und vergilbt. Es war ein Brief.

Lieber Benjamin,

 

Es gibt Dinge, die Du wissen sollst, Dinge, die zu wissen Du ein Anrecht hast.

Als ich bei Euch zu Hause ankam, war ich leer. Mir schien, es gab nichts Gutes auf der Welt. Dann kamst Du, der Beweis, dass ich damit unrecht hatte. Die Zeit, die wir zusammen im Fluss verbracht haben, brachte mir die Erinnerung daran zurück, was es hieß, Freude zu spüren.

Ich habe Dir einmal gesagt, ein gut geheilter Knochen wird kräftiger als zuvor. Aber auch das Gegenteil trifft zu.

Ich wünschte, wir hätten uns begegnen können, als wir beide noch Kinder waren. Ich glaube, dann wären wir beste Freunde geworden. Ich wünschte, Du hättest mein altes Zuhause sehen können, unser weites, braunes Meer und das Piratenschiff, das Dein Vater aus einer Sperrholzplatte gebaut hatte. Ich wünschte, Du hättest Deine Großeltern kennengelernt; das waren gute, aufrechte Menschen, und sie hätten Dich sehr geliebt. Das gute Herz hat in unserer Familie Tradition.

Mehr als alles andere hoffe ich, dass es Dir in Deiner neuen Heimat gutgeht und dass Du, auch wenn ich Dir noch so weh getan habe, Glück im Leben findest. Ich habe Dich geliebt.

 

Sarat

30727–83161

Ich warf den Brief in einen alten Schuhkarton. Fast vierzig Jahre lang sah ich ihn nicht mehr an.


***

Zeit verging. Ich besuchte das College, ich studierte Geschichte. Es schien mir vorherbestimmt, dass ich mein Berufsleben der Erforschung des Bürgerkriegs widmen sollte. Als die Seuche vorüber war, war das Land in einem schrecklichen Zustand, und viele, sehr viele von den Quellen, die ein Historiker heranziehen kann, um das Bild der Vergangenheit wieder zusammenzusetzen, waren für immer verloren. Aber das hielt mich nicht ab, und mit verbissener Hartnäckigkeit jagte ich jedem Dokument nach, durchforschte jedes längst vergessene Archiv, hielt die Aussagen jedes Überlebenden fest. Meine Kollegen, die nichts über meine Vergangenheit wussten, fanden meine Beharrlichkeit nicht weiter ungewöhnlich; für sie gehörte es zu einem Forscherleben dazu, dass man sich an Fragen festbeißt, obwohl man weiß, dass es keine befriedigenden Antworten darauf gibt.

Eines Tages war ich auf dem Rückweg von einer Vortragsreise in Georgia. Die Passagiere gingen an Bord des Flugzeugs, doch wir standen noch eine ganze Weile auf dem Rollfeld, damit die Sonnenkollektoren auf den Tragflächen noch ein wenig Energie aufnehmen konnten. Ich blickte auf den Monitor in der Rückenlehne des Sitzes vor mir. Dort sah man auf einer Landkarte des Kontinents die geplante Flugroute und die aktuellen Koordinaten, die unseren derzeitigen Stadtpunkt bezeichneten.

Und mit einem Mal ging mir auf, was die Zahlen am Ende ihres Briefes bedeuteten.

Gleich, als ich wieder zu Hause war, wühlte ich in den Kartons in der Garage, bis ich den Brief wiedergefunden hatte. Tags darauf flog ich zurück in den Süden. Ich fuhr zu dem Ort, den die Koordinaten beschrieben.

Er lag in einem elenden Landstrich tief im Süden, nicht weit von der Küste des Floridameers. Obwohl die Klimaanlage des Autos auf höchster Stufe lief, war die Hitze kaum zu ertragen. Ich kam vorbei an staubigen Farmen und Barackensiedlungen, an Orten, die von der Armut der Nachkriegszeit gezeichnet waren und an denen hie und da noch immer die Flagge mit den drei Sternen schlaff an der Fahnenstange vor einem Wohnwagen hing – beredte Zeichen davon, dass in großen Teilen des Südens der Krieg zwar aufgehört hatte, aber niemals zu Ende gegangen war.

Ich gelangte zu einem kleinen Farmhaus, nur ohne Farm: keine Landwirtschaft, nur mit einem Stück verdorrter Erde davor und der ausgetrockneten Fläche eines Sees dahinter. Auf der Veranda sah ich einen Mann, der Sand aus der Dachrinne entfernte. Er war jünger als ich, da war ich mir sicher, aber in den Jahren in gnadenloser Sonne war seine Haut stark gealtert.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er, als ich ausgestiegen war und die Auffahrt heraufkam.

»Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht so recht«, sagte ich. »Ich habe … man hat mir Anweisungen gegeben. Koordinaten. Aber ich weiß nicht – wenn Sie mir die Frage gestatten: Leben Sie schon lange hier? Ich meine, waren Sie schon hier, bevor die Seuche kam?«

Seine heitere Gelassenheit schlug plötzlich in Misstrauen um, und ich bereute, dass ich die Einheitspest in einem Teil des Landes erwähnt hatte, in dem wütende junge Männer noch immer Shirts mit der stilisierten Silhouette von Julia Templestowe tragen.

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Benjamin Chestnut.«

»Ja, verflucht nochmal«, sagte er. »All die Jahre habe ich gedacht, Mama ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Kommen Sie rein, kommen Sie rein.«

Er führte mich ins Haus. Im Wohnzimmer saß eine alte Frau auf einer schäbigen Couch und hörte sich alte Liebeslieder an. Sie war dünn und zerbrechlich, hatte einen Rollstuhl bei sich stehen.

»Mama, du hast Besuch«, sagte der Mann. »Das ist der, von dem du all die Jahre gesprochen hast. Das ist Benjamin Chestnut.«

Einen Augenblick lang schaute sie mich an, als sähe sie ein Gespenst. Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass ich den Tag noch erlebe«, sagte sie.

Die alte Frau schickte ihren Sohn los, uns etwas zu trinken zu holen, und mich forderte sie auf, mich zu ihr auf die Couch zu setzen. Sie berührte mein Gesicht, als seien wir alte Bekannte. Aber ich hatte keine Ahnung, wer sie war.

»Es ist da«, sagte sie. »Ich kann es sehen. Es ist nicht viel, aber du hast Ähnlichkeit mit ihr.«

»Ich will Sie nicht belügen«, sagte ich. »Ich weiß nicht, wer Sie sind, und ich weiß nicht, weswegen ich hier bin.«

Sie lachte. »Ich denke mir, genau so hat sie es sich vorgestellt.«

Die alte Frau gab mir die Hand. »Ich heiße Layla Denomme«, sagte sie. »Ich habe deine Tante Sarat gekannt, vor sehr, sehr langer Zeit. Sie kam öfters in die Bar meiner Mutter, die auch Layla hieß, im alten Hafen von Augusta; damals warst du noch gar nicht auf der Welt.«

Ihr Sohn kehrte mit einem Krug Limonade zurück. »Tut mir leid, dass ich dir die ganzen Jahre nicht geglaubt habe, Mama«, sagte er. »Da hast du also doch recht gehabt.«

Sie scheuchte ihn weg. »Komm«, sagte sie zu mir, »ich zeig dir, weswegen du hier bist.«

Ihr Sohn wollte ihr helfen, aber sie schickte ihn wieder nach draußen, die Dachrinne reinigen. Sie nahm einen Gehstock von ihrem Rollstuhl und gab mir zu verstehen, dass ich ihr durch die Hintertür nach draußen folgen solle.

Dort lag der Zugang zu einem unterirdischen Hurrikan-Schutzraum. Die hölzerne Tür war einmal rot gestrichen gewesen, doch die Farbe war jetzt ganz abgeblättert. Ein Vorhängeschloss sicherte die Tür. Die alte Frau trug eine Halskette, und daran hing der Schlüssel. Sie reichte ihn mir.

»Ja, dann los«, sagte sie. »Sie gehören jetzt dir. Sie hat sie dir vermacht.«

Ich öffnete die Tür. Licht flutete in den Schutzbunker. Ich sah die alten Kladden, die Notizbücher meiner Tante, sorgsam aufgestapelt auf dem Boden.

»Es sind insgesamt zwei Dutzend«, sagte die alte Frau. »Ich habe ihr mein Wort gegeben, dass ich immer gut auf sie aufpasse und dass ich sie niemals lese. Und in beidem habe ich mein Wort gehalten.«

Ich starrte die Kladden an. Ich sah es wieder vor mir, wie sie, noch mit Erde daran, im Kofferraum unseres Autos gelegen hatten, und mir schwindelte. Mir war übel, ich fürchtete, dass ich mich da in dem Keller würde übergeben müssen.

»All die Jahre haben Sie sie aufbewahrt«, sagte ich.

»Ja, das habe ich«, erwiderte die alte Frau.

»Aber wieso? Wieso haben Sie ihr geholfen, und das über so lange Zeit?«

»Wieso?«, fragte sie verblüfft. »Weil es das Richtige war.« Sie lachte leise. »Sarat hat mir erzählt, dass du ein süßer Junge bist, Benjamin. Aber du musst verstehen, dass es in diesem Teil der Welt bei Richtig oder Falsch nicht darum geht, wer Sieger bleibt oder wer wen tötet. In diesem Teil der Welt geht es bei Richtig oder Falsch nicht einmal um Richtig oder Falsch. Hier geht es nur darum, was man für die eigenen Leute tut.«

Sie zeigte nach Westen zum Ende des Grundstücks, wo ein paar Bretterbuden und eingestürzte Ställe verloren in der leblosen Landschaft standen. Staub kräuselte sich wie Schreibschrift in der strahlenden Sonne.

»Weißt du, drei von den Delegierten, die Georgia zu der Wiedervereinigungsfeier entsandt hat, kamen hier aus der Gegend«, sagte sie. »Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr war die halbe Stadt krank. Deshalb gibt es heute hier so gut wie überhaupt nichts mehr; die Seuche hat bei uns mehr Menschen getötet als praktisch überall sonst im Süden, mit Ausnahme von Atlanta.«

Sie klopfte mit ihrem Stock gegen die Tür des Schutzraums. »In dem kleinen Loch hier haben wir gehaust, Billys Vater und ich, achtzehn Monate lang«, sagte sie. »Wir haben uns von Konserven ernährt, und als Klo hatten wir einen Eimer, den wir einmal pro Woche tief in der Nacht draußen ausgeleert haben. Fast zwei Jahre lang ist das so gegangen, bis am Ende so viele tot waren, dass die Krankheit sich nicht mehr weiter ausbreiten konnte.«

»Meine Güte«, sagte ich. »Das muss die Hölle gewesen sein.«

»Kann man wohl sagen«, antwortete die alte Frau. »Und wir waren die einzigen Überlebenden hier, weil wir als Einzige in den drei Städten ringsum sämtliche Läden abgeklappert und alles aufgekauft hatten, was an Dosenbohnen und Wasser in Flaschen zu haben war. Wir wussten ja, was kommt.«

Ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff.

»Selbst ein grausamer Gefallen ist immer noch ein Gefallen«, erklärte die alte Frau, »und was ich verspreche, das halte ich. Aber jetzt musst du mich von dieser Last befreien. Eine Frau kann nicht in Frieden sterben, wenn sie ein so großes Geheimnis hüten muss.«


***

Für den Winter mietete ich mir eine kleine Hütte in Nelchina, direkt am See. Dort las ich Sarats Aufzeichnungen, und dort habe ich dies hier geschrieben.

In dem Winter erfuhr ich von dem Ort, von dem die Chestnuts ursprünglich kamen. Ich erfuhr, wie meine Großmutter mit meinem Vater und meinen Tanten von zu Hause geflohen war. Ich erfuhr, was die schwarzgekleideten Frauen gemeint hatten, als sie sagten, mein Vater sei durch Patience geläutert worden.

Und ich erfuhr, was man ihr angetan und was sie selbst getan hatte. In Patience, in Halfway, in dem Gefängnis mitten im Floridameer. Ich erfuhr von dem Tag, an dem sie ertränkt wurde, und dem Tag, an dem der geheimnisvolle Fremde auf unserer Farm auftauchte und ihr ein Mittel anbot, mit dem sie es ihnen heimzahlen konnte.

Als ich mit Lesen fertig war, gab es keine Ausflucht mehr, nichts zu beschönigen. Die Kladden erzählten die nackte Wahrheit: Sie war keine Mitwisserin, keine Komplizin. Sie selbst hatte es getan.

Das war der letzte Akt der Feigheit, so viele Jahrzehnte später: Sie zwang mich, sie zu verstehen, zwang mich, zu entscheiden, wie ich mit dem Geheimnis umgehen sollte.

Also traf ich eine Entscheidung.

An dem Tag, an dem ich alles herausgefunden hatte, was es aus diesen Aufzeichnungen herauszufinden gab, errichtete ich einen Scheiterhaufen aus den Kladden und zündete sie an. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich sie für eine unverschämt hohe Summe an einen der vielen reichen Geschichtsliebhaber verkaufen können, die Erinnerungsstücke aus dem Bürgerkrieg sammeln. Ich hätte sie anonym einem Museum oder dem Projekt Bürgerkriegsarchiv stiften können oder dem Ausschuss für Aufklärung und Wiedervereinigung. Aber ich musste sie verbrennen, es gab keine andere Möglichkeit. Es war der einzige Weg, den ich noch hatte, um ihr weh zu tun.


***

Jetzt ist sie fast ganz aus meinem Leben verschwunden. Ich bin älter, als sie jemals war, älter, als mein Vater und meine Mutter je wurden. Aber manchmal versuche ich immer noch, mir auszumalen, was sie wohl gesehen hat, in den Tagen nachdem sie mich fortgegeben hatte und als sie schließlich ins Land der Blauen kam.

Auf dem Weg nach Columbus muss sie auf dem großen Sunbelt Highway gefahren sein, auf einer Straße, die im Licht glitzerte wie mit Diamanten übersät – vorbei an den Metropolen, in denen die Kinder und Enkelkinder der ursprünglichen Binnenwanderer lebten. Sie muss die riesigen Plakatwände zur Feier der Wiedervereinigung gesehen haben, einige davon mit Graffiti besprüht: KAR – Kill All the Red – in riesigen blauen Lettern, das Werk aufgebrachter Nordstaatler, die selbst jetzt noch fanden, der Süden sei zu billig davongekommen.

Ich stelle sie mir in der Menschenmenge bei den Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung vor, sehe es vor mir, wie sie in ihrem Rollstuhl schweigend an den Ort der großen Parade fährt und ihr massiger Körper dabei das Gift verströmt. Die Menge wird ihr Platz gemacht haben – sie müssen ihre Folternarben und ihren kahlgeschorenen Kopf, ihren gebeugten Rücken gesehen, müssen Mitleid mit ihr gehabt haben.

Ich erinnere mich, wie sie einmal, als wir im Savannah schwammen, versuchte, unter Wasser die Luft anzuhalten. Ich saß am Ufer und zählte, so gut es ging, die Sekunden. Ich dachte, bei ihrer Körpergröße könne sie eine Ewigkeit unter Wasser bleiben. Aber ihre Lunge war schwach, und sie tauchte rasch wieder auf.

Als sie die Luft in sich einsog, sah ich auf ihrem Gesicht etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte: einen Ausdruck der Erleichterung, als hätte sie nicht Sekunden ohne Luft zugebracht, sondern ein ganzes Leben, und als sei sie jetzt endlich frei.

Manchmal frage ich mich, ob sie genau das gefühlt hat, als sie das Gift zu sich nahm und sich bereitmachte, mit dem Rollstuhl zum Platz der Wiedervereinigung zu fahren – ein tiefes Aufatmen, das Gegenteil von Ertrinken.


––––

Es gibt nur eine einzige Seite aus Sarat Chestnuts Aufzeichnungen, die ich nicht verbrannt habe. Es ist die erste Seite aus dem ersten Heft. Ich habe sie immer in meiner Brieftasche bei mir, und immer wieder einmal lese ich die ersten Zeilen.

Als ich jung war, lebte ich mit meinen Eltern, mit meinem Bruder und meiner Schwester in einem kleinen Haus am Mississippimeer.

Damals war ich glücklich.



Danksagung

Ich schulde Anna Mehler Paperny, Anne McDermid und Sonny Mehta so großen Dank, dass ich es nie wiedergutmachen kann. Ohne sie hätte es dieses Buch nicht gegeben.

Für ihre Unterstützung in den zwei Jahren, die ich am Abschluss dieses Romans gearbeitet habe, und mehr noch für ihre Freundschaft danke ich Donald Richardson, Wesley Fok, Carolyn Smart, Daniel Dagris, Martin Lendahls, Missy Ladygo und Isaac Pendergrass.

Bei Knopf haben Edward Kastenmeier, Tim O’Connell und Andrew Ridker mit viel Geduld und Sorgfalt das Lektorat dieses Buches betreut. Die Arbeit mit ihnen hat mich zu einem besseren Schriftsteller gemacht. Dank auch an Suzanne Smith, Leslie Levine und Nicholas Latimer für ihre Freundlichkeit, ihr Können und ihre Begeisterung.

Und ich danke meiner Mutter Nivin, dem tapfersten, liebsten Menschen, den ich kenne. Was immer ich an Mut besitze, habe ich von ihr, was immer ich an Güte besitze, habe ich von ihr.

Und ich danke Theresa, immer, und für so unendlich viel.



Anmerkungen der Übersetzer

Die Golden Bulls und die Double Stars sind chinesische Basketballclubs; Al Ahly ist ein Sportclub in Kairo; die Reederei Cosco und das Energieunternehmen Sinopec sind chinesische Firmen; die Telekommunikationsfirma Orascom ist ägyptisch. Kingway-Bier stammt aus China, ebenso wie das Sturmgewehr Typ 95 und die QBU.

Uffzeh (im Original Yuffsi) steht für UFC, »Ultimate Fighting Championship«. Die zitierten Popsongs sind historisch, sämtliche Schauplätze sind reale Orte der Vereinigten Staaten.

Nehemia 4, 14 lautet: »Und ich besah es und machte mich auf und sprach zu den Ratsherren und Obersten und dem andern Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenkt an den großen, schrecklichen HERRN und streitet für eure Brüder, Söhne, Töchter, Weiber und Häuser!«




Über Omar El Akkad

Omar El Akkad war Kind, als seine Eltern Ägypten verließen und nach Kanada auswanderten. Der Journalist reist rund um die Welt, um über den Krieg in Afghanistan, die Prozesse in Guantanamo, die Black Lives Matter Bewegung in Ferguson zu berichten. Omar El Akkad lebt mit seiner Familie in Portland, Oregon. 'American War' ist sein erster Roman.


Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de




Über dieses Buch

»American War« - das Buch der Stunde. »Ein gewaltiger Roman«, schreibt die renommierteste Literaturkritikerin der USA, Michiko Kakutani. Ein Roman über den nächsten amerikanischen Bürgerkrieg und das dramatische Schicksal einer Familie. Was wird, wenn die erschütternde Realität der Gegenwart - Drohnenangriffe, Folter, Selbstmordattentate und die Folgen von Umweltkatastrophen - mit aller Gewalt in die USA zurückkehrt? Vor diesem Hintergrund entfaltet Omar El Akkad mit großer erzählerischer Kraft den dramatischen Kampf der jungen Sarat Chestnut, die beschließt, mit allen Mitteln für das Überleben zu kämpfen. »American War« ist in den USA ein literarisches Ereignis, das schon jetzt mit Cormac McCarthy »Die Straße« und Philip Roth »Verschwörung gegen Amerika« verglichen wird.




Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books


Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

›American War‹ bei Alfred A. Knopf, 2017

© Omar El Akkad, 2017


Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114,

D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: KOSMOS, Büro für visuelle Kommunikation


Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490517-4

American War. Roman

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